Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Jüdische Pflege in Basel und Davos

Basel
Es war Isaac Dreyfus-Strauß (1852-1936), der 1903 den Israelitischen Spitalverein in Basel initiierte (vgl. Doepgen 2004). Er war Chef des Bankhauses Dreyfus, Sons and Company und hatte in Basel unterschiedliche Funktionen in der jüdischen Gemeinde inne. So war er ihr Präsident, leitete den Pflegefonds und hatte bereits das jüdische Waisenhaus ins Leben gerufen, welches er ebenfalls leitete (vgl. JTA 1932).
Das Waisenhaus wurde später für 10 Frankfurter Waisen vorübergehend ein Zuhause, als Isidor Marx [Link], der Leiter des Frankfurter Israelitischen Waisenhauses, viele „seiner“ Kinder in Sicherheit vor den Nazis brachte (vgl. Krohn 1995).
In der Nähe des Waisenhauses kaufte der Spitalverein, dessen 318 Mitglieder großzügig spendeten, ein ca. 1000 qm großes Grundstück. Unter der Leitung des Architekten Rudolf Sandreuter entstand das neue Spital, welches am 5. Dezember 1906 mit 15 Betten und einem Operationssaal eröffnet wurde (vgl. Doepgen 2004).

Fotografie: Israelitisches Spital Basel.
Israelitisches Spital Basel © Staatsarchiv Basel-Stadt Weitere Angaben

Dieses einzige jüdische Spital der Schweiz an der Buchenstraße 56 war bestimmt für kranke Juden, die die Möglichkeit zur rituellen Versorgung auch beim Krankenhausaufenthalt wünschten. So wurden die jüdischen Essensvorschriften ebenso berücksichtigt wie die jüdischen Feiertage. Unabhängig von Religion und finanziellen Möglichkeiten stand das Haus für alle Menschen offen. Die Pflege sollte gemäß den Statuten aufopfernd und menschlich sein, bei Bedarf konnte sie kostenlos geleistet werden. Unter der Leitung der Chefärzte Dr. Edmund Wormser und später Dr. Karl Mayer konnte man das Haus 1930/31 auf 24 Betten vergrößern. Eine weitere geplante Renovierung im Jahr 1940 konnte wegen zu knapper Mittel nicht mehr durchgeführt werden. 1953 musste man das Haus schließen, da inzwischen ausreichend staatliche Einrichtungen zur Verfügung standen. Heute erinnert an der Buchenstraße 56 nichts mehr an das Krankenhaus (vgl. Doepgen 2004: 6, Meier 1972: 11).
Nach Berichten einer Nachbarin von 2004, die das Krankenhaus noch kannte, haben sich Menschen unterschiedlichster Religionen und Schichten im jüdischen Spital behandeln lassen (vgl. Manta-Katz zit. nach Doepgen 2004). Die Patientenzahlen lagen 1911 bei 112 und 1914 bereits bei 174. Dr. Wormser zog zum 10jährigen Bestehen Bilanz und berichtete von insgesamt 1287 Patientinnen und Patienten. Bei der Renovierung von 1930/31 kam es zu der lange geplanten Erweiterung und einer Modernisierung, die neue Anstriche, neue Möbel und als Standard fließend kaltes und warmes Wasser in jedem Zimmer brachten. Eine separate Geburtenabteilung wurde eingerichtet. Die bisherigen Wohnräume des Personals wurden zu Krankenzimmern ausgebaut. Das Personal kam in einer nahe gelegenen Wohnung unter (vgl. Doepgen 2004).
Eine wichtige Rolle bei der Entstehung des jüdischen Gesundheitswesens in Basel spielte die Loge Bne Briss. Die Basel-Loge No 595 setzte sich auch für die Ausbildung jüdischer Krankenschwestern ein: „Unser Orden darf es sich ferner als ein Verdienst anrechnen, energisch für die Erziehung geeigneter jüdischer Mädchen zu dem Berufe von Krankpflegerinnen eingetreten zu sein. Die Grossloge für Deutschland z. B. lässt in jedem Jahr 6 jüdische Krankenschwestern für die Logen des VIII. Distrikts ausbilden“ (U.O.B.B. Basel-Loge No 595, zit. nach Foscube/7.10.2015).
Im Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt existieren viele Akten des Spitals und des Spitalvereins, deren Bearbeitung bisher noch nicht erfolgen konnte. Es handelt sich unter der Archivnummer „Privatarchiv 792“ um ein Meter achtzig Regalmeter Dokumente im Zeitraum 1903 bis 1953. Eventuell sind dort auch weitere Informationen über das „Kuratorium für jüdische Krankenschwestern“, dessen Präsident Dr. med. Edmund Wormser war, zu finden.
Detailliert zu untersuchen bleibt auch die Verbindung zwischen Basel und Davos: In dem Luftkurort Davos gründeten viele Schweizer Kantone und Orte, so auch Basel, eigene Sanatorien. Auch ein jüdisches Sanatorium, das Internationale Sanatorium Davos-Dorf unter dem Direktor A. Hirsch, wurde 1897 errichtet.

Davos
Besonderen Bezug zwischen Frankfurt und Davos gab es durch den Frankfurter Arzt Dr. med. E. Rosenbusch, der im Zentralkomitee der Gründer des Internationalen Sanatoriums saß. Eine Geldgeberin war Frau Baronin Willy von Rothschild (d. i. Mathilde von Rothschild, die Frau des letzten Frankfurter Rothschilds) (vgl. Alemannia Judaica). Um 1919 war Rosa Spiero Oberschwester in Davos, sie gehörte dem Frankfurter jüdischen Krankenpflegerinnenverein an. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete die spätere Frankfurterin Trude Simonsohn von 1946 bis 1947 in der Heilstätte Höhenwald.

Fotografie: Davos, Switzerland, Medical staff of the "Ram Yaar" - "Hohwald" ("High Forest") sanatorium for "Chalutzim".
Davos, Switzerland, Medical staff of the „Ram Yaar“ – „Hohwald“ („High Forest“) sanatorium for „Chalutzim“. © Yad Vashem Photo Archive

Davos erlangte seit Mitte des 19. Jahrhunderts Bedeutung als Kurort für Lungenkranke. Das jüdische Leben fand seit 1918 in einer jüdischen Gemeinde statt. Ein jüdischer Friedhof wurde 1931 angelegt. Nach und nach entstanden rituell geleitete Heilstätten. 1896/97 gründete A. Hirsch das erste streng rituell geführte Haus, das „Internationale Sanatorium“, ein Haus mit Synagoge und Mikwe, das jedoch 1905, da zu unwirtschaftlich, wieder verkauft werden musste. Ein weiteres Haus entstand 1919, das jüdische Sanatorium „Ethania“, gegründet durch den Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz, die ihren Sitz in Zürich hatten. Geleitet wurde es von Dr. Oeri und war speziell für Arme eingerichtet. Die in Frankfurt ausgebildete und dem Frankfurter jüdischen Krankenpflegerinnenverein angehörende Rosa Spiero war um 1919 die Oberschwester im Haus „Ethania“ (vgl. Rechenschaftsbericht 1920). Trotz einer Lawinenkatastrophe im Jahr 1920 konnte das Sanatorium mit Synagoge weitergeführt werden. Erst seit 1991 steht es leer (vgl. Alemannia Judaica).

Die Heilstätte Höhenwald wurde von Josef Brumlik, dem Vater des Frankfurter Pädagogikprofessors Micha Brumlik, nach dem Krieg gegründet. Josef Brumlik war Leiter der Flüchtlingshilfe in Genf. Im Sanatorium Höhenwald sollten Tuberkulosekranke geheilt werden, bevor sie nach Palästina auswanderten. Berthold Simonsohn, der Mann von Trude Simonsohn, leitete die Heilstätte ein Jahr lang. Trude Simonsohn übernahm die Pflege.

Basler jüdische Krankenschwestern
Es folgt eine Aufzählung von Krankenschwestern, die gemäß dem Hausstandsbuch des Schwesternhauses des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main entweder in Basel oder Davos geboren wurden oder nach Basel oder Davos gingen.

Johanna Beermann wurde am 10. Juli 1863 in Wittlich geboren. Sie hatte u. a. in Hamburg und Basel in der Privat- und Armenpflege gearbeitet, bevor sie 1913 nach Frankfurt am Main kam und in der Säuglingsmilchküche tätig wurde. Am 27. April 1914 zog sie von der Königswarter Straße 20, dem alten Schwesternwohnhaus, in die Bornheimer Landwehr 85, von wo sie am 19. November 1940 in die Gagernstraße 36 in das Israelitische Krankenhaus umziehen musste. Am 23. August 1942 nahm sie sich dort das Leben.

Rita Jacobstamm wurde am 4. August 1911 in Posen geboren und kam am 7. Januar 1932 aus Berlin als Lehrschwester in die Bornheimer Landwehr 85 in Frankfurt am Main. Am 18. Januar 1938 meldete sie sich nach Basel ab (ISG HB 655).

Betty Schlesinger wurde am 8. Oktober 1866 in Pforzheim geboren. Als eine der Ersten absolvierte sie eine Krankenschwesternausbildung im Frankfurter Verein für jüdische Krankenpflegerinnen. Danach war sie viele Jahre lang in der Privatpflege tätig. 1903 erhielt Betty Schlesinger für ihr 10jähriges Dienstjubiläum als Krankenschwester die „Goldene Brosche“ des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins. 1907 entsandte sie der Frankfurter jüdische Schwesternverein in die Schweiz, wo sie als Oberin die Pflege des im Dezember 1906 eröffneten Israelitischen Spitals zu Basel aufbaute. 1908 kehrte sie nach Frankfurt zurück und wirkte u. a. im Verband für Säuglingsfürsorge der Stadt Frankfurt. Sie betreute, durch den Verein für Krankenpflegerinnen finanziert, drei Stadtbezirke (vgl. Steppe 1997: 258). 1912 schied sie aus dem Verein aus. Im Ersten Weltkrieg beteiligte sich Betty Schlesinger an der Verwundetenpflege des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins im Vereinslazarett 27 (vgl. Steppe 1997: 225). Am 22. Oktober 1940 wurde Betty Schlesinger nach Gurs deportiert.

Trude Simonsohn war keine Schwester des Frankfurter Vereins. Sie wurde am 25. März 1921 in Ölmütz geboren. Sie überlebte Auschwitz und arbeitete als Sozialarbeiterin. Sie hatte eine Ausbildung als Krankenschwester begonnen, hospitierte nach dem Krieg in der Baseler Heilstätte in Davos, um in der Heilstätte Höhenwald in Davos mit ihrem Mann zusammen zu arbeiten. Die Baseler Heilstätte (1886-1985) wurde von Baseler Ärzten initiiert, die der armen Baseler Bevölkerung eine Möglichkeit zur Heilung der „Schwindsucht“ im Luftkurort Davos schaffen wollten (vgl. Staatsarchiv Basel-Stadt). Trude Simonsohn nimmt auch heute noch rege am Frankfurter Stadtgeschehen teil.

Fotografie: Rosa Spiero / In New York.
Rosa Spiero / In New York. Aus: Thea Levinsohn-Wolf 1996: Stationen einer Krankenschwester. Frankfurt a.M.: 139 Weitere Angaben

Rosa Spiero wurde am 12. März 1885 in Prostken geboren. Ab 1906 erhielt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester in Frankfurt im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen. Danach war sie in der Privatpflege in Hamburg beschäftigt und im Israelitischen Spital in Straßburg. Während des Ersten Weltkriegs war Rosa Spiero als Operations- und Narkoseschwester in der Etappe. Um 1919 war sie in der Israelitischen Lungenheilanstalt in Davos beschäftigt. 1920 pflegte sie in der Kann-Stiftung in Oberstedten bei Frankfurt am Main. Dann kehrte sie ins jüdische Krankenhaus und ins Schwesternhaus in Frankfurt zurück. Am 24. März 1941 konnte sie nach New York entkommen. Sie arbeitete in den USA bis ins hohe Alter als Krankenschwester und starb 1977.

Hildegard Vogelsang wurde am 31. Dezember 1916 in Norden geboren, sie kam am 30. April 1936 aus Norden nach Frankfurt in den Krankenpflegerinnenverein als Lehrschwester. Am 23. März 1939 ging sie nach Davos (vgl. ISG HB 655). Im „Niedersächsischen Landesamt für Bezüge und Versorgung/Wiedergutmachung“, liegen unter dem Aktenzeichen Hannover 228662b weitere Dokumente, die vermutlich Aufschluss über ihren Lebensverlauf geben können, jedoch noch gesichtet werden müssen.

Margarete Wolf wurde am 26.10.1901 in Basel geboren. Ihre Staatsangehörigkeit wird als Badenerin angegeben. Die Krankenschwester verbrachte ein Jahr, vom 7. Februar 1931 bis zum 6. Februar 1932, im Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36, wo sie vermutlich auch wohnte (vgl. ISG HB 686: 58).

Edgar Bönisch, 2015

Quellen und Literatur
Primärquellen

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Hausstandsbuch 655: Bornheimer Landwehr 85

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Hausstandsbuch 686: Gagernstraße 36

Literatur

Baumann, Christoph Peter 2010: Judentum in Basel. Basel.

Doepgen, Valerie 2004: 100 Jahre Israelitisches Spital. Eine segensreiche Institution. In: tachles. Das jüdische Wochenmagazin Nr. 52/53 (4), 24. Dezember 2004, S. 6f.

Krohn, Helga 1995: Vor den Nazis gerettet. Eine Hilfsaktion für Frankfurter Kinder 1939/40. Sigmaringen.

Meier, Eugen A. 1972: Basel in der guten alten Zeit. Basel.

Simonsohn, Trude mit Elisabet Abendroth 2013: Noch ein Glück. Erinnerungen. Göttingen.

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a. M.

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919 des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Frankfurt a. M.

Internetquellen

Alemannia Judaica. Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Basel (Kanton Basel-Stadt, CH) Jüdische Geschichte / Betsäle/Synagogen http://www.alemannia-judaica.de/basel_synagoge.htm (8.10.2015)

Alemannia Judaica. Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Davos (Kanton Graubünden, Schweiz) Jüdische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis um 1920: Jüdische Kureinrichtungen / Gründung einer jüdischen Gemeinde http://www.alemannia-judaica.de/davos_juedgeschichte.htm (8.10.2015)

Dokumentation der zwischen 1919 und 1945 in Pforzheim geborenen bzw. ansässigen jüdischen Bürgerinnen und Bürger und deren Schicksale https://www.pforzheim.de/kultur-freizeit/stadtgeschichte/juedische-buerger.html (8.10.2015)

Foscube: http://www.fschuppisser.ch/looslizion/beneberithbasel.pdf (7.10.2015)

JTA (Jewish Telegraphic Agency) 1932: 80th. Birthday of Isaac Dreyfus-Strauss Leading Figure in Swiss Jewry. March 23. www.jta.org/1932/03/23/archive/80th-birthday-of-isaac-dreyfus-strauss-leading-figure-in-swiss-jewry (17.8.15)

Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt http://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?id=132567 (8.10.2015)

Jüdische Pflege in Heidelberg

1894 wurde, als erste Zweigstelle des jüdischen Bne-Briss-Ordens in Baden, die Friedrich-Loge in Heidelberg gegründet. Im Jahr 1930 hatte sie ca. 80 Mitglieder (vgl. Müller 1930: 43-48).
Eines ihrer prominentesten Gründungsmitglieder war der Weinheimer Lederfabrikant Sigmund Hirsch (1845-1908), der zunächst als Mitglied der Frankfurt-Loge nach Heidelberg gekommen war (vgl. Müller 1930). Ihm zu Ehren richteten seine Söhne Max (1871-1950) und Julius Hirsch (1874-1955?) den Sigmund Hirsch-Krankenschwesternfonds ein. Aus diesem Fonds konnte die Friedrich-Loge einen festen jährlichen Mitgliedsbeitrag an den von ihr 1909 ins Leben gerufenen Krankenschwesternverein der jüdischen Gemeinde Heidelberg bezahlen.
Sigmund Hirsch war wohl einer derjenigen, die sich innerhalb der Loge am intensivsten für die Sache der Krankenschwestern eingesetzt hatte, ebenso wie der Logenbruder Ferdinand Liebhold. Letzterer wurde überregional bekannt, als er die Zentralisierung der jüdischen Krankenpflegerinnenausbildung bei der Großloge in Berlin beantragte (vgl. Müller 1930: 21 und Turtel 1979). Dies wirkte sich auf das gesamtdeutsche Ausbildungswesen der jüdischen Krankenpflegerinnen aus und führte letztlich zur Gründung der Krankenschwesternorganisation (KSO) der Loge Unabhängiger Orden Bne-Briss (vgl. UOBB Heidelberg).

Fotocollage: Sigmund Hirsch (links am Tisch sitzend) in der Schützengesellschaft 1860 Weinheim. / Fotocollage mit Grauton-Malerei in Tempera als Hintergrund, 1904.
Sigmund Hirsch (links am Tisch sitzend) in der Schützengesellschaft 1860 Weinheim. / Fotocollage mit Grauton-Malerei in Tempera als Hintergrund, 1904 Weitere Angaben

Vom Verein für israelitische Krankenschwestern in Heidelberg ist außer dem Gründungsjahr 1909 überliefert, dass er eine Krankenstation in der Akademiestraße 2 unterhielt. Der Verein hatte 1933 240 Mitglieder. Vereinsvorstand war 1911 Ferdinand Liebhold, Bluntschlistraße 4, Logenbruder und Bruder des Tabakfabrikanten Michael Liebhold. Sein Stellvertreter war der Bezirksrabbiner Dr. Hermann Pinkuss (1867-1936).
Schatzmeister des Vereins war der Darmhändler Friedrich (Fritz) Schlössinger. 1925/26 übernahm der Logenbruder Max Meyer den Vorsitz, er hatte in der Akademiestraße 2 ein Schneiderbedarfsgeschäft. Wie die Andordnung im Haus war, ob die Krankenstation in der Wohung Meyer oder darüber oder daneben war ist z. Zt. nocht nicht festgestellt. Ihm folgte 1928 Friedrich (Fritz) Schlössinger. Die Geschäftsführung übernahm ab 1929 die „Witwe Max Mayer“, die in der Akademiestraße 2 im 2. Stock wohnte, höchstwahrscheinlich die Witwe von Max Meyer. Der Verein erhielt seit 1925/26 jährlich 1.000 Mark von der jüdischen Gemeinde Heidelberg, der größte Betrag, den ein Verein von der Gemeinde ausbezahlt bekam (vgl. Adressbuch Heidelberg 1911, Steppe 1997: 113, Turtel 1979, Wennemuth 1996: 380, Zentralwohlfahrtsstelle 1928: 212-216).
Das Wissen über die jüdische Pflegegeschichte in Heidelberg ist nur bruchstückhaft, zu dürftig sind die erhaltenen Quellen. So wenig wir über das Alltagsleben des Vereins und der Loge wissen, so wenig wissen wir über die Krankenschwestern aus Heidelberg und deren Verbindung zum Heidelberger Verein oder auch der Beziehungen zum Frankfurter Verein für jüdische Krankenpflegerinnen.
Wer Mitglied des Heidelberger Schwesternvereins war, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt, es liegt kein Mitgliedsverzeichnis vor. So folgt hier ein biographisches Lexikon von Pflegekräften und Frauen aus mit der Pflege verwandten Berufen, die in irgendeiner Form mit Heidelberg zu tun hatten, um zukünftig genauere Details erforschen zu können.

Emma Bendix (1896-1942)
Emma Bendix lebte 1939 in der Rohrbacher Straße 51, einem sogenannten „Judenhaus“, bei der Familie Snopek. Weitere Informationen über sie sind im Artikel „Jüdische Pflege in Mannheim“ enthalten, da sie als Krankenschwester in Mannheim arbeitete.

Fotografie: Jüdisches Altersheim Häusserstraße, Heidelberg (Villa Julius).
Jüdisches Altersheim Häusserstraße, Heidelberg (Villa Julius) Weitere Angaben

Emma Braunschild (1869-1957)
Emma Braunschild wurde am 5. Oktober 1869 in Nieheim/Westfalen geboren. Nach ihrer Schulausbildung war sie fünf bis sechs Jahre lang Schülerin am jüdischen Krankenhaus Berlin. 1905 übersiedelte sie nach Amerika und arbeitete als Krankenschwester in verschiedenen New Yorker Krankenhäusern. Nach 18 Jahren, 1923, kehrte sie nach Heidelberg zurück und lebte von ihrem privaten Vermögen und einer Altersrente. Sie wohnte zusammen mit ihrer Schwester in der Rottmannstraße 36. Ihre Schwester Rosa Braunschild, geb. am 5. Dezember 1873, kam um 1937 in die psychiatrische Anstalt Wiesloch, am 4. September 1939 in die Heil- und Pflegeanstalt Philippshospital in Goddelau und am 14. Mai 1940 weiter in die Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten. Am 21. Mai 1940 wurde Rosa Braunschild in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und am selben Tag ermordet.
1937 hatte Emma Braunschild ihr Haus in der Rottmannstraße verkauft, das bemerkenswerterweise eine in Stuttgart prämierte Modellküche besaß. Sie zog nach Wiesloch in die „Fabrik“, wie sie berichtete. Nach weiteren drei Wohnungswechseln, z. B. in die Nadlerstraße 1(1939), wurde sie im „Judenhaus“ Landriedstr. 14 untergebracht. Sie berichtete von Belästigungen und Verhören, von Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmung von Geld, Möbeln und Wäsche, bis sie Ende Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurde, wo sie bis August 1943 in den Lagern Gurs, Noé und Récébédou blieb. Bis 1947 hielt sie sich in St. Laurent du Pont (Isére) auf. 1948 kehrte sie nach Heidelberg, in die Große Mantelgasse (Weisser Bock), zurück. Auf Antrag der jüdischen Gemeinde kam Frau Braunschild im Alters- und Pflegeheim St. Hedwig unter.

Johanna Herz (1910-?)
Johanna Herz, verheiratete Dollman, wurde am 23. Juni 1910 in Essen geboren. 1932 be-stand sie die Abschlussprüfung der Städtischen Sozialen Frauenschule in Mannheim. Aus dem Praktikum vorzeitig entlassen, arbeitete sie als Wohlfahrtspflegerin in Heidelberg. Im Mai 1933 emigrierte sie nach Frankreich und 1935 nach Schweden, wo sie ein Hochschulstudium begann und auch 1964 noch (in Stockholm) lebte (vgl. Giovannini 2011: 167).

Alice Hirsch (1911-?)
Alice Hirsch wurde am 9. Februar 1911 in Heidelberg geboren. Von 1917 bis 1925 besuchte sie die Volksschule in Rot Malsch bei Heidelberg, danach bis 1927 eine Fortbildungsschule in Neu-Isenburg. Von 1927 bis 1936 befand sich Alice Hirsch in der Berufsausbil-dung. Zunächst lernte sie im Jüdischen Säuglings- und Kleinkinderheim in Breslau/Krietern bis 1929, danach ein Jahr im Jüdischen Säuglingsheim Berlin/Niederschönhausen. Anschlie-ßend war sie ein halbes Jahr in der Heilpädagogischen Schule in Berlin/Borgsdorf, Oranienburg, dann wieder in Breslau im Jüdischen Krankenhaus, wo sie von 1934 bis 1936 eine Krankenschwesternausbildung absolvierte. Entsprechend war sie nun sowohl Säuglingspflegerin als auch Krankenschwester (vgl. HHStA Abt. 518 Nr. 15852).
Am 3. November 1938 zog Alice Hirsch in Frankfurt am Main von der Maximilianstraße 1, gegenüber dem Haupteingang des Jüdischen Krankenhauses (Gagernstraße 36), in das Krankenhaus selbst um, wo sie auch arbeitete. Unter dem Eindruck des Suizids eines Arztes des Krankenhauses (Dr. Rosenthal), bemühte sie sich um die Ausreise aus Deutschland und konnte am 28. Juli 1939 nach England entkommen (ISG HB 686: 89).
In einer Meldung des 2. Polizeireviers in Frankfurt am Main heißt es: “Die Alice Sara Hirsch, geb. 9.2.1911 in Heidelberg, kam am 28.7.1939 von Gagernstraße 36 nach England zur Ab-meldung und ist verzogen“ (HHStA Abt. 519/3 Nr. 27.914).
In England arbeitete sie als Büroangestellte und lebte in London. Ihr Rechtsanwalt schrieb, dass sich der Gesundheitszustand seiner Mandantin nach der Auswanderung weiter verschlechtert habe, zumal sie die Mitteilung erhalten habe, dass ihre Mutter im Konzentrationslager gestorben sei (HHStA Abt. 518 Nr. 15852).
Die Mutter von Alice Hirsch war Johanna Hirsch, geb. 24. Februar 1889. Sie war am 22. Oktober 1940 von Mannheim nach Gurs deportiert worden. Am 14. Januar 1942 kam sie in das Aile de Limoux (Aude), ein psychiatrisches Krankenhaus, wo sie bis 1958 blieb. Anscheinend erfuhr ihre Tochter erst dann von dem Verbleib der Mutter worauf sie sie nach England holte (vgl. GLAK Abt. 243 Zug. 2004-125 Nr. 9529).

Alice Kaufmann (1923-?)
Alice Kaufmann, verheiratete Young, wurde am 21. Januar 1923 in Heidelberg geboren. Sie besuchte das Heidelberger Gymnasium, dessen Besuch sie abbrechen musste. Eine Ausbil-dung zur Krankenschwester folgte. Sie emigrierte am 3. Mai 1937 nach England (vgl. Weck-becker 1983: 85, Giovannini 2011: 212).
Ihre Eltern waren der Kaufmann Theodor Kaufmann (1883-1958), geb. am 27. September 1883 in Fried-berg/Hessen, und Erna Anna Kaufmann, geb. Stolzenberg (nichtjüdisch). Die Familie wohnte in der Klingenteichstraße 4. Alices Bruder war Theo Kaufmann, geboren am 3. Dezember 1919 in Heidelberg, er konnte nach Australien auswandern (Weckbecker 1983: 85).

Berta Lenel (1882-1940)
Berta Lenel wurde am 7. März 1882 in Leipzig geboren. Sie war Rot-Kreuz-Schwester und arbei-tete als Oberschwester an der Universitätsaugenklinik in Heidelberg. Am 29. April 1933 zog sie nach Freiburg. Am 22. Oktober 1940 wurde sie nach Gurs deportiert. Vom 16. Feb-ruar 1942 bis 22. April 1944 lebte sie versteckt von den Bewohnern des Dorfes Le Cham-bon-sur-Lignon/Dep. Haute-Loire in der Auvergne. 1944 konnte sie in die Schweiz entkom-men und kehrte 1948 nach Freiburg zurück (vgl. Giovannini 2011: 241, GLAK Abt. 480 Nr. 14329, Weckbecker 1983: 105).
Die Eltern waren Otto Lenel (1849-1935), Rechtshistoriker, seit 1907 in Freiburg lehrend und Luise, geb. Eberstadt (1857-1940). Die Mutter wurde mit Berta Lenel gemeinsam nach Gurs deportiert, wo sie am 7. November 1940 starb (vgl. Giovannini 2011: 241).

Lola (Karola) Levi (1920-2008)
Lola (Karola) Levi, verheiratete Selma (Lola) Deehan, wurde am 11. August 1920 in Heidelberg geboren. Von 1930 bis 1936 besuchte sie die Mädchenrealschule in Heidelberg. Nach der mittleren Reife ging sie bis 1938 auf die Handelsschule in Heidelberg und die Haushaltsschu-le in Konstanz (vgl. Giovannini 2011: 24). Als Lehrschwester kam sie am 2. August 1938 von Heidelberg in die Bornheimer Landwehr 85 (vgl. ISG HB 686: 57) und erhielt dort bis 1939 eine Ausbildung zur Krankenpflegerin am Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt am Main. Am 8. Mai 1939 meldet sie sich nach Heidelberg ab. Am 5. Juni 1939 emigrierte sie nach England, wo sie ihre Ausbildung bis 1945 fortsetzte. In den USA arbeitete sie als Krankenpflegerin und Hausfrau. Am 9. Februar 2008 starb sie in Punta Gorda/Florida. Auch ihre Schwester Martha war Krankenpflegerin, vermutlich ausgebildet in England (vgl. Giovannini 2011: 247).

Fotografie: Häusserstraße 4, Heidelberg.
Häusserstraße 4 Heidelberg / Aus: Giovannini, Norbert u.a. 2011: Erinnern, Bewahren, Gedenken. S. 472 Weitere Angaben

Madeleine Lion (1907-?)
Madeleine Lion, geboren am 22. April 1907 in Mühlhausen/Elsaß, war Säuglingspflegerin. Sie war von 1929 bis 1933 Stationsschwester im Mütter- und Säuglingsheim des Frauenvereins der Berliner Logen, wo sie 1933 entlassen wurde. Von 1933 bis 34 arbeitete sie im Betrieb der Eltern, Textilgroßversand C&A Lion, Häusserstraße 4, Heidelberg. Am 9. Dezember 1934 wanderte sie in die USA aus, wo sie am 14. September 1938 in Oklahoma heiratete (vgl. Giovannini 2011: 259; Weckbecker 1983: 115).

Stefanie Pauline Nöther (1912-?)
Stefanie Pauline Nöther, verheiratete Becker, geboren am 26. Dezember 1912 in Bruchsal. Beruf Krankenschwester. In Heidelberg arbeitete sie von 1931 bis 1938 in verschiedenen Stellen als Haushaltshilfe. Sie ging am 8. September 1939 nach Bremen, wurde dort zur Rot-Kreuz-Schwester ausgebildet und wirkte als Rot-Kreuz-Helferin im städtischen Krankenhaus. 1939 reiste sie nach Chile aus, wo sie am 6. Juni 1944 den Gelsenkirchner Josef Becker heiratete und nun Stefanie Pauline Nöther de Becker hieß. In Chile konnte sie weiter als Krankenschwester arbeiten. 1954 kam sie nach Heidelberg und legte am 4. April 1960 ihre Krankenpflegeprüfung ab (vgl. Weckbecker 1983: 143, Giovannini 201: 314, Generallandesarchiv Abt. 480, Nr. 11066).

Fotografie: Lotte Selma Pinkuss mit Ehemann Rabbiner Fritz Pinkuss beim Besuch in Heidelberg 1980.
Lotte Selma Pinkuss mit Ehemann Fritz Pinkuss / Lotte Selma Pinkuss mit Ehemann Rabbiner Fritz Pinkuss beim Besuch in Heidelberg 1980 Weitere Angaben

Lotte Selma Pinkuss (1912-2003)
Lotte Selma Pinkuss, geb. Sternfels, geboren am 27. Juli 1912 in Darmstadt, war Kinderpflegerin. Ihr Abitur machte sie auf der Viktoriaschule in Darmstadt im April 1932. Sie schloss ein Praktikum beim Jugend- und Fürsorgeamt Darmstadt an. Im Oktober 1933 bestand sie das staatliche Examen in Säuglings- und Kinderpflege an der Uniklinik Heidelberg. Umzug von Darmstadt nach Heidelberg am 30. Juni 1934. Eine Anstellung fand sie im Kinderheim der jüdischen Gemeinde in München. Anschließend arbeitete sie ehrenamtlich in der Juden- und Auswandererberatung im Amtsbezirk ihres Gatten, des damaligen Bezirksrabbiners Dr. Fritz Pinkuss zu Heidelberg. Die letzte Adresse in Heidelberg war die Handschuhsheimer Landstraße 8. Nach der Auswanderung, 16. August 1936, wohnte sie in Sao Paulo, Alameda Fernao Cardim 284. Eine weitere Adresse war Rua Haiti 58. Lotte Pinkuss verstarb im November 2003. Sie hatte ein Kind, Michael Ludwig, geb. 1935 in Heidelberg. (vgl. Giovannini 2001: 332, GLAK Abt. 480. Nr. 25242/1, Weckbecker 1983: 151).

