Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Edith (Siesel) Einhorn (1930 [Frankfurt a.M.] – 1944 Vernichtungslager Auschwitz), ohne Jahr, u.a. Kinderheim der Weiblichen Fürsorge, Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch Mahnkopp 2023; JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024]

Die Frankfurter jüdische Kinder- und Säuglingspflege unter dem Nationalsozialismus

Einführung

„Die Jüdische Wohlfahrtspflege hat in immer steigendem [sic!] Maße während des ganzen Jahres die Wirtschafts-, Jugend-, Kranken- und Auswandererfürsorge für die jüdischen Hilfsbedürftigen Frankfurts durchzuführen. Hierzu tritt während des Sommers die Erholungsfürsorge. (…). Aber auch für unsere Kinder und Jugendlichen muß gesorgt werden. Ihr Gesundheitszustand hat sich erheblich verschlechtert.“

Aufruf der Israelitischen Gemeinde und der Jüdischen Wohlfahrtspflege (unterzeichnet von Dr. Blau und Dr. Ettlinger), Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt, Juni 1936 (zit. n. Andernacht/ Sterling 1963: 307, VI 32)

Aron Geld wurde am 20. August 1920 in Frankfurt am Main geboren. Er stammte aus einer frommen polnisch-jüdischen Familie mit sechs Kindern, ein Bruder verstarb bereits als Kleinkind. Sein Vater Naftali betrieb in der damaligen Obermainstraße 28, seit 1921 zugleich die Familienwohnung, eine Uhrenreparaturwerkstatt. Im März 1933 floh Naftali Geld aus Nazideutschland nach Paris, seine Frau Brakha folgte mit Arons vier Geschwistern nach. Ende 1934 erreichte die Familie Geld das damalige britische Mandatsgebiet Palästina mit hohen Einreisehürden. Wohl deshalb musste sie Aron, welcher an einer chronischen Beinlähmung litt, in Frankfurt zurücklassen. Um 1934 fand der Jugendliche Aufnahme im Gumpertz’schen Siechenhaus, einem orthodox-jüdischen Pflegeheim im Röderbergweg zur Langzeitversorgung Bedürftiger mit chronischen Leiden; unter den mehrheitlich älteren Bewohner/-innen war er vermutlich das „Nesthäkchen“. Mit Freude begleitete Arons neue Familie, die „Kehilloh Gumpertz“, seine Ausbildung zum Chasan (Kantor und Vorbeter in der Synagoge) – bis zu dem Tag der von den NS-Behörden angeordneten Zwangsräumung. Es war der 7. April 1941, ein Montag. Binnen 24 Stunden wurden die teils bettlägerigen Bewohner/innen in die eilends eingerichtete Alten- und Siechenabteilung des (für eine Langzeitversorgung gar nicht ausgerichteten) Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36 zusammengepfercht. Diejenigen, die nicht bereits in der Klinik verstarben, erlitten am 18. August 1942 – zwei Tage vor Aron Gelds 22. Geburtstag – zusammen mit dem Gumpertz’schen Personal die Deportation nach Theresienstadt. Im Lager ist die Stimme des begabten jungen Chasan am 12. April 1943 für immer verstummt (Seemann 2019: 163; JM Ffm Shoah Memorial; Terezin Opferdatenbank; Yad Vashem; s. auch Kingreen/ Eichler 2023: 125-133).

Der Fokus dieses Artikels liegt auf Frankfurter oder von Frankfurt am Main aus verwalteten jüdischen Institutionen mit medizinischer, pflegerischer und therapeutischer Versorgung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. In diesem Kontext kann etwa auf die Israelitische Waisenanstalt, das Erziehungsheim der Flersheim-Sichel-Stiftung oder das Kinderheim der Weiblichen Fürsorge (s. auch Mahnkopp 2023) nicht näher eingegangen werden. Insbesondere nach den 1935 erlassenen „Nürnberger Rassegesetzen“ hatten wegen physischer, psychischer oder mentaler Einschränkungen besonders schutzbedürftige Kinder und Jugendliche jüdischer Herkunft auch noch unter den gezielt gesteigerten antisemitischen Ausgrenzungen und Angriffen des NS-Staates zu leiden. Der britische Historiker Simon Parkin gab zudem zu bedenken: „Unter einem Regime zu leben, das einen selbst und die eigene Familie ausbeuten, unsichtbar machen oder gar töten will, übt einen bedrückenden und verstörenden psychischen Druck auf die menschliche Seele aus (…)“ (Parkin 2023: 70). Wie bei Aron Geld blieb Kindern mit gesundheitlichen Einschränkungen die Flucht aus Nazideutschland gemeinsam mit Angehörigen oder durch Kinderrettungsaktionen (für Frankfurt a.M. Rieber/ Lieberz-Groß 2018; Hebauf 2022; s. auch Maierhof u.a. 2004) häufig verwehrt.

Bislang kennt niemand ihre genaue Zahl. Hinweise für die weitere Spurensuche übermittelt das Online-Portal Shoah Memorial Frankfurt, das ab dem Geburtsjahr 1920 die Namen und Daten von 1.283 aus Frankfurt a.M. deportierten Kindern und jungen Menschen verzeichnet (JM Ffm Shoah Memorial, Stand: 23.03.2024).

Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Inge Regina Heippert (geb. 1932, Schwester von Lydia Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Inge Regina Heippert (geb. 1932, Schwester von Lydia Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Lydia Heippert (geb. 1938, Schwester von Inge Regina Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Lydia Heippert (geb. 1938, Schwester von Inge Regina Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Edith (Siesel) Einhorn (1930 [Frankfurt a.M.] – 1944 Vernichtungslager Auschwitz), ohne Jahr, u.a. Kinderheim der Weiblichen Fürsorge, Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch Mahnkopp 2023; JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024]
Edith (Siesel) Einhorn (1930 [Frankfurt a.M.] – 1944 Vernichtungslager Auschwitz), ohne Jahr, u.a. Kinderheim der Weiblichen Fürsorge, Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch Mahnkopp 2023; JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024]
Horst Bergmann (1926 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Majdanek), ohne Jahr, u.a. Israelitisches Kinderheim Diez an der Lahn, Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])
Horst Bergmann (1926 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Majdanek), ohne Jahr, u.a. Israelitisches Kinderheim Diez an der Lahn, Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])
Kurt de Jong (1932 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Auschwitz) – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])
Kurt de Jong (1932 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Auschwitz) – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])

Biografische Daten und teils sogar gerettete Fotografien übermitteln neben Shoah Memorial Frankfurt und der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem für Frankfurt auch die Internetseiten der Erinnerungsprojekte Stolpersteine in Frankfurt am Main (Stolpersteine Ffm), Jüdisches Leben in Frankfurt (Jüdisches Leben Ffm) oder Platz der vergessenen Kinder: Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V. (Mahnkopp 2023). Insgesamt aber erweist sich die Quellenlage vor allem wegen fehlender Personal- und Krankenakten auch hier als disparat. Deshalb liest sich im Folgenden auch dieser Beitrag als eine mosaikförmige Zusammenschau – und zugleich als Ermutigung zu weiterer Forschungs- und Erinnerungsarbeit.

Jüdische Frankfurter Stiftungen der Kinderpflege

Die Lebensspuren der aus Polen stammenden Frankfurter jüdischen Geschwister Edith (geb. 1930) und David Einhorn (geb. 1932) enden im Vernichtungslager Auschwitz. Über ihren Gesundheitszustand vor der Shoah ist wenig bekannt, doch lässt ihre Familienbiografie – aufgezeichnet auf der Internetseite https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine/stolpersteine-im-ostend/familien/einhorn-sabine-philipp-mendel-bertha-josef-karniel-edith-und-david (Stolpersteine Ffm: Stolperstein-Biographien im Ostend) – schwierige soziale Verhältnisse und unstete Heimkindheiten vermuten (s. auch Mahnkopp 2023). Möglicherweise halfen ihnen Kinderpflege-Stiftungen aus dem Frankfurter jüdischen Bürgertum (Schiebler 1994: 157-166); sie sind durch ihre zwangsweise NS-Auflösung heute kaum noch bekannt. Erwähnt sei etwa die 1899 errichtete Achille Alexandre’sche Bikkur Cholim-Stiftung, welche „kranke israelitische Kinder bis zum 13. Lebensjahr mit Medikamenten und Barmitteln“ unterstützte (ebd.: 158). Leitendes Verwaltungsmitglied war 1917 mit Lyon Seeligmann (1866 – 1948 im Londoner Exil, Bankhaus Mainz & Seeligmann) ein Schwiegersohn des Zedaka-Organisators Michael Moses Mainz (Seemann 2023); der Verbleib der Stiftung ist bislang ungeklärt. Die 1916 gegründete selbständige Dr. Karl und Mathilde Kaufmann-Stiftung widmete ihre Erträge der Behandlung in Krankheitsfällen sowie von Kuraufenthalten für Kinder „jeden Alters und Glaubens“ (Schiebler 1994: 163). Im Vorstand wirkte 1917 u.a. Sanitätsrat Dr. med. John Rothschild (1869 – 1951 im Exil von Key Gardens/ New York), einer der ersten niedergelassenen Frankfurter Kinderärzte und langjähriger Stadtschularzt. Dank einer Schenkung der Brüder Max und Gustav Kaufmann zugunsten erholungsbedürftiger Kinder entstand im gleichen Gründungsjahr (1916) wie die Dr. Karl und Mathilde Kaufmann-Stiftung als unselbständige Stiftung der Stadt Frankfurt am Main die ebenfalls interkonfessionell angelegte Leopold H. Kaufmann-Stiftung. Unter dem Nationalsozialismus wurde das Restvermögen der Dr. Karl und Mathilde Kaufmann-Stiftung und vermutlich auch der Leopold H. Kaufmann-Stiftung im Jahr 1939 in die Frankfurter Jugendfürsorge-Stiftung eingegliedert (Schiebler 1994: 163; ISG FFM: Bestand A.30.02 Nr. 244; Arcinsys Hessen).

Weiter zu erforschen bleibt auch ein ambitioniertes Sozialprojekt der Frankfurter jüdischen Kinderpflege: die „Stiftung zur Erziehung geistig oder körperlich gefährdeter israelitischer Kinder (Israelitischer Kinderhort) e.V.“ in der damaligen Bleichstraße 8 (ISG FFM A.30.02 Nr. 223; HHStAW 519/3 Nr. 16340). Über das Wirken der anfänglichen „Stiftung für gebrechliche oder verwahrloste bedürftige israelitische Kinder“ – deren Vereinsgründung erfolgte nach Gerhard Schieblers Recherche im Jahr 1881 (Schiebler 1994: 166; s. auch Arnsberg 1983 Bd. 2: 119) – informierte der Pädiater, Sozialmediziner und Stadtverordnete Sanitätsrat Prof. Dr. Wilhelm Hanauer (1866–1940):

„Ihr Zweck ist, bedürftigen israelitischen Kindern, die mit körperlichen, geistigen oder sittlichen Gebrechen behaftet sind, Unterhalt, Kleidung und Erziehung oder sonst geeignete Beihilfe, unter anderem auch eine entsprechende Unterkunft und ärztliche Behandlung, zu gewähren und sie arbeits- und erwerbsfähig zu machen. 1912 wurden 29 Kinder unterstützt. Seit etwa 10 Jahren [um 1904, d.V.] hat diese Stiftung Kinderhorte errichtet (…).“

(Hanauer 1914: 52-53)

Die Horte der Stiftung zur Erziehung geistig oder körperlich gefährdeter israelitischer Kinder boten 70 Plätze für Mädchen und Jungen. Verbunden ist das Zedaka-Projekt vor allem mit den heute nicht mehr bekannten Namen des wohltätigen Ehepaares Moritz Metzger (1853-1915) und Ida Henriette Metzger geb. Kahn (1868-1934) (Einträge bei Geni: https://www.geni.com/people/Moritz-Metzger/6000000005934755245 und https://www.geni.com/people/Ida-Metzger/6000000005933795757 [23.03.2024]). Neben weiteren Ämtern im Dienste der Wohlfahrt für benachteiligte Kinder führte Moritz Metzger bis zu seinem Tod den Vorsitz der Stiftung (Kurznachruf in: NJP/FIF 13 (1915) 34, S. 4, online: UB JCS Ffm: Compact Memory, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2692957). Er verstarb 1915 vermutlich aus Kummer um seinen kurz zuvor im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn Franz – wohl das einzige Kind. Seine Witwe Ida Metzger übernahm den Vorsitz, ein Amt, das sie fast zwei Jahrzehnte lang bis zu ihrem eigenen Tod im Jahr 1934 ausübte. Stellvertretender Vorsitzender war in den 1930er Jahren der Direktor der Frankfurter jüdischen Schule Philanthropin Dr. phil. Otto Iwan Driesen (geb. 1875), ein höchst innovativer Pädagoge und Philologe sowie Bruder der Frankfurter Marcus Horovitz-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith (Hoppe 2023; Seemann 2023; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Driesen [23.03.2024]), dessen Leben vermutlich 1943 im Vernichtungslager Sobibor gewaltsam endete. Den Verein der Stiftung zur Erziehung geistig oder körperlich gefährdeter israelitischer Kinder (Israelitischer Kinderhort) lösten die Nationalsozialisten vermutlich im Jahr 1939 auf.

Annonce des Israelitischen Kinderhorts, 1936 – Nachweis: Israelitisches Familienblatt 38 (1936) 29 (digitalisiert o.S.), online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582637
Annonce des Israelitischen Kinderhorts, 1936 – Nachweis: Israelitisches Familienblatt 38 (1936) 29 (digitalisiert o.S.), online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582637

Jüdische Kur- und Therapieprojekte für Kinder und Jugendliche

Das Raphael und Jeanette Ettlinger‘sche Kinderheim, Hofheim – Nachweis: Neue Jüdische Presse/ Frankfurter Israelitisches Familienblatt 11 (1913) 2, S. 4, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2702486
Das Raphael und Jeanette Ettlinger‘sche Kinderheim, Hofheim – Nachweis: Neue Jüdische Presse/ Frankfurter Israelitisches Familienblatt 11 (1913) 2, S. 4, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2702486

Als Vorstandsmitglieder des Raphael und Jeanette Ettlinger-Heims e.V. (Schiebler 1994: 160-161; Seemann 2023; HHStAW 518 Nr. 1274; Alemannia Judaica Hofheim) kümmerten sich Ida und Moritz Metzger überdies um ein von Frankfurt am Main aus gegründetes und verwaltetes Kinderkurheim in Hofheim am Taunus. Auch diese jüdische Institution lösten die NS-Behörden im Jahr 1939 gewaltsam auf (s. auch Andernacht/ Sterling 1963: 327); drei Jahre zuvor hatten sie bereits eine Sammlung zugunsten des Kinderheims beschlagnahmt (HHStAW 474/3 Nr. 936). Zum Hofheimer Projekt heißt es in einem Überblick über jüdische Kinderheilstätten, 1937 gedruckt im Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg:

„In den letzten fünf Jahren fanden in den Frühjahrs- und Herbstmonaten auch Erwachsene und Kinder von 4-6 Jahren Aufnahme. Zur Aufnahme gelangen Fälle wie Anämie, Rachitis, chronische Erkrankungen der Atmungsorgane, Herzneurose, ferner Rekonvaleszenten nach akuten Krankheiten. Heilverfahren: neben reichlicher und abwechslungsreicher Kost Höhensonne, Liegekur und medizinische Bäder.“

(Jüdische Kinderheilstätten 1937: 4)

Der Artikel erwähnt auch die ebenfalls von Frankfurt aus verwaltete Israelitische Kinderheilstätte zu Bad Nauheim (Schiebler 1994: 162; Kingreen 1999); bei Erscheinen des Beitrags (1937) war die Einrichtung bereits geschlossen:

„Außer Kindern mit Herzkrankheiten kommen vor allem auch solche mit Erkrankungen des Stoffwechsels, der Muskeln und Gelenke, Skrofulose, Rachitis, Blutarmut in Frage. (…) Zur Aufnahme kommen Kinder von 4-16 Jahren.“

(Jüdische Kinderheilstätten 1937: 4)

Die NS-„Arisierung“ beider Kurheime bedeutete eine weitere drastische Einschränkung der Genesungs- und Erholungsmöglichkeiten für jüdische Mädchen und Jungen; die letzten Schutzräume wurden ihnen genommen.

Der Kalmenhof und seine Jüdische Abteilung

Kalmenhof in Idstein (Taunus): Gründungstafel mit den Namen von Rudolph Ehlers, Charles L. Hallgarten und August von Hergenhahn, 1952 – Nachweis: Fotoaufnahme 15.11.2010 (Frank Winkelmann), Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ausstellung_Kalmenhof_002.JPG?uselang=de [24.03.2024]
Kalmenhof in Idstein (Taunus): Gründungstafel mit den Namen von Rudolph Ehlers, Charles L. Hallgarten und August von Hergenhahn, 1952 – Nachweis: Fotoaufnahme 15.11.2010 (Frank Winkelmann), Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ausstellung_Kalmenhof_002.JPG?uselang=de [24.03.2024]

Überregionale Bekanntheit erlangte die interkonfessionelle Heil- und Pflegeeinrichtung Kalmenhof in Idstein (Rheingau-Taunus-Kreis) mit einer eigenen Jüdischen Abteilung, heute eine sozial- und heilpädagogische Einrichtung (mit Gedenkstätte) der Vitos Teilhabe (Vitos GmbH, Landeswohlfahrtsverband Hessen, https://www.vitos.de/gesellschaften/vitos-teilhabe [23.03.2024]). 1888 auf Initiative jüdischer und christlicher Bürger/innen – vor allem des Frankfurter jüdischen Sozialreformers Charles L. Hallgarten (1838-1908) und seiner Gattin Elise geb. Mainzer (1840-1895) – errichtet, genoss der Kalmenhof (zu Anfang: „Calmenhof“) den Ruf einer humanitären Reformanstalt. Dann folgte mit dem Nationalsozialismus der Absturz in die rassenideologische Menschenfeindlichkeit: Der Kalmenhof wurde „Zwischenanstalt“ für die NS-Tötungsanstalt Hadamar; in der Kinderfachabteilung seines Krankenhauses fielen Hunderte von Kindern und jungen Menschen dem NS-„Euthanasie“-Massenmord zum Opfer (einführend Wikipedia mit Literaturhinweisen: https://de.wikipedia.org/wiki/Kalmenhof; HHStAW Bestand 430/3: Landesheilanstalten: Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein [mit ausführlicher Bestandsgeschichte] sowie weitere Einträge bei Arcinsys Hessen; Schneider, Christoph 2024 (im Erscheinen): Der Kalmenhof. NS- „Euthanasie“ und ihre Nachgeschichte. Paderborn; die Erinnerungsseiten Gedenkort Kalmenhof: https://www.gedenkort-kalmenhof.de sowie https://www.kalmenhof-gedenken.de [23.03.2024]).

Gewaltsam aufgelöst wurde auch die Jüdische Abteilung der damaligen „Heilerziehungsanstalt“ Kalmenhof, eingerichtet in den 1920er Jahren eingerichtet und verwaltet durch den Hessischen Landesverband für Jüdische Wohlfahrtspflege mit Sitz in Frankfurt, Lange Straße 30 (Kalmenhof 1925 u. 1930; Schiebler 1994: 159; s. auch Alemannia Judaica Idstein). Es wurde Religionsunterricht angeboten und am 21. September 1924, wie das orthodox-jüdische Presseorgan Der Israelit berichtete, eine „rituelle Küche“ im Heim eröffnet:

„Hier wird von jüdischem Personal nach den strengen Vorschriften ihres Glaubens für die jüdischen Zöglinge gekocht und gegessen. Der Vorstand der Anstalt hat durch diese Einrichtung gezeigt, dass es ihm ernst ist mit der Ausübung wirklicher Toleranz, nicht in dem Sinne einer Verwischung der religiösen Eigentümlichkeiten und des Aufgehens des konfessionellen Lehrgutes in einem allgemeinen religiösen Bildungsbrei, sondern in der Achtung und gegenseitigen Anerkennung der religiösen Eigenart, wohl wissend, welche starken erziehlichen Kräfte gerade für Schwachsinnige [damals eine gängige Bezeichnung, d.V.] in der Ausübung des religiösen Kultus ruhen.“

(Kalmenhof 1925 [Orthografie nach Original])

Über Herkunft, Alter und Ausbildung der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner des Kalmenhofs im Jahr 1930 erfahren wir aus der Zeitschrift der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden:

„Von den 152 jüdischen Zöglingen im Jahre 1930 waren 125 männlich, 27 weiblich, 33 im Alter von 6 bis 14, 68 im Alter von 14 bis 21, und 49 über 21 Jahre alt (bei zweien fehlen die Angaben). Von den 152 Pfleglingen waren 39 vor ihrer Einweisung nach Idstein schon in einer Anstalt untergebracht. In 55 Fällen lag Geisteskrankheit in der Familie vor.
35 Pfleglinge sind in Hessen geboren, davon 14 in Frankfurt a.M., aus Berlin stammen 15, aus Hamburg 13, aus der Rheinprovinz sind 21 Zöglinge in der Anstalt untergebracht worden, davon 10 aus Köln; aus Westfalen wurden der Anstalt 11, aus Bayern 9, aus Hannover 4, aus Thüringen, Sachsen und Baden je 3, aus dem Saargebiet und Schlesien je 2, aus Ostpreußen, Pommern, Westpreußen und Württemberg je 1 Pflegling überwiesen. Aus Polen stammen 10 Zöglinge, aus der Tschechei 3, aus Palästina, der Schweiz und Griechenland je 2 Pfleglinge, aus Amerika, Rußland, Holland, Elsaß, Belgien und Aegypten je 1. (…) Die größte Zahl der in der Heilerziehungsanstalt befindlichen Pfleglinge (53 [sic!]) ist dauernd anstaltsbedürftig (…).
41 Zöglinge machen eine handwerkliche Ausbildung durch (Korbmacher, Bürstenmacher, Buchbinder, Schneider, Spengler, Schreiner, Sattler, Bäcker, Schlosser, Buchdrucker, Schuhmacher), 16 werden im Haushalt beschäftigt (Nähstube, Küche, Plätterei [Bügeln von Wäsche, d.V.], Haushalt, Hausbursche). 19 Pfleglinge werden in der Landwirtschaft und in der Gärtnerei ausgebildet. Sonstigen Berufen konnten 8 Personen zugeführt werden (Hilfsarbeit, Kinderpflege, Büro, Lagerverwalter), 32 Kinder gingen noch zur Schule, 36 Pfleglinge können keinen Beruf ausüben.“

(Kalmenhof 1930: 482-483 [Orthografie nach Original])

Noch 1932 waren nach Auskunft des Wiesbadener Oberkantors und Lehrers Saul Lilienthal (1877 – 1944 Vernichtungslager Auschwitz) 150 von insgesamt 750 „Pfleglingen“ des Kalmenhofs jüdisch, in der Jüdischen Abteilung betreut von einem Lehrer, einem Gehilfen und einer Köchin. Unter dem Nationalsozialismus sank ihre Zahl bis 1935/36 auf nur noch etwa 60 jüdische Bewohner/innen (Lilienthal S. 1936: 396). Die Jüdische Abteilung hörte auf zu existieren. Die Rekonstruktion der Biografien und der NS-Verfolgung jüdischer Heimbewohner/innen gestaltet sich insgesamt als schwierig (s. auch Lilienthal G. 2009; Hinz-Wessels 2013), doch liegen dank der Historikerin Martina Hartmann-Menz Informationen zu einem jüdischen Gepflegten des Kalmenhofs vor: Semi Rothschild (geb. 1911), „im Juni 1930 in die Heilerziehungsanstalt Kamenhof in Idstein überwiesen“ (Hartmann-Menz o.J.). Nach der NS-Schließung der Jüdischen Abteilung erkämpfte Semi Rothschilds Vater 1936 die Entlassung seines Sohnes, konnte aber dessen Zwangssterilisierung auf Antrag der Kalmenhof-Anstaltsleitung wegen angeblichen „angeborenen Schwachsinns“ nicht verhindern. Semi Rothschild kehrte zu seiner Familie zurück. Vermutlich 1942 wurde er zusammen mit seinen Eltern im Ghetto von Riga (Lettland) ermordet (ebd.; siehe zu Albert Wolf (1892-1941), einem weiteren jüdischen Kalmenhof-Bewohner, Flick 2023).

