Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Rothschild´sches Damenheim – ein Wohnprojekt für bedürftige Frankfurter Seniorinnen aller Konfessionen in Eschersheim

Noch kurz vor ihrem Tod verwirklichte die Frankfurter jüdische Stifterin Minka von Goldschmidt-Rothschild die Zedaka (jüdisches Gebot der sozialen Gerechtigkeit durch Wohltätigkeit), als sie 1903 die Errichtung eines größeren Mietkomplexes für materiell benachteiligte verwitwete oder ledige Frauen aller Konfessionen in die Wege leitete. Um das umfangreiche soziale Wohnprojekt kümmerten sich ihre Mutter Mathilde von Rothschild und ihre nach Paris verheiratete Schwester Adelheid de Rothschild, ebenso Minkas Ehemann Max von Goldschmidt-Rothschild und die gemeinsame Tochter Lili Schey von Koromla.

Gemälde: Minka von Goldschmidt-Rothschild (Fotografie von einem Gemälde, undatiert).
Minka von Goldschmidt-Rothschild (Fotografie von einem Gemälde, undatiert) – © Courtesy of the Leo Baeck Institute (Paul Arnsberg Collection)

Das ‚Damenheim‘ der Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild’schen Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke, Hügelstraße 142-146

Fotografie:Rothschild´sches Damenheim, Frontansicht, 17.04.2013.
Rothschild´sches Damenheim, Frontansicht, 17.04.2013 © Edgar Bönisch

Auch in Frankfurt am Main nahm der soziale Wohnungsbau erst in den 1920er Jahren Fahrt auf. Zuvor hatten insbesondere alleinstehende ältere Frankfurterinnen mit geringem Einkommen große Schwierigkeiten, ein günstiges und zugleich angemessenes Zuhause zu finden. Ihre Präsenz in der Mieterrechtsbewegung des Deutschen Kaiserreichs war in der Regel gering, was sie erhöhten Mietforderungen, fristlosen Kündigungen und den Schikanen mancher Vermieter/innen preisgab. Für diese Nöte hatten die Stifterinnen der Frankfurter Bankiersfamilie Rothschild, obwohl selbst im Wohlstand aufgewachsen, ein offenes Ohr: 1902 gründete Minka von Goldschmidt-Rothschild zum Andenken an ihren verstorbenen Vater die Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild’sche Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke u.a. mit dem Ziel, bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Frankfurter Bürgerinnen zu schaffen. Das Stiftungsstatut hat sie am 29. Oktober 1902 unterzeichnet und wohl auch selbst in großen Teilen formuliert: „Als Wahrzeichen der pietätvollen Erinnerung, welche ich, Frau Max Goldschmidt, geborene Freiin von Rothschild, der Stadt, in welcher das Stammhaus meiner Familie steht, immer bewahre, habe ich mich entschlossen, zum Andenken an meinen seligen Vater, Herrn Wilhelm Carl Freiherrn von Rothschild, eine Stiftung zu machen, welche dieser Gesinnung äusseren Ausdruck zu verleihen bestimmt ist. Um für diese Stiftung die Rechte einer juristischen Person zu erlangen, habe ich das nachstehende Statut festgestellt“ (zit. n. Statut Rothschild´sches Damenheim 1904, S. 1, Hervorhebung B.S.).

Ein erheblicher Teil der umfangreichen Stiftung galt dem Erwerb oder Neubau von Wohnhäusern mit preisgünstigen abgeschlossenen Kleinwohnungen für jüdische wie nichtjüdische „minderbegüterte Frauen oder Mädchen des Mittelstandes“ (ebd. S. 2). Ebenso war der Stiftungsvorstand „ohne Unterschied der Konfession“ (ebd., S. 4) zu besetzen, als dessen anfängliche Mitglieder Oberbürgermeister Dr. Adickes, Sanitätsrat Dr. de Bary, Leopold Hirschler, Sanitätsrat Dr. Marcus und Stadtrat Dr. Woell genannt wurden. Im Jahre 1910, sieben Jahre nach Minka von Goldschmidt-Rothschilds frühem Tod, war das Anliegen der Stifterin erfüllt und im Stadtteil Eschersheim in der Hügelstraße 142-146 ein großer Gebäudekomplex errichtet; zu der Liegenschaft des Damenheims gehörten die Häuser Fontanestraße 1-3 und Klaus-Groth-Straße 81-83. Entstanden war ein interkonfessionelles Wohnheim für nicht pflegebedürftige alleinstehende Seniorinnen, das zugleich die Funktion eines Kleinrentnerhauses erfüllte.

1911 konnte der Gebäudekomplex mit 23 unmöblierten Ein- und 12 Zweizimmerwohnungen, ausgestattet mit Mansarden, Keller, Küche, anfänglich einem Speisesaal sowie der Wohnung des Verwalters, bezogen werden (vgl. ISG Ffm, Magistratsakten V / 538 Bd. 3). Von den Mieterinnen, vorwiegend Witwen früherer Angehöriger des Mittelstands, ältere ledige Lehrerinnen und Sozialrentnerinnen, nutzten nicht wenige die in der Stadt angebotenen freien Mittagstische. Nach dem Ersten Weltkrieg traf die Inflation auch das Rothschild´sche Wohnprojekt (vgl. Meyerhof-Hildeck 1923), doch bot es seinen Bewohnerinnen weiterhin ein zuverlässiges Obdach, während in der Krisenzeit unter den auf sich selbst gestellten älteren Privatmieterinnen und -mietern die Furcht vor dem Verlust der eigenen vier Wände und ihrer Unabhängigkeit durch die Einweisung in ein Altersheim wuchs. Zu Beginn der 1920er Jahre stellte sich die Professorengattin Marie Wachsmuth dem Damenheim als ehrenamtliche Fürsorgerin und Kontaktperson zum Frankfurter Wohlfahrtsamt zur Verfügung. In dessen Akten (vgl. ISG Ffm: Wohlfahrtsamt Sign. 326) sind die Namen und Daten mancher Bewohnerin verzeichnet, etwa von Marie Demuth (geb. 1855 in Frankfurt/M.), Wilhelmine Schwarz (geb. 1854 in Frankfurt/M.), die aus ihrem früheren Dienstverhältnis eine Leibrente bezog, und die ebenfalls als bedürftig eingestufte Margarete Stolzenhain [Margarethe Stolzenhayn] (geb. 1865 in Berlin). Einen Hinweis auf jüdische Mieterinnen im Damenheim enthält das Jüdische Gemeindeblatt für Frankfurt am Main, das 1938 in seiner April-Ausgabe (S. 22) den 70. Geburtstag des jüdischen Gemeindemitglieds Rosette Goldschmidt, wohnhaft in der Hügelstraße 144, meldete. Gewiss musste die gebürtige Frankfurterin im Zuge des am 30. April 1939 erlassenen antisemitischen NS-„Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden“, das den Kündigungsschutz aufhob und die räumliche Trennung von den nichtjüdischen Nachbarn forcierte, aus dem größtenteils nichtjüdisch belegten Mietshaus ausziehen. Rosette Goldschmidts letzte Adresse war das Jüdische Altersheim Niedenau 25 (Sammellager). Von dort wurde die 74jährige Rentnerin am 18. August 1942 nach Theresienstadt und am 23. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert (vgl. JM Ffm: Datenbank).

Die Nationalsozialisten wollten jede Erinnerung an das umfangreiche philanthropische Engagement der Frankfurter jüdischen Stifterfamilie Rothschild auslöschen, weshalb sie die Trägerin des Heims 1939 in „Stiftung für mildtätige Zwecke (Wohnhilfe-Stiftung)“ umbenannten. 1940 ‚erwarb‘ die Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen den Gebäudekomplex, der vier Jahre nach dem Ende des NS-Regimes an die rechtmäßige Eigentümerfamilie zurückerstattet wurde (vgl. Lenarz 2003). Hierauf folgte 1950 die Wiedererrichtung der Stiftung als ‚Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild’sche Stiftung für mildtätige Zwecke‘. Ganz im Sinne der Initiatorin Minka von Goldschmidt-Rothschild kommt das soziale Wohnprojekt bis heute bedürftigen Rentnerinnen zugute – und es ist, wie uns eine betagte Mieterin (sie stammt aus Odessa/Ukraine) mitteilte, ein ‚Damenheim‘ geblieben.

Birgit Seemann, 2013

 

Unveröffentlichte Quellen


ISG Ffm: Magistratsakten V / 538 Bde 1-3.

ISG Ffm: Wohlfahrtsamt Sign. 326.

Ausgewählte Literatur


Meyerhof-Hildeck, Leonie 1923: Das Damenstift in Eschersheim. In: Frankfurter Zeitung, 03.08.1923. Online-Ausg. Frankfurt/M.: Univ-Bibliothek: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/rothschild/image/view/4295220?w=1000.

Schiebler, Gerhard 1994: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargest. v. Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen, S. 11-288.

Statut Rothschild´sches Damenheim 1904: Statut der Wilhelm Carl von Rothschild´schen Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke zu Frankfurt a.M. Frankfurt/M.: Druck v. Voigt & Gleiber.

Internetquellen (Aufruf aller Links im Beitrag am 29.04.2013)


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (mit Datenbank): www.stadtgeschichte-ffm.de sowie http://www.ffmhist.de/

JM Ffm: Jüdisches Museum und Museum Judengasse Frankfurt am Main (mit der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz): www.juedischesmuseum.de.

Rothschild´sches Altersheim – ein Wohnprojekt für Frankfurter jüdische Seniorinnen im Zeil-Palais

In den Jahren 1902 und 1903 legten die Stifterinnen Mathilde von Rothschild und Minka von Goldschmidt-Rothschild den finanziellen und rechtlichen Grundstein für zwei Alterswohnheime, die den Bedürfnissen alleinstehender älterer Frankfurterinnen entsprachen. Diese ‚Frauenprojekte‘ betrafen unterschiedliche Zielgruppen: Die Witwe Mathilde von Rothschild, dem konservativ-religiösen Zweig der Frankfurter Rothschilds verpflichtet, öffnete ihr vormaliges Wohnpalais in der Innenstadt frommen Glaubensgenossinnen gutbürgerlicher Herkunft, die wie sie selbst zumeist alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familien entstammten. Ihre Tochter Minka gründete das Rothschild´sche Damenheim für einkommensschwache ältere Mieterinnen aller Konfessionen. Für beide Projekte sorgte als dritte Stifterin Minkas nach Paris verheiratete Schwester Adelheid de Rothschild. Die Stiftungen widmeten Mathilde von Rothschild und ihre Töchter dem Andenken an den verstorbenen Ehemann und Vater Wilhelm Carl von Rothschild.

Fotografie: Hannah Mathilde von Rothschild, Frankfurter Stifterin, ohne Jahr.
Hannah Mathilde von Rothschild, Frankfurter Stifterin, ohne Jahr – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Das Freiherrlich Wilhelm u. Freifrau Mathilde von Rothschild’sches Altersheim für Israelitische Frauen und Jungfrauen besserer Stände, Zeil 92

Mathilde und Wilhelm von Rothschild wohnten nach ihrer Heirat im Jahre 1849 zunächst im Familienpalais auf der damaligen Prachtstraße Zeil 92 (alte Hausnummer: 34), bezogen dann aber ein neues Palais im Grüneburgpark. Aus dem Rothschild-Palais auf der Zeil, „[…] in welchem der hochselige Freiherr Anselm von Rothschild sein frommes Leben vollbracht und der hochselige Freiherr Wilhelm von Rothschild viele Jahre hindurch seinen frommen Studien obgelegen hat“ (zit. n. Statut Rothschild´sches Altersheim 1907, S. 3) wurde ein jüdisches Frauenaltersheim. Die Stiftung errichtete Mathilde von Rothschild unter Mitwirkung ihrer Töchter Adelheid de Rothschild und Minka von Goldschmidt-Rothschild am 27. März 1903, letztere verstarb kurz vor der bereits am 13. Mai 1903 erteilten behördlichen Genehmigung. Das im gleichen Jahr eröffnete Heim, zu dem auch das Haus Liebigstraße 24 gehörte, bot 25 Plätze. „Zweck der Stiftung war die Gewährung eines gesicherten Heimes gegen eine die Selbstkosten nicht übersteigende Vergütung für alleinstehende israelitische Frauen besserer Stände mit makellosem Lebenswandel“ (Schiebler 1994: 119). Wie die Stifterinnen selbst stammten die meisten Bewohnerinnen aus alteingesessenen jüdischen Familien der Frankfurter Ghettozeit.

Trotz ihrer Tatkraft und ihres organisatorischen Talents gehörte Mathilde von Rothschild (möglicherweise eingeschränkt durch das erst am 15. Mai 1908 aufgehobene Preußische Vereinsgesetz, das Frauen seit 1850 die Mitgliedschaft in Parteien und Organisationen verbot) dem ausschließlich männlich besetzten Stiftungsvorstand nicht an. Sie sicherte sich aber als Ehrenpräsidentin weitreichende Befugnisse, etwa die letzte Entscheidung in Vereinsfragen und die Bestimmung ihrer Nachfolge, sollte doch laut Statut „ein Mitglied der Familie des Freiherrn Wilhelm Carl von Rothschild stets das Ehrenpräsidium der Stiftung führen, wobei die weiblichen Mitglieder stets den Vorzug vor den männlichen Mitgliedern haben sollten“ (zit. n. Statut Rothschild´sches Altersheim, S. 7). Die verwitwete Gründerin, wie die Bewohnerinnen alleinstehend, nahm dort nach Eröffnung des Altersheims wieder ihren Wohnsitz: „Freifrau Mathilde von Rothschild hat sich für ihre Person vorbehalten, die drei Zimmer nach der Vorderseite des Parterres, das Hinterhaus sowie eine Kellerabteilung für sich zu verwenden“ (ebd., S. 6). Aufgrund der dürftigen Quellenlage ist nicht überliefert, wie sich die Kommunikation zwischen der Stifterin und den Bewohnerinnen gestaltete; auch über das Personal und die Innenausstattung ist wenig bekannt. Dass sich die Seniorinnen im Rothschild´schen Zeil-Palais gut aufgehoben fühlten, dokumentiert eine Notiz in der Dezember-Ausgabe 1933 (Heft 4) des Frankfurter Jüdischen Gemeindeblatts (S. 152): „Am 1. Dezember konnte Fräulein Adelheid Stiebel […] in Gesundheit und geistiger Frische ihren 80. Geburtstag begehen.“ Seit 1930 lebte die Witwe Johanna Herzberg, deren Töchter außerhalb Frankfurts wohnten, im Rothschild´schen Altersheim. Eine weitere Bewohnerin, Karoline Bing, konnte 1939 aus Nazideutschland flüchten.

Wenig zu erfahren ist bislang auch über die Angestellten des Rothschild´schen Altersheims, zu denen etwa die dort 1936/37 tätige Köchin Judith Allmeyer zählte. Seit 1917 arbeitete Jenny Hahn (geb. 1898), Tochter eines Viehhändlers im hessischen Birstein, im Seniorinnenheim. Ihre Biographie verband sich mit der Geschichte der Institution, in der sie selbst wohnte und deren Verwalterin sie 1930 wurde. Nachdem ihr Emigrationsversuch 1939 wegen des Kriegsbeginns gescheitert war, hatte sie diese Leitungsfunktion bis zur nationalsozialistischen Zwangsauflösung des Heims inne. Jenny Hahn wurde am 24. September 1942 von Frankfurt nach Raasiku (Estland) deportiert und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet. An ihrem langjährigen Wirkungsort Zeil 92 verlegte der Künstler Gunter Demnig auf Initiative ihrer Nichte Marianne Ockenga am 4. Juni 2011 einen „Stolperstein“ (vgl. http://www.stolpersteine-frankfurt.de/dokumentation.html, mit Foto von Jenny Hahn, aufgerufen am 29.04.2013). Nach dem Tod ihrer Mutter Mathilde im Jahre 1924 unterstützte ihre einzige noch lebende Tochter Adelheid de Rothschild die jüdische Seniorinnenresidenz im ehemaligen Frankfurter Familienpalais von Paris aus und half ihr durch die wirtschaftliche Krisenzeit, u.a. leistete sie eine Großspende von 500.000 Reichsmark. Als die getreue Stifterin 1935 starb, kümmerten sich ihre drei Kinder und Erben Miriam Caroline Alexandrine von Goldschmidt-Rothschild, Maurice Edmond Karl de Rothschild (beide Paris) und James Armand Edmond de Rothschild (London) um den Fortbestand des Altersheims in der NS-Zeit. Über dessen Geschicke ließen sie sich regelmäßig Bericht erstatten. Dem Stiftungsvorstand gehörten 1938 Dr. Salomon Goldschmidt, Leon Mainz, Manfred Schames, Moritz Wallerstein und Max Wimpfheimer an, im Oktober 1939 Ludwig Hainebach, Leon Mainz, Martin Moses, Moritz Wallerstein (inzwischen Amsterdam) und Gustav Zuntz (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten Sign. 9.621). Am 27. September 1940 wurde das Rothschild´sche Altersheim in die von den NS-Behörden eingerichtete Reichsvereinigung der deutschen Juden zwangseingegliedert.

Die Räumung des Rothschild´schen Altersheims erfolgte laut Bericht des Gestapo-Beauftragten bei der Jüdischen Wohlfahrt, Ernst Holland, zwischen dem 1. Juli und dem 30. September 1941. „Die Insassen wurden in verschiedene Altersheime verlegt, überwiegend in das Pflegheim des Jüdischen Krankenhauses […]. Um die Belegungsmöglichkeiten in diesem zu erhöhen, wurde der Betsaal geschlossen und zur Benutzung als Schlafraum eingerichtet“ (zit. n. Andernacht/ Sterling 1963: 471). Die Verwalterin Jenny Hahn begleitete die gebrechlichen Seniorinnen in das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in der Gagenstraße; die hierfür nicht ausgestattete letzte Frankfurter jüdische Klinik musste auf NS-Geheiß eine Altenpflegestation unterhalten. Was aber geschah unterdessen mit dem jetzt ‚arisierten‘ Rothschild-Palais auf der Zeil? „Von 1942 bis zu seiner Zerstörung [durch Luftangriffe, B.S.] 1944 befand sich in dem Haus die Hauptbefehlsstelle und Wache der Obdachlosenpolizei“ (Nordmeyer 1997, Teil II, S. 5). 1949, vier Jahre nach Kriegsende, übergab die Stadt Frankfurt am Main das Grundstück Zeil 92 an die zuständige jüdische Organisation JRSO (Jewish Restitution Successor Organization Inc.); es wurde 1952 an das Kaufhaus Hansa (danach Hertie, Karstadt) verkauft. Bislang (Stand April 2013) erinnert keine Gedenktafel an das frühere Rothschild´sche Altersheim für jüdische Frauen.

Recherchen in der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz des Jüdischen Museums Frankfurt am Main ergaben, dass mindestens 20 betagte Menschen, die im Rothschild´schen Altersheim gewohnt hatten, nach Theresienstadt und andere Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Einige dieser Bewohner/innen, darunter auch Männer, hatten die NS-Behörden dort provisorisch untergebracht und danach an andere Frankfurter ‚Altersheime‘ (Ghettohäuser) oder das Krankenhaus Gagernstraße (vgl. ISG Ffm: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Teil 2): Sign. 687) ‚verteilt‘. Von ihnen blieben Bella Ackermann, Rosa Cahn, Sara Gordon, Sophie Gruenbaum, Flora Heidingsfelder, Esther E. Heilbut, Auguste Hertzfeld, Emma Hirschberg, Eugen Siegfried Jacobson, Helene Kaufmann, Helene Liberles, Julia Mayer, Bertha Moses, Rosalie Nachmann, Johanna Nussbaum, Dorette Roos, das Ehepaar Jenny und Leopold Seliger, Karoline Strauss und Selma Strauss in der Schoa.

Birgit Seemann, 2013

 

Unveröffentlichte Quellen


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Teil 2): Sign. 687
Magistratsakten Sign. 9.621

Ausgewählte Literatur


Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 Bände.

Karpf, Ernst 2004: Judendeportationen von August 1942 bis März 1945, http://www.ffmhist.de/

Kingreen, Monica (Hg.) 1999: „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945. Frankfurt/M., New York.

Lenarz, Michael 2003: Stiftungen jüdischer Bürger Frankfurts für die Wohlfahrtspflege – Übersicht und Geschichte nach 1933, ISG Ffm: http://www.ffmhist.de/

Nordmeyer, Helmut 1997: Die Zeil. Bilder einer Straße vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. [Bearb. u. hg. für das Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt/M.]. Frankfurt/M.

Schiebler, Gerhard 1994: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargest. v. Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen, S. 11-288.

Seide, Adam 1987: Rebecca oder ein Haus für Jungfrauen jüdischen Glaubens besserer Stände in Frankfurt am Main. Roman. Frankfurt/M.

Statut Rothschild´sches Altersheim 1907: Statut der Stiftung: Freiherrlich Wilhelm u. Freifrau Mathilde von Rothschild’sches Altersheim für Israelitische Frauen und Jungfrauen besserer Stände [um 1907]. Online-Ausg. Frankfurt/M.: Univ.-Bibl., 2011, http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307739.

Internetquellen (Aufruf aller Links im Beitrag am 29.04.2013)


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (mit Datenbank): www.stadtgeschichte-ffm.de sowie http://www.ffmhist.de/

JM Ffm: Jüdisches Museum und Museum Judengasse Frankfurt am Main (mit der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz): www.juedischesmuseum.de.

Stolpersteine Ffm: Initiative „Stolpersteine“ Frankfurt am Main: www.stolpersteine-frankfurt.de.

 

Joseph und Hannchen May’sche Stiftung für Kranke und Hilfsbedürftige – Baugeschichte und Personen

Baugeschichte

Die Schenkung der Geschwister May an die Gemeinde Rödelheim
Zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern Joseph Hirsch May und Hannchen May schenkten die Söhne Julius und Arthur May, unter Beteiligung der Tochter Rege, am 20. Mai 1874 der Gemeinde Rödelheim eine „Behausung nebst Zubehör, zur Unterbringung ihrer Kranken und Armen“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3). Auf dem Grundstück, auf dem die Eltern ehemals selbst wohnten, war dafür ein Gebäude mit acht Zimmern und einem Betsaal für israelitische Gottesdienste, der nach Osten der Ortschaft Hausen zu ausgerichtet war, errichtet worden (vgl. Trümpert 1881: 39). (Siehe auch Beitrag „Stiftungsgeschichte“ und Datenbankeintrag „Institution“)

Im Besitz der Stadt Frankfurt am Main und erste Sanierungen
Als Rödelheim 1910 zu Frankfurt eingemeindet wurde, ging auch das Rödelheimer Krankenhaus in die Verwaltung des städtischen Krankenhauses über (vgl. Lustiger 1988: 147), welches im darauf folgenden Jahr eine Erweiterung von 26 auf 35 Betten begann. Im Rahmen des Umbaus wurde die Ent- und Bewässerungsanlage saniert, eine Warmwasseranlage und elektrische Beleuchtung wurden installiert. Hinzu kamen ein Licht- und Luftschacht, eine Badeanlage und eine neue Koch- und Heizungsanlage. Renoviert wurden auch die Krankenräume und das Schwesternzimmer. Die Kosten waren auf 6.850 Mark veranschlagt worden (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 10). In den folgenden Jahren wurden immer wieder Grundstücke hinzugekauft, und man erhielt vereinzelte Zustiftungen wie das Erbe von 150 M durch die Witwe Margarethe Kohlhoff geb. Melsoch von Friedrichsdorf i/T. im Jahr 1916 (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 13). Während des Ersten Weltkriegs wurde das Haus auch als Lazarett genutzt (Kraft 1960).