Ihr Ehemann war Dr. Fritz Pinkuss (1905-1994), geb. am 13. Mai 1905 in Egeln bei Magdeburg/Salzlandkreis. Bezirksrabbiner und Rabbiner der jüdischen Gemeinde Heidelbergs (Hauptgemeinde). Studium am Rabbinerseminar in Breslau 1925 bis 1928. Studium in Würzburg und Berlin. Belegt ist, dass Fritz Pinkuss zeitweise stellvertretender Vorsitzender des Schwesternvereins war und auch Vorsitzender der Friedrich-Loge (vgl. Brocke/Carlebach 2009: 482, Zentralwohlfahrtstelle 1928: 212-216). Seit 1936 Rabbiner der Congregação Israelitia Paulista in São Paulo. Seit 1945 Professor of Jewish Studies, Universidade de São Paulo. Träger des Bundesverdienstkreuzes (vgl. Giovannini 2011: 332).

Luise Wolfers (1875-?)
Luise Wolfers wurde am 28. Juni 1875 in Minden/Westalen geboren. Sie war von Beruf Krankenpflegerin und wohnte 1939 mit ihrer Schwester Paula Grünebaum in der Hauptstraße 165 und 1940 in der Rohrbacher Straße 51, einem sogenannten „Judenhaus“ (Giovannini 2011: 447, Weckbecker 1983: 214).

Quellen

GLAK = Generallandesarchiv Karlsruhe: Abt. 480 Nr. 1358 Nr. I, Abt. 243 Zug. 2004-125 Nr. 9529, Abt. 480 Nr. 14329, Abt. 480, Nr. 11066, Abt. 480. Nr. 25242/1

HHStA = Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Abt. 518 Nr. 15852, Abt. 519/3 Nr. 27.914

ISG = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main. HB=Hausstandsbuch 686, Gagernstraße 36 Teil 1

Literatur

Brocke, Michael/Carlebach Julius 2009: Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945, Bd. 2. https://books.google.de/books?id=JJL5HQCT6nMC&dq=Friedrich+loge+heidelberg&hl=de&source=gbs_navlinks_s (13.8.2015)

Giovannini, Norbert, Rink, Claudia, Moraw, Frank 2011: Erinnern, Bewahren, Gedenken. Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933-1945. Heidelberg.

Giovannini, Norbert, Moraw, Frank (Hrsg.) 1998: Erinnertes Leben. Autobiographische Texte zur jüdischen Geschichte Heidelbergs. Heidelberg
Müller, Samuel 1930: Geschichte der Friedrich-Loge. XXIX, 444 U.O.B.B. 1894-1930. O.O.

Steppe, Hilde 1997: „…den Kranken zum Troste, dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main

Turtle, Chasia 1979: Geschichte der Juden in Heidelberg von den Anfängen bis zur Gegenwart (Stadtarchiv Heidelberg).

Weckbecker, Arno 1985: Die Judenverfolgung in Heidelberg 1933-1945. Heidelberg

Weckbecker, Arno 1983: Gedenkbuch an die ehemaligen Heidelberger Bürger jüdischer Herkunft. Heidelberg

Wennemuth, Udo 1996: Geschichte der Juden in Heidelberg in der Weimarer Republik. In Andreas Cser u.a.: Geschichte der Juden in Heidelberg. Heidelberg. S. 379-387

Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Juden 1928: Führer durch die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland. Berlin.

Internetquellen

Adressbuch Heidelberg 1911: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/AdressbuchHD1911/0541?sid=16e2a06fd6eef97c011c8e146db86b1e

BA Konstanz: Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945). https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

UOBB Heidelberg: Bericht der Großloge für Deutschland. Organ des 8. Distrikts

U.O.B.B. compact memory http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn:nbn:de:hebis:30:1-138615

Jüdische Pflege in Mannheim und ihre Verbindung zur Frankfurter jüdischen Pflege

Die Krankenunterstützungsvereine
In Mannheim gab es traditionelle Hilfsvereine wie die Chewra Kadischa, eine Beerdigungsbruderschaft (seit 1694), und die Bikkur Cholim, eine Krankenverpflegungs- und Brautausstattungsbruderschaft (seit 1770). In den Jahren 1776, 1798 und 1816 kamen zusätzlich Krankenunterstützungsvereine hinzu, aus denen 1879 die „Vereinigte Verwaltung der Israelitischen Krankenunterstützungsvereine“ hervor ging. Ihren Mitgliedern wurde bei Bedarf Pflegepersonal zur Verfügung gestellt oder finanzielle Unterstützung zuteil. Die Krankenunterstützungsvereine gründeten 1906 das Israelitische Krankenschwesternheim (vgl. Keller 1995: 119f). Auch die jüdische August-Lamey-Loge in Mannheim spielte bei der Einrichtung des Mannheimer Gesundheitssystems eine Rolle, die jedoch noch zu untersuchen ist.
Das Israelitische Krankenschwesternheim befand sich seit seiner Gründung im Quadrat B7, 11 und ab 1911 im Quadrat C2, 19. Im Jahr 1913 waren eine Oberschwester und fünf Pflegeschwestern im Heim untergebracht. 1931 zogen die Schwestern in das neu erbaute jüdische Altersheim um. In einem Artikel über das Krankenschwesternheim von 1935 heißt es: „Das hiesige Schwesternheim umfaßt [sic] gegenwärtig vier ausgebildete Schwestern, die in langen Arbeitsjahren sich reiche Erfahrungen in der Krankenpflege erworben haben.“ Von deren Arbeitsleistungen entfiel eine kleinere Anzahl „auf Hilfeleistungen im jüdischen Krankenhaus (Assistenz bei Operationen, Nachtwachen bei Schwerkranken) und auf Vertretungen im jüdischen Altersheim. Die weitaus größte Zahl aller Pflegen und Ambulanzen aber wurde im Hausstand der Erkrankten selbst durchgeführt“ (IG 1935: 9). Vorsitzender der Vereinigten Verwaltung der Israelitischen Krankenunterstützungsvereine und damit auch des Israelitischen Krankenschwesternheims war lange der Rabbiner Dr. Gustav Oppenheim (vgl. Keller 1995: 119f).

Das Krankenhaus

Fotografie: Israelitisches Kranken- und Pfründnerhaus Mannheim.
Israelitisches Kranken- und Pfründnerhaus Mannheim Weitere Angaben

Bereits im Jahr 1711 reichte es nicht mehr aus, Kranke zu Hause oder in angemieteten Häusern zu versorgen, und die jüdische Gemeinde Mannheim kaufte das „Haus Straßburg“ im Quadrat E5, um es als Krankenhaus einzurichten (vgl. Keller 1995: 122). Das „Haus Straßburg“ war zuvor die Wirtschaft „Zur Stadt Straßburg“, für die die jüdische Gemeinde 900 Gulden bezahlte (IG 1936: 8). Erweiterungsgrundstücke kamen 1722 und 1798 hinzu, wie auch ein Schabbesofen und eine Metzgerschranne (Verkaufsstand), die durch Vermietung einen Teil der Finanzierung des Hauses einbrachten. 1831 beschloss die Gemeinde, das Krankenhaus auch für Arme und Pfründner zu öffnen, also auch für Menschen, die eine Rente meist aus weltlichen oder kirchlichen Ämtern erhielten. Dazu wurde der verfallene 2. Stock ausgebaut (vgl. Keller 1995: 123). Ein Umbau 1843/44 brachte einen zusätzlichen 3. Stock und Nebenflügel, der Schabbesofen und die Metzgerschranne wurden wieder abgebaut. Im Erdgeschoss befanden sich nun „die Verwalterwohnung, ein Sitzungs- und Arztzimmer, die Küche und Funktionsräume und an Stelle der Schranne, [ein] […] Speisesaal; im ersten Obergeschoss befanden sich sechs Kranken- und ein Totenzimmer sowie je ein Raum für den Wärter und die Wärterin; im zweiten Obergeschoß schließlich waren die Pfründnerwohnungen untergebracht. Der Hof wurde nach Entfernung des Schabbesofen als Garten hergerichtet“ (Keller 1995:123). 1877 erhielt das Haus den Namen: Israelitisches Kranken- und Pfründnerhaus (vgl. Keller 1995: 123). 1894, zur Eröffnung eines weiteren Vergrößerungsbaus, war auch die Großherzogin Luise von Baden anwesend.

Fotografie: Israelitisches Kranken- und Pfründnerhaus Mannheim / Reinigen des OP-Saals, 1930 (Quadrat E5, 9).
Israelitisches Kranken- und Pfründnerhaus Mannheim / Reinigen des OP-Saals, 1930 (Quadrat E5, 9) © Institut für Stadtgeschichte Mannheim Weitere Angaben

Die Bewohner des Israelitischen Kranken- und Pfründnerhauses wurden rituell verpflegt. Auch viele Nichtjuden nutzten die seit 1894 verbesserten chirurgischen Möglichkeiten. 1910 wurden im Haus 124 im Jahr 1929 428 Patientinnen und Patienten versorgt.
Aus Städteplanungsgründen wurde das gesamte Quadrat E5 1936 abgerissen. In dem stattdessen im nationalsozialistischen Architekturstil erbauten Gebäude, befindet sich heute das Rathaus der Stadt Mannheim. Das Krankenhaus wurde unter der Oberin Pauline Maier in das wenige Jahre zuvor erbaute jüdische Altersheim in der Collinistraße verlegt (vgl. Keller 1995: 123).

Fotografie: Israelitisches Altersheim Collinistraße, Mannheim.
Israelitisches Altersheim Collinistraße, Mannheim / Luftaufnahme © Institut für Stadtgeschichte Mannheim Weitere Angaben

Vor dem Ersten Weltkrieg war in der Gemeinde Geld für den weiteren Ausbau des Krankenhauses gesammelt worden. Dieses Geld steckte man nun in den inzwischen dringlicher gewordenen Neubau eines Altersheims. 1930 wurden der Grundstein gelegt und das Richtfest gefeiert. Am ersten Sederabend 1931 startete der Betrieb im jüdischen Altersheim in der Collinistraße, heute Bassermannstraße. Die ersten Bewohner zogen am 1. April 1931 ein. Die groß geplante Einweihungsfeier wurde jedoch, scheinbar aus Furcht vor antisemitischen Aktionen, kurzfristig abgesagt (vgl. Keller 1995: 125). Das Gebäude hatte der Frankfurter Regierungsbaumeister Fritz Nathan, der in Frankfurt auch den Neubau des Rothschildschen Krankenhauses erbaut hatte, mit Beteiligung von Josef Zizler entworfen. Es ähnelte, im Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten, dem Budge-Altenheim im Edingerweg in Frankfurt, das im Juni 1930 eröffnet worden war und ebenfalls von einer Architektengruppe um Frankfurts Siedlungsdezernenten Ernst May entworfen worden war.

Fotografie: Israelitisches Altersheim und Krankenhaus Mannheim / Krankenschwestern vor dem Collinibau.
Israelitisches Altersheim und Krankenhaus Mannheim / Krankenschwestern vor dem Collinibau © Institut für Stadtgeschichte Mannheim Weitere Angaben

Das Mannheimer israelitische Altersheim beherbergte 50 Bewohner. Es gab einen „Wohngarten“, der durch große Glastüren von Aufenthaltsräumen und Speisesaal, der auch als Gottesdienstraum nutzbar war, erreichbar war. Die Küche war modern eingerichtet und für Trennung von Milch- und Fleischzubereitung vorgesehen, mit Sabbatofen und einem Raum für das Pessachgeschirr. Wäschereianlage und Aufzüge ergänzten die Funktionalität. Die hellen Einzelräume und einige Doppelzimmer richteten sich nach der Sonne, fast alle hatten einen Balkon. Im obersten Stockwerk befand sich seit 1931 das Krankenschwesternheim. Als 1936 das Krankenhaus mit einzog, trennte der Architekt das Gebäude in Ost- und Westhälfte. Geteilt durch eine gläserne Wand befand sich im östlichen Flügel das Krankenhaus mit ca. 40 Betten. Im Westflügel blieb das Altersheim für 25 Bewohner erhalten. Die Krankenhausausrüstung war hochmodern. In einem Anbau gab es Operationsräume mit Sterilisationseinrichtungen und Vorbereitungszimmern. Die Röntgeneinrichtung war neu. Die Krankenzimmer waren in drei Klassen eingeteilt und beherbergten ein bis vier Betten. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde das Krankenhaus immer wieder zum Sammelpunkt verfolgter Juden, so 1938 nach der Pogromnacht, in der der Rabbiner Dr. Karl Richter eine Nacht lang im Isolierzimmer versteckt worden war. Der Speisesaal diente nach der Zerstörung der Hauptsynagoge als Saal für Gottesdienste. Und kurze Zeit darauf war das Krankenhaus Schauplatz von Selektionen zur Deportation. Am 24.12.1941 wurden die letzten Patienten des Krankenhauses aus dem Haus gewiesen. Es wurde zum Polizeikrankenhaus umfunktioniert. Nach Kriegsschäden wurde das Haus 1952 verändert wieder aufgebaut und als Tuberkulosekrankenhaus genutzt. Seit 1964 war es Alters- und Pflegeheim der Stadt Mannheim und trug den Namen der Oberin Pauline Maier (vgl. Keller 1995: 124-126). Das Haus wurde 2010 abgerissen und durch ein neues er-setzt, das weiterhin den Namen der Oberin trägt.

Die Schwestern des Israelitischen Schwesternheims

Anzeige: Israelitisches Krankenhaus Mannheim / Stellen- und Ausbildungsplatzanzeige des Israelitischen Krankenhauses Mannheim von 1922.
Israelitisches Krankenhaus Mannheim / Stellen- und Ausbildungsplatzanzeige des Israelitischen Krankenhauses Mannheim von 1922 Weitere Angaben

In Mannheim gab es keine eigene jüdische Schwesternausbildung wie z. B. in dem Schwesternverein in Frankfurt am Main. Das Krankenhaus und die Krankenunterstützungsvereine konnten jedoch auszubildende Lehrschwestern nach Berlin schicken, wo sie durch die Großloge Bne Briss und später von der Krankenschwesternorganisation (KSO) betreut wurden (vgl. Steppe 1997: 113).
Die heute bekannteste jüdische Krankenschwester in Mannheim war die Oberin Pauline Meier (1877-1942). Sie hatte sich in Berlin und Breslau ausbilden lassen. Im Israelitischen Krankenhaus Mannheim war sie seit 1913 beschäftigt und wirkte ab 1922 als Oberin. Am 22. Oktober 1940 begleitete sie, gegen den Befehl der Gestapo in Mannheim bleiben zu sollen, ihre Patienten nach Gurs. In Gurs wirkte sie weiter in der Pflege. Im August 1942 wurde sie nach Auschwitz deportiert, obwohl sie gebeten worden war, im Lager zu bleiben. Ihr Wunsch war es, bei ihren Patienten zu bleiben und auch nach ihren verschwundenen Geschwistern zu suchen. Ihr Leben, das in vielen Artikel beschrieben wird (vgl. Watzinger 1984: 125-126 oder Sauer 1969: 279f) endete in Auschwitz.

Fotografie: Israelitisches Krankenhaus Mannheim / Die Belegschaft des Mannheimer jüdischen Krankenhauses im Jahr 1942.
Israelitisches Krankenhaus Mannheim / Die Belegschaft des Mannheimer jüdischen Krankenhauses im Jahr 1942. Weitere Angaben

Pauline Meier und auch andere Schwestern wie Emma Bendix, Johanna Gödelmann, Gertrud Joehlinger, geb. Schad, Elsa Berta Schloss, geb. Rosenberg, Hilda Wunsch oder Ruth Sekyrka (Gerechte der Pflege, Keller 1995 und ISG Mannheim ZGS S2/1142) stehen jedoch nicht mit der Frankfurter jüdischen Pflege in Verbindung, weshalb an dieser Stelle nicht weiter über sie berichtet wird.
Von der Belegschaft des Krankenhauses existiert ein Foto aus dem Jahre 1942. Die abgebildeten Personen sind nicht in den Unterlagen des Frankfurter Vereins jüdischer Krankenpflegerinnen verzeichnet, was darauf hindeutet, dass die Krankenschwestern nicht in Frankfurt, sondern vermutlich in Berlin ausgebildet wurden.
Krankenpflegerinnen, die sowohl mit Mannheim als auch mit Frankfurt in Verbindung standen, z. B. durch Herkunft oder Arbeitsstelle, waren (in alphabetischer Folge):

Gerda Bloch
Gerda Bloch (später Gertrude Block) wurde am 21. September 1893 in Mannheim geboren. 1923 wurde sie Lehrschwester und ab 1925 staatlich anerkannte Krankenschwester, wobei nicht belegt ist, wo sie ausgebildet wurde. Im Schwesternhaus in der Bornheimer Landwehr 85 in Frankfurt wurde sie am 8. Juli 1932, aus Karlsruhe kommend, angemeldet. Am 20. Juli 1939 konnte sie per Flugzeug nach England flüchten. Ihr bereits beantragtes USA-Visum erhielt sie jedoch erst am 15. Juli 1940, so dass eine bereits bezahlte Schiffspassage verfiel und sie eine neue mit Hilfe eigener Mittel und von ihrem in den USA lebenden Bruder kaufen musste. Sie reiste per Schiff von Glasgow über New York nach Los Angeles. Zuvor hatte sie in England als Krankenpflegerin in einem Nursing-Home gearbeitet. In Los Angeles war sie ebenfalls Krankenpflegerin sowie Haushaltshilfe. 1947 arbeitete sie unbezahlt im White Memorial Hospital in Los Angeles und bekam ihre Anerkennung als registrierte Krankenschwester in Kalifornien. Sie leistete weitre Dienste als Privatkrankenschwester in Hospitälern und bei privaten Patienten in San Francisco (vgl. ISG Hausstandsbücher, HHStA:Abt. 518 Nr. 4659).

Bella Forst
Bella Forst (Isabella), verheiratete Windmüller, wurde am 6. Juli 1905 in Kaiserslautern geboren. Der Vater war Samuel Forst, ein Handelsmann in Niederkirchen, die Mutter hieß Elisabeta Forst, geb. Berg. Eine Zeit lang, von Mai bis September 1929, war sie nach Ladenburg abgemeldet. Am 28. Februar 1930 meldete sie sich, aus Niederkirchen kommend, im Frankfurter Schwesternhaus Bornheimer Landwehr 85 an. Abgemeldet hat sie sich wieder am 16. August 1932, um nach Mannheim zu gehen. Nach den Aussagen ihres Bruders Eugén Isaac Forst heiratete sie nach ca. 15 Jahren Tätigkeit im jüdischen Krankenhaus in Frankfurt am Main Julius Windmüller, geboren am 11. September 1883 in Schlitz (Kreis Lauterbach). Das Ehepaar wohnte zuletzt in Frankfurt in der Liebigstrasse 24. Beide wurden nach Polen deportiert und dort ermordet, wo genau ist unbekannt. Beider Todestag wurde auf den 23. Mai 1942 festgesetzt (vgl. ISG Hausstandsbücher / HHStA Abt. 518 Nr. 37.645).

Erna Heimberg
Erna Heimberg wurde am 11. Januar 1889 in dem Dorf Madfeld im Sauerland (Nordrhein-Westfalen) geboren. Sie wurde seit 1911 im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Frankfurt ausgebildet. Im Ersten Weltkrieg versorgte sie als OP-Schwester verwundete Soldaten. 1936 kehrte sie aus Mannheim nach Frankfurt in das jüdische Schwesternhaus zurück. Ihre Fluchtversuche in das britisch kontrollierte Mandatsgebiet Palästina scheiterten. Erna Heimberg war vermutlich die letzte Oberin des im Frühjahr 1941 liquidierten Rothschild’schen Hospitals und danach des letzten Frankfurter jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße 36. Sie wurde am 15. September 1942 mit Ottilie Winter und weiteren Kolleginnen nach Theresienstadt deportiert und am 15. Mai 1944 in Ausschwitz ermordet (vgl. Gedenkbuch Koblenz).

Dokument: Holland, Liselotte / Zeugnis des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main.
Holland, Liselotte / Zeugnis des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main. © HHStA Wiesbaden Abt. 518 Nr. 19162 Weitere Angaben

Liselotte Holland
Liselotte Holland, (Lotte, Lilo) verheiratete Katz, wurde am 27. Juni 1910 in Mannheim geboren. Ihr Vater war Hermann Holland, ihre Mutter Julie Holland, geb. Moos. Sie ging in Mannheim in die Lieselotte Schule und weiter zur städtischen Handelsschule. Danach arbeitete sie im Geschäft ihres Vaters und beschloss 1932 Krankenpflegerin zu werden. Am 31. Juli 1934 kam sie in das Schwesternhaus Bornheimer Landstraße 85 in Frankfurt. Ihr Schwesterndiplom vom Regierungspräsidenten in Wiesbaden ist auf den 23. November 1935 datiert. Sie arbeitete ein Jahr im jüdischen Krankenhaus in Frankfurt, welches auch ihre letzte Adresse in Deutschland war: Gagernstraße 36. Bei der Verabschiedung ihrer Schwester nach den USA im Hamburger Hafen traf sie ihren Jugendfreund Siegfried Katz (geb. 1. August 1905 in Nendershausen, Bez. Kassel), dieser bereitete sich auf seine Ausreise nach Palästina auf einem landwirtschaftlichen Gut in der Nähe Hamburgs vor. Am 5. Juli 1936 heirateten sie und gingen gemeinsam nach Palästina. Dort fehlte Liselotte Katz allerdings das Geld für eine nachträgliche Prüfung als Krankenschwester, auch die Sprache verhinderte eine weitere Arbeit in der Pflege. Sie wurde Hilfsarbeiterin in einer Krankenkasse. 1940 bekam das Ehepaar eine Tochter. Sie bearbeiteten ein 2.000 qm großes Grundstück als Siedler und besaßen Hühner und Kühe. Liselotte Katz litt zunehmend an epileptischen Anfällen, weshalb sie die Siedlung aufgeben mussten. Lilo Katz starb am 18. September 1963 in Kfar Scharjahn, Israel (vgl. ISG Hausstandsbücher und HHS-tA Abt. 518 Nr. 19162).

Charlotte Lewy
Charlotte Lewy wurde am 19. Januar 1910 in München geboren. Sie kam am 2. Oktober 1936 aus Mannheim in die Bornheimer Landwehr 85 und kehrte am 28. Dezember desselben Jahres wieder zurück nach Mannheim (vgl. ISG Hausstandsbücher).

Hildegard Rausenberg
Hildegard Rausenberg, geboren am 2. Dezember 1912 in Meschede, kam aus Meschede am 30. Juli 1931 nach Frankfurt als Lehrschwester. Bis zum 33. März 1934 war sie im Verein in der Bornheimer Landwehr 85, um dann nach Mannheim zu ziehen (vgl. ISG Hausstandsbücher).

Melanie Rothschild
Melanie Rothschild wurde am 16. Januar 1896 in Offenbach geboren. Im Schwesternhaus Bornheimer Landwehr 85 meldete sie sich am 5. Dezember 1924 an. Abgemeldet hat sie sich am 19. April 1934, um in die Neckarstraße 5 zu ziehen. Dort befand sich ebenfalls die Privatklinik Dr. Max Mainzer, es liegt nahe anzunehmen, dass Frau Rothschild dort arbeitete. Vermutlich ist sie in die USA emigriert. In einer Meldung des 2. Polizeireviers in Frankfurt hieß es nämlich am 30. Januar 1940: „Die Jüdin Melanie Sara Rothschild geb. 16.1.96 zu Offenbach, kam am 5.9.40 von Bornheimer Landstr. 85 nach U.S.A. zur Abmeldung und ist verzogen.“ In ihrer Devisenakte steht: „Beruf Krankenschwester. Möchte weiterhin als Krankenschwester arbeiten“ (vgl. ISG, HHStA Abt. 519/3 Nr. 27.194 und HHStA Abt.513/3 Nr.31779).

Lotte Wolff
Lotte Wolff wurde am 1. Oktober 1912 in Mannheim geboren. Lt. einer Auflistung im Hessischen Hauptstaatsarchiv hielt sie sich zwischen 1931 und 1939 an folgenden Orten auf:
3.8.31 bis 15.5.33 in Walldorf bei Heidelberg; 15.5.33 bis 1.6.35 Frankreich; 1.6.35 bis 1.4.36 Mannheim; 1.4.36 bis 1.4.38 Breslau; 1.4.38 bis 10.3.39 Mannheim und ab 10.3.39 in Frankfurt.
Am 16. März 1939 meldete sie sich in der Bornheimer Landwehr 85, dem Schwesternhaus in Frankfurt, an. Am 22. August desselben Jahres konnte sie nach England ausreisen (vgl. HHS-tA Abt. 519/3 Nr. 21.293 und ISG Frankfurt am Main).

Quellen

HHStA = Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.

ISG = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main. Hausstandsbücher 686, Gagernstraße 36, Teil 1

ISG Mannheim = Institut für Stadtgeschichte Mannheim

Literatur

IG = Israelitisches Gemeindeblatt. 30. April 1935, Nr. 8 und 1936, Nr. 10.

Keller, Volker 1995: Jüdisches Leben in Mannheim. Mannheim.

Keller, Volker 1988: Bilder vom jüdischen Leben in Mannheim. Mannheim.

Sauer Paul 1969: Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs während der Nationalsozialistischen Verfolgungszeit 1933-1945. Stuttgart.

Steppe, Hilde 1997: „…den Kranken zum Troste, dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflegte in Deutschland. Frankfurt am Main.

Watzinger, Karl Otto 1984: Geschichte der Juden in Mannheim 1650-1945. Stuttgart.

Internetquellen

Alemania Judaica = Alemannia Judaica. Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Mannheim (Stadtkreis). Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben des 19./20. Jahrhunderts (bis 1938).
http://www.alemannia-judaica.de/mannheim_texte.htm (2. 9.2015)

Gedenkbuch Koblenz = Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozi-alistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945. https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ (2.9.2015)

Gerechte der Pflege = http://www.gerechte-der-pflege.net/wiki/index.php/Hauptseite (2.9.2015)

Julie Glaser (1878 – 1941 deportiert)

Oberin des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main

… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“

– als langjährige Oberin des Frankfurter jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße setzte auch Julie Glaser diesen Leitspruch der jüdischen Pflege (vgl. Feldmann 1901) in die Tat um. (Dieser Artikel ist der erste biographische Beitrag über Julie Glaser; er wird noch weiter ausgebaut.)

Herkunft
Julie Glaser kam am 7. Oktober 1878 (1877 nach Strätz 1989, S. 193) in der bayerisch-fränkischen Bischofsstadt Würzburg zur Welt. Sie gehörte der jüdischen Minderheit an, wurde aber auch von dem katholischen Milieu geprägt, in dem sie aufwuchs.
Ihre Eltern entstammten beide dem unter- und mittelfränkischen Judentum Bayerns. Der Vater Max (Marx) Glaser, ein Kaufmann, wurde am 4. April 1844 in Thüngen geboren. Der kleine Spessartort zählte wegen seines hohen jüdischen Bevölkerungsanteils zu den so genannten „Judendörfern“: In Thüngen lebte und wirkte bis zu ihrer Vernichtung 1942 die größte jüdische Synagogengemeinde des heutigen Landkreises Main-Spessart. Max Glaser zog mit seinen Eltern, Babette Glaser geb. Amson und dem Kaufmann Jakob Glaser, nach Würzburg, erhielt 1874 das Heimatrecht und 1892 das Bürgerrecht. Viele Jahre lang leitete er eine Weingroßhandlung und war zuletzt Inhaber einer Immobilienagentur. Wohnhaft im damaligen Haugerring 14 (heute etwa Haugerring 7), starb er am 3. oder 4. Juli 1909 in Würzburg (Strätz 1989, S. 193).
Julie Glasers Mutter Rosa Glaser geb. Regensburger wurde am 13. März 1851 in Feuchtwangen geboren. In der mittelfränkischen Kleinstadt waren seit dem 13. Jahrhundert Juden ansässig, darunter Vorfahren des bekannten Schriftstellers Lion Feuchtwanger. Mit ihren Eltern, Clara Regensburger geb. Cohn und dem Lederhändler Nathan Regensburger, wohnte Rosa Glaser später in Rothenburg ob der Tauber, das ebenfalls eine reichhaltige jüdische Geschichte hat. Dort heiratete sie 1874 Max Glaser und zog zu ihm nach Würzburg. Des Weiteren ist von Julie Glasers Mutter, seit 1909 Witwe, nur bekannt, dass sie 1930 verzogen oder verstorben ist (Strätz 1989, S. 193).

Familiengeschichte
Julie Glaser war das dritte Kind und die erste Tochter von Rosa und Max Glaser. Sie hatte zwei ältere und vier jüngere Geschwister. Der älteste Bruder, Adolf Glaser, wurde am 12. März 1875 in Würzburg geboren. Nach seinem Medizinstudium praktizierte er als Arzt in Mannheim und als Schiffsarzt. Er starb am 10. Juli 1914 in Straßburg (Elsass, Frankreich). Julie Glasers jüngerer Bruder Jakob Glaser wurde am 16. Oktober 1881 in Würzburg geboren. Er starb bereits im Oktober 1900 vermutlich in Neuendettelsau (Mittelfranken, Bayern).