Von weiteren namentlich bekannten Kalmenhof-Bewohner/-innen jüdischer Herkunft ist nicht überliefert, ob sie wie Semi Rothschild ebenfalls aus frommen Familien stammten und in der Jüdischen Abteilung betreut wurden. Hierzu gehören Julius Steinberger (geb. 1917) und Erwin Strauss (geb. 1924), beide in Frankfurt am Main geboren: Sie gingen mit ihrer Verlegung vom Kalmenhof über die Landesheilanstalt Weilmünster in die Tötungsanstalt Hadamar, wo beide am 7. Februar 1941 ermordet wurden, den gleichen Leidensweg (BArch Gedenkbuch; Yad Vashem).

Gedenkblatt für Erwin Strauss (geb. 1924), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem
Gedenkblatt für Erwin Strauss (geb. 1924), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem

Zu der 1926 ebenfalls in Frankfurt am Main geborenen Lieselotte (Liselotte) Wagner lautet der Eintrag im Online-Portal Shoah Memorial Frankfurt: „Einweisung unbekannten Datums in die Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof (Idstein). Verlegung am 5. Juni 1943 in die Tötungsanstalt Hadamar, wo Lieselotte Wagner nach nationalsozialistischer Definition als ,halbjüdisches Kind’ registriert war“ (zit. n. JM Ffm Shoah Memorial [23.03.2024]). Nur zwei Tage später wird die Jugendliche in Hadamar ermordet (BArch Gedenkbuch). Aus einer durch die NS-„Rassengesetze“ verbotenen jüdisch-nichtjüdischen Beziehung stammte auch die 1929 in Gießen geborene Ingeborg Donges, wohnhaft in Gießen, Idstein (Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof) sowie in Wetzlar (Städtisches Kinderheim) (BArch Gedenkbuch; Yad Vashem). Nach einem Monat Aufenthalt in der Anstalt Hadamar wird sie dort am 25. Juni 1943 durch eine Medikamentenüberdosis ermordet.

Gedenkblatt für Ingeborg Donges (geb. 1929), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem
Gedenkblatt für Ingeborg Donges (geb. 1929), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem

Ingeborg Donges’ jüdischer Vater ist möglicherweise identisch mit dem in Gießen wohnhaften Manfred Rosenbaum (geb. 1905), welcher im August 1933 nach Frankreich floh, leider entdeckt und über das Sammellager Drancy 1942 nach Auschwitz und von dort 1944 nach Buchenwald deportiert wurde. In Buchenwald verstarb er nach bisherigem Kenntnisstand am 22. Mai 1945 (nach der Befreiung). Von der Mutter Lina Dietzel (geb. Donges) ist lediglich der Name überliefert.
Die Erinnerungsarbeit rund um den Kalmenhof ist noch längst nicht beendet.

Das Hauptgebäude des Kalmenhofs in Idstein, 2011 – Nachweis: Frank Winkelmann, Saibo, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hauptgeb%C3%A4ude_Kalmenhof-2.JPG [23.03.2024]
Das Hauptgebäude des Kalmenhofs in Idstein, 2011 – Nachweis: Frank Winkelmann, Saibo, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hauptgeb%C3%A4ude_Kalmenhof-2.JPG [23.03.2024]

Spurensuche: NS-verfolgte Kinder und Jugendliche im Rothschild’schen Kinderhospital und im Frankfurter Jüdischen Krankenhaus

Im Juni 1941 schlossen die NS-Behörden zwangsweise das Mathilde von Rothschild’sche Kinderhospital (1886-1941) im Röderbergweg 109 (heute Habsburgerallee 112), eine der Pflege- und Wohlfahrtsinstitutionen der neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft (Austrittsgemeinde). Die Klinik hatte bis 1927 bedürftige Kinder beiderlei Geschlechts behandelt, spezialisierte sich aber vermutlich inflationsbedingt qua Satzungsänderung auf die (weiterhin unentgeltliche) Behandlung von Mädchen im Alter von vier bis 14 Jahren; 1932 versorgte sie 140 kleine Patientinnen. Unter der NS-Verfolgung stieg deren Zahl durch die zunehmende Verdrängung antisemitisch verfolgter Kinder und Jugendlicher aus als „arisch“ kategorisierten Krankenhäusern, so im Jahr 1937 auf 155 Patientinnen (s. auch Seemann 2016; Schiebler 1994: 165-166). Auch diese Institution stand im Fadenkreuz NS-behördlicher Schikanen und Gestapo-Hausdurchsuchungen. Am 28. September 1940 kam es zur Eingliederung der Trägerstiftung in die vom NS-Reichssicherheitshauptamt und der Gestapo kontrollierte Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Im Rahmen der Zwangsschließung im Juni 1941 „erwarb“ die Stadt Frankfurt am Main Liegenschaft, Gebäude und Inventar des Rothschild‘schen Kinderhospitals (mit Gartengrundstück an der angrenzenden Habsburger Allee). Am 12. Juli 1941 meldete der Gestapo-Beauftragte bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege Ernst Holland an die Geheime Staatspolizei Frankfurt: „Die zusammenhängenden Liegenschaften Röderbergweg 97 und 109 und Rhönstraße 50 sind vom Bauamt, Raum- und Quartierbeschaffung[,] als Hilfskrankenhäuser sichergestellt“ (Andernacht/ Sterling 1963: 464, s. auch 272-275; ISG FFM: A.02.01 Nr. 9574, A.30.02 Nr. 400, A.62.02 Nr. 2141). Nach der Shoah und dem Zweiten Weltkrieg scheiterte der Versuch einer Wiederbelebung der Stiftung für das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (Schiebler 1994: 166).

Aus dem Album der Oberärztin Dr. Margarete Katzenstein: Kinder im Jüdischen Krankenhaus Gagernstraße, ohne Jahr (ab 1933) – Nachweis: Margarete Katzenstein Collection AR 25067, Folder 5 in Series II, Center for Jewish History/Leo Baeck Institute: https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/6943
Aus dem Album der Oberärztin Dr. Margarete Katzenstein: Kinder im Jüdischen Krankenhaus Gagernstraße, ohne Jahr (ab 1933) – Nachweis: Margarete Katzenstein Collection AR 25067, Folder 5 in Series II, Center for Jewish History/Leo Baeck Institute: https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/6943

Vorgeblich auf Veranlassung der Reichsvereinigung der Juden war das dem Rothschild’schen Kinderhospital benachbarte Georgine Sara von Rothschild’sche Hospital (1870-1941, Röderbergweg 93/97, heute Waldschmidtstraße 129-131) im Frühjahr 1941 mit dem Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde zusammengelegt worden (Andernacht/ Sterling 1963: 463f.; s. auch Mainz 1946: 249-250; Karpf 2003; Schiebler 1994: 145f.; Steppe 1997: 237-240; 245f.; ISG FFM: A.12.03 Nr. 686 u. Nr. 687). Das Rothschild’sche Kinderhospital verlor bis zu seiner endgültigen Schließung jegliche Finanzierung; in Behandlung befindliche kleine Patientinnen und noch vorhandenes Personal wurden in das Krankenhaus Gagernstraße eingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt herrschten in dieser letzten Frankfurter jüdischen Klinik bereits drangvolle Enge und infolge von KZ-Einweisungen und NS-Vertreibungen eine hohe Fluktuation an medizinischem, pflegerischem und technischem Personal. Das hierfür gar nicht ausgestattete Krankenhaus musste neben der bereits erwähnten Einrichtung einer „Alten- und Siechenabteilung“ zudem behördlich eingewiesene „Leicht-Gemütskranke“ unterbringen. Eine Kinderabteilung ist in den bisher vorliegenden lückenhaften Quellen zur NS-Zeit nicht eigens erwähnt, doch befanden sich laut der Festschrift zur Eröffnung des Klinikneubaus im Mai 1914 im 1. Obergeschoss des Hauptgebäudes „Kindersaal und Säuglingszimmer“ (Festschrift Krankenhaus Gagernstraße 1914: 63). Als verheerende Wirkung der „Nürnberger Rassegesetze“ und damit verbunden der antisemitischen Aufspaltung des Gesundheitswesens kamen behandlungsbedürftige jüdische Kinder nur noch im Krankenhaus Gagernstraße unter. Diese letzte Zuflucht organisierten die NS-Behörden als Sammelstelle vor den Deportationen: „1942 sind fast 400 Menschen im Krankenhaus als Patienten untergebracht, dazu über 100 Angestellte und 37 Lehrschwestern. Bis Oktober 1942 wird das Krankenhaus vollständig geräumt (…)“ (Steppe 1997: 246).

Aufgrund der zeitlichen begrenzten Verweildauer und „verschollener“ Akten und Dokumente sind von den im Krankenhaus Gagernstraße vor der NS-Zwangsräumung befindlichen Kinder und Jugendlichen nur wenige Namen überliefert – mit Ausnahme einer jungen Patientin: Inge Simon wurde am 29. September 1925 in Berlin geboren und wohnte mit ihrer Familie in Arnstadt (Thüringen), wo der Vater ein Geschäft für Herrenmoden führte. Ihr älterer Bruder flüchtete 1938 mit 17 Jahren in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina und lebte zuletzt als Dov Shimoni in Israel. Inge Simon selbst wurde – vorgeblich wegen des Verdachts auf Tuberkulose – am 1. November 1940 „in ein Heim verschickt“ (Tittelbach-Helmrich 1999: 32; s. auch Gedenkbuch Thüringen). Wie sie nach Hessen gelangte und wo sie dort unterkam, ist bislang unbekannt. Vermutlich unter dem Eindruck der Deportation am 11. Juni 1942 – aus Frankfurt und dem Regierungsbezirk Wiesbaden in die Region Lublin (Majdanek, Sobibor) (Kingreen/Eichler 2023: 117-122) – unternahm sie einen Suizidversuch und verstarb am 15. Juni 1942 mit 16 Jahren im Krankenhaus Gagernstraße. Möglicherweise hatte sie zuvor auch von der Deportation ihrer Eltern erfahren: Ilka Julia geb. Brandt und Georg Simon wurden beide am 10. Mai 1942 über Weimar und Leipzig in das Ghetto Belzyce (Region Lublin) verschleppt und in der Shoah ermordet.

Grabstein von Inge Simon auf dem neueren Frankfurter Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße – © Dr. Birgit Seemann, 2011
Grabstein von Inge Simon auf dem neueren Frankfurter Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße – © Dr. Birgit Seemann, 2011
„Stolperstein“ für Inge Simon in Arnstadt, Rosenstraße 10 – Nachweis: © Aschroet, 17.08.2014, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolperstein_Arnstadt_Rosenstra%C3%9Fe_10-Inge_Simon.JPG [23.03.2024]
„Stolperstein“ für Inge Simon in Arnstadt, Rosenstraße 10 – Nachweis: © Aschroet, 17.08.2014, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolperstein_Arnstadt_Rosenstra%C3%9Fe_10-Inge_Simon.JPG [23.03.2024]

An Inge Simon erinnern ein Grabstein auf dem neueren Frankfurter Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße und ein „Stolperstein“ in ihrem langjährigen Heimatort Arnstadt (Rosenstraße 10). Die spätestens im Oktober 1942 abgeschlossene NS-Zwangsräumung des letzten Frankfurter jüdischen Krankenhauses Gagernstraße und die parallel stattfindenden Verschleppungen in die Todeslager musste sie nicht mehr erleben.

Anders erging es zwei weiteren Mädchen, die gemeinsam mit ihren Eltern in der Klinik wohnten: Inge Henriette Herlitz (geb. 1930) und Lieselotte Kahn (geb. 1937) (Strauß 2006; BArch Gedenkbuch; JM Ffm Shoah Memorial; Yad Vashem mit Abb. des Elternpaares Kahn). Inge und ihre Eltern, die Modistin Lina Herlitz geb. Stern (geb. 1904) und der Elektromonteur Sally Herlitz (1903-1992), waren 1938 unter der NS-Verfolgung aus Wachenbuchen (Maintal) nach Frankfurt a.M. gezogen (Peter Heckert: https://www.peterheckert.de/maintal/wachenbuchen [23.03.2024]). Im Krankenhaus Gagernstraße kam Lina Herlitz als Wirtschafterin unter. Über den Vater der kleinen Liselotte, dem Mediziner Dr. Edmund Kahn (geb. 1897), informiert das Gedenkbuch Karlsruhe: „Nach seiner Entlassung aus Buchenwald ging Edmund Kahn zu seiner Familie nach Karlsruhe. Nach langwierigen Bemühungen gelang es ihm schließlich, im September 1939 als angestellter Arzt am Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt a.M. in der Gagernstraße 36 wieder eine Existenz zu finden. Auch Frau [Louise Flora Kahn geb. Dreyfuß, geb. 1908, d.V.] und Tochter zogen noch im gleichen Monat zu ihm nach Frankfurt; im Krankenhaus bekamen sie eine kleine Wohnung“ (Strauß 2006). Die Familien Herlitz und Kahn wurden am 24. September 1942 bei der zehnten großen Deportation aus Frankfurt „nach Osten“ verschleppt:

„Alle jüdischen Einrichtungen wie die Jüdischen Altersheime und das Jüdische Krankenhaus hatten durch die Transporte nach Theresienstadt ihre Bewohner verloren und mussten aufgelöst werden. Hierzu waren in Frankfurt a.M. noch mehrere jüngere Angestellte der Gemeinde mit ihren Familien verblieben, z.B. Krankenschwestern, Ärzte, Heimleiter und Handwerker. Nur zwei Wochen nach dem Abschluss der Deportationen nach Theresienstadt wurden auch sie deportiert: 237 Personen aus Frankfurt a.M. Infolge der Auflösung des Jüdischen Krankenhauses ist dessen Adresse ,Gagernstraße 36‘ auf der Namensliste der Deportierten 51mal [sic!] zu lesen.“

(Kingreen/ Eichler 2023: 179-193, hier S. 179)

Der Todestransport endete am Bahnhof von Raasiku in Estland. Dort trennte die SS Sally Herlitz und vermutlich auch Edmund Kahn von ihren Familien und deportierte sie als Zwangsarbeiter in weitere Lager. Inge Herlitz, Lieselotte Kahn und ihre Mütter gehören sehr wahrscheinlich zu den Opfern der von den deutschen Nationalsozialisten organisierten und von estländischen Kollaborateuren ausgeführten Massenerschießungen in den Dünen von Kalevi-Liiva: „Aus einem Bericht einer in Estland gebildeten sowjetischen Kommission zur Feststellung und Untersuchung nationalsozialistischer Verbrechen stammt die Information: Von der Bahnstation Raasiku fuhren die Busse in die Dünen an der Ostsee. Dort war in einer Talmulde ein großer Graben ausgehoben worden. Etwa 15 m vor der Grube hielten die Busse, die Menschen wurden heraus getrieben und musten sich nackt ausziehen. Sie wurden dann gezwungen, in den etwa 3 m tiefen Graben zu gehen, in den eine Art Rampe hinein führte. Dort wurden sie von einem estländischen Kommando von 6-8 Männern erschossen, erst die Erwachsenen, dann die Kinder. Die Leichen wurden mit Sand bedeckt“ (zit. n. Strauß 2006).

Von den Familien Herlitz und Kahn hat nur Inges Vater die Shoah überlebt: Sally Herlitz kehrte nach Frankfurt am Main zurück und verstarb dort am 20. März 1992 (Arcinsys Hesssen: Entschädigungsakte: HHStAW 518/1491; Kingreen/ Eichler 2023: 181, 191).

Ein unbekanntes Kapitel: freiberufliche Säuglings- und Kinderpflege unter der NS-Verfolgung

Information zum „Arierparagraph“ in Sachsen auch für Kinder- und Säuglingsschwestern und Hebammen im Israelitischen Familienblatt, 20. Juni 1935 – Nachweis: IF 37 (1935) 25, S. 2, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582831
Information zum „Arierparagraph“ in Sachsen auch für Kinder- und Säuglingsschwestern und Hebammen im Israelitischen Familienblatt, 20. Juni 1935 – Nachweis: IF 37 (1935) 25, S. 2, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582831
Annonce in der Jüdischen Rundschau vom 16. Juli 1937 – Nachweis: JR 42 (1937) 56, S. 14, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653679
Annonce in der Jüdischen Rundschau vom 16. Juli 1937 – Nachweis: JR 42 (1937) 56, S. 14, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653679
Annonce einer freiberuflichen Säuglingspflegerin für Frankfurt a.M. in Der Israelit 28.01.1937 – Nachweis: It 78 (1937) 4, S. 16, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450965
Annonce einer freiberuflichen Säuglingspflegerin für Frankfurt a.M. in Der Israelit 28.01.1937 – Nachweis: It 78 (1937) 4, S. 16, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450965

„Neuzeitl.[iche] Kinderernährung, Säuglingsturnen, Nähen und Arbeit von Kindersachen perfekt, übern.[immt] auch Haushaltspflichten (…)“, inserierte eine 46jährige Krankenpflegerin in der Jüdischen Rundschau vom 16. Juli 1937 (JR 42 (1937) 56, S. 14) auf ihrer Suche nach einer Anstellung als Säuglings- und Kinderschwester. Unter der NS-Verfolgung mehrten sich im Arbeitsfeld der freiberuflichen jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in jüdischen Medien die Stellenannoncen und Stellengesuche. Pflegende jüdischer Herkunft hatten im Zuge der NS-Gleichschaltung oder „Arisierung“ von Kliniken und Kinder- und Säuglingsheimen ihren Arbeitsplatz verloren. Zugleich suchten junge jüdische Eltern dringend nach einer professionellen Betreuung ihrer Babys und Kleinkinder. Hieraus ergaben sich mitunter Optionen, gemeinsam mit den Arbeitgeber/-innen aus Nazideutschland zu emigrieren. Mit Blick auf das Exil ermutigen jüdische Gemeinden und Institutionen junge Frauen zum Beruf der Kinder- und Säuglingspflegerin.

Bericht von W.H. über das Säuglings- und Waisenheim der Women’s Zionist Organization in Jerusalem, Jüdische Rundschau, 21.06.1936 – Nachweis: JR 41 (1936) 6, S. 11, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653929
Bericht von W.H. über das Säuglings- und Waisenheim der Women’s Zionist Organization in Jerusalem, Jüdische Rundschau, 21.06.1936 – Nachweis: JR 41 (1936) 6, S. 11, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653929

In der Forschung fand die freiberufliche jüdische Säuglings- und Kinderpflege unter der NS-Verfolgung bislang wenig Beachtung. Für Frankfurt am Main sei an zwei in der Shoah vernichtete Frankfurter Ausbildungs-, Wohn- und Fürsorgestätten erinnert, welche besonders in der NS-Zeit Lehrgänge für die berufliche Kinder- und Säuglingspflege in Heimen oder Privathaushalten anboten und Kenntnisse in Krankenpflege vermittelten: die Jüdische Haushaltungsschule e.V. mit Mädchenwohnheim (1897 – um 1937, Königswarterstraße 20 [NS-Zeit: Quinckestraße]), vorwiegend getragen von weiblichen Mitgliedern der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (Höxter 1925; Laquer 1931; Schiebler 1994: 24), und das Israelitische Mädchenheim (1908 – um 1937, Taunusplatz 17), gegründet durch die Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith und geleitet von Logenschwester Dr. Camilla Burstyn-Tauber (1877[1879]–1951) (Wertheimer 1935; Seemann 2023: Kapitel 5).

Annonce für Säuglingskurse im Frankfurter Israelitischen Mädchenheim, 1934 – Nachweis: Central-Verein-Zeitung 12 (1934) 9, S. 371, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094408
Annonce für Säuglingskurse im Frankfurter Israelitischen Mädchenheim, 1934 – Nachweis: Central-Verein-Zeitung 12 (1934) 9, S. 371, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094408

Die hauswirtschaftliche Ausbildung in beiden Häusern legte bereits den Grundstein für spätere pflegerische und pädagogische Berufe (Schlesinger 1936); unter der NS-Verfolgung sollten Kinder- und Säuglingspflegekurse die Absolventinnen zunehmend auf die erzwungene Emigration und die Existenzbewältigung im Exil vorbereiten. In der deutsch-jüdischen Presse erschienen Inserate hilfesuchender Mütter und Väter, welche mit ihren Säuglingen oder Kleinkindern, auch wenn sie krank waren, aus Nazideutschland flüchten mussten. Sie suchten eine zuverlässige Pflegekraft, die sich zugleich als Haushälterin und Köchin bewährte.