Zeichnung: Ein Grundriss aus der Planungsphase des Hauses im Jahr 1925.
Ein Grundriss aus der Planungsphase des Hauses im Jahr 1925 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Die Umwandlung zum Siechenhaus und Erweiterungsbauten
1922 erfolgte die Umwandlung in ein Siechenheim in welchem 32 Personen untergebracht waren, davon 12 Männer und 20 Frauen (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 35). 1925 bahnte sich ein Ausbau im größeren Umfang an: „Da es nicht mehr möglich ist, die dauernd siechen Personen geeignet unterzubringen, sind wir gezwungen, der Erweiterung des Siechenhauses, Rödelheim näherzutreten“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49). Geplant wurde die Unterbringung von 90 Patienten, die Aufstockung des Pflegepersonals um acht bis zehn Personen und eine Erweiterung der Wirtschafts-, Bade- und Aufenthaltsräume. Auch wurde eine Leichenhalle geplant, eine neue Waschküche sowie ein Hebekran in der Badezelle für „durch Gicht vollständig krumm und steif gewordene Patienten“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49). Die Kosten schätzte man auf 250.000 M. Um für den Erweiterungsbau argumentieren zu können, errechnete das Rechneiamt die mögliche Einsparung. Ausgehend von ca. 200 pflegebedürftigen Personen, die zu der Zeit zu einem Tagessatz von 4,50 M in Krankenhäusern untergebracht waren, war das Ziel durch den Wegfall der medizinische Pflege im Siechenhaus einen täglichen Pflegesatz von 2,25 M in einem Siechenheim zu erreichen. Die errechnete Ersparnis betrug 48.453,75 M. Zudem würden Betten in den Krankenhäusern frei (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49a).

Zeichnung: Ausschnitt des Grundrisses von 1925.
Ausschnitt des Grundrisses von 1925 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

1927 gab auch der Stiftungsvorstand sein Einverständnis zur Umwandlung, da, seiner Meinung nach, der Stiftungszweck Kranke und Arme unterzubringen erhalten blieb (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 79). Die Planer ergänzten weitere Details, so etwa Spuckbecken mit Wasserspülung auf den Fluren, um die TBC-Ansteckungsgefahr zu minimieren (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 106). Anlässlich der Einweihungsfeier des Anbaus im April 1930 wurden sowohl der Architekt Max Cetto aus der Gruppe um den Siedlungsdezernenten Ernst May als auch der Magistratsbaurat Weber gelobt, ihrer Arbeit sei es zu verdanken, dass Alt- und Neubau sich „zu einem einheitlichen Baukörper von größter Klarheit und Uebersichtlichkeit [sic] […] in der Anlage und vollendeter Zweckmäßigkeit zusammen[fügen]. Der Bau ist in lichten, freundlichen Farben gehalten und wohlgegliedert durch breite Fensterbänder“ (Frankfurter Nachrichten 29.4.1930). Auch berichtete die Zeitung von 101 Betten in 18 Krankensälen und -zimmern mit zwei bis sieben Betten, von Tagesräumen für Männer wie für Frauen für je 45 Personen. Sechs große Liegehallen waren entstanden, zahlreiche Bäder, Küche und Waschküche ergänzten die Anlagen. Es gab Entlüftungsanlagen, Radio im ganzen Haus mit Lautsprechern in den Tagesräumen und Kopfhörern an jedem Bett. Und das Heim war bereits voll belegt, zu einem Pflegesatz von 2 RM pro Tag (vgl. Frankfurter Nachrichten 29.4.1930).

Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und der Abriss 1983
Am 17.4.1944 schrieb der Fürsorgeleiter Herr Bales: „Am bedauerlichsten ist es, dass wir unser schönes Pflegeheim Rödelheim räumen mussten. Die unmittelbare Nähe der Industrieanlagen hat zu Bombenschäden geführt, sodass es letzten Endes nicht mehr möglich war, den Mitarbeiterinnen zuzumuten, die schwere Pflegearbeit hier in Frankfurt a. M. durchzuhalten“ (ISG Ffm: Luftschutz 88).
Nach dem Krieg wurde das Haus wieder in Betrieb genommen, in den 1950er Jahren erweitert und im Jahr 1983 wegen Überalterung abgerissen. Im Jahr 1987 eröffnete man das neu erbaute Sozial- und Rehazentrum West des Frankfurter Verbandes an derselben Stelle (vgl. www.frankfurt.de).

Fotografie: Siechenhaus Rödelheim, Blick in eine Glasveranda, 1930.
Siechenhaus Rödelheim, Blick in eine Glasveranda, 1930; aus: Nosbisch 1930

 

Personengeschichte

Krankenversicherungen für das Rödelheimer Kranken- und Armenhaus
Mitglieder der drei Rödelheimer Krankenkassen hatten Anspruch auf eine kostenlose Behandlung im Krankenhaus. Es gab seit 1820 die „Rödelheimer Krankenkasse lediger Israeliten“, die 1895 ca. 50 Mitglieder zählte und ein Vermögen von ca. 15.000 Gulden besaß. Vorsitzender war zu dieser Zeit Leopold Fleisch, ein Metzger, der auch zum Vorstand des Krankenhauses gehörte (vgl. Dippel 1995). Ebenfalls von 1820 war die „Israeltische Beerdigungs- und Krankenunterstützungskasse“ und von 1871 die „Israeltische Krankenunterstützungskasse zur Wohltätigkeit“ (vgl. Dippel 1995). Eine weitere Möglichkeit, kostengünstig im Rödelheimer Spital behandelt zu werden, war die Versicherung per Abonnementsheft über den Arbeitgeber. Ein solches erhaltenes Heft, gedruckt 1875 von der Rödelheimer Druckerei J. Lehrberg u. Comp., ist betitelt als „Abonnement zur Aufnahme in das Spital zu Rödelheim für Gesinde, Handwerksgesellen und Fabrikarbeiter – genehmigt Wiesbaden den 10. März 1875, der Königlich Landrath Rath“. In den darin abgedruckten Statuten zur Aufnahme in das Spital zu Rödelheim der Joseph & Hannchen May’schen Stiftung wird in §1 angeführt: „Durch das Abonnement wird bezweckt, den Abonnenten im Krankheitsfalle die sofortige Aufnahme in das Spital zu erwirken, wo ihnen bis zur vollständigen Heilung Hilfe und Pflege gewährt wird.“ Das Abonnementheftchen konnten Arbeitgeber bestellen und für 10 Pfennig an ihre Arbeiter verkaufen, deren wöchentlicher Beitrag von 10 Pfennig wurde im Heft quittiert (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 312).

ÄrztInnen, PatientInnen, BewohnerInnen
Vom ersten Verwalter des Kranken- und Armenhauses ist lediglich der Name P. Wagner überliefert (vgl. Trümpert 1881: 39). Wohl eine der ersten Bewohnerinnen war Katharina Schaub, von der Pfarrer Trümpert 1881 berichtet: „Der Merkwürdigkeit wegen führe ich an, daß in dem Spitale seit mehreren Jahren eine an Körper und Geist noch gesunde Frau im Alter von 97 Jahren eine Zuflucht gefunden hat; es ist das die Wittwe [sic] Katharina Schaub, geb. den 1. Jan. 1784“ (vgl. Trümpert 1881: 39).
1910 schied der bisherige im Haus praktizierende Arzt Sanitätsrat Dr. Momberger aus Altersgründen aus, und Dr. Theodor Katz übernahm seine Aufgabe. Dr. Katz wurde am 16. Januar 1882 in Kaiserslautern geboren, hatte in Würzburg studiert, 1908 seinen Militärdienst absolviert und im selben Jahr ein längere Reise nach Brasilien unternommen. Nach einer Anstellung in Hamburg/Eppendorf war er nun Assistenzarzt an der städtischen Klinik (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 5). In einem Dokument von 1925 wird seine Stelle in Rödelheim als nebenamtliche Fürsorgestelle bezeichnet, wodurch er verpflichtet war, dreimal wöchentlich das Haus zu besuchen und dafür eine Grundvergütung von 50 M monatlich zzgl. einer örtlichen Sonderzuschlages erhält (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 51).

Fotografie: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des May'schen Siechenhauses, um 1930.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des May’schen Siechenhauses, um 1930; aus: Ausstellung Dippel, 1995

Überliefert ist ein Foto der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „alten Pflegeheims“. Das Jahr der Aufnahme ist unbekannt, vermutlich handelt es sich um die Belegschaft des Altenheims, das in den Räumen ab 1922 existierte. Zumindest einige von ihnen haben wohl im Heim gewohnt, was sich aus den Grundrisszeichnungen schließen lässt.

Um 1930 war Frau Direktor Julie Roger die Leiterin des Heims, die auch den Vorsitz des Frankfurter Verbands für Altersfürsorge e. V. inne hatte (vgl. ISG Ffm: Magistratsakte 339, 30.4.1930). Ärztlicher Leiter war Sanitätsrat Dr. Pfannmüller (vgl. Frankfurter Nachrichten 29. April 1930).

Bis zu welchem Zeitpunkt und in welcher Zahl jüdische Bewohner im Heim lebten ließ sich bisher nicht ermitteln. Ein Hinweis stammt aus dem März 1937 als der Frankfurter Verband für Altersfürsorge e.V. in einem Antrag an den Magistrat davon spricht, dass das Heim ausschließlich mit deutschen Volksgenossen belegt“ sei (ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937). Im Krieg kamen „fliegergeschädigte Obdachlose“ als Bewohner hinzu. Sowohl einige Pflegerinnen als auch Bewohner des Heims wurden auf Grund der Bombenangriffe im Krieg nach Rheinhöhe im Rheingau verlegt (vgl. ISG Ffm: Magistratsakte 3813: 81). Als Schwestern namentlich Erwähnung finden in der Literatur die Oberschwestern Anni Bohne und Frau Satzinger. Von Oberschwester Satzinger berichtet der Fürsorgeleiter Direktor Bales im April 1944, dass sie einige Pensionshäuser in Bad Salzhausen übernommen habe, nachdem sie das zerstörte Dornbuschheim [siehe Budge-Heim] verlassen hatte und auch in Räumen des Gärtnerwegs 50 bzw. Leerbachstrasse ausgebombt worden war (ISG Ffm: Luftschutz 88).

Edgar Bönisch 2013

 

Unveröffentlichte Quellen
Abkürzung ISG Ffm = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Kraft 1960: Stadtkanzlei G. Kraft in ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312, 30.5.1960

ISG Ffm: Luftschutz 88: Die Fürsorgeleitung, Ziehen-Oberschule, Frankfurt am Main, Dir. Bales an Julie Roger, Villa Roger, Jugenheim an der Bergstraße 17.4.1944.

ISG Ffm: Magistratsakten V 339 1874, 1910-1941: Krankenhaus in Rödelheim (MAYsche Stiftung), ab 1922 Siechenhaus

ISG Ffm: Magistratsakte 3813: 81, vom 1.2.1944

ISG Ffm: Stiftungsabteilung 312

 

Literatur

Trümpert, Rudolph 1881: „Chronik“ der Stadt Rödelheim von Rudolph Trümpert ev. Pfarrer daselbst. Rödelheim

Lustiger, Arnold (Hg.) 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main

Frankfurter Nachrichten 118, vom 29.4.1930

Nosbisch, W. (Bearbeiter) 1930: Das Wohnungswesen der Stadt Frankfurt a. M. Herausgegeben im Auftrage des Magistrats aus Anlass der diesjährigen deutschen Tagung für Wohnungswesen vom Hochbauamt und Wirtschaftsamt. Frankfurt am Main

 

Internetquelle

www.frankfurt.de: http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835&_ffmpar[_id_inhalt]=61774, 15.4.2013

 

Ausstellungsdokumente

Dippel, Heinrich 1995: Ausstellung im Sozial- und Rehazentrum West, Alexanderstr. 96, Frankfurt am Main

Joseph und Hannchen May’sche Stiftung für Kranke und Hilfsbedürftige – Die Stiftungsgeschichte

Die Schenkung von Grundstücken und einem Gebäude für Kranke und Arme

Dokument: Schenkungsvertrag Maysche Stifung, Rödelheim.
Schenkungsvertrag nach einer Kopie in der Magistratsakte V339 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Am 11. Oktober 1874 bewegte sich ein „stattlicher Zug“ von Rödelheimer Bürgerinnen und Bürgern vom Rathaus zum neuen Kranken- und Armenhaus. Das Haus lag „in der Fortsetzung der Alexanderstraße zur Rechten“ (Trümpert 1881: 39). Landrath Rath aus Wiesbaden und der Frankfurter Polizeipräsident Hergenhahn waren vor Ort. Der katholische Pfarrer Hungari und sein evangelischer Kollege Trümpert hielten Weihereden, wofür sie von den Stiftern des Hauses Julius und Arthur May bezahlt wurden (vgl. Trümpert 1881: 39). Die Brüder May sowie zu einem kleineren Teil Recha Seligstein, eine der Schwestern von Julius und Arthur, mit ihrem Mann Samuel hatten das Kranken- und Armenhaus im Wert von etwa 18.000 Gulden (vgl. Lustiger 1988: 147) der Gemeinde Rödelheim geschenkt.
Der Schenkungsvertrag ist auf den 20. Mai 1874 datiert und beginnt mit den Worten: „Nachdem sich für die Gemeinde Rödelheim schon häufig als Mangel fühlbar gemacht hat, dass sie kein Kranken- und Armenhaus besitzt, worin die zu Unterstützenden verpflegt werden, haben die Herren Julius May & Arthur May in Frankfurt a/M. zu diesem Zwecke und zugleich zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern, den Herrn Jos. Hirsch May und dessen Ehefrau Hannchen geb. Mayer, auf den ihnen zugeschriebenen Grundstücken der Rödelheimer Gemarkung Flur 7 No. 137.6 138.3 139.3 140.3 141.3 & 142 ein zur Krankenverpflegung und Armenversorgung geeignete Behausung, wovon in der Anlage ein Riss beiliegt, auf ihre Kosten erbauen lassen.“ Die einzelnen Vertragspunkte sind im nebenstehenden Rahmen aufgelistet.
Der Vertrag ist unterzeichnet von den Schenkenden, für die Gemeinde Rödelheim von Bürgermeister Müller und seinen Gemeinderäten und für den Vorstand der israelitischen Gemeinde von Josef Neumann, J. Lehrberger, B. J. Schott, M. Ehrmann und S. M. Mandelbaum (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3).

Für das Jahr 1897 ist es möglich, den Vorstand des Spitals aus dem Adressbuch Rödelheim zu rekonstruieren: Der christliche Vorstand setzte sich zusammen aus dem Bürgermeister Stubberg, dem Arzt Dr. Hermann Momberger, der das Rödelheimer Spital medizinisch betreute, dem Chemie-Fabrikanten Franz Schulz und Wilhelm Schmidt, der eine Bettfedernreinigung betrieb. Der jüdische Vorstand bestand aus dem Buchdruckereibesitzer Mayer Lehrberger, dem Kaufmann Simon Mandelbaum und dem Metzger Leopold Fleisch (vgl. Dippel 1995).

Eingemeindung Rödelheims zu Frankfurt
Im Zuge der Eingemeindung von Rödelheim zur Stadt Frankfurt am Main im Jahr 1910 ging das Krankenhaus an das städtische Krankenhaus über, während die israelitische Gemeinde weiterhin unabhängig blieb (siehe Lustiger 1988: 147). Den Vorsitz des Vorstands übernahm, gemäß eines Magistratsbeschlusses, der Vorsitzende der Anstaltsdeputation, der Verwaltung der Kranken- und Armenhäuser der Stadt Frankfurt am Main (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1).

Die Umwandlung zum Altenheim
1922 beantragte die Anstaltsdeputation beim Magistrat die Einrichtung des Krankenhauses Rödelheim als Siechenhaus. Der Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten von Siechen war stark gestiegen, und man sah das Rödelheimer Spital als sehr geeignet dafür an, da seine 31 Krankenbetten durch die Rödelheimer Bürgerinnen und Bürger nicht ausgelastet waren und der Stiftungszweck „zur Krankenverpflegung und Armen-Versorgung“ durch die Veränderung nicht beeinflusst würde. Der Antrag wurde genehmigt unter den Bedingungen, dass Einwohner des Stadtbezirks Rödelheim bei der Unterbringung bevorzugt würden, dass die Krankenhauspflege, falls notwendig, wieder hergestellt werden könne und, dass das Personal mit übernommen werden würde (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 17.3.1922).

Dass die Konsequenzen aus der Umwandlung zum Siechenhaus nicht ganz klar waren, zeigt ein Disput zwischen dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Rödelheim Heinrich Hammel und dem Magistrat. Heinrich Hammel hatte 1924 den erkrankten Synagogendiener Markus in das Israelitische Krankenhaus in der Gagernstraße einweisen lassen und war der Meinung, dass dies kostenlos erfolgen müsse, da durch die Umwandlung in ein Siechenheim keine Krankenbetten mehr zur Verfügung standen und diese durch die Stadt gestellt werden müssten. Vermutlich begründete er dies durch §4 des Schenkungsvertrags, der die Sondernutzung durch israelitische Arbeitsunfähige regelte. Der Magistrat teilte jedoch diese Meinung nicht, da es sich nicht um Arbeitsunfähigkeit, sondern um Krankheit handele, wollte in diesem Fall jedoch aus Kulanz nicht auf die Rückzahlung der Verpflegungskosten bestehen (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 36-37).

Die nationalsozialistische Einflussnahme

Fotografie: Siechenhaus Rödelheim, Hofansicht.
Siechenhaus Rödelheim, Hofansicht; aus: Nosbisch 1930

Der §6 der Schenkungsurkunde von 1874 sah vor, dass im Kranken- und Armenhaus ein „Betsaal für den israelitischen Gottesdienst zu reservieren“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3) sei. Gemäß der Auskunft von Arthur Hammel, dem Sohn des letzten Gemeindevorstehers der jüdischen Gemeinde Rödelheim, Heinrich Hammel, bestand der Betsaal im Jahr 1933 noch: „Im Hospital verstorbene Juden wurden in diesem Raum aufgebahrt und von hier aus auf dem jüdischen Friedhof Rödelheim, Westhausen, beerdigt“ (Dippel 1995).

Im März 1937 beantragte der Frankfurter Verband für Altersfürsorge e.V. beim Rechtsamt in der Stiftungsabteilung den Betraum für „bessere Zwecke“ nutzen zu dürfen, d. h. für Pflegezwecke, da die Raumnot groß sei. Außerdem würde der Raum fast das ganze Jahr leerstehen und nur von wenigen Menschen genutzt, „es kommt hinzu, dass diese wenigen Menschen als Juden der deutschen Volksgemeinschaft nicht angehören, während das Heim ausschließlich mit deutschen Volksgenossen belegt ist“ (ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937). Die Genehmigung der Umwandlung des Betraums wurde damit begründet, dass die ursprüngliche Nutzung nur von den Erben der Schenkenden eingefordert werden dürfe, diese jedoch nicht mehr am Leben seien [was nicht richtig ist, siehe Beitrag: „Die Stifterfamilie May“ (in Vorbereitungt) d. A.]. Auch gäbe es kein öffentliches Interesse an der ursprünglichen Nutzung. Im Gutachten der Stiftungsabteilung des Rechtsamts vom 23.4.1937 heißt es: „Praktisch liegt der Fall so, dass der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde, Heinrich Hammel […] je einmal im Februar und August mit 8-9 Gemeindemitgliedern einen etwa ½-stündigen Gottesdienst in dem Zimmer abhält. Das ursprüngliche Gebetszimmer ist längst den Umbauten zum Opfer gefallen, dafür wurde ein Ersatzraum in einem Seitenflügel eingerichtet. […] Den Juden sei vorgeschlagen worden, die beiden Gedächtnisstunden in der Rödelheimer Synagoge abzuhalten, sie wollten aber darauf nicht eingehen.“ Weiter heißt es, dass auch andere durch die Stiftungsurkunde festgelegte Vergünstigungen für Juden (Belegung von mindestens vier Zimmern des Armenhauses mit Israeliten und Anspruch auf rituelle Verpflegung) wohl spätestens 1922 bei der Umwandlung in ein Altersheim aufgegeben worden seien. Es wird betont, dass inzwischen die früheren jüdischen Einflüsse auf das Heim bzw. seine Leitung und Verwaltung „vollkommen ausgeschaltet“ seien (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937).

Schenkung oder Stiftung und die Folgen

Fotografie: Burgfriedenstraße 5, Wohnhaus von Heinrich Hammel, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rödelheim.
Burgfriedenstraße 5, Wohnhaus von Heinrich Hammel, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rödelheim, und seiner Familie © Edgar Bönisch

Da in den unterschiedlichen Papieren mal von Schenkung mal von Stiftung die Rede ist, versuchte das Rechtsamt der Stiftungsabteilung der Stadt Frankfurt 1941 Klarheit zu schaffen. Festgestellt wurde, dass die als Stiftung bezeichnete Joseph und Hannchen May Stiftung eine Schenkung der Brüder May war. Weiterhin stellte man klar, dass es sich bei zwei weiteren Transfers ebenfalls um Schenkungen handelte: zum einen 10.000 Mark im Mai 1886 durch Arthur May an die Israelitische Kultusgemeinde Rödelheim zur Osterspeisung armer Israeliten (Lustiger 1988: 28) und 12.000 Mark im Mai des Jahrs 1891 durch Julius May zur Unterstützung Armer an die Israelitische Gemeinde Rödelheim. Beide Beträge seien in den Unterlagen der Rödelheimer Gemeinde als Überweisung an die Josef und Hannchen May’sche Stiftung bezeichnet worden, da es sich jeweils um Schenkungen handele und es sich nicht um einen staatliche Beaufsichtigung handelte, könnte man jedoch nicht von einer Stiftung sprechen (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 12.3.1941). Durch die Einordnung als Schenkung wurde es einfacher mit dem Zweck der Schenkung willkürlich zu verfahren.

Nachkriegszeit
In den 1950er Jahren erfolgte ein weiterer Umbau. Dies war auch in den 1970er Jahren geplant, jedoch stellte man fest, dass das Gebäude inzwischen völlig veraltet war, worauf 1983 der Abriss folgte und ein anschließender Neubau im Jahr 1987 eingeweiht wurde (vgl. ISG Ffm: Fürsorgeamt 3.944).
Der heutige Eigentümer des Sozial- und Rehazentrums West in Rödelheim, der Frankfurter Verband e.V., macht auf die Ursprünge des Heims durch eine kleine Ausstellung aufmerksam (Stand 2012), die der ehemalige evangelische Pfarrer von Rödelheim Heinrich Dippel zusammengestellt hat und die bedingt zugänglich ist. Das Andenken an Joseph und Hannchen May im Sinne ihrer Kinder soll dieser Artikel unterstützen.