Leo Glaser
Eine beachtliche Karriere machte Julie Glasers zweiter Bruder, der Chemiker, Apotheker, Unternehmer und Politiker Dr. phil. Leo Glaser, geboren am 28. Mai 1876 in Würzburg. Nach seinem Würzburger Studium promovierte er 1901 bei Prof. Wilhelm Conrad Röntgen, dem Entdecker der Röntgenstrahlen und ersten Nobelpreisträger für Physik. Leo Glaser verband wissenschaftliche Fähigkeiten mit unternehmerischem Geschick. Bald verschlug es ihn von Bayern in das heutige Bad Doberan bei Rostock (Mecklenburg-Vorpommern): Dort übertrug ihm der Unternehmer, Zeitungsverleger und Stadtrat a.D. Reinhold Rudloff die fachliche Leitung der Haliflor-Company GmbH, einer „florierenden chemischen Fabrik für Parfümerien und Kosmetika“ (Palme 2002, S. 147). Als Reinhold Rudloff 1904 starb, wurde Leo Glaser Betriebsleiter und 1906 durch die Heirat mit der Tochter Elsa Bitt geb. Rudloff (1873-1947) auch offiziell sein Nachfolger im Unternehmen. Elsa Glaser brachte zwei kleine Töchter mit in die Ehe: die spätere bekannte Rostocker Malerin Kate Diehn-Bitt (1900-1978) und ihre ältere Schwester Annemarie. Mit Leo Glaser bekam sie die Tochter Lili (geb. 29.11.1910 in Doberan), Julie Glasers Nichte. Leo Glaser steigerte das Know-how von Haliflor (zu dem auch ein Lager mit Cognac gehörte) und baute die internationalen Firmenbeziehungen weiter aus. Von 1924 bis 1928 amtierte er als Präsident der mecklenburgischen Handelskammer in Rostock, die Universität Rostock ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Auch politisch engagiert, gehörte Leo Glaser 1919 zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei in Mecklenburg. In der NS-Zeit waren seine vielfältigen Verdienste vergessen (vgl. die lesenswerte Doktorarbeit Leimkugel 1999 über Lebenswege weiterer antisemitisch verfolgter Apotheker und Pharmazeuten). 1938 kam Julie Glasers Bruder zeitweise in Haft, sein Unternehmen fiel in die Hände der Nazis. Von 1935 bis zum Kriegsende 1945 hauste das Ehepaar Glaser in äußerst bescheidenen Verhältnissen, isoliert von seinen nichtjüdischen Verwandten und Freunden, ja selbst von Elsa Glasers Töchtern Annemarie und Käthe, um diese nicht zu gefährden. Den Deportationen konnte Leo Glaser nur entkommen, weil seine nichtjüdische Ehefrau zu ihm hielt. Seine als „Halbjüdin“ verfolgte Tochter Lili Hahn geb. Glaser emigrierte 1941 zusammen mit ihrem Ehemann in die USA. Die Demütigungen, Bedrohungen und Zerstörungen der NS-Zeit hielt ihre nichtjüdische Halbschwester, die Künstlerin Käthe Diehn-Bitt, in eindrucksvollen „KZ-Bildern“ (siehe Palme 2002) fest. Nach Kriegsende bestellten die Sowjetbehörden Leo Glaser zum Leiter des Finanzamtes, doch baute er zugleich die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) in Mecklenburg mit auf. Da er in der Sowjetischen Besatzungszone keine demokratische Zukunft sah, gab Leo Glaser sein 1946 für die LDPD angetretenes Amt als Rostocker Stadtrat für Finanzen wieder auf. Nach dem Tod seiner Frau Elsa wanderte er 1947 zu der Tochter Lili nach New York aus und starb dort am 27. oder 28. Juni 1950. Lili Hahn geb. Glaser, aus gutbürgerlichem Hause, bestritt ihren Lebensunterhalt im Exil zeitweise als Zahnarzthelferin. Sie war die letzte Überlebende der Familie Glaser.

Emma, Cilli und Ida Glaser
Eine besonders innige Beziehung verband Julie Glaser mit ihren jüngeren Schwestern Emma und Cilli Glaser. Entgegen dem konservativen Ehe- und Mutterschaftsmodell, das bis in die 1960er Jahren vorherrschte, blieben alle drei unverheiratet und berufstätig: Julie Glaser wurde Krankenschwester. Emma Glaser, geboren am 10. September 1880, praktizierte in Würzburg als Dentistin (Zahnärztin ohne Hochschulprüfung, mit staatlicher Ausbildung und Kassenzulassung). Die ausgebildete Sekretärin Cilli Glaser, geboren am 11. Februar 1883, arbeitete als Angestellte im christlichen Luitpold-Krankenhaus Würzburg sowie als Privatsekretärin. 1934 ging sie nach München. Die Jüngste der vier Schwestern, Ida Glaser, geboren am 25. September 1884, war als Buchhalterin und Bankangestellte tätig. Auch mit ihr gab es enge Verbindungen: Wie Julie Glaser leistete Ida Glaser im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst als Krankenschwester, seit 1927 lebte sie ebenfalls in Frankfurt am Main. Ihre Nichte Lili Hahn vermutete, dass sie ebenfalls unverheiratet blieb und noch vor den Deportationen verstarb.

Der Weg zur Oberin

Sozialisation
Schon in ihrer Kindheit und Jugend hatte Julie Glaser Prägungen erfahren, die sie auf die Führungsposition einer Pflegedienstleitung bzw. Oberin eines Krankenhauses biographisch vorbereiteten. So wuchs sie nicht wie die meisten Pflegenden in der unteren Mittelschicht auf, sondern kam aus dem sozial aufgestiegenen Bürgertum. Die Erfahrung als Angehörige der lange diskriminierten jüdischen Minderheit verstärkte zudem Anstrengungen, Besonderes zu leisten. Die beiden älteren Brüder studierten, alle vier Schwestern lernten Berufe, was für Frauen im Deutschen Kaiserreich keineswegs selbstverständlich war. In der Mitsorge um vier jüngere Geschwister, darunter den jung verstorbenen, offenbar kränkelnden Bruder Jakob Glaser, schulte Julie Glaser ihr Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent.

Werdegang
Julie Glaser ließ sich nicht an einem christlichen Krankenhaus ausbilden, sondern ging nach Frankfurt am Main. Dort war 1893 der im Deutschen Kaiserreich erste Verein für jüdische Krankenpflegerinnen gegründet worden. Eine Taufe, die die Aufnahme in eine katholische oder evangelische Schwesternvereinigung ermöglicht hätte, kam für sie nicht in Frage. Warum Julie Glaser 1900 (vgl. Steppe 1997, S. 227) am Hospital der Israelitischen Gemeinde in der Königswarterstraße 26 („Königswarter Hospital“) nur eine verkürzte Schwesternausbildung absolvierte, ist unbekannt. Danach arbeitete sie weiterhin im Hospital sowie in der Privatpflege. 1911 stieg Julie Glaser zur Oberin des Israelitischen Krankenhauses Straßburg im Elsass (heute: Clinique Adassa, Alsace/ Frankreich) auf, dessen Pflegedienst der Frankfurter jüdische Schwesternverein übernommen hatte; ihr anfängliches Team bestand aus Operationsschwester Bertha Schönfeld und Narkoseschwester Rosa Spiero. Gewiss hatte sie Kontakt zu ihrem ältesten Bruder, dem Schiffsarzt Adolf Glaser, der 1914 in Straßburg mit erst 39 Jahren starb.

Kriegskrankenpflege
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 verließen die Patientinnen und Patienten aus Furcht vor einer Besetzung durch französische Truppen das Israelitische Krankenhaus Straßburg. Anders Oberin Julie Glaser und ihr Schwesternteam – Blondine Brück, Jenny Cahn, Gertrud Glaser, Ricka Levy, Bella Peritz und Rahel (Recha) Wieseneck – die sich den Militärbehörden sofort für die Verwundetenpflege zur Verfügung stellten. Vom jüdischen Spital wechselte Julie Glaser als Lazarett-Oberin in das Festungslazarett XXII B, einem ehemaligen Lyzeum. Von dort aus organisierte sie die Kriegskrankenpflege: „Dieses Lazarett in Straßburg wird bald zum hauptsächlichen Gefangenenlazarett für Verwundete aus Frankreich, Russland, Italien, Rumänien, England und Amerika und besteht bis November 1918“ (Steppe 1997, S. 217). Hierzu notierte Julie Glaser: „Es wurde fieberhaft gearbeitet, operiert und verbunden, durchschnittlich blieben uns nur vier bis fünf Stunden Schlaf. […] Im Operationssaal konnte man beim Verbinden die interessantesten Völkerstudien machen […]“ (zit. n. Rechenschaftsbericht 1920, S. 39). Im November 1918 kehrte sie zusammen mit ihren getreuen Mitstreiterinnen in das Frankfurter jüdische Krankenhaus zurück.

Würdigung
Um 1925 folgte Julie Glaser der pensionierten Minna Hirsch als Oberin des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt (Wolff 2001, S. 100); ihre Kollegin Sara Adelsheimer wurde Oberin der Schwesternschaft des Frankfurter Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Nach Sara Adelsheimers Emigration während der NS-Zeit leitete Oberin Julie Glaser auch das Schwesternhaus. Am Frankfurter jüdischen Krankenhaus zählte sie zu den dienstältesten Pflegenden. Auch aufgrund ihrer leitenden Stellung und der damit verbundenen Mitgestaltung der Pflege sind ihre Biographie und die institutionelle Geschichte des Krankenhauses eng miteinander verbunden; dessen nationalsozialistische Zwangsschließung im Herbst 1942 erlebte sie nicht mehr. Zwei Jahre zuvor hatte Julie Glaser anlässlich ihres 40-jährigen Berufsjubiläums im Jüdischen Nachrichtenblatt noch folgende Würdigung erfahren: „Am 15. August 1900 begann „Schwester Julie“, jetzt seit vielen Jahren schon die verehrte Frau Oberin Julie Sara [sic!] Glaser des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde und Oberin des Schwesternhauses, aus dem sie selbst einst als junge Schwester hervorgegangen ist, ihren Dienst als Krankenschwester. Seit vierzig Jahren steht sie nun im Dienst, und in diesem seit vielen Jahren an führenden und leitenden Stellen. Sie hat im Schwesternhaus unzählige junge Schwestern in die Pflichten und Kenntnisse der Krankenschwester eingeführt und sie zu der gleichen hohen und ernsten Auffassung dieses Berufs hingeleitet, die in ihr selbst lebt“ (Wertheimer 1940). Der Beitrag stammt von der Frankfurter jüdischen Pädagogin und Autorin Dr. Martha Wertheimer (geb. 1890); sie wurde 1942 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.

NS-Zeit und Deportation
Die antisemitische Verfolgung in der NS-Zeit gefährdete zunehmend Emma Glasers freiberufliche Existenz als Dentistin in Würzburg. 1934 verließ sie ihre Geburtsstadt und zog zu Julie Glaser nach Frankfurt, deren Stellung zunächst gesichert war. Wann Cilli Glaser, die in München vermutlich von einer nichtjüdischen Arbeitsstelle vertrieben worden war, in Frankfurt eintraf, ist noch ungeklärt. Sie kam als Büroangestellte im Frankfurter jüdischen Krankenhaus unter. Die drei Schwestern waren wieder vereint und konnten einander beistehen; zu einer Emigration kam es nicht. 1941 – dem Jahr ihrer Deportation – wohnten Julie, Emma und Cilli Glaser im Gärtnerweg 55. Am 19./20. Oktober 1941 wurden sie laut Transportliste des Gestapobereiches Frankfurt am Main in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz, Polen) deportiert. Im gleichen Transport befanden sich auch Kolleginnen Julie Glasers wie Ilse Frohmann. In der Hölle von Lodz verlieren sich ihre Lebensspuren; vielleicht traten die drei Schwestern gemeinsam ihren letzten Weg in ein Vernichtungslager an. Außer ihnen wurden 16 weitere Verwandte der Familie Glaser ermordet (Palme 2002, S. 186, Fn 100). Zum Zeitpunkt ihrer Deportation waren Julie Glaser 63, Emma Glaser 61 und Cilli Glaser 58 Jahre alt. Sie gehören zu den Opfern der Schoah, die keine direkten Nachkommen hinterließen und heute vergessen sind.

Judentum und Erinnerungsarbeit in Würzburg
Spätestens seit dem 12. Jahrhundert lebten Jüdinnen und Juden in Würzburg. Eine traditionsreiche jüdische Gemeinde entstand, der Persönlichkeiten wie Rabbiner Seligmann Bär Bamberger (Urgroßvater des Sozialphilosophen Erich Fromm), der Psychoanalytiker William G. Niederland, der Lyriker Yehuda Amichai oder die junge Dichterin Marianne Dora Rein entstammten. Nach der Schoah konnte sich in Julie Glasers Geburtsstadt wieder eine vielfältig aktive jüdische Synagogengemeinde entwickeln. Sie wurde von 21 überlebenden Rückkehrern aus Theresienstadt und 38 Verschleppten aus anderen europäischen Ländern („Displaced Persons“) ins Leben gerufen. Dank der jüdischen Migration aus Osteuropa in den 1990er Jahren gehören ihr inzwischen etwa 1.100 Mitglieder an (Stand 2008). 1970 wurde die neue Würzburger Synagoge eröffnet. Ein weiterer Meilenstein bedeutete am 23. Oktober 2006 (1. Cheschwan 5767) die Einweihung des modernen Gemeinde- und Kulturzentrums „Shalom Europa“. Die Homepage www.shalomeuropa.de der Israelitischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken informiert umfassend über die Würzburger jüdische Geschichte; die Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken macht zahlreiche Namen, biografische Daten und auch Fotos zugänglich. Erinnerungsarbeit leisten auch die Gedenkinitiative „Stolpersteine“, die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken e.V.“ sowie auf publizistischem Gebiet der Journalist Roland Flade. In einem zweibändigen biographischen Handbuch des Stadtarchivs Würzburg (vgl. Strätz 1989) wurden viele Informationen zu jüdischen Würzburgerinnen und Würzburgern zusammengetragen. So ließ sich auch über Julie Glaser und ihre Familiengeschichte einiges in Erfahrung bringen.

Birgit Seemann, 2010, aktualisiert 2018

Ungedruckte Quellen


Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Entschädigungsakte Abt. 518 Nr. 8914

Literatur und Links (Abfrage v. 23.10.2017)


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. 3 Bde [Bd. 3 mit Würzburg] Gütersloh

Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945. Hg. von d. Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Daxelmüller, Christoph/ Flade, Roland 2005: Ruth hat auf einer schwarzen Flöte gespielt. Geschichte, Alltag und Kultur der Juden in Würzburg. Hg. v. Klaus M. Höynck. Würzburg

Feldmann, Gustav 1901: Jüdische Krankenpflegerinnen. Kassel

Kingreen, Monica 1999: Gewaltsam verschleppt aus Frankfurt. Die Deportationen der Juden in den Jahren 1941-1945. In: dies. (Hg.): „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938 – 1945. Frankfurt/M., S. 357-402

Leimkugel, Frank 1999: Wege jüdischer Apotheker. Emanzipation, Emigration, Restitution. Die Geschichte deutscher und österreichisch-ungarischer Pharmazeuten. 2., erw. Aufl. Eschborn

Löw, Andrea 2006: Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten. Göttingen = Schriftenreihe zur Lodzer Getto-Chronik

Loewy, Hanno/ Schoenberner, Gerhard (Red.) 1990: Das Getto in Lodz. 1940 – 1944. [Ausstellungskatalog in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem.] Hg.: Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main. Wien

Palme, Peter 2002: Kate Diehn-Bitt. 1900-1978. Leben und Werk. Berlin

Seemann, Birgit 2018: Glaser, Julie (1878–1941). In: Kolling, Hubert (Hg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Band 8. Nidda, S. 80-82

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.

Strätz, Reiner 1989: Biographisches Handbuch Würzburger Juden. 1900 – 1945. Mit einer wissenschaftlichen Einleitung von Herbert A. Strauss. Würzburg, 2 Teilbände

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919. Frankfurt/M. (zitiert als Rechenschaftsbericht).

Wertheimer, Martha 1940: 40 Jahre Krankenschwester. In: Jüdisches Nachrichtenblatt. Ausg. Berlin, 1940, Nr. 66 (16.08.1940), S. 4, Sp. c, online abrufbar unter: http://www.digitalisiertedrucke.de/record/84252

Wolff, Horst-Peter (Hg.) 2001: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history. Bd. 2. Unter Mitarb. v. Gabriele Dorffner [u.a.]. München

Links


Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken: Jüdisches Leben in Unterfranken – Biographische Datenbank e.V.: https://juedisches-unterfranken.de/

Bundesarchiv Koblenz: Online-Gedenkbuch: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945: www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Clinique Adassa (Israelitisches Krankenhaus Straßburg ): https://www.clinique-rhena.fr/fr (Rhéna Clinique de Strasbourg)

Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem: The Central Database of Shoah Victims´ Names: www.yadvashem.org

Ghetto Lodz / Litzmannstadt: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust/lodz

Israelitische Gemeinde Würzburg: www.shalomeuropa.de

Leo Glaser: www.juden-in-rostock.de

Museum Judengasse / Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz: http://juedischesmuseum.de [Datenbank nur im Museum abrufbar, Stand 09.01.2012]

„Stolpersteine“ (Gedenkinitiative): www.stolpersteine.com; www.stolpersteine-frankfurt.de; www.stolpersteine-wuerzburg.de

Feuchtwangen (Landkreis Ansbach) / Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge: www.alemannia-judaica.de/feuchtwangen_synagoge.htm

Rothenburg ob der Tauber (Landkreis Ansbach) – Jüdische Geschichte im 19./20. Jahrhundert / Synagoge: www.alemannia-judaica.de/rothenburg_synagoge_n.htm

Thüngen (Markt Thüngen, Main-Spessart-Kreis) – Jüdische Geschichte / Synagoge: www.alemannia-judaica.de/thuengen_synagoge.htm

Frankfurter jüdische Krankenschwestern und ihre Verbindungen nach Würzburg und Unterfranken

Fotografie: Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Speiseraum des Schwesternhauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main
Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Speiseraum des Schwesternhauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main Weitere Angaben

Die vorbildliche Pflegeausbildung im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main zog junge jüdische Frauen aus ganz Deutschland an. Im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus wurden unterschiedliche Dialekte gesprochen: So traf, etwa bei den gemeinsamen Mahlzeiten im Speiseraum, die Rheinländerin auf die Hanseatin, die Badenerin auf die Ostfriesin, die Ostpreußin auf die Bayerin.

Der Artikel widmet sich im ersten Teil Biographien von Krankenschwestern mit Bezügen zu Bayern, hier dem südlich an Hessen grenzenden Regierungsbezirk Unterfranken, der stark katholisch geprägt war. Dort lebten bis zu den Zerstörungen der Shoa zahlreiche alteingesessene jüdische Landgemeinden (vgl. Shalom Europa). Der zweite Teil enthält Hinweise auf die noch weiter zu erforschende jüdische Pflegegeschichte der unterfränkischen Metropole Würzburg.

Teil 1: Jüdische Pflegende zwischen Frankfurt am Main und Unterfranken

Ansicht: Franken - Würzburg, Ansicht / Würzburg (Herkunftsort Frankfurter jüdischer Krankenschwestern), Ansicht mit alter Mainbrücke, um 1890 bis 1900
Franken – Würzburg, Ansicht / Würzburg (Herkunftsort Frankfurter jüdischer Krankenschwestern), Ansicht mit alter Mainbrücke, um 1890 bis 1900 Weitere Angaben

Die genaue Zahl der aus Würzburg und Unterfranken stammenden Mitglieder des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main lässt sich nicht mehr ermitteln. Namentlich recherchiert werden konnten außer Julie Glaser – der 1900 im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildeten Oberin des Israelitischen Krankenhauses Straßburg und des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt – unter anderem (geordnet nach dem Geburtsjahr):

Über ihre unterfränkisch-jüdische Familienherkunft mit dem Friedensnobelpreisträger und früheren US-Außenminister Henry Kissinger verwandt sind Beate Blaut (geb. 1909 als Berta Fromm in Nördlingen – emigriert nach Palästina/Israel) und ihre Cousine Luise Blättner (1920 Schwanfeld bei Schweinfurt – 1943 deportiert nach Auschwitz). Erwähnt sei, wenngleich kein Mitglied des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins, auch Sophie Sondhelm (1887 Kleinlangheim bei Kitzingen am Main, 1944 deportiert nach Auschwitz): Sie war die letzte Leiterin des von Bertha Pappenheim gegründeten Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (Kreis Offenbach am Main). Im Folgenden werden fünf Frankfurter jüdische Krankenschwestern mit Verbindungen nach Würzburg und Unterfranken vorgestellt, über die biographisch Näheres bekannt ist.

Selma Frank (Jahrgang 1880), eine Metzgerstochter aus Heidingsfeld
Obwohl sie aus einem gutsituierten Geschäftshaushalt stammte und berufstätige Frauen um die Jahrhundertwende noch längst nicht selbstverständlich waren, ging die junge Selma Frank von Würzburg nach Frankfurt am Main, um dort Krankenschwester zu lernen. 1899 schloss sie ihre Pflegeausbildung im Frankfurter jüdischen Schwesternverein erfolgreich ab. Eingesetzt wurde sie im „Königswarter Hospital„, dem Vorläufer des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße. Vermutlich war sie, wie es dem Konzept des Vorstands des Schwesternvereins entsprach, auch in der Privatpflege tätig, um möglichst vielseitige berufliche Erfahrungen zu sammeln (vgl. JüdSchwVerein Ffm 1900, Siebenter Jahresbericht, S. 5).
Selma (Sara) Frank entstammte der unterfränkisch-jüdischen Metzgersfamilie Frankenfelder, die Verwandtschafts- und vermutlich auch Geschäftsbeziehungen in die Messestadt Frankfurt unterhielt. Geboren wurde sie am 1. Januar 1880 in Heidingsfeld (heute Ortsteil von Würzburg). Das frühere Dorf kann auf eine beachtliche jüdische Geschichte zurückblicken, da sich dort das Oberrabbinat befand; infolge antisemitischer Vertreibungen aus größeren Städten war Heidingsfeld sogar für längere Zeit das jüdische Zentrum Unterfrankens (vgl. Alicke Bd. 2: 1805-1807; Alemannia Judaica Heidingsfeld). Die von der jüdischen Gemeinde erbaute „imposante Synagoge im Barockstil“ (Alicke Bd. 2: 1806) steckten 1938 die Täter des NS-Novemberpogroms in Brand. Ebenso wurde der jüdische Friedhof geschändet, wo auch viele jüdische Würzburgerinnen und Würzburger beerdigt lagen.

1905 heiratete Selma Frank den 1876 in Gestorf (Niedersachsen) geborenen Kaufmann Adolf Frank und gab den Pflegeberuf auf. Mit ihrem Ehemann zog sie zurück nach Würzburg, wo sich Adolf Frank, anfangs Geschäftsführer und Buchhalter, mit einem Warenagenturgeschäft für Getreide-, Mehl- und Futtermittel selbständig machte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er vereidigter Handelsmakler und Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer Würzburg. Das Ehepaar blieb kinderlos. Selma Franks fortdauernde Bindung an die Frankfurter jüdische Schwesternschaft zeigt sich darin, dass sie zu Beginn des Ersten Weltkriegs unverzüglich nach Frankfurt zurückkehrte und sich im Schwesternhaus freiwillig für die Verwundetenpflege meldete (vgl. JüdSchwVerein Ffm 1920: 34). Adolf Frank diente bis zu seiner Verwundung 1916 als Gefreiter, ebenso setzten Selma Franks Brüder Adolf, Alfred, Emil und Raphael Frankenfelder an der Front ihr Leben für Deutschland ein – patriotische Verdienste, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 nichts mehr galten.
Am 23. September 1942 wurde Selma Frank zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer älteren Schwester Rosa Freudenberger (geb. 1874) – der Witwe des jüdischen Sozialdemokraten und Buchhändlers Felix Freudenberger, nach ihm ist in Würzburg der Felix-Freudenberger-Platz benannt – nach Theresienstadt deportiert. Dort erlag Adolf Frank am 11. April 1943 den menschenfeindlichen Lagerbedingungen. Selma Frank und Rosa Freudenberger wurden am 18. Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Gleich nach der Ankunft wurden die beiden Schwestern – 64 und 70 Jahre alt – mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet. Zum Gedenken an die drei Opfer der Shoa wurden in Würzburg Stolpersteine verlegt (vgl. Würzburger Stolpersteine).

Sophie Landsberg (Jahrgang 1920) – zuletzt Schwester im Würzburger jüdischen Krankenhaus
Sophie Landsberg (auch: Sofie, Henni, Sonny) stammte aus Ostfriesland: Dort kam sie am 8. April 1920 in der Stadt Leer (Bundesland Niedersachsen) als Tochter des Viehhändlers und Arbeiters Siegfried Simon Landsberg (geb. 1883 in Lübeck) und seiner Frau Recha geb. Dreyfuss (geb. 1894 in Baden-Baden) zur Welt. Sie zog um 1939 nach Frankfurt und pflegte im Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung. Infolge der NS-Zwangsauflösung der orthodox-jüdischen Klinik musste sie am 7. Mai 1941 zusammen mit den Patienten und Patientinnen und ihren Kolleginnen und Kollegen in das letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus Gagernstraße umziehen. Am 3. Juni 1941 verließ sie Frankfurt in Richtung Würzburg: Auf Antrag der Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung sollte sie im Würzburger jüdischen Krankenhaus (Dürerstraße) als Kranken- und Operationsschwester die bis dahin dort tätigen katholischen Ordensschwestern ersetzen (vgl. Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken); die Nonnen hatten ihren Dienst auf Druck des NS-Regimes aufgegeben, das sie, sofern sie nicht jüdischer Herkunft waren, als ‚Arierinnen‘ einstufte, die keine Juden pflegen durften (vgl. Konrad 2011). Bei den bald folgenden Deportationen (vgl. http://wuerzburgwiki.de/wiki/Judendeportation, siehe auch Ries/ Schwinger 2015) wurde Sophie Landsberg am 23. September 1942 – im gleichen Transport wie ihre Frankfurter Kollegin Selma Frank – von der Dürerstraße 20 nach Theresienstadt verschleppt.

Dokument: Landsberg, Sophie (Dep.liste 1942) / Sophie Landsberg, Deportationsliste Würzburg – Regensburg nach Theresienstadt (Abfahrt: 23.09.1942, Deportierte: 681)
Landsberg, Sophie (Dep.liste 1942) / Sophie Landsberg, Deportationsliste Würzburg – Regensburg nach Theresienstadt (Abfahrt: 23.09.1942, Deportierte: 681 Weitere Angaben

In diesem Transport befanden sich außer Ärzten, Pflegenden, Angestellten, Patientinnen/Patienten und weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern des Würzburger jüdischen Krankenhauses viele ältere Menschen: „Am 23.9.42 wurden mit der Verschleppung von noch einmal 681 Menschen die Deportationen älterer Juden aus Bayern vorläufig zum Abschluss gebracht. In diesem Transport wurden die verbliebenen 562 Juden aus Mainfranken nach Theresienstadt verschickt, davon allein 491 aus Würzburg. Dazu kam eine Person aus Bamberg. Aus dem bisher von den sogenannten Alterstransporten verschonten Regensburg wurden dem Würzburger Zug bei einem Aufenthalt in Hof 117 Menschen angeschlossen“ (zit. n. Freier 2015). Der Transport (II/26, 681) erreichte Theresienstadt am 24. September 1942. Am 5. Oktober 1943 wurde Sophie Landsberg in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet, ebenso ihre aus Berlin deportierten Eltern und jüngeren Geschwister Friederike (geb. 1922) und Kurt Landsberg (geb. 1925).

Aus Liesel Schwab wurde Lee Marcus (Jahrgang 1920)
Liselotte „Liesel“ Schwab wurde am 7. August 1920 in Frankfurt am Main geboren. 1922 adoptierten entfernte Verwandte, das Kaufmannsehepaar Hilda geb. Glaser (geb. 1896 in Berlin) und Iwan Schwab (geb. 1889 in Neustadt a.d. Aisch) (vgl. Würzburger Stolpersteine) die kleine Liesel. Sie wuchs in Neustadt an der Aisch (Regierungsbezirk Mittelfranken, Bayern) und seit 1932 in Würzburg auf. Dort besuchte sie die Sophienschule, eine private höhere Lehranstalt für Mädchen, und schloss sich dem Jüdischen Jugendbund Würzburg an. Mit dem Ziel der Emigration und weil es in Würzburg keinen jüdischen Schwesternverein mehr gab, kehrte Liesel Schwab im Mai 1938 zur Pflegeausbildung in ihre Geburtsstadt Frankfurt zurück. Dort war sie bis zu ihrer Ausreise am 2. August 1939 nach London im jüdischen Schwesternhaus gemeldet. Ihre Adoptiveltern sah sie nie wieder: Hilda und Iwan Schwabs Flucht aus Nazideutschland scheiterte; beide wurden nach Auschwitz deportiert und am 1. September 1943 ermordet. Nach Kriegsende kehrte Liesel Schwab nicht mehr in das ‚Land der Täter‘ zurück. Sie verließ London, heiratete und baute sich im New Yorker Exil als Lee Marcus eine neue Existenz auf (vgl. Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken).

Fanny Ansbacher (Jahrgang 1921): aus orthodox-jüdischer Familie
Wie Liesel Schwab hoffte auch die am 11. Mai 1921 in Würzburg geborene Fanny Ansbacher, dass eine Pflegeausbildung Wege in die Emigration ermöglichte. Sie stammte aus einer sozial engagierten orthodox-jüdischen Würzburger Familie: Ihr Vater Simon Ansbacher (geb. 1885 in Würzburg), von Beruf Weinhändler, gehörte zu den Stützen der Würzburger jüdischen Gemeinde, unter anderem als langjähriges Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa (Israelitische Beerdigungsbruderschaft) und Verwaltungsmitglied der Stiftung des Israelitischen Kranken- und Pfründnerhauses. Ende der 1930er Jahre wurde er in den Vorstand der sich unter der NS-Verfolgung bereits auflösenden Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg gewählt. Die Mutter Selma Shulamit geb. Obermeyer (geb. 1892 in Neulengbach, Niederösterreich) betätigte sich in der ehrenamtlichen Krankenpflege (Bikkur Cholim und sorgte für jüdische Studenten und Seminaristen. Fanny Ansbachers Großvater Jakob Obermeyer war ein namhafter Orientalist, der als Professor für semitische Sprachen und Literatur in Wien lehrte und zuletzt in Würzburg lebte (vgl. Alemannia Judaica Steinhart).

Mit ihren drei Geschwistern Jonas (Jona) (geb. 1920), Rebekka (geb. 1922) und Nathan (geb. 1925) wuchs Fanny Ansbacher in Würzburg auf. Nach dem siebenjährigen Besuch der jüdischen Volksschule schrieb sie sich – wie ihr um ein Jahr älterer Bruder Jonas – zunächst in der angesehenen Israelitischen Lehrerbildungsanstalt ein. Der rassistisch-antisemitische NS-Staat grenzte Jugendliche jüdischer Herkunft systematisch aus den Ausbildungs- und Berufsgängen aus und separierte sie von ihren nichtjüdischen Altersgenossen. Die Hachschara-Bewegung, der sich Fanny Ansbacher anschloss, bereitete in eigenen Ausbildungsstätten antisemitisch verfolgte junge Menschen auf ihre Alija, die ‚Rückkehr‘ in das ‚Gelobte Land‘ Israel, vor. Dazu gehörten das Erlernen der hebräischen Sprache sowie handwerkliche und landwirtschaftliche Trainings. 1937/38 begab sich Fanny Ansbacher zur Hachschara nach Hamburg und Halberstadt, wo sie wieder mit ihrem Bruder Jonas zusammentraf. Mit einem Touristenvisum gelang Jonas Ansbacher im September 1938 die schwierige Einreise in das britisch kontrollierte Mandatsgebiet Palästina. Seine Schwester, die kein Zertifikat für Palästina erhielt, musste er in Nazideutschland zurücklassen.
Fanny Ansbachers nächste Station war Frankfurt, wohin verwandtschaftliche Beziehungen bestanden: Ihr Onkel Josef war mit Recha, der Tochter und Schwester der beiden langjährigen Chefärzte des orthodox-jüdischen Frankfurter Rothschild’schen Hospitals, Geheimer Sanitätsrat Dr. Elieser Rosenbaum und Dr. Sally Rosenbaum, verheiratet; der spätere Rabbiner Jehuda Leo Ansbacher war ihr Cousin. Von Mai 1940 bis Februar 1941 gehörte Fanny Ansbacher als Lehrschwester zum Personal des Rothschild’schen Hospitals (in dieser Zeit geleitet von Dr. Franz Grossmann). Danach finden sich ihre Spuren in Berlin wieder, wo sie Zwangsarbeit bei den Siemens-Werken leistete und mit anderen jungen Jüdinnen in einem Gemeinschaftslager hauste. Von Berlin wurde sie am 3. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort konnte Fanny Ansbacher zunächst als Krankenpflegerin im Krankenrevier Birkenau überleben, erlag jedoch noch im gleichen Jahr den Folgen von Typhus, Hunger und medizinischer Unterversorgung. Bereits 1942 waren ihr Vater Simon Ansbacher über das Sammellager Drancy (Frankreich) und ihre Mutter Selma Ansbacher mit den jüngeren Geschwistern Rebekka und Nathan Ansbacher über das SS-Sammellager Malines/Mechelen (Belgien) nach Auschwitz deportiert worden. Jonas Ansbacher, der gerade noch rechtzeitig das rettende Palästina erreicht hatte, überlebte als einziger seiner Familie die Shoa (vgl. Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken).