Am Ende widmet sich der Beitrag zwei in der Shoah ermordeten Frankfurter Kinderpflegerinnen: Resi Jelen und Nelly Ginsberg, aus osteuropäisch-jüdischen Familien stammend, waren beide Schülerinnen der Jüdischen Haushaltungsschule. Der Vater von Resi (Rosa) Jelen (geb. 1916 in Frankfurt a.M. – [1943]) war Mitglied der bereits erwähnten neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft, Resi Jelen selbst im Jugendbund „Esra“ aktiv. Nach der Jüdischen Volksschule besuchte sie von 1931 bis 1933 die Jüdische Haushaltungsschule und arbeitete fortan als Kinderpflegerin bei einem Kinderarzt. Laut Angaben des Shoah Memorial Frankfurt wurde Resi Jelen „vermutlich 1943 zusammen mit ihrer Mutter in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager verschleppt. Datum und Umstände ihres Todes sind nicht bekannt“ (JM Ffm Shoah Memorial). Nelly (Nechama, Nechuma, Nelli) Ginsberg (1903 geb. in Wischnitz, Polen) war polnische Staatsangehörige und kam vermutlich 1908 als Kind nach Frankfurt am Main. Nach dem Besuch der Jüdischen Volksschule und seit etwa 1917 der Jüdischen Haushaltungsschule arbeitete sie als Kinderpflegerin und Haushälterin. Am 28. Oktober 1938 war sie sehr wahrscheinlich von den NS-Massenabschiebungen nach Polen (euphemistisch: „Polen-Aktion“) betroffen, konnte aber nach Frankfurt zurückkehren. „Von dort wurde Nelly Ginsberg am 11. November 1941 bei der zweiten großen Deportation aus Frankfurt in das Getto Minsk verschleppt, wo sie wahrscheinlich ermordet wurde“ (JM Ffm Shoah Memorial).
Zahlreiche Biografien aus der Kinder- und Säuglingspflege bleiben noch zu erforschen.

Nelly Ginsberg, ohne Jahr – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem
Nelly Ginsberg, ohne Jahr – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem

Wichtige Anregungen für diesen Beitrag verdankt die Verfasserin insbesondere den Forschungen der Historikerin Martina Hartmann-Menz und dem verdienstvollen Internetportal Shoah Memorial Frankfurt des Jüdischen Museums Frankfurt.

Birgit Seemann, März 2024

Quellen- und Literaturverzeichnis

Ungedruckte und digitalisierte Quellen

HHStAW: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
• Bestand 474/3 Nr. 936: Beschlagnahmung einer Sammlung für das Raphael und Jeanette Ettlinger-Heim, Verein für erholungsbedürftige jüdische Kinder E.V., in Hofheim am Taunus im Jahre 1936, Laufzeit: (1934–1937) 1938
• Bestand 518 Nr. 1274: Jüdische Gemeinde Hofheim: Raphael und Jeanette Ettlinger’sches Kinderheim
• Bestand 519/3 Nr. 16340: Stiftung zur Erziehung körperlich oder geistig gefährdeter israelitischer Kinder, Sitz: Frankfurt a.M. (Devisenakte, Laufzeit: 1939)

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
• Bestand A.02.01 Nr. 9574: Mathilde von Rothschild’sches Kinderhospital (Sachakte, 1938–1940, 1951)
• Bestand A.12.03 Nr. 686: Gagernstraße, Nr. 36: Israelisches [sic!] Krankenhaus: Erfassung der Hausbewohner, erstellt im 5. Polizeirevier (S. 477-480 fehlen) sowie Bestand A.12.03 Nr. 687 (eingeschränkte Nutzung beider Akten bis 2045)
• Bestand A.30.02 Nr. 223: Verein für gebrechliche oder verwahrloste bedürftige israelitische Kinder e. V. von 1916 bzw. Israelitischer Kinderhort (Laufzeit: 1916, 1934–1954)
• Bestand A.30.02 Nr. 244: Dr.-Karl-und-Mathilde-Kaufmann-Stiftung von 1916, Laufzeit 1916, 1934–1940 [„Für die Erholung sowie Behandlung kranker bedürftiger Kinder. 1939 eingegliedert in die Jugendfürsorgestiftung“, vgl. Arcinsys Hessen]
• Bestand A.30.02 Nr. 400: Mathilde von Rothschild’sches Kinderhospital: Zur unentgeltlichen Versorgung von israelitischen Mädchen. 1940 eingegliedert in die Reichsvereinigung der Juden (1903–1967) (enthält u.a. Satzungen von 1903 und 1927, als Ms. gedr.)
• Bestand A.62.02 Nr. 2141: Erwerb von 15 Grundstücken der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland durch die Stadt Frankfurt: Röderbergweg 77 (ehem. israelitische Versorgungsanstalt), Röderbergweg 87 (ehem. israelitisches Waisenhaus), Röderbergweg 93 (ehem. Ärztehaus des Rothschild‘schen Krankenhauses), Röderbergweg 97 (ehem. von Rothschild’sche Georgine Sara Stiftung für erkrankte fremde Israeliten), Röderbergweg 109 (ehem. Rothschild’sches Kinderhospital), Grundstück an der Habsburger Allee (Garten zum Kinderhospital Röderbergweg 109) (…). – (Sachakte, 1942–1943)

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Frankfurter Adressbücher online: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/nav/classification/8688176
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Literatur und Internetquellen [zuletzt aufgerufen am 23.03.2024]

Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt a.M.

Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt. – Bd. 1: Der Gang der Ereignisse – Bd. 2: Struktur und Aktivitäten der Frankfurter Juden von 1789 bis zu deren Vernichtung in der nationalsozialistischen Ära. Handbuch – Bd. 3: Biographisches Lexikon der Juden in den Bereichen: Wissenschaft, Kultur, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit in Frankfurt am Main. Darmstadt

Beddies, Thomas (Hg.) 2012: Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit / In memory of the children. Hg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ). Berlin

Dieckmann, Rebekka 2023: Psychiatrische Zwischenanstalten: Wartestationen auf den Tod. Forschungsprojekt zu NS-Euthanasie. [Mit Abb.]. Stand: 19.09.2023, https://www.hessenschau.de/gesellschaft/forschungsprojekt-zu-ns-euthanasie-psychiatrische-zwischenanstalten—wartestationen-auf-den-tod-v1,zwischenanstalten-104.html

Drexler-Gormann, Birgit 2009: Jüdische Ärzte in Frankfurt am Main 1933–1945. Isolation, Vertreibung, Ermordung. Frankfurt a.M.

Festschrift Krankenhaus Gagernstraße 1914: Festschrift zur Einweihung des Neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Historischer Teil von Dr. med. W. Hanauer, Baubeschreibung von den Architekten und Ärzten des Krankenhauses. Frankfurt a.M., Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300863

Flick, Klaus 2023: Albert Wolf. In: ders.: Die „Judenhäuser“ in Wiesbaden. Ghettoisierung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung 1939 bis 1942. Stand der Bearbeitung: 15.09.2023, https://moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/hermannstr-26/albert-wolf

Hanauer, Wilhelm 1914: Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt a.M. In: Festschrift Krankenhaus Gagernstraße 1914: 7-54

Hartmann-Menz, Martina o.J. [2023]: Semi Rothschild ein jüdischer Bewohner der Heilerziehungs-anstalt Kalmenhof. In: Gedenkort Kalmenhof: https://www.gedenkort-kalmenhof.de/biografien-1

Hebauf, Renate 2022: „Du wirst nach Amerika gehen“. Flucht und Rettung unbegleiteter jüdischer Kinder aus Frankfurt am Main in die USA zwischen 1934 und 1945. Frankfurt a.M.

Hinz-Wessels, Annette 2013: Antisemitismus und Krankenmord. Zum Umgang mit jüdischen Anstaltspatienten im Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013) 1: 65-92, online bei DNB Ffm OPAC: https://d-nb.info/1285199529/34

Höxter, Marie 1925: Neue Frauenberufe. In: Orden BB (1925) Nr. 6/7, S. 126-127, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/6074653

Hoppe, Dorothee 2023: Driesen, Otto. Stand: 28.6.2023. In: Frankfurter Personenlexikon: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/8375

Jüdische Kinderheilstätten 1937: Unsere Kinderlandverschickung. [Bericht o.Verf.]. In: HIG 13 (1937) 4, S. 4-5, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/5445093 [u.a. Israelitische Kinderheilstätte in Bad Nauheim; Ettlinger-Heim in Hofheim am Taunus mit Abb.]

Kalmenhof 1925: Frankfurter Berichte: Heilerziehungsanstalt Calmenhof in Idstein. [Aus dem Jahresbericht des Calmenhofs]. In: It 66 (1925) 19, S. 13, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450355

Kalmenhof 1930: Jüdische Pfleglinge in der Heilerziehungsanstalt Calmenhof in Idstein. In: JWS Bd. 1 (1930) 12, S. 482-483, online über DNB Ffm: https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1026606187#page/482/mode/1up

Karpf, Ernst 2003: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde an der Gagernstraße. Stand: 01.01.2003. In: ISG FFM: Frankfurt 1933–1945: https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/institutionen-juedischen-lebens/beitrag/krankenhaus-der-israelitischen-gemeinde-an-der-gagernstrasse

Kingreen, Monica 1999: Israelitische Kinderheilstätte und Jüdische Bezirksschule. In: Garmeister, Veronika u.a. (Hg., Bearb.): 100 Jahre Frankfurter Straße 103. 1899–1999. Festschrift aus Anlass der 100jährigen Nutzung des Gebäudes Frankfurter Straße 103. Bad Nauheim: 7-33

Kingreen, Monica/Eichler, Volker 2023: Die Deportation der Juden aus Hessen 1940 bis 1945. Selbstzeugnisse, Fotos, Dokumente. Aus dem Nachlass hg. u. bearb. v. Volker Eichler. Wiesbaden: Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen

Laquer, Lucie 1931: Jüdische Haushaltungsschule e.V. Frankfurt a.M. In: Orden BB Logenschwester 4 (1931) 3, S. 10-11, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/9579867

Lilienthal, Georg 2009: Jüdische Patienten als Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen. In: Medaon 3 (2009) 5: https://www.medaon.de/de/artikel/juedische-patienten-als-opfer-der-ns-euthanasie-verbrechen

Lilienthal, Saul 1936: Von Frankfurt zur Lahn. (Fortsetzung und Schluss). Von Lehrer S. Lilienthal – Wiesbaden. In: FIG 14 (1936) 10, S. 395-397: 396, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094436

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Online-Datenbanken und Internetquellen [zuletzt aufgerufen am 23.03.2024]

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: https://www.alemannia-judaica.de

Arcinsys Hessen: Archivinformationssystem Hessen: https://arcinsys.hessen.de

BArch Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

DGKJ Datenbank: DGKJ – Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945. Red.: Vera Seehausen (s. auch Seidler 2000 u. 2007)

DGSPJ: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ), https://www.dgspj.de

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), Online-Ausgabe: https://frankfurter-personenlexikon.de

Gedenkbuch JB Neu-Isenburg: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907–1942). Hg.: Stadt Neu-Isenburg. Red.: Heidi Fogel u. Esther Erfert-Piel, Website: http://gedenkbuch.neu-isenburg.de

Gedenkort Kalmenhof : Gedenkort Kalmenhof e.V. : https://www.gedenkort-kalmenhof.de

Gedenkbuch Thüringen: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Förderverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen e.V., Erfurt: Thüringer Gedenkbuch für die ermordeten Jüdinnen und Juden, https://menora.uni-jena.de/gedenkbuch

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: https://www.stadtgeschichte-ffm.de
– Archivbestand online: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/start
– Frankfurt 1933–1945: https://www.frankfurt1933-1945.de

JM Ffm Shoah Memorial: Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Shoah Memorial Frankfurt: https://www.shoah-memorial-frankfurt.de

Jüdisches Leben Ffm: Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main [Red.: Angelika Rieber [u.a.], https://www.juedisches-leben-frankfurt.de

Lagis Hessen: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS): https://www.lagis-hessen.de

Stolpersteine Ffm: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main: https://www.stolpersteine-frankfurt.de sowie https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine (Stadt Frankfurt am Main, Online-Datenbank)

Terezin Opferdatenbank: Terezin Initiative Institute, Opferdatenbank: https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holoaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Periodika

AZJ: Allgemeine Zeitung des Judentums

CVZ: Central-Verein-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum / C-V-Zeitung. Organ des Central-Vereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens

FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt

HIG: Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg

IF: Israelitisches Familienblatt

It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum

JR: Jüdische Rundschau. Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland

JWS: Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik – Zeitschrift der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (…)

Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung: https://www.medaon.de

NJP/FIF: Neue Jüdische Presse / Frankfurter Israelitisches Familienblatt

Orden BB: Der Orden Bne Briss. Mitteilungen der Großloge für Deutschland VIII U.O.B.B.

Orden BB Logenschwester: Die Logenschwester. Mitteilungsblatt des Schwesternverbandes der U.O.B.B. Logen/ Die Zeitschrift des Schwesternverbandes der Bnei Brith/ Bnë Briss

Erste Seite (oberer Abschnitt) des 3. Jahresberichts des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1913 (Künstler: Heinz Wetzel, 1858-1913, Margueritentag Frankfurt a.M., 11. Oktober 1910) – Foto nach Kopievorlage: Dr. Birgit Seemann, 11.08.2023

Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (1910–1925) und seine jüdische Geschichte

Für Rina

Einführung

Foto eines schlafenden Neugeborenen – © 2009 Catalin Bogdan, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bebelus-nou-nascut1.JPG?uselang=de [04.03.2024]
Foto eines schlafenden Neugeborenen – © 2009 Catalin Bogdan, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bebelus-nou-nascut1.JPG?uselang=de [04.03.2024]

Der Begriff der „Säuglingspflege“ umfasst auch in diesem Beitrag zugleich die „Säuglingskrankenpflege“ mit ihren vielfältigen Querverbindungen zur Säuglingsfürsorge. Bei der Differenzierung nach Altersklassen bewährt sich die Definition der heutigen Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hier angewandt auf kassenärztliche Leistungen. Danach betrifft die „Verwendung der Begriffe Neugeborenes, Säugling, Kleinkind, Kind, Jugendlicher und Erwachsener“ folgende Zeiträume (KBV: https://www.kbv.de/tools/ebm/html/4.3.5_162395004446927562274884.html [04.03.2024]):
– Neugeborenes bis zum vollendeten 28. Lebenstag;
– Säugling ab Beginn des 29. Lebenstages bis zum vollendeten 12. Lebensmonat;
– Kleinkind ab Beginn des 2. bis zum vollendeten 3. Lebensjahr;
– Kind ab Beginn des 4. bis zum vollendeten 12. Lebensjahr;
– Jugendlicher ab Beginn des 13. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr;
– Erwachsener ab Beginn des 19. Lebensjahres.

Von Beginn an widmete sich der damalige überkonfessionelle Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge der koordinierten Rettung und Versorgung benachteiligter und gefährdeter Neugeborener und Säuglinge – die Kleinsten und Schutzbedürftigsten eines Gemeinwesens und zugleich die Zukunft der Menschheit.

Erste Seite (oberer Abschnitt) des 3. Jahresberichts des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1913 (Künstler: Heinz Wetzel, 1858-1913, Margueritentag Frankfurt a.M., 11. Oktober 1910) – Foto nach Kopievorlage: Dr. Birgit Seemann, 11.08.2023
Erste Seite (oberer Abschnitt) des 3. Jahresberichts des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1913 (Künstler: Heinz Wetzel, 1858-1913, Margueritentag Frankfurt a.M., 11. Oktober 1910) – Foto nach Kopievorlage: Dr. Birgit Seemann, 11.08.2023

Aus eigenen Ressourcen und auf der Basis von Spendenaktionen eröffnete der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (im Folgenden: FVfS) im gesamten Frankfurter Stadtgebiet bis zu fünfzehn Beratungsstellen mit engagierten Ärzten und Ärztinnen, Pflegenden und ehrenamtlichen Helferinnen. 1910 dank einer Initiative im Frankfurter Ärztlichen Verein entstanden, gestaltete der FVfS als Netzwerk und eingetragener Verein eineinhalb Jahrzehnte lang die Sozial- und Pflegegeschichte seiner Stadt mit, bis das Frankfurter Stadtgesundheitsamt dessen segensreiche Arbeit in seine Struktur übernahm. Den FVfS trugen über alle religiösen Unterschiede hinweg namhafte Persönlichkeiten des Frankfurter Bürgertums, doch mangelt es bislang (Stand: März 2024) an eigenständigen Untersuchungen. Bemerkenswert war der hohe jüdische Anteil, welcher nach der Shoah ebenfalls in Vergessenheit „geriet“.

„Margueritentag“ in Frankfurt

Das Projekt startete mit einem „Margueritentag“ in Frankfurt am Main – diesen kündigte für den 11. Oktober 1910 neben anderen Frankfurter Medien auch das Frankfurter Israelitische Familienblatt vom 23. September 1910 an:

„Am 11. Oktober [1910] findet im Gebiet von Groß-Frankfurt eine neue und eigenartige Wohltätigkeitsveranstaltung statt. Frauen und Mädchen werden allenthalben Margaretenblüten, die Blumen der Barmherzigkeit, feilbieten zu niedrigem Preis, so daß jedermann sich mit ihnen schmücken kann und so sein Scherflein beitragen zum so bedeutungsvollen Werk der Säuglingsfürsorge, denn ihr soll der Ertrag zufließen. Gilt es doch, in Frankfurt – auf die Anregung des Ärztlichen Vereins hin – eine große Organisation der Säuglingsfürsorge zu schaffen, aufbauend auf dem schon Vorhandenen. Es gilt, die Krippen auszubauen, Mütterberatungsstellen zu schaffen und vor allen Dingen eine großzügige Propaganda für die natürliche Ernährung der Säuglinge einzuleiten. Das Ziel ist eine Verminderung der Säuglingssterblichkeit und ein Vorbeugen der Säuglingserkrankungen.“

(Margueritentag und Säuglingsfürsorge 1910)

Der „Margueritentag“ (auch: Margaretentag, Margeritentag, Blumentag) – u.a. benannt nach der als Schutzpatronin und Nothelferin verehrten Heiligen Margareta von Antiochien (3. Jahrhundert) – bezeichnet eine ganz besondere Spendenkampagne aus dem Bürgertum und seinen sozialen Vereinigungen zur Behebung drängender Missstände und zur Förderung der Wohlfahrt, insbesondere bei der Kinderversorgung. Hierbei galten Margeriten als die „Blumen der Barmherzigkeit“. Im Deutschen Reich fand der „Margueritentag“ unter der Schirmherrschaft von Kaiserin Auguste Viktoria und weiteren Mitgliedern des Kaiserhauses in der Hauptstadt Berlin und zahlreichen weiteren Städten statt.

Blumen-„Verkäuferinnen“ am „Margueritentag“ in Friedenau bei Berlin, hier veranstaltet durch den Vaterländischen Frauenverein, 06.05.1911 – Nachweis: Bundesarchiv, Bild 183-T0706-514 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-T0706-514,_Berlin-Friedenau,_Sammlung_am_Margueritentag.jpg
Blumen-„Verkäuferinnen“ am „Margueritentag“ in Friedenau bei Berlin, hier veranstaltet durch den Vaterländischen Frauenverein, 06.05.1911 – Nachweis: Bundesarchiv, Bild 183-T0706-514 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-T0706-514,_Berlin-Friedenau,_Sammlung_am_Margueritentag.jpg

Auf ihrem Online-Portal Garten-Literatur informiert Maria Mail-Brandt:

„Junge Mädchen aus dem Bürgertum putzten sich mit weißen Margeriten (oder den jeweils anderen Blumen) geschmückten Kleidern heraus und verteilten Kunstblumen gegen eine Spende. Erhaltene Postkarten und Plakate zeugen von aufwändig gestalteten Blumentagen in verschiedenen Städten wie Hannover, Bayreuth, Chemnitz, Berchtesgaden, Leipzig, Marburg und Trier, die zwischen 1910 bis zum Beginn des 1. Weltkrieges stattfanden.“

(Zitiert nach: Garten-Literatur: https://www.garten-literatur.de/Kalender/margaretentag.html)
Aufruf „Frankfurter Margueritentag“ in: Neue Jüdische Presse (Frankfurter Israelitisches Familienblatt) 8 (1910) 39, S. 15, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2692704
Aufruf „Frankfurter Margueritentag“ in: Neue Jüdische Presse (Frankfurter Israelitisches Familienblatt) 8 (1910) 39, S. 15, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2692704

In Frankfurt am Main stand der Margueritentag ganz im Zeichen der Säuglingsrettung – hier unter der Schirmherrschaft der mit dem Landgrafen von Hessen verheirateten Prinzessin Friedrich Karl von Hessen (Prinzessin Margarethe von Preußen, die jüngste Schwester des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.). Angesichts hoher Mortalität wurde Säuglingspflege zur patriotischen Pflicht erklärt: „400.000 Säuglinge sterben in unserem Vaterlande im 1. Lebensjahr[,] und unberechenbar viele verfallen späterem Siechtum durch die mangelhafte Fürsorge in ihrer ersten Lebenszeit“, vermeldet der obige Aufruf zum „Frankfurter Margueritentag“ im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 7. Oktober 1910 das erschreckende Ausmaß der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich. Es galt die Allgemeinheit „ohne Unterschied des Standes, der Konfession und der Partei“ aufzurütteln und die gesellschaftliche Notwendigkeit einer kompetenten Säuglingsfürsorge in das öffentliche Bewusstsein zu heben. Federführend für den Frankfurter Margueritentag des 11. Oktober 1910 war gemeinsam mit dem Krippenverein ein vom Frankfurter Ärztlichen Verein eigens für die „einheitliche Organisation der Säuglingsfürsorge“ gebildeter Ausschuss. Die Spendenaktion, ein überwältigender Erfolg, „brachte einen Reinerlös von mehr als 112.000 Mark“ (Thomann-Honscha 1988a: 120). Die Hälfte des Betrags als erste finanzielle Basis nutzend, gründete sich der Frankfurter Verein für Säuglingsfürsorge am 8. Dezember 1910. Zunächst vermutlich in Räumlichkeiten des Frankfurter Vereins für Hygiene untergebracht, befand sich seine Geschäftsstelle spätestens nach dem Ersten Weltkrieg in der Neuen Kräme 9 (UB JCS Ffm: Frankfurter Adressbücher: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/nav/classification/8688176).