Edgar Bönisch 2013

Unveröffentlichte Quellen:
Abkürzung ISG Ffm = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

ISG Ffm: Fürsorgeamt 3.944

ISG Ffm: Magistratsakten V 339 1874, 1910-1941: Krankenhaus in Rödelheim (MAYsche Stiftung), ab 1922 Siechenhaus

ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312, vom 23.4.1937

Literatur

Lustiger, Arnold (Hg.) 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

Nosbisch, W. (Bearbeiter) 1930: Das Wohnungswesen der Stadt Frankfurt a. M. Herausgegeben im Auftrage des Magistrats aus Anlass der diesjährigen deutschen Tagung für Wohnungswesen vom Hochbauamt und Wirtschaftsamt. Frankfurt am Main

Trümpert, Rudolph 1881: „Chronik“ der Stadt Rödelheim von Rudolph Trümpert ev. Pfarrer daselbst. Rödelheim

 Ausstellungsdokumente

Dippel, Heinrich 1995: Ausstellung im Sozial- und Rehazentrum West, Alexanderstr. 96, Frankfurt am Main

Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen

Stiftungs- und Baugeschichte

Die Stiftungsgeschichte

Gemälde: Henry Budge.
Henry Budge © Henry und Emma Budge-Stiftung

Am 20.12.1920 schrieb Henry Budge anlässlich seines 80. Geburtstages an die Stadt Frankfurt am Main: „Aus Anlaß eines freudigen Ereignisses errichte ich zum Andenken an meine geliebten seligen Eltern Moritz und Henriette Budge in Frankfurt unter dem Namen ‚Henry und Emma Budge-Stiftung‘ eine Stiftung mit einem Kapital von einer Million Mark“ (Arnsberg 1972: 38). Zweck der Stiftung sollte die Fürsorge für Erholungsbedürftige nach einer Krankheit sein. Geplant waren Geldbeihilfen, die je zur Hälfte Juden und Christen zukommen sollten. Entscheidungsberechtigt sollten die Stiftung, der Almosenkasten der Israelitischen Gemeinde und das Städtische Fürsorgeamt sein (vgl. Arnsberg 1972: 43).

Ein halbes Jahr später konstituierte sich der Stiftungsvorstand mit Bürgermeister Eduard Gräf, Stadtrat Dr. Karl Schlosser und zwei Mitgliedern, die das Städtische Wohlfahrtsamt benannte. Jüdische Mitglieder des Vorstands waren Philipp Schiff und Eduard Stern für den Israelitischen Almosenkasten und Bernhard Simon, Dr. Albert Ettlinger und Stephanie Forchheimer als Vertreter der Israelitischen Gemeinde (vgl. Arnsberg 1972: 38).

Die überwiesene Million wurde jedoch unter dem Einfluss der Inflation nahezu vernichtet. Henry Budge schoss im März 1922 nochmals 500.000 und im Februar 1923 weitere 3 Millionen Mark nach. „Wie grotesk sich die Inflation für die Stiftung auswirkte, zeigt der Brief vom 7.8.1923 an den Magistrat, worin sich Henry Budge bereit erklärte, dem ‚jetzigen Kapital von 15 Millionen Reichsmark‘ einen weiteren Betrag von ‚Zweihundert Dollar hinzuzufügen (die Akten besagen, daß dies dem Wert von 800.000.000 Mark!! [sic] entsprochen habe)'“ (Arnsberg 1972: 39).

Mit der Währungsreform vom Oktober 1923 stabilisierte sich die Lage. Henry Budge hatte bis dahin 70.406 Goldmark in die Stiftung investiert, die zum größten Teil an Bedürftige ausgezahlt worden waren. 1928 änderte man den Zweck der Stiftung in den Bau eines Altersheims und begann mit Planungsarbeiten (vgl. Arnsberg 1972: 40).

Die Kosten für das Altersheim betrugen 1.012.410 RM, die die Stiftung und die Stadt Frankfurt gemeinsam aufbrachten (vgl. Magistratsakte V 691, zit. nach Picard 1997: 9). Die Verwaltung und der Betrieb des Heims gingen zu Lasten der Stadt (vgl. Arnsberg 1972: 44).
Henry Budge erlebte den Fortgang der Dinge nicht mehr, er starb im Oktober 1928. Seine Frau Emma Budge nahm bis zu ihrem Tod im Februar 1937 am Werdegang der Stiftung und des Altersheims teil, musste sich jedoch mehr und mehr mit dem Druck der nationalsozialistischen Regierung auseinandersetzen; so wurde etwa der „satzungsmäßige Anteil jüdischer Bewohner 1935 auf ein Drittel verkleinert“ (Picard 1997: 10). Seit 1938 gab es im Heim eine Trennung in eine jüdische und in eine „arische“ Abteilung (vgl. Hütte 2008). 1939 trat Max L. Cahn dem Stiftungsvorstand bei. Der Jurist Cahn blieb als jüdischer Konsulent in Deutschland und spielte nach dem Krieg bei der Neugründung der Frankfurter Jüdischen Gemeinde eine wichtige Rolle (vgl. Hütte 2012). Am 1.4.1939 musste das Heim an die Stadt abgetreten werden. Von nun an hieß das Haus „Heim am Dornbusch“ und sollte nur noch von „arischen Volksgenossen“ bewohnt werden (vgl. Lustiger 1994: 316).

1941 ging die Hälfte des Stiftungsvermögens für mildtätige Zwecke an die Stadt Frankfurt. Die fünf Mitglieder des jüdischen Gesamtvorstandes (Kauffmann, Marxheimer, Weil, Wolfskehl und Cahn) akzeptierten die Auflösung der anderen, der jüdischen Hälfte der Stiftung, sie ging an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zur Unterstützung der jüdischen Wohlfahrtspflege. Das Stiftungsvermögen betrug zu dieser Zeit noch 180.000 RM, von denen das Finanzamt 140.000 RM als Schenkungssteuernachzahlung forderte, einer Steuer, die nur von Juden erhoben wurde. Für die Reichsvereinigung der Juden blieben letztlich ca. 33.000 RM. Bereits im Dezember 1941 ging der größte Teil dieser Zahlungen auf ein Sperrkonto der Gestapo-Institution „Reichsvereinigung“ und trug dazu bei, die Rechnungen für die Transporte nach Auschwitz zu bezahlen (vgl. Lustiger 1994: 317; Picard 1997: 11).

1945 beschlagnahmten die Amerikaner das schwer beschädigte Gebäude am Edingerweg. Ab 1951 wurden Wiedergutmachungsansprüche nach dem Bundesentschädigungsgesetz geltend gemacht. Nach einer Vereinbarung der Stadt Frankfurt am Main, der Jüdischen Gemeinde und der Nachfolgeorganisation des Israelitischen Almosenkastens „ISRO“ wurde die Stiftung 1956 in ihre alten Rechte und Vermögenstitel wieder eingesetzt und die Weiterführung des Altenheims, gemäß Stiftungssatzung, wurde vorgesehen. Von nun an bezahlten die Amerikaner jährlich 94.000 DM an Miete.

1958 setzte sich der Vorstand aus folgenden Personen zusammen: Stadtrat Dr. Rudolf Prestel, Rechtsanwalt und Notar Max L. Cahn, Landgerichtsdirektor Dr. Kurt Bruck, Rechtsanwalt Martin Meyer, Kaufmann Max Meyer, Redakteur Hans Nassauer, Stadtrat Dr. Erich Zeitz, Obermagistratsrat Baldes und Magistratsrat Grossmann.

1964 übernahm die Bundesvermögensverwaltung das Haus und das Grundstück für 1,8 Millionen DM. Der Betrag bildete zusammen mit den Mieteinnahmen die Basis für den Bau eines neuen Altenheims durch die wieder aufgebaute Stiftung (vgl. Arnsberg 1972: 47-52).

 

Die Baugeschichte des Heims

Zeichnung: Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen, Entwurfszeichung.
Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen, Entwurfszeichung. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Im September 1928 hatten die Architekten Ferdinand Kramer, Erika Habermann, Mart Stam und Werner Moser den ausgeschriebenen Architekturwettbewerb, unter dem Vorsitz des Stadtbaurats Ernst May, gewonnen (vgl. Risse 1984: 225). Am 04.07.1929 wurde der Grundstein im Edingerweg 9 gelegt, man vergrub eine Urkunde, die bis heute nicht wieder aufgefunden werden konnte (vgl. Arnsberg 1972: 5). Die Einweihung des Heims fand im Juni 1930 statt.

Im Februar 1944 beschädigte ein Bombentreffer das Gebäude schwer, der zentrale Querbau wurde zerstört. Laut mündlicher Information aus dem Institut für Stadtgeschichte in Frankurt am Main gibt es alte Malerrechnungen, die besagen, dass das Gebäude in den letzten Kriegstagen einen Tarnanstrich erhalten hatte (Picard 2012). Die letzten Bewohner mussten das „Heim am Dornbusch“ 1945 verlassen, sie wurden zunächst auf andere Häuser im Stadtgebiet verteilt, bevor sie nach Bad Salzhausen gebracht wurden und weiter ins Schloss Wächtersbach. Nach der Nutzung von 1945 bis 1995 durch das V. Armeekorps der Amerikaner als Zahnklinik stand das Gebäude bis 1997 leer (vgl. Picard 1997: 11). Nach einem Ideenwettbewerb, initiiert durch das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a. M. und das Deutsche Museum für Architektur, folgte eine denkmalgeschützte Renovierung, und es zog wieder ein Altenheim unter neuer Leitung und dem Namen „Seniorenwohnanlage Grünhof“ ein.

Die baugeschichtliche Bedeutung
Der Bau des Budge-Heims fand im Rahmen des „Neuen Frankfurt“ statt. Oberbürgermeister Ludwig Landmann (1924-1933) hatte mit großer Tatkraft begonnen, die Wohnmissstände in Frankfurt zu beseitigen, wobei er sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit der Menschen im Auge hatte. Er schuf das Siedlungsamt und stellte ihm Ernst May vor, unterstützt durch den künstlerischen Direktor Martin Elsaesser. Ziel des „Neuen Frankfurt“ war es, die soziale und kulturelle Qualität des Massenwohnungsbaus zu heben, wobei es jedoch nie avantgardistisch, im Sinne der Modernität eines Le Corbusier, wurde, obwohl „man dazu durchaus die gestalterischen Qualitäten im Hochbauamt gehabt hätte, [was] […] solche hervorragenden Einzelbauten wie das Budge-Heim [und andere] [belegen]“ (Mohr 1984: 68).

Architekturwettbewerb und grundlegende Ideen
Die dem Neubau zugrunde liegende Planungsidee wird im Wettbewerbstext erläutert: „1. Gib jedem Rentner möglichst viel Bewegungsfläche, sperr ihn nicht in ein Zimmer, eine Schachtel ein, sondern laß ihn, so lange es seine Kräfte ihm erlauben, seine Terrasse und den Garten als ihm gehörend betrachten […]. 2. Die Bewirtschaftung ist eine technisch-organisatorische Frage. Sie soll möglichst einfach und reibungslos, das heißt auf dem kürzesten Wege vor sich gehen. […] Wir haben die Wirtschaftsräume daher in die Mitte projektiert […]“ (Das neue Frankfurt 1928: 191f., zit. n. Mohr 1984: 270).
Eine detaillierte Beschreibung der innovativen Architektur der einzelnen Wohnungen findet sich ebenfalls in „Das neue Frankfurt“: Jede Wohnung bestand aus Vorraum, Abstellraum, Wohnzimmer und Balkon. Im Vorraum befand sich eine Kleiderablage mit Schirmständer, Waschtisch mit Spiegel und Glastablett, ein Schränkchen mit emaillierter Abdeckplatte als Kochschränkchen und ein großer Wandschrank für Kleider und Wäsche. Die Wand hinter dem Waschtisch war abwaschbar. Im Abstellraum gab es Platz für Koffer. Das eigentliche Zimmer war sowohl Wohn- als auch Schlafzimmer. Das große Fenster, fast von Wand zu Wand und über die gesamte Zimmerhöhe, schuf eine Beziehung nach draußen, was durch den direkten Zugang auf den Balkon verstärkt wurde und einen geräumigen Eindruck vermittelte. Obwohl alle Räume so klein wie nur möglich waren, wurde durch die offenen Raumbegrenzungen jeder bedrückende und beengende Eindruck von vornherein ausgeschlossen. Bemerkenswert war die konsequente Südausrichtung der Zimmer (vgl. „Das neue Frankfurt“ 1930: 172, zit. n. Mohr 1984: 270). Durch die H-Formation des Gebäudes wurden die Wohnungen mit den zentralen Gemeinschaftsräumen in Beziehung gebracht, es entstanden kurze Wege, eine zentrale Versorgung, die Öffnung ins Freie sowie Betriebs- und Baukosteneinsparungen (vgl. Mohr 1984: 271). „Die Ansprüche des Kollektivs und der Privatheit sind in idealer Weise ausgewogen. Das Henry und Emma Budge-Altersheim ist einer der intellektuellsten Sonderbauten des Neuen Frankfurt und im Hinblick auf rationelle Bebauungsweisen im Städtebau ein Experimentobjekt“ (Mohr 1984: 271).

Edgar Bönisch 2013

 

Literatur

Arnsberg, Paul 1972: Henry Budge. Der „geliebten Vaterstadt – Segen gestiftet“. Frankfurt am Main

Lustiger, Arno 1994: Wie die Budge-Stiftung von den Nazis ausgeraubt wurde. In: Schiebler, Gerhard; Lustiger, Arno (Hrsg.): Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Sigmaringen

Mohr, Christoph / Müller, Michel 1984: Funktionalität und Moderne. Das Neue Frankfurt und seine Bauten 1925-1933. Frankfurt am Main

Picard, Tobias 1997: Die Rückkehr des Stifters aus Amerika: das ehemalige Henry und Emma Budge-Altenwohnheim am Edinger Weg/Ecke Hansaallee im stadtgeschichtlichen Kontext. In: Möller, Werner (Konzeption)1997: Die Zukunft des ehemaligen Henry und Emma Budge-Heims. Frankfurt am Main

Risse, Heike 1984: Frühe Moderne in Frankfurt am Main 1920-1933. Architektur der zwanziger Jahre in Frankfurt a. M. Traditionalismus – Expressionismus – Neue Sachlichkeit. Frankfurt am Main

Zeitschrift

Das neue Frankfurt. Internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung

Internet

Hütte, Volker 2008: Historische Erkenntnisse auf Grundlage der gefundenen Bewohnerliste des ersten Henry und Emma Budge-Heims. http://www.budge-stiftung.de/uploads/Vortrag.doc (26.11.2008)

Hütte, Volker 2012: Vorträge zur Geschichte der Henry und Emma Budge-Stiftung: Johann Nathan und Max L. Cahn – zwei Männer in schwieriger Mission. http://budge-stiftung.de/news.php?category=3&id=1027 (26.4.2013)

Mündliche Auskunft

Picard, Tobias 2012: mündliche Auskunft durch Herrn Tobias Picard vom Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Frankfurter jüdische Altenpflege und Altenhilfe – ein historischer Überblick

…wo alte, im Kampf des Lebens zu kurz gekommene Personen in Frieden hinscheiden dürfen.”

(Elkan Nathan Adler, 1895)

 

Dokument: Titelblatt der Statuten des Rothschild'schen Altersheims / Titelblatt Statuten.
Titelblatt der Statuten des Rothschild’schen Altersheims / Titelblatt Statuten. Weitere Angaben

Ohne die Zerstörungen der NS-Zeit könnte Frankfurt am Main heute auf eine fast 170-jährige ungebrochene Tradition institutionalisierter jüdischer Altenpflege und Altenhilfe zurückblicken. Der wachsende Bedarf an außerhäuslicher Versorgung und Pflege auch in den beiden Frankfurter jüdischen Gemeinden ließ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch großzügige Stiftungstätigkeit die Versorgungsanstalt für Israeliten und das Gumpertz’sche Siechenhaus entstehen. Darauf folgten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts das Freiherrlich Wilhelm und Freifrau Mathilde von Rothschild’sche Altersheim für Israelitische Frauen und Jungfrauen besserer Stände, das Israelitische Lehrerinnen und Studentinnen-Heim e.V., das Altersheim des Krankenhauses der Israelitischen Krankenkassen sowie mit dem Altersheim des Frankfurter Verbands für Altersfürsorge (vormals Rödelheimer jüdisches Krankenhaus und Pflegeheim) und dem Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen zwei jüdisch-christliche Einrichtungen. In der NS-Zeit wurden die Heime zwangsaufgelöst, ‚arisiert‘ und als Sammellager (Ghettohäuser, ‚Judenhäuser‘) vor den Deportationen missbraucht. Doch konnten nach der Schoah – anders als bei der Krankenpflege – zwei wieder begründete Institutionen an die Tradition der Frankfurter jüdischen Altenpflege und Altenhilfe anknüpfen: das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde (auf dem Gelände des ehemaligen Frankfurter jüdischen Krankenhauses Gagernstraße) und die jüdisch-christliche Senioren-Wohnanlage und Pflegeheim der Henry und Emma Budge-Stiftung.

 

Altersheime, Pflegeheime und Stiftungen
Das erste Seniorenheim, die Versorgungsanstalt für Israeliten der Frankfurter jüdischen Gemeinde, wurde 1845 im damaligen Wollgraben 8, nahe der früheren „Judengasse“, eröffnet (Kirchheim 1911; Arnsberg 1983, Bd. 2, S. 87; Schiebler 1988, S. 129f.). Anfangs bot es bedürftigen jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurtern ab 60 Jahren, „deren Erwerbsunfähigkeit auf Altersschwäche beruhte“, aber auch „durch Krankheit oder Gebrechen“ (zit. n. Schiebler 1988, S. 129) frühzeitig aus dem Erwerbsleben Geschiedenen ab 40 Jahren eine Heimstatt. Das Heim war nicht für die Kranken- und Liegendpflege ausgestattet: Die Antragsteller/innen mussten (bis zur Einführung der gesetzlichen Invaliditäts- und Altersversicherung 1889) entweder in der Israelitischen Frauen- und Männerkrankenkasse versichert sein oder eine Pflegemöglichkeit außerhalb der Versorgungsanstalt nachweisen für den Fall, dass sie erkrankten und/ oder bettlägerig wurden. Die in den Statuten zudem vorgesehene geschlechterparitätische Belegung konnte nicht immer eingehalten werden, da es mehr weibliche als männliche Anfragen gab. 1847 beherbergte die Israelitische Versorgungsanstalt sechs, nach ihrem Umzug im Dezember 1852 in den benachbarten Wollgraben 6 schon elf „Pfleglinge“ (zit. n. ebd., S. 130). 1889 wechselte sie in ihr neues Domizil im Röderbergweg 77 mit 47 Plätzen. Um 1925 betrug die Zahl der belegten Betten 24 (Frauen) bzw. 15 (Männer) (Segall/ Weinreich 1925, S. 3). Am 23. Oktober 1939 gliederten die nationalsozialistischen Behörden die traditionsreiche Institution in die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ ein. Letzte Leiterin war Rosa Schuster, unterstützt von ihren Töchtern Bertha Schuster (Betty Kale) und Margot Schuster. Im Mai 1941 (Kingreen 1999b, S. 147) räumten die NS-Behörden das Altersheim und stellten es der Wehrmacht zur Verfügung. Die Bewohner/innen wurden in das seit dem 1. November 1942 von den NS-Behörden als „Gemeinschaftsunterkunft für Juden“ ausgewiesene Sammellager im Hermesweg 5-7 verlegt, wo sich später auch die letzte Frankfurter jüdische Krankenstation befand. Im August 1942 wurden die gebrechlichen und teils hochbetagten Menschen in das Altersghetto und Durchgangslager Theresienstadt deportiert (Kingreen 1999b, S. 384f.), einen Monat später auch Rosa Schuster und ihre beiden Töchter. Nur Bertha Schuster überlebte die Schoah.

Für pflegebedürftige arme Glaubensgenossinnen und -genossen schuf Betty Gumpertz 1888 das Gumpertz’sche Siechenhaus (Hauptstandort: Röderbergweg 62-64). Unter einem Dach vereinte es Kranken-, Schwerbehinderten-, Alten- und Armenpflege sowie Hospizarbeit für Sterbende. Die Pflege leitete von etwa 1894 bis zu ihrer Heirat 1907 Oberin Thekla Mandel, gefolgt von Oberin Rahel (Spiero) Seckbach, die ihre Ausbildung beide im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main e.V. erhielten. Als Vorsitzende (Präsidenten) des Siechenhauses amtierten u.a. Ferdinand Gamburg, Charles L. Hallgarten und Julius Goldschmidt. Für das Heim engagierten sich sich außer Betty Gumpertz weitere Stifter/innen wie Träutchen Höchberg, Raphael Ettlinger sowie Minna Caroline (Minka) von Goldschmidt-Rothschild. Nach deren Tod (1903) wurde die Minka von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung errichtet und der Gumpertz’schen Stiftung angegliedert – weshalb das Kranken- und Pflegeheim auch als „Rothschild’sches Siechenhaus“ bekannt war. Um die Stiftung kümmerten sich Minkas Witwer Maximilian Benedikt von Goldschmidt-Rothschild, die gemeinsame Tochter Lili Schey von Koromla und weitere Angehörige. Zu den im Siechenhaus Betreuten gehörten auch im hessisch-jüdischen Gemeindeleben bekannte Persönlichkeiten wie Gerson Mannheimer und Salomon Goldschmidt. Das segensreiche Wirken des Gumpertz’schen Siechenhauses endete 1938/39 mit den ‚Arisierungs-‚Maßnahmen der NS-Machthaber, zuletzt (bis 1941) befand es sich am Danziger Platz 15. 1944 zerstörten alliierte Luftangriffe die vormalige Gumpertz´sche Liegenschaft im Röderbergweg. Seit 1956 befindet sich auf dem einstigen Grundstück des jüdischen Siechenhauses mit dem August-Stunz-Zentrum eine Altenpflegeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (heute Röderbergweg 82).

Für gebrechliche, ältere und besonders bedürftige israelitische Männer mit „streng religiösem Lebenswandel nach Maßgaben des traditionellen Judentums“ (Schiebler, 124, siehe auch Andernacht/ Sterling 1963, S. 144) sorgte im Rahmen der Altenhilfe die kleinere Sussmann-Una-Stiftung. Sie entstand am 18. Oktober 1901 dank einer testamentarischen Verfügung des am 23. Juni 1899 verstorbenen Privatiers Sussmann Una. Am 27. November 1939 zwangen die NS-Behörden auch diese Stiftung in die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“. Nicht anders erging es der ebenfalls „Israeliten in Alter und Krankheit“ unterstützenden „Michael und Adelaide Rothschild geb. Honig und deren Kinder Josef und Emily-Stiftung“, über die bislang wenig bekannt ist (hierzu Arnsberg Bd. 2, S. 97, Schiebler 1994, S. 120). Beide Stiftungen unterhielten offenbar keine eigenen Heime, so dass sie wohl vor allem Alltagshilfe, Medikamentenversorgung und Aufsuchende Pflege ermöglichten.