Fotografie: Neuberger, Erna / Erna Neuberger, undatiert (um 1940)
Neuberger, Erna / Erna Neuberger, undatiert (um 1940) © Credit of Yad Vashem, Jerusalem Weitere Angaben

Erna Neuberger (Jahrgang 1921), Kinderkrankenschwester
Für kurze Zeit gehörte auch die Kinderkrankenschwester Erna (Esther) Neuberger zum Pflegeteam des Rothschild’schen Hospitals und möglicherweise auch des angrenzenden Rothschild’schen Kinderhospitals. Sie kam am 6. Juli 1921 als Tochter von Meta geb. Fröhlich (geb. 1891) und Adolf Neuberger (geb. 1876) in Arnstein zur Welt; das unweit von Würzburg und Schweinfurt im bayerisch-unterfränkischen Main-Spessart-Kreis gelegene Städtchen gehörte zum Distriktsrabbinat der unterfränkischen Industriestadt Schweinfurt (vgl. Alicke 2008, Bd. 1: 149-151 u. Bd. 3: 3756-3762) sowie ders. 2014; Alemannia Judaica Arnstein und Schweinfurt; Förderkreis „Alte Synagoge Arnstein“ e.V.).
Erna Neuberger besuchte die Arnsteiner Volksschule und danach bis 1935 die Handelsschule in Schweinfurt. Dort wohnte sie bei der Familie des mit ihren Eltern befreundeten Bezirksrabbiners Dr. Max Köhler (1899 Kassel – 1987 Jerusalem) und seiner Frau Anna (gest. 1937). Spätestens nach dem Erlass (1935) der „Nürnberger Rassegesetze“ plante Erna Neuberger die Emigration nach Palästina. Von 1936 bis 1938 absolvierte sie die Hachschara in Darmstadt und Hamburg (Lehrlingsschule für jüdische Schülerinnen und Schüler), blieb aber zunächst in Deutschland. Noch vor dem Novemberpogrom traf sie 1938 in Frankfurt ein, wohin inzwischen ihre Eltern gezogen waren. Nach ihrer Tätigkeit in den Rothschild’schen Spitälern arbeitete Erna Neuberger seit 1939 als Kinderschwester im Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V., wo sie auch wohnte (vgl. Mahnkopp 2018). Das Kinderhaus leitete die im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildete Oberin Frieda Amram, bis sie 1942 verhaftet und in das Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen wurde. Zusammen mit Oberin Amrams betagter Mutter Julie Amram, deren zweiter Tochter Goldina und dem Schwiegersohn Seligmann Hirschberg, noch im Kinderhaus verbliebenen Kolleginnen, darunter Fanny Neugass, und ihren kleinen Schützlingen wurde Erna Neuberger am 15. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Am 5. Oktober 1943 wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet; das Todesdatum wurde behördlich auf den 31. Dezember 1945 festgesetzt. Erna Neubergers Eltern und ihre beiden jüngeren Geschwister Helma Leiner (geb. 1924) und Fritz (Fred) Neuberger (geb. 1926) überlebten die Shoa; der Vater Adolf Neuberger verstarb 1947 im US-amerikanischen Exil.

Teil 2: Blick auf Würzburg und seine jüdische Pflegegeschichte
Was die einzelnen Städte, Regionen und Bundesländer anbetrifft, harrt die vom Nationalsozialismus vernichtete berufliche jüdische Krankenpflege – mit Ausnahme von Frankfurt am Main – noch immer der systematischen Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit. Für Nordbayern liegt ein bereits 1996 veröffentlichter Aufsatz zur Geschichte jüdischer Pflegevereine im fränkischen Raum vor (vgl. Ledermann/ Wolff 1996). Nach den NS-Zerstörungen erweist sich die Quellenlage zu deutsch-jüdischen Schwesternvereinen und -stationen – so Hilde Steppes Befund in ihrem pflegehistorischen Standardwerk (vgl. Steppe 1997) – insgesamt als heterogen und lückenhaft (dies. 1997a: 102, Fn 112). Dieser Forschungsstand trifft auch auf Würzburgs jüdische Pflegegeschichte zu.

Institutionen der jüdischen Kranken- und Altenpflege in Würzburg
Bis zur Shoa befanden sich in Würzburg wichtige jüdische Institutionen der Pflege (vgl. Flade 1996: 149-156). Deren Einzugsbereich umfasste den Regierungsbezirk Unterfranken und teilweise ganz Bayern. Im April 1885 wurde in der Dürerstraße das Krankenhaus der Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung eröffnet, wo noch im gleichen Jahr 33 und 1897 bereits 117 Kranke betreut wurden. Der Klinik wurde 1891 ein Pfründnerhaus mit 32 Plätzen für Seniorinnen und Senioren ab dem 60. Lebensjahr, so genannten Pfründnerinnen und Pfründnern, angeschlossen, die sich mittels eines Legats eine dauernde Unterkunft und Pflege sicherten. Das Israelitische Kranken- und Pfründnerhaus Würzburg wurde als streng koschere Einrichtung geführt. Allerdings pflegten dort keine jüdischen Krankenschwestern, sondern von 1912 bis zum NS-Verbot 1942 die katholischen Ritaschwestern (vgl. Konrad 2011). Mit Krankenhaus und Altersheim eng verbunden war das im Mai 1930 eingeweihte Israelitische Landesheim für Kranke und Sieche (zwischen Dürerstraße und Valentin-Becker-Straße), getragen von der Würzburger Israelitischen Kranken- und Pfründnerstiftung und vom Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Das Landesheim nahm jüdische Betagte und Pflegebedürftige aus ganz Bayern auf. Als die NS-Machtübernahme jüngere Verfolgte in die Flucht trieb und viele ältere Menschen zurückblieben, gründete die Stiftung im November 1934 ein weiteres Israelitisches Altersheim (Konradstraße) mit 50 Plätzen.

Der Verein israelitischer Krankenschwestern Würzburg
Die raren Informationen über den am 1. April 1914 gegründeten Verein israelitischer Krankenschwestern Würzburg recherchierte der Historiker Roland Flade (vgl. ders. 1985). Initiatorin war von Berlin aus die kleine jüdische Schwesternvereine fördernde jüdische Organisation Großloge Bne Briss (heute: B’nai B’rith, siehe Eintrag Frankfurt-Loge) für Deutschland zusammen mit der Frankenloge Bne Briss zu Würzburg. Zahlreiche Spenden aus der Würzburger jüdischen Gemeinde ermöglichten die Anmietung einer Wohnung in der Amalienstraße 3, wo eine Oberschwester und zwei weitere Schwestern einzogen. Die Wohnung war Pflegestation für die in der Regel unentgeltliche Versorgung jüdischer Patientinnen und Patienten; auch christliche Kranke wurden behandelt, etwa bei der mobilen Pflege (Hausbesuche) in Würzburg und den ländlichen Gemeinden Unterfrankens.

Große Verdienste um die Professionalisierung der Würzburger jüdischen Krankenpflege erwarb sich als langjähriger ehrenamtlicher Leiter der Pflegeausbildung Sanitätsrat Dr. med. Nathan Riesenfeld (1867–1930), sozial engagierter Arzt, Kommunalpolitiker und Mitglied der Frankenloge Bne Briss. Da das Israelitische Kranken- und Pfründnerhaus Würzburg über keine eigene Krankenpflegeschule verfügte, schickte der Verein seine Schülerinnen in das jüdische Krankenhaus Berlin; für Ausbildung, Kost und Logis kam die Großloge Bne Briss Deutschland auf. Wohl deshalb wurden die ‚Würzburgerinnen‘ nicht im viel näheren Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildet. 1930 zog der Würzburger Schwesternverein in das Israelitische Landesheim für Kranke und Sieche. Zu diesem Zeitpunkt verfügte er offenbar nur noch über eine einzige Krankenschwester, vermutlich die langjährige Oberschwester Erna Jacobsohn (geb. 31.01.1900 in Osterode am Harz, Niedersachsen).

Die von Oded Zingher betreute Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken enthält weitere Namen jüdischer Krankenschwestern, von welchen sich allerdings bislang weder Verbindungen zum Verein israelitischer Krankenschwestern Würzburg noch zum Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt am Main nachweisen lassen:

  • Fanny Hammelburger (geb. 1907 in Haßfurt, 1943 deportiert nach Auschwitz),
  • Karoline Keller, geb. Oppenheimer (1904 Würzburg – 1973 USA),
  • Edith Maier (1922 Würzburg – 1944 deportiert nach Auschwitz),
  • Hertha Mühlfelder (1914 Berlin – 1943 deportiert nach Auschwitz),
  • Susanne Schwab (1922 Würzburg – 1941 deportiert nach Riga/Lettland, ‚verschollen‘),
  • Hertha (Hella) Weil (1902 Ihringen/Baden – 1940 Flucht nach Montevideo/Uruguay).

Fanny Hammelburger, Edith Maier, Hertha Mühlfelder, Susanne Schwab, Hertha Weil und vermutlich auch Karoline Keller gehörten zeitweise zum Personal des 1942 NS-liquidierten Würzburger jüdischen Krankenhauses.

Die gut vernetzten Recherchen zum Judentum Würzburgs und Unterfrankens (vgl. Literatur/ Internetquellen) bilden eine hervorragende Basis für pflegehistorische Studien zu den Institutionen der Würzburger Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung und ihren Biographien: Ärzte, Pflegende, Angestellte, Bewohnerinnen und Bewohner, Patientinnen und Patienten, von denen ab September 1942 viele in die Vernichtung deportiert wurden. Eine von ihnen war die zuletzt im Würzburger jüdischen Krankenhaus tätige Frankfurter Schwester Sophie Landsberg.

Für wichtige Hinweise dankt die Autorin Pfarrer Volker Mahnkopp (Frankfurt a.M.), Dr. Ingrid Heeg-Engelhart (Staatsarchiv Würzburg), Ingrid Rack (Stadtarchiv Würzburg) und Dr. Rotraud Ries (Johanna-Stahl-Zentrum, Würzburg).

Birgit Seemann, 2015, updated 2018

 

Literatur


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, 3 Bände

Alicke, Klaus-Dieter 2014: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, http://www.jüdische-gemeinden.de [letzter Aufruf am 01.07.2015]

Daxelmüller, Christoph: Jüdisches Alltagsleben im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel Unterfrankens. In: Treml, Manfred/ Kirmeier, Josef (Hg.) 1988: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Aufsätze. Hg. unter Mitarbeit v. Evamaria Brockhoff. München: 287-298

Flade, Roland 1985: Schwesternheim. In: ders.: Juden in Würzburg 1918–1933. Würzburg: Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V., Schweinfurt: Historischer Verein Schweinfurt e.V.: 192-193

Flade, Roland 1996: Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Mit e. Beitrag v. Ursula Gehring-Münzel. 2., erw. Aufl. Würzburg

Freier, Thomas 2015: Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich: Würzburg – Regensburg nach Theresienstadt. Abfahrtsdatum: 23.09.42, Deportierte: 681, Ankunft: 24.09.42 (II/26, 681), http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_bay_420923.html [letzter Aufruf am 01.07.2015]

Hirsch, Josef 1919: Die Krankenschwesternorganisation und ihre Wandlung. In: UOBB (1919) 11/12: 138-140

JüdSchwVerein Ffm 1898-1911: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main (Eingetragener Verein). Jahresberichte 1898-1911, Frankfurt a.M.

JüdSchwVerein Ffm 1920: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919 des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Frankfurt a.M.

Konrad, Irene 2011: Ritaschwestern sind Paten für drei Stolpersteine. Stolpersteinverlegung am 28. Juni 2011 in Würzburg, http://www.josefs-stift.de [letzter Aufruf am 01.07.2015]

Landkreis Würzburg (Hg.) 2013: Spuren jüdischer Geschichte in Stadt und Landkreis Würzburg. Ein Wegweiser für junge Leute. Landkreis Würzburg in Zusammenarbeit mit dem Partnerlandkreis Mateh Yehuda (Israel) und dem Kooperationsprojekt Landjudentum in Unterfranken: http://www.landjudentum-unterfranken.de/publikationen

Ledermann, Marita/ Wolff, Horst-Peter 1996: Zur Geschichte jüdischer Pflegevereine im fränkischen Raum. In: Beiträge zur Pflegegeschichte in Deutschland (Teil I). Heft 5 der Schriften aus dem Institut für Pflegegeschichte. Qualzow: Eigenverlag: 48-62

Mahnkopp, Volker 2018: Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. Hans-Thoma-Straße 24, erw. Fassung 2018, http://www.platz-der-vergessenen-kinder.de [letzter Aufruf am 19.11.2018]

Ries, Rotraud/ Schwinger, Elmar (Hg.) 2015: Deportationen und Erinnerungsprozesse in Unterfranken und an den Zielorten der Transporte. Würzburg

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Steppe, Hilde 1997a: Organisationsformen und Institutionalisierung. In: dies. 1997: 90-127

Strätz, Reiner 1989: Biographisches Handbuch Würzburger Juden. 1900–1945. Mit e. wiss. Einleitung v. Herbert A. Strauss. 2 Teilbände. Würzburg

UOBB: Bericht der Großloge für Deutschland. Organ des 8. Distrikts U.O.B.B. Online-Ausg. 2014 [Teil-Digitalisierung der Jahrgänge]: Universitätsbibliothek J.C.R. Frankfurt a.M.: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30:1-138615

Internetquellen (letzter Aufruf am 01.07.2015)


Alemannia Judaica Arnstein: http://www.alemannia-judaica.de/arnstein_synagoge.htm

Alemannia Judaica Steinhart (Hainsfarth): http://www.alemannia-judaica.de/steinhart_synagoge.htm

Alemannia Judaica Schweinfurt: http://www.alemannia-judaica.de/schweinfurt_synagoge.htm (unter Mitarbeit v. Elisabeth Böhrer)

Alemannia Judaica Würzburg: http://www.alemannia-judaica.de/wuerzburg_synagoge_a.htm

Alemannia Judaica Würzburg-Heidingsfeld: http://www.alemannia-judaica.de/heidingsfeld_synagoge.htm

Bayerische Staatsbibliothek: http://www.bavarikon.de

Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken: https://juedisches-unterfranken.de

CAHJP: The Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem: http://cahjp.huji.ac.il

Geni: private genealogische Website: http://www.geni.com

Ellis Island: The Statue of Liberty – Ellis Island: http://www.libertyellisfoundation.org/passenger

Förderkreis Alte Synagoge Arnstein: http://www.alte-synagoge-arnstein.de

Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken e.V.: http://christlich-juedische-wuerzburg.de

Historisches Unterfranken: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte: Internetportal „Historisches Unterfranken“: http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de

Johanna-Stahl-Zentrum für für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken: http://www.johanna-stahl-zentrum.de

Platz der vergessenen Kinder. Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V.: http://www.platz-der-vergessenen-kinder.de

Shalom Europa: Jüdische Gemeinde Würzburg und Unterfranken: Neues Jüdisches Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa“, http://www.shalomeuropa.de

Wir wollen uns erinnern!: http://www.wir-wollen-uns-erinnern.de

Würzburger Stolpersteine: http://www.stolpersteine-wuerzburg.de

Yad Vashem: Gedenkstätte Yad Vashem (mit Datenbank): http://www.yadvashem.org

Frankfurter jüdische Krankenschwestern und ihre Verbindungen nach Mittelfranken (Nürnberg, Fürth)

Fotografie: Jüdisches Krankenhaus Fürth / Gebäude des ehemaligen Jüdischen Krankenhauses (Israelitisches Hospital) Fürth
Jüdisches Krankenhaus Fürth / Gebäude des ehemaligen Jüdischen Krankenhauses (Israelitisches Hospital) Fürth Urheber: K. Salimi, 02.09.2007, http://www.fuerthwiki.de (Creative Commons-Lizenz) Weitere Angaben

Auch aus Bayern verlegten junge jüdische Frauen ihren Lebensmittelpunkt nach Frankfurt am Main, wo sie im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen eine fortschrittliche Ausbildung mit Karrierechancen erwartete. Der Artikel stellt im ersten Teil Krankenschwestern aus dem an Unterfranken grenzenden Regierungsbezirk Mittelfranken vor; er war nicht wie Unterfranken katholisch, sondern stark protestantisch geprägt. Der zweite Teil macht auf die bislang noch weitgehend unbekannte jüdische Pflegegeschichte der Stadt Nürnberg aufmerksam: Dort befand sich der einzige jüdische Schwesternverein Mittelfrankens, dem auch Pflegende aus Hessen angehörten.

Teil 1: Jüdische Krankenschwestern zwischen Hessen und Mittelfranken
Die genaue Zahl der aus Mittelfranken stammenden Mitglieder des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main lässt sich nicht mehr ermitteln. Namentlich recherchiert werden konnten unter anderem (geordnet nach Geburtsjahr bzw. Generationskohorte): Else Baumann (geb. 1903 in Nürnberg), Berta Hermann (geb. 1903 in Nürnberg), Marianne Joel (geb. 1920 in Ansbach) und Elisabeth Rosenthal (geb. 1920 in Fürth). Der Mitbegründerin des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins und Kölner Oberin Frieda (Brüll) Wollmann (geb. 1866 in Erlangen) ist ein eigener Beitrag gewidmet. Näheres ist auch über Berta Hahn und Betti Bilha Farntrog aus Fürth bekannt, deren Biographien im Folgenden vorgestellt werden – dies ist zugleich ein Stück Erinnerungsarbeit, da beide die Shoa nicht überlebten.

Fotografie: Berta Hahn, Portrait mit Schwesternhaube, ohne Jahr (um 1940) Memorbuch für die Fürther Opfer der Shoah.
Hahn, Berta / Berta Hahn, Portrait mit Schwesternhaube, ohne Jahr (um 1940) Memorbuch für die Fürther Opfer der Shoah, http://www.juedische-fuerther.de Weitere Angaben

Berta (Schuster) Hahn (Jahrgang 1911) – eine Bäckerstochter aus Fürth
Berta (Schuster) Hahn wurde am 24. Dezember 1911 im unterfränkischen Kitzingen geboren (vgl. Schneeberger 2011), wuchs aber in Fürth (Regierungsbezirk Mittelfranken, Bayern) auf. Fürth, einst ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und des hebräischen Buchdrucks, war in der jüdischen Welt als das ‚fränkische Jerusalem‘ bekannt; der jüdische Anteil an der Stadtbevölkerung war hoch und umfasste zeitweise fast ein Fünftel. Vor der Shoa war Fürth Standort eines der ältesten jüdischen Krankenhäuser Deutschlands. Zur jüdischen Pflege in Frankfurt am Main bestanden offenbar Querverbindungen: So sind in den Hausstandsbüchern (ISG Ffm) Fürther Aufenthalte der Frankfurter Schwestern Else Baumann, Berta David und Regine Goldsteen vermerkt.

Nach den Einträgen in der von Gisela Naomi Blume betreuten Website ‚Jüdische Fürther‘ (vgl. Blume 2010ff.) stammte Berta Hahns Mutter, die Bäckerstochter Recha Rachel geb. Oppenheimer (geb. 1887), aus Fürth, ihr Vater, der Bäckermeister Hugo Schuster (geb. 1879) aus der südhessischen Vogelsberg-Gemeinde Birstein im heutigen Main-Kinzig-Kreis. Bertas Großvater, der Lehrer und Kantor Israel Schuster (gest. 1909), unterrichtete viele Jahre lang an der Israelitischen Volksschule Birstein, über ihre Großmutter Nannchen, an deren Grab sich 1921 auch zahlreiche christliche Trauergäste versammelten, heißt es im Nachruf: „Vornehmes, bescheidenes Wesen und wahre Frömmigkeit waren ihr stets eigen“ (zit. n. Der Israelit, 03.02.1921, Alemannia Judaica Birstein). Das junge Ehepaar Schuster lebte zunächst in Kitzingen, bevor es 1914 mit der kleinen Berta nach Fürth zog. Dort arbeitete Hugo Schuster bei seinem Schwiegervater Bernhard Oppenheimer und trat 1921 in den Familienbetrieb ‚Neumann’sche Bäckerei, Konditorei u. Mehlhandel‘ ein. Berta Hahns jüngere Schwestern kamen in Fürth zur Welt: Martha Schuster (1914–1918), Ruth Hanna Goldmann (geb. 1918) und Nelly Schuster (geb. 1923).

Ob Berta Hahn bereits in Fürth als Krankenschwester tätig war, ist bislang unbekannt. 1940 zog sie, möglicherweise verfolgungsbedingt, nach Frankfurt am Main und pflegte im Rothschild’schen Hospital. Dort lernte sie den gleichaltrigen Krankenpfleger Alfred Hahn kennen, welcher aus Nordhessen stammte. Im Mai 1941 wechselten Personal und Patienten des Rothschild’schen Hospitals nach dessen Zwangsschließung in das von den NS-Behörden als Sammellager missbrauchte letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus, Gagernstraße 36. Trotz der widrigen Umstände entschlossen sich Berta Schuster und Alfred Hahn zur Heirat. Bereits am 24. September 1942 befand sich Berta Hahn „in dem Transport von Frankfurt über Berlin nach Raasiku in Estland, in dem sich Krankenschwestern, Ärzte und Heimleiterinnen und weitere Angestellte der aufgelösten jüdischen Gemeinde Frankfurt befanden. Mit demselben Transport und von derselben Adresse wurden auch ihr Ehemann (geb. 08.02.1911 Gudensberg Krs. Fritzlar) und Jenny Hahn (geb. 13.11.1908 Birstein Krs. Gelnhausen) deportiert, die vermutlich ihre Schwägerin war“ (zit. n. Blume 2010ff.: Memorbuch: Hahn, Berta). Von Berta Hahns Familie überlebte nur ihre 1939 noch rechtzeitig in die USA geflüchtete Schwester Ruth Goldmann. Ihre Eltern und die jüngste Schwester Nelly wurden mit dem Nürnberger Transport vom 29.11.1941 nach Riga (Lettland) deportiert, wo Hugo Schuster vermutlich am 1. März 1942 ermordet wurde, Nelly Schuster (zuletzt 09.10.1944 KZ Stutthof bei Danzig) und ihre Mutter Recha gelten als verschollen, ebenso Alfred Hahn (zuletzt um 1944 KZ Stutthof). Am 19. Januar 1945 wurde Berta Hahn im Alter von 33 Jahren in Stutthof ermordet.

Fotografie: Farntrog, Betti / Betti Bilha Farntrog, Portrait, undatiert (um 1941)
Farntrog, Betti / Betti Bilha Farntrog, Portrait, undatiert (um 1941) Quelle: Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt) Weitere Angaben

Betti Bilha Farntrog (Jahrgang 1920): aus einer frommen jüdischen Familie
Betti Bilha Farntrog wurde am 21. Oktober 1920 in Fürth geboren, ihre Familie war sehr wahrscheinlich mit der Bäckersfamilie Schuster-Oppenheimer bekannt, aus der ihre Kollegin Berta Hahn stammte. Bettis Vater Lazarus Elieser Farntrog (geb. 1886 in Fürth) war im Ersten Weltkrieg als Rotkreuz-Sanitäter im Einsatz. Um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern, führte er gegenüber dem Fürther Rathaus (Königstraße) ein Textilgeschäft. Außerhalb des Brotberufs engagierte sich Lazarus Farntrog als Mitglied der Fürther israelitischen ‚Beerdigungsbruderschaft‘ (Chewra Kadischa) für die ehrenamtliche jüdische Krankenpflege (Bikkur Cholim) und die rituelle Versorgung und Beerdigung Verstorbener, ein Beispiel jüdischer Frömmigkeit, dem seine beiden ältesten Töchter auf beruflichem Wege nachfolgten; sein einziger Sohn sollte an einer jüdischen Hochschule (Jeschiwa) in Frankreich Tora und Talmud studieren.

Der Zeitzeuge Ludwig Rothschild erinnert sich: „Es ist eine der größten Mizwot [religiöse jüdische Pflichten, B.S.], für unsere Toten immer da zu sein. […] Der allerletzte, der bis zum bitteren Ende noch diese Mizwa erfüllte, um dann selbst ein Opfer der ruchlosen Zeit zu werden, war Lazarus Farntrog selig“ (zit. n. Blume 2010ff.: Memorbuch: Farntrog, Lazarus Elieser). 1937 beantragte Lazarus Farntrog bei den NS-Behörden einen Ausweis, um als „Leichenbegleiter bei vorkommenden Fällen im In- und Ausland“ (zit. n. ebd.) das Fahrzeug der Fürther jüdischen Gemeinde nutzen zu können. Verheiratet war er mit Jettchen Jael geb. Nachmann, 1899 in Hamburg geboren, welche nach der möglicherweise arrangierten Eheschließung (in orthodox-jüdischen Familien dazumal nicht unüblich) nach Fürth zog; Betti Farntrog war vermutlich nach ihrer Hamburger Großmutter Betti Nachmann benannt. Jettchen Farntrog, eine selbstbewusste Frau, führte in der Königstraße 137 noch 1933 ein Grabsteingeschäft. Am 6. Mai 1942 verurteilte sie das Amtsgericht Hamburg wegen „fahrlässigen Nichtanzeigens der Führung des zusätzl.[ichen] Vornamens [in der Regel „Sara“, B.S.] als Jüdin“ (zit. n. ebd.: Farntrog, Jettchen Jael) zu einer Geldstrafe von 25 Reichsmark oder ersatzweise fünf Tagen Gefängnis.

Fotografie: Lazarus Farntrog, Vater der Krankenschwester Betti Farntrog, Rot-Kreuz-Sanitäter im Ersten Weltkrieg, undatiert (um 1916).
Farntrog, Lazarus / Lazarus Farntrog, Vater der Krankenschwester Betti Farntrog, Rot-Kreuz-Sanitäter im Ersten Weltkrieg, undatiert (um 1916) Credit of Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt) Weitere Angaben

Betti Farntrog wuchs zusammen mit ihrer älteren Schwester Rosi Rivka (geb. 1919), ebenfalls Krankenschwester, und den jüngeren Geschwistern Gerda (geb. 1922), Erwin Isaak (geb. 1923) und Emmy Esther (geb. 1925) in Fürth auf. Auch für diese jüdische Familie markierte der nationalsozialistische Machtantritt 1933 eine tiefe Zäsur. Die sich verschärfenden antisemitischen Selektionsmaßnahmen des NS-Staates engten das schulische und berufliche Fortkommen der jüdischen Kinder und Jugendlichen zunehmend ein. Immerhin konnte Betti Farntrog von 1935 bis 1936 das oberbayerische Mädchenheim Wolfratshausen besuchen, eine von der Ortsgruppe München des Jüdischen Frauenbundes gegründete ‚Wirtschaftliche Frauenschule‘: Dort sollten die jüdischen Schülerinnen die Führung eines koscheren Haushalts lernen und sich für Wirtschafts-, Sozial- und Erziehungsberufe qualifizieren (vgl. Alemannia Judaica Wolfratshausen; Jörgensen/Krafft 2009); in der NS-Zeit rückte die ‚Tauglichmachung‘ (Hachschara) für eine Auswanderung in das damalige britisch kontrollierte Palästina in den Fokus. Auch Betti Farntrog, inzwischen Lehrerin, plante die Alija (Rückkehr in das ‚Gelobte Land‘ Israel), weshalb sie 1939 eine Unbedenklichkeitsbescheinigung – die Bestätigung des Finanzamts, dass mit der Zahlung der Reichsfluchtsteuer (hier als antisemitische Zwangsabgabe) sowie weiterer Steuern eine ‚legale‘ Ausreise vorlag – beantragte. Ihr Vater bemühte sich weiterhin um die Auswanderung der gesamten Familie nach Palästina, doch verweigerten die Nazibehörden die erforderlichen Dokumente. Einem Eintrag in der Datenbank ‚Erinnern‘ des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands zufolge unterrichtete Betti Farntrog offenbar an der Jüdischen Konfessionsschule Nürnberg (vgl. BLLV 2015), besucht von Schülerinnen und Schülern, die mittels der ‚Nürnberger Rassegesetze‘ (1935) aus dem allgemeinen Schulbetrieb ausgeschlossen waren (vgl. Jochem 2015 sowie Wetzel 1992).

Wann sich Betti Farntrog für die Pflege entschied, ist unbekannt, vielleicht erhoffte sie sich als gelernte Krankenschwester bessere Aussichten auf die Emigration. Ihre ältere Schwester Rosi arbeitete im jüdischen Krankenhaus Fürth. Im Sommer 1941 traf Betti Farntrog in Frankfurt am Main ein und war seit dem 3. Juli 1941 (ISG Ffm: HB 687, Bl. 82) im Frankfurter jüdischen Krankenhaus Gagernstraße 36 gemeldet. Von dort wurde sie am 11. Juni 1942 „evakuiert“ (zit. n. ebd.) – die NS-Tarnbezeichung für den Transport in ein Vernichtungslager. Die junge Frau wurde möglicherweise nach Sobibor oder Majdanek deportiert. Seitdem gilt Betti Farntrog als verschollen, ebenso ihre 1942 nach Lublin verschleppte Schwester Rosi und ihre 1943 zusammen mit der jüngsten Schwester Emmi deportierten Eltern Jettchen und Lazarus Farntrog. In der Shoa blieb auch ihr Bruder Erwin Isaak, welcher von Frankreich (Lager Casseneuil) nach Auschwitz deportiert wurde. Nur die Schwester Gerda erreichte 1940 das rettende Palästina, wäre aber an Bord des Flüchtlingsschiffes ‚Patria‘ im Hafen von Haifa beinahe Opfer einer Explosion geworden, die 267 Menschen tötete und viele verletzte; sie lebte zuletzt mit ihrem Ehemann Benjamin Weinstein in den USA. Der Gedenkstätte Yad Vashem stellte Frau Weinstein Gedenkblätter mit biografischen Daten und Fotografien ihrer ermordeten Angehörigen zur Verfügung.