Exkurs: Säuglingssterblichkeit und Säuglingspflege im Deutschen Reich

„[Im] Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Deutschland eine der höchsten Säuglingssterblichkeitsraten in ganz Europa aufzuweisen. (…) Die Säuglingssterblichkeit hatte in Deutschland im Durchschnitt der Jahre 1892–1895 gravierende 22,2 Prozent, 1901 dann 20,7 Prozent, 1902 immer noch 18,3 Prozent und 1903 wieder 20,4 Prozent betragen. Deutschland stand damit bezüglich der Höhe der Säuglingssterblichkeit mit Russland an letzter Stelle im europäischen Vergleich. In allen anderen Ländern blieb die Säuglingssterblichkeit unter 20 Prozent. (…) Als Ursachen gerieten vor allem die Mängel in der Ernährung und Pflege des Säuglings in den Fokus. So war zu dieser Zeit die Verabreichung von Mehlbrei und Zuckerwasser, die in der Regel am Morgen zubereitet und dann mehrmals täglich aufgewärmt wurden, sowie oft auch Branntwein oder Bier zur Ernährung des Säuglings durchaus üblich.“

(Gellrich 2012a: 127, 129)

Die Gründe für die hohe Säuglingssterblichkeit im Deutschen Kaiserreich bis in das 20. Jahrhundert können hier nur kurz angesprochen werden (in Auswahl Thomann-Honscha 1988; Dahlmann 2001; Fehlemann 2007; Vögele 2009; Gellrich 2012 u. 2012a; Blessing 2013; s. auch Bönisch 2022 u. 2023). In Deutschland war die Gesundheits- und Infektionsgefahr mit der „nachholenden“ dynamischen Industrialisierung im 19. Jahrhundert, Massenzuwanderung in die Städte, riskanter Lohnarbeit (u.a. mangelnder Arbeitsschutz, Unfälle, Erwerbsminderung ohne sozialversicherungsrechtliche Absicherung) und miserablen Wohnverhältnissen dramatisch gestiegen – was zugleich den Anstoß zum Auf- und Ausbau eines modernen Gesundheitswesens gab: „Traditionelle Formen der Lebensweise, Gesundheitspflege und Krankenfürsorge durch Familie und Dorfgemeinschaft lösten sich auf, Alternativen wurden notwendig“ (Dahlmann 2001: 5). Zuvor galt Säuglingssterblichkeit vielerorts als unvermeidliches Schicksal – wenn nicht gar „als Regulativ gegen Überbevölkerung im Rahmen einer natürlichen Selektion“ (ebd.: 8), das vermeintlich Schwächere und weniger Lebensfähige betraf. Als sich um die Jahrhundertwende ein Geburtenrückgang ankündigte, wuchs in den Eliten und dem Bürgertum allerdings die Befürchtung, dass drohender Arbeitskräfte- und Soldatenmangel womöglich die Zukunft der deutschen Nation gefährde. Vor diesem Szenario konnten Kinderärzte Überzeugungsarbeit leisten, dass sich Investitionen in das Überleben des einzelnen Säuglings wie Kosten für Arzt, Hebamme und die Ernährung des Säuglings sich gesellschaftlich „lohnten“. Eine Säuglingsfürsorgebewegung entstand, in der „neben der Kaiserin und hohen Staatsbeamten auch Teile der Ärzteschaft, führende Kommunalbeamte, lokale Honoratioren, konservative Frauenvereine sowie Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung“ zusammenwirkten (Fehlemann 2007: 13). Zugleich war hier, wie der Medizinhistoriker Paul Weindling kritisch anmerkt, „eine breite Unterstützungsbasis vorhanden, die dem Ziel der herrschenden Eliten dienen sollte, tiefe gesellschaftliche Widersprüche des Kaiserreichs zu neutralisieren“ (zit. n. ebd.). Die Modernisierung der Kinderheilkunde und Säuglingsfürsorge und -pflege mit neuen Berufsfeldern drängte die „traditionelle“ Hebamme zunehmend in den Hintergrund (ebd.: 260-279). Im Wissenschafts- und Universitätsbereich differenzierte sich das Fachgebiet der Kinder- und Sozialmedizin aus; Lehrstühle wurden geschaffen und gemäß der damaligen Geschlechterhierarchie männlich besetzt, während die Pflege „weiblich“ konnotiert blieb:

„Zunächst ist der Beruf der Säuglingspflegerin beziehungsweise der Säuglingskrankenpflegerin zu nennen. Hier kam es früh (…) zu einer Zweiteilung. Danach war die Säuglingspflegerin für die Pflege des gesunden Säuglings in der Familie zuständig, die Säuglingskrankenpflegerin für die Pflege des kranken Säuglings in der Anstalt. Daneben entstand der Beruf der Säuglingsfürsorgerin. Diese arbeitete mit dem Arzt in den neu entstandenen Mütter- und Säuglingsfürsorgestellen, machte Hausbesuche, kontrollierte die Befolgung ärztlicher Anweisungen und war für eine Reihe organisatorischer Aufgaben zuständig. (…) Vom Ende der 1890er Jahre, als erstmals in Deutschland Säuglingspflegerinnen ausgebildet wurden, bis 1930, als im Bereich der Pflegeberufe die Ausbildung zur Säuglings- und Kinderpflegerin bzw. Säuglings- und Kinderkrankenschwester als erste reichseinheitlich geregelt worden war, begann sich auch die Säuglingsfürsorge in Deutschland zu entwickeln und sich schließlich in der Weimarer Republik als Teil der öffentlichen Gesundheitsfürsorge fest zu etablieren. Es waren die nationale Relevanz und die große öffentliche Präsenz der Säuglingsfürsorge, die die Professionalisierung der Pflegeberufe auf diesem Gebiet entscheidend beförderten.“

(Gellrich 2012a: 127f.)

Aus der Säuglingsfürsorgebewegung hervorgegangene Vereinigungen wie der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge widmeten sich primär der „offenen Fürsorge“, wozu vor allem die Schaffung von Standorten zur Mütterberatung und zur Verteilung von Säuglingsmilch zählten: „Die Fürsorgestellen waren das wichtigste Instrument der Säuglingsfürsorgebewegung. (…) Insbesondere seit 1904/5, als die Senkung der Säuglingssterblichkeit als nationale Aufgabe etabliert wurde, ist der Ausbau dieser Institutionen vorangetrieben worden“ (Fehlemann 2007: 298). Die Angebote richteten sich vor allem an Bedürftige und Industriearbeiter/innen. Eine weitere „besondere Zielgruppe innerhalb der Mütter- und Säuglingsfürsorge waren die unverheirateten Mütter. Ihre spezielle Rolle wurde damit begründet, dass bei den unehelich geborenen Kindern die Säuglingssterblichkeit besonders hoch war“ (ebd.: 309). Hier fand die Frauenrechtlerin Anna Pappritz (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Pappritz) deutliche Worte und

„berichtete von den zahlreichen Vergewaltigungsopfern, die in den Anstalten Aufnahme fanden, von den noch unkonfirmierten, also unter 14-jährigen schwangeren Mädchen. ,Andere wieder kommen durch die schrecklichen Wohnungsverhältnisse in ihre traurige Lage. Man findet in fast jedem Wöchnerinnenheim halbe Kinder von 14-16 Jahren, die von Verwandten oder Schlafburschen missbraucht wurden’. (…) Obwohl unter den unehelichen Müttern in Dresden die Fabrikarbeiterinnen die weitaus größte Gruppe bildeten, stellten vor allem Dienstmädchen die Klientel der Versorgungshäuser. Dies lag nicht zuletzt an den besonderen Lebensumständen dieses Berufes. Anders als die Fabrikarbeiterinnen verloren sie bei einer Schwangerschaft nicht nur die Arbeit, sondern auch die Wohnstätte.“

(Ebd.: 328)

Große Sorge bereitete darüber hinaus der enorme Anstieg der Säuglingssterblichkeit bis zu 40 Prozent während sommerlicher Hitzewellen in den Städten, vor allem hervorgerufen durch Magen-Darm-Störungen wie Erbrechen. Zum tragischen Höhepunkt wurde in Deutschland und Europa das Hitzejahr 1911 mit Wasserknappheit, Ernteverlusten und erhöhten Lebensmittelpreisen für Grundnahrungsmittel.

Gemäß der statistisch fundierten Überzeugung, dass eine durch wissenschaftliche Erkenntnisse fundierte Ernährung des Säuglings mit Muttermilch (anstelle der von Unternehmen wie etwa Nestlé angepriesenen künstlich erzeugten Ersatzmilch) die Konstitution des Säuglings stärke und die Sterblichkeit senke, propagierte die Säuglingsfürsorgebewegung eine Rückkehr zum Stillen (zur Kulturgeschichte des Stillens etwa Seichter 2020). Hier verwiesen sozial engagierte Mediziner/innen auf häufige Ursachen von Stillverweigerung bis hin zur Stillunfähigkeit: Armut, Unterernährung, mangelnde Hygiene, außerhäusliche Frauenlohnarbeit ohne Still-Räume. Dringend empfahlen sie eine Verbesserung der Lebensbedingungen hinsichtlich „Wohnungshygiene, Wasserversorgung, Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, gesetzliche[] Regelungen zum Arbeiterinnen- und Mutterschutz“ (Fehlemann 2007: 281). Auch wenn etwa der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge seine Zielgruppen ungeachtet ihrer Herkunft und Schichtzugehörigkeit ansprach, lag der Fokus der Beratungsstellen auf den unterprivilegierten Müttern; nebenamtlich tätige Ärzte und Ärztinnen arbeiteten mit ausgebildeten Krankenschwestern und Fürsorgerinnen Hand in Hand. Neben der Gesundheitsberatung der Mütter wurden die Säuglinge medizinisch untersucht, Stillgelder und saubere Milch verteilt, Säuglingskurse sowie gegebenenfalls Hausbesuche von Fürsorgerinnen organisiert. Vermittelt wurden Kenntnisse wie das richtige Anlegen des Säuglings, Brustwarzenpflege und Stundenpläne für geregelte Mahlzeiten. Aus „Anlage oder Milieu“, wie 1923 die Sozialwissenschaftlerin und Reformerin der Säuglingsfürsorge Dr. Marie Baum (eine Nachfahrin des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn, Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Baum) formulierte, ergaben sich allzu häufig

„Überfütterung (…), falsche Zusammensetzung der künstlichen Nahrung oder Beikost, mangelhafter Stillwille, der berüchtigte Schnuller, der ‚lange Sauger’, das schwere Federbett, das Wickelband, der Mangel eines eigenen Bettchens, Standort des Bettchens am Herd oder Ofen, mangelhafte Lüftung – wer vermag alle die Quälereien aufzuzählen, die meist in guter Absicht das arme Opfer treffen!“

(Zitiert nach: Fehlemann 2007: 286)

Während des Ersten Weltkrieges wurde die Säuglingsfürsorge im Kaiserreich, wie der Medizinhistoriker Jörg Vögele ausführt, keineswegs eingeschränkt, sondern im Gegenteil weiter ausgebaut:

„Wenn schon die Hitzewelle 1911 als Argument genutzt wurde, sich stärker um das Wohl der Säuglinge zu kümmern, so verstärkte sich dies durch erneut steigende Säuglingssterberaten unmittelbar nach Ausbruch des Krieges. Zahlreiche fürsorgerische Maßnahmen wurden in die Wege geleitet, und tatsächlich ging die Säuglingssterblichkeit insbesondere in den Städten in den folgenden Jahren 1915 und 1916 signifikant zurück, was im Wesentlichen auf ein verändertes Stillverhalten zurück zu führen ist. (…) Die Arbeit der Beratungsstellen wurde so in das öffentliche Leistungsangebot integriert. Daraus erwuchs ein enormer Ausbau von Säuglingsfürsorgestellen während des Ersten Weltkrieges.“

(Vögele 2009: 75f.)

Die Säuglingspflege galt jetzt vermehrt als „nationale und patriotische Pflicht (…). Noch während des Krieges kam es schließlich zur ersten reichseinheitlichen Regelung bezüglich der Ausbildung in der Säuglingspflege“ (Gellrich 2012a: 143). Die Historikerin Silke Fehlemann beschreibt in ihrer Düsseldorfer Dissertation Armutsrisiko Mutterschaft. Mütter- und Säuglingsfürsorge im Deutschen Reich 1890–1924 den enormen Ausbau der Säuglings- und Kleinkinderversorgung:

„Insgesamt waren in den Kriegsjahren 1.274 neue Säuglingsfürsorgestellen eingerichtet worden, von denen allein 1.020 auf die Jahre 1917/18 fielen. Die Kriegsfolgen auf die Gesundheit der Säuglinge wurden kontrovers diskutiert. (…) Richtig deutlich zeigten sich die Kriegsfolgen jedoch bei den Kleinkindern anhand von Krankheiten wie Rachitis, Tuberkulose und anderer Infektionskrankheiten. Insofern wurde die Säuglingsfürsorge schon während des Ersten Weltkrieges auf vielen Ebenen durch die Kleinkinderfürsorge ergänzt.“

(Fehlemann 2007: 341)

Nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen immensen Verlusten an Menschenleben wurde die Säuglingsfürsorge zunehmend unter dem Aspekt bevölkerungspolitischer und sozialhygienischer Maßnahmen betrachtet. In der Weimarer Republik fand angesichts des drohenden Bankrotts vieler Wohlfahrtsinstitutionen infolge Krieg und Hyperinflation eine Koordinierung und Zentralisierung des Gesundheits- und Wohlfahrtswesens statt. Die Mütter-, Säuglings-, Kinder- und Jugendfürsorge wurde weiter ausgebaut und in Städten wie Frankfurt am Main, die über ein eigenes Gesundheitsamt verfügten, dort angesiedelt. 1924 trat das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz in Kraft als ein „umfassendes Regelwerk, das von der Säuglingsfürsorge über die Fürsorgeerziehung und die Vormundschaft bis hin zur Jugendgesundheitsfürsorge zentrale Fragen der Jugendfürsorge erstmals gesetzlich organisierte“ (Fehlemann 2007: 348). Am 28. Juli 1925 wurde das Reichsgesetz über den Ausbau der Angestellten- und Invalidenversicherung und über Gesundheitsfürsorge in der Reichsversicherung wirksam. Die Reformen scheiterten letztlich an der Weltwirtschaftskrise; um sich greifende eugenische Vorstellungen öffneten die Falltore für die mörderische völkische Rassenhygiene des Nationalsozialismus.

Unter den Fittichen des auch als Stadtverordneter kommunalpolitisch aktiven Kinder- und Sozialmediziners Wilhelm Hanauer waren die zuletzt fünfzehn Beratungsstellen des 1925 aufgelösten Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge in die Struktur des Frankfurter Gesundheitsamtes integriert worden. Sein Kollege Heinrich Rosenhaupt, ebenfalls Mitbegründer des Verbands und 1921 Stadtarzt am Frankfurter Gesundheitsamt, war bereits 1922 an das neu gegründete Mainzer Gesundheitsamt gewechselt (Frost 1995).

Adolf Deutsch, Wilhelm Hanauer, Heinrich Rosenhaupt: zur jüdischen Geschichte des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge

Auch aus heutiger Sicht ist der hohe jüdische Anteil an der Säuglingsfürsorgebewegung in Deutschland signifikant. Dies schließt neben den Mediziner/-innen, Pflegenden, Fürsorgerinnen und Akteurinnen der Frauenbewegung (für Frankfurt a.M. Seemann 2023b) auch beteiligte Unternehmen ein. Großen Teilen des Bürgertums war selbst an der Gesundheit und Leistungskraft seiner Bediensteten und Arbeiter/innen und ihrer Familien gelegen; einige Firmen behandelten soziale Fragen als programmatische „Chefsache“ und widmeten sich etwa der betrieblichen Säuglingsfürsorge. Dies war finanzkräftigen Konzernen wie Henkel (Düsseldorf), Bayer (Leverkusen) oder BASF (Ludwigshafen) möglich. Als ein herausragendes Beispiel hebt Silke Fehlemann das Unternehmen Karl Bensinger (Rheinische Gummi- und Celluloid-Fabrik Mannheim-Neckerau) hervor:

„Bensinger verfügte über eine Entbindungsanstalt, eine Milchküche und ein Säuglingsheim. Um die Arbeiterinnen, wie es ein firmeninternes Merkblatt formulierte, zu ihrer heiligsten Pflicht, dem Stillen, zu animieren, wurden die Arbeitspausen verlängert, um der Arbeiterin die Möglichkeit zu geben, ihren Säugling in diesen Pausen selbst zu ernähren. Dieser umfassende Ansatz stellt eine absolute Ausnahme dar.“

(Fehlemann 2007: 294)

Hier handelte es sich interessanterweise um ein jüdisch gegründetes Unternehmen (Alemannia Judaica Mannheim: https://www.alemannia-judaica.de/mannheim_personen.htm; Geni: https://www.geni.com/people/Karl-Bensinger/6000000028161492637; s. auch Marchivum: https://scope.mannheim.de/detail.aspx?ID=751028 [letzte Aufrufe am 04.03.2024]). Richten wir den Blick wieder auf den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, finden wir in dessen Mitgliederverzeichnis die Namen der Gebrüder Albert und Fritz Sondheimer sowie von Louis Feist (UB JCS Ffm: Jahresberichte FVfS 1913) – die beiden Teilhaber und der Prokurist des orthodox-jüdisch geführten Metallkonzerns Beer, Sondheimer u. Co.. Hier lag die Motivation über praktische Erwägungen hinaus in der Erfüllung des jüdischen Gebots der Zedaka (soziale Gerechtigkeit durch Wohlfahrt und Ausgleich).

Ein hoher Anteil: Pionier/-innen der Säuglings- und Kinderheilkunde in Deutschland mit jüdischer Herkunft

Die ärztlichen Pioniere und Pionierinnen einer eigenständigen, modernen und lebenserhaltenden Säuglingskrankenpflege und -fürsorge in Deutschland stammten zu einem erheblichen Teil aus der jüdischen Minderheit. Dem hiesigen Nestor der Geschichte der Kinderheilkunde Eduard Seidler (1929–2020) zufolge waren im Deutschen Reich um 1933 insgesamt zwischen 15 und 16 Prozent der Ärztinnen und Ärzte jüdischer Herkunft – bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil von lediglich 0,9 Prozent (Seidler 2000: 15). Bevorzugt engagierten sie sich im Fachgebiet Kindermedizin; 611 von 1.253 aus verschiedenen Quellen nachgewiesenen deutschen Pädiater/-innen fielen nach der NS-Machtübernahme unter die Nürnberger „Rassegesetze“: „Dies sind 48,8% – nahezu jeder zweite Kinderarzt in Deutschland war oder galt als Jude (…). Der jüdische Kinderarzt gehört vielfach noch zum Erinnerungsgut derjenigen, die zu dieser Zeit noch Kinder waren“ (ebd). Was den Frauenanteil betraf, waren 1930 45,7 Prozent aller Fachärztinnen Kinderärztinnen (bei einem Gesamtanteil an der damaligen Ärzteschaft von nur 6,3 Prozent im Jahr 1932). Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten betrug der Frauenanteil an den antisemitisch verfolgten Pädiater/-innen nahezu ein Drittel (32 Prozent). In Berlin praktizierten 1933 74 jüdische Kinderärztinnen, in Breslau elf, in Frankfurt a.M. dreizehn, in Hamburg acht (ebd.: 22). Der 1924 zur Behebung der Frauenbenachteiligung im Medizinberuf begründete Bund Deutscher Ärztinnen (heute Deutscher Ärztinnenbund e.V.: https://www.aerztinnenbund.de [04.03.2024]) bestand 1933 „zu fast zwei Dritteln aus ,nichtarischen’ Mitgliedern“ (ebd.). Zu den möglichen Gründen für diese hohe Repräsentanz zählt Andrea Autenrieth in ihrer Dissertationsstudie über NS-verfolgte Mediziner/innen am Dr. von Haunerschen Kinderspital (München) neben sozialen und humanitären Zielen auch die Möglichkeit, die neuen Fachgebiete und Berufsfelder der Säuglings-, Kinder- und Sozialmedizin außerhalb der bis zum Ersten Weltkrieg und darüber hinaus häufig antisemitisch agierenden Universitäten zu etablieren (Autenrieth 2012: 90ff.). Dies gelang so erfolgreich, dass sich nach dem Ersten Weltkrieg auch die Hochschulen öffneten und die ersten Lehrstühle für Kinder- und Sozialmedizin einrichteten. An die eindrucksvollen Projekte dieser Vorkämpfer/innen – nicht wenige befanden sich später unter den Verfolgten, Vertriebenen und Ermordeten des Nationalsozialismus – erinnert der Neuropädiater Michael Straßburg:

„Ab Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich vor allem jüdische Kinderärzte für den Auf- und Ausbau sozialpädiatrischer Einrichtungen verdient gemacht. Neben Arthur Schloßmann in Dresden waren dies u.a. Hugo Neumann und Heinrich Finkelstein in Berlin sowie Max Taube in Leipzig mit der vorbildlichen Betreuung von kranken Neugeborenen und Säuglingen sowie der Einrichtung von Mütterberatungsstellen. Gustav Tugendreich aus Berlin hat in einem ausführlichen Handbuchartikel zusammen mit Max Mosse am Beispiel der kindlichen Tuberkulose die Zusammenhänge von Krankheiten und sozialer Lage publiziert.“

(Straßburg 2012; s. auch ders. 2022)

1898 begründete Arthur Schloßmann mit dem Dresdner Säuglingsheim das erste Hospital für kranke Säuglinge in Deutschland (Dorothea Eickemeyer in: Sächsische Biografie, https://saebi.isgv.de/biografie/Arthur_Schlo%C3%9Fmann_(1867-1932); s. auch Blessing 2013; Bönisch 2022; DGKJ Datenbank; Wikipedia mit Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Schlo%C3%9Fmann). Gustav Tugendreich (1948 im Exil von Los Angeles verstorben) gehörte 1909/10 zu den Herausgebern des wegweisenden Handbuchs Die Mutter- und Säuglingsfürsorge (Benjamin Kuntz in: Kinderärztliche Praxis 89 (2018) 3, S. 206-208, online: https://www.kinderaerztliche-praxis.de/a/gustav-tugendreich-erinnerung-an-einen-wegbereiter-der-modernen-sozialpaediatrie-1891857; DGKJ Datenbank). Adolf Baginsky leitete als Mitbegründer und langjähriger Direktor das Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus zu Berlin (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Baginsky). Jüdisch geboren war auch der später getaufte Leo (Leopold) Langstein, Direktor des Kaiserin-Auguste-Victoria-Hauses, Präsident der Reichsanstalt zur Bekämpfung der Kinder- und Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich und der erste Vorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DGKJ Datenbank; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Langstein). Erwähnt seien noch Lucie Adelsberger, welche über Die Verdauungsleukocytose beim Säugling promovierte (Kuntz 2020; Wikpedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Lucie_Adelsberger), Georg Peritz, ein vergessener Wegbereiter der Neuropädiatrie und Autor des erstmals 1912 veröffentlichten Standardwerks Die Nervenkrankheiten des Kindesalters (Straßburg/ Kuntz 2020) oder Kurt Huldschinsky, welcher erfolgreich die Rachitis bei Kindern bekämpfte (Kuntz 2021; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Huldschinsky) [letzter Aufruf aller Links am 04.03.2024].