Zum Andenken an ihren 1901 verstorbenen Ehemann Wilhelm Carl von Rothschild errichtete Hannah Mathilde von Rothschild am 27. März 1903 eine Stiftung mit dem Ziel, „alleinstehenden hilfsbedürftigen israelitischen“ Frauen ab dem 50. Lebensjahr mit „Unterstützungswohnsitz in Frankfurt a. M. oder in einem Umkreise von 100 Kilometer Luftlinie […] ein gesichertes Heim zu gewähren“ (Statut Rothschild’sches Altersheim 1907, S. 3). Noch im gleichen Jahr wurde das „Freiherrlich Wilhelm u. Freifrau Mathilde von Rothschild`sche Altersheim für Israelitische Frauen und Jungfrauen besserer Stände“, „Rothschild’sches Altersheim“ genannt, im alten Rothschild’schen Palais, Zeil 92, mit 25 Plätzen eröffnet; zum Stiftungsvermögen gehörte zudem das Haus Liebigstraße 24 (Arnsberg 1983 Bd. 2, S. 86f.; Schiebler 1994, S. 119f.). Als Ehrenpräsidentin des Vorstands beteiligte sich Hannah Mathilde von Rothschild aktiv an der Leitung des Hauses und nutzte dort eigene Räumlichkeiten. Vom Konzept her entsprach das Seniorinnenheim, dessen Bewohnerinnen der gehobenen Bildungsschicht entstammen und einen den damaligen Gepflogenheiten entsprechenden tadellosen Lebenswandel führen sollten, dem christlichen Damenstift: Heiratete eine Bewohnerin, schied sie aus dem Heim aus. Seniorinnen, die dauerhaft pflegebedürftig wurden, kamen in hierfür ausgestattete Institutionen wie das Gumpertz’sche Siechenhaus. Nach dem Tod ihrer Mutter Hannah Mathilde und der ebenfalls engagierten Schwester Minka von Goldschmidt-Rothschild unterstützte Adelheid de Rothschild von Paris aus weiterhin großzügig das Heim. Mit der Geschichte der Institution ebenfalls eng verbunden ist die Biographie Jenny Hahns, seit 1917 Angestellte und von 1930 bis um 1940 Verwalterin des Rothschild’schen Altersheims. Am 27. September 1940 gliederten die NS-Behörden die Stiftung in die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ ein. Etwa ein Jahr später folgte die Zwangsräumung des Heims; die Bewohnerinnen wurden in verschiedene Altersheime (NS-Sammellager) und die Altenpflege-Abteilung des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße verlegt (vgl. Andernacht/Sterling 1963, S. 471). Die alten Menschen wurden deportiert und ermordet, ebenso die Verwalterin Jenny Hahn. Ein Wohnprojekt für alleinstehende ältere Mieterinnen aller Konfessionen initiierte 1902 Minka von Goldschmidt-Rothschild: 1911 wurde das „Damenheim“ der Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild’schen Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke in der Hügelstraße 142-146 eröffnet; das Rothschild´sche Seniorinnenheim besteht bis heute.

Ein kleineres jüdisches Altersheim für Frauen, das „Israelitische Lehrerinnen und Studentinnen-Heim e.V.“, stifteten 1908 Clara und Isaac Bermann in der Rückertstraße 53 mit 8 Plätzen (Segall/Weinrich 1925, S. 4f; Schiebler 1994, S. 202; siehe auch Kirchheim 1911, S. 21; Arnsberg 1983 Bd. 2, S. 110). Das Heim, in dem zeitweise auch Studentinnen wohnten, beherbergte „Lehrerinnen, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Haus- und sonstige Beamtinnen sowie andere weibliche Angestellte höherer Bildung“, die ihren Beruf durch Alter oder Gebrechen nicht mehr ausüben konnten. Neben einer mindestens zehnjährigen Erwerbstätigkeit sollten sie in der Regel das 45. Lebensjahr überschritten haben. Die Gründung eines jüdischen Lehrerinnenheims erfolgte wohl auch im Zuge des 1880 im Wilhelminischen Kaiserreich eingeführten ‚Lehrerinnenzölibats‘: Bei Eheschließung mussten Lehrerinnen und Beamtinnen aus dem Berufsleben ausscheiden, weshalb viele unverheiratet und ohne Nachkommen blieben, was Christinnen wie Jüdinnen gleichermaßen betraf. Jedoch: „Und wir jüdischen Frauen haben noch mit der besonderen Schwierigkeit zu kämpfen, die man überall der Jüdin entgegensetzt“ (Löffler 1932, S. 40; siehe auch Bericht 1911). Am 20. Mai 1932 gedachte das Heim seiner am 14. April 1932 mit fast 79 Jahren verstorbenen Mitbegründerin und „ersten und ältesten Vorstandsdame“ Ida Dann (zit. nach Gedenkfeier 1932, Familienname im Artikel irrtümlich „Damm“). Im Februar 1933 feierten dort zwei langjährige Bewohnerinnen, Ida Bernstein und Rosalie Heinemann, ihren 75. bzw. 85. Geburtstag. Für den Herbst 1933 war eine Jubiläumsfeier zum 25-jährigen Bestehen des Heims geplant (P.R. 1933). Seit dem 1. Juni 1942 führten die NS-Behörden das Israelitische Lehrerinnenheim als ‚Jüdisches Altersheim‘ Rückertstraße (siehe unten).

Das 1874 in Rödelheim eröffnete und 1910 infolge der Eingemeindung Rödelheims nach Frankfurt am Main dem städtischen Krankenhaus zugeordnete Jüdische Krankenhaus der Joseph und Hannchen May´schen Stiftung, Alexanderstraße 96, wurde 1922 umgewandelt in Altersheim des Frankfurter Verbands für Altersfürsorge. Die Institution blieb interkonfessionell: Dort verlebten jüdische und christliche Seniorinnen und Senioren gemeinsam ihren Lebensabend – bis zur nationalsozialistischen Zäsur 1933. Offenbar bestand im Hause noch bis Juli 1937 ein jüdischer Betsaal. Heute befindet sich am Standort Alexanderstraße 94-96 mit dem Sozial- und Rehazentrum West weiterhin ein (nichtjüdisches) Alten- und Pflegeheim, in dem eine kleine Ausstellung an dessen jüdische Geschichte erinnert.

Ebenso wie das Jüdische Krankenhaus der Joseph und Hannchen May’schen Stiftung in Rödelheim wurde auch das Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen, Röderbergweg 18-20, seit Beginn der 1920er Jahre zunehmend als Altersheim genutzt; die Bettenzahl betrug 18 (Frauenkrankenkasse) bzw. 15 (Männerkrankenkasse) (Segall/Weinreich 1925, S. 4f.). Die mindestens zwei Jahrhunderte umfassende, in der Ghettozeit wurzelnde Geschichte der wohl ältesten Frankfurter jüdischen Pflegeinstitution endete als NS-Sammelager vor den Deportationen; alliierte Luftangriffe zerstörten die ‚arisierten‘ Gebäude.

Die Senioren-Wohnanlage und Pflegeheim der Henry und Emma Budge-Stiftung, seit 1967 im Frankfurter Stadtteil Seckbach, Wilhelmshöher Straße, ansässig, hat sich dem jüdisch-christlichen Zusammenleben nach der Schoah verpflichtet. Damit setzt sie die Tradition ihrer 1930 im Edingerweg eröffneten Vorläuferin, dem von Emma Budge und Henry Budge bereits 1920 gestifteten Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen fort, die satzungsgemäß eine je zur Hälfte jüdische und christliche Belegung vorsah. 1938 verfügte der nationalsozialistische Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt die rassistische Trennung der Bewohner/innen in eine jüdische und eine ‚arische‘ Abteilung. Zu dieser Zeit wohnten noch 60 jüdische Menschen im Heim, die aber bis zum 31. März 1939 das Budge-Heim verlassen mussten. Das Budge-Heim hieß nun „Heim am Dornbusch“; nichts sollte mehr an das jüdische Stifterehepaar erinnern. 1942 wurden ehemalige jüdische Bewohnerinnen und Bewohner des Budge-Heims in die Vernichtung deportiert; die christlichen wurden wegen der Luftangriffe in anderen Häusern im Frankfurter Stadtgebiet verlegt, dann nach Bad Salzhausen evakuiert und schließlich im Schloss Wächtersbach untergebracht. Nach der Kapitulation beschlagnahmten die amerikanischen Militärbehörden das schwer beschädigte Gebäude im Edingerweg, das sie seit der Wiederbelebung der Henry und Emma Budge-Stiftung 1956 als Mieter weiterhin nutzten.

Über die in der Stadt unterhaltenen Einrichtungen hinaus gab es Institutionen der jüdischen Seniorenpflege in Kurgebieten, die von Frankfurt am Main aus initiiert und verwaltet wurden, etwa das 1930 im Bade- und Kurort Bad Ems (Rheinland-Pfalz) eröffnete Erholungs- und Altersheim für jüdische Lehrer, Kantoren und Gelehrte. Es bestand bis 1939.

NS-Zeit: vom Altersheim zum Ghettohaus
Ein besonders deprimierendes und beschämendes Kapitel betrifft die Einrichtung jüdischer ‚Altersheime‘ als Sammellager im nationalsozialistischen Frankfurt. Der Bedarf an jüdischen Alters- und Pflegeheimplätzen stieg u.a. durch Zuzug aus dem hessischen Umland und die Vertreibung jüngerer antisemitisch Verfolgter, die ihre gebrechlichen Angehörigen – auch wegen Einreisebeschränkungen der Aufnahmeländer – zurücklassen mussten. Neben der verstärkten Inanspruchnahme bestehender Institutionen wie der Versorgungsanstalt für Israeliten und des Krankenhauses der Israelitischen Krankenkassen wurden auch Altersheime als Ghettohäuser (‚Judenhäuser‘) belegt. Wegen der hohen Fluktuation wurden die Heime zuletzt häufig von fachfremdem Personal geleitet. Folgende NS-Sammellager für alte Menschen sind bisher bekannt (Andernacht/ Sterling 1963, S. 481, S. 507-533):
– die als „Gemeinschaftsunterkunft“ Hermesweg 5/7 ausgewiesene letzte jüdische Kranken- und Pflegestation;
‚Jüdisches Altersheim‘ Feuerbachstraße 14, zuletzt geleitet von Erna Blum. Zum Pflegepersonal gehörte Nora Gottfeld, die in der NS-Zeit ihren Beruf als Porzellanmalerin aufgeben musste und danach im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde, im Altersheim Feuerbachstraße und zuletzt im Altersheim Niedenau als Kranken- und Altenpflegerin arbeitete. In die Feuerbachstraße wurden auch Bewohner/innen der Versorgungsanstalt für Israeliten verlegt, so der verwitwete Kaufmann Salomon Hirschberger.
‚Jüdisches Altersheim‘ Hans-Handwerk-Straße 30, geleitet von der früheren Verkäuferin Jenny Dahlberg. In dieses Sammellager wiesen die NS-Behörden vor allem Betreute der Jüdischen Wohlfahrtspflege wie Johanna (Hannchen) Löwenberg ein.
‚Jüdisches Altersheim‘ Niedenau 25, geleitet von Dora Kaufherr. Für die Bewohner/innen sei hier stellvertretend Rosa Natt-Fuchs genannt.
‚Jüdisches Altersheim‘ Rechneigrabenstraße (Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen), Rechneigrabenstraße 18-20 (Leitung bislang unbekannt);
‚Jüdisches Altersheim‘ Reuterweg 91, geleitet von Rosa (Rosel) Möser, die die Schoah überlebte;
‚Jüdisches Altersheim‘ Rückertstraße 49 (Leitung bislang unbekannt);
‚Jüdisches Altersheim‘ Sandweg 7 (Leitung bislang unbekannt);
‚Jüdisches Altersheim‘ Wöhlerstraße 6, 8, 13 (Leiterinnen: Cilly Bachrach, Martha Katzenstein), wohin die NS-Behörden zwangsweise aus ländlichen Gebieten nach Frankfurt zugezogene ältere Menschen einwiesen.

Zur letzten Frankfurter jüdischen Institution nicht nur der Krankenpflege, sondern auch der Altenpflege wurde das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde, Gagernstraße 36: „Die zur Verfügung stehende Bettenzahl ließ sich […] von 324 um 49 auf 373 erhöhen. Ende September 1941 war das Krankenhaus belegt mit 120 Patienten, mit 128 Alten und Siechen, zusammen 248“ (Gestapo-Beauftragter Holland, zit. n. Andernacht/ Sterling 1963, S. 471). Der Betsaal wurde zum Schlafsaal, die koscher geführte Küche zur Notstandsküche, die Wäscherei des Klinikbetriebs versorgte die noch verbliebenen ‚jüdischen Altersheime‘ mit. Dass das Krankenhaus Gagernstraße vor den Deportationen für einige Monate zum letzten Refugium für jüdische Gebrechliche und Pflegebedürftige in Frankfurt wurde, war nicht zuletzt das Verdienst engagierter Krankenschwestern wie Thea Höchster. 1942 waren nach Hilde Steppes Angaben „fast 400 Menschen im Krankenhaus als Patienten untergebracht, dazu über 100 Angestellte und 37 Lehrschwestern“ (Steppe 1997: 246). Sie wurden während und nach der im September 1942 durchgeführten NS-Zwangsräumung in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert (siehe Kingreen 1999b sowie Karpf 2004). Die bereits eingeleitete ‚Arisierung‘ des letzten jüdischen Krankenhauses in Frankfurt am Main durchkreuzten 1943 alliierte Luftangriffe, die das Klinikgebäude stark beschädigten.

Nach 1945: Bruch, Kontinuität, Neuanfang
Nach dem Ende des Nationalsozialismus scheiterten Versuche, das Frankfurter jüdische Krankenhaus am Standort Gagernstraße in geringerem Umfang wieder zu errichten. Doch wurde im noch erhaltenen Rundbau 1946 ein Alters- und Siechenheim eingerichtet, dessen erste Leiterinnen, Rosa (Rosel) Möser und Else Herlitz, dort unter zunächst recht eingeschränkten Bedingungen betagte und pflegebedürftige Schoah-Überlebende versorgten. Seit 1952 erwuchs aus diesen widrigen Anfängen auf dem Areal Gagernstraße/ Bornheimer Landwehr des früheren Krankenhauses und Schwesternhauses das heutige Altenzentrum (Senioren- und Pflegeheim mit Ateret-Zwi-Synagoge) der Jüdischen Gemeinde. Nach umfassenden Baumaßnahmen birgt heute ein modernes Gebäudeensemble mit Parkanlage eine der größten jüdischen Senioreneinrichtungen Europas. Die Bewohner/innen kommen aus vielen Nationen, ein Teil ist nichtjüdisch. Wegweisend sind der Umgang mit (extrem-)traumatisierten alten Menschen und das interkulturelle Pflegekonzept. Als zweite zentrale Frankfurter Institution jüdischer Altenhilfe und Altenpflege nach der Schoah wurde 1967 die jüdisch-christliche Senioren-Wohnanlage und Pflegeheim der Henry und Emma Budge-Stiftung, Wilhelmshöher Straße, wieder eröffnet. Mit ihrer im November 2011 eingeweihten Gedenkstätte, unter deren 23 Namen sich auch der von Emma Israel befindet, schuf sie ein Erinnerungsdenkmal für die ermordeten Bewohnerinnen und Bewohner des ‚alten‘ Budge-Heims.
Die Forschung zu Persönlichkeiten, Institutionen und Anliegen der Frankfurter jüdischen Altenpflege und Altenhilfe gilt es fortzusetzen. Die Autorin dankt Monica Kingreen † (Jüdisches Museum und Fritz Bauer Institut, Frankfurt/M.) für wertvolle Informationen und Anregungen.

Birgit Seemann, 2012, aktualisiert 2017

 

Ausgewählte Literatur


Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 Bände

Bergmann, Michel 2010: Die Teilacher. Roman. Zürich, Hamburg

Bergmann, Michel 2011: Machloikes. Roman. Zürich, Hamburg

Bericht 1911: o.Verf., Frankfurt a. M. [Bericht zur Anstellung jüdischer Lehrkräfte]. In: Im deutschen Reich 17 (1911) 2, S. 96-97, Online-Ausg.: www.compactmemory.de

Gedenkfeier 1932: o.Verf., Gedenkfeier. In: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt 10 (1932), Juni, Nr. 10, Rubrik „Persönliche Nachrichten“, S. 221, http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2007/38011/original/Gemeindeblatt_1932_10.pdf

Karpf, Ernst 2004: Judendeportationen von August 1942 bis März 1945, http://www.ffmhist.de/

Kingreen, Monica (Hg.) 1999: „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938 – 1945 Frankfurt/M., New York

Kingreen, Monica 1999a: Zuflucht in Frankfurt. Zuzug hessischer Landjuden und städtische antijüdische Politik. In: dies. (Hg.) 1999, S. 119-155

Kingreen, Monica 1999b: Gewaltsam verschleppt aus Frankfurt. Die Deportationen der Juden in den Jahren 1941-1945. In: dies. (Hg.) 1999, S. 357-402

Kirchheim, Raphael M. 1911: Verzeichnis der Frankfurter jüdischen Vereine, Stiftungen und Wohltätigkeitsanstalten. O.O. [Frankfurt/M.] – Weitere Ausg. ebd. 1917. – Online-Ausg. Frankfurt/M.: Univ.-Bibliothek, 2009, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30-181640501004

Löffler, Ilse 1932: Die Frau im akademischen Beruf. In: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt 10 (1932), Juni, Nr. 10, Beilage „Jugend und Gemeinde“, Hg. von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde [zu Frankfurt am Main]. Rubrik „Persönliche Nachrichten“, S. 39-40. – Online-Ausg. 2007, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main:
http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2007/38011/original/Gemeindeblatt_1932_10.pdf

Maierhof, Gudrun 2002: Selbstbehauptung im Chaos. Frauen in der jüdischen Selbsthilfe 1933–1943. Frankfurt/M., New York

Müller, Bruno 2006: Stiftungen in Frankfurt am Main. Geschichte und Wirkung. Neubearb. u. fortgesetzt durch Hans-Otto Schembs. Frankfurt/M.

P.R., Zwei Jubilarinnen. In: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt 11 (1933), März, Nr. 7, Rubrik „Persönliche Nachrichten“, S. 169, Online-Ausg. Frankfurt/M., Univ.bibl. 2007, http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2007/38011/original/Gemeindeblatt_1933_07.pdf

Schiebler, Gerhard 1988: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger, Arno (Hg.) 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargest. v. Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen 1994, S. 11-288

Segall, Jakob/ Weinreich, Frieda (Red.) 1925: Die geschlossenen und halboffenen Einrichtungen der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Hg. v. d. Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Berlin. – Online-Ausg. Frankfurt/M.: Univ.-Bibl. 2009, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30-180015307004

Seide, Adam 1987: Rebecca oder ein Haus für Jungfrauen jüdischen Glaubens besserer Stände in Frankfurt am Main. Roman. Frankfurt/M.

Statut Rothschild´sches Altersheim 1907: Statut der Stiftung: Freiherrlich Wilhelm u. Freifrau Mathilde von Rothschild’sches Altersheim für Israelitische Frauen und Jungfrauen besserer Stände [um 1907]. Online-Ausg. Frankfurt/M.: Univ.-Bibl., 2011, http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307739

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.

Tauber, Alon 2008: Zwischen Kontinuität und Neuanfang. Die Entstehung der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Frankfurt am Main 1945-1949. Wiesbaden

Internetquellen in Auswahl (Aufruf aller Links im Beitrag am 24.10.2017)


Budge-Heim: Henry und Emma Budge-Stiftung (Seniorenanlage und Pflegeheim): https://www.budge-stiftung.de/

ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (mit Datenbank): www.stadtgeschichte-ffm.de sowie http://www.ffmhist.de/

JAZ Ffm: Jüdisches Altenzentrum Frankfurt am Main mit Seniorenheim: http://www.altenzentrum.jg-ffm.de/

JM Ffm: Jüdisches Museum und Museum Judengasse Frankfurt am Main (mit der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz): www.juedischesmuseum.de

Stolpersteine Ffm: Initiative „Stolpersteine“ Frankfurt am Main: www.stolpersteine-frankfurt.de

Vor dem Holocaust Ffm: Vor dem Holocaust – Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen. Betreiber: Fritz Bauer Institut, Frankfurt/M. Idee und Konzeption: Monica Kingreen: www.vor-dem-holocaust.de

ZWST: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: http://www.zwst.org/de/home/

 

Spitäler im Frankfurter Judenghetto

Die Errichtung des Ghettos
In Frankfurt am Main wurden jüdische Einwohner/innen bereits im Jahre 1074 urkundlich erwähnt (Mayer 1966, S. 9). Die Pogrome von 1241 und 1349 vernichteten die ersten Frankfurter jüdischen Gemeinden. Nach ihrer Wiederansiedlung lebten die Jüdinnen und Juden weiterhin ungesichert, rechtlich diskriminiert und ständig bedroht von einem auf Vertreibung abzielenden christlichen Antijudaismus. Es gab jedoch kein Verbot für Juden, in christliche Stadtviertel zu ziehen, ebenso wohnten christliche Frankfurter/innen auch im Judenviertel. Wie sich das jüdische Pflegewesen in dieser Zeit gestaltete, ist weitgehend unbekannt, doch gab es wohl keine strikte Trennung, so dass bei Bedarf gewiss Juden von Christen und Christen von Juden versorgt werden konnten. Schon im 14. Jahrhundert betreuten jüdische Ärzte auch christliche Patienten. Solche Formen der Koexistenz (vgl. aber Grebner 2009) endeten abrupt, als der Frankfurter Rat 1460 – über ein Jahrhundert nach dem letzten Pogrom – die Errichtung eines Judenghettos beschloss (vgl. zu den Gründen Backhaus u.a. 2006). Zwei Jahre später mussten die jüdischen Familien ihre Wohnungen verlassen und wurden dorthin umgesiedelt. Näheres erfahren wir aus der online zugänglichen Informationsdatenbank des Museums Judengasse in Frankfurt am Main: „Die Judengasse, das Frankfurter Judenghetto, lag in der heutigen östlichen Innenstadt. Sie begann an der Konstablerwache, lief entlang der Staufenmauer und führte über die heutige Kurt-Schumacher-Straße bis zu dem Gelände, auf dem jetzt das Gebäude der Stadtwerke steht. Die Judengasse war ganz von Mauern umgeben und so von der übrigen Stadt abgetrennt. Am Nord- und am Südende sowie in der Mitte der zur Innenstadt hin gelegenen Westseite, am so genannten Judenbrückchen, gab es Tore. Diese wurden jede Nacht sowie an Sonn- und Feiertagen abgeschlossen; die Juden konnten ihre enge Gasse also nur werktags verlassen.“ Die Frankfurter Judengasse, das „erste Ghetto in Deutschland und eines der ersten in Europa“ (Einleitung in Backhaus u.a. 2006, S. 10), schloss die jüdische Minderheit von der christlichen Mehrheitsbevölkerung räumlich ab. Zugleich boten die Ghettomauern keinen Schutz: Während des Fettmilch-Aufstands (1614) drangen antisemitische Angreifer in die Judengasse ein, vertrieben die Bewohner/innen und plünderten deren Häuser.