Teil 2: Blick auf Nürnberg und seine jüdische Pflegegeschichte: der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen und das Israelitische Schwesternheim

Anzeige: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Nürnberg - Annonce / Anzeige des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg.
Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Nürnberg – Annonce / Anzeige des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg, Der Israelit v. 31.10.1901 Weitere Angaben

Während jüdische Frauen aus Mittelfranken Mitglieder des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins wurden, fanden auf umgekehrtem Wege Pflegende aus Frankfurt und Hessen Aufnahme im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg. Namentlich bekannt sind Ruth Retha Kahn, Veronika Fränkel, Rosa Strauss und die beiden Schwestern Sara Levi und Johanna (Levi) Sämann. Der einzige jüdische Schwesternverein Mittelfrankens bestand (wie das Israelitische Schwesternheim in München) seit 1900 (vgl. StadtAN, Sign. E 6/157: Jahresberichte des Nürnberger Schwesternvereins 1906-1920; Freudenthal 1925: 138-139; Steppe 1997a: 107, 112, siehe auch Ledermann/ Wolff 1996: 55). Die Ausbildung finanzierte von Berlin aus die Großloge der humanitären jüdischen Organisation Unabhängiger Orden Bne Briss (UOBB). Die süddeutschen Schwesternvereine ordneten sich daher nicht dem Frankfurter, sondern als „externe ‚Filialanstalten‚“ (zit. n. ebd.: 107 [Hervorhebung im Original]) anfangs dem geographisch viel weiter entfernten Berliner jüdischen Schwesternverein (gegründet 1894) zu. Da es in Nürnberg kein israelitisches Krankenhaus und in der jüdischen Klinik im benachbarten Fürth keine eigene Krankenpflegeschule gab, schickte der Schwesternverein seine Schülerinnen zunächst nach Berlin und seit 1906 nach Breslau: Dort hatte die Israelitische Krankenverpflegungsanstalt (vgl. Reinke 1999) gerade eine (1908 staatlich anerkannte) Krankenpflegeschule eröffnet, bereits 1899 war das Breslauer ‚Jüdische Schwesternheim‘ gegründet worden.

Fotografie: Klara Hess, Oberin des Vereins der jüdischen Krankenpflegerinnen zu Nürnberg, o.J. [um 1935].
Hess, Klara / Klara Hess, Oberin des Vereins der jüdischen Krankenpflegerinnen zu Nürnberg, o.J. [um 1935] Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Nürnberg, Sign. C 21/VII Nr. 64 Weitere Angaben
1912 gehörten dem Nürnberger jüdischen Schwesternverein 9 Pflegende an, alle in der unentgeltlichen Privatpflege für Kranke aller Konfessionen tätig, „der höchste Stand im Schwesternheim war im Jahre 1918 mit 15 Schwestern außer der Oberin erreicht“ (Freudenthal 1925: 139). Seit 1913 war jeweils eine Schwester für die Armenpflege und für die Leitung eines von Nürnberg aus gestifteten israelitischen Kindererholungsheims im Büger Schloss zu Forth zuständig. Bis 1924 wurden insgesamt 33 Krankenschwestern ausgebildet. Die Pflegestation mit Schwesternwohnungen befand sich in der Feldstraße 3, erst 1931 konnte ein eigenes neues Schwesternhaus in der Wielandstraße 6 (vgl. Kolb 1946: 103) bezogen werden. Der Nürnberger jüdischen Schwesternschaft stand zuletzt Oberin Klara Hess (1875 Ermreuth bei Forchheim – 1941 deportiert nach Riga/ Lettland) vor; die biografischen Daten ihrer Vorgängerinnen Oberin Hedwig Thonn und Oberin Therese Markus sind bislang nicht bekannt.

Wie in Frankfurt unterstützte auch in Nürnberg die humanitäre jüdische Logenvereinigung Bne Briss die berufliche jüdische Krankenpflege, hier vertreten durch die Maimonides-Loge, 1903 gegründet und nach dem berühmten jüdischen Arzt, Rechtsgelehrten und Philosophen benannt, und die Jakob-Herz-Loge, 1921 gegründet und nach ersten jüdischen Professor Bayerns, ebenfalls Mediziner, benannt (vgl. Freudenthal 1925: 127-129). Eine tragende Kraft beider Logen war der Nürnberger Reformrabbiner Dr. Max Freudenthal (1868 Neuhaus a.d. Pegnitz – 1937 München), der dem Nürnberger jüdischen Schwesternverein lange Zeit vorstand. Zu den Vorsitzenden des Vereins gehörte auch Rechtsanwalt Fritz Josephthal (1890 Nürnberg – 1954 New York), ein couragierter Mann, welcher sich 1923 einmal sogar auf offener Straße mit Julius Streicher, dem späteren berüchtigten NS-Gauleiter Mittelfrankens und Verleger des Hetzblatts Der Stürmer, anlegte (vgl. Berliner 2001: 2). Über seine Mutter Auguste geb. Brüll war Fritz Josephthal möglicherweise mit der Frankfurter Krankenschwester und Kölner Oberin Frieda (Brüll) Wollmann verwandt. Sein Verwandter Ludwig C. Berlin erinnert sich: „Im jüdischen Leben Nürnbergs war der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, der sogenannte ‚Schwesternverein‘, dessen 1. Vorsitzender er war, eine Herzensangelegenheit für ihn. Es liegt nahe, daß die vier Monate, die er 1915/1916 als Schwerverwundeter in Lazaretten verbrachte, ihm eine besondere Einsicht in die Arbeit von Krankenschwestern vermittelt hatten. Die jüdischen Schwestern pflegten unentgeltlich Kranke aller Konfessionen. Der Verein mußte Mitte der dreißiger Jahre seine Tätigkeit einstellen[,] und Fritz Josephthal übernahm die Umwandlung des bisherigen Schwesternwohnheimes in der Wielandstraße in ein Altersheim. Als solches wurde es bis zur Deportation aller Nürnberger Juden, die im November 1941 begann, benützt“ (ebd.). Vermutlich setzten einige ehemalige Vereinsschwestern ihre Pflegetätigkeit im Altersheim fort.

Der nationalsozialistische Griff nach dem Nürnberger jüdischen Schwesternhaus erfolgte laut dem langjährigen Vorsitzenden der Nürnberger jüdischen Nachkriegsgemeinde, Arno Hamburger, bereits 1935 durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF): „[…] 1945 hatte ich mich aktiv eingeschaltet bei der Beschaffung des ersten Hauses für die jüdische Nachkriegsgemeinde in der Wielandstraße. Hier war ursprünglich einmal ein Haus für jüdische Krankenschwestern, das im Jahre 1935 von der DAF arisiert wurde. Es wurde der jüdischen Gemeinschaft auf meine Initiative hin noch im Mai 1945 zurückgegeben, von der Militärregierung“ (Hamburger 1995: 171). Arno Hamburger und andere Shoa-Überlebende konnten im Nachkriegsdeutschland wieder eine neue Nürnberger jüdische Gemeinde errichten und das frühere jüdische Schwesternhaus Wielandstr. 6 als Altenwohnheim, Gemeindeverwaltung und Gebetshaus nutzen. Seit dem 8. September 1984 verfügt die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN) in der Johann-Priem-Straße 20 wieder über ein eigenes jüdisches Gemeindezentrum. Hierzu gehört das nach Arno Hamburgers Vater Adolf Hamburger benannte Senioren- und Pflegeheim der IKGN mit 108 Plätzen (vgl. http://www.ikg-nuernberg.de/pflegeheim.html [letzter Aufruf am 19.10.2017]).

Die spannende Biografie- und Sozialgeschichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg gilt es im Kontext seiner städtischen und überregionalen Vernetzung weiter zu erforschen. Für wichtige Hinweise und Unterstützung dankt die Autorin Gisela Naomi Blume (Online-Gedenkprojekt „Jüdische Fürther“), Dr. Eckart Dietzfelbinger (Historiker, Nürnberg), Dr. Wiltrud Fischer-Pache und Gerhard Jochem (beide Stadtarchiv Nürnberg), Förderung zeitgeschichtlicher Forschung in Nürnberg und der Vermittlung ihrer Ergebnisse (FZFN), Leibl Rosenberg (Stadtbibliothek Nürnberg: Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde), Dr. Martina Switalski (Historikerin und Lehrerin, Melanchthon-Gymnasium Nürnberg) und Jim G. Tobias (Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V.).

Birgit Seemann, 2013, updated 2017

 

Archivalische Quellen


FRA UAS Bibl.: Frankfurt University of Applied Sciences, Bibliothek: Historische Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege:

Rechenschaftsberichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main

  ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbuch HB 655: Bornheimer Landwehr 85 (Schwesternhaus)

Hausstandsbuch HB 686 und 687: Gagernstraße 36 (Krankenhaus)

  StadtAN: Stadtarchiv Nürnberg:

GSI 133: Quellen des Stadtarchivs zum jüdischen Leben in Nürnberg, Neufassung 1997, bearb. v. Gerhard Jochem: http://www.nuernberg.de/imperia/md/stadtarchiv/dokumente/gsi133_quellen_juedischen_lebens.pdf

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg: Bestand C 7/I Generalregistratur: Sign. C 7/I Nr. 9262 (Laufzeit 1900–1938)

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg: estand E 6 Vereinsarchive: Sign. E 6/157 (Laufzeit 1906–1920): Jahresberichte des Schwesternvereins

Fränkel, Veronika: Einwohnermeldekartei: Sign. C 21/X Nr. 3; Passkarteikarte: C21/VII Nr. 42)

Sämann, Johanna: Einwohnermeldekartei: Sign. C 21/X Nr. 8, Nr. 10)

 UB JCR Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main:

Spezialsammlungen: Digitale Sammlungen: Judaica: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/

Ausgewählte Literatur


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Gütersloh, 3 Bände

Alicke, Klaus-Dieter 2014: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, http://www.jüdische-gemeinden.de (Aufruf vom 21.09.2015)

Berlin, Ludwig C. 2001: Fritz Josephthal, Nürnberg (9.7.1890 in Nürnberg – 14.2.1954 in New York), http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_joseph2d.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Bielefeldt, Katrin 2005: Jüdisches Krankenhaus: Vom „Judenheckisch“ zum modernen Hospital. In: dies.: Geschichte der Juden in Fürth. Jahrhundertelang eine Heimat. Hg.: Geschichte für Alle e.V. – Institut für Regionalgeschichte. Nürnberg: 48-51

BLLV 2015: Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband: Das BLLV-Geschichtsprojekt Erinnern. Jüdische Lehrer und Schulen in Bayern, https://www.bllv.de (Rubrik ‚Initiativen‘) [Stand bzw. letzter Aufruf v. 21.09.2015]

Blume, Gisela Naomi 2010ff.: Memorbuch für die Fürther Opfer der Shoah, http://www.juedische-fuerther.de (Einträge zu Betti Bilha Farntrog, Berta (Schuster) Hahn und ihren Familien) [letzter Aufruf vom 21.09.2015]

Brenner, Michael/ Eisenstein, Daniela F. (Hg.) 2012: Die Juden in Franken. München

Freier, Thomas 2015: Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich: http://www.statistik-des-holocaust.de [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Freudenthal, Max 1925: Die israelitische Kultusgemeinde Nürnberg. 1874–1924. Von Dr. Max Freudenthal, Rabbiner. Nürnberg. – Online-Ausg.: Frankfurt a.M.: Univ.-Bibliothek, 2009, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30-180014736001 [letzter Aufruf am 21.09.2015

Gedenkbuch Nürnberg 1998: Jochem, Gerhard/ Kettner, Ulrike (Bearb.) 1998: Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoa. Hg. v. Michael Diefenbacher u. Wiltrud Fischer-Pache [für das Stadtarchiv Nürnberg]. Mit e. Essay v. Leibl Rosenberg. Nürnberg

Gedenkbuch Nürnberg 2002: Jochem, Gerhard/ Kettner, Ulrike (Bearb.) 2002: Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoa. [Ergänzungsband] Hg. v. Michael Diefenbacher u. Wiltrud Fischer-Pache [für das Stadtarchiv Nürnberg]. Mit e. Beitrag v. Kurt Kellermann. Nürnberg

Glaser, Willie o.J. [2007]: The history of the Jewish hospital in Fürth until 1942. Edited by Gerhard Jochem, http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/EN_FU_JU_hospital.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Hamburger, Arno 1995: Heimkehr in der Uniform der Jüdischen Brigade. In: Brenner, Michael: Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945–1950. München: 169-173

Jochem, Gerhard (Bearb.) 1998: Mitten in Nürnberg. Jüdische Firmen, Freiberufler und Institutionen am Vorabend des Nationalsozialismus / Stadtarchiv Nürnberg. Hrsg. von Michael Diefenbacher und Wiltrud Fischer-Pache [für das Stadtarchiv Nürnberg]. Nürnberg

Jochem, Gerhard 2006a: Chronologie der jüdischen Gemeinde in Fürth bis 1945, 25.05.2006, http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_FU_JU_fuerth4.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Jochem, Gerhard 2006b: Chronologie zur jüdischen Geschichte Nürnbergs 1146–1945, 04.06.2006, http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_nuechron.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Jochem, Gerhard (Bearb.) 2015: Blutvergiftung. Rassistische NS-Propaganda und ihre Konsequenzen für jüdische Kinder und Jugendliche in Nürnberg. Nürnberg 2015: Stadtarchiv Nürnberg

Jörgensen, Kirsten/ Krafft, Sybille (Hg.) 2009: „Wir lebten in einer Oase des Friedens…“. Die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule 1926–1938. Hamburg, München

Kluxen, Andrea M./ Krieger, Julia (Hg.) 2011: Juden in Franken. 1806 bis heute. Hg. v. Bezirk Mittelfranken durch Andrea M. Kluxen und Julia Krieger. 3., teilw. überarb. Aufl. Würzburg

Kolb, Bernhard 1946: Die Juden in Nürnberg 1839–1945. Bearb. v. Gerhard Jochem. Online-Ausg. v. Juni 2007: http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_kolb_text.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Ledermann, Marita/ Wolff, Horst-Peter 1996: Zur Geschichte jüdischer Pflegevereine im fränkischen Raum. In: Beiträge zur Pflegegeschichte in Deutschland (Teil I). Heft 5 der Schriften aus dem Institut für Pflegegeschichte. Qualzow: Eigenverlag: 48-62

Reinke, Andreas 1999: Judentum und Wohlfahrtspflege in Deutschland. Das jüdische Krankenhaus in Breslau 1726–1944. Hannover (insbes. S. 216-223: Das Krankenhaus als Lehr- und Ausbildungsstätte)

Schneeberger, Michael 2011: Berta Hahn geb. Schuster. In: ders. (Hg., Bearb.): Gedenkbuch Kitzingen – yiskor. Zum Gedenken an die in der Shoah ermordeten Kitzinger Juden. Recherchiert u. zsgest. v. Michael Schneeberger unter Mitarb. v. Christian Reuther u. Elmar Schwinger. Mit e. Beitrag v. Elmar Schwinger: Schicksalswege der ehemaligen Israelitischen Kultusgemeinde Kitzingen. Kitzingen: Förderverein Ehemalige Synagoge Kitzingen: 187-189

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Steppe 1997a: Organisationsformen und Institutionalisierung. In: dies. 1997: 90-127

Wetzel, Juliane 1992: Ausgrenzung und Verlust des sozialen Umfeldes. Jüdische Schüler im NS-Staat. In: Benz, Ute/ Benz Wolfgang (Hg.) 1992: Sozialisation und Traumatisierung. Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.: 92-102

Internetquellen (letzter Aufruf am 11.10.2017)

Alemannia Judaica Birstein: http://www.alemannia-judaica.de/birstein_synagoge.htm

Alemannia Judaica Ermreuth: http://www.alemannia-judaica.de/ermreuth_synagoge.htm

Alemannia Judaica Fürth: http://www.alemannia-judaica.de/fuerth_synagoge.htm

Alemannia Judaica Fürth (Israelitisches Hospital): http://www.alemannia-judaica.de/fuerth_hospital.htm

Alemannia Judaica Kitzingen: http://www.alemannia-judaica.de/kitzingen_synagoge.htm

Alemannia Judaica Nürnberg: Nürnberg – Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt:http://www.alemannia-judaica.de/nuernberg_texte.htm

Alemannia Judaica Wolfratshausen: http://www.alemannia-judaica.de/wolfratshausen_erholungsheime.htm

Bayerische Staatsbibliothek: http://www.bavarikon.de

BA Koblenz Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/intro.html.de

Deportation und Flucht von Juden aus Fürth: https://www.wikipedia.de

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Nürnberg: https://www.museen.nuernberg.de/dokuzentrum

FZFN: Förderung zeitgeschichtlicher Forschung in Nürnberg und der Vermittlung ihrer Ergebnisse, Nürnberg: http://www.rijo.homepage.t-online.de/testimon/index.html

Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg: http://www.ikg-nuernberg.de

Jüdisches Krankenhaus (Israelitisches Spital) Fürth: http://www.fuerthwiki.de

Jüdisches Museum Franken: http://www.juedisches-museum.org

Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V.: Nuremberg Institute for Holocaust Studies: http://www.nurinst.org

RIJO RESEARCH: Hg. v. Susanne Rieger u. Gerhard Jochem, http://www.rijo.homepage.t-online.de/index-d.html

Stadtbibliothek Nürnberg: Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde: http://www.nuernberg.de/internet/stadtbibliothek/sammlungikg.html

Synagoge (Nürnberg): https://www.wikipedia.de

Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkstätte mit Datenbank): http://www.yadvashem.org

Frankfurter jüdische Krankenpflege in Straßburg (Elsass)

Zeichnung: Strassburg - Adassa / Israelitisches Krankenhaus Straßburg, Hagenauer Platz (Place de Haguenau), um 1894.
Strassburg – Adassa / Israelitisches Krankenhaus Straßburg, Hagenauer Platz (Place de Haguenau), um 1894 Aus: Architekten- und Ingenieur-Verein für Elsass-Lothringen (Hg.): Strassburg und seine Bauten, Strassburg 1894, S. 523 Weitere Angaben

Die deutsch-jüdische Pflegegeschichte in Straßburg (Elsass), heute Strasbourg, im Osten Frankreichs ist ein bislang unerforschtes pflegehistorisches Thema. Der Artikel beleuchtet erstmals einen Ausschnitt, der zugleich die überregionale Vernetzung und Bedeutung des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main dokumentiert. Von 1911 bis zum Ersten Weltkrieg pflegten im Israelitischen Krankenhaus (Clinique Adassa) Frankfurter jüdische Schwestern unter der Leitung ihrer Oberin Julie Glaser. Auch danach blieben die Schwestern auf ihrem Posten und versorgten in einem großen Straßburger Festungslazarett Schwerverwundete aller Nationen.

Das Israelitische Krankenhaus zu Straßburg (Elsass) / Clinique Adassa de Strasbourg
Am 17. September 1878 errichtete die jüdische Gemeinde zu Straßburg (Strasbourg/ Elsass) das Israelitische Krankenhaus (La Maison de Santé Israélite, später Clinique Adassa) in der Rue de Couples (Kuppelhof). Dort suchten nicht nur jüdische Straßburger/innen Heilung, sondern auch viele Angehörige des elsässischen Landjudentums. „Viele Straßburger sind in der 1878 gegründeten Klinik Adassa geboren“ (Lorey 2014). Wegen des erhöhten Bedarfs zog das Krankenhaus 1885 in einen von Stadtbauinspektor Edouard Roederer konzipierten Neubau am Hagenauer Platz (Place de Haguenau), die feierliche Einweihung fand am 20. Januar 1886 statt. „Die Zahl der Betten für Kranke und Pensionäre beträgt 65. Allen hygienischen Anforderungen ist in ausreichendster Weise Rechnung getragen“ (zit. n. Strassburg 1894: 523).

Das Krankenhaus, die heutige Clinique Adassa (vgl. https://www.clinique-rhena.fr/fr) überlebte als Institution beide Weltkriege und die Shoa; sie ist die einzige jüdische Klinik Frankreichs (Stand 2017) wird der traditionelle Standort in der Rue de Haguenau als eine Stätte jüdischen Lebens vermutlich der Vergangenheit angehören: Im Straßburger Osten entsteht aus Kostengründen das interkonfessionelle Klinikzentrum ‚Rhéna‘, getragen von Adassa (jüdisch), Diaconat (evangelisch) und Sainte Odile (katholisch). „Abstriche müssen die drei Krankenhäuser an der konfessionellen Ausrichtung machen: ‚Wir werden in den Türpfosten keine jüdische Mesusa-Schriftkapsel anbringen und im Krankenzimmer auch kein Kreuz aufhängen‘, so Guillaume Lohr, Generaldirektor der ‚Rhéna-Klinik‘. ‚Die konfessionelle Seite bei der Pflege wird völlig verschwinden.‘ Im Zentrum des Klinikums werde es einen multikonfessionellen Andachtsraum ohne religiöse Symbole geben, der für Christen, Juden und auch Muslime offen sei“ (zit. n. Lorey 2014).

Rosa Spiero / In New York. Aus: Thea Levinsohn-Wolf 1996: Stationen einer Krankenschwester. Frankfurt a.M.: 139 Weitere Angaben

Frankfurter jüdische Krankenschwestern in Straßburg
Um 1910 fanden im Israelitischen Krankenhaus zu Straßburg umfangreiche Modernisierungen statt, die auch die Etablierung einer professionellen Krankenpflege betrafen. Zu der Gründung eines eigenen jüdischen Schwesternvereins kam es indes nicht. Dass sich die dringlichen Anfragen aus Straßburg nach gut ausgebildeten und zugleich deutschsprachigen jüdischen Pflegekräfte an den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main richteten, dokumentiert dessen Ansehen und Bedeutung in der überregionalen jüdischen Pflege (vgl. auch den Beitrag zu Basel und Davos).

Für die anspruchsvolle Aufgabe des Aufbaus einer modernen Pflege entsandte der Verein am 1. Juli 1911 drei bewährte und tatkräftige Schwestern: Operationsschwester Bertha Schönfeld, Narkoseschwester Rosa Spiero und als Oberin Julie Glaser. Für Bertha Schönfeld und Rosa Spiero – nach der Erinnerung ihrer Frankfurter Kollegin Thea Levinsohn-Wolf zwei „starke Charaktere“, die manchen Disput austrugen (Levinsohn-Wolf 1996: 27) – endete die Straßburger Episode bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Seit Beginn der 1920er Jahre oblag den beiden „Kampfhähnen“ (ebd.) die gemeinsame Verantwortung für den pflegerischen Bereich der Chirurgie des Frankfurter jüdischen Krankenhauses Gagernstraße, Rosa Spiero wurde als Oberschwester Bertha Schönfelds direkte Vorgesetzte.

Fotografie: Bertha Schönfeld / Schwester Bertha im Operationssaal des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36.
Bertha Schönfeld / Schwester Bertha im Operationssaal des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36. Thea Levinsohn-Wolf, Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel, Frankfurt am Main 1996, S. 28 Weitere Angaben

Das Straßburger Team verstärkten zudem Blondine Brück und Rahel (Recha) Wieseneck. 1909 waren sie zusammen mit zwei weiteren Schülerinnen nach ihrer „Lehrzeit“ von anderthalb Jahren „auf Grund des Reifezeugnisses der ausbildenden Aerzte mit Zustimmung des Schwesternrats in den Schwesterverband [sic] aufgenommen“ worden (JüdSchwVereinFfm 1910: 5). Nach dem Konzept des Verwaltungsausschusses des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins abwechselnd im stationären Dienst des „Königswarter Hospitals“ und in der Privatpflege tätig, verfügten Schwester Blondine und Schwester Recha über reichhaltige berufliche Erfahrung. Weitere ‚Frankfurterinnen‘ im Israelitischen Krankenhaus Straßburg waren die zwischen 1911 und 1914 ausgebildeten Jenny Cahn, Gertrud Glaser, Ricka Levy und Bella Peritz. Als die politischen Verhältnisse sie im November 1918 aus Straßburg vertrieben, kehrten alle Schwestern mit ihrer Oberin Julie Glaser in das Frankfurter jüdische Schwesternhaus zurück, aus dem Ricka Levy kurz darauf ausschied. Bis auf Gertrud Glaser (Privatpflege) pflegten sie im 1914 eingeweihten neuen Krankenhaus Gagernstraße, Blondine Brück stieg zur Oberschwester der Privatabteilung auf. Mitte der 1920er Jahre folgte Julie Glaser der pensionierten Minna Hirsch in das Amt der Oberin des Großkrankenhauses.

„… den Posten, auf dem man uns gestellt“ – Berichte Frankfurter jüdischer Schwestern aus Straßburg im Ersten Weltkrieg
Infolge politischer Umbrüche waren der Frankfurter jüdischen Pflege in Straßburg nur wenige Jahre (1911–1918) beschieden. Zum Zeitpunkt des Aufenthalts der Frankfurter Schwestern gehörte Elsass-Lothringen, nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 durch das neu gegründete Deutschen Kaiserreich annektiert, noch zu Deutschland. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 leerte sich das Israelitische Krankenhaus Straßburg, aus dem die Patientinnen und Patienten wegen der befürchteten französischen Rückeroberung in Panik flüchteten. Hingegen blieben Oberin Julie Glaser und die Schwestern Blandine Brück, Jenny Cahn, Gertrud Glaser, Ricka Levy, Bella Peritz und Rahel (Recha) Wieseneck auf ihrem ‚Posten‘: Sie kehrten nicht nach Frankfurt zurück, sondern stellten sich unverzüglich der Kriegskrankenpflege vor Ort zur Verfügung (vgl. Beitrag zu Frankfurter jüdischen Pflegenden im Ersten Weltkrieg; Seemann 2014). Neben Einsätzen in der Etappe organisierten die Schwestern mit Julie Glaser als Lazarett-Oberin die Verwundetenpflege im Festungslazarett XXII B, eingerichtet in einem ehemaligen Lyzeum. „Dieses Lazarett in Straßburg wird bald zum hauptsächlichen Gefangenenlazarett für Verwundete aus Frankreich, Russland, Italien, Rumänien, England und Amerika und besteht bis November 1918“ (Steppe 1997c: 217). Nach dem für Deutschland verlorenen Krieg fiel Elsass-Lothringen wieder an Frankreich. Eine vorausgegangene kurze Episode als unabhängige Republik – verbunden mit Angriffen nationalistischer Elsässer gegen noch verbliebene ‚Reichsdeutsche‘ – endete mit dem Einmarsch französischer Truppen. Als sie am 21. November 1918 Straßburg erreichten, hatten die Frankfurter jüdischen Schwestern die Stadt bereits verlassen. Doch lassen wir sie selbst erzählen.

Schwesternbericht (Verfasserin unbekannt, zit. n. JüdSchwVereinFfm 1920: 38-39)

Uns Schwestern traf die Nachricht vom Krieg überraschend und niederschmetternd. Schwester Oberin war noch auf Urlaub. In Straßburg herrschte die größte Erregung. Niemand dort zweifelte, daß die Stadt in den nächsten Tagen von den Franzosen besetzt oder mindestens eingeschlossen und belagert würde. Das bis auf das letzte Bett besetzte Krankenhaus entleerte sich in wenigen Stunden. Die meist aus der Umgebung stammenden Kranken wurden, selbst in schwersten Zuständen, von den kopflosen Angehörigen nach Hause abgeholt. Uns Schwestern fragte der Krankenhausarzt, Herr Dr. Bloch, ob wir nicht nach Frankfurt abreisen wollten, oder was wir sonst beabsichtigten. Aber wir erklärten ihm einstimmig, daß wir den Posten, auf dem man uns gestellt, nicht verlassen würden. Bald darauf kam noch die Depesche aus Frankfurt, die uns die gleichlautende Anordnung des Mutterhauses brachte. Dann waren wir von Frankfurt abgeschlossen. Von unserem Verein wie von unseren Angehörigen hörten wir lange nichts mehr.

Unser Krankenhaus war inzwischen von seinem Vorstande der Militärbehörde zur Verfügung gestellt worden. Die nächsten Tage verbrachten wir voller Ungeduld damit, das Haus zum Lazarett herzurichten, es durch Aufstellung neuer Betten in den Korridoren und allen sonst verwendbaren Räumen zu vergrößern, Wäsche und Verbandzeug herzustellen und andere Vorbereitungen zur Aufnahme der Verwundeten zu treffen. Als aber die Belegung immer wieder ausblieb (wie wir hörten, weil das Haus der Behörde zu klein war), konnten wir das Nichtstun, wo andere überlastet waren, nicht länger ertragen und meldeten uns mit Zustimmung des Krankenhaus-Vorstandes persönlich beim Roten Kreuz. Wir wurden freundlich aufgenommen und schon am nächsten Tag von Dr. Ducroix, dem Chirurgen unseres Krankenhauses, angefragt, ob wir mit in die Vogesen fahren wollten, um bei Verwundetentransporten zu helfen. Dann sollten wir in dem ihm als Chefarzt übertragenen Festungslazarett im Lyzeum die Pflege übernehmen. Wir sagten freudig zu.

Am 17. August fuhren wir mit zwei Autos vom Krankenhaus ab. In einem der Stabsarzt, ein Chirurg, ein Apotheker, das Sanitätspersonal und die Schwestern; im anderen Verbandmaterial und Instrumente. In rasender Fahrt ging es nach dem Verbandplatz Hohwald bei Saarburg. Dort hatte am Tage ein Gefecht stattgefunden. Die Verwundeten mußten von der Höhe herunter nach dem Verbandplatz gebracht werden, einem Gasthaus mit vielen geräumigen Zimmern. Da der Wirt sich geweigert hatte, die Türen zu öffnen und Wasser und Seife herzugeben, wurde mit Gewalt vorgegangen. Deutsche und Franzosen harrten der ersten Hilfe, viele starben bereits auf dem Transport. Mit Mühe wurden die Schwerverwundeten in Zimmern und Gängen geborgen. Die Verbundenen wurden auf Leiterwagen nach der ersten Bahnstation gefahren, in den bereitstehenden Güterzug eingeladen und nach Straßburg verbracht. Leider war es nicht möglich, alle Verwundeten mitzunehmen, da morgens um fünf Uhr der Wiederanmarsch der Franzosen gemeldet wurde und das Feld geräumt werden mußte. Am 18. und 19. August waren wieder zwei von uns in den Vogesen und brachten 200 Schwerverwundete mit.“

Bericht von Oberin Julie Glaser (zit. n. JüdSchwVereinFfm 1920: 39-40)

Als ich, nachts um zwei Uhr angekommen, nach dem Lyzeum kam, war alles eifrig beschäftigt, 500 Verwundete in dem halbfertig eingerichteten Gebäude unterzubringen. Unser Chefarzt mußte mit einem Hilfsarzt für diese alle sorgen. Es wurde fieberhaft gearbeitet, operiert und verbunden, durchschnittlich blieben uns nur vier bis fünf Stunden Schlaf. Trotzdem kamen wir über diese schwerste Zeit mit ihrer aufreibenden Tätigkeit gut hinweg. Die Schwestern gaben überall ihr Bestes; an den vielen Helferinnen hatten wir nur geringe Stütze. Anfangs waren im Lazarett nur Deutsche und Franzosen, bald wurde es ein Gefangenenlazarett. Wir hatten durchschnittlich 250 Deutsche und 300 Gefangene, die sich aus Franzosen, Russen, Italienern, Rumänen, Engländern und Amerikanern zusammensetzten. Im Operationssaal konnte man beim Verbinden die interessantesten Völkerstudien machen; am besten schnitten unstreitig die Amerikaner ab.
Und so verging Jahr um Jahr, das uns viel Arbeit, aber auch viel Befriedigung brachte. Wir lebten im schönsten Einvernehmen mit unseren Ärzten; unsere Verwundeten, besonders auch die Elsässer, waren des Lobes und Dankes voll.