Zu diesem innovativen Kreis gehörten mit Heinrich Rosenhaupt, Wilhelm Hanauer und Adolf Deutsch auch die drei Hauptinitiatoren des überkonfessionellen Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge. Über dessen Gründungsmotive informiert der sehr wahrscheinlich von Heinrich Rosenhaupt (s. auch ders. 1912) verfasste erste Jahresbericht:

„Wissenschaftliche Vorträge der Herren Dr. Hanauer und Dr. Deutsch und anschließende Diskussionen im Frankfurter Ärztlichen Verein hatten die Aufmerksamkeit des Vereins auf eine empfindliche Lücke in der sozialen Fürsorge in unserer Stadt gelenkt. (…) Die reichen Erfahrungen der letzten Jahre auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge ergeben die überwiegende Bedeutung der offenen Fürsorge für die Lösung dieses Problems, das für den Bestand und die Kraft unseres Volkes von ausschlaggebender Bedeutung ist. Mehr als 400.000 Säuglinge sterben im ersten Lebensjahre in unserem Vaterlande. 1.600 in Frankfurt a.M.! Darunter Hunderte gesunder Kinder, die ärztliche Aufsicht und geeignete Fürsorge hätten am Leben erhalten können. Mangelhafte Pflege legt den Keim zu langjährigem Siechtum in so manches Kind, dessen späteres trauriges Dasein eine Folge von Verhältnissen ist, die zum großen Teil durch frühzeitige ärztliche Beratung und soziale Fürsorge auszugleichen gewesen wären.
Bei der Vorbesprechung über eine großzügige Organisation der Säuglingsfürsorge in Frankfurt meldeten sich 70 Ärzte, die bereit waren, dessen Aufgabe durch ihre Mitarbeit zu fördern.“

(FVfS 1911 [Hervorhebungen im Original])

Während aus der sozialen Fürsorge u.a. der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge e.V. zu den Vorreitern zählte, war es auf medizinischem Gebiet der oben erwähnte Frankfurter Ärztliche Verein und damit die Standesorganisation der in Frankfurt a.M. ansässigen Ärzte und Ärztinnen (vgl. zu der noch weiter zu erforschenden Geschichte des Ärztlichen Vereins Flehr 1982; Thomann-Honscha 1988a; Hafeneger u.a. 2016; ISG FFM V48 Nr. 332). Dort hatte sich Dr. Heinrich von Mettenheimer (auch: Mettenheim, 1867–1944) – zu dieser Zeit Leiter des Christ’schen Kinderhospitals, danach der Städtischen Kinderklinik im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, bis 1935 Ordinarius für Kinderheilkunde und Direktor der Universitäts-Kinderklinik, „März 1935 vorzeitige Entlassung und Emeritierung wegen jüdischer Herkunft der Ehefrau“ (DGKJ Datenbank) – schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine allgemeine Säuglingsfürsorge in Frankfurt a.M. eingesetzt, um die Säuglingssterblichkeit zu senken. In einem weiteren im Ärztlichen Verein gehaltenen Referat (1906) sagte Sanitätsrat Dr. med. John Rothschild (1869 – 1951 im Exil von Key Gardens/ New York, vgl. DGKJ-Datenbank), einer der ersten niedergelassenen Frankfurter Kinderärzte und langjähriger Stadtschularzt, der Propagierung künstlicher Säuglingsnahrung den Kampf an und empfahl dringend die Förderung des Stillens (Thomann-Honscha 1988b: 113f.).

Anders als Dr. Rothschild befürwortete Dr. Heinrich Rosenhaupt, Gründer und Leiter der ersten privaten Fürsorgestelle für Mütter und ihre Säuglinge in Frankfurt, den systematischen Ausbau weiterer Beratungsstellen; ungeachtet der Kontroverse schloss sich auch Dr. Rothschild später den beratenden Ärzten des FVfS an. Im Ärztlichen Verein referierte 1908 Dr. Adolf Deutsch, Leiter der Säuglingsberatungsstelle am Israelitischen Gemeindehospital (Königswarterstraße), über die Bedeutung von Säuglings-Milchküchen im Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit. Und Dr. Wilhelm Hanauer „lieferte 1909 mit seinem wissenschaftlichen Vortrag über Säuglingssterblichkeit in Frankfurt am Main wichtige statistische und epidemiologische Daten“ (Thomann-Honscha 1988b: 114; vgl. Hanauer 1910a, 1910b, 1911). Als Resultat dieser nachhaltigen Bemühungen wählte der Ärztliche Verein eigens eine Kommission, welche mit dem Anliegen einer organisierten Säuglingsfürsorge mit „allen interessierten Behörden, Instituten, Vereinen und Personen“ in Kontakt trat (ebd.: 119). Trotz staatspolitisch bedingter Vorbehalte seitens des Frankfurter Oberbürgermeisters Franz Adickes als dem damaligen Vorsitzenden der (heute noch bestehenden) Wilhelm und Auguste Viktoria Stiftung für Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main gegen eine neue kommunal angelegte Organisation veranstaltete der Ärztliche Verein, wie oben erwähnt, am 11. Oktober 1910 mit dem Krippenverein den „Margueritentag“ und rief am 8. Dezember 1910 den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge ins Leben.

Dieser Erfolg im Dienste der Kinderrettung verdankte sich hauptsächlich den jüdischen Kinderärzten im Frankfurter Ärztlichen Verein, allen voran Dr. Rosenhaupt, Dr. Deutsch und Dr. Hanauer. Wie auch ihren Kollegen Dr. Rothschild trieben sie neben der Sorge um das Überleben und die Gesundheit Neugeborener, die soziale Not ihrer Mütter und den Fortbestand einer leistungsfähigen deutschen Nation ebenso jüdische Anliegen um: Als gläubige Juden erfüllten sie mit ihrem Engagement für die Kranken und die Schwächsten der Gesellschaft zugleich die Mitzwot (religiöse Gebote und Pflichten) der Zedaka und der Gemilut Chessed (Taten der Nächstenliebe). Adolf Deutsch, Wilhelm Hanauer und John Rothschild waren nachweislich Brüder der Frankfurt-Loge des B’nai B’rith („Söhne des Bundes“ [mit Gott]), einem jüdischen Orden, der sich gemeinsam mit seinen Schwesternvereinigungen unter dem Dach von Zedaka, Bildung und Kultur für den Zusammenhalt und die humanitäre Fortentwicklung der von Antisemitismus, „Assimilation“ und Konversion (Taufe) bedrohten deutsch-jüdischen Minderheit einsetzte (Gut 1928; Seemann 2023c). Dies schloss die Fürsorge für die jüdischen Nachkommen ein (deren Sterblichkeit statistisch gesehen unterhalb der Mortalität christlicher Säuglinge lag). Zu diesem Themenfeld hatte Regierungsrat Ludwig Knöpfel (gest. 1939), Experte und von 1920 bis 1924 Leiter der Großherzoglichen Zentralstelle für die Landes-Statistik (heute das Hessische Statistische Landesamt), mehrere Fachbeiträge in der vom Bureau für Statistik der Juden herausgegebenen Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden publiziert (Knöpfel 1910, 1913, 1914a u. 1914b; s. in Auswahl auch Hanauer 1919, 1924, 1928 sowie Bureau für Statistik der Juden 1908; Fürth 1916; Löffler 1916).

Adolf Deutsch

Im Folgenden werden Adolf Deutsch, Wilhelm Hanauer und Heinrich Rosenhaupt, deren Leistungen für die Stadt Frankfurt am Main (und bei Dr. Rosenhaupt auch für Mainz) als Nachwirkung der Shoah noch heute zu wenig bekannt sind, kurz vorgestellt. So hatte sich Sanitätsrat Dr. med. Adolf Deutsch (1868–1942) auf innere und Kinderkrankheiten spezialisiert. Er war ein entschiedener Förderer der beruflichen jüdischen Krankenpflege und viele Jahre lang Vorsitzender des von ihm mitbegründeten ersten Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen in Deutschland (Frankfurt a.M.); in dieser Funktion leitete er auch die von Müttern aller Konfessionen aufgesuchte Säuglingsberatungsstelle mit Säuglings-Milchküche im jüdischen Krankenhaus und Schwesternhaus. 1892 hatte sich Dr. Deutsch nach seiner Heidelberger Promotion über „kryptogene Sepsis“ (Blutvergiftung mit unbekanntem Infektionsherd) als praktischer Arzt in Frankfurt niedergelassen und behandelte zudem als Assistenzarzt am Israelitischen Gemeindehospital Königswarterstraße. Dort und im nachfolgenden neuen jüdischen Gemeindekrankenhaus Gagernstraße leitete er von 1895 bis zu ihrer inflationsbedingten Schließung 1923 die Polikliniken. Als Armenarzt der Israelitischen Gemeinde versorgte er voller Hingabe jüdische wie nichtjüdische Frankfurter/innen und gehörte darüber hinaus dem Vorstand des Krankenunterstützungsvereins Bikkur Cholim an. 1931 wählte ihn der Frankfurter Ärztliche Verein zum Vorsitzenden. Trotz aller Verdienste liegt von Adolf Deutsch bislang kein Foto vor, die biografischen Informationen sind spärlich. Doch findet sich anlässlich seines 70. Geburtstages ein Beitrag im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt, verfasst von seinem langjährigen Kollegen, zeitweiligen Vorgesetzten sowie Logenbruder Prof. Dr. Simon Isaac (Chefarzt der inneren Abteilung und später des gesamten Jüdischen Krankenhauses Gagernstraße): Die Würdigung betraf einen „der bekanntesten Ärzte unserer Stadt, der in früheren Jahren auch eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten, meist chirurgischen Inhalts[,] veröffentlicht hat (…)“ (Isaac 1938: 11). Einige Monate vor dem Novemberpogrom 1938 musste der hochangesehene Mediziner mit 70 Jahren aus Nazideutschland flüchten. Dr. Adolf Deutsch verstarb 1942 im englischen Exil von Oxford (s. auch Entschädigungsakte HHStAW 518/ 10261; Kallmorgen 1936; Drexler-Gormann 2009).

Wilhelm Hanauer

Wilhelm Hanauer, ohne Jahr – Nachweis: Heuer, Renate/ Wolf, Siegbert (Hg.) 1997: Die Juden der Frankfurter Universität. Frankfurt a.M., New York: 151 (UAF Bestand 854 Nr. 484, Urheber unbekannt)
Wilhelm Hanauer, ohne Jahr – Nachweis: Heuer, Renate/ Wolf, Siegbert (Hg.) 1997: Die Juden der Frankfurter Universität. Frankfurt a.M., New York: 151 (UAF Bestand 854 Nr. 484, Urheber unbekannt)

Den ebenfalls höchst renommierten praktischen Arzt, Kinderarzt, Arbeits- und Sozialmediziner sowie Stadtverordneten und Kulturförderer Sanitätsrat Prof. Dr. Wilhelm (Wolf) Hanauer (1866–1940) benannte der Frankfurter jüdische Historiker Paul Arnsberg als einen „Vorkämpfer der sozialen Ausgestaltung der Tuberkulosefürsorge in Frankfurt a.M.“ (Arnsberg 1983 Bd. 3: 175-176; s. auch Heuer/ Wolf 1997: 151-153; Schembs 2007: 79-80; Walter 2014; Elsner 2017; Blum 2020; Seemann 2023c; JM Ffm: Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm). Die Frankfurter Universität berief Wilhelm Hanauer infolge seiner Habilitation und weiterer herausragender Fachpublikationen zum außerordentlichen Professor eines neuen Wissenschaftszweigs: der Sozialmedizin. In der Frankfurter Israelitischen Gemeinde bekleidete er als Vertreter der Gemeindeorthodoxie verschiedene Ämter. Aus seinen vielfältigem Wirkungskreis riss ihn 1933 die nationalsozialistische Verfolgung:

„Im Jahr 1934 erlitt er einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich zeitlebens nicht mehr erholte. Er musste seine Arbeit aufgeben und wurde in der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz aufgenommen. In diesem Krankenhaus, das später aufgelöst und in eine ,Euthanasie‘-Zwischenanstalt für die in preußischen Heil- und Pflegeanstalten lebenden jüdischen psychiatrischen Patientinnen und Patienten umgewandelt wurde, starb er an ,Arteriosklerose und körperlichem und geistigem Marasmus‘ [Auszehrung, Entkräftung, d.V.]. Am 18. Juni 1940 wurde er auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt beerdigt.“

(Zitiert nach: Stolpersteine Ffm: https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine/stolpersteine-im-westend/familien/hanauer-wilhelm [04.03.2024])

Hinsichtlich der sozialen Ursachen von Säuglingssterblichkeit machte Wilhelm Hanauer als Spezialist für Berufserkrankungen das zumeist verborgene Elend der Heimarbeiter/innen in der Öffentlichkeit sichtbar: Ganze Familien arbeiteten in ihren oft dunklen und feuchten Behausungen – mangels Arbeitszeitregelung fast rund um die Uhr: „Die Heimarbeit kennt keine Nachtruhe, keine Sonntagsruhe, keine Schonung der Frau und der zarten Kinder“ (W.H., zit. n. Elsner 2017: 88). Am häufigsten erkrankten die Heimarbeiter/innen an Tuberkulose. Für Wilhelm Hanauer stand die Säuglingssterblichkeit in einem unmittelbaren Zusammenhang mit rasch aufeinander folgenden Geburten und beengten Wohnverhältnissen. 1914 legte er in der Reihe Die Heimarbeit im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet (Herausgeber: Professor Paul Arndt) seine Studie Die hygienischen Verhältnisse der Heimarbeiter im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet vor, eingeführt von dem Bakteriologen Professor Max Neisser, Direktor des Frankfurter Hygienischen Instituts und wie Dr. Hanauer im Verwaltungsausschuss des Frankfurter Verbands für Säuglingspflege aktiv.

Heinrich Rosenhaupt

Heinrich Rosenhaupt, um 1920 – Eschler, Juliane 2022: Mainzer Medizin im Nationalsozialismus (…). In: Berkessel, Hans/ Cornelia Dold (Hg.) 2022: „Das Leben war draußen und ich war dort drinnen“. Zwangssterilisation und Ermordung im Rahmen der NS-„Euthanasie“ und ihre Opfer in Mainz und Rheinhessen. (…) Frankfurt a.M.: 106 (Stadtarchiv Mainz, BPSF16666A)
Heinrich Rosenhaupt, um 1920 – Eschler, Juliane 2022: Mainzer Medizin im Nationalsozialismus (…). In: Berkessel, Hans/ Cornelia Dold (Hg.) 2022: „Das Leben war draußen und ich war dort drinnen“. Zwangssterilisation und Ermordung im Rahmen der NS-„Euthanasie“ und ihre Opfer in Mainz und Rheinhessen. (…) Frankfurt a.M.: 106 (Stadtarchiv Mainz, BPSF16666A)

Die „Seele“ des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge war von Beginn an Dr. Heinrich Rosenhaupt (1877 – 1944 im Exil von Colorado Springs, USA). Verheiratet war er mit Fanny Marie Freudenthal, der Tochter des jüdischen Philosophen und Spinoza-Experten Dr. Jakob Freudenthal (Geni: https://www.geni.com/people/Heinrich-Rosenhaupt/6000000029264267905 [04.03.2024]); sein Sohn Hans Wilhelm Rosenhaupt (über ihn hat Armin Wishard biografisch gearbeitet) korrespondierte mit Katia und Thomas Mann. Nach Lehre und Tätigkeit als Bankkaufmann entschied sich Heinrich Rosenhaupt für die medizinische Laufbahn. Bevor er sich 1905 als praktischer Arzt und Kinderarzt in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main niederließ, hatte er u.a. als Assistenzarzt an Arthur Schloßmanns Dresdner Säuglingsheim berufliche Erfahrungen gewonnen. Noch 1905 gründete er auf eigene Initiative Frankfurts erste Säuglingsberatungsstelle und engagierte sich zwei Jahre später als Sekretär für Deutschland in der Internationalen Vereinigung für Säuglingsschutz (Goutte de Lait). Vor dem Ersten Weltkrieg leitete er die Auskunftsstelle des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge. 1921 gab er seine Praxis auf und arbeitete als Stadtarzt im Frankfurter Gesundheitsamt, zuständig für Schulhygiene, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge. 1922 wechselte er an das neu gegründete Mainzer Gesundheitsamt und erreichte die Funktion des Stadtmedizinaldirektors. 1933 durch die Nationalsozialisten seines Amtes enthoben, kehrte er im März 1934 nach Frankfurt zurück und eröffnete trotz der restriktiven NS-Bedingungen erneut eine Praxis. Nach einer kurzzeitigen Inhaftierung im KZ Sachsenhausen flüchtete er 1939 gemeinsam mit seiner Frau über England in die USA und verstarb 1944 im Exil von Colorado Springs (Thomann 1993; Frost 1995; Eschler 2022; DGKJ Datenbank; s. auch Schmidt C. 2022). An den verdienten Mediziner erinnert in Mainz heute die Dr.-Heinrich-Rosenhaupt-Straße. Im Kontext der Pflegegeschichte und dazumal neuen Berufe in der Säuglingsfürsorge sei abschließend noch aus Dr. Rosenhaupts Beitrag Die Hilfsorgane der Gesundheitsfürsorge, ihr Wirkungskreis und ihre Ausbildung zitiert, veröffentlicht im Band 4 (1927) des von Adolf Gottstein, Arthur Schloßmann und Ludwig Teleky 1927 herausgegebenen Handbuchs der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge:

„Die Gesundheitsfürsorgerin muss über die Fähigkeit der Krankenpflegerin hinaus die soziale Ätiologie [hier: Krankheitsursachen, d.V.]) des Einzelfalls zu erforschen suchen. Sie unterstützt den Arzt der Fürsorge schon bei der Diagnose, während die Krankenpflegerin an der Diagnosenstellung sich nur gelegentlich und nur dadurch beteiligt, dass sie dem Arzt wertvolles Material durch ihre Krankenbeobachtung zu liefern imstande ist. (…) Aber über diese Fähigkeit des Sehens und Beobachtens hinaus muss ihr Auge offen sein für die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Fürsorgebefohlenen, für die Wirkungen der Umwelt des einzelnen; mehr noch als die Krankenpflegerin muss die Gesundheitspflegerin die seelischen Werte und Unwerte erkennen und in ihren Zusammenhängen zu beurteilen imstande sein.“

(Zitiert nach: Reinicke 2008: 41)

Mediziner/innen und Pflegende des Verbands für Säuglingsfürsorge

Heinrich Rosenhaupt hat wohl auch den ersten Jahresbericht (1911) des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge verfasst (s. auch Rosenhaupt 1912). Aus dem Bericht geht hervor, dass in Frankfurt a.M. bis zur Öffnung der Beratungsstellen des Verbands lediglich drei Versorgungsstellen für die offene Säuglingsfürsorge bestanden: neben Heinrich Rosenhaupts Initiative und der von Adolf Deutsch geleiteten Säuglingsberatungsstelle im Israelitischen Gemeindehospital nur noch die Anlaufstelle in dem von Dr. med. Friedrich „Fritz“ Cuno (1865–1957) geleiteten Dr. Christ’schen Kinderhospital (mit christlich-jüdischen Bezügen). Der hohe jüdische Anteil an Mediziner/-innen setzte sich auch nach der Eröffnung der Beratungsstellen des Verbands für Säuglingsfürsorge fort. Beispielhaft seinen einige Namen (in alphabetischer Reihenfolge) genannt:

– Dr. med. Henry Böhm (auch: Boehm), Mitbegründer des FVfS (DGKJ Datenbank);
– Sanitätsrat Dr. med. Eugen Cahen-Brach, für die Frankfurter Armenklinik Leiter der Säuglingsberatungsstelle IV (Bezirk: Stadtteil Bornheim), leitender Arzt des Dr. Christ’schen Kinderhospitals. Seine Ehepartnerin Alice Cahen-Brach geb. Bing und deren verwitwete Schwester Anna Luise Dreifuss (auch: Dreyfuss, Dreyfus, Dreyfus-Bing) engagierten sich beide als freiwillige Helferinnen des FVfS. Sie wurden allesamt in Theresienstadt ermordet (Hock 2021; DAV Ffm Spurensuche mit Abb.; Terezin Opferdatenbank).
– Dr. med. Samuel Cobliner, vor seinem Frankfurter Einsatz tätig am Städtischen Kinderasyl und Waisenhaus Berlin sowie am Städtischen Säuglingsheim Breslau (Seemann 2023c);
– Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul Grosser, leitender Arzt des Städtischen Kinderheims mit Säuglingspflegeschule (Böttgerstraße) und bis zu seiner NS-Suspendierung des Clementine Kinderhospitals, Vater des bekannten Politikwissenschaftlers und Publizisten Alfred Grosser;
Dr. med. Max Plaut, u.a. Kinderarzt am Gumpertz’schen Siechenhaus;
– Dr. med. Hugo Salvendi, als Kinderarzt spezialisiert auf Chirurgie und Orthopädie, aus einer Rabbinerfamilie, Vorstandsmitglied der 1912 gegründeten Frankfurter Kinder-Jeschiwa Thoralehranstalt Ez-Chajim („Baum des Lebens“) (Seemann 2023c).