Fotografie: Frankfurter Judengasse, Teilansicht, um 1868.
Frankfurter Judengasse, Teilansicht, um 1868 — Foto: Theodor Creifelds (Quelle: Wikimedia)

Die Spitäler
Erst die Zwangsmaßnahme der Ghettoisierung förderte ein eigenes jüdisches Spital- und Krankenhauswesen, das mehrere Jahrhunderte überdauern sollte. Das erste jüdische Spital, „Hekdesch“ (oder „Hakdesch“, neuhebräisch: ein den Armen und Kranken „geweihtes“ Haus), auch „Heckhaus“ genannt, zählte zu den ältesten Häusern des Frankfurter Judenghettos; es wurde 1462 auf dem Gelände der Konstablerwache errichtet. Als so genanntes Fremdenhospital beherbergte es Arme und Kranke, die von auswärts kamen und – anders als die Bewohner/innen der Judengasse – in Frankfurt kein Aufenthaltsrecht (Judenstättigkeit) besaßen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versorgte ein Ehepaar, das mit seinem Kind selbst im Hekdesch wohnte, etwa 15 Patientinnen und Patienten. Nach einem Großbrand wurde die Einrichtung 1711 von der Judengasse auf das Gelände des Jüdischen Friedhofs (Battonnstraße) und des angrenzenden Völkerschen Bleichgartens verlegt, ebenso das Spital für einheimische Kranke (Haus 102 des Ghettos, genaues Eröffnungsdatum ungeklärt). Dort befand sich bereits seit 1535 die dritte Pflegeeinrichtung, das so genannte Blatternhaus (Blattern = Pocken) für ansteckende Krankheiten, auch „Hotser“ genannt. Das Spital für einheimische Juden und das Blatternhaus wurden vermutlich noch im gleichen Jahrhundert baulich vereint; das einstöckige Gebäude mit kleiner Synagoge und einer Wohnung für den „Krankenwärter“ befand sich auf dem Areal der später (1882) errichteten Börneplatz-Synagoge. Das einstige Fremdenhospital, das Hekdesch, erhielt 1718 eine neue Anlage mit 6 kleinen Häusern, die bis zu ihrer Zerstörung durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg erhalten blieben.

Die Pflege
Um die Kranken und Pflegebedürftigen in den Einrichtungen des Judenghettos kümmerten sich so genannte Krankenwärter; durch die geschlechtsspezifische Aufteilung der Pflege waren auch weibliche Krankenwärter tätig. Als niedere Angestellte der Jüdischen Gemeinde erhielten sie nur geringen Lohn und wohnten überwiegend in einfachen Häusern nahe der Spitäler. Die Verwaltung der Pflegeeinrichtungen oblag als unbesoldetes Ehrenamt den „Hospitalmeistern“, die innerhalb der jüdischen Gemeindeverwaltung einen hohen Rang inne hatten. Aus wohlhabenden Familien stammend, übten sie auf diesem Wege die jüdisch-religiöse Verpflichtung zum sozialen Ausgleich durch Wohltätigkeit („Zedaka“) aus. Unter anderem durch Bevölkerungswachstum stieg während des 16. Jahrhunderts im Frankfurter Judenghetto der Pflegebedarf. Seitdem war für die unmittelbare Pflege neben den Krankenwärterinnen und -wärtern zusätzlich ein „Hekdeschverwalter“ (auch: „Hekdeschmann“) zuständig. In der Funktion eines Oberpflegers leitete er das Spital, in dem er zusammen mit seiner Familie auch selbst wohnte. Seit dem 17. Jahrhundert hatte die jüdische Gemeinde durchgängig zwei Gemeindeärzte angestellt, denen sie folgende Auflagen machte: Für die Behandlung wohlhabender Kranker waren die Honorarsätze genau festgelegt, Arme wurden unentgeltlich behandelt. Jüdische Ärzte und Ärztinnen genossen seit dem Hochmittelalter ein so hohes Ansehen, dass über die Ghettoschranken hinweg auch Christen bei ihnen Heilung suchten. Von 1631 bis um 1640 war der namhafte Arzt und Gelehrte Dr. Josef Salomo del Medigo (auch: Joseph Solomon Delmedigo) (1591 – 1655) als Gemeindearzt im Frankfurter Judenghetto tätig; ihm folgte um 1640 sein Schüler und Schwiegersohn Zalmann Bingen (Lebensdaten unbekannt).

„Hinaus aus dem Ghetto…“
1796 brannte das Judenghetto – diesmal durch Beschuss französischer Truppen – ein weiteres Mal nieder. Die obdachlos gewordenen Bewohner/innen wurden außerhalb des Ghettos untergebracht. Obwohl die Frankfurter Stadtregierung den Wiederaufbau nicht mehr durchsetzen konnte, hob sie den Ghettozwang erst 1811 formal auf. Nach weiteren Auseinandersetzungen mit dem Frankfurter Rat konnten jüdische Frankfurter/innen – nach mehr als drei Jahrhunderten! – seit September 1824 wieder uneingeschränkt im gesamten Stadtgebiet wohnen. Wohlhabende Familien zogen seit Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt ins Frankfurter Westend, während die ärmeren auf dem Gelände des Ende der 1880er Jahre abgerissenen Judenghettos zurück blieben. Im Jahre 1885 wurde die Judengasse nach dem als Juda Löw Baruch noch im Ghetto geborenen politischen Autor und Journalisten Ludwig Börne (1786 – 1837) in Börnestraße umbenannt. Die lange Gefangenschaft war zu Ende, der Weg für die Emanzipation frei. Der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen mit den christlichen Frankfurter Stadtbürgern im Jahre 1864 (1871 folgte die Egalisierung im gerade gegründeten Deutschen Kaiserreich) gab zugleich den Anstoß für die Gründung moderner jüdischer Krankenhäuser in Frankfurt am Main, die ihre Pforten für Kranke aller Konfessionen öffneten. Diese Einrichtungen traten die Nachfolge des unter Ghettobedingungen organisierten jüdischen Pflegewesens an.

Birgit Seemann, 2009, aktualis. 2017

Literatur


Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 Bände

Backhaus, Fritz 2000: „Im Heckhuß die Lahmen, Blinden und Hungerleider…“. Die sozialen Institutionen in der Frankfurter Judengasse. In: Jersch-Wenzel, Stefi (Hg.) 2000: Juden und Armut in Mittel- und Osteuropa. Hg. in Verbindung mit François Guesnet [u.a.] im Auftrag des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur e.V. Köln [u.a.], S. 31-54

Backhaus, Fritz u.a. (Hg.) 2006: Die Frankfurter Judengasse. Jüdisches Leben in der frühen Neuzeit. Frankfurt/M.

Backhaus, Fritz/ Gross, Raphael/ Kößling, Sabine/ Wenzel, Mirjam (Hg.) 2016: Die Frankfurter Judengasse. Katalog zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. Geschichte, Politik, Kultur. München


Bolzenius, Rupert 1994: Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland. Das Hekdesch der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und seine Nachfolgeeinrichtungen. Das israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache in Köln. Das Jüdische Krankenhaus in Gailingen. Das Israelitische Altersheim in Aachen. Unveröff. Diss. med., Techn. Hochsch. Aachen

Burger, Thorsten 2013: Frankfurt am Main als jüdisches Migrationsziel zu Beginn der Frühen Neuzeit. Rechtliche, wirtschaftliche und soziale Bedingungen für das Leben in der Judengasse. Wiesbaden.

Grebner, Gundula 2009: Gewalt im Alltag. Frankfurt am Main. In: Kalonymos. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut 12 (2009) 2, S. 1-6

Heuberger, Georg [Hg.] 1992: Stationen des Vergessens – der Börneplatzkonflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung / Museum Judengasse. [Hg. i. A. … der Stadt Frankfurt am Main; Jüdisches Museum. Red.: Roswitha Nees, Dieter Bartetzko]. Frankfurt/M.

Heuberger, Rachel/ Krohn, Helga (Hg.) 1988: Hinaus aus dem Ghetto… Juden in Frankfurt am Main. 1800 – 1950. Begleitbuch zur ständigen Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt am Main. Mit Beitr. v. Cilly Kugelmann [u.a.]. Frankfurt/M., S. 13-38

Kasper-Holtkotte, Cilli 2010: Die jüdische Gemeinde von Frankfurt/Main in der Frühen Neuzeit. Familien, Netzwerke und Konflikte eines jüdischen Zentrums. Berlin; New York, NY

Mayer, Eugen 1966: Die Frankfurter Juden. Blicke in die Vergangenheit. Frankfurt/M.

Murken, Axel Hinrich 1993/94: Vom Hekdesch zum Allgemeinen Krankenhaus. Jüdische Krankenhäuser im Wandel ihrer 800jährigen Geschichte vom 13. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg, in: Historia Hospitalium 19 (1993/94), S. 115-142

Schembs, Hans-Otto (Bearb.) 1978: Bibliographie zur Geschichte der Frankfurter Juden. 1781-1945. Hg. v. d. Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Bearb. v. Hans-Otto Schembs mit Verwendung d. Vorarbeiten v. Ernst Loewy u. Rosel Andernacht. Frankfurt/M.

Wolf, Siegbert (Hg.) 1996: Frankfurt am Main. Jüdisches Städtebild. Mit 21 Fotografien. Frankfurt/M. [Mit Beiträgen u.a. von Goethe zur Judengasse]

Weitere Quellen


Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (Hg.) 1996: Orte der Erinnerung. Juden in Frankfurt am Main. [Topographische Stadtkarte]. Frankfurt/M.

Museum Judengasse Frankfurt am Main: Infobank des Jüdischen Museums: http://www.museumjudengasse.de/de/home/, 20.10.2017

Wamers, Egon/ Grossbach, Markus 2000: Die Judengasse in Frankfurt am Main. Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen am Börneplatz. Unter Mitarb. v. Jens Lorenz Franzen [u.a.]. [Hg. … vom Museum für Vor- und Frühgeschichte, Archäologisches Museum, der Stadt Frankfurt am Main]. Stuttgart

Jüdische Orte der Pflege in Bad Nauheim

Bad Nauheims Bedeutung als Kurstadt
Die jüdische Gemeinde von Bad Nauheim wurde 1830 gegründet. 1854, eine Zeit in der die Bedeutung als Kurort enorm wuchs, erhielt Nauheim die Stadtrechte und ab 1869 den Namenszusatz „Bad“. 1910 hatte die jüdische Gemeinde eine Mitgliederanzahl von 164 Personen erreicht (vgl. Alemannia Judaicaa).
Die Entwicklung zur Kurstadt war durch das Vorkommen salzhaltiger Quellen und begünstigt, welches Angebote für Kuren ermöglichte. Zusätzlich konzessionierte die hessisch kurfürstliche Landesregierung eine Spielbank, mit deren Hilfe Kureinrichtungen finanziert werden konnten. Auf Veranlassung von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein enstanden weitere Einrichtungen, z. B. die beeindruckende Jugendstilkuranlage des „Sprudelhofs“ (Bauzeit 1905 bis 1912) (vgl. Stadt Bad Nauheim). Bevorzugt traf sich in Bad Nauheim die „bessere Gesellschaft“, unter ihnen Otto von Bismarck, die deutschen und österreichischen Kaiserpaare, das russische Zarenpaar, aber auch Schauspielerinnen und Schauspieler, Schriftsteller und Wissenschaftler (vgl. Alemannia Judaicaa).
In der Kursaison 1880 zählte man bereits rund 1.000 Gäste, zum Teil aus Rumänien, Russland oder Ägypten. Behandelt wurden sie u. a. von den damals sehr bekannten jüdischen Ärzten Dr. August Schott, Prof. Theodor Schott, Dr. Sigurd Benjamin Gräupner oder dem Geheimen Medizinalrat Prof. Dr. Isidor Groedel, der als Arzt der deutschen Kaiserin besondere Berühmtheit erlangt hatte.

Fotografie: Grab des Stoliner Rabbis, genannt "der Frankfurter", auf dem Jüdischen Friedhof in der Rat Beil Straße in Frankfurt am Main.
Grab des Stoliner Rabbis, genannt „der Frankfurter“, auf dem Jüdischen Friedhof in der Rat Beil Straße in Frankfurt am Main. © Edgar Bönisch 2014

Da es auch den einen oder anderen Todesfall unter den Kurgästen gab, findet man deren Gräber heute auf dem jüdischen Friedhof Bad Nauheim (Link) (vgl. Alemannia Judaicaa). Auch Israel Perlow aus Stolin starb während eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim. Der dem „Karliner“ Chadissmus angehörende Rabbi ist auf dem Friedhof in der Rat-Beil-Straße in Frankfurt beigesetzt (vgl. Kolb 1987: 110). Sein Grab wurde im Laufe der Jahre zu einer Pilgerstätte für orthodoxe Juden aus der ganzen Welt, die an das Grab des „Wunderrabbis“ Wunschzettel heften oder Gedenkkerzen anzünden.

Anfang der 1930er Jahre praktizierten etwa 50 jüdische Ärzte, oft spezialisiert auf Herzkrankheiten, und Zahnärzte in Bad Nauheim, die meist zum liberalen Judentum zählten. Insgesamt 17 jüdische Hotels und Pensionen sorgten, neben den weiteren Unterkünften, für die Kurgäste (vgl. Alemannia Judaicaa). Diese Konzentration jüdischer Einrichtungen führte dazu, dass Bad Nauheim im August und September 1914, nach Beginn des 1. Weltkriegs, ein zentraler Internierungsort für osteuropäische Juden, meist Russen, die zu den „feindlichen Ausländern“ zählten, wurde. Sie lebten, wegen des dort gepflegten orthodoxen Ritus, in den jüdischen Hotels und Pensionen, bevor sie über Schweden nach Russland ausgewiesen wurden (vgl. Kolb 1987: 107).

Die Arztfamilie Groedel und das Sanatorium Dr. Groedel
Eine besonders bekannte Arztfamilie mit eigenem Sanatorium möchte ich hier als Beispiel für die Bad Nauheimer Ärzteschaft anführen: Geheimrat Dr. Isidor Groedel und sein Sohn Dr. Franz Groedel. Sicherlich kamen die Patienten aus aller Welt nicht allein wegen des jüdischen Glaubens der Mediziner. Bad Nauheim und seine Ärzte waren zu ihrer Zeit die Spezialisten für Herzkrankheiten und „Dr. Franz Groedel war unumstritten der bedeutendste Arzt der Bad Nauheimer Geschichte“ (Kolb 1987: 98f.).

Fotografie: Das Sanatorium Dr. Groedel in der Terrassenstraße 2 in Bad Nauheim.
Terrassenstraße 2 / Das Sanatorium Dr. Groedel in der Terrassenstraße 2 in Bad Nauheim. © Dr. U. Stamm, um 2010 Weitere Angaben

In der Terrassenstraße 2 ließ Isidor Groedel (1850-1921) in den Jahren 1907 und 1908 von dem Architekten Wilhelm Jost, der auch den Sprudelhof baute, ein eigenes Sanatorium errichten. Die Baubeschreibung beginnt mit den folgenden Worten: „Dem Architekten des Neubaues, Bauinspektor W. Jost in Nauheim, war vom Bauherrn eine reizvolle Aufgabe gestellt: An der von schönen Bäumen bestandenen und nur auf einer Seite bebauten Straße sollte er eine hohen Ansprüchen genügende Heilanstalt ohne ängstliche Kostenschonung in gediegener und ansprechender Durchbildung schaffen“ (Zentralblatt der Bauverwaltung: 210). Im Jahr 1912 war dann auch die Kaiserin Augusta Viktoria, Frau des deutschen Kaisers, zu Gast. Franz Groedel (1881-1951), sein Sohn, übernahm die Klinik im Jahr 1921, während er gleichzeitig seit 1909 die Röntgenabteilung am „Hospital zum heiligen Geist“ in Frankfurt leitet, sich 1920 an der Universität Frankfurt habilitierte und dort 1926 zum außerordentlichen Professor berufen wurde (vgl. Deutsche Biographie). 1931 übernahm er auf Wunsch der Stifterin Frau Louise E. Kerkhoff, das neu gegründete William-Groedel-Kerkhoff-Herzforschungsinstitut (vgl. Kolb 1987: 99). 1933 emigrierte Franz Groedel: Er kehrte von einer Vortragsreise in den USA nicht mehr nach Deutschland zurück (vgl. Zoske 1966: 109f). Das Kerkhoff-Institut wurde später zum Grundstein des heutigen Max-Planck-Instituts für Herz und Lungenforschung in Bad Nauheim.

Die jüdischen Kureinrichtungen für Arme
Neben den Kurstätten für die Reichen gab es in Bad Nauheim das Israelitische Männerheim, das Israelitische Frauenheim und die Israelitische Kinderheilstätte. Hier konnten arme Juden und Jüdinnen preisgünstig oder sogar kostenlos Kurbehandlungen genießen (vgl. The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust, zit. nach Alemannia Judaicaa).

Das Israelitische Männerheim
1875 wurde der„Unterstützungsverein für arme israelitische Kurbedürftige in Bad Nauheim“ gegründet (vgl. Alemannia Judaicaa), andere Quellen sprechen von 1876 (Kingreen 1998c). Seine Aufgabe war die Verpflegung unbemittelter israelitischer Männer im eigenen Heim des Vereins zum Zwecke des Kurgebrauchs in Bad Nauheim (ebd.). 1909 kaufte der Verein, der inzwischen in Frankfurt residierte, eine Villa (erbaut 1896) in der Frankfurter Straße 58 (Link) in Bad Nauheim (ebd.).
Der Jahresbericht 1914 informiert, dass sich im Jahr 1912 37 Kurgäste im Heim aufhielten. Weiter berichtet er über die instabile finanzielle Lage, noch verzeichnete man Schulden von 43.000 Mark, weshalb Anträge auf kostenlose Unterbringung abgelehnt werden mussten. Durch Jahresbeiträge der Mitglieder hatte man Einnahmen von 1.534 Mark, Spendeneinnahmen brachten 3.943,85 Mark und Aufnahmegelder der Gäste, 5.902,50 Mark. Als besondere Förderer des Vereins werden die Ärzte Dr. Hirsch, Dr. Lilienstein, Dr. Emil May, Dr. Schönwald, Dr. Wolfheim und die Hotelbesitzer Loeb, Aderl und Flörsheim in Nauheim sowie Fräulein Klara Sandenell in Frankfurt am Main genannt (ebd.).
Um 1915, während das Haus im 1. Weltkrieg als Militärlazarett genutzt wurde, sprach man einfach vom „Israelitischen Männerverein“ (ebd.).
Aus dem Jahr 1925 liegen zwei Zeitungsartikel vor. Daraus wird der interessante und reizvolle religiöse Umgang miteinander gelobt, das liebevolle und sorgende Personal in der Verwaltung, die Oberin, die Schwester und die Zimmermädchen erwähnt, und die Zeitungsartikel äußern sich begeistert von der angenehmen Ausstattung des Hauses“ (Der Israelit 25.6. und 1.10. 1925, zit. nach Alemannia Judaica b).
Bis 1925 war die Kapazität von anfangs 10 auf 30 Plätze in der Villa mit ihren 15 Räumen gewachsen und bot besonders Bäderkuren für Herzkranke an. In diesem Jahr wurde seitlich des Speisesaals eine Glasveranda angebaut. Der Speisesaal selbst diente als Gotteshaus, in ihm befanden sich ein Thoraschrank, das Vorbeterpult und Gebet- und Lehrbücher (Kingreen 1998c).
Von der Generalversammlung des „Israelitischen Männerheim Bad Nauheim – Frankfurt-Main“ erfahren wir aus anderen Zeitungsberichten, dass der Vorsitzende Liebmann Bär war. Der Schriftführer Herr Leopold berichtet in den Artikeln über die schwierige Zeit und ihre Folgen für die Finanzierung des Hauses, und er teilt mit, dass er in das Israelitische Waisenhaus in Mannheim wechseln werde, sein Nachfolger würde Herr Dr. J. Gans, Bleichstraße 62, Frankfurt am Main (vgl. Der Israelit, 5.7.1928, zit. nach Alemannia Judaica b).
Die Kursaison ging gewöhnlich vom 1. Mai bis 1. Oktober eines Jahres, in dieser Zeit wurden die Kranken während der ganzen Zeit des Bestehens des Vereins durch Dr. Emil May versorgt (vgl. Kolb 1987: 102). Als Vorsitzende standen S. Salomon und viele Jahre lang Frau H. Grünbaum dem Verein vor, für 1932 ist Clara Bär in der Eschersheimer Landstr. 107 in Frankfurt als Vorsitzende eingetragen (vgl. Jüdisches Jahrbuch für Hessen Nassau 1933).
1933 brach der Kurbetrieb ein, die potenziellen Gäste konnten das Geld nicht mehr aufbringen. so musste im selben Jahr der Betrieb des Heims eingestellt werden. Es wurde jedoch die Möglichkeit geschaffen, dass auch Männer im gegenüberliegenden Israelitischen Frauenheim aufgenommen werden konnten, wo sie weiter durch Dr. May betreut wurden (vgl. Kingreen 1998c).

Die Geschichte des Hauses nach der Schließung des Männerheims
Die Adresse des Hauses während der Nazizeit war Hermann-Göring-Straße 58, es wurde nun für jüdische Privatwohnungen genutzt. Einige Familiennamen konnte Monika Kingreen (vgl. Kingreen 1998c) aufgrund eines Briefes eines ehemaligen Bewohners nennen: Familie Steinhardt, Familie Eckstein, Familie Kahn, Frl. Meyer mit Schwester. Ergänzen kann ich den Namen Samuel Schloss. Herr Schloss wohnte dort seit 1939, seine Familiengeschichte ist im Internet dokumentiert (vgl. Juden in Themar). Auch wohnten im Haus Angestellte des gegenüberliegenden ehemaligen Israelitischen Frauenheims, z. B. die Oberin der Bezirksschule Frieda Fröhlich. Am 15. September 1942 wurde ein Teil der Bewohner des Hauses, 16 Personen, mit allen Bewohnern des Altenheims (ehemaliges Frauenheim) verschleppt und vermutlich in Treblinka ermordet. 1943 wies die Gestapo Familien in das Haus ein, die als „Mischehen“ verfolgt wurden. Einige von ihnen wurden noch im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert (vgl. Kingreen 1998c und Krause-Schmitt 1995: 311).

Die Nachkriegszeit
Jüdische polnische Überlebende des Holocaust, die vor polnischen antisemitischen Übergriffen fliehen mussten, gründeten im ehemaligen Männerheim im März 1946 einen Kibbuz. Der Name „Chofez Chaim“ übernahm den Titel einer Hauptschrift des orthodoxen Rabbiners Israel Meier Kahan (1833-1933). Entsprechend religiös ausgerichtet war der Kibbuz und diente der Vorbereitung eines Lebens in Erez Israel. Unter der Leitung von Meier Bodener gab es Ausbildungsbetriebe für Schlosser und Feinmechaniker mit 29 Lehrlingen und eine Schneiderei mit 21 Lehrmädchen. In einer Druckerei waren zwei Personen beschäftigt, die auch eine Wandzeitung fertigten. Es gab Fachunterricht, Sprachunterricht und Talmudstunden sowie eine koschere Küche für die rituelle Ernährung. Nach der Auflösung des Kibbuz 1948 blieben einige der Bewohner hier wohnen. 1964 wurde das Haus abgerissen und nichts erinnert nun an das alte Männerheim (vgl. Kingreen 1998c).