Wie rasch kam der Umschwung! Schon im August 1918 brachten uns die Amerikaner die traurige Kunde, daß wir verlieren würden. Wir lachten sie aus und blieben voller Zuversicht. Sie behielten recht. Es kam die fürchterliche Zeit der Revolution und mit ihr zeigte sich der ungeheure Haß im Elsaß gegen alles, was deutsch war. Wir durften uns nicht mehr auf der Straße blicken lassen, wir waren verfehmt. Im Lazarett herrschte keine Disziplin mehr, der Chefarzt wurde abgesetzt und ein Schreiber rückte an seine Stelle. Die Kleiderkammer wurde von den elässischen Verwundeten ausgeplündert; für die Deutschen blieb ein Rest. Wir sahen ein, daß unseres Bleibens nicht mehr war. In der Nacht vom 15. bis 16. November erging der Befehl, alle deutschen Verwundeten aus Straßburg nach Baden zu schaffen; das deutsche Sanitätspersonal schloß sich an. Am 16. November schnürten wir traurigen Herzens unser Bündel; Amerikaner und Engländer erwiesen uns den Liebesdienst, unser Gepäck an die Bahn zu bringen! Als Vertriebene zogen wir zum großen Tor hinaus, aus dem Hause, in dem wir 4 1/2 Jahre unser Bestes gegeben hatten. Wir erreichten noch den letzten Zug, der von Straßburg nach Frankfurt fuhr, unser treuer Stabsarzt gab uns das Geleite.
Bald lag die wunderschöne Stadt hinter uns. Noch ein letzter Gruß des unvergeßlichen Münsters, und hinein ging’s in den dichten Novembernebel, des Vaterlandes grauer Zukunft entgegen.“

Ausblick

Zeichnung: Standortkarte / Institutionen und Organisationen der jüdischen Krankenpflege im Deutschen Reich 1914.
Standortkarte / Institutionen und Organisationen der jüdischen Krankenpflege im Deutschen Reich 1914 Aus: Hilde Steppe, „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“, S. 115 Weitere Angaben

Wie bereits Hilde Steppes Standardwerk über die deutsch-jüdische Krankenpflege (vgl. Steppe 1997) dokumentiert hat, ist die Quellenlage für einzelne jüdische Schwesternvereine und -stationen lückenhaft. Dieser Befund trifft auch auf Metz in Lothringen zu, wo anders als in Straßburg sogar ein deutsch-jüdischer Schwesternverein bestand, der vermutlich vor 1908 gegründet wurde (vgl. ebd.: 113). Wie die Standortkarte zeigt, gilt es noch manche Forschungslücken jüdischer Pflegegeschichte zu schließen und dabei Biografien, Institutionen und Stätten jüdischen Lebens und Wirkens zu entdecken. Die Spurensuche geht weiter.

Birgit Seemann, 2015, updated 2017

 

Primärquellen


Archives départementales du Bas-Rhin, Strasbourg: http://archives.bas-rhin.fr

Bestandsübersicht zu Spitälern mit jüdischer Geschichte im damaligen Elsaß

 Centrum Judaicum Berlin: Stiftung Neue Synagoge Berlin ‒ Centrum Judaicum

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main (Eingetragener Verein). Jahresberichte 1898-1911, Frankfurt a.M.: Akte CJA, 1, 75 A und C

 FRA UAS Bibl.: Frankfurt University of Applied Sciences, Bibliothek, Historische Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege:

Jahres- und Rechenschaftsberichte des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins

 ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbuch HB 655: Bornheimer Landwehr 85 (Frankfurter jüdisches Schwesternhaus)

Hausstandsbuch HB 686 und 687: Gagernstraße 36 (Frankfurter jüdisches Krankenhaus)

 UB JCR Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main:

Spezialsammlungen: Digitale Sammlungen: Judaica (mit Compact Memory): http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/

Literatur und Links (aufgerufen am 20.10.2017)


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Straßburg (Elsass). In: ders.: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 3: Ochtrup – Zwittau. Gütersloh: 3982-3988

Alicke, Klaus-Dieter 2014: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, http://www.jüdische-gemeinden.de: Straßburg (Elsass)

Assall, Paul 1984: Juden im Elsass. Moos: Elster

Clinique Adassa: https://www.clinique-rhena.fr/fr

Ginsburger, Moses 1911: Die Medizin und Hygiene der Juden in Elsass-Lothringen. Vortrag. Gebweiler: Dreyfus. – Online-Ausg.: Universitätsbibliothek JCS Frankfurt a.M., 2009, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30-180010731118

JüdSchwVereinFfm 1898–1911: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Rechenschaftsberichte, Frankfurt a.M. 1898–1911

JüdSchwVereinFfm 1920: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919. Frankfurt a.M.

Levinsohn-Wolf, Thea 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel. Frankfurt a.M.

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Seemann, Birgit 2014: „Wir wollen sein ein einig Volk von Schwestern“. Jüdische Krankenpflege und der Erste Weltkrieg. In: Tobias, Jim G./ Schlichting, Nicola (Hg.) 2014: nurinst – Jahrbuch 2014. Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Schwerpunktthema: Davidstern und Eisernes Kreuz – Juden im Ersten Weltkrieg. Im Auftrag des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts hg. Nürnberg: 87-101

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Steppe, Hilde 1997a: Organisationsformen und Institutionalisierung. In: dies. 1997: 90-127

Steppe, Hilde 1997b: Jüdische Krankenpflege im ersten Weltkrieg. In: ebd.: 128-131

Steppe, Hilde 1997c: Der erste Weltkrieg und das Jahr 1919. In: ebd.: 215-220

Strassburg 1894: Architekten- und Ingenieur-Verein für Elsass-Lothringen (Hg.) 1894: Strassburg und seine Bauten. Mit 655 Abb. im Text, 11 Tafeln u. e. Plan der Stadt Strassburg. Strassburg, online: https://archive.org/stream/strassburgundsei00arch/strassburgundsei00arch_djvu.txt

Wallach, Peter 2006: Jüdisches Leben in der Europahauptstadt Straßburg. In: Freiburger Rundbrief. Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung 13 (2006) 4: 289, online: http://www.freiburger-rundbrief.de/de/?item=1133

Frankfurter Grabsteine als letzte Zeugen – die Krankenschwestern Bertha Schönfeld und Thekla Dinkelspühler

Durchgang vom Eingangshof zum Friedhof, Jüdischer Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2010 © Edgar Bönisch

Auf dem neueren Friedhof der Jüdischen Gemeinde Frankfurt in der Eckenheimer Landstraße zeugen etwa 800 Grabsteine von antisemitisch Verfolgten, die sich in den Jahren 1938 bis 1943 der nationalsozialistischen Verfolgung und Deportation durch Freitod entzogen haben. Sie bieten ein eindrucksvolles Zeugnis dieser tragischen historischen Ereignisse (http://www.jg-ffm.de/de/religioeses-leben/juedische-friedhoefe, letzter Aufruf dieses und aller folgenden Links am 19.10.2017). Ihre Namen trug in mühevoller Kleinarbeit der Chronist und Schoah-Überlebende Adolf Diamant (1924-2008) zusammen (vgl. ders. 1983). Auch zwei Krankenschwestern des früheren jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße sind darunter: Bertha Schönfeld und Thekla Dinkelspühler, beide gebürtige Hessinnen. Woher kamen sie, wie haben sie gelebt?

Schwester Bertha Schönfeld (1883 Kesselbach/Rabenau – 1941 Frankfurt a.M.)

Schwester Bertha Schönfeld im OP, 1931 Thea Levinsohn-Wolf, Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel, Frankfurt am Main 1996, S. 28

Herkunft
Schwester Bertha entstammte dem Landjudentum im mittleren Hessen (nördlich von Frankfurt am Main). Geboren am 13. September 1883 um 8.00 Uhr in der elterlichen Wohnung in dem Dorf Kesselbach (heute Ortsteil von Rabenau, Landkreis Gießen), war sie, wie damals auf dem Land üblich, eine ‚Hausgeburt‘ (OuSt Rabenau). In Kesselbach lebten um diese Zeit sieben jüdische Familien (etwa 30 Personen), die der Synagogengemeinde im größeren Nachbarort Londorf angehörten. Die jüdischen Kesselbacherinnen waren für ihre besonderes Engagement in der ehrenamtlichen Krankenpflege bekannt; sie versorgten Glaubensgenossen in angrenzenden Dörfern und möglicherweise ebenso christliche Nachbarn: „[…] so haben sich die hiesigen Frauen zusammengefunden und eine Frauen-Chebra gegründet, deren Tätigkeit darin bestehen soll, den Armen bei Krankheit und Trauerfällen hilfreich beizustehen“ („Der Israelit“ v. 01.04.1889, zit. n. http://www.alemannia-judaica.de/londorf_synagoge.htm). Von handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen in der Regel ausgeschlossen, arbeiteten auch die Kesselbacher Juden hauptsächlich „als Viehhändler, als Metzger oder als Kleinkaufleute“; sie lebten wie ihre christlichen Nachbarn „in durchweg einfachen Verhältnissen“ (zit. n. ebd.). Die Eltern Bertha Schönfelds waren:

  • Zimmel „gen.[annt] Emilie“ Schönfeld geb. Wallenstein (geb. 24.07.1859) aus Alten-Buseck (vgl. http://www.alemannia-judaica.de/alten-buseck_synagoge.htm) im Landkreis Gießen, Tochter des Handelsmanns Abraham Wallenstein und der Hannchen geb. Stern (OuSt Rabenau);
  • Simon Schönfeld (geb. 20.07.1850) aus Kesselbach, von Beruf Kaufmann, Sohn des Handelsmanns Moses Schönfeld und der Rebekka geb. Maas.

Bertha Schönfeld war die Zweitgeborene von sechs Geschwistern, deren Lebensdaten zum Teil ebenfalls rekonstruiert werden konnten:

  • Rebekka (Rebeka, Rivka) Fuld (01.11.1881 Kesselbach – 05.02.1939 Frankfurt a.M.), die Älteste, welche als einzige noch einen jüdischem Vornamen trug;
  • Gertrud Schönfeld (21.05.1886 Kesselbach – 05.03.1889 Kesselbach), bereits als Kleinkind verstorben;
  • Adolph Friedrich Schönfeld (27.07.1888 Kesselbach – 17.12.1915), der einzige Bruder, gefallen im Ersten Weltkrieg;
  • Amalie Schönfeld (geb. 09.07.1890 in Kesselbach);
  • Johanna Senger geb. Schönfeld (22.06.1894 Kesselbach – [1942 deportiert]).

Bertha Schönfeld und ihre Geschwister besuchten wahrscheinlich die jüdische Schule in Londorf, wo sich auch eine Synagoge und der jüdische Friedhof befanden. Für jüdische Mädchen auf dem Lande mangelte es an beruflichen Aussichten ebenso wie an geeigneten Heiratskandidaten. Was Bertha Schönfeld betraf, legte sie zeitlebens großen Wert auf ihre persönliche Unabhängigkeit (vgl. Levinsohn-Wolf 1996: 27). Im September 1904 mit 21 Jahren volljährig geworden, verließ sie ihr Heimatdorf und nahm Kurs auf die Großstadt Frankfurt am Main, um bei dem überregional angesehenen Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Krankenschwester zu lernen.

Stationen einer Krankenschwester: Privatpflege – Israelitisches Krankenhaus Straßburg – OP-Schwester in der Chirurgie des Jüdischen Krankenhauses Frankfurt a.M.
Als tatkräftige junge Frau Anfang Zwanzig startete Bertha Schönfeld noch in der ‚alten‘ Klinik („Königswarter Hospital„) der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main und dem ebenfalls in der Königswarterstraße gelegenen Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen (im Folgenden bezeichnet als: Frankfurter jüdischer Schwesternverein) ihre Ausbildung. Wie alle Bewerberinnen hatte sie den Richtlinien des Deutschen Verbandes Jüdischer Krankenpflegerinnenvereine von 1905 zufolge „einen ihrem künftigem Beruf entsprechenden Bildungsgrad, Gesundheitszustand und moralischen Lebenswandel“ (zit. n. Steppe 1997: 374) nachzuweisen. 1906 (vgl. ebd: 228) schloss sie ihre Ausbildung erfolgreich ab und war im Anschluss laut Satzungen des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins zu einer dreijährigen Dienstzeit verpflichtet. Der Verein hielt Bertha Schönfeld, wohl infolge ihrer Eigenständigkeit, für die ambulante häusliche Pflege befähigt: Die in Privathaushalten eingesetzten Schwestern hatten die Weisungen des Hausarztes zu befolgen, waren aber in keine Krankenhaushierarchie eingebunden, sondern bei pflegerischen Entscheidungen und im Umgang mit Kranken und deren Angehörigen auf sich gestellt. Hierzu waren „Schlüsselqualifikationen“ (siehe Palesch (Hg.) u.a. 2012: 9) wie selbständige Arbeitsweise, Organisationsvermögen, Belastbarkeit, Zuverlässigkeit und Einfühlungsvermögen unerlässlich. Nicht selten oblag der Schwester neben der eigentlichen Krankenpflege die gesamte Haushaltsführung inklusive Kinderbetreuung, Verköstigung und Wäschereinigung. Zum Schutz der Pflegekräfte vor beständiger Verfügbarkeit und Überlastung stellte der Frankfurter jüdische Schwesternverein ein eigenes Regelwerk auf, beaufsichtigt von Oberin Minna Hirsch: So sollte die in der Privatpflege tätige Schwester „täglich 1 bis 2 Stunden das Haus, in welchem sie pflegt, verlassen, um sich in frischer Luft zu erholen. Die Zeit des Ausgangs ist je nach der Lage des Krankheitsfalls in Uebereinstimmung mit dem behandelnden Arzte und der Familie festzusetzen“ (zit. n. Steppe 1997: 384). Auch war es ihr „im Interesse ihrer eigenen Gesundheit streng untersagt, mehr als zwei aufeinanderfolgende Nachtwachen zu leisten. Die zweite Nachtwache darf nur unter Zustimmung der Oberin oder deren Stellvertreterin geleistet werden“ (ebd.). Grundsätzlich konnte die Privatpflege auch in nichtjüdischen Haushalten stattfinden, doch waren gerade jüdische Haushalte wegen der gesicherten rituellen Versorgung an einer jüdischen Pflegekraft interessiert. Damit ihr eigenes religiöses Leben nicht zu kurz kam, konnte die Pflegende beim Schwesternverein eine Hilfskraft anfordern.
1911 stand Bertha Schönfeld vor einer neuen beruflichen Herausforderung: Ihr Arbeitsplatz verlagerte sich von Frankfurt in das Elsass (bis 1918 Verwaltungsgebiet des Deutschen Reiches), wo der Frankfurter jüdische Schwesternverein unter der Leitung von Oberin Julie Glaser die Pflege am Israelitischen Krankenhaus Straßburg (Clinique Adassa) übernommen hatte. Noch vor dem Ersten Weltkrieg kehrte Schwester Bertha wieder zurück, da das im Mai 1914 neu eröffnete große Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Gagernstraße (im Folgenden bezeichnet als: Krankenhaus Gagernstraße) weiteres qualifiziertes Pflegepersonal benötigte; sie wohnte im neuen modernen jüdischen Schwesternhaus in der angrenzenden Bornheimer Landwehr. Als nur wenig später, im August 1914, die Völkerschlacht des Ersten Weltkriegs begann, wurde Schwester Bertha zunächst nicht in den in Krankenhaus und Schwesternhaus eingerichteten Lazaretten eingesetzt. Stattdessen leistete sie zusammen mit Oberschwester Ida (vermutlich Ida Elise Holz) und einer weiteren (namentlich unbekannten) Kollegin Verwundetenpflege im Städtischen Lazarett „Krankenhaus Ost“ (vgl. Rechenschaftsbericht 1920: 37, 63); dort arbeiteten die drei Jüdinnen mit hauptsächlich nichtjüdischen/christlichen Pflegekräften und Ärzten zusammen.
Mitten im Krieg, am 1. Februar 1917, erhielt Bertha Schönfeld, inzwischen Operationsschwester in der Chirurgischen Abteilung des Krankenhauses Gagernstraße, für zehnjährige „treue Tätigkeit“ die goldene Brosche des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins (Rechenschaftsbericht 1920: 62). Gewiss erlebte sie die Kapitulation 1918 des so siegesgewiss angetretenen wilhelminischen Kaiserreichs wie die großen Mehrheit der Deutschen, ob jüdisch oder nichtjüdisch, als Schmach. Wie mochte sie zugleich die antisemitischen Hetzkampagnen, die ‚die Juden‘ sowie ‚die Linken‘ als Schuldige der Niederlage darstellten, empfunden haben, zumal sich unter den insgesamt etwa 12.000 gefallenen deutsch-jüdischen Soldaten auch ihr einziger Bruder Friedrich befand?
Wohl aus organisatorischen Gründen zog Bertha Schönfeld am 30. Dezember 1925 vom Schwesternhaus in das Krankenhaus um (ISG Ffm: HB 686: 56). Sie war eine tüchtige und erfahrene Pflegekraft, galt aber im persönlichen Umgang als schwierig (vgl. Levinsohn-Wolf 1996: 26-28). Sah sich die unverheiratet und kinderlos gebliebene über Vierzigjährige als ’spätes Mädchen‘ und ‚alte Jungfer‘, wie es zu dieser Zeit abschätzig hieß? Wurde sie bei anstehenden Beförderungen, etwa zur Oberschwester, übergangen? Mangels veröffentlichter Selbstzeugnisse ist über die Kommunikation zwischen Pflegenden und ihren ärztlichen Vorgesetzten sowie untereinander wenig bekannt. Umso wertvoller sind die Einblicke in den Großbetrieb des Krankenhauses Gagernstraße, die uns Thea Levinsohn-Wolf, eine jüngere Kollegin Bertha Schönfelds, durch ihre Autobiographie gewährt. Wie an nahezu jeder Arbeitsstätte gab es dort neben Teamsolidarität auch zwischenmenschliche Konflikte. Im Operationssaal der Chirurgie, so berichtet Schwester Thea, „herrschte seit vielen Jahren Schwester Bertha. Sie behielt ihre vielen jeweiligen Hilfen allerhöchstens für ein Jahr. Böse Zungen sagten von ihr, daß sie fürchterlich eifersüchtig auf jede junge Schwester sei, auf deren eventuelle Tüchtigkeit und eine möglicherweise wachsende Vorliebe des Chirurgen für sie als instrumentierende Schwester. Die Ärzte hätten allerdings niemals gewagt, einen Finger zu rühren – ohne Schwester Berthas vorherige Einwilligung“ (Levinsohn-Wolf 1996: 26f.). Chefarzt der Chirurgie war Dr. Emil Altschüler, sein Stellvertreter Dr. Fritz Katz. Zusammen mit ihrer Kollegin Rosa Spiero (der jüngsten Schwester von Rahel Seckbach, Oberin des Gumpertz´schen Siechenhauses) oblag Bertha Schönfeld nicht nur die Assistenz bei den Operationen, sondern die pflegerische Verantwortung für die gesamte chirurgische Abteilung. Oberschwester war allerdings die etwas jüngere Rosa Spiero und damit Bertha Schönfelds direkte Vorgesetzte und zudem Anästhesieschwester. Ihre beruflichen Wege hatten sich immer wieder gekreuzt: Sie waren der gleiche Abschlussjahrgang (1906) im jüdischen Schwesternhaus und hatten beide vor dem Ersten Weltkrieg im Israelitischen Krankenhaus Straßburg gepflegt. Freundinnen wurden sie nicht. Thea Levinsohn-Wolf erinnert sich: „[…] wir jungen Schwestern hatten einen Heidenspaß an diesen beiden Kampfhähnen, denn sie konnten sich ganz schön laut anschreien, was für Abwechslung und Luftbereinigung sorgte“ (ebd., 27). Und sie fügt hinzu: „Beide Schwestern waren starke Charaktere“ (ebd.).

NS-Zeit

Grab der Bertha Schönfeld auf dem Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2011 © Birgit Seemann

Seit dem 3. Februar 1934 war Bertha Schönfeld in der Waldschmidtstraße 82 gemeldet (ISG Ffm: HB 686: 56). Weshalb sie während der NS-Zeit für einige Jahre außerhalb von Krankenhaus und Schwesternhaus wohnte, ist unbekannt. Leistete sie trotz eigener gesundheitlicher Beschwerden wieder Privatpflege? Unterstützte sie Verwandte? Vielleicht war sie bereits Rentnerin und hatte eine eigene Wohnung bezogen, obwohl ihr ein Alterssitz im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus zustand. Später wohnte sie in der Hanauer Landstraße 27. Als Bertha Schönfeld, möglicherweise unter dem Eindruck des Novemberpogroms und seiner Nachwirkungen, am 5. Dezember 1938 wieder in das Schwesternhaus zurückkehrte, war sie in den Akten als ‚Schwester in Rente‘ vermerkt (ISG Ffm: HB 655: 59). Seit dem 1. Januar 1939 musste sie gemäß der von den Nationalsozialisten zwangsverordneten Änderung von Familiennamen und Vornamen den Zusatznamen „Sara“ (bei Männern: „Israel“) tragen. Am 5. Februar 1939 traf sie ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag: Ihre ältere Schwester Rebekka Fuld nahm sich in Frankfurt am Main mit 57 Jahren das Leben (Yad Vashem: Datenbank, Gedenkblatt). Bertha Schönfelds Schwager August Fuld (geb. 11.01.1882 in Wolfenhausen) – Dekorateur, Tapezierer und Inhaber der bei dem Novemberpogrom 1938 zerstörten Polsterwerkstatt „A. Fuld“ (Jüdisches Museum Frankfurt a.M.: interne Datenbank) – war zuvor aus dem KZ Buchenwald zurückgekehrt und schlug sich fortan als Hilfsarbeiter durch; am 11. November 1941 wurde er von Frankfurt in das Ghetto Minsk (Weißrussland) deportiert und später für tot erklärt. Berthas jüngste Schwester Johanna Senger – sie hatte nach Sachsen-Anhalt geheiratet – wurde am 14. April 1942 ab Magdeburg, zusammen mit Felix Senger (geb. 23.07.1882 in Ueckermünde/Pommern) und Friedrich Senger (geb. 14.07.1925 in Bernburg), vermutlich Ehemann und Sohn, in das Ghetto Warschau verschleppt, wo sich ihre Spuren verlieren.
Am 19. November 1940 vertrieb die NS-Zwangsräumung des Schwesternhauses Bertha Schönfeld von ihrem Alterssitz, sie musste zusammen mit ihren Kolleginnen in das Krankenhaus Gagernstraße umziehen (ISG Ffm: HB 655: 59). Wie die letzten Monate ihres Lebens verliefen, ist unbekannt. Doch war sie sich angesichts der starken Fluktuation des medizinischen und Pflegepersonals durch Emigration (etwa von Oberschwester Rosa Spiero, ihrer früheren Kontrahentin, am 24. März 1941) und der Räumung (1941) des Gumpertz’schen Siechenhauses und der Rothschild’schen Spitäler im Röderbergweg darüber im Klaren, dass sich auch das Krankenhaus Gagernstraße in Auflösung befand. Die letzte Frankfurter jüdische Klinik, Zuflucht für kranke, alte und und weitere Hilfe suchende antisemitisch Verfolgte, war völlig überfüllt und wurde als NS-Sammelstelle vor den Deportationen missbraucht. Am 29. Juni 1941 schied Bertha Schönfeld durch Gift aus dem Leben (ISG Ffm: HB 687: 326) – mit 57 Jahren, wie ihre Schwester Rebekka. Thea Levinsohn-Wolf (1996: 27) schreibt: „Schwester Bertha hatte beschlossen, ihr Leben auf ihre Art zu leben und gegebenenfalls auch zu beenden. Um nicht die Schmach der Deportation erdulden zu müssen, nahm sie sich das Leben.“
Der Suizid Verfolgter unter dem NS-Regime wird in der Forschung unterschiedlich gedeutet (vgl. etwa Fischer (Hg.) 2007; Goeschel 2011): War es ein „Akt der Verzweiflung“, ein letzter „Fluchtweg“, eine bewusste „Entziehung, die gar eine aktive Widerstandshandlung implizieren kann“ (Ohnhäuser 2010: 23)? Für die NS-Täter bedeutete der Suizid eines Opfers offenbar eine Art Niederlage, entzogen sich doch die Betroffenen durch einen eigenständigen Akt ihrer totalitären Kontrolle; „so dominierte in der zweiten Hälfte der NS-Herrschaft der Anspruch der Machthaber auf die Entscheidungsgewalt über Leben und Tod ihrer ausgesuchten ‚Gegner'“ (ebd.: 24). Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig verzeichnet für 1942 zwei Dissertationen an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien: ‚Der Selbstmord, unter besonderer Berücksichtigung der Juden‘ (Wolfgang Damus) und – im NS-Jargon – ‚Der Selbstmord bei Juden und Judenmischlingen‘ (Hans Kallenbach).
In seiner Studie zu dem Berliner Internisten a.o. Prof. Dr. med. Arthur Nicolaier (geb. 1862), welcher sich 1942 das Leben nahm, verweist Tim Ohnhäuser zudem darauf, dass dieser schon längst den ’sozialen Tod‘ der aus dem NS-Alltag selektierten jüdischen Deutschen erlitten hatte. Den zweiten ’sozialen Tod‘ ereilte Dr. Nicolaier dann nach der NS-Zeit durch „Vergessen als Teil der Vernichtung“ (Ohnhäuser 2010: 31): Lange Zeit erinnerte sich kaum jemand an den Entdecker des Tetanuserregers, der wesentlich dazu beitrug, den Wundstarrkrampf zu besiegen.

Auch Bertha Schönfeld, deren Pflege so vielen jüdischen wie nichtjüdischen Kranken zugutekam, ist heute vergessen. Wie ihre Schwester Rebekka Fuld wurde sie auf dem Jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße beerdigt; der Eintrag im Gräberverzeichnis und auf dem Grabstein lautet „Berta Schonfeld“.

Schwester Thekla Dinkelspühler (1901 [Bad] Homburg v.d.H. – 1942 Frankfurt a.M.)

Geburtsurkunde von Thekla Dinkelspühler © Stadtarchiv Bad Homburg

Anders als Bertha Schönfeld war Thekla Dinkelspühler wohl keine Krankenschwester aus Berufung, sondern aus Not: Mit 38 Jahren trat sie unter den repressiven Bedingungen der NS-Zeit als Lernschwester in das Krankenhaus Gagernstraße ein. Während Schwester Bertha aus einem kleinen hessischen Dorf stammte und „echten Frankfurter Dialekt“ (Levinsohn-Wolf 1996: 28) sprach, war Schwester Thekla städtisch geprägt und in einem mittelständischen Geschäftshaushalt aufgewachsen.
Geboren wurde Thekla Dinkelspühler am 4. Juni 1904 zusammen mit ihrer kurz nach ihr auf die Welt gekommenen Zwillingsschwester Luise (auch: Louise; urkundlich: Louisa) in der Wohnung ihrer Eltern, Louisenstraße 34, in der südhessischen Kurstadt Homburg vor der Höhe (seit 1912 Bad Homburg). Sie waren die jüngsten Töchter des Kaufmanns Moritz Dinkelspühler (01.11.1856 Fürth – 01.05.1917 [Bad Homburg v.d.H.]) und seiner Frau Klara (Clara) geb. Eichenberg (20.10.1867 Bad Homburg – 30.05.1934 [Bad Homburg v.d.H.]); der Familienname Dinkelspühler leitet sich vermutlich von der bayerisch-mittelfränkischen Reichsstadt Dinkelsbühl her. Thekla und Luise hatten drei Schwestern:

  • Minna (Mina) Dörnberg (09.07.1888 Homburg v.d.H. – 23.01.1943 Ghetto Theresienstadt [Suizid]) (vgl. auch Daume u.a. (Hg.) 2013, 413);
  • Hedwig Sandberg (1890 Homburg v.d.H. – 1940 oder 1941);
  • Frieda Sandberg (11.10.1892 Homburg v.d.H. – [12.10.1944 deportiert nach Auschwitz]).
  • Die Zwillingsschwester Luise Dinkelspühler, bis zu ihrer NS-bedingten Entlassung als Stenotypistin und Büroangestellte in Bad Homburg sowie in einer Zwieback-Fabrik im nahgelegenen Friedrichsdorf/Ts. tätig, konnte im April 1937 in die USA flüchten. In New York arbeitete sie als Krankenschwester: seit 1941 im Krankenhaus, seit 1946 als Privatschwester (HHStA Wiesbaden).

Moritz Dinkelspühler hatte in das Manufakturwarengeschäft Lehmann & Eichenberg in der Louisenstraße 23 eingeheiratet, er war Mitglied des angesehenen Talmud-Thora-Vereins (vgl. Grosche 1991: 29). Nach seinem Tod (1917) führte die Witwe Klara Dinkelspühler das Geschäft für Textilien, Stoffe, Garne und Damen- und Herrenwäsche fort (ebd.: 44); sie selbst verstarb 1934. Ein Jahr zuvor hatte sie am 1. April noch den staatlich organisierten NS-Boykott jüdischer Unternehmen miterlebt. Ob das Haus Louisenstraße 23 vor oder erst nach der ‚Arisierung‘ einem nichtjüdischen Kohlenhändler gehörte, bleibt noch näher zu prüfen. In den 1930er Jahren wohnte Thekla Dinkelspühler zusammen mit einer ihrer Schwestern im 2. Stock zur Miete (ebd.: 79). Geschäft und Erbe waren verloren. Als 1938 der Novemberpogrom in Bad Homburg tagsüber, vor aller Augen, stattfand, blieb ihre Wohnung nicht verschont. Anlässlich eines nach dem Krieg angestrengten Gerichtsverfahrens berichtete ein Tatbeteiligter: „Auf der ersten Treppe nach oben begegnete ich den Geschwistern Dinkelspühler. Ich ging sodann in den II. Stock […]. Dort waren mehrere Leute […] mit der Demolierung der Wohnungseinrichtung beschäftigt. […] Ich will bekunden, daß ich einen der Männer daran gehindert habe, einige Toilettenseifen einzustecken“ (zit. n. Grosche 1991: 79). Zeugen warfen dem NS-Täter vor, er habe sich sehr wohl „in der Wohnung der Geschwister Dinkelspühler an der Zerstörung der Wohnungseinrichtung aktiv beteiligt“, wo er sogar „auch das Bad zerschlagen“ wollte (Tätervernehmung, zit. n. ebd.: 80).
Am 30. April 1939 hob das NS-Regime den Mieterschutz für alle von ihm als Juden Klassifizierte auf. Auch Thekla Dinkelspühler drohte nun die Zwangseinweisung in ein Ghettohaus (‚Judenhaus‘). Möglicherweise bemühte sie sich vergeblich um eine Ausreise aus Nazideutschland. Sie nutzte die noch verbliebenen wenigen Handlungsoptionen und verließ ihre Geburtsstadt Richtung Frankfurt am Main. Am 14. August 1939 nahm sie der Frankfurter jüdische Schwesternverein als Lernschwester auf (ISG Ffm: HB 655: 64); nicht bekannt ist, ob sie bereits über Pflegeerfahrung verfügte. Sie wohnte wie Bertha Schönfeld im Schwesternhaus und war am 19. November 1940 ebenfalls vom Zwangsumzug in das Krankenhaus Gagernstraße betroffen (vgl. ebd.). Dort beteiligte sie sich vermutlich an der Kranken- und Altenpflege, die infolge der zunehmenden NS-Repressionen unter immer schwierigeren Bedingungen stattfand. Von Schwester Berthas Suizid im Juni 1941 erhielt sie gewiss Kenntnis.