Entsprechend der damaligen gesellschaftlichen und politischen Geschlechterhierarchie war die Zahl der in den FVfS-Beratungsstellen aktiven Ärztinnen gering. Die im Folgenden genannten Pädiaterinnen, allesamt promoviert, können als Vorreiterinnen im damaligen „Männerberuf“ Medizin gelten:

– Dr. med. Käthe (Käte) Kehr, evangelisch, zuletzt Frankfurt a.M. (Ärztinnen im Kaiserreich);
Dr. med. Käthe Neumark, jüdisch, vor ihrem Medizinstudium Krankenschwester (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M.), einer der ersten weiblichen Sanitätsoffiziere Deutschlands, nach ihrer NS-Vertreibung Leiterin einer orthodox-jüdischen Kinderpension im niederländischen Exil (Zaandvoort), 1939 Suizid wegen NS-Einmarsch (Ärztinnen im Kaiserreich; DGKJ Datenbank);
– Dr. med. Paula Philippson, jüdisch, langjährige Kinderärztin sowie 1914 Schulärztin in Frankfurt a.M., nach ihrer NS-Vertreibung Religionswissenschaftlerin in Basel (Ärztinnen im Kaiserreich; DGKJ Datenbank; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Paula_Philippson).
Des Weiteren während des Ersten Weltkriegs:
– „Fräulein Dr. med. Herz“: vermutlich Dr. Johanna Sophia Hertz [sic!], evangelisch, Tochter des Entdeckers der „elektromagnetischen Wellen“ Prof. Dr. Heinrich Herz (getauft, aus jüdischer Familie, einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hertz), 1967 im englischen Exil verstorben (Ärztinnen im Kaiserreich; DGKJ Datenbank);
– „Fräulein Dr. med. Knippen“: möglicherweise Dr. Maria Knippen, katholisch, zuletzt leitende Ärztin der Kneipp-Kuranstalt Dr. Knippen in Königstein (Taunus) bei Frankfurt a.M. (Ärztinnen im Kaiserreich).

Im „Frauenberuf“ der Pflege setzte der FVfS in den Frankfurter Stadt- und Armenbezirken jüdische, katholische und evangelische Krankenschwestern ein. Bereits im ersten Berichtsjahr stellte der im Vergleich zu den größeren christlichen Schwesternvereinigungen weitaus geringer ausgestattete Verein für jüdische Krankenpflegerinnen drei Schwestern, der Verein vom Roten Kreuz sowie der Vaterländische Frauenverein jeweils zwei Schwestern (FVfS 1911: 6). In der folgenden Auflistung aus dem zweiten Jahresbericht (FVfS 1912: 5) sind, wie dazumal leider üblich, die Familiennamen der Pflegenden nicht verzeichnet:

„Schwester Auguste (Verein Bethesda);
Schwester Christine (Diakonie Eschersheim);
Schwester Claire, Doris, Johanna (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen);
Schwester Claire, Ruth (Verein Rotes Kreuz);
Schwester Ernestine (Schwester der städt.[ischen] Beratungsstelle 11);
Schwester Gerda, Jenny (Vaterländischer Frauenverein).“

Ein Who’s who des Frankfurter Bürgertums: Persönlichkeiten des Verbands für Säuglingsfürsorge

Auch der Verwaltungsausschuss des FVfS, in dem sich der sozial aufmerksame Teil des Frankfurter Bürgertums engagierte, war laut Jahresberichten überkonfessionell zusammengesetzt: evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert, katholisch und ebenfalls mit einem hohen jüdischen Anteil – letzterer etwa „vertreten“ durch die Ärzte Dr. Deutsch,

Dr. Hanauer und Dr. Rosenhaupt, Bertha Pappenheim oder Emil L. Heidenheimer, Vorstandsmitglied der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M., Vorsitzender der Israelitischen Frauenkrankenkasse, aktiv im Vorstand der Vereinigung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen (Vorläuferin der Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege) sowie des Raphael und Jeanette Ettlinger-Heims für erholungsbedürftige jüdische Kinder zu Hofheim/Taunus.
Weitere Mitglieder des Verwaltungsausschusses waren Stadtrat Dr. jur. Karl Flesch (jüdisch, evangelisch getauft, Leiter des Frankfurter Armen- und Waisenamtes), Stadtrat Wilhelm Woell (katholisch), Eduard Gräf (Vorsitzender der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), später 2. Frankfurter Bürgermeister), Stadtrat Prof. Dr. Philipp Stein (Leiter des Instituts für Gemeinwohl), Prof. Dr. Christian Jasper Klumker (Direktor der Centrale für private Fürsorge), Prof. Dr. Max Neisser (Direktor des Städtischen Hygienischen Instituts), Prof. Dr. Heinrich von Mettenheim(er) (Professor für Kinderheilkunde, Direktor der Frankfurter Universitäts-Kinderklinik), Frau Schinkel-Otto (Vorname ungenannt, Vorsitzende des Preußischen Hebammenverbandes, einem Teilverband der damaligen Vereinigung Deutscher Hebammen (VDH)), Generalkonsul Carl von Weinberg (jüdisch, evangelisch getauft). Aus dem Mitgliederverzeichnis seien noch hervorgehoben:

– Prof. Dr. Friedrich Dessauer (Direktor der Vereinigten Elektrotechnischen Institute Frankfurt-Aschaffenburg (VEIFA), nach dem Ersten Weltkrieg Frankfurter Stadtverordneter (Zentrumspartei) sowie ordentlicher Professor und Gründungsdirektor des Instituts für physikalische Grundlagen der Medizin, Ehrenbürger der Stadt Frankfurt a.M., als sozial engagierter Katholik politisch Verfolgter des Nationalsozialismus (Frankfurter Personenlexikon; Wikipedia mit Foto);
– Geheimer Regierungsrat Dr. Wilhelm von Gwinner, Jurist, Schriftsteller und Schopenhauer-Freund, aktiver evangelischer Christ (Frankfurter Personenlexikon; Wikipedia);
– der spätere Nationalsozialist Prof. Dr. Wilhelm Polligkeit als Direktor der Centrale für private Fürsorge, von 1916 bis 1918 im Verwaltungsausschuss des FVfS (Frankfurter Personenlexikon; Wikipedia mit weiteren Literaturangaben).

Zu den Mitgliedern des FfVS mit jüdischer Herkunft gehörten laut Verzeichnis 1913:
– Alice Buseck-Una, Eigentümerin der Dampfwaschanstalt Schwan (später Wagenreparaturwerkstatt Uga. Apparatebau GmbH), 1941 nach Lodz/ Ghetto Litzmannstadt deportiert (JM Ffm Shoah Memorial);
– Ludwig Cohnstaedt (später Prof. Dr. h.c.) und sein Sohn Dr. Wilhelm Cohnstaedt (auch: Cohnstädt), beide führende Mitarbeiter und Mitgestalter der Frankfurter Zeitung, 1937 Suizid von Wilhelm Cohnstädt im Exil von Philadelphia (Frankfurter Personenlexikon; Lagis Hessen; Stolpersteine Ffm);
– Rosy Fischer, Kunstmäzenin und -sammlerin bedeutender expressionistischer Werke.

Philippine (Ellinger) Hochschild, um 1915 – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philippine_hochschild_nee_ellinger.png [04.03.2024]
Philippine (Ellinger) Hochschild, um 1915 – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philippine_hochschild_nee_ellinger.png [04.03.2024]

– Neben dem Führungspersonal (Albert und Fritz Sondheimer, Louis Feist) des bereits oben erwähnten orthodox-jüdisch geführten Unternehmens Beer, Sondheimer u. Co. befanden sich unter den Mitgliedern des FVfS drei Mitbegründer eines weiteren Frankfurter Weltkonzerns mit bekanntem Namen – der „Metallgesellschaft“: Dr. Wilhelm Merton (jüdisch, evangelisch getauft), Mitbegründer des Instituts für Gemeinwohl und der Centrale für private Fürsorge (einführend: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Gemeinwohl), Zachary Hochschild (jüdisch) und dessen Schwager Leo Ellinger (jüdisch, getauft?), des Weiteren Zachary Hochschilds Witwe Philippine Hochschild (jüdisch, Schwester von Leo Ellinger) sowie ihr Schwiegersohn Rudolf Euler (Vorstandsmitglied der Metallgesellschaft, evangelisch). Philippine Hochschilds aktive Zedaka zeigte sich auch in ihrer Gründung (1913) der Zachary Hochschild’schen Unterstützungskasse für Angestellte der Metallgesellschaft (Angabe nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Zachary_Hochschild [04.03.2024]).
– Geheimrat Leo Gans, der bekannte Chemiker und Unternehmer, und seine Neffen Arthur und Carl von Weinberg, allesamt jüdisch geboren, später evangelisch getauft (einführend Wikipedia);
– Fritz Hallgarten, der älteste Sohn des Bankiers und Sozialreformers Charles L. Hallgarten und Schwager von Prof. Dr. Max Neisser, Mitglied des FfVS-Verwaltungsausschusses, jüdisch, Übertritt zur evangelisch-reformierten Kirche;
– Stadtrat Anton Horkheimer, Bankier und langjähriger Vorsitzender des Pflegamts des Almosenkastens der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (Arnsberg 1983 Bd. 3: 207);
– Stadtrat Dr. med. Simon Kirchheim, Chirurg, Geburtshelfer, Förderer der beruflichen jüdischen Krankenpflege, langjähriger Chefarzt der Inneren Station des Frankfurter Israelitischen Gemeindehospitals Königswarterstraße, 1885 Vorsitzender des Frankfurter Ärztevereins (Steppe 1997);
– Emma Livingston aus der ursprünglich jüdischen Familie Löwenstein, beteiligt an der Centrale für private Fürsorge, verwandt mit Rose Livingston (Gründerin des Nellini-Stifts) und der Arztfamilie Herxheimer (Jenner, Harald 2015: Die Familie Livingston und das Nellinistift in Frankfurt am Main. Frankfurt a.M.);
– Kommerzienrat Ludo Mayer aus Frankfurts Nachbarstadt Offenbach a.M., Lederfabrikant, Mäzen und Offenbacher Ehrenbürger, Förderer der Tuberkulose- und Säuglingsfürsorge (Wikipedia; Alemannia Judaica Offenbach)
– Freiherr Philipp Schey von Koromla aus der Bankiersfamilie von Goldschmidt-Rothschild (Seemann/ Bönisch 2019);
– die Schuhfabrikanten Louis und Simon Spier sowie der Unternehmer und Mäzen Isaak (Isaac) C. Weill (Seemann 2023c);
– der Kaufhauspionier Hermann Wronker (Mönch, Dieter 2019: Vergessene Namen – vernichtete Leben. Die Geschichte der jüdischen Frankfurter Unternehmerfamilie Wronker und ihr großes Warenhaus an der Frankfurter Zeil. Frankfurt a.M.; Seemann 2023c; Seemann/ Bönisch 2019).

Mit Unterstützung dieses ebenso vielfältigen wie beeindruckenden Netzwerkes aus dem Frankfurter Bürgertum (mit vielen spannenden Biografien) trug die intensive Beratungs- und Rettungsarbeit des Verbands für Säuglingsfürsorge dazu bei, den statistischen Anteil der in ihren ersten Lebenswochen verstorbenen Säuglinge (von 100 in Frankfurt am Main Geborenen) im Zeitraum 1911–1914 von 14,5 Prozent (1901–1910) auf 10,6 Prozent, im Jahr 1923, nach einem traurigen Wiederanstieg infolge des Ersten Weltkriegs, erstmals unter 10 Prozent zu senken (Thomann-Honscha 1988: 83). Im Kontext der Zentralisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen während der Weimarer Republik koordinierte seit 1922 das Stadtgesundheitsamt Frankfurts offene Säuglingsfürsorge, der Verband für Säuglingsfürsorge erhielt dabei den Status als „ausführendes Organ der Stadt“ (zit. n. Steppe 1997: 259). 1925 übernahm die Stadt Frankfurt den Verband (Thomann-Honscha 1988: 127) mit der bereits erwähnten Eingliederung der zuletzt fünfzehn Beratungsstellen (Ute Daub in: Hövels u.a. 1995: 78) in das Stadtgesundheitsamt.

Jenen Frauen und Männern im Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, die der NS-Staat als „Nichtarier“ verfolgte, wurde ihr Engagement für die Kinderrettung nicht gedankt: Sie wurden zur Emigration gezwungen, in den Suizid getrieben, im KZ gefoltert, in der Shoah ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte für eine lange Zeit der „soziale Tod“ des Vergessens.

Birgit Seemann, Stand: März 2024

Quellen- und Literaturverzeichnis

Ungedruckte und digitalisierte Quellen

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
• Bestand A.02.01 Nr. R-1566-1: Versorgung der Pfleglinge, Kost- und Ziehkinder; Säuglingsfürsorge (Laufzeit: 1881–1910)
• Bestand A.02.01 Nr. R-1566-2: Versorgung der Pfleglinge, Kost- und Ziehkinder; Säuglingsfürsorge (Laufzeit: 1911–1916)
• Bestand A.02.01 Nr. R-1566-3: Versorgung der Pfleglinge, Kost- und Ziehkinder; Säuglingsfürsorge (Laufzeit: 1917–1930)
• Bestand A.02.01 Nr. S-1839: Verein für öffentliche Gesundheitspflege in Frankfurt, Frankfurter Verein für Hygiene (Laufzeit: 1895–1930)
• Bestand A.02.01 Nr. V-609: Margueritentag, Volkskindertag, Muttertag (Laufzeit: 1910–1913, 1924)
• Bestand A.51.01 Nr. 1312: Säuglingsfürsorge
• Bestand S3 Nr. 6056: Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge
• Bestand S3 Nr. 14209: Margueritentag der Frankfurter Kinderhilfe (Datierung: 11.10.1910)
• Bestand S6b-75 Nr. 178: Lebensverhältnisse von Proletarierfamilien in Frankfurt (ca. 1920) [enth.: Gewichtkarte des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge für Christine Kalis, geb. 13.10.1916]
• Bestand S7Z Nr. 1910-32: Foto: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Damen der Gesellschaft verkaufen im Dienste der Wohltätigkeit Margueriten (…) (Datierung: 11.10.1910)
• Bestand S7Z Nr. 1910-33: Postkarte: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Damen der Gesellschaft verkaufen im Dienste der Wohltätigkeit Margueriten (Datierung: 11.10.1910)
• ISG FFM Bestand S7Z Nr. 1910-34: Postkarte: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Damen der Gesellschaft verkaufen im Dienste der Wohltätigkeit Margueriten (…) (Datierung: 10.11.1910)
• Bestand S7Z Nr. 1910-35: Postkarte: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Umzug der Frankfurter Jugendwehr in der Bergerstraße am Uhrtürmchen (…) (Datierung: 11.10.1910)
• Bestand V48 Nr. 332: Ärztlicher Verein Frankfurt a.M., 01.05.1839–17.10.1921 (digitalisiert zugänglich bei Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de)
• Sammlung S2 (Personengeschichte), S2/ 15.495: Heinrich Rosenhaupt
• Sammlung S3, Sign. S3 / P6056: Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge
• Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Universität Frankfurt a.M. (gedr. Ms.), Sign. S 6a/411

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Jahresberichte FVfS: Jahresberichte des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1911–1921
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Literatur und Internetquellen (zuletzt aufgerufen am 04.03.2024)

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Straßburg, Hans Michael 2022: Die Geschichte der Sozialpädiatrie. Kinder – Gesellschaft – Medizin. Lübeck

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– 1988b: Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge: 121-127

Vögele, Jörg 2009: Wenn das Leben mit dem Tod beginnt: Säuglingssterblichkeit und Gesellschaft in historischer Perspektive. In: Historical Social Research 34 (2009) 4: 66-82, online: https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/28758

Walter, Katja 2014: Verfolgte jüdische Ärzte am Frankfurter Klinikum während der NS-Herrschaft. In: Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main (Hg.): Bürger, die Geschichte schreiben. Das Projekt „Stadtteilhistoriker“ 2010 bis 2014. Frankfurt a.M. 2014: 70-71 (u.a. Wilhelm Hanauer), https://sptg.de/files/Mediathek/SPTG/Projekte/Stadtteil-Historiker/stadtteil-historiker-band2-2010-2014.pdf

Online-Datenbanken [zuletzt aufgerufen am 04.03.2024]

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: https://www.alemannia-judaica.de

Ärztinnen im Kaiserreich: Ärztinnen im Kaiserreich. Wo bleiben die Frauen in der Medizingeschichte? Hg.: Charité – Universitätsmedizin Berlin, CC1 Human- und Gesundheitswissenschaften, Institut für Geschichte der Medizin, Berlin. Red.: Jutta Buchin, 2015, Online-Datenbank: https://geschichte.charite.de/aeik

Arcinsys Hessen: Archivinformationssystem Hessen: https://arcinsys.hessen.de

BArch Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

DAV Ffm Spurensuche: Spurensuche. Ein Projekt der Sektion Frankfurt am Main des Deutschen Alpenvereins (DAV): https://spurensuche.dav-frankfurtmain.de

DGKJ Datenbank: DGKJ – Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945. Red.: Vera Seehausen (s. auch Seidler 2000 u. 2007)

DGSPJ: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ), https://www.dgspj.de

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), Online-Ausgabe: https://frankfurter-personenlexikon.de

JM Ffm Shoah Memorial: Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Shoah Memorial Frankfurt: https://www.shoah-memorial-frankfurt.de

Lagis Hessen: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS): https://www.lagis-hessen.de

Stolpersteine Ffm: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main: https://www.stolpersteine-frankfurt.de sowie https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine (Stadt Frankfurt am Main, Online-Datenbank)

Terezin Opferdatenbank: Terezin Initiative Institute, Opferdatenbank: https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holoaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Periodika

AZJ: Allgemeine Zeitung des Judentums

FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt

It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum

NJP/FIF: Neue Jüdische Presse / Frankfurter Israelitisches Familienblatt

ZDSJ: Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden

Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045

„(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Einführung: Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main als interkonfessionelles Projekt

Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045
Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045

„[…] denn diess Haus ist Allen geweihet“, verkündete 1875 der bekannte liberal-jüdische Reformer Leopold Stein (ders. 1875: 3), bis 1862 Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, in seiner Rede zur Einweihung des Clementine-Mädchen-Spitals das Anliegen der Frankfurter jüdischen Stifterin Louise von Rothschild. Gemeinsam mit dem bereits 1845 evangelisch gestifteten Dr. Christ‘schen Kinderhospital gehört das Mädchenhospital zu den beiden Vorgängern des heutigen Clementine Kinderhospitals in Frankfurt am Main. Das „Clemi“ setzt als eines der ältesten deutschen Kinderkrankenhäuser die Tradition einer eigenständigen medizinischen und pflegerischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen, Neugeborenen und Säuglingen, erfolgreich fort – im Verbund mit dem von Dr. Johann Christian Senckenberg (1707–1772) gestifteten Bürgerhospital (,zuständig‘ für die Erwachsenenmedizin und -pflege und zugleich ausgestattet mit einer eigenen Klinik für Neugeborenen-, Kinderchirurgie und -urologie). Die Geschichte aller drei Institutionen ist auf schön gestalteten Internetseiten nachzulesen, mit Hinweisen auf frühe biografische und fachliche Querverbindungen (Bürgerhospital Ffm: https://www.buergerhospital-ffm.de/das-buergerhospital/geschichte; CKH Stiftung: https://www.ckh-stiftung.de; Clementine Kinderhospital Geschichte: https://www.clementine-kinderhospital.de/das-clementine/geschichte; Dr. Senckenbergische Stiftung: https://www.senckenbergische-stiftung.de [letzte Aufrufe am 21.02.2024]). Vertieftes Wissen, seltene Abbildungen und spannende Einblicke in Frankfurts beachtliche Krankenhaus-, Pflege- und Stiftungsgeschichte gewinnen interessierte Leserinnen und Leser durch die Publikationen Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995 (Hövels u.a. 1995), Clementine von Rothschild. 1845–1865. Full of talent and grace. Zum 125-jährigen Bestehen des Clementine-Kinderhospitals (Reschke 2011; s. auch Schembs 1978: 134-135) oder Mit offenen Armen. Die Geschichte des Frankfurter Bürgerhospitals (Bauer 2004).

Der vorliegende Beitrag beleuchtet mit dem Fokus auf die Pflegegeschichte den unerforschten jüdischen Anteil an den institutionellen Anfängen der Frankfurter Kinder- und Säuglingskrankenpflege – des Weiteren bezeichnet als Kinder- und Säuglingspflege, zumal sich zwischen Krankenpflege und Armenpflege (Soziale Arbeit) Querverbindungen ergaben. Zugleich ist hervorzuheben, dass sich die Entstehung und Entwicklung beider Vorgänger bis zum heutigen Clementine Kinderhospital, dem einzigen Kinderkrankenhaus in Frankfurt am Main, einer intensiven interkonfessionellen Zusammenarbeit und Netzwerkbildung verdankten, die sogar die NS-Zeit überdauerten. Diese Kooperation, in welcher sich auch familiengeschichtliche Zusammenhänge widerspiegeln, stand ganz im Zeichen des Aufbaus einer unentgeltlichen stationären Krankenversorgung benachteiligter Mädchen und Jungen aus prekären Verhältnissen. Getragen wurde sie von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern mit religiös-sozialethischer Überzeugung und dem reformerischem Willen, die Kinder- und Säuglingssterblichkeit zu verringern und einer Chronifizierung von Leiden bei Heranwachsenden vorzubeugen. Sie erkannten frühzeitig die Dringlichkeit einer eigenständigen Kindermedizin und -pflege und den Bedarf an Kliniken, die kleine Patientinnen und Patienten nicht mehr wie die Erwachsenen behandelten – ein dazumal höchst moderner Gedanke.

Der Beitrag geht der Frage nach, welche ideellen Grundprinzipien das geistige Fundament zur Errichtung der beiden Frankfurter Kinderkrankenhäuser legten und wie sich in diesem interkonfessionellen Gefüge der jüdische Anteil der Kinder- und Säuglingspflege gestaltete. Hier sei angemerkt, dass bislang keine Informationen zu einer maßgeblichen Beteiligung von Stifterinnen und Stiftern katholischen Glaubens vorliegen – möglicherweise ein Resultat der damaligen stark protestantischen Ausrichtung der Stadt Frankfurt am Main wie auch der im 19. Jahrhundert in Deutschland voranschreitenden Entwicklung und Modernisierung der deutschen Diakonie gegenüber der katholischen Caritas (lateinisch: ,Nächstenliebe‘). ,Diakonie‘, griechisch: ,Dienst‘ (am Menschen), beschreibt das Leitmotiv des evangelischen Arztes Theobald Christ, welcher testamentarisch den Aufbau des ersten Kinderhospitals in Frankfurt am Main verfügte. Zur Seite stand ihm sein Kollege und Freund Salomon Stiebel, jüdisch geboren und zum Protestantismus übergetreten.