Das Israelitische Frauenheim
Die älteste Nachricht zum Israelitischen Frauenheim stammt aus dem Jahr 1902 (vgl. Alemannia Judaica a). Vermutlich wurde in diesem Jahr zunächst ein Verein zur Förderung von Frauenkuren gegründet. 1904 wurde in der Frankfurter Straße Nr. 47 das Israelitische Frauenheim errichtet. Unterstützer waren die Freifrau Mathilde von Rothschild und der Bankier Moses Michael Mainz und weiterer Spender. Zweck war es, mittelosen jüdischen Frauen eine vollständige Badekur möglichst unentgeltlich zu gewähren (vgl. Der Israelit 16.6.1904), wobei es wohl hauptsächlich um herz- und rheumakranke Frauen und Mädchen ging, die im vereinseigenen Heim untergebracht werden sollten. Für 1917 ist bekannt, dass die Kurenden einen Beitrag von 5 Mark leisten mussten (vgl. Kingreen 1998a).
1905 kauften in der Frankfurter Straße 63-65, also gegenüber dem Männerheim, die Baronin Mathilde von Rothschild und ihrer Tochter Adelheid de Rothschild eine Villa für die Stiftung. Der Börsenmakler Moses Michael Mainz, der öfter als Gründer genannt wird, hatte zu dieser Zeit den Vorsitz der Stiftung inne (vgl. ebd.). Die Vorsitzende des Unterstützungsvereins für arme jüdische Kurbedürftige, also des Männerheims, Frau H. Grünbaum, spielte wohl auch eine wichtige Rolle bei der Initiierung des Frauenkurheims (vgl. Der Israelit 20.6.1904, zit. nach Alemannia Judaicab).
1912 wurde eine Nachbarvilla zugekauft, baulich mit dem Ursprungsgebäude verbunden und durch einen Speisesaal erweitert. Man konnte nun 30 Frauen unterbringen, die zudem einen 1.500 qm großen Garten nutzen konnten. Ein Stimmungsbild gibt ein Brief wieder, den Dr. Hertz an den Historiker Stefan Kolb geschrieben hatte. Dr. Siegfried Hertz war der Schwiegersohn und Nachfolger des Anstaltsarztes Dr. Hirsch. Die Zeilen beziehen sich ungefähr auf das Jahr 1914: „Die jüdischen Heime waren unter äußerst orthodoxer Leitung. Ich erinnere mich z. B. noch, wie ich in einem Jahr vor den hohen Feiertagen von den meisten sehr herzkranken Insassen gebeten wurde, ihnen zu erlauben, am Jom Kippur zu fasten“ (Kingreen 1998a).
Aus der Chronik des Heims ist weiter folgendes zu berichten:
Unterstützung erhielt das Frauenheim z. B. durch eine Wohltätigkeitsvorstellung im Promenadenhotel zu Gunsten des Frauen- und Kinderheims unter Teilnahme eines Komitees aus Kurgästen inkl. des Gouverneurs aus Kairo, Cattani Bei Pascha (Allgemeine Zeitung des Judentums 1913).
Für 1916 wird von 300 herzkranken Gästen gesprochen. Im Jahr 1920, in dem auch Winterkuren möglich waren, kamen 135 Frauen ins Kurheim (ebd.).
Während des 1. Weltkriegs fanden im Frauenheim auch Kuren für Kinder statt, da das Kinderheim als Lazarett genutzt wurde (vgl. Kingreen 1999: 13).
Für das Jahr 1925 wurden ca. 40 Kurplätze gemeldet, die Bäderkuren besonders für Herzkranke bieten, geöffnet war vom 1. Mai bis 1. Oktober. Vorsitzender war weiter Moses Michael Mainz, leitender Arzt Dr. Herz, Leiterin Rebekka Lehmann [vermutlich Regina Lehmann, E. B.] (vgl. Alemannia-Judaicab).
In einer Anzeige von 1930 wurde Herr J. F. Ettlinger, Bockenheimer Landstr. 25 in Frankfurt am Main, als Kontaktperson für Kurwillige genannt (vgl. Der Israelit 10.4.1930, zit. nach Alemannia Judaicab).
1930 feierte man gemeinsam mit Gästen aus dem Kinderheim und dem Männerheim, Vertretern der jüdischen Gemeinden aus Frankfurt und Bad Nauheim das 25-jährige Bestehen. Dabei dankte man dem Gründer Michael Moses Mainz, dem langjährigen ehrenamtlichen Anstaltsarzt Sanitätsrat Dr. Hirsch und den Rothschildhäusern Frankfurt und Paris, aber auch der „aufopferungsvollen Oberin, Frl. Regina Lehmann“ und den „ihr zur Hand stehenden Schwestern und Helferinnen“ (Der Israelit 3.7.1930, zit. nach Alemannia Judaicab). Auch den verschiedenen Logen in Frankfurt am Main, die sich mit dem Heim verbunden fühlen, wurde gedankt, jedoch bezeichnet der Zeitungsartikel nicht welche Logen gemeint sind (vgl. Der Israelit 3.7.1930, zit. nach Alemannia Judaicab).
1932 verzeichnet man rückläufige Besucherzahlen, 150 Kurbedürftige waren gekommen (vgl. Jüdische Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung 1933).
1934 fand im Heim die Vorstandssitzung des Jüdischen Frauenbunds Bad Nauheim statt, mit den prominenten Vortragenden Dr. Ernst Simon und Martin Buber, die verschiedene Bibelthemen aufgriffen.
Auf der im selben Jahr stattfindenden Mitgliederversammlung des Israelitischen Frauenheims freute man sich über die stabilen Patientenzahlen von 150 Personen. Es waren zum ersten Mal auch Männer aufgenommen worden, da das Männerheim geschlossen werden musste. Der Kostenbeitrag betrug 110 RM pro Monat. Reparaturen der Häuser wurden beschlossen (vgl. Der Israelit 11.4.1935, zit. nach Alemannia Judaicab).
1935 war die Adresse in Hermann Göring-Straße 63/65 umgenannt worden (vgl. Der Israelit 3.4.1935, zit. nach Alemannia Judaicab).
1937 wurde das Frauenkurheim aufgegeben, die antisemitische Verfolgung ließen keinen Kurbetrieb mehr zu (vgl. Kingreen 1998a) und es wurde als Altenheim weitergeführt.

Das jüdische Altenheim in den Räumen des Frauenkurheims
Zunehmend verließen junge jüdische Menschen Deutschland, und viele alte Menschen blieben, alleine zurück. Entsprechend funktionierte man das Frauenkurheim im Juli 1937 zu einem Altenheim um. Initiatoren waren die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der Provinzialverband und der Lehrer Bettmann (vgl. Kingreen 1998a). Pflegebedürftige ältere Juden aus Gießen wurden bis 1942 ebenfalls dort untergebracht (vgl. Kolb 1987: 176).
Während des Novemberpogroms 1938 kam es zu Ausschreitungen im Heim, und auch danach gab es Überfälle mit eingeschlagenen Fenstern, wohl meist von Jugendlichen ausgeführt. Zwischenzeitlich war das Haus mit 120 Bewohnern stark überbelegt.
Alle 88 Bewohnerinnen und Bewohner des jüdischen Altersheims wurden am 15. September 1942 gewaltsam in das Ghetto Theresienstadt oder in ein Vernichtungslager nach Polen verschleppt.
Im Dezember 1942 „verkaufte“ die Reichsvereinigung der Juden das Haus an die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt Gauverwaltung Hessen-Nassau“. Wie das Haus danach genutzt wurde, ist nicht bekannt (vgl. Kingreen 1998a).

Die Nachkriegszeit
Im April 1945 war die Hermann-Göring-Straße wieder in Frankfurter Straße umbenannt worden. Im August ließen die Amerikaner das Haus von Bad Nauheimer Bürgern in Stand setzen. Das ehemalige Frauenheim wurde Bestandteil des in Bad Nauheim eingerichteten „Jewish camp for displaced persons“. Nach Schließung des Camps kamen ab 1950 wieder Kurgäste, die auch in diesem Haus, das eine koschere Küche beherbergte, untergebracht wurden. David Keller hieß der Wirt, der das Haus ab 1952 bis 1977 als jüdisches Kurhotel Bad Nauheim unter Aufsicht des Landesrabbiners Hessen führte. 1980 wurde es, unter der Auflage, die Außenfassade nicht zu verändern, verkauft. Heute erinnert nichts mehr an seine jüdische Geschichte (ebd.).

Postkarte: Israelitische Kinderheilanstalt Bad Nauheim / Postkarte der Israelitischen Kinderheilstätte. Sie wurde im Jahre 1898 eröffnet.
Israelitische Kinderheilanstalt Bad Nauheim / Postkarte der Israelitischen Kinderheilstätte. Sie wurde im Jahre 1898 eröffnet. © Sammlung Monica Kingreen Weitere Angaben

Die Israelitische Kinderheilstätte
Die Jüdische Kinderheilstätte möchte ich hier nur in kurzen Worten skizzieren. Zu Umfangreich ist die Geschichte und sind die Ereignisse, die zu schildern einer eigenen Forschung und einem eigenen Bericht vorbehalten bleiben sollen.
Die Kinderheilstätte wurde 1891 von den Logenbrüdern Ferdinand Gamburg und Michael Moses Mainz der Frankfurt Loge gegründet (vgl. Frankfurt Loge 1928: 40). 1899 konnte ein modernes großes Kurheim in der Frankfurter Straße 103 eröffnet werden, finanziert durch die Baronin Mathilde von Rothschild (Kingreen 1997a). Es gab ca. 50 bis 70 Plätze, Jungen- und Mädchenmonate wechselten sich ab. Betreuender Arzt war zunächst Prof. Dr. Theodor Schott und später Dr. Hirsch [vermutlich Sanitätsrat Dr. Emanuel Hirsch, E. B.], geleitet wurde das Heim von Helene Kopp (vgl. Alemannia Judaica a) [vermutlich Helene Koppel, E. B.]. 1936 musste das Heim geschlossen werden, die Leiterin war zu diesem Zeitpunkt Frieda Fröhlich, die auch das im Jahr darauf im selben Haus entstehende Internat der jüdischen Bezirksschule Bad Nauheim leitete. Während des Novemberpogroms 1938 wurden die Schüler und Lehrer bedroht und die Schule stark verwüstet. Im Mai 1939 musste sie schließen. Es folgten im Rahmen der Kinderlandverschickung ein Lager der Pimpfe der HJ im Haus. Nach dem Krieg entstand ein Ernährungszentrum für jüdische Kinder (vgl. Kingreen 1997d), gefolgt von verschiedenen Schulen. Heute ist dort die Sophie-Scholl-Schule untergebracht (Faatz).

Herzlichen Dank an die Bad Nauheimer Stadtarchivarin Brigitte Faatz.

Edgar Bönisch 2015

Unveröffentlicht

Faatz, Brigitte 2014: Auskunft der Stadtarchivarin von Bad Nauheim Brigitte Faatz, Telefonat im Mai

Literatur

 Allgemeine Zeitung des Judentums: 05.09.1913, 01.10.1920 (zit. nach Alemannia Judaica b

Der Israelit: 16.06.1904, 20.06.1904, 25.06.1925, 01.10.1925, 05.07.1928, 10.04.1930, 03.07.1930, 03.04.1935, 11.4.1935 (alle zitiert nach: Alemannia Judaica b).

Frankfurt-Loge 1928: Geschichte der Frankfurt-Loge 1888-1928. Im Selbstverlag der Frankfurt-Loge.

Unterstützungsverein für arme israelitische Kurbedürftige in Bad Nauheim 1914: Jahresbericht des Unterstützungsvereins für unbemittelte israelitische Kurbedürftige. In: Allgemeine Zeitung des Judentums, 20.30.1914, zit. nach Alemannia Judaica b.

Jüdische Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung 07.04.1933.

Kingreen, Monica 1997a: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte I. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 29.10.1997: 2

Kingreen 1997b: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte II, Bezirksschule (Frankfurter Straße 103). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 01.11.1997: 6

Kingreen 1997c: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte 3, Bezirksschule. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 27.11.1997: 4

Kingreen 1997d: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte 4, HJ, Ernährungszentrum, Schule. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 17.12.1997: 2

Kingreen 1998a: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Frauenkurheim 1, Altenheim (Frankfurter Straße 63-65). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 14.01.1998:2

Kingreen 1998b: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Frauenkurheim 2, Altenheim, Deportationen, DPs, Kurhotel. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 17.01.1998: 4

Kingreen 1998c: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Männerkurheim, jüdische Wohnungen, Kibbutz mit Ausbildungsplätzen, Wohnungen (Frankfurter Straße 58). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 23.01.1998: 5

Kingreen, Monica 1999: Israelitische Kinderheilstätte und Jüdische Berzirksschule. In: Frankfurter Straße 103. Festschrift aus Anlass der 100-jährigen Nutzung des Gebäudes Frankfurter Straße 103. Bad Nauheim: 7-33

Kolb, Stephan 1987: Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden. Bad Nauheim.

Krause-Schmitt, Ursula/Freyberg, Jutta von 1995: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. Frankfurt am Main

Zentralblatt der Bauverwaltung: 17.04.1909

Links

Alemannia Judaica a [Alemannia Judaica Bad Nauheim/Synagoge]: Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Nauheim (Wetteraukreis) Jüdische Geschichte/Synagoge. http://www.alemannia-judaica.de/bad_nauheim_synagoge.htm. (29.08.2014)

Alemannia Judaica b [Alemannia Judaica Bad Nauheim/Texte]:
Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Nauheim (Wetteraukreis) Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt. http://www.alemannia-judaica.de/bad_nauheim_texte.htm. (29.08.2014)

The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust
Siehe Alemannia Judaica a

Juden in Themar
http://www.judeninthemar.org/deutsch/?page_id=79 (29.08.2014)

Jüdisches Jahrbuch für Hessen-Nassau und Adressbuch der Gemeindebehörden Organisationen und Vereine 1932/33. Ausgabe Frankfurt/Main, Wiesbaden. Frankfurt am Main. https://www.yumpu.com/de/document/view/22239156/hes5-n-55u/49 08.08.2014)

Stadt Bad Nauheim
https://www.bad-nauheim.de/leben-in-bad-nauheim/politik-stadt/geschichte.html (12.02.2015)

Zoske, Horst 1996: „Groedel, Franz Maximilian“. In: Neue Deutsche Biographie [Onlinefassung]; URL://www.deutsche-biographie.de/ppn131530712.html (12.02.2015)

 

Jüdische Orte der Kur – die Sanatorien Dr. Pariser, Dr. Rosenthal und Dr. Goldschmidt in Bad Homburg

Fotografie: Kurstadt Bad Homburg: Blick auf den Taunus, 16.10.2013
Kurstadt Bad Homburg: Blick auf den Taunus, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann, 2013

Die Sozialgeschichte der jüdischen Kranken-, Alten- und Kinderpflege umfasst auch die Sanatorien und Erholungsheime. Viele jüdische Frankfurterinnen und Frankfurter begaben sich in die benachbarten Kurorte Südhessens: nach Bad Homburg, Bad Nauheim, Bad Soden, Oberursel/Oberstedten oder auch Königstein mit dem bekannten Sanatorium Dr. Kohnstamm. Die jüdische Medizin-, Pflege- und Patientengeschichte ist Teil der lokalen Erfolgsstory dieser bekannten Kurstätten, die aber trotzdem nicht frei von von „Bäder-Antisemitismus“ (Bajohr 2003) waren. Vorgestellt werden drei Sanatorien als einstige Stätten jüdischen Lebens in Bad Homburg, einer Stadt im Taunus, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem international bekannten Kurort aufstieg (vgl. Baeumerth 1982; Schweiblmeier 2014).

Die Anfänge: Bad Homburg als Ort der Begegnung des west- und osteuropäischen Judentums

Fotografie: Agnonweg, benannt nach dem hebräischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Joseph Agnon (1888-1970, Angabe des Geburtsjahres auf dem Straßenschild: 1887)
Agnonweg, benannt nach dem hebräischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Joseph Agnon (1888-1970, Angabe des Geburtsjahres auf dem Straßenschild: 1887) © Dr. Birgit Seemann, 2013

In Bad Homburg vor der Höhe (bis 1912: Homburg) lebte bis zur Schoah eine jüdische Gemeinde, von deren vielfältigem kulturellen und sozialen Engagement auch die ehrenamtlichen Institutionen der Krankenpflege zeugen (vgl. Alemannia Judaica (Bad Homburg)):
– die 1774 (vgl. Grosche 1991: 27) gegründete Israelitische Männerkrankenkasse, auch Männer-Kranken-Institut genannt, welche noch 1932 mit 52 Mitgliedern bestand;
– die 1792 (vgl. ebd.) als Israelitischer Frauenverein (Chewrat Naschim, 1864: 97 Mitglieder) gegründete Israelitische Frauenkrankenkasse, auch Frauen-Kranken-Institut genannt, dessen langjährige Vorsitzende Jakobine Wiesenthal (gest. 1921) war;
– der Wohltätigkeitsverein Chewrat Gemillus Chassodim (1864: 27, 1932: 40 Mitglieder), der sich ebenfalls um Krankenpflege und Bestattungswesen kümmerte;
– der Krankenhilfsverein Chewrat Bikkur Cholim (1864: 49 Mitglieder).

Hinzu kamen jüdische Kurgäste aus aller Welt. Am 15. August 1853 meldete die Allgemeine Zeitung des Judentums: „Die hiesige Badesäson reicht auch dieses Jahr wieder glänzende Früchte, und ist die Zahl der Kurgäste in der Kurliste schon über 4500 gestiegen. […] fast noch nie hat man so viel Israeliten, und das sämmtlich sehr reiche Familien, hier bemerkt, der größte Theil kommt aus der Pfalz, dem Elsaß und Holland. Man kann behaupten, daß immer unter den Anwesenden der dritte Theil Juden sind“ (Anonym. 1853: 421 [Hervorheb.i.Orig.]). Vor der NS-Zeit war Bad Homburg – als international bekannter Kurort und als Zuflucht für antisemitisch verfolgte Flüchtlinge – auch eine Wirkungsstätte des osteuropäischen Judentums. Unter den prominenten ostjüdisch geprägten Kurgästen befanden sich, um nur einige zu nennen, der Bildhauer Markus Antokolsky, der Elektrophysiker Hermann Aron, David Wolffsohn (Nachfolger von Theodor Herzl als Präsident der Zionistischen Weltorganisation) und der Religions- und Sozialphilosoph Martin Buber. Letzterer hatte Kontakt zu dem Bad Homburger jüdischen Gelehrtenkreis (1921–1925) um die Verlegerin Shoshana Persitz und den hebräischen Schriftsteller und späteren Nobelpreisträger Samuel Agnon.

Die traditionsreiche Geschichte der Bad Homburger jüdischen Gemeinde, der angesehene Rabbiner wie Seligmann Fromm (Großvater des Sozialphilosophen Erich Fromm) und Dr. Heymann Kottek vorstanden, lässt sich bei Yitzhak Sophoni Herz (1981), dem Enkel des letzten Bad Homburger Kantors, dem Lokalhistoriker Heinz Grosche (1991) sowie auf der Website Alemannia Judaica (Bad Homburg) nachlesen. Die Vielfalt im Judentum spiegelt sich in den Biographien der Begründer der drei Sanatorien Dr. Pariser, Dr. Goldschmidt und Dr. Rosenthal wider: So steht Dr. Curt Pariser für das vorwiegend säkularisiert-liberale westliche Judentum und soll darüber hinaus nur selten die Bad Homburger Synagoge besucht haben; als langjähriges tragendes Mitglied des ‚Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ bekämpfte er den Judenhass. Seine Arztkollegen Dr. Siegfried Goldschmidt und Dr. Abraham Rosenthal, die gutnachbarliche Beziehungen pflegten, blieben hingegen dem orthodoxen Judentum verbunden, das ihnen die Kraft zur Selbstbehauptung gegen antisemitische Anfeindungen gab.

Vom Sanatorium Dr. Pariser (Clara Emilia) zur Paul-Ehrlich-Klinik

Fotografie: Bad Homburg, Dr. Sanatorium Pariser / Paul-Ehrlich-Klinik, Denkmal für Professor Ehrlich, 16.10.2013
Bad Homburg, Dr. Sanatorium Pariser / Paul-Ehrlich-Klinik, Denkmal für Professor Ehrlich, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Um 1900 gab der Gastroenterologe und Diätarzt Dr. Curt Pariser seine Praxis in Berlin auf und eröffnete in der Kurmetropole Bad Homburg, Landgrafenstraße 6, ein Sanatorium, das er nach seiner Mutter ‚Clara Emilia‘ benannte. Um 1919 bestand das Sanatorium Dr. Pariser „aus zwei Häuserkomplexen, dem ‚Haupthaus‘, der ‚kleinen Villa‘, dem ‚Aerztehaus‘ und dem ‚Neubau 1914‘ einerseits und dem in den Jahren 1904 und 1906 erstellten ‚Weißen Haus‘. Ein 20 Meter langer, gefälliger gedeckter Wandelgang verbindet beide Gebäudegruppen zu einem harmonischen Ganzen“ (StA HG: Sanatorium Dr. Pariser, Kurprospekt). Die mit einem eigenen Laboratorium für Röntgendiagnostik ausgestattete Kurklinik war auf Magen-Darm-Erkrankungen sowie Ess- und Stoffwechselstörungen spezialisiert. Darunter fiel die Behandlung von Zivilisationskrankheiten wie Adipositas (umgangssprachlich: Fettsucht), Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht): „[…] außer lokalen Magen-, Darm-, Leber- und Gallengangsleiden […]: Allgemeine Unterernährung (Mastkuren), Blutarmut, nervöse Abspannung, Fettsucht (Entfettungskuren), Diabetes, Gicht, Affektionen des Herzens und des Gefäßsystems“ (zit. n. ebd. [Hervorheb. im Orig.]).Viele Kurgäste reisten nicht nur aus Berlin und dem nahen Frankfurt an, sondern auch aus dem Zarenreich, weshalb Dr. Pariser und sein Co-Direktor Dr. Benno Latz zwei russischsprachige Assistenzärzte beschäftigten; möglicherweise sprachen einige Pflegekräfte (über die bislang keine Informationen vorliegen) ebenfalls Russisch. Zum Renommee seines Hauses wie der Stadt Bad Homburg trug bei, dass sich Curt Pariser als Mitschöpfer der überregional bekannten ‚Homburger Diät‘ einen Namen machte (vgl. Pariser 1931; ders./Roemheld 1933; siehe auch Pariser 1927). 1914 war er als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten wesentlich daran beteiligt, dass deren erste Jahrestagung in Bad Homburg stattfand (vgl. Jenss u.a. 2013: 24; siehe auch Rieber 2016).