Fotografie: Grab von Thekla Dinkelspühler, Jüdischer Friedhof Eckenheimer Landstraße, Frankfurt a.M., 2011
Grab von Thekla Dinkelspühler, Jüdischer Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2011 © Birgit Seemann

Fotografie: Gebetstext am Eingang zum Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße, Frankfurt a.M., 2011
Gebetstext am Eingang zum Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2011 © Birgit Seemann

Auch Thekla Dinkelspühler nahm sich am 22. Mai 1942 im Krankenhaus Gagernstraße das Leben (ISG Ffm: HB 687, S. 48). Sie wurde 40 Jahre alt. Nur zwei Tage später fand eine weitere große Deportation von Frankfurt nach Polen, diesmal nach Majdanek oder in das Durchgangslager Izbica, statt, von der niemand zurückkehrte. Anders als die in der Schoah Ermordeten erhielt Schwester Thekla auf dem Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße ein eigenes Grab. Weder von Thekla Dinkelspühler noch von Bertha Schönfeld sind bislang autobiographische Quellen, etwa Briefe und Tagebücher, überliefert, sie gelten als verschollen. So kann auch dieser Artikel nur eine Annäherung an ihre Biographien sein.

Die Autorin dankt Frau Mira Schneider (Ordnungs- und Standesamt Rabenau), Frau Dr. Krüger und Herrn Mengl (Stadtarchiv Bad Homburg) sowie Dr. Siegbert Wolf (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M.) für ihre Unterstützung und wertvollen Hinweise. Ohne Adolf Diamants, Thea Levinsohn-Wolfs, Allan Hirshs oder Hilde Steppes Erinnerungsarbeit wären Bertha Schönfeld und Thekla Dinkelspühler heute wohl völlig vergessen.

Birgit Seemann, 2014, updated 2017

Ungedruckte Quellen

ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main Hausstandsbücher:

HB 655: Hausstandsbuch Bornheimer Landwehr 85 (Verein der jüdischen Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M.), Sign. 655

HB 686: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M.), Sign. 686, Teil 1

HB 687: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M.), Sign. 687, Teil 2

 OuSt Rabenau: Ordnungs- und Standesamt Rabenau:

Personenstandsunterlagen Familie Schönfeld

 HHStA Wiesbaden: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden:

Entschädigungsakte Luise Dinkelspühler, Sign. 518/10299.

 StAHG: Stadtarchiv Bad Homburg, Personenstandsunterlagen:

Geburtsurkunde Nr. 129 Dinkelspühler, Thekla

Geburtsurkunde Nr. 130 Dinkelspühler, Louisa

Literatur


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Gütersloh, 3 Bde.

Améry, Jean 2012: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod. 14. Aufl. Stuttgart.

Daume, Heinz u.a. (Hg.) 2013: Getauft, ausgestoßen – und vergessen? Zum Umgang der evangelischen Kirchen in Hessen mit den Christen jüdischer Herkunft im Nationalsozialismus. Ein Arbeits-, Lese- und Gedenkbuch. Red.: Renate Hebauf u. Hartmut Schmidt. Hanau.

Diamant, Adolf 1983: Durch Freitod aus dem Leben geschiedene Frankfurter Juden. 1933–1943. Frankfurt a.M. [Selbstverlag].

Fischer, Anna (Hg.) 2007: Erzwungener Freitod. Spuren und Zeugnisse in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938–1945 in Berlin. Berlin.

Goeschel, Christian 2011: Selbstmord im Dritten Reich. Berlin.

Grosche, Heinz 1991: Geschichte der Juden in Bad Homburg vor der Höhe. 1866 bis 1945. Hg. v. Magistrat der Stadt Bad Homburg vor der Höhe. In Zsarb. mit Klaus Rohde. Mit e. Beitr. v. Oberbürgermeister Wolfgang R. Assmann. Frankfurt a.M.

Herz, Yitzhak Sophoni 1981: Meine Erinnerung an Bad Homburg und seine 600jährige jüdische Gemeinde. (1335–1942). Rechovoth (Israel): Y. S. Herz; Bad Homburg v.d.H. – 2. Aufl. 1983.

Kieser, Harro o. J.: Jüdische Erinnerungsstätten in Bad Homburg. In: Gemeinschaftskreis UNSER HOMBURG: http://www.gemeinschaftskreis-unser-homburg.de/wp-content/uploads/2010/03/Jüdische-Erinnerungsstätten-in-Bad-Homburg.pdf.

Kingreen, Monica (Hg.) 1999: „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945. Frankfurt a.M., New York.

Levinsohn-Wolf, Thea 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel. Frankfurt a.M.

Ohnhäuser, Tim 2010: Der Arzt und Hochschullehrer Arthur Nicolaier (1862–1942). Eine Annäherung an die Suizide der als „nicht arisch“ verfolgten Ärzte im Nationalsozialismus. In: Kühl, Richard u.a. (Hg.): Verfolger und Verfolgte. Bilder ärztlichen Handelns im Nationalsozialismus. Münster, 15-38.

Palesch, Anja u.a. (Hg.) 2012: Leitfaden Ambulante Pflege. Unter Mitarb. v. Anne Ewering u. Tengü Topuzoglu. 3. Aufl. München.

Rechenschaftsbericht 1920: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919, Frankfurt a.M., 1920.

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Internetquellen (aufgerufen am 19.10.2017)


Alemannia Judaica (Alten-Buseck/ Buseck, Kreis Gießen): http://www.alemannia-judaica.de/alten-buseck_synagoge.htm

Alemannia Judaica (Bad Homburg): http://www.alemannia-judaica.de/bad_homburg_vdh_synagoge.htm

Alemannia Judaica (Kesselbach/ Rabenau): http://www.alemannia-judaica.de/londorf_synagoge.htm

Gedenkbuch BA Koblenz: Bundesarchiv Koblenz: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945. Gedenkbuch: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de

Hirsh, Allan o.J.: Bamberger/Wassermann Family Tree [private genealogische Website]: http://www.ahirsh.com/pdfs/BAMBERGER-WASSERMANN_TREE.pdf

Jüdische Friedhöfe in Frankfurt: http://www.jg-ffm.de/de/religioeses-leben/juedische-friedhoefe

Jüdisches Museum Frankfurt am Main (mit interner Datenbank der aus Frankfurt Deportierten): http://www.juedischesmuseum.de

Spurensuche. Jüdische Friedhöfe in Deutschland. Eine Einführung für Lehrer und Schüler. Website des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen, Duisburg: http://spurensuche.steinheim-institut.org/index.html

Yad Vashem (Jerusalem): Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer: http://www.yadvashem.org

Das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (1870–1941) Teil 4: biographische Wegweiser

Denn der Mensch ist keine Maschine,
es gibt auch kein Schema in der Medizin;
da jeder Mensch ein Individuum für sich ist,
so trägt er auch seine Bestimmung und sein Geschick für sich
.“
Dr. Willy Hofmann, Chirurg, zur Einweihung des Hospital-Umbaus (Hofmann 1932, S. 13)

[…] diese Anstalt ist mehr als ein gewöhnliches Krankenhaus,
hier sind die Patienten keine Nummern,
hier sind sie Hausgenossen bzw. Glieder einer grossen Familie
.“
Verwaltungskommission des Rothschild’schen Hospitals, Jahresbericht 1900(1901), S. 4

Einführung
Auch Teil 4 der Artikelserie über das Frankfurter Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung im Röderbergweg markiert wissenschaftliches Neuland: Während Teil 1, Teil 2 und Teil 3 erstmals die Geschichte des Rothschild’schen Hospitals nachzeichnen, folgt dieser Beitrag den biographischen Spuren seiner Krankenschwestern und Pfleger und ihrer ärztlichen Vorgesetzten. Den Patientenkreis, um den sie sich kümmerten, hatte das Stifterpaar Mathilde und Wilhelm von Rothschild in den Gründungsstatuten ausdrücklich festgelegt: bedürftige Glaubensgenossen beiderlei Geschlechts, „welchen ein Anspruch auf unentgeldliche Aufnahme in eine der anderen hiesigen jüdischen Heilanstalten laut deren Statuten nicht zusteht“ (RothHospStatut 1878: 5). Es war ihr erklärter „Wille, dass diese Anstalt für ewige Zeiten streng nach den religiösen Vorschriften des orthodoxen Judenthums gehandhabt werden soll“ (ebd.: 7). Hierzu gehören – neben der Einhaltung des Schabbat (‚Ruhetag‘ am Samstag), der jüdischen Feiertage und der rituellen Speisevorschriften (Kaschrut) – die Mitzwot (jüdisch-religiöse Pflichten) der medizinischen Betreuung (vgl. Hofmann 1932) und der Krankenpflege (hebr.: Bikkur Cholim).

Das Rothschild’sche Hospital zählte zum Krankenhausnetz der neo-orthodoxen Frankfurter Austrittsgemeinde ‚Israelitische Religionsgesellschaft‘ (IRG) (vgl. Teil 1). Zuständig für das Personal war die Verwaltungskommission, die dem aus IRG-Mitgliedern zusammengesetzten Hospital-Vorstand unterstand. Ärzte, Pflegekräfte und weitere Angestellte sollten – hierbei spielte möglicherweise die Abgrenzung der traditionell-jüdischen IRG zur größeren liberalen Israelitischen Gemeinde Frankfurt eine Rolle – die orthodox-jüdische Richtung vertreten. Doch konnte laut Satzung auch christliches Personal eingestellt werden, das der Rabbiner der IRG – Dr. Samson Raphael Hirsch und seine Nachfolger Dr. Salomon Breuer und Josef Jona Zwi Horovitz – in die religionsgesetzlichen Vorschriften einwies; es wurde vor allem am Schabbat und an den jüdischen Feiertagen tätig. Alle Rothschild’schen Angestellten hatten die humane und gewissenhafte Behandlung der Erkrankten zur Auflage – sogar „bei Androhung des Verlustes der Anstellung“ (RothHospStatut 1878: 22). Denn „diese Anstalt ist mehr als ein gewöhnliches Krankenhaus, hier sind die Patienten keine Nummern, hier sind sie Hausgenossen bzw. Glieder einer grossen Familie. […] Die hier geübte Wohlthätigkeit erstreckt sich häufig noch über den Aufenthalt im Hospital hinaus, indem Patienten, die es benöthigen, neu gekleidet und mit Reisegeld versehen werden“ (Jahres-Bericht der Verwaltungs-Commission der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung. Frankfurt a.M. 1900(1901), S. 4).

Die Ärzte

Dr. Marcus Hirsch, Portrait, undatiert (um 1873)
Dr. Marcus Hirsch, Portrait, undatiert (um 1873) Nachweis: [Nachruf:] Dr. med. Markus Hirsch [sel. A.] – Frankfurt a.M. In: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenthum 34 (06.11.1893) 88, Beilag …

Weder die Biographien der Krankenschwestern und Pfleger des Rothschild’schen Hospitals noch die ihrer ärztlichen Vorgesetzten wurden bislang erforscht. Die folgenden Hinweise sollen zur Spurensuche und Erinnerungsarbeit anregen.

Dr. Marcus Hirsch: Gründungsarzt – Leiter einer Kurklinik – Mitbegründer des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins
Die Anfänge des Rothschild’schen Hospitals im Unterweg 20 (heute Schleidenstraße 20) seit 1870 und seine Expansion im neuen großen Klinikgebäude Röderbergweg 97 seit 1878 sind mit dem Namen seines Gründungs- und ersten Chefarztes Dr. Marcus Hirsch verbunden. Zuvor hatte der praktische Arzt in Würzburg promoviert und berufliche Erfahrungen an Frauenkliniken in Prag und vermutlich auch Bozen (Südtirol) gesammelt. Geboren wurde Dr. Marcus Hirsch 1838 in Oldenburg (Niedersachsen) als Sohn des 1850 von der Israelitischen Religionsgesellschaft nach Frankfurt am Main berufenen Rabbiners Dr. Salomon Raphael Hirsch – bekannt als Begründer der jüdischen Neo-Orthodoxie in Deutschland – und seiner Frau Johanna geb. Jüdel (vgl. Arnsberg 1983, Bd. 1: 659). Er wuchs mit zahlreichen Geschwistern auf, die erste Medizinprofessorin Preußens, Dr. Rahel Hirsch, war seine Nichte. Verheiratet war er mit Johanna geb. Schwabacher und nach deren Tod mit Clementine geb. Tedesco; seine Enkel Dr. Remy Hirsch und Dr. Therese Friedemann praktizierten als Hautärzte.

Anzeige von Dr. Hirsch's Kurklinik zu Falkenstein im Taunus, 1879
Anzeige von Dr. Hirsch’s Kurklinik zu Falkenstein im Taunus, 1879 Der Israelit, 26.11.1879, http://www.alemannia-judaica.de/falkenstein_synagoge.htm

Die Recherche ergab, dass Dr. Marcus Hirsch seit den 1870er Jahren – zusätzlich zu seiner leitenden Tätigkeit im Rothschild’schen Hospital – im Kurort Falkenstein (heute Stadtteil von Königstein im Taunus) bei Frankfurt mit großem Erfolg eine orthodox-jüdische Kurklinik betrieb: die Dr. Hirsch’s Klimatische Heilanstalt für Brustkranke, Blutarme und Nervenleidende. In dem Periodikum Der Israelit vom 20. Juli 1881 berichtete ein Kurgast: „Erst seit wenigen Jahren hat Herr Dr. med. Hirsch aus Frankfurt am Main hier eine Anstalt gegründet, die […] sich eines großen und in der Tat wohlverdienten Rufes erfreut. Dieselbe […] erfreut sich einer so lebhaften Frequenz, dass in diesem Jahre zwei weitere Häuser zur Unterbringung der Fremden gemietet wurden und der Besitzer genötigt ist, eine weitgehende bauliche Vergrößerung der Anstalt vorzunehmen. Deutsche, Russen, Engländer, Franzosen und Holländer verkehren hier in einer so herzlichen, ungezwungenen Weise, dass man sich in eine große, zusammengehörige Familie versetzt glaubt […]. Auch Nichtjuden zählt der gesellige Kreis. […] Dass sämtliche Speisen und Getränke den rigorosesten Anforderungen des Religionsgesetzes entsprechen, braucht nicht erst erwähnt zu werden. […] Einer der christlichen Gäste hielt mir dieser Tage einen ganzen Lobhymnus über die jüdische Küche, die er hier zum ersten Male kennen lernte. Dabei sind im Vergleich zu anderen Kurorten und der Reichlichkeit alles hier Gebotenen die Preise so außerordentlich billig, dass auch weniger bemittelte Leute in der Lage sind, einige Wochen hier zu leben. […] Es ist jedenfalls nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass die hiesige Pensions-Anstalt des Herrn Dr. Hirsch in ihrer Art einzig dasteht […]“ (Anonym. 1881: 730). In den 1880er Jahren wurde Dr. Hirschs Kurklinik in Falkenstein weiter ausgebaut und modernisiert.

Deckblatt: Marcus Hirsch, Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts.
Marcus Hirsch, Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1893, Cover

Derweil ruhte auch in Frankfurt am Main die Arbeit nicht, wo Dr. Marcus Hirsch zusätzlich im ebenfalls orthodox-jüdisch geleiteten Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen behandelte. 1889 bewegte ihn die Armut vieler Glaubensgenossen zur Gründung des Vereins zur Pflege und Unterstützung israelitischer Kranker ‚Bikkur Cholim‘, der bedürftige jüdische Kranke und Genesende nach ärztlicher Anweisung kostenlos mit Lebens-, Stärkungs- und Heilmitteln versorgte. Besondere Verdienste erwarb sich Dr. Marcus Hirsch bezüglich der Professionalisierung der Krankenpflege als jüdischem Frauenberuf: Er war Mitinitiator der ersten jüdischen Schwesternvereinigung des Kaiserreichs, dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Die Gründung im Oktober 1893 konnte er noch erleben, verstarb aber, keine 55 Jahre alt, in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1893. So verlor der Vorstand des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins „bereits im ersten Vereinsjahre […] einen trefflichen Arzt und hochgeschätzten Führer des gesetzestreuen Judentums“ (Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: 32f.). Auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße sprach auch Dr. Simon Kirchheim, Vorsitzender des Schwesternvereins und Chefarzt des Königswarter Hospitals der liberalen Israelitischen Gemeinde Frankfurt, am Grab seines orthodox-jüdischen Kollegen. Für wenige Stunden schlug die Beerdigungsfeier für Dr. Marcus Hirsch eine Brücke zwischen den beiden einander entfremdeten Frankfurter jüdischen Gemeinden.
Der Nachwelt hinterließ Dr. Marcus Hirsch das Buch Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts (vgl. Hirsch 1893, siehe auch ders. 1866 sowie 1890) als Vermächtnis, in dem er eindringlich vor dem Antisemitismus warnte – „anerkanntermaßen eines der hervorragendsten, eingehendsten, schlagendsten und populärsten Werke, die zur Abwehr der schmählichen Angriffe auf Juden und Judenthum verfasst worden sind“ (Hirsch [Nachruf] 1893: 1675).

Fotografie: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild'schen Hospitals, undatiert (um 1910
Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild’schen Hospitals, undatiert (um 1910) © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Die Chefärzte Geheimer Sanitätsrat Dr. Elieser Rosenbaum und Dr. Sally Rosenbaum (Vater und Sohn), weitere Ärzte
Dr. Marcus Hirschs Nachfolger als Chefarzt des Rothschild’schen Hospitals – die gleiche Position bekleidete er später auch im benachbarten Mathilde von Rothschild’schen Kinderhospital – wurde Geheimer Sanitätsrat Dr. Elieser Rosenbaum. Der praktische Arzt war langjähriger Vorsitzender der Israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt am Main. Dr. Elieser Rosenbaum wurde 1850 geboren. Die Angaben zu seinem Geburtsort sind widersprüchlich, sehr wahrscheinlich stammt er aus der bayerisch-fränkischen Rabbiner- und Gelehrtenfamilie Rosenbaum. Mit seiner Frau Ida hatte er mehrere Kinder; ein Enkel war Rabbiner Jehuda Leo Ansbacher (vgl. Arnsberg 1983, Bd. 3: 20). Im Januar 1922 verstarb Dr. Elieser Rosenbaum an seiner Wirkungsstätte, dem Rothschild’schen Hospital. Wie Dr. Marcus Hirsch liegt er auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße begraben. In die Fußstapfen als Chefarzt der beiden Rothschild’schen Spitäler trat 1922 sein Sohn Dr. Sally Rosenbaum, Jahrgang 1877 und ein gebürtiger Frankfurter. Ende 1939 musste der praktische Arzt und Kinderarzt die Klinikleitung wegen eines Augenleidens aufgeben. Am 20. Oktober 1941 wurde Dr. Sally Rosenbaum zusammen mit seiner Frau Lina, die aus der alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familie Schwarzschild stammte, in das Lager Litzmannstadt/Lodz (vgl. Löw 2006) deportiert; das Ehepaar gilt als verschollen.

Die Satzungen des von seinem Selbstverständnis her orthodox-jüdischen Rothschild’schen Hospitals hielt die Möglichkeit einer Einstellung nichtjüdischer und christlicher Ärzte ausdrücklich fest. So waren die Stellvertreter von Dr. Marcus Hirsch und Dr. Elieser Rosenbaum, Dr. Heinrich Schmidt (seit 1878) und sein Nachfolger Dr. (Carl?) Cassian (vermutlich seit 1890) sowie Hofarzt Dr. Heinrich Roth sehr wahrscheinlich nichtjüdisch. Zu den jüdischen Ärzten des Hospitals gehörte der Chirurg und Urologe Dr. Willy Hofmann, ein Schwiegersohn von Abraham Erlanger, dem Begründer und langjährigen Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Luzern (Schweiz). Anlässlich der feierlichen Einweihung des großen Hospital-Umbaus im September 1932 hielt er eine Rede über die Verbindungen von jüdischer Sozialethik und medizinischer Heilung (vgl. Hofmann 1932).

Publikation von Dr. med. Willy Hofmann (Deckblatt); Die Stellung der jüdischen Weltanschauung zu Krankheit, Arzt und Medizin. Rede zur Einweihungsfeier des Hospital-Umbaus der Georgine Sara von Rothschildschen Stiftung zu Frankfurt a. M. am 18. September 1932
Publikation von Dr. med. Willy Hofmann (Deckblatt) Nachweis: Hofmann, Willy 1932: Die Stellung der jüdischen Weltanschauung zu Krankheit, Arzt und Medizin. Rede zur Einweihungsfeier des Hospital-Umbaus der Georg …

Sein weit über Frankfurts Grenzen hinaus als Spezialist für Blinddarmoperationen gefragter Kollege Dr. Sidney Adolf Lilienfeld praktizierte zugleich auch im evangelischen Bethanien-Krankenhaus (vgl. Nördinger/Bauer 2008). In seiner Geburtsstadt Frankfurt war Dr. Lilienfeld, Bruder (Mitglied) der angesehenen Hermann-Cohen-Loge (B’nai B’rith, Frankfurt a.M.), überdies als Sammler von Francofurtensien und Förderer klassischer Musik bekannt, mitunter spielte er selbst Geige im Orchester der Frankfurter Oper. Als er infolge der rassistischen NS-Repressalien seine langjährige Arbeitsstätte, das Bethanien-Krankenhaus, nicht mehr betreten durfte, übernahm er bis zu seiner erzwungenen Emigration 1939 nach England die Leitung der Chirurgie des Rothschild’schen Hospitals. Ein weiterer renommierter Chirurg, tätig an beiden Rothschild’schen Spitälern sowie im Gumpertz’schen Siechenhaus, war Geheimer Sanitätsrat Dr. Oskar Pinner. Der praktische Arzt und Geburtshelfer Dr. Godchaux Schnerb entstammte mit hoher Wahrscheinlichkeit der Rabbiner- und Gelehrtenfamilie Schnerb aus Merzig (Saarland) und war vermutlich ein Sohn des Frankfurter Münzkaufmanns Moses Schnerb, Leiter des Synagogenchors der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt und 1937 im Rothschild’schen Hospital verstorben. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch Dr. Adolf Löwenthal (Urologie) und Dr. Arnold Merzbach (Neurologie).

Der letzte Chefarzt: Dr. Franz Grossmann
Als Nachfolger des 1939 ausgeschiedenen Dr. Sally Rosenbaum beauftragte die Frankfurter jüdische Gemeinde einen Katholiken: den Chirurgen Dr. Franz Stefan Grossmann, der von dem kaufmännischen Leiter des Rothschild’schen Hospitals, Artur Rothschild, unterstützt wurde. Dr. Grossmann, 1904 in Berlin als Jude geboren, war vor seiner Trauung mit einer Christin 1931 zum katholischen Glauben konvertiert, galt aber nach den Nürnberger NS-Rassegesetzen dennoch als „Volljude“. Angeblich deshalb, weil er sich nicht als Mitglied der Frankfurter jüdischen Gemeinde gemeldet hatte, geriet er im Januar 1943 in Gestapohaft. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Frankfurter jüdischen Krankenhäuser längst zwangsaufgelöst und ‚arisiert‘. Dr. Franz Grossmann konnte das Vernichtungslager Auschwitz als Häftlingsarzt überleben und war zuletzt im KZ Mauthausen (Österreich) inhaftiert. Nach der Befreiung kehrte er zu seiner in Frankfurt zurückgebliebenen Familie zurück. Trotz gesundheitlicher Schäden setzte der angesehene Chirurg seine Laufbahn fort und wurde in der südhessischen Kurstadt Bad Homburg ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses Obertaunus. 1953 holten ihn die Spätfolgen der KZ-Haft ein: Dr. Franz Grossmann erlag mit 48 Jahren einem Herzinfarkt. „Am Todestag des Vaters erfuhr sein damals 17 Jahre alter Sohn Franz […], dass sein Vater, den er nur als sehr frommen Katholiken kannte, jüdischer Abstammung war“ (zit. n. Hirschmann 2011: 12). Auf den Namen des letzten Chefarztes des Rothschild’schen Hospitals stieß die Autorin dieses Artikels dank der biographischen Spurensuche des Sohnes Franz Grossmann.

Die Pflegenden

Fotografie: Zilli Heinrich, Krankenschwester, um 1939
Zilli Heinrich, um 1939 © Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Als schwierig erweist sich die Spurensuche nach Pflegenden sowie weiterem Personal auch im Hinblick auf das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung und das Mathilde von Rothschild’sche Kinderhospital; so sind Schwestern und Pfleger in Jahres- und Rechenschaftsberichten nicht namentlich erwähnt. Einige Personendaten enthalten die im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ISG Ffm) aufbewahrten Hausstandsbücher Bornheimer Landwehr 85 (jüdisches Schwesternhaus) und Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde). Zwischen dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und dem Rothschild’schen Hospital können, wie Hilde Steppe 1997 in ihrer Doktorarbeit über die Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland konstatierte, „personelle Verbindungen erst in den 30er Jahren nachgewiesen werden, als 1932 drei Krankenschwestern des Vereins aus dem Schwesternhaus dorthin umziehen und in den folgenden Jahren einzelne Krankenschwestern sowohl von dort wieder in das Schwesternhaus zurückkommen als auch andere dorthin ziehen. Nach der Zwangsschließung […] ziehen sieben Krankenschwestern von dort in das Krankenhaus in der Gagernstraße 36 ein“ (Steppe 1997: 259f.). Die Autorin dieses Beitrags konnte im Institut für Stadtgeschichte zusätzlich das Hausstandsbuch Rhönstraße 47-55 – einem Gebäudekomplex nahe des Röderbergwegs, der sich teilweise im Besitz der Rothschild’schen Stiftung befand, die dort Personalwohnungen bereitstellte – recherchieren, das weitere verschollene Namen und Daten enthält. Dennoch bleibt die Quellenlage dürftig und der nun folgende Überblick über den Pflegepersonalbestand entsprechend lückenhaft. Vor allem fehlen bislang Informationen zu Rothschild’schen Pflegekräften der ersten Ausbildungsgeneration (1860er und 1870er Geburtsjahrgänge).

Jahrgänge 1886–1900

Fotografie: Ottilie Winter, Krankenschwester, o.J. (um 1930)
Ottilie Winter, o.J. (um 1930) © Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Ottilie Winter, genannt „Tille“, wurde 1886 in Kempen (Nordrhein-Westfalen) am Niederrhein geboren. 1915 erhielt sie ihre Ausbildung im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Die erfahrene Krankenschwester pflegte u.a. im jüdischen Krankenhaus Gagernstraße, in der hessischen Kurstadt Bad Nauheim und zuletzt im Rothschild’schen Hospital. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, ihr Leben endete vermutlich 1944 in Auschwitz.

Sara Jameson, 1887 in London geboren, war britische Staatsbürgerin. Am 29. Dezember 1934 meldeten britische Medien, dass Schwester Sara am 24. Dezember nach dem Verlassen eines Frankfurter jüdischen Schuhgeschäfts antisemitisch beleidigt wurde und sofort bei dem zuständigen Generalkonsul Beschwerde einlegte. Der Frankfurter Polizeipräsident musste sich daraufhin offiziell entschuldigen (vgl. http://search.findmypast.ie/search/british-newspapers?firstname=sarah&lastname=jameson, Aufruf v. 02.02.2015). Aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung kehrte Sara Jameson vermutlich nach England zurück.

Erna Sara Heimberg, 1889 in dem Dorf Madfeld (Nordrhein-Westfalen) im Sauerland geboren, wurde 1911 im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ausgebildet. Im Ersten Weltkrieg versorgte sie als OP-Schwester verwundete Soldaten. 1936 kehrte sie aus Mannheim nach Frankfurt in das jüdische Schwesternhaus zurück. Ihre Fluchtversuche in das britisch kontrollierte Mandatsgebiet Palästina scheiterten. Erna Sara Heimberg war vermutlich die letzte Oberin des im Frühjahr 1941 NS-liquidierten Rothschild’schen Hospitals und danach des letzten Frankfurter jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße. Sie wurde am 15. September 1942 mit Ottilie Winter und weiteren Kolleginnen nach Theresienstadt deportiert und 1944 mit hoher Wahrscheinlichkeit in Auschwitz ermordet.

Fotografie: Amalie Stutzmann, Krankenschwester, undatiert (um 1938)
Amalie Stutzmann, undatiert (um 1938) Nachweis: Markus Abraham Bar Ezer, Die Feuersäule, S. 2

Amalie Stutzmann, 1890 in Keskastel (Elsass, heute Frankreich) geboren und evangelisch getauft, trat 1931 zum Judentum über. Vermutlich hätte sie sich, nach den Nürnberger NS-Rassegesetzen als Nichtjüdin geltend, retten können, ging jedoch am 11. November 1941 gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen den Weg der Deportation. Er führte nach Minsk in Weißrussland, wo sich Amalie Stutzmanns Lebensspuren verlieren. Zu ihrem Gedenken wurde 2010 – in Anwesenheit ihres Sohnes Abraham Bar Ezer (Markus Stutzmann) und seiner Tochter Amalya – ein Stolperstein im Frankfurter Ostend (Sandweg 11) verlegt.

Ruth Kauders, 1894 in München geboren, wurde 1918 im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ausgebildet. Sie befand sich im gleichen Deportationszug wie Ottilie Winter und Erna Sara Heimberg. Schwester Ruth wurde vermutlich in Theresienstadt ermordet (vgl. Gedenkbuch München). Emilia Schäfer, 1898 in Langsdorf bei Gießen (Hessen) geboren, war wie Amalie Stutzmann evangelisch. Weder von ihr noch von Jetti Ettlinger (geb. Diamant), 1900 in Szolnok (Ungarn) geboren, sind weitere biographische Daten bekannt. Ungefähr im gleichen Alter war Ruth (Retha) Kahn; sie ging nach ihrer Ausbildung im Rothschild’schen Hospital nach Nürnberg und wurde 1920 Mitglied des dortigen jüdischen Schwesternvereins.

Jahrgänge 1905 bis 1912

Selma Lorch, um 1930 Nachweis: Keim, Günter 1993: Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg. [Hg.: Magistrat der Stadt Dieburg]. Dieburg, S. 130  © Stadtarchiv Dieburg
Käthe Popper wurde 1905 im niedersächsischen Lingen, nahe der niederländischen Grenze, geboren. Sie war die Tochter des Lehrers und Kantors Ignatz Popper, der u.a. Sophie Landsberg (siehe unten) unterrichtete. Schwester Käthe arbeitete seit den späten 1930er Jahren im Rothschild’schen Hospital. 1941 wurde sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester Lea nach Kauen (Kowno, Litauen, vgl. Dieckmann 2011) deportiert; die Familie fiel am 25. November 1941 vermutlich den brutalen Massenerschießungen auf der Festung Fort IX zum Opfer.

Auch Selma Lorch, 1906 in Dieburg (Hessen) geboren, pflegte nur für kurze Zeit – als Lernschwester – im Rothschild’schen Hospital. Zuvor war sie als Hausangestellte gemeldet. Nach der Zwangsschließung des Hospitals musste sie in das jüdische Krankenhaus Gagernstraße umziehen und war dort bis zum 29. Juni 1942 gemeldet. Danach wurde sie „evakuiert“, was die Deportation in ein Vernichtungslager im Osten bedeutete. Zuvor hatten die Nationalsozialisten bereits Selma Lorchs Mutter und ihre beiden jüngeren Schwestern von Darmstadt in das Ghetto Piaski verschleppt. Alle vier Frauen gelten als verschollen, ihr Todestag wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Regine Goldsteen wurde 1907 in Bentheim (heute Bad Bentheim, Niedersachsen) nahe der niederländischen Grenze geboren. 1929 zog die junge Frau nach Frankfurt am Main in das jüdische Schwesternhaus. Seit 1935 wohnte und pflegte sie im Rothschild’schen Hospital. Mit ihren Eltern und beiden Schwestern flüchtete sie im November 1939 in die Niederlande, die jedoch nur wenige Monate später nationalsozialistisch besetzt wurde. Regine Goldsteen wurde 1943 im NS-Lager Vught/Herzogenbusch inhaftiert und danach über das Durchgangslager Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor (Polen) deportiert. Für die Familie Goldsteen wurden 2006 die ersten Stolpersteine in Bad Bentheim verlegt.