Für die Stifterin Louise von Rothschild verband sich das bereits in der hebräischen Bibel angelegte Werk der Nächstenliebe (Gemilut Chessed), hier in Gestalt des drei Jahrzehnte später eröffneten, ebenfalls interkonfessionellen Clementine-Mädchen-Spitals, mit der Zedaka (Gerechtigkeit durch sozialen Ausgleich). Gemeinsam mit ihrer Tochter Clementine, der Namensgeberin, bekannten sich Louise und Mayer Carl von Rothschild zur liberal-reformerischen Richtung im Judentum. Hingegen standen Mayer Carls jüngerer Bruder Wilhelm Carl von Rothschild und seine Gattin Hannah Mathilde, die Stifterin des Frankfurter Rothschild‘schen Hospitals und Kinderhospitals der oppositionellen neo-orthodoxen Austrittsgemeinde ,Israelitische Religionsgesellschaft‘ nahe. Hier ist von Bedeutung, dass wie das liberale auch das orthodoxe Judentum trotz dessen primärer Ausrichtung auf die eigene Gemeinschaft, die sie neben dem Antisemitismus durch ,Assimilation‘, vermehrte Taufen und interkonfessionelle Ehen bedroht sah, die soziale Emanzipation der gesamten Menschheit im Blick hatte (und hat): „Die Förderung des Gemeinwohls für alle Menschen, ob Juden oder nicht, ist eines dieser universalistischen Postulate der jüdischen Religion“, betont der Frankfurter jüdische Historiker Arno Lustiger in seinem Vorwort Zum 125-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals (ders. 2011: 12). Sollten doch die Mitzwot (religiös-jüdische Pflichten) Gemilut Chessed, Zedaka und Bikkur Cholim (Krankenbesuch, Krankenpflege) über die jüdische Gemeinde hinaus allen Notleidenden zugute kommen und die Weltgemeinschaft verbessern helfen. Bereits 1912 formulierte der neo-orthodoxe Kölner Rabbiner Benny (Benedikt Pinchas) Wolf (1875–1968, BHR: http://www.steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/bhr?id=2685 [derzeit nicht erreichbar, Stand: 21.02.2024]):

„Als wenn überhaupt von der universalistisch denkenden und kosmopolitisch wirkenden Bibel angenommen werden könnte, daß sie nur für [sic] die Gesundheit des kleinsten Völkchens besorgt wäre, die übrige Welt sie aber gar nichts anginge. Als wenn Gott, der Gesetzgeber der Bibel, nicht Vater aller Menschen wäre, der ,die ganze Welt in seiner Güte speist!‘“

(Wolf B. 1912: 5 [Hervorhebung im Original gesperrt])

In die Verwaltung und medizinische Leitung des Clementine-Mädchen-Spitals berief Louise von Rothschild mit Dr. Jakob de Bary ein Mitglied der calvinistisch geprägten Familie de Bary: Der reformierten Kirche zugehörig, hatte sie innerhalb des in Deutschland lutheranisch dominierten Protestantismus ebenfalls den Status einer Minderheit. Über alle hier hier nur kurz dargelegten religiösen Bekenntnisse hinweg einte die frühen Gestalter/innen des heutigen Clementine Kinderhospitals ein gemeinsames Ziel: die Sorge um bedürftige und kranke Kinder und Säuglinge – den Ärmsten der Armen.

Vorgeschichte: Salomon Stiebel, Theobald Christ und das Christ‘sche Kinderhospital

Dr. Christ‘sches Kinderhospital, Entbindungsanstalt, Postkarte zum Kinderhilfstag in Frankfurt a.M. am 18. Oktober 1904 – Nachweis: Otto Hövels u.a.: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995. Gießen 1995: 36
Dr. Christ‘sches Kinderhospital, Entbindungsanstalt, Postkarte zum Kinderhilfstag in Frankfurt a.M. am 18. Oktober 1904 – Nachweis: Otto Hövels u.a.: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995. Gießen 1995: 36

„Das Haus war vollendet und eingerichtet, bedeutende Ärzte des Vaterlandes und des Auslandes, die es sahen, hatten ihre Freude daran, und wir natürlich mit […]. […] allein nach Abzug der Vermöge [sic] der Testaments-Verfügung noch jährlich auszuzahlenden Renten und der Gehalte des Personals blieb so wenig für Krankenpflege übrig, dass wir Administratoren uns gegenseitig mit etwas traurigen Gesichtern ansahen […]. Nun war noch das erste angemeldete Kind 18 Monate alt, konnte daher nach der Testaments-Verfügung nicht zugelassen werden. Aber gerade dieses Ereignis war uns eine Weisung und richtete unseren Mut wieder auf. Den ersten Pflegling zurückweisen, das ging nicht; die Mittel für denselben wurden angeschafft, und es ward nun beschlossen im Vertrauen auf Gott und auf die Liebe der Menschen, ohne Rücksicht auf Alter, alles aufzunehmen, was hilfsbedürftig wäre, natürlich immer mit Berücksichtigung der letzten Willensmeinung des Stifters, die Zinsen des Christ‘schen Capitals nur für Kinder von 4-12 Jahren zu verwenden.“

Rechenschaftsbericht (1846 für das Jahr 1845, vgl. Hövels u.a. 1995: 51)

Zitiert wurde aus einem frühen Rechenschaftsbericht (1846 für das Jahr 1845, vgl. Hövels u.a. 1995: 51) für das Dr. Christ‘sche Kinderhospital, verfasst von Dr. Salomon Stiebel, leitender Arzt und Mitglied der Administration. Die Lektüre vermittelt einen lebendigen Eindruck von dem Mitgefühl und der Entschlossenheit der am Aufbau einer eigenen Kinder- und Säuglingspflege Beteiligten. Frankfurts erstes Kinderkrankenhaus hatte seine Pforten im Jahr 1845 geöffnet – drei Jahrzehnte vor Louise von Rothschilds Clementine-Mädchen-Spital. Erbaut wurde es am heutigen Standort Theobald-Christ-Straße 16 des Clementine Kinderhospitals; die Straße trägt den Namen des Stifters. Den finanziellen Verhältnissen geschuldet, hatte Theobald Christ testamentarisch die Aufnahme von Kindern zwischen vier und zwölf Jahren verfügt – eine Regel, die Dr. Stiebel und seine Mit-Administratoren um der Nächstenliebe willen ,missachteten‘ und damit sehr wahrscheinlich im Sinne des Stifters handelten. Mit Erfolg: Zusätzliche Spenden trafen ein, die die Aufhebung der Altersgrenzen für das Jahr 1845 sicherten; viele weitere Zuwendungen und Zustiftungen durch Angehörige der Frankfurter Patrizierfamilien wie den Neufvilles oder den Bethmanns folgten (Hövels 1995). Für das Jahr 1849 ist als Unterstützerin auch eine „Baronin Charlotte Anselm von Rothschild“ genannt (ebd.: 53): Charlotte von Rothschild (1807–1859, Londoner Zweig), Gattin des gebürtigen Frankfurters Anselm Salomon Freiherr von Rothschild (Wiener Zweig) – und zugleich die Schwester und die Mutter der beiden Kinderhospital-Stifterinnen Louise und Hannah Mathilde von Rothschild (The Rothschild Archive: https://www.rothschildarchive.org [21.02.2024]).

Sohn eines evangelischen Kantors: Dr. Theobald Christ

Theobald Christ, ohne Jahr – Nachweis: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ‘sche Stiftung 1845–1995: 22 / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_med_johann_theobald_christ_1777-1841.jpeg [21.02.2024]
Theobald Christ, ohne Jahr – Nachweis: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ‘sche Stiftung 1845–1995: 22 / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_med_johann_theobald_christ_1777-1841.jpeg [21.02.2024]

Dr. Johann Theobald Christ (1777–1841) wuchs in Frankfurt als Sohn des Kantors der evangelischen Sankt-Katharinen-Kirche auf (Hock 2020a, s. auch Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Theobald_Christ [21.02.2024]). Der engagierte und vielbeschäftigte Arzt war auch als Geburtshelfer sowie Ausbilder von Hebammen gefragt. Leider zog er sich berufsbedingt ein Rückenmarksleiden, zunehmende Lähmungserscheinungen banden ihn zuletzt an den Rollstuhl. Dr. Christ galt als sehr kinderlieb, war jedoch selbst zeitlebens unverheiratet und ohne eigene Nachkommen geblieben.

Geboren Im Judenghetto: Dr. Salomon Stiebel

Durch ihr gemeinsames Projekt ,Dr. Christ‘sches Kinderhospital‘ wurden mit Theobald Christ und Salomon Stiebel zwei erfahrene Mediziner und enge Freunde zu ,Vätern‘ der Frankfurter stationären Kinderkrankenversorgung. Dr. Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel (1792–1868) hatte einen gänzlichen anderen Start in Leben erfahren als sein Mitstreiter, wurde er doch in die ärmlichen und beengten Verhältnisse des Frankfurter Judenghettos hineingeboren. Erst nachdem ihr Wohnhaus „bei der französischen Belagerung der Stadt im Juli 1796 abgebrannt war, zog die Familie in die Gelnhäuser Gasse außerhalb des Ghettos. Bis zu seinem achten Lebensjahr erhielt S. keine schulische Ausbildung: Das einzige Buch, das er besaß, war eine hebräische Bibel, die er zu lesen und mündlich ins Deutsche zu übersetzen gelehrt wurde“ (Hock 2021a, s. auch Arnsberg 1983 Bd. 1: 499-501; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Salomon_Friedrich_Stiebel [21.02.2024]).

Neben Lernleidenschaft und vielseitiger Begabung zeichneten Salomon Stiebel Energie, Tatkraft und eine gehörige Portion Abenteuerlust aus. 1813/14 kämpfte er als „Feldwebel Bär“ in den Befreiungskriegen und diente zuletzt als Bataillonsarzt der Königlich Preußischen Armee. Zurück in Frankfurt, setzte er seine medizinische Laufbahn fort und erhielt „den Posten des dritten Arztes am Israelitischen Krankenhaus, wo er für Chirurgie und Augenheilkunde zuständig war“ (Hock 2021a). 1817 übernahm er die Arztpraxis von Dr. Seligmann Joseph Oppenheimer und wurde zudem als Leiter der Chirurgischen Abteilung des alten israelitischen Fremdenhospitals am Völckerschen Bleichgarten (Vorläufer des Israelitischen Gemeindehospitals) fest angestellt. Trotz des Antisemitismus fühlte sich Salomon Stiebel offenbar neben dem jüdischen auch in seinem christlichen Umfeld zuhause und genoss hier wie dort hohes Ansehen. 1817 wurde er „– als einziger Jude unter den 32 Stiftungsmitgliedern – an der Gründung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft beteiligt“ (Hock 2021a) und stand ihr später zeitweise als Direktor vor.

Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Porträt), 2015 – Fotograf: Karsten Ratzke, 2015, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt,_Hauptfriedhof,_Grab_E_adM_415-417_Reiss-Stiebel,_Salomon_Friedrich_Stiebel_(1).JPG [21.02.2024]
Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Porträt), 2015 – Fotograf: Karsten Ratzke, 2015, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt,_Hauptfriedhof,_Grab_E_adM_415-417_Reiss-Stiebel,_Salomon_Friedrich_Stiebel_(1).JPG [21.02.2024]

Obwohl sie beide aus alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familien stammten, trat der 35-jährige Salomon Stiebel, möglicherweise angeregt durch das Beispiel des ihm persönlich bekannten Journalisten Ludwig Börne, 1828 gemeinsam mit seiner Frau Röschen geb. Ochs zum evangelisch-lutherischen Glauben über; er erhielt den Taufnamen ,Friedrich‘. Ein 1824 erlassener Senatsbeschluss, der den in Frankfurt am Main zugelassenen Ärzten die Behandlung von Kranken aller Konfessionen erlaubte, ermöglichte ihm, die Leitungstätigkeit am Israelitischen Hospital auch als Christ fortzusetzen. Dr. Stiebel erlangte erst mit der Konversion und nach dem Ablegen des Bürgereids die uneingeschränkten Rechte eines Frankfurter Stadtbürgers und eröffnete zugleich seinen ebenfalls getauften Kindern Sophie und Fritz alle Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation. Jetzt konnte er politische Ämter bekleiden und gehörte zwischen 1832 und 1847 mehrfach der Gesetzgebenden Versammlung der Stadt an, u.a. „gestaltete er etwa eine neue Medizinalordnung für Ffm. federführend mit“ (Hock 2021a.). Als Hausarzt sowie in seiner Praxis behandelte er bekannte Frankfurter Persönlichkeiten wie Ludwig Börne, Friedrich Stoltze, die Brentanos und den berühmten Philosophen Arthur Schopenhauer – ebenso Gudula Rothschild, die Stammmutter der Bankiersdynastie, und weitere Mitglieder der Rothschild-Familie. Hier treffen wir auch wieder auf Dr. Theobald Christ, der wie andere Arztkollegen Dr. Stiebels medizinischen Rat suchte.

An der Realisierung des ersten Frankfurter Kinderkrankenhauses hatte Salomon Stiebel entscheidenden Anteil: Nachhaltig unterstützte und ermunterte er seinen gesundheitlich geschwächten und alleinstehenden Freund in dessen Vorhaben, Grundbesitz und Vermögen (rund 150.000 Gulden) der Stadt Frankfurt am Main zu vermachen – unter der Auflage, ein Kinderkrankenhaus für Mädchen und Jungen zwischen vier und zwölf Jahren zu erbauen (Hövels u.a. 1995: 24f.). Nach Theobald Christs Tod trat die Stiftung 1841 in Kraft; seinen Vertrauten Salomon Stiebel hatte Dr. Christ selbst noch testamentarisch zum Chefarzt und Leiter der Stiftungsadministration bestimmt. Dr. Stiebel verantwortete die Errichtung des Kinderkrankenhauses, besichtigte hierzu die bereits bestehenden Kinderkliniken in Berlin, Dresden, Paris, Prag und Wien, beteiligte sich an der Planung des Neubaus und überwachte die Bauausführung. Das am 14. Januar 1845 mit anfangs 50 Betten eröffnete Dr. Christ‘sche Kinderhospital leitete er als Hospitalarzt bis 1853. Verbunden mit der ebenfalls von Theobald Christ verfügten Erweiterung des Kinderhospitals um ein Entbindungshaus für bedürftige Frauen mit Frankfurter Heimatrecht, ermöglicht mit Hilfe der Mühlen‘schen Stiftung und der Raphael-Strauß-Stiftung, übertrug Salomon Stiebel die Leitung an seinen Sohn Fritz. Dr. med. Friedrich Julius „Fritz“ Stiebel (1824–1902), jüdisch geboren und als zweijähriges Kind noch vor seinen Eltern evangelisch-lutherisch getauft, hatte in die ebenfalls vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Familie Reiß eingeheiratet. In der Folge stammten die geschäftsführenden Administratoren aus den Familienverbänden Stiebel und Reiß; die weiblichen weiblichen Familienmitglieder amtierten als ,Schutzfrauen‘ der Einrichtung. Fritz Stiebel praktizierte seit 1847/48 als praktischer Arzt, Chirurg und Geburtshelfer in Frankfurt am Main; 1850 wurde er Assistenzarzt am Dr. Christ‘schen Kinderhospital (Hock 2020c). Hier sei angemerkt, dass Salomon Stiebel seine Stelle als leitender Arzt der Chirurgie am Israelitischen Gemeindehospital erst 1857 aufgab und der Institution danach als konsultierender Arzt (Belegarzt) erhalten blieb. Den Vorsitz der Stiftungsadministration des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals führte Salomon Stiebel bis zu seinem Tod im Jahr 1868. Unermüdlich warb er um Spenden, verfasste in seinen Jahresberichten Beiträge zur Gesundheitspflege für Eltern und andere interessierte Laien und unterstützte die Ausbildung angehender Kinderärzte durch eigene Vorlesungen in der Klinik.

Zeitlebens war Salomon Stiebel notleidenden Kindern und Säuglingen ein treuer Freund, Helfer und Retter. Er hat die ersten Frankfurter Kinderkrippen mitbegründet und bereits 1851 eine „Säuglingszuflucht“ gefordert; 1853 und 1862 entstanden Kinderkrippen in der Innenstadt sowie im Stadtteil Sachsenhausen (Hock 2021a). Zudem hinterließ er zahlreiche Schriften und Fachaufsätze, darunter Beiträge in den Jahresberichten des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals wie Das Lager der Kinder (1854), Skizzen zur Gehirn-Diätetik der Säuglinge (1855), Die armen Kostkinder (1858), Einführung von Schwimmfreischulen für wenig bemittelte weibliche Jugend (1859), Anklage wegen der verkommenen Kinder, die im Hospital sterben (1860) oder Warum die Säuglinge schreien“ (1867) (ebd.).

Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Grabinschrift) – Fotografin: Dr. Birgit Seemann, 2011 (Neubearbeitung 2022)
Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Grabinschrift) – Fotografin: Dr. Birgit Seemann, 2011 (Neubearbeitung 2022)

Es ist wohl keine Übertreibung, Salomon Stiebel als den eigentlichen Begründer der Frankfurter medizinischen und pflegerischen Kinder- und Säuglingsheilkunde zu bezeichnen. Der arme Junge aus dem Frankfurter Judenghetto war zu einem allseits geachteten und beliebten Frankfurter Stadtbürger aufgestiegen, der den Rang eines Herzoglich Nassauischen Geheimen Hofrats bekleidete, aber seine Herkunft nie vergaß. Als Dr. Stiebel 1868 mit 76 Jahren einer Lungenentzündung erlag, war die Anteilnahme überwältigend: „Bei dem Trauerzug zu seiner Beerdigung auf dem Hauptfriedhof waren die Straßen dicht gesäumt von so vielen Menschen […]“ (ebd.). Das Grabmal „Salomo Friedrich Stiebel“ trägt die Inschrift:

„Mitkämpfer für des Vaterlandes Freiheit,/
unermüdlicher Forscher und Arzt,/
weiser und gemüthvoller Pfleger der Kinderwelt.“

(Grabinschrift)

Ein „Spitälchen“ für arme Frankfurter Kinder

Neben Salomon und Fritz Stiebel seien von den vielen namhaften Medizinern am Dr. Christ‘schen Kinderhospital beispielhaft die Chefärzte Dr. med. Carl Lorey (1840–1888) und der Chirurg Sanitätsrat Dr. med. Alexander Glöckler (1843–1908), beide evangelisch, genannt (Hock 2020d; s. auch Lorey/Glöckler 1888). Löblicherweise widmet sich die Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung (Hövels u.a. 1995) ebenso den in der Forschung oft vernachlässigten Pflegenden. Bei der Personalauswahl behielt Salomon Stiebel – wieder ganz im Sinne seines verstorbenen Mitstreiters Theobald Christ – neben der physischen auch die moralisch-ethische Versorgung der zumeist aus instabilen Verhältnissen stammenden Kinder im Blick. Anstelle der in den 1840er Jahren noch verbreiteten Beschäftigung von Dienstleuten ohne Pflegeausbildung setzte er von Beginn an auf Fachkräfte; sie waren wie Dr. Christ und Dr. Stiebel evangelisch-lutherischen Glaubens (eine professionelle jüdische Krankenpflege entstand erst seit den späten 1880er Jahren und mündete 1893 in den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, vgl. Steppe 1997). Dr. Stiebel konnte das Mutterhaus der dazumal in der Krankenpflege führenden, bis heute bestehenden Kaiserswerther Diakonie gewinnen (siehe einführend https://www.kaiserswerther-diakonie.de/de/startseite.html sowie Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserswerther_Diakonie [21.02.2024]): „Der Vertrag über die Einstellung von zwei Diakonissen wurde bereits 1843 mit Pastor Theodor Fliedner abgeschlossen. Er hatte 1836 das erste Diakonissenhaus Deutschlands in Kaiserswerth bei Düsseldorf gegründet“ (Hövels u.a. 1995: 61). Danach pflegten im Dr. Christ‘schen Kinderhospital die „Betheler Diakonissen“ des von Pastor Friedrich von Bodelschwingh in Bethel (bei Bielefeld) errichteten Mutterhauses, gefolgt von den „Zehlendorfer Schwestern“ vom Evangelischen Diakonieverein zu Zehlendorf, in der Lazarettzeit des Kinderhospitals von 1914 bis 1917 „die besten Soldatenpflegerinnen“ (ebd.: 63). Seit 1899 pflegten in einer von Evelyn von Neufville gestifteten „Zweiganstalt“ des Kinderhospitals – gelegen in der damaligen Forsthausstraße (Hans-Thoma-Straße) und seit 1919 direkt benachbart zum jüdischen Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V. – Diakonissen des Frankfurter Mutterhauses. Die Aufarbeitung dieser vielfältigen (hier: christlichen) Pflegegeschichte des Dr. Christ‘schen Kinderkrankenhauses bleibt weiteren Studien vorbehalten. Namentlich bekannt sind die Oberinnen Anna von Soden, Wilhelmine Geißler und Meta Beckmann (ebd.: 64).

In den Anfängen des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals gab es noch keine eigene Ausbildung in der Kinder- und Säuglingskrankenpflege, doch sorgten die Schwestern aufopferungsvoll für ihre kleinen Patientinnen und Patienten. Diese litten häufig an Typhus, Scharlach, Diphtherie oder Lungentuberkulose, aber auch an „Auszehrung“. Gerade letztere löste bei Pflegenden wie Ärzten große Betroffenheit, wenn nicht Entsetzen aus. Die Sterblichkeit war hoch: „Man ließ unerwünschte Säuglinge, meist uneheliche Kinder, einfach verhungern. Selten taten dies die Mütter selbst, meist jedoch Kostfrauen, die als ,Engelmacherinnen‘ bekannt waren“ (Hövels u.a. 1995: 48). Die Kinderchirurgie führte zahlreiche durch Knochentuberkulose und Rachitis bedingte Operationen durch (ebd.: 49-50).

Das Dr. Christ‘sche Kinderhospital, in Frankfurt als das „Spitälchen“ bekannt, war rasch ein Teil der Stadtgesellschaft geworden. Nach Theobald Christs testamentarischem Willen stand es samt Zweigklinik und Entbindungshaus von Beginn an allen Religionen offen, doch ist über den jüdischen Anteil der dort gepflegten Kinder bislang nichts bekannt.

Zum Andenken an eine geliebte Tochter: das Clementine-Mädchen-Spital

Das Clementine-Mädchen-Spital nach dem 1899 erfolgten An- und Umbau (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, 1899) – Nachweis: UB JCS Ffm / Barbara Reschke: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845–1865, Frankfurt a.M. 2011: 28
Das Clementine-Mädchen-Spital nach dem 1899 erfolgten An- und Umbau (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, 1899) – Nachweis: UB JCS Ffm / Barbara Reschke: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845–1865, Frankfurt a.M. 2011: 28

Louise von Rothschild (1820–1894) gehörte dem liberalen Reformflügel der Frankfurter Israelitischen Muttergemeinde an, während ihre Schwägerin und Nichte Mathilde von Rothschild der neo-orthodoxen Austrittsgemeinde ,Israelitische Religionsgesellschaft‘ zuneigte. Louise, die Gattin von Mayer Carl, dem Seniorchef des Frankfurter Rothschild-Bankhauses, wurde bereits 1886 Witwe, Mathilde, verheiratet mit Mayer Carls jüngerem Bruder Wilhelm Carl, dem letzten Bankier des Frankfurter Rothschild-Zweigs, im Jahr 1901 (Arnsberg 1983 Bd 3.: 387-398). Zudem verlor jede von ihnen zwei Töchter: Louise trauerte um Clementine und um Hannah Louise, der Stifterin der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum, Mathilde um Georgine Sara, Namensgeberin des Rothschild’schen Hospitals, und Minna Caroline („Minka“) – alle vier waren Cousinen. Innerhalb des Judentums gingen Louise und Mathilde verschiedene Wege, doch einten sie neben der Rothschild‘schen Familiensolidarität ihre tiefe Verwurzelung in der Zedaka und der Wille zur Tat: Beide erwiesen sich als fähige und aktive Sozialmanagerinnen ihrer umfangreichen Stiftungsnetzwerke (s. auch Strobel 2003). Gemeinsam sorgten sie für die gleiche ,Zielgruppe‘: hilfsbedürftige, sozial benachteiligte und gefährdete Frauen und Mädchen – zugleich das Vermächtnis von Clementine, Georgine Sara und Minka, letztere die Stifterin eines heute noch bestehenden interkonfessionellen Wohnprojekts für bedürftige Frankfurter Seniorinnen. Hierbei ergab sich eine besondere ,Arbeitsteilung‘: Während Mathilde ihren Fokus auf bedürftige Glaubensgenossinnen legte, widmete sich Louise primär der interkonfessionellen Fürsorge. Dabei handelte sie ganz im Sinne Clementines, welche sich zu Lebzeiten intensiv mit den christlich-jüdischen Beziehungen und deren antisemitischer Deformierung beschäftigt hatte. Der Tod der erst Zwanzigjährigen im Jahr 1865 markierte zugleich einen Neuanfang: die Vorbereitung des nach ihr benannten Krankenhausprojekts ,Clementine-Mädchen-Spital‘. Im Unterschied zum evangelisch gestifteten Dr. Christ‘schen Kinderhospital handelte es sich hier um eine jüdische Gründung mit interkonfessioneller Ausrichtung und ohne christlichen Missionsgedanken.

Die Namenspatronin: Clementine von Rothschild

Full of talent and grace – voller Begabung und Anmut: Mit diesen Attributen hat sich die jung verstorbene Autorin und Namenspatronin des Clementine Kinderhospitals, Clementine Henriette von Rothschild (1845–1865, vgl. Reschke 2011; s. auch: ISG FFM: H.15.15 Nr. 1865-487; S2 Nr. 19473), in das Familiengedächtnis der aus Frankfurt am Main stammenden berühmten europäischen Rothschild-Dynastie eingeschrieben. So lautet auch der Titel des Erinnerungsbuches, das Barbara Reschke, promovierte Ärztin und bis 2011 Vorstandsvorsitzende der Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘schen Stiftung, im Jahr 2000 zum 125jährigen Jubiläum der Klinik für die Stiftung herausgab; 2011 folgte eine erweiterte Auflage (Reschke 2011).

Zu Lebzeiten hätte Clementine von Rothschild möglicherweise selbst Zuflucht in einem Mädchenhospital gesucht, einer Einrichtung, die es damals noch gab. Seit ihrer Kindheit litt sie an einer nicht genauer bezeichneten, offenbar in Schüben verlaufenden Krankheit, die sie häufig in die Sitzhaltung zwang. So entfaltete sie ihre Talente im Schreiben, Zeichnen und Malen. Schon frühzeitig soll sie Solidarität mit anderen Leidenden und der unerlösten Menschheit insgesamt gezeigt und, den eigenen Tod vor Augen, Projekte der Zedaka geplant haben. Fundierten Unterricht erhielt Clementine durch einen hochangesehenen, zugleich in den religiösen Richtungsstreit innerhalb des Frankfurter Judentums involvierten Reformrabbiner, welchen Louise und Mayer Carl von Rothschild gleichwohl als Hauslehrer ihrer Töchter schätzten: Dr. Leopold Stein (1810–1882, vgl. Arnsberg 1983 Bd. 3: 488-492; Weyel 1995; Wikipedia: Leopold Stein (Rabbiner) [21.02.2024]). Für den profunden und vielseitigen Gelehrten zählten die gemeinsamen Lehr- und Lernstunden mit seiner Lieblingsschülerin Clementine nach eigenem Bekenntnis zu den „weihevollsten meines ganzen Berufslebens“ (Stein 1865: 4; s. auch ders. 1867). Dank Rabbiner Steins Förderung hinterließ Clementine sogar ein eigenes Werk, das sie mit 16 Jahren begann und fast vollenden konnte.

Deckblatt: Clementine von Rothschild: Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums. Frankfurt a.M. 1867, Online-Ausgabe 2008: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180010778003
Deckblatt: Clementine von Rothschild: Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums. Frankfurt a.M. 1867, Online-Ausgabe 2008: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180010778003

„Da kam mir ein kleines vergilbtes Büchlein in die Hände, das zutiefst erfüllt ist von Wissen um unsere Väterreligion und von heißester Liebe zu ihr“, schrieb 1934, unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verfolgung, Ella Seligmann (1867–1953) in ihrem Essay Ein vergessenes Buch. Briefe von Clementine von Rothschild (dies. 1934). Ella Seligmann war die Tochter des liberalen Frankfurter Rabbiners und späteren Hausseelsorgers Louise von Rothschilds, Dr. Rudolf Plaut (1843–1914), verheiratet mit dem liberalen Frankfurter Gemeinderabbiner Dr. Caesar Seligmann sowie führend in der Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith (Gut 1928; Seemann 2023: Kapitel 5). Hier fand sie Trost durch Clementines posthum von Leopold Stein herausgegebenen Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums, 1883 erneut gedruckt und seit 2008 über die Judaica-Sammlung der Universitätsbibliothek JCS Frankfurt a.M. online zugänglich (Rothschild C. 1867; s. auch Teilabdruck in Reschke 2011). In neun Briefe-Kapiteln, die sie als „Esther Izates“ an eine (fiktive?) christliche Freundin „Ellen“ schrieb, reflektierte Clementine von Rothschild ihre Erfahrungen und Eindrücke im Austausch mit gebildeten christlichen Familien, die sie nach den Festen, Gebräuchen und Gepflogenheiten des Judentums befragten. Orientierung gab ihr neben der behutsamen pädagogischen Anleitung durch ihre Mutter Louise und dem intensiven Lernstudium bei Rabbiner Stein das Beispiel der von ihr bewunderten englisch-jüdischen Schriftstellerin: Grace Aguilar, welche 1847 in Frankfurt am Main verstarb und auf dem dortigen älteren Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße beerdigt wurde (Jewish Women‘s Archive: https://jwa.org/encyclopedia/article/aguilar-grace; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Grace_Aguilar [21.02.2024]). Clementines Briefe, das theologische Werk einer hochbegabten Jugendlichen (s. auch Kratz-Ritter 2011), können als eine Selbstvergewisserung gelesen werden, vor allem aber als Versuch, im Dialog mit der christlichen Umgebung antisemitische Vorurteile auszuräumen, das Judentum zu verteidigen und über seine Grundlagen aufzuklären.

Grabdenkmal (rechts) für Clementine von Rothschild auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße, Fotografie von Carl Friedrich Mylius [1866] – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-302996
Grabdenkmal (rechts) für Clementine von Rothschild auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße, Fotografie von Carl Friedrich Mylius [1866] – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-302996

Das zehnte Briefe-Kapitel konnte Clementine nicht mehr beenden: Ihr Zustand verschlechterte sich, und sie erlag am 18. Oktober 1865 im Kurort Baden-Baden erst 20-jährig ihrem chronischen Leiden. Wie ihr Vorbild Grace Aguilar fand sie ihre letzte Ruhestätte auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße – direkt neben ihrer 1859 verstorbenen Tante Charlotte, Louises Schwester, welche uns bereits als „Baronin Charlotte Anselm von Rothschild“, Unterstützerin des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals, begegnet ist (Hövels u.a. 1995: 53). Die ,abgebrochene‘ Säule von Clementines Grabdenkmal symbolisiert im Judentum den vorzeitigen Tod Heranwachsender, die ihr Leben nicht vollenden konnten. Bei der Abfassung ihres Werks hatte die junge Autorin krankheitsbedingt pausieren müssen. Das neunte und letzte Briefe-Kapitel datiert auf den 17. Februar 1865, der zehnte Brief „über die Lehre von der Gerechtigkeit, als Grundlage der Liebe im Judenthum“ (vgl. Vorwort von Leopold Stein in Rothschild C. 1867: IX-X) blieb Fragment.

Viele Jahre später fand Clementine von Rothschilds sechstes Briefe-Kapitel Messiaslehre (Frankfurt a.M., 30. Januar 1862) Aufnahme in die von George Y. Kohler, Professor für neuzeitliche jüdische Religionsphilosophie und Direktor des Joseph-Carlebach-Instituts an der Bar-Ilan-Universität zu Ramat Gan (Israel), 2014 edierte Aufsatzsammlung Der jüdische Messianismus im Zeitalter der Emanzipation – als einzige weibliche sowie die jüngste Autorin neben bekannten Gelehrten wie Salomon Formstecher, Samuel Hirsch, Samuel Holdheim oder Hermann Cohen, dem Begründer der philosophischen ,Marburger Schule‘ (Kohler 2014: 51-63; s. auch Brocke/Jobst (Hg.) 2011 u. 2015). Zitiert sei abschließend aus ihrem dritten Brief Alleinseligmachender Glaube (Frankfurt a.M., 5. August 1861) – treffender lassen sich die sozialethisch-jüdischen Bausteine des ihren Namen tragenden interkonfessionellen Mädchenhospitals kaum beschreiben:

„Ja, liebe Ellen, meine und ganz Israel‘s feste Hoffnung ist, daß, wie einst auf Erden alle Menschen Eine Familie bilden sollen, wir einst auch im Himmel mit allen Guten und Edlen vor Gott vereinigt sein werden. In unserem Talmud [Sammlung der Gesetze und religiösen Überlieferungen des Judentums, B.S.] heißt es deßhalb: ,Die Frommen aus allen Nationen haben Antheil an der künftigen Welt!‘ – Das gerade macht uns das Judenthum so überaus werth, daß es alle Menschen so innig, so wahrhaft einig umfaßt, und Niemanden verdammt noch ausschließt, weder aus dem Bunde Gottes noch aus dem Bunde der Menschen, weder im Himmel noch auf Erden.“

(Rothschild C. 1867: 26f. [Schreibweise nach Original, Hervorhebungen im Original gesperrt])

Die Stifterin: Louise von Rothschild

Louise von Rothschild, ohne Jahr [ca. 1880] – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300216
Louise von Rothschild, ohne Jahr [ca. 1880] – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300216

Clementines Mutter Louise von Rothschild blieb stets eine ,Engländerin‘, die sich in Frankfurt am Main, zu dessen engagiertesten Stifterinnen sie gleichwohl gehörte, nie ganz heimisch fühlte. Geboren wurde sie 1820 in London als die jüngste Tochter des Bankiers Nathan Mayer Rothschild (Londoner Familienzweig); Clementines Großvater war der dritte Sohn des Gründerpaares der Dynastie, Gutle und Mayer Amschel Rothschild, und noch im Frankfurter Judenghetto geboren. Wegen ihres vielfältigen Einsatzes für die Frankfurter Wohlfahrt und Pflege hat Louise von Rothschild Eingang in Hubert Kollings Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte gefunden (ders. 2011; s. auch Dörken 2008; Hock 2020b; Livingstone 2022; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Louise_von_Rothschild [21.02.2024]).

Louise von Rothschild betätigte sich darüber hinaus als eine talentierte Malerin und Zeichnerin sowie ausgebildete Sängerin, doch galt ihre besondere Aufmerksamkeit der Erziehung und Bildung der sieben Töchter. Während Clementine (1845–1965), die Drittälteste, und die Carolinum-Gründerin Hannah Louise (1850–1892) unverheiratet blieben, heirateten ihre fünf Schwestern nach London und Paris. Nach dem Vorbild ihrer Mutter dort ebenfalls als Stifterinnen aktiv, hielten sie nach Louises Tod aber auch dem Frankfurter Stiftungswerk, wozu das Clementine-Mädchen-Spital gehörte, über viele Jahre finanziell die Treue – namentlich (Hock 2020b; s. auch Arnsberg 1983 Bd. 3: 388):
Adèle (Adele) „Addy“ Hannah Charlotte de Rothschild (1843–1922, vgl. Hock 2019);
Emma „Emmy“ Louise de Rothschild (1844–1935);
Laura Therese „Thesie“ de Rothschild (1847–1931);
Margaretha (später: Marguerite) „Margy“ Alexandrine de Gramont (1855–1905);
Bertha Clara (später: Berthe Claire) Berthier de Wagram (1862–1903).

Dass die ,Liberalen‘ entgegen orthodoxer Kritik keine Beliebigkeit an den Tag legten, sondern jüdische Frömmigkeit aus Reformperspektive praktizierten, zeigt sich auch bei Louise und Mayer Carl von Rothschild, welche bei aller interkonfessionellen Aufgeschlossenheit die Heiraten ihrer beiden jüngsten Töchter Marguerite und Berthe Claire mit Nichtjuden (katholischen Adligen) missbilligten. Hingegen setzten Adèle, Emma und Therese die Familientradition der Verwandtschaftsehen fort. Louise von Rothschild, selbst hochgebildet, erzog ihre sieben Töchter „zweisprachig und weltoffen“, sie durften „ihren vielfältigen Interessen und eigenen Vorlieben über das damals übliche Maß hinaus nachgehen“ (Hock 2020b). 1861 fungierte der Hausseelsorger des liberalen Rothschild-Zweigs, Rabbiner Leopold Stein, als Herausgeber der von ihm zuvor aus dem Englischen übertragenen Gedanken einer Mutter über biblische Texte. Reden an ihre Kinder (Rothschild L. 1861, 2. verm. Auflage 1885; s. auch Teilabdruck in Reschke 2011). Insbesondere in den Kapiteln Wohlthätigkeit und Nächstenliebe legt die Verfasserin Louise von Rothschild ihren Töchtern und dem Lesepublikum eindringlich die mit Menschenliebe verbundene jüdische Pflicht (Mitzwa) der materiell Begünstigten zum sozialen Ausgleich (Zedaka) ans Herz:

„Das Geld, welches uns so viele Bequemlichkeiten und Genüsse verschafft, ist sehr oft nicht durch unsere eigenen Anstrengungen, weder durch unser Talent noch durch unsern Fleiß, errungen worden. Gehört es demnach so ausschließlich uns? Sind wir befugt, es für uns allein zu behalten? Hat nicht der Arme ein Recht, daran Theil zu nehmen[?]“

(Rothschild L. 1861: 30 [Schreibweise nach Original, Hervorhebungen im Original gesperrt]; s. auch Reschke 2011: 65-71).

Was zerstrittene liberale und orthodoxe Richtungen im Judentum neben der religiösen und sozialethischen Überlieferung ebenfalls gemeinsam betraf – oder besser: traf – waren antisemitische Anfeindungen, die selbst nach der Shoah auch den heutigen Nachkommen der Rothschild-Dynastie nicht fremd sind. Bereits in den 1860er Jahren bewogen letztlich Unverständnis und Abwehr ihre Vorfahrin Clementine zur Niederschrift ihrer Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums, beschwor deren Mutter Louise voller Sorge Kaiser Wilhelm II. in einem Brief vom 29. März 1890, die Lage seiner „jüdischen Unterthanen in gnädige Erwägung ziehen und hierbei fremdem Vorurtheil und Uebelwollen keinen Einfluß gestatten zu wollen“ (zitiert nach Reschke 2011: 62 [Hervorhebungen im Original gesperrt]). Postwendend ließ der Kaiser antworten, dass alle Untertanen ungeachtet ihres Standes und religiösen Bekenntnisses unter seinem landesväterlichen „Wohlwollen“ und die jüdischen, sofern patriotisch, unter seinem Schutz stünden (vgl. ebd.: 63).

Louise von Rothschild verstarb am 12. Dezember 1894 in Frankfurt am Main und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße beerdigt (vgl. Zeitungsbericht in Reschke 2011: 63-64), wo bereits ihre Töchter Clementine und Hannah Louise ruhten. Die Grabrede hielt Dr. Rudolf Plaut (1843–1914, vgl. Hock 2021b), durch Louise von Rothschilds Empfehlung seit 1882 zweiter (liberaler) Rabbiner der Frankfurter Israelitischen Gemeinde an der Hauptsynagoge. Hier offenbart sich eine weitere persönliche Querverbindung, wirkte doch sein Sohn, der Dermatologe und SPD-Kommunalpolitiker Dr. med. Theodor Plaut (1874–1938), von 1923 bis 1933 als Administrator des Dr. Christ’schen Kinderhospitals und Entbindungshauses, bis ihn die Nationalsozialisten aus dem Amt vertrieben (Hövels u.a. 1995: 129-134; Hock 2021c); sein Name ist auf der Erinnerungstafel des Clementine Kinderhospitals eingraviert (Abbildung in Reschke 2011: 107). Kehren wir zurück zu seinem Vater Rabbiner Rudolf Plaut, welcher in seiner Gedächnis-Rede an Louise von Rothschilds Grab auch den Einsatz der Gründerin für ihr Clementine-Mädchen-Spital in bewegten Worten schilderte:

„In dem Kinderkrankenhause, welches sie zum Andenken an ein eigenes, frühvollendetes Kind errichtet hatte, waren die armen, kranken Kinder der Gegenstand ihrer rührendsten Fürsorge und Aufmerksamkeit. Da scheute die teilnahmsvolle und hingebungsvolle Frau selbst in den Jahren ihres Greisenalters keine Beschwerden und keine Unbilden des Wetters, um sich nach der fortschreitenden Genesung der kranken Kleinen selbst umzusehen und ihnen jede nur mögliche Hilfe und Erleichterung zu Teil werden zu lassen.“

(Plaut 1894: 5-6)

Die Erbinnen: Adèle de Rothschild und ihre Schwestern

Das Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110, Juni 1910 – Aus der Fotosammlung von Gottfried Vömel, ISG FFM: Bestand S7Vö Nr. 1750 (Digitalisat veröffentlicht in: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de
Das Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110, Juni 1910 – Aus der Fotosammlung von Gottfried Vömel, ISG FFM: Bestand S7Vö Nr. 1750 (Digitalisat veröffentlicht in: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de

„Dem Andenken des theuren Kindes/
widmete diese Staette/
zur Linderung von Leiden/
LOUISE VON ROTHSCHILD/
1875“

(Inschrift, zitiert nach Reschke 2011: 8)

Diese Inschrift findet sich unter einem Medaillon von Clementine von Rothschild, das aus dem 1943 zerstörten Gebäude des Kinderhospitals gerettet werden konnte – gemeinsam mit dem Medaillon, auf dem ihre Mutter Louise porträtiert ist (Reschke 2011: 6-7). Eröffnet wurde das Clementine-Mädchen-Spital am 15. November 1875 mit anfangs 18 Betten (16 Kranken- und zwei Reservebetten) – laut der Einweihungspredigt von Leopold Stein „im Hebräischen die Zahl des Lebens (,Chai‘)“ (Stein 1875: 4). Zuvor hatte Louise von Rothschild englische Fachleute zu Rate gezogen und sich am Vorbild eines „Pavillonsystems“ orientiert (Reschke 2011a: 26f.). Wie das orthodoxe Organ Der Israelit berichtet, trug das Spital

„die Aufschrift: ,Der Herr verwundet und verbindet,/ Er schlägt und seine Hände heilen.‘ […] Daß die Menschen-Freundlichkeit der Stifterin die Anstalt würdig und entsprechend ausrüsten werde, konnte man mit Sicherheit voraussetzen; aber selbst weitgehende Erwartungen sind übertroffen worden. Selbstverständlich ist allen Anforderungen der Heilkunde an Erwärmung, Ventilation und Desinfection nicht nur bezüglich der Kranken-Säle selbst, sondern des ganzen Hauses volle Rechnung getragen worden, und zwar nach dem Rath und selbst nach den Wünschen von den bedeutendsten Autoritäten der hygienischen Wissenschaften. Aber nicht nur allem Nothwendigen für die Pflege, auch dem Comfort der Leidenden ist überall Rücksicht geschenkt worden. […] Für die häusliche Verwaltung hat sich die Stifterin selbst die Ober-Aufsicht vorbehalten.“

(Clementine-Mädchen-Spital 1875 [Schreibweise nach Original])

Zugute kam das Spital bedürftigen Mädchen zwischen fünf und fünfzehn Jahren unabhängig von Stand, Religion sowie – anders als von Theobald Christ für sein Kinderhospital verfügt – der Ortsangehörigkeit; ob es für jüdische Patientinnen eine eigene koschere Versorgung gab, ist bislang ungeklärt. Für ihr Projekt hatte Louise von Rothschild die Stiftung ,Clementine Mädchenhospital‘ errichtet und ein 10.000 qm großes Grundstück an der Bornheimer Landwehr (Frankfurter Ostend) sowie 800.000 Goldmark zur Verfügung gestellt (Schiebler 1994a: 159). Eigens für die Klinik entstand inmitten einer Gartenlandschaft ein stattlicher Villenneubau (ISG FFM Bestand S8-1 Nr. 3272). Dass Louise von Rothschild bereits bei der Bauplanung finanzielle Großzügigkeit walten ließ, zeigt sich an der Wahl der ausführenden