Fotografie: Bad Homburg, Paul-Ehrlich-Weg, 16.10.2013
Bad Homburg, Paul-Ehrlich-Weg, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Curt Parisers Verdienste um Bad Homburg verloren nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg offenbar an Bedeutung, zumal der Judenhass wieder aufflammte. Zwar wurde er am 2. März 1919 als Mitglied der linksliberalen DDP (Deutsche Demokratische Partei, von Antisemiten als ‚Judenpartei‘ diffamiert) zum Bad Homburger Stadtverordneten gewählt, geriet aber bald in Schwierigkeiten: In seinem Sanatorium beschlagnahmte der vorübergehend einflussreiche ‚Revolutionäre Arbeiterrat‘ Nahrungsmittel, die Dr. Pariser angeblich für seine Kurgäste ‚gehortet‘ hatte – was in diesen Tagen als „illegaler Schleichhandel“ (Grosche 1991: 36) galt. Wiederholt warnte der geachtete und bekannte Kurarzt vor antisemitischen Hetzkampagnen, die sich auch gegen osteuropäisch-jüdische Flüchtlinge richteten. Zudem machte ihm die Nachkriegsinflation finanziell zu schaffen. Im April 1920 legte er sein Mandat nieder, im Herbst 1920 schloss er sein vom Konkurs bedrohtes Lebenswerk, das Sanatorium. Dr. Pariser verließ Bad Homburg und wurde leitender Arzt am Sanatorium Woltersdorfer Schleuse bei Berlin. Von 1926 bis 1929 praktizierte er in Bad Harzburg (Niedersachsen) in der dem Hotel Kaiserhof angeschlossenen ‚Diätetischen Kurabteilung für Magen-, Darm-, Herz-, Nieren-, Zucker- und Stoffwechselkranke‘ (Auskunft von Dr. med. Harro Jenss, Email v. 25.09.2014). 1931 verstarb Dr. Curt Pariser mit 78 Jahren in Berlin, seine Grabstätte ist bislang unbekannt. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass sich seine geschiedene Frau zehn Jahre später, am 20. November 1941, unter der nationalsozialistischen Verfolgung das Leben nahm; das Grab von Else Pariser, den Gästen des Sanatoriums Dr. Pariser wohlbekannt, befindet sich auf dem Frankfurter jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße (vgl. Grosche 1991: 91).

Fotografie: Bad Homburg, Sanatorium Pariser / die heutige Paul-Ehrlich-Klinik, 16.10.2013
Bad Homburg, Sanatorium Pariser / die heutige Paul-Ehrlich-Klinik, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

1921 wurde das Anwesen Landgrafenstraße 6 als ‚Ritters Parkhotel, Kurpark-Sanatorium (früher Dr. Pariser)‘ wiedereröffnet (vgl. Alemannia Judaica (Bad Homburg)). 1928 übernahm die Reichsbahn-Versicherungsanstalt das Kurheim (‚Park-Sanatorium‘), nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die US-amerikanische Armee dort eine Soldatenunterkunft ein. 1956 gelangte die Anlage wieder in den Besitz der Bundesbahn-Versicherungsanstalt (vormals Reichsbahn-Versicherungsanstalt), die das Sanatorium nach dreijährigen aufwändigen Baumaßnahmen wieder eröffnete. 1979 in Paul-Ehrlich-Klinik umbenannt (vgl. Orte der Kur), ist die Institution heute (Stand 2014) eine Rehabilitationseinrichtung der Knappschaft-Bahn-See (KBS). Auf deren Homepage ist zu lesen: „Der Arzt, Biologe und Nobelpreisträger Paul Ehrlich hat unserer Klinik den Namen gegeben. Seinen hohen medizinischen Ansprüchen fühlen wir uns noch heute verpflichtet“ (zit. n. KBS: Medizinisches Netz: Rehakliniken: Bad Homburg: http://www.kbs.de).

Anzeige: Bad Homburg, Sanatorium Dr. Rosenthal
Bad Homburg, Sanatorium Dr. Rosenthal, Anzeige in: Der Israelit (04.03.1937) Nr. 9, S. 16

„Wo Martin Buber einst kurte“ – das Sanatorium Dr. Rosenthal
Durch Alexander Wächtershäusers Artikel „Wo einst Martin Buber kurte“ (vgl. ders. 2011) und die Website ‚Alemannia Judaica‘ sind inzwischen auch Informationen über das Sanatorium Dr. Rosenthal zugänglich. Um 1900 (vgl. Rosenthal, Abraham 1936, Würdigung), etwa zur gleichen Zeit wie Curt Pariser, eröffnete der praktische Arzt Sanitätsrat Dr. Abraham Rosenthal in der Villa Kaiser-Friedrich-Promenade 49 sein orthodox-jüdisches Kurheim. Zuvor hatte er als Brunnen- und Badearzt in der Elisabethenstraße (wo sich auch die Synagoge und das jüdische Gemeindehaus befanden) praktiziert. Nach dem Zukauf des benachbarten Anwesens Nr. 51 konnte das Sanatorium Dr. Rosenthal seit 1914 bis zu 50 Kurgäste aufnehmen. Abraham Rosenthal, ein „thorakundiger und glaubensstarker Jehudi“ (Rosenthal, Abraham 1937, Nachruf) fühlte sich – anders als die vorwiegend westlich-säkularisierten jüdischen Bad Homburger/innen – zum gläubigeren osteuropäischen Judentum hingezogen. So verwundert es nicht, dass das Sanatorium „zahlreiche jüdische Prominenz“ (Wächtershäuser 2011) anzog, so den Rabbiner von Brest-Litowsk, Chajim (Halevi) Soloweitschik – und den zu dieser Zeit in Frankfurt wirkenden Religions- und Sozialphilosophen Martin Buber.’Mutter‘ der ‚Sanatoriumsfamilie‘ war Abraham Rosenthals Frau Dina (geb. Strauß), welche 1934 verstarb: „Über drei Jahrzehnte stand sie mit ihrem Manne dem Hause vor, in dem so viele kranke und leidende Glaubensgenossen Genesung und Erholung fanden. Mit wahrer mütterlicher Treue widmete sie sich dem Werke und wurde durch ihr liebevolles Wesen und ihre aufopferungsvolle Tatkraft manchem Patienten Gefährtin und Helferin in schwerem Leide“ (Rosenthal, Dina 1934, Nachruf). 1927 hatte das Paar bereits seinen mittleren Sohn Bertram verloren, als sich der junge Arzt bei der Behandlung eines Patienten eine tödliche Infektion zuzog. Zehn Jahre später verstarb mit 71 Jahren auch Abraham Rosenthal und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Bad Homburg im Gluckensteinweg beerdigt (vgl. Grosche 1991: 120). Im Israelit, dem Periodikum des orthodoxen Judentums, erschien ein Nachruf: „Einer frommen Familie entstammend, war Dr. Rosenthal in seiner Jugend für den Rabbinerberuf bestimmt[,] und er saß auch einige Jahre Rabbi Esriel Hildesheim[er] im Berliner Rabbiner-Seminar zu Füßen. […] Der ärztliche Beruf war ihm mehr eine Berufung, heilige Mission, G’ttesdienst [im orthodoxen Judentum wird ‚Gott‘ nicht ausgesprochen, d.V.] und Dienst am Menschen […]“ (Rosenthal, Abraham 1937).

Fotografie: Bad Homburg, früherer Standort des Sanatoriums Dr. Rosenthal, 16.10.2013
Bad Homburg, früherer Standort des Sanatoriums Dr. Rosenthal, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Zwei weitere Söhne, der Zahnarzt Dr. Erich Rosenthal und sein jüngerer Bruder Theodor Rosenthal (vgl. DNB Ffm: Rosenthal, Theodor) sollten das Sanatorium in seinem Sinne fortführen, was die Nationalsozialisten vereitelten: Den im Stadtarchiv Bad Homburg aufbewahrten Bauakten (StA HG: A 03) zufolge unterlag die angeblich verwahrloste Rosenthal’sche Liegenschaft seit 1936 der Zwangsverwaltung und wurde danach zwangsversteigert. Erich Rosenthal wohnte zuletzt im 2. Obergeschoss des Vorderhauses. An die jüdische Geschichte des Hauses erinnerte nur noch eine Hütte im vorderen Teil des Hofes, unter deren Dach in besseren Zeiten das Laubhüttenfest gefeiert wurde. Der neue nichtjüdische Besitzer nahm an dem Gebäude Umbau- und Abrissmaßnahmen vor und betrieb darin vorübergehend ein Hotel.
Im Jahre 1953 eröffnete die Landesversicherungsanstalt Hessen nach Freigabe der Liegenschaft durch die U.S. Army das Sanatorium Geheimrat Dr. Trapp (vgl. Orte der Kur). Seit 1972 befindet sich auf dem früheren Areal des Sanatoriums Dr. Rosenthal die Wicker-Klinik/Wirbelsäulenklinik, die früheren Gebäude (Vorder- und Hinterhaus) sind inzwischen zum Teil „überbaut“ (Wächtershäuser 2011).

Fotografie: Bad Homburg, Sanatorium Dr. Goldschmidt in Gonzenheim, Teilansicht des Gebäudes, 16.10.2013
Bad Homburg, Sanatorium Dr. Goldschmidt in Gonzenheim, Teilansicht des Gebäudes, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Das „Jüdische Sanatorium“ Dr. Goldschmidt (Taunus-Sanatorium)
1911 eröffnete der Nervenarzt Dr. Siegfried Goldschmidt in Gonzenheim (1937 eingemeindet nach Bad Homburg), Untere Terrassenstraße 1, sein Taunus-Sanatorium; die offizielle Einweihung fand im April 1912 statt. Dort sollten „Erholungsbedürftige, innerlich Kranke und Nervöse“ Genesung finden (vgl. Alemannia Judaica (Bad Homburg), Anzeigen). Unter den zumeist orthodox-jüdischen Patienten/Kurgästen war die Kurklinik als das „Jüdische Sanatorium“ bekannt (vgl. Freeman 1994). Im Sanatoriumsprospekt beschrieb Dr. Goldschmidt sein Anliegen: „Namentlich solche Juden, die bisher durch das Fehlen einer solchen Anstalt öfters gezwungen waren[,] nicht jüdische Häuser aufzusuchen, werden es gewiß begrüßen[,] ein in jeder Beziehung erstklassiges Sanatorium kennen zu lernen, wo sie gesellschaftlichen Zurücksetzungen als Juden nicht mehr ausgesetzt sind“ (StA HG, Sanatorium Dr. Goldschmidt, Kurprospekt). Die hochmoderne Kurklinik war vor allem „für die Aufnahme von zentralen und peripheren Erkrankungen des Nervensystems, sowohl organischer wie funktioneller Art[,] bestimmt […]“ (ebd.). Bemerkenswert ist, dass anders „als in den öffentlichen Heilanstalten […] in diesem Haus zugleich großer Wert auf ‚Psycho-Therapie‘ gelegt […]“ wurde (Vanja 2012: 614). Nachhaltige Erholung verhieß die idyllische und zugleich zentrale Lage des stattlichen Anwesens: „Nach dem ca. 7000 Quadratmeter großen eigenen Park klingen noch die morgendlichen Weisen der Kurmusik von dem etwa 3 Minuten entfernten Elisabethenbrunnen hinüber, so nah ist es zum prächtigen Homburger Kurpark, fast ebenso weit zum ausgedehnten Hardtwald“ (StA HG: Sanatorium Dr. Goldschmidt: Kurprospekt).

Über ihren Vater Siegfried Goldschmidt schrieb Prof. Rivka Horwitz (geb. 1926 als Gertrud Goldschmidt), die 2007 verstorbene bekannte Judaistin, Philosophin und Franz-Rosenzweig-Forscherin: „Er war ein deutscher Jude mit einer starken deutsch-jüdischen Identität, geboren in Witzenhausen in einer Familie, die seit 1524 in dieser Stadt ansässig war. Er wuchs in Kassel auf und wurde nach seinem Medizinstudium in Berlin Arzt. Er war ein Schüler der Jeschiwa von Rabbi Breuer in Frankfurt, er heiratete und ließ sich in Bad Homburg v.d.H. nieder. […]“ (Horwitz 1997: 225). Dort engagierte sich Dr. Goldschmidt im traditionsreichen Talmud-Thora-Verein (vgl. Grosche 1991: 29), der u.a. arme Kinder mit Schulbüchern versorgte. Im Ersten Weltkrieg diente er als Oberarzt der Reserve und erhielt bereits 1914 das Eiserne Kreuz. Wie die Tochter Rivka berichtet, heiratete der kinderlos gebliebene Witwer Siegfried Goldschmidt um 1923 „meine Mutter, eine russische Jüdin, und wurde mit zwei Kindern gesegnet. Sie brachte in unser Haus die Tugenden der osteuropäischen Juden ein, eine jüdische Kultur, jüdischen Humor und Wärme […]“ (Horwitz 1997: 225f.).

Leider lernten Rivka Horwitz und ihr Bruder Heinz Naftali Goldschmidt (geb. 1925) ihren Vater nicht näher kennen, da er bereits 1926 kurz nach Rivkas Geburt an plötzlichem Herzversagen starb. Ihre Mutter Schewa Goldschmidt, „eine Führungspersönlichkeit“ (ebd.: 227), führte das Sanatorium weiter, „die allverehrte Leiterin und Besitzerin des Hauses […], die in so hervorragender Weise es verstanden hat, das Werk des Gatten fortzusetzen und auszubauen“ (Anonym. 1928). So hieß es lobend in einem Bericht des Israelit über die feierliche Einweihung (1928) der neuen Haussynagoge, der auch geladene Gäste und Freunde aus Frankfurt beiwohnten. 1932 würdigte Schewa Goldschmidt den 6. Jahrtag ihres Mannes mit der Stiftung einer Seferweihe, der Einweihung einer neuen Torarolle für die Haussynagoge (vgl. Wollmann 1932).

Siegfried Goldschmidts Nachfolger als ärztlicher Leiter wurde ein Mediziner aus der Belegschaft seines Sanatoriums, der in der jüdischen Tradition des Hauses stand, „[…] er war ein sehr fähiger Mann und war im jüdischen Lernen äußerst bewandert. Ein Teil seiner Aufgabe bestand darin, jeden Samstagnachmittag über einen bestimmten Gegenstand der jüdischen Tradition zu sprechen“ (Horwitz 1997: 226). Wie Schewa Goldschmidt (geb. Abramov) entstammte der 1895 in Wilna, dem einstigen ‚Jerusalem Litauens‘, geborene Dr. Joshua O. Leibowitz dem osteuropäischen Judentum. Neben seiner beruflichen Tätigkeit lehrte er am Frankfurter ‚Freien Jüdischen Lehrhaus‘ Hebräische Literatur und Jüdisches Denken, so trug er über den berühmten Arzt und Philosophen Maimonides vor (vgl. Leibowitz 1935). Seine wertvolle medizinhistorische Bibliothek konnte Dr. Leibowitz bei seiner Flucht aus Nazideutschland nach Palästina/Israel retten (vgl. Freeman 1994). Dort wurde er ein bekannter Medizinhistoriker und lehrte als Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Bad Homburg, Sanatorium Dr. Goldschmidt, Teilansicht des Geländes mit Straßennamen und ehemaligem Pförtnerhaus, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Schewa Goldschmidt bemühte sich während der NS-Zeit vergeblich um den Verkauf der Liegenschaft. Sie ahnte, dass das Kurheim als ein Ort jüdischen Lebens nicht mehr zu retten war. Im Herbst 1933 schickte sie ihre beiden Kinder nach Palästina/Israel; sie selbst erlag drei Jahre später in Tel Aviv einem Krebsleiden. Ihre Familie ließ Siegfried Goldschmidts Leichnam nach Tel Aviv überführen und neben seiner Frau bestatten. Schewa Goldschmidts Vater Peisach Abramov verkaufte als Vormund von Heinz und Gertrud Goldschmidt das Sanatorium im Mai 1937 an die NS-Reichsbahn.

Das verwaiste jüdische Sanatorium diente seit 1937 „zunächst der Reichsbahn zur Unterbringung ihrer Zentralschule und nach seiner Besetzung durch US-Truppen seit 1947 als Behörde der Finanzverwaltung der amerikanisch-britischen Bizone. Hieraus ging 1952 das heutige Bundesausgleichsamt hervor. Seit dessen Umzug 1998 steht das Gebäude, das sich im Besitz des Hochtaunuskreises befindet, leer“ (zit. n. Orte der Kur). Die Zukunft der einst so prachtvollen, jetzt verwahrlosenden Liegenschaft ist bislang umstritten und ungewiss (Stand März 2014, vgl. z.B. Velte 2010, 2012, 2013 sowie Sanatorium Dr. Goldschmidt 2011, o.J. [2013]).

Schlussbetrachtung

Fotografie: Bad Homburg, Teilansicht des Kurparks, 16.10.2013
Bad Homburg, Teilansicht des Kurparks, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Die Quellenlage zu den jüdischen Kurheimen in Bad Homburg (und anderswo) ist nach den Zerstörungen der Schoah und des Zweiten Weltkriegs recht lückenhaft. Von jüdischen Pflegenden mit Bezug zu Bad Homburg waren bis auf drei Krankenschwestern – Thekla Dinkelspühler, Guste Cohen und Ella Scharatzick – bislang keine Informationen zu ermitteln. Im Sanatorium Dr. Goldschmidt war mit Josefine Hach von 1926 bis 1937 eine nichtjüdische Oberschwester angestellt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Sanatorien Dr. Pariser, Dr. Rosenthal und Dr. Goldschmidt ihr Pflegepersonal aus dem Frankfurter jüdischen Schwesternverein rekrutierten. Allerdings bestanden intensive Kontakte zwischen den Direktoren aller drei Kurkliniken und der Frankfurter jüdischen Gemeinde. Die jüdischen Kurgäste aus Frankfurt schätzten die rituelle Versorgung ebenso wie den Austausch unter Gleichgesinnten – und sie mussten während ihrer Kur keine antisemitische Diskriminierung befürchten.Über die Lebensgeschichten von Curt Pariser, Abraham Rosenthal und Siegfried Goldschmidt, ihrer in den Sanatoriumsbetrieb eingebundenen Familienmitglieder und Kollegen und nicht zuletzt ihrer Patientinnen und Patienten aus dem west- und osteuropäischen Judentum ließe sich ein spannendes Buch schreiben. Der Artikel schließt mit einer Kindheitserinnerung von Rivka Horwitz, der mit sieben Jahren nach Eretz Israel emigrierten Tochter von Schewa und Siegfried Goldschmidt: Wenn die Mutter „mit uns durch die Parkanlagen Bad Homburgs spazierte, zeigte sie auf die Zedern und erzählte uns, dass diese herrlichen Bäume aus dem Libanon stammen, dem alten Heiligen Land“ (Horwitz 1997: 226).

Für wichtige Hinweise dankt die Autorin Frau Dr. Krüger und Herrn Mengel (Stadtarchiv Bad Homburg v.d.H.), Herrn Haberkorn (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden), Herrn Roeper (Stadtarchiv Witzenhausen), Frau Dr. Massar (Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt a.M.), Frau Angelika Rieber (Historikerin) und Herrn Dr. med. Harro Jenss (Gastroenterologe und Ärzteforscher).

Birgit Seemann, 2014, aktualisiert 2017

Primärquellen


Stadtarchiv Bad Homburg (StA HG)
– A 03 – Städtische Amtsbücher und Akten 1866-1945 Nr. 163-171: Nr. 165, 166, 167: Kaiser-Friedrich-Promenade 49-51 [Sanatorium Dr. Rosenthal: umfangreiche Bauakten], Nr. 165
– A III.11: Schutz der zwecks „Rasseforschung“ bedeutsamen Archivalien [Unterlagensammlung Judengemeinde Bad Homburg 1933]
– S 11 – Zeitungen Nr. 1-114: Anzeigen u.a. vom Sanatorium Dr. Pariser-Latz
– NL Baeumerth: Nachlass Dr. Angelika Baeumerth (Kreisarchivarin)
– Sanatorium Dr. Goldschmidt: Kurprospekt, undatiert [um 1911], Sig. 1765/92 Hot [Text: Siegfried Goldschmidt; mit zahlr. Abb.]
– Sanatorium Dr. Pariser, Kurprospekt, undatiert [um 1919], Sig. 1078 Hot [Text: Dr. Curt Pariser / Dr. Benno Latz; mit zahlr. Abb.]
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW)
– Von der Familie Goldschmidt/Abramov liegen Entschädigungs-, Rückerstattungs- und Devisenakten vor, mit biographischen Daten und Informationen zum Sanatorium Dr. Goldschmidt.
Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt a.M. (DNB Ffm):
Rosenthal, Theodor: Sig.: EB autograph 0130: Einzelautographen: Tagebuchaufzeichnungen (22.10.1940 – März 1945): Baden-Baden – Camp de Gurs 1940/41, 2 Hefte (ca. 182 S. handschr., mit Photos, Zeitungsausschnitten u.a.; mit Lebenslauf von Theodor Rosenthal, 18.02.1974, 1 Bl. masch. mit Unterschrift, Link: http://d-nb.info/1042264473

Literatur


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Gütersloh, 3 Bde.

Anonym. 1853: [Zeitungsbericht ohne Titel]. Rubrik: Zeitungsnachrichten Deutschland: Bad Homburg, im Juli (Privatmitth.[eilung]). In: Allgemeine Zeitung des Judentums XVII (15.08.1853) 34, S. 420-421, online: Alemannia Judaica (Bad Homburg); Compact Memory (Judaica Frankfurt a.M.)

Anonym. 1928: Eine Synagogeneinweihung in Homburg-Gonzenheim. In: Der Israelit 69 (04.04.1928) 14, Beilage: Der Frankfurter Israelit, S. 2, online: ebd.

Baeumerth, Angelika 1982: 1200 Jahre Bad Homburg v.d.Höhe. Den Bürgern der Stadt Homburg v.d.Höhe zur 1200-Jahr-Feier 1982. Hg.: Magistrat der Stadt Bad Homburg v.d.Höhe. 2. Aufl. Bad Homburg v.d.H.

Bajohr, Frank 2003: „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M.

Beinhauer, Marlene 2010: Auch Juden und ihre Religion waren in Gonzenheim zuhause. In: Geschichtlicher Arbeitskreis Gonzenheim e.V. (Hg.): Kirchen und Glaubensgemeinschaften in Gonzenheim. 2. Teil: Die Römisch-Katholische Kirche, die Russisch-Orthodoxe Kirche, die Siebenten-Tags-Adventisten und die jüdische Gemeinde. Bad Homburg v.d.H. = Heft 19 (2010),  S. 81-104 (insbes. S. 100-104).

Biener, Bernhard 2014: Wasser für anspruchsvolle Gäste. Neue Broschüre und historische Forschungen über die Kurgeschichte Bad Homburgs. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 18, 22.01.2014, S. 44.

Biener, Bernhard 2015: Laboratorium und Anbau mit Synagoge. [Bericht anlässlich einer neuen Studie zum „Jüdischen Sanatorium“ Dr. Goldschmidt in Bad Homburg von Birgit Seemann]. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 126, 03.06.2015, Rhein-Main-Zeitung, S. 46

Freeman, Eric J. 1994: Joshua O. Leibowitz (1895–1993). [Nachruf]. In: Medical History (1994), January, 38(1): 102, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1036813/pdf/medhist00040-0109a.pdf

Goldschmidt, Siegfried 1925: Vom Fasten und Anbeißen. Von Dr. Goldschmidt, Taunus-Sanatorium, Bad Homburg. In: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum 66 (24.09.1925) 39, S. 4-5 (online: http://www.alemannia-judaica.de/bad_homburg_personen.htm).

Grosche, Heinz 1991: Geschichte der Juden in Bad Homburg vor der Höhe. 1866 bis 1945. Hg. v. Magistrat der Stadt Bad Homburg vor der Höhe. In Zsarb. mit Klaus Rohde. Mit e. Beitr. v. Oberbürgermeister Wolfgang R. Assmann. Frankfurt a.M.

Herz, Yitzhak Sophoni 1981: Meine Erinnerung an Bad Homburg und seine 600jährige jüdische Gemeinde. (1335–1942). Rechovoth (Israel): Y. S. Herz; Bad Homburg v.d.H.: Volksbildungskreis – 2. Aufl. ebd. 1983.