Luise Fleischmann kam 1908 im oberfränkischen Oberlangenstadt (heute Ortsteil von Küps, Bayern) zur Welt. 1931 zog sie nach Frankfurt am Main in das jüdische Schwesternhaus, 1932 als Lehrschwester in das Rothschild’sche Hospital. Luise Fleischmann kehrte Nazideutschland am 15. März 1933 den Rücken und emigrierte nach Paris. Ebenfalls aus Bayern stammte die 1909 in Würzburg (Unterfranken) geborene Rosa (Ruth) Goldschmidt. 1928 zog sie von Hanau (Hessen) nach Frankfurt in das jüdische Schwesternhaus und von dort 1932 in das Rothschild’sche Hospital. 1936 ging sie nach Bad Kissingen (Unterfranken, Bayern).

Bertha Klein (geb. Feldmann), 1910 in Frankfurts Nachbarstadt Offenbach am Main geboren, war eine jüdische Judenretterin (vgl. Bonavita 2009). Auch sie gehörte in den 1930er Jahren zum Pflegepersonal des Rothschild’schen Hospitals. Selbst antisemitisch gefährdet, unterstützten Schwester Bertha und ihr Ehemann, der Mathematiker, Physiker und Lehrer Emil Klein, jüdische NS-Verfolgte auf der Flucht. Emil Klein wurde verhaftet und in Auschwitz ermordet. Bertha Klein und ihre kleinen Söhne Ralph und Alex konnten überleben und wanderten 1950 nach Israel aus.

Fotografie: Selma Lorch mit ihren Eltern Rosa und Gustav Lorch II und ihrer Schwester Ilse im Garten des Elternhauses, 1933
Selma Lorch mit ihren Eltern Rosa und Gustav Lorch II und ihrer Schwester Ilse im Garten des Elternhauses, 1933 Nachweis: Keim, Günter 1993: Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg. [Hg.: Magistrat der Stadt Dieburg]. Dieburg, S. 130 – © Stadtarchiv Dieburg

Selma Lorch, 1940, Kennkarte Nr. 606
Selma Lorch, 1940, Kennkarte Nr. 606 Nachweis: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Sig. B 5.1., Abt. IV, 606

Auf eine weitere Krankenschwester sowie zwei Mitarbeiterinnen des Rothschild’schen Hospitals machte uns Amalie Stutzmanns Enkelin Amalya Shachal aufmerksam: Adele Nafschi (geb. Seligmann), 1911 in Hamburg geboren, zog 1930 von Berlin nach Frankfurt in das jüdische Schwesternhaus. Von 1931 bis 1933 pflegte sie im Rothschild’schen Hospital, wo auch Bella Flörsheim (geb. Posen) sowie in der Küche der Klinik Aranka Kreismann arbeiteten. Alle drei Frauen retteten sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Palästina (vgl. Shachal 2010).

Alfred Hahn gehörte zu den wenigen Männern in der Krankenpflege, wobei er diesen Beruf vermutlich deshalb ergriff, um emigrieren zu können. Er wurde 1911 in Gudensberg (Hessen) geboren und kam 1938 von Kassel nach Frankfurt am Main. Vermutlich lernte er seine Ehefrau, die 1911 in Kitzingen (Unterfranken, Bayern) geborene Krankenschwester Berta Hahn (geb. Schuster) – sie kam 1940 aus Fürth nach Frankfurt – im Rothschild’schen Hospital kennen. Nach der NS-Zwangsauflösung der Klinik zogen beide im Mai 1941 in das jüdische Krankenhaus Gagernstraße um. Am 24. September 1942 wurde das Ehepaar Hahn mit anderen Kolleginnen und Kollegen über Berlin nach Raasiku bei Reval (Estland) deportiert. Die 33jährige Berta Hahn wurde am 19. Januar 1945 im KZ Stutthof bei Danzig (Polen) ermordet, wohin vermutlich auch Alfred Hahn, der als verschollen gilt, verschleppt wurde. Ebenfalls in Stutthof ermordet wurde Juliane Wolff, zuletzt Stationsschwester im Rothschild’schen Hospital. Der 1912 in Bocholt (Nordrhein-Westfalen) geborenen Tochter der ersten jüdischen Bundestagsabgeordneten Jeanette Wolff ist ein eigener Artikel (Teil 5) gewidmet.

 

 

 

Jahrgänge 1915-1922

Fotografie: Regina Herz, o.J. (um 1940)
Regina Herz, o.J. (um 1940) Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

 

Dass das Rothschild’sche Hospital während der NS-Zeit antisemitisch Verfolgten Unterschlupf bot, zeigt das Beispiel von Regina Herz (geb. 1915 in Bengel an der Mosel, Rheinland-Pfalz): Nach der Verwüstung ihrer Offenbacher Wohnung während des Novemberpogroms 1938 war sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Johanna in das benachbarte Frankfurt geflüchtet. Sie war vermutlich nicht die einzige, die sich im Rothschild’schen Hospital ‚illegal‘ aufhielt. Dort beteiligte sie sich an der Versorgung der Kranken, war doch die Klinik angesichts des NS-bedingten fluktuierenden Personalbestands froh über jede tüchtige Pflegekraft, auch wenn Regina Herz vermutlich keine ausgebildete Krankenschwester war.
Hingegen lernte Johanna Herz, 1921 in Bengel geboren, Krankenschwester im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus; sie pflegte im Krankenhaus Gagernstraße. Um 1941 verschlug es die Schwestern Herz nach Berlin, wo beide Zwangsarbeit leisten mussten. Während sich ihre Mutter noch rechtzeitig nach Argentinien retten konnte, wurden Regina und Johanna Herz im März 1943 mit zwei unterschiedlichen Transporten in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Das Datum der Ermordung der beiden jungen Frauen wurde auf den 31. Dezember 1945 festgesetzt.

Jonas Neuberger wurde 1916 in Berlin geboren, wo sein Vater Menachem Max Neuberger als Gemeindesekretär der dortigen orthodox-jüdischen Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) tätig war. Nach Abschluss seiner kaufmännischen Lehre in einem Berliner Metallbetrieb wurde er dort als Angestellter übernommen, verlor aber 1936 aufgrund der NS-Verfolgung seinen Arbeitsplatz. Jonas Neuberger strebte die Hachschara, die Vorbereitung auf eine Rückkehr aus der Galut (deutsch: Verbannung; jüdische Diaspora) in das Gelobte Land der Väter (Israel) an. Um seine Chancen auf eine Emigration aus Nazideutschland zu verbessern, ließ er sich von 1936 bis um 1939 im Berliner orthodox-jüdischen Israelitischen Krankenheim (Adass Jisroel), Elsässer Straße 85, zum Krankenpfleger ausbilden. Nach erfolgreicher Diplomprüfung ging er im Oktober 1940 nach Frankfurt am Main, wo er vermutlich sofort im Rothschild’schen Hospital arbeitete. Nach der Klinikauflösung im Mai 1941 wohnte er vorübergehend in einer Rothschild’schen Personalwohnung in der Rhönstraße und war danach im Krankenhaus Gagernstraße gemeldet. Die Umstände seiner Deportation sind bislang unbekannt. Noch keine 26 Jahre alt, wurde Jonas Neuberger am 25. Juli 1942 im Vernichtungslager Majdanek ermordet.

Fotografie: Johanna Herz, o.J. (um 1940)
Johanna Herz, o.J. (um 1940) Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Auch das junge Leben der 1920 in Leer (Niedersachsen) geborenen jüdischen Ostfriesin Sophie Landsberg endete in der Schoah. Schwester Sophie, auch Sonni oder Henny gerufen, pflegte vermutlich von 1939 bis zur Klinikauflösung im Mai 1941 im Rothschild’schen Hospital. Kurz darauf verließ sie Frankfurt in Richtung Würzburg; ihr Deportationsweg verlief ab Nürnberg über Theresienstadt nach Auschwitz. Zu der jüngsten und infolge der Schoah letzten Generation deutsch-jüdischer Krankenschwestern gehörte auch die 1921 in Würzburg (Unterfranken, Bayern) geborene Fanny Ansbacher. Sie lernte vom Mai 1940 bis Februar 1941 Krankenschwester am Rothschild´schen Hospital. Wie bei Jonas Neuberger scheiterte die von ihr beabsichtigte Hachschara. Am 3. März 1943 wurde sie von Berlin nach Auschwitz deportiert, wo sie zunächst als Krankenpflegerin auf der Krankenstation Birkenau überleben konnte. Noch im gleichen Jahr erkrankte sie an Typhus und erlag den Folgen von Aushungerung und Unterversorgung. Für Fanny Ansbacher und ihre Familie wurden 2006 in Würzburg Stolpersteine verlegt.

Zilli Heinrich, Jahrgang 1922, war eine der wenigen gebürtigen Frankfurterinnen im Rothschild’schen Hospital. Nach dem Besuch der Samson-Raphael-Hirsch-Schule lernte sie Krankenschwester im Rothschild’schen Hospital, auch ihre Mutter Emilie Hirsch war dort gemeldet. Vermutlich pflegte Zilli Heinrich auch im Rothschild’schen Kinderhospital. 1940 wurde sie aus ihrem beruflichen Werdegang gerissen, um Zwangsarbeit in einer Waffenfabrik zu leisten. Von Frankfurt (letzte Wohnadresse: Am Tiergarten 28) wurden Zilli und Emilie Heinrich am 22. November 1941 nach Kauen (Kowno, Litauen) deportiert. Dort fiel sie – wie ihre älteren Kolleginnen Käthe Popper (siehe oben) und Käthe Mariam – am 25. November 1941 mit ihrer Mutter gleich nach der Ankunft den Massenerschießungen im Fort IX zum Opfer.

Fotografie: Zilli Heinrich und ihre Mutter Emilie Heinrich, um 1939
Zilli Heinrich und ihre Mutter Emilie Heinrich, um 1939 © Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Schlussbemerkung und Dank
Die hier vorgestellten biographischen Wegweiser führten zu 23 Pflegekräften des Rothschild’schen Hospitals. Von ihnen waren zwei männlich. Zwei waren evangelische Christinnen vermutlich nichtjüdischer Herkunft, von denen eine zum Judentum konvertierte. Jeweils drei Pflegende stammten aus den heutigen nördlichen Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, eine aus der heutigen Rheinland-Pfalz, eine aus Hamburg, einer aus Berlin, fünf aus Bayern, eine aus England, eine aus Ungarn, eine aus dem heute französischen Elsass, bei einer Pflegenden ist die Herkunft unbekannt. Fünf wurden in Hessen geboren, darunter als einzige Frankfurterin Zilli Heinrich. Nur wenigen gelang die Emigration, die meisten wurden in der Schoah ermordet.
An dieser Stelle sei auch an Emma Rothschild (geb. 1894 in Echzell, Hessen) erinnert. Aus schwierigen Verhältnissen – sie war zeitweise Heimkind im Frankfurter Israelitischen Waisenhaus im Röderbergweg – hatte sie sich zur langjährigen Oberin des Rothschild’schen Kinderhospitals hochgearbeitet. Oberin Emma war keine gelernte Krankenschwester, sondern Kindergärtnerin; das renommierte reformpädagogische Fröbel-Kindergärtnerinnen-Seminar verließ sie mit einem Examen erster Klasse. Nach der NS-Zwangsschließung des Rothschild’schen Kinderhospitals im Juni 1941 leitete sie die Mädchenabteilung der Israelitischen Waisenanstalt. Emma Rothschild wurde (wie ihre Schwestern Sophie und Dina Rothschild) am 8. Mai 1945 für tot erklärt; Deportationsdatum und Deportationsziel konnten bislang nicht herausgefunden werden.

Der besondere Dank der Autorin geht an Dr. Peter Honigmann (Zentralarchiv zur Erforschung der Juden in Deutschland, Heidelberg), Sandra Jahnke und Dr. Siegbert Wolf (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M.), Michael Simonson und Lottie Kestenbaum (Leo Baeck Institute), Gisela Marzin und Janine Wolfsdorff (Stadtarchiv Dinslaken), Monika Rohde-Reith (Stadtarchiv Dieburg), Michael Lenarz (Jüdisches Museum Frankfurt a.M.) und die Pflegehistorikerin Petra Betzien (Düsseldorf).

Birgit Seemann, 2017

Unveröffentlichte Quellen


CAHJP: The Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem:

Sammlung Familien Friedemann / Hirsch – P 59 (1828-1947), mit Dokumenten zur Dr. Marcus Hirsch und seiner Familie

 HHStAW Wiesbaden: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden:

Entschädigungs-, Rückerstattungs- und Devisenakten

 ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbuch Sig. 186/742: Rhönstraße 47-55 (Personalwohnungen der Rothschild’schen Stiftung)

Hausstandsbuch Sig. 655: Bornheimer Landwehr 85 (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Schwesternhaus)

Hausstandsbücher Sig. 686, Sig. 687: Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M.) Magistratsakten V Sig. 707 (1922)

Hirsch, Marcus: Sammlung Personengeschichte S 2, Sig. 15.893 (mit Auszug aus dem Frankfurter Einwohnermelderegister)

Lilienfeld, Sidney Adolf, Sammlung Personengeschichte S 2, Sig. 390

Pinner, Oskar, Nachlass Sig. S 1-368 (Laufzeit 1926-1928)


Rosenbaum, Elieser, Sterbeurkunde, Personenstandsunterlagen, Sig. 1922/V/35

 StA Dinslaken: Stadtarchiv Dinslaken:

Sammlung Jeanette Wolff: Wolff, Juliane: Dokumente, Fotos

 Zentralarchiv Heidelberg: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Heidelberg:

Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939: http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm: Lorch, Selma (27.10.1906) Frankfurt, 606

Literatur


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Bonavita, Petra 2009: Mit falschem Pass und Zyankali. Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit. Stuttgart

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RothHospStatut 1878: Statuten der Georgine Sara v. Rothschild´schen Stiftung für erkrankte fremde Israeliten in Frankfurt a.M. Frankfurt a.M.: Druck von C. Adelmann

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Links (Aufruf v. 23.10.2017)

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Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945. Hg.: Landeshauptstadt München: Stadtarchiv: https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Stadtarchiv/Juedisches-Muenchen/Gedenkbuch.html

Compact Memory (Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt a.M.: Digitale Sammlungen: Judaica): http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/

Jüdisches Leben in Echzell. Hg.: Dr. Jochen Degkwitz, Arbeitskreis jüdisches Leben in Echzell: http://www.juedisches-echzell.de/index.php?seite=de-willkommen

Klein, Hans-Peter/Pettelkau, Hans (Hg.) 2014: Juden in Nordhessen: http://jinh.lima-city.de/index.htm (Stand: 10.08.2017)

Klein, Ralph 2002: Claims Resolution Tribunal, Zürich: Holocaust Victim Assets Litigation (Swiss Banks), Case No. CV96-4849: http://www.crt-ii.org/_awards/_apdfs/Klein_Emil.pdf

Livnat, Andrea/ Tobias, Jim G.: Jüdische Ärzte aus Deutschland und ihr Anteil am Aufbau des israelischen Gesundheitswesens, http://aerzte.erez-israel.de

Seckbach, Raziel Yohai 2014a: Eliezer [sic] Rosenbaum, http://www.geni.com/people/Eliezer-Rosenbaum/6000000002528345033 (private genealogische Website, Stand: 21.11.2014)

Seckbach, Raziel Yohai 2014b: Sally Rosenbaum, http://www.geni.com/people/Sally-Rosenbaum/6000000003674607604 (private genealogische Website, Stand: 29.11.2014)

Stolz, Benita/ Försch, Helmut: Würzburger Stolpersteine, http://www.stolpersteine-wuerzburg.de

 

Bad Nauheimer jüdische Krankenschwestern

Bad Nauheim übte als Kurort seit ca. 1869, als es den Namenszusatz „Bad“ erhielt, bis zu den 1930er Jahren eine große Anziehungskraft auf ein internationales Kurpublikum aus. Gerne kamen auch jüdische Gäste, da sie durch die vielen jüdischen und nicht-jüdischen hoch angesehenen Ärzte und Spezialisten für Herzleiden sich in guten Händen wussten und in den jüdisch geführten Hotels und Pensionen rituell adäquate Bedingungen vorfanden. In der Gruppe der jüdischen Gäste spielten die Frankfurterinnen und Frankfurter eine besondere Rolle. Zum einen traten sie als Stifterinnen und Stifter auf, wie z. B. Mathilde und Adelheid von Rothschild oder Michael Moses Mainz und die Frankfurt-Loge, die sich insbesondere um das Israelitische Kinderheim und das Israelitische Frauenkurheim verdient machten. Zum anderen kamen auch viele Wochenendgäste aus dem nahegelegenen Frankfurt (vgl. Kolb 1987: 104f.). Bei weitem nicht alle jüdische Bad Nauheimer Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger konnte ich ausfindig machen. Die identifizierten stelle ich in alphabetischer Reihenfolge vor.

Die Krankenschwestern

Ida Aaron wird als Krankenschwester von dem Historiker Stephan Kolb erwähnt (vgl. Kolb 1987: 82). Im Stadtarchiv von Bad Nauheim konnte ihre Anwesenheit in Bad Nauheim nicht verifiziert werden (StABN 09.04.14).

Sara Beit wird als Krankenschwester ebenfalls von dem Historiker Stephan Kolb erwähnt (vgl. Kolb 1987: 82). Ihre Anwesenheit in Bad Nauheim konnte im Stadtarchiv nicht verifiziert werden (StABN 09.04.2014). Vermutlich handelt es sich um die spätere Sara Kallner, verheiratet mit Dr. Adolf Kallner, die zusammen die Villa Aspira, ein streng rituell geführtes Erholungsheim in Bad Soden, führten (Link) und deren Schwester Ida Beith, die Oberin der Bad Sodener Israelitischen Kuranstalt war.

Friedel (Frieda) Fröhlich, geb. Löwenstein, wurde am 6. Oktober 1907 in Fulda geboren. Sie zog am 3. April 1929 von Bad Dürrheim in das Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, dort war sie als Krankenschwester eingetragen, also sehr wahrscheinlich ein Mitglied des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Am 22. Februar 1933 verzog sie nach Fulda (vgl. ISG 655). Sie heiratete am 14. Mai 1933 den Hilfsarbeiter Julius Fröhlich, und am 25. März 1935 wurde ihr Sohn Walter in Nieder Weisel, das heute zu Butzbach gehört, geboren. In die Hermann-Göring-Straße 103 zog sie am 25. Februar 1936 (vgl. StABN 25.08.2014) und übernahm dort die Leitung der Kinderheilstätte (vgl. Kingreen 1997). Nachdem die Kinderheilstätte im selben Jahr, nach Beendigung der Kursaison, auf grund fehlender finanzieller Mittel, geschlossen werden musste, übernahm Friedel Fröhlich die Oberinnenstelle in der am selben Ort neu gegründeten jüdischen Bezirksschule (Januar 1937). Auf dem Foto (oben) sehen wir Friedel Fröhlich als Oberin der Bezirksschule Bad Nauheim mit dem Lehrerkollegium im Jahr 1938. Im Mai 1939 musste die Schule geschlossen werden.
1940 zog Friedel Fröhlich mehrfach um. Ihre Wohnadressen waren die Hermann-Göring-Straße 65 und 103 (ehemaliges Frauenkurheim) und zusammen mit ihrer Familie die Karlstraße 28 (Villa Flörsheim) und die Hermann-Göring-Straße 58 (ehemaliges Männerkurheim). Ihr Mann konnte am 27. April 1940 ausreisen. Der geborene Butzbacher erreichte am 30. April in Genua das Schiff „S.S. Rex“ und landete am 9. Mai 1940 in New York (vgl. Ancestry). Sie selbst konnte mit ihrem Sohn am 24. Juli 1940 nach Frankfurt a. M. ziehen. Dort war sie unter der Adresse Danziger Platz 15 (Gumpertz‘sches Siechenhaus) gemeldet. Am 3. April 1941 zog in das Krankenhaus in der Gagernstraße 36, von wo sie am 3. Juni 1941 nach Alpena, USA, entkam (vgl. ISG 687).

Fotografie: Das Lehrerkollegium der Bezirksschule Bad Nauheim, mit Schwester Rosi Klibanksi (5.v.l.) und Schwester Oberin Friedel Fröhlich (6.v.l.).
Das Lehrerkollegium der Bezirksschule Bad Nauheim. / Das Lehrerkollegium der Bezirksschule Bad Nauheim, mit Schwester Rosi Klibanksi (5.v.l.) und Schwester Ober … © Sammlung Monica Kingreen Weitere Angaben

Auf dem selben Foto, neben Friedel Fröhlich, ist auch Rosi Klibansky (Klibanski) zu sehen. Sie wurde am 5. Dezember 1902 als Rosi Spier in Schwalbach, Kreis Wiesbaden, geboren. Am 4. September 1928 heiratete sie Joseph Klibansky. Aus der Ehe ging Sohn Wolfgang (geb. 4. Dezember 1934 in Frankfurt a. M.) hervor. Das Paar wurde jedoch am 3. August 1937 in Aschaffenburg geschieden. Am 8. April kam Frau Klibansky nach Bad Nauheim in die Frankfurter Str. 103, das Israelitische Kinderheim, welches zu dieser Zeit schon als jüdische Bezirksschule fungierte. Mutter und Sohn Klibansky konnten am 15. Januar 1939 nach New York entkommen (vgl. StABN 25.8.2014), beide schifften sich auf der „S.S. Hamburg“ am 26. Januar 1939 in Hamburg ein. In Hamburg lebt auch der Bruder von Frau Klibansky, Arthur Spier, den sie bei der Einreise in die USA als Kontaktperson angab. Ziel der Reise ist Rosi Klibanskys Onkel Herman Stern in Valley City, North Dakota. Mit 25 Dollar in der Tasche erreichen die beiden New York (vgl. Ellis Island). Herman Stern war bereits 1903 nach einer Lehre bei einem Kleidungshändler in Mainz ausgewandert. Er konnte bis 1941 ca. 120 Ausreisevisa für Familienmitglieder beschaffen (vgl. Stern).

Eine der Leiterinnen der Kinderheilstätte war Helene Koppel. Geboren wurde sie am 5. Januar 1883 in Altona als Tochter von Samuel Koppel, ihre Mutter war vermutlich eine geborene Leipheimer. Sie zog am 6. April 1921 in die Frankfurter Str. 67 und 1930 weiter in die Frankfurter Straße 103 (Kinderkurheim). Frau Koppel arbeitete in Bad Nauheim immer während der Kursaison (April bis Oktober). In den Jahren 1921 bis 1934 meldete sie sich außerhalb der Saison regelmäßig nach Altona ab (StABN 25.8.2014).

Es gibt einige Informationen über die Krankenschwester Henriette Jockelsohn (Jochilson) in Bad Nauheim, woraus jedoch nicht hervorgeht wo sie gearbeitet hat. Die wurde am 10. Februar 1880 in Mainz geboren und kam am 27. Juni 1922 nach Bad Nauheim, wo sie zuletzt in der Frankfurter Straße 58 (ehemaliges Männerkurheim) wohnte. Sie zog am 22. Juli 1941 als 61jährige nach Sayn bei Koblenz in die Heil- und Pflegeanstalt Bendorf(vgl. StABN 09.04.2014 und Kolb 1987: 82), wobei nicht geklärt ist, ob sie sich dort als Patientin oder als Pflegerin aufhielt. Henriette Jockelsohn war im Zug, der am 15. Juni 1942 über Köln und Düsseldorf in das Vernichtungslager Sobibor fuhr (vgl. Gedenkbuch).

Regina Lehmann wurde am 28. November 1881 in Würzburg geboren und zog am 15. April 1923 nach Bad Nauheim, wo sie in der Frankfurter Straße 63/65, dem Israelitischen Frauenkurheim, wohnte (vgl. StABN 09.04.2014). An anderer Stelle wird Rebekka Lehmann als Leiterin des Israelitischen Frauenheims im Jahr 1925 vermerkt (vgl. Alemannia Judaica). Sie ist vermutlich identisch mit der Oberin des Frauenkurheims Regina Lehmann, die 1930 zum 25-jährigen Bestehen des Heims angeführt wird: „die aufopferungsvolle Oberin, Frl. Regina Lehmann und die ihr zur Hand stehenden Schwestern und Helferinnen“ (vgl. Der Israelit 3. Juli 1930, zitiert nach Alemannia Judaica).
Nach der Schließung des Israelitischen Frauenkurheims 1937, wird als letzte Wohnadresse von Regina Lehmann in Bad Nauheim die Frankfurter Straße 49 genannt, von wo sie seit 21. Juni 1937 als „auf Reisen“ geführt wird (vgl. Kolb 1987: 276). Frau Lehmanns letzter feststellbarer Wohnort war dann in Würzburg, von wo sie am 27. Juli 1939 nach München verzog (vgl. Ancestry). Ihre Spur findet sich im Gedenkbuch des Bundesarchivs, welches das Deportationsziel Izbica, Ghetto, ab Düsseldorf 22. April 1942, angibt, als letzter Wohnort wird dort „München Gladbach“ genannt. Es gibt allerdings auch eine Auskunft, die der Historiker Stephan Kolb vermerkte: Danach hat die Nichte von Frau Lehmann berichtet, dass Regina Lehmann nach Palästina emigrieren konnte und in Israel verstorben sei (vgl. Kolb 1987: 276).

Fotografie: Lina Wagner, geb. Sandenell / Möglicherweise war Frau Wagner Krankenschwester in Bad Nauheim.
Lina Wagner, geb. Sandenell / Möglicherweise war Frau Wagner Krankenschwester in Bad Nauheim. © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Weitere Angaben

Lina Wagner, geb. Sandenell (Sandinell) wurde am 9. September 1876 in Großlangheim, Unterfranken, geboren. Sie heiratete am 7. Mai 1924 in Bad Nauheim den Buchdruckereibesitzer Friedrich Wilhelm Wagner, dessen zweite Ehefrau sie war. Sie zählte zu den Überlebenden von Theresienstadt (Sh’arit ha-pl’atah, zit.nach United States Holocaust Memorial Museum). In Bad Nauheim wohnte sie am 26. Juni 1945 in der Stresemannstraße 36 und ab dem 1. Februar 1951 in der Karlstraße 28, der Residenz der Jüdischen Gemeinde im Haus Flörsheim. Lina Wagner starb am 6. Juli 1958 in Gießen. Stephan Kolb erwähnt ihren Beruf als Krankenschwester (vgl. Kolb 1987: 82).
In ihrer Wiedergutmachungsakte erwähnt Lina Wagner niemals ihre Tätigkeit als Krankenschwester. Ein möglicher Hinweis auf diesen Beruf könnte jedoch die Trauzeugenschaft bei Frau Wagners Hochzeit sein, die die Oberin Regine Lehmann übernommen hatte (vgl. HHStA).

Ottilie Winter

Fotografie: Ottilie Winter, o.J. (um 1940)
Ottilie Winter / Ottilie Winter, o.J. (um 1940) Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt) Weitere Angaben

wurde am 28. Dezember 1886 in Kempen/Rheinland geboren. Die Eltern waren Simon und Helene (Hannah) Winter (Yad Vashem, Gedenkblatt). Sie absolvierte ihre Ausbildung zur Krankenschwester 1915 im Verein für jüdische Krankenschwestern zu Frankfurt am Main und war anschließend im Krankenhaus in Frankfurt in der Gagernstraße 36 tätig (vgl. Steppe 1997: 231). Mit Unterbrechungen arbeitete sie auch in Kolberg und Sontheim. Das Hausstandsbuch des Schwesternhauses in der Bornheimer Landstraße 85 vermerkt, dass Ottilie Winter am 26. Juni 1924 aus Kolberg kam, dann im Schwesternhaus wohnte und am 29. Oktober 1931 nach Sontheim ging (ISG 655: 30). Zu einem unbekannten Zeitpunkt zog sie in den Röderbergweg 93 (Rothschildsches Krankenhaus) von wo aus sie am 2. Mai 1935 in die Bornheimer Landwehr 85, das Schwesternhaus des jüdischen Krankepflegerinnenvereins zu Frankfurt am Main, umzog. Von dort ging sie am 20. Juni 1935 nach Bad Nauheim (vgl. ISG 655: 45). Hier lebte und arbeitete sie in der Hermann-Göring-Straße 103 als Oberin der Kinderheilstätte, sie war also die Vorgängerin von Frieda Fröhlich. Von Bad Nauheim ging sie am 16. Januar 1936 zurück nach Frankfurt am Main. Hier war sie vom 22. Januar 1936 bis zum 19. November 1940 wieder im Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen gemeldet. Dann musste sie wegen der erzwungenen Auflösung des Vereins ins Israelitische Krankenhaus in der Gagernstraße 36 umziehen (vgl. ISG 655: 47). Von dort wurde sie am 15. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt (vgl. ISG 687: 397). Am 16. Oktober 1944 kam sie in das Vernichtungslager Auschwitz (vgl. Gedenkbuch).

Für viele Informationen danke ich der Stadtarchivarin von Bad Nauheim, Brigitte Faatz.
Edgar Bönisch 2015
Unveröffentlicht

HHStA = Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Signatur: Abt. 518 Nr. 44541 ISG = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Hausstandsbuch 655, Bornheimer Landwehr 85

Hausstandsbuch 687, Gagernstraße 36

StABN = Stadtarchiv Bad Nauheim

09.04.2014 Einwohnermeldekartei, Mitteilung der Stadtarchivarin in Bad Nauheim, Frau Brigitte

Faatz
25.08.2014 Einwohnermeldekartei, Mitteilung der Stadtarchivarin in Bad Nauheim, Frau Brigitte Faatz

Literatur

Kingreen, Monica 1997: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte I. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 29.10.1997: 2

Kolb, Stephan 1987: Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden. Bad Nauheim

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“.
Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main

Links

Alemannia Judaica [Alemannia Judaica Bad Nauheim/Synagoge]:
Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Nauheim (Wetteraukreis) Jüdische Geschichte/Synagoge.
http://www.alemannia-judaica.de/bad_nauheim_synagoge.htm. (29.08.2014)

Ancestry: Eintrag: Julius Fröhlich, http://www.ancestry.de/ (03.09.2014)

Ancestry: Eintrag: Rosi Klibansky/Ellis Island, http://www.ancestry.de/ (03.09.2014)

Ancestry: Eintrag: Regina Lehmann, http://www.ancestry.de/ (29.8.2014)

Ellis Island: http://libertyellisfoundation.org/passenger-details/czoxMzoiOTAxMTk4MjI3MDczMSI7/czo5OiJwYXNzZW5nZXIiOw==#passengerListAnchor (12.03.15)

Gedenkbuch: Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945), http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html (29.8.2014)

Sh’arit ha-pl’atah [], zit.nach United States Holocaust Memorial Museum
http://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=3955222 (16.02.2015)

Stern, Hermann http://web.mnstate.edu/shoptaug/HermanStern.htm (03.09.2014)

Yad Vashem: Gedenkblatt Ottilie Winter
http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=1455018&language=de
http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=1936553&language=de
http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=1164975&language=de (29.8.2014)