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Links (Aufruf aller Websites im Artikel am 14. Dezember 2017)


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Compact Memory – Internetarchiv jüdischer Periodika: http://www.compactmemory.de

Geschichts- und Heimatvereine im Hochtaunuskreis: http://www.hochtaunuskreis.de

Orte der Kur: Online-Datenbank des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde (HLGL) in Marburg und des Stadtarchivs Bad Homburg: http://www.lagis-hessen.de/de/odk
– Sanatorium Dr. Goldschmidt (auch: Taunus-Sanatorium), Terrassenstraße 1.
– Sanatorium Dr. Pariser (auch: Sanatorium Clara Emilia, Park-Sanatorium (1928-1979), Paul-Ehrlich-Klinik (seit 1979)), Landgrafenstraße 6.
– Sanatorium Dr. Trapp (auch: Sanatorium Dr. Rosenthal), Kaiser-Friedrich-Promenade 49-51.
– Synagoge, Elisabethenstraße 8.

Sanatorium Dr. Goldschmidt 2011: Der Magistrat der Stadt Bad Homburg v.d.Höhe: Erhaltungssatzung für die ehemalige Sanatoriumsanlage Dr. Goldschmidt: http://www.bad-homburg.de/vv/stadtrecht/61.2-1_Erhaltungssatzung_Sanatorium_Dr._Goldschmidt.pdf

Sanatorium Dr. Goldschmidt o.J. [2013]: Urbex Wetterau: Lost Places: Das Jüdische Sanatorium. [Private Website mit Bildergalerie, Video und Abdruck eines Artikels von Gerda Walsh], http://urbex-wetterau.jimdo.com/ (Rubrik: Bildergalerie: Kliniken/ Heilstätten)

Vor dem Holocaust – Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen. Red.: Monica Kingreen. Website des Fritz Bauer Instituts Frankfurt a.M.: http://www.vor-dem-holocaust.de [Rubrik: Bad Homburg, Abb. zu den Sanatorien Dr. Goldschmidt und Dr. Pariser].

Jüdische Krankenhäuser in Frankfurt am Main (1829 – 1942)

Kranken zur Pflege, der Gemeinde zum Frommen, der Vaterstadt zur Zierde“

Die Öffnung des Frankfurter Judenghettos (1462 – 1796) und der am 1. September 1824 erkämpfte Status als „israelitische Bürger“ (Heuberger/ Krohn 1988, S. 37) schufen den Rahmen für die Auflösung des beengten und überalterten Spitalwesens der Ghettozeit. Endlich konnten die beiden Frankfurter jüdischen Gemeinden – die mehrheitlich liberale Israelitische Gemeinde und die kleinere konservative Israelitische Religionsgesellschaft – ein modernes Medizin- und Pflegesystem aufbauen. Es entstanden sowohl jüdisch-religiös (mit Haussynagoge und koscherer Küche) als auch interkonfessionell angelegte Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen; auch die konservativ-jüdischen Institutionen nahmen gemäß der Bikkur-Cholim-Bestimmungen Nichtjuden auf.

Schon 1829, einige Jahrzehnte vor der Gleichstellung der Frankfurter jüdischen Bevölkerung am 8. Oktober 1864, öffnete in der Rechneigrabenstraße 28-20 (neben der heutigen Gedenkstätte Neuer Börneplatz) das Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen seine Pforten. Das Doppelgebäude ließ die Bankiersfamilie Rothschild errichten: „Die Freiherren Amschel, Salomon, Nathan, Carl, Jakob von Rothschild erbauten im Sinne ihres verewigten Vaters [Mayer Amschel Rothschild, d.V.] dieses Haus; Kranken zur Pflege, der Gemeinde zum Frommen, der Vaterstadt zur Zierde; ein Denkmal kindlicher Ehrfurcht und brüderlicher Eintracht“ (zit. n. Arnsberg 1983, Bd. 2, S. 123). Das Krankenhaus entstand aus den beiden Israelitischen Männerkrankenkassen (1738 und 1758 gegründet) und der Israelitischen Frauenkrankenkasse (1761 gegründet) des Frankfurter Judenghettos. Alle drei Kassen waren soziale Unterstützungsvereine mit eigenen Krankenstationen, die Patientinnen und Patienten ambulant und stationär betreuten. Die Zusammenlegung der Kassen unter einem Dach hatte 1826 in einem organisatorischen Kraftakt Siegmund Geisenheimer, Prokurist des Bankhauses Rothschild M.A. und Mitglied der Krankenhausverwaltung, gemeistert. 1831 verfügte das Krankenhaus über bis zu 30 Betten (Israelitische Männerkrankenkasse: etwa 15 Betten; Israelitische Frauenkasse: etwa 12 Betten); ein alter Frankfurter Stadtführer (o.Verf. [1843], S. 48) lobte überdies dessen „kleine Synagoge“ („Kippe-Stubb“). Oberin der Frauenkrankenkasse wurde 1917 Clara Simon („Schwester Claire“). Spätestens im September 1942 nahm das Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen als Sammelort vor den Frankfurter Deportationen ein trauriges Ende; das Doppelhaus der Männerkasse und der Frauenkasse zerstörten alliierte Luftangriffe auf das nationalsozialistische Frankfurt (vgl. Unna 1965; Schiebler 1994, S. 136-141).

Das Dr. Christ´sche Kinderhospital (1845-1943/44) in der Theobaldstraße (heute Theobald-Christ-Straße), in Frankfurt liebevoll „Spitälchen“ genannt, war das gemeinsame Projekt zweier eng befreundeter Ärzte und Stifter: des Nichtjuden Dr. Theobald Christ und des getauften Juden Dr. Salomo Friedrich (Salomon) Stiebel, beide evangelischen Glaubens. 30 Jahre später gründete die Frankfurter jüdische Stifterin Louise von Rothschild im Bornheimer Landwehr 10 das nach ihrer Tochter Clementine benannte Clementine Mädchen Spital. Diesen beiden angesehenen Einrichtungen der Frankfurter Kinderpflege, die Mädchen und Jungen unabhängig von Konfession und sozialer Herkunft aufnahmen, verdankt das heutige Clementine Kinderhospital in der Theobald-Christ-Straße 16 seine Entstehung (vgl. Hövels u.a. 1995; Reschke 2011).

1870 entstand im Unterweg 20 – zunächst als „Fremdenhospital“ mit 6 Betten – das Hospital der Georgine Sara von Rothschild´schen Stiftung. Die auch als Rothschild´sches Hospital bekannte Klinik versorgte anfangs vor allem bedürftige jüdische Kranke, die in anderen jüdischen Heilstätten nicht unterkamen. Sie trug den Namen Georgine Sara von Rothschilds, der Tochter des Stifterpaares Hannah Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild und Cousine der ebenfalls früh verstorbenen Clementine von Rothschild, Namensgeberin des Clementine Kinderhospitals. Trägerin des Rothschild´schen Hospitals war die neo-orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft (IRG): 1850 gegründet, positionierte sie sich gegenüber der größeren liberalen Frankfurter Israelitischen Gemeinde, von der sie sich 1876 auch institutionell löste, als Bewahrerin jüdischer Tradition (vgl. Heuberger/ Krohn 1988, S. 74-77). 1878 wurde im Röderbergweg 97 ein von Mathilde und Wilhelm von Rothschild finanzierter Neubau mit zunächst 40 Betten eröffnet, hinzu kamen Gebäude im Röderbergweg 93 und in der Rhönstraße 50 (Personalwohnhaus). An diesen Entwicklungen beteiligte sich von Beginn an der leitende Arzt Dr. Marcus (Markus) Hirsch. Sieben Jahrzehnte später, im April 1941, schlossen die Nationalsozialisten auch diese Klinik und wiesen Personal und Patientinnen und Patienten in das nunmehr letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus (Gagernstraße 36, siehe unten) ein. Um 1943 zerstörten die Luftangriffe auf Frankfurt Gebäude und Grundstück des Rothschild´schen Hospitals. Der Chronist der Frankfurter jüdischen Geschichte, Dr. Paul Arnsberg, ein studierter Jurist, erreichte 1976 die Wiedererrichtung der Georgine Sara von Rothschild´schen Stiftung (vgl. Lustiger 1994; Krohn 2000).

„Jüdische Gemeinden waren – auch in Zeiten der größten Not – stets vorbildlich im Aufbau und in der Erhaltung einer Reihe von sozialen Hilfsanstalten (z.B. Spitäler, Waisenhäuser, Siechenhäuser, Altersheime, Armenküchen etc.). Grundlagen dafür sind die Verpflichtungen im Judentum, Armen und Kranken Hilfe zu leisten und die Stärkung und Wiederaufrichtung der materiellen Selbständigkeit jedes Notleidenden zu erreichen“ (Werner, Klaus u.a.: Juden in Heddernheim. In: Heuberger 1990, S. 46). Dies galt auch für die einst selbständigen israelitischen Gemeinden früherer Vororte und heutiger Stadtteile von Frankfurt am Main. Trotz der schwierigen Quellenlage ist über das jüdische Pflegewesen in Bergen-Enkheim, Bockenheim, Fechenheim, Griesheim, Heddernheim, Höchst, Niederusel oder Rödelheim inzwischen manches bekannt (vgl. Arnsberg 1983, Bd. 2, S. 507-595; Heuberger 1990). In Rödelheim existierte seit 1874 das kleine jüdisch gestiftete Krankenhaus der „Joseph und Hannchen May´schen Stiftung für Kranke und Hülfsbedürftige“ in der Alexanderstraße 96 (Sitz der Stiftung), unweit der heutigen Josef-May-Straße. Durch die Eingemeindung Rödelheims nach Frankfurt am 1. April 1910 fiel das Spital (bis 1937 mit jüdischem Betsaal) dem städtischen Krankenhaus zu und wurde später auch als Altenheim genutzt. Heute (Stand 2017) befindet dort das Sozial- und Rehazentrum West, zugleich ein (nichtjüdisches) Alten- und Pflegeheim.

Noch weiter zu erforschen ist auch die Institutionengeschichte der jüdisch gegründeten Privatkliniken in Frankfurt am Main, die auch stationär behandelten. Die erste Arztpraxis dieser Art war wohl die 1867 eröffnete, später um innere und Nervenerkrankungen erweiterte Privatklinik von Dr. Siegmund Theodor Stein. Die Klinik Hohe Mark, ein großes Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik mitten im Taunus (nahe Oberursel bei Frankfurt), begründete am 1. April 1904 der Frankfurter Nervenarzt Prof. Dr. Adolf Albrecht Friedlände, ein gebürtiger Wiener jüdischer Herkunft, als Privatklinik für den europäischen Hochadel (vgl. http://www.hohemark.de/startseite/, Abfragen aller Links im Artikel am 24.10.2017). Bekanntheit in Frankfurt erlangte vor allem die Herxheimer´sche Klinik und Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten, für die Paul Arnsberg (1983 Bd. 2, S. 271; Bd. 3, S. 187, S. 277) verschiedene Standorte angab: Friedberger Landstraße 57, Heiligkreuzgasse und Holzgraben (beide ohne Hausnummern) sowie Zeppelinallee 47 (Villa Herxheimer). Die angesehene Klinik, die auch unversicherten bedürftigen Hautkranken half, gründete 1876 Dr. Salomon Herxheimer, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder und Nachfolger Prof. Dr. Karl Herxheimer zu den deutschen Pionieren der Dermatologie zählte. Zum Andenken an ihren 1899 verstorbenen Ehemann gründete Fanny Herxheimer, zur weiteren Versorgung armer Hautkranker die „Sanitätsrat Dr. Salomon Herxheimer´sche Stiftung“. Ihre Schwester Rose Livingston (Löwenstein), die sich 1891 taufen ließ, gründete 1913 in der Cronstettenstraße 57 den bis heute tätigen Nellinistift mit anfangs 25 Plätzen für allein stehende ältere Frauen evangelischen Glaubens (vgl. http://www.nellinistift.de/). Im Frankfurter Gallusviertel erinnert ein Straßenname an die Verdienste der Familie Herxheimer (Arnsberg 1983; Lachenmann 1995; vgl. auch Kallmorgen 1936).

Das von Betty Gumpertz begründete Gumpertz´sche Siechenhaus (1888-1941) im Röderbergweg 62-64 war ein ambitioniertes jüdisches Frauenprojekt im Umkreis der konservativen Israelitischen Religionsgesellschaft. Es half den Ärmsten der Armen im Frankfurter Ostend, deren Zahl durch die Migration antisemitisch verfolgter Pogromflüchtlinge aus Osteuropa weiter anwuchs. Als Siechenhäuser wurden bis in das 18. Jahrhundert hinein Pflegeeinrichtungen für Kranke mit ansteckenden und dazumal unheilbaren Leiden bezeichnet. Das Gumpertz´sche Siechenhaus war auf sozial benachteiligte Menschen mit chronischen Krankheiten spezialisiert. 1888 in der Rückertstraße eröffnet, bezog es 1892 einen Neubau mit 20 Plätzen in der Ostendstraße 75 und bereits um 1907 einen Neubau mit 60 Betten im Röderbergweg 62-64. Zu den Stifterinnen gehörten außer Betty Gumpertz und Träutchen (Thekla) Höchberg die Schwestern Minna Caroline (Minka) von Goldschmidt-Rothschild und Adelheid de Rothschild, weshalb das Gumpertz´sche Siechenhaus mitunter auch Rothschild´sches Siechenhaus geheißen wurde. Mitgestaltende Oberin war von den Anfängen bis zu ihrer Heirat Thekla Mandel; ihr folgte 1907 Rahel (Spiero) Seckbach. 1938 verkaufte das Gumpertz´sche Siechenhaus sein Vorderhaus unter NS-Bedingungen über die Stadt Frankfurt an das Hospital zum Heiligen Geist; 1939 wurde es aus seinem kleineres Hinterhaus in sein letztes Refugium am Danziger Platz 15 verdrängt. Am ehemaligen Hauptstandort des Siechenhauses befindet sich seit 1956 das August-Stunz-Zentrum (Röderbergweg 82), eine Altenpflegeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (vgl. die drei Beiträge zum Gumpertz´schen Siechenhaus sowie Lenarz 2003; Otto 1998; Schiebler 1994, S. 135, S. 282; vgl. auch Müller 2006, S. 97).

Fotografie, Büste: Hannah Louise von Rothschild, Stifterin des 'Carolinum'.
Hannah Louise von Rothschild, Stifterin des ‚Carolinum‘ – © Dr. Edgar Bönisch, 2009

Hannah Louise von Rothschild begründete am 16. Oktober 1890 mit der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum in der Bürgerstraße 7 (heute Wilhelm-Leuschner-Straße, zugleich existiert in Frankfurt weiterhin eine Bürgerstraße) ein hochmodernes Krankenhaus, das ebenfalls den Bedürftigen galt. Das nach ihrem verstorbenen Vater Mayer Carl von Rothschild benannte Carolinum entwickelte sich zu einer zentralen und bis heute angesehenen Einrichtung der Frankfurter Zahnheilkunde. Tatkräftige Unterstützung fand Hannah Louise von Rothschild bei dem (nichtjüdischen) leitenden Arzt Dr. Dr. Jakob de Bary – bis zu seinem Tod 1915 Vorsitzender des Carolinum-Stiftungsvorstands – und seiner Tochter, der langjährigen Oberin Luise de Bary. 1910 zog das Carolinum in die Ludwig-Rehn-Straße und gliederte sich gleich zu Beginn der am 26. Oktober 1914 offiziell eröffneten Frankfurter Stiftungsuniversität an. Durch das geschickte Agieren des von Jakob de Barys Sohn Dr. Dr. August de Bary geleiteten nichtjüdischen Vorstands überdauerte das Carolinum als einzige Frankfurter jüdische Stiftung den Nationalsozialismus. 1978 bezog die Zahnklinik einen Neubau auf dem Klinikumgelände Theodor-Stern-Kai 7, wo sie als Carolinum Zahnärztliches Universitäts-Institut der Goethe-Universität Frankfurt am Main bis heute erfolgreich und im Sinne der Stifterin Hannah Louise von Rothschild auch sozial tätig ist (vgl. http://www.med.uni-frankfurt.de/carolinum/).

Mit dem Mathilde von Rothschild´schen Kinderhospital (1903-1941) im Röderbergweg 109, auch als Rothschild´sches Kinderhospital bekannt, schuf Mathilde von Rothschild eine Institution, die bedürftige jüdische (und auf Wunsch gewiss auch nichtjüdische) Kinder kostenlos pflegte und ernährte. Anfangs erhielten 12, später pro Jahr bis zu 100 und 1932 140 Kinder eine unentgeltliche stationäre Versorgung. Über die konservativ-religiöse Institution und ihr gewiss größtenteils jüdisches Pflegepersonal gilt es weiter zu forschen. Im Juni 1941 schlossen die Nationalsozialisten das Kinderhospital. Sie wiesen die noch verbliebenen kleinen Patientinnen und Patienten samt den Pflegekräften in das nunmehr letzte jüdische Krankenhaus in Frankfurt (Gagernstraße 36, siehe unten) ein, das als Sammelort vor der Deportation missbraucht wurde.

1904 errichtete das (1895 evangelisch getaufte) jüdische Unternehmerehepaar Auguste und Fritz Gans 1904 in der Böttgerstraße 20-22 eine Böttgerheim genannte überkonfessionelle Klinik (vgl. Gans/ Groening 2006). Zu dieser ebenso modernen wie sozial fortschrittlichen Institution gehörten ein Säuglingsheim und eine staatlich anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern; das Schwesternhaus befand sich seit 1909 in der angrenzenden Hallgartenstraße. 1920 übernahm die Stadt Frankfurt am Main das nach dem Krieg in Finanznot geratene Böttgerheim und übergab es zwei Jahre später in die Trägerschaft des gerade gegründeten Stadtgesundheitsamtes. Von 1921 bis 1929 leitete der bekannte deutsch-jüdische Pädiater Prof. Dr. Paul Grosser die Kinderklinik. Unter dem NS-Regime hieß das Böttgerheim seit 1934 „Städtisches Kinderkrankenhaus“. 1947 wurde der Klinik- und Heimbetrieb wieder eröffnet und bestand bis zur Schließung durch die Stadt Frankfurt im Jahre 1975. Heute (Stand 2017) befindet sich in dem alten Stiftungsgebäude und einem zusätzlichem Neubau ein Geburtshaus mit Beratungszentrum für die Eltern von Säuglingen und Kleinkindern (www.geburtshausfrankfurt.de) – ganz im Sinne des Stifterpaares Gans.

Dank hoher Spenden aus der Frankfurter jüdischen Bevölkerung nahm 1914 das in der Gagernstraße 36 errichtete große Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main mit anfangs 200 Betten seine Tätigkeit auf (vgl. Hanauer 1914). Die u.a. Jüdisches Krankenhaus genannte, hochmodern ausgestattete Klinik, bei der auch viele nichtjüdische Erkrankte Heilung suchten und fanden, bestand bis zur NS-Zwangsräumung 1942. Ihre Vorläuferinnen waren das im Frankfurter Judenghetto erbaute Alte israelitische Hospital für Fremde (1796-1875) sowie das Hospital der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Königswarterstraße (Königswarter Hospital, 1875-1914). Leitender Arzt des alten israelitischen Fremdenhospitals am Völckerschen Bleichgarten war seit 1817 Dr. Salomo Friedrich (Salomon) Stiebel, später Mitbegründer des oben erwähnten Dr. Christ´schen Kinderhospitals. Als Dr. Stiebel nach 40-jähriger Tätigkeit ausschied, rückte der praktische und Frauenarzt Dr. Heinrich Schwarzschild (1803-1878) zum zweiten Hospitalarzt auf. Nicht zuletzt seiner Beharrlichkeit ist die Gründung des Königswarter Hospitals 1875 im Grünen Weg (später Königswarterstraße) 26 mit 80 Betten zu verdanken; die großzügigen Stifter waren der Bankier Isaac Löw Königswarter und seine Frau Elisabeth. Deren Station für Innere Medizin leitete seit 1877 der Chirurg und Geburtshelfer Dr. Simon Kirchheim, zugleich tatkräftiger Förderer einer Professionalisierung der jüdischen Krankenpflege zum bezahlten Frauenberuf. Der am Königswarter Hospital wohl als erste jüdische Lehrschwester in Deutschland ausgebildeten Rosalie Jüttner folgte Minna Hirsch, erste Oberin des Königswarter Hospitals (1914 geschlossen) und des nachfolgenden Jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße wie auch des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. In der Königswarterstraße (16 statt 26) befindet sich heute mit der Klinik Rotes Kreuz eine christlich geprägte Einrichtung (Stand 2017).
Außer dem neuen Jüdischen Krankenhaus wurde 1914 auch das Schwesternhaus der Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main eröffnet. Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung der Inneren Medizin war bis zu seiner Emigration der international bekannte Diabetesforscher Prof. Dr. Simon Isaac. Als Chefärzte sind u.a. zu nennen: für die Polikliniken Sanitätsrat Dr. Adolf Deutsch, für die Frauenklinik Dr. Arnold Baerwald, für die Hals-Nasen-Ohren-Klinik Dr. Max Maier, für die Augenklinik Dr. Isaak Horowitz und für die Chirurgie Dr. Emil Altschüler, seit 1935 Leiter des bis heute (Stand 2017) in Jerusalem tätigen Bikur Cholim Hospital. Im April 1939 ,erwarb´ die Stadt Frankfurt am Main über die so genannten „Judenverträge“ für 900.000 Reichsmark die gesamte Liegenschaft des Krankenhauses, um sie im Anschluss an die jüdische Gemeinde zurück zu vermieten (vgl. zusammenfassend Karpf 2003). Nach der Ankunft von Personal und Patienten der bereits geschlossenen Rothschild´schen Krankenhäuser im Röderbergweg verzeichnete ein Gestapobericht 1942 fast 400 Kranke, über 100 Angestellte (inklusive des medizinischen und Pflegepersonals) und 37 Lehrschwestern (Steppe 1997, S. 246). Im Oktober 1942 war auch das große Jüdische Krankenhaus geräumt, die zuvor darin befindlichen Menschen wurden nach Theresienstadt und in andere Todeslager deportiert. Seit dem 1. November 1942 gab es nur noch eine jüdische Krankenstation in einer „Gemeinschaftsunterkunft“ (Sammel- und Durchgangslager vor der Deportation) im Hermesweg 5-7. Deren Schließung in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1943 bedeutete das Ende der institutionellen jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main. Nach dem Krieg entstand auf dem Gelände der Gagernstraße 36 das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Bis heute (Stand 2017) gibt es in Frankfurt am Main keine jüdische Klinik mehr (vgl. zur Situation des jüdischen Krankenhauswesens nach der NS-Zeit Arnsberg 1970).

Birgit Seemann, 2010, aktualis. 2017

 

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Links


Carolinum Zahnärztliches Universitäts-Institut, Frankfurt am Main: http://www.med.uni-frankfurt.de/carolinum/

Clementine Kinderhospital, Frankfurt am Main: www.clementine-kinderhospital.de

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Frankfurt am Main 1933-1945, http://www.ffmhist.de/

Museum Judengasse Frankfurt am Main: http://www.museumjudengasse.de/de/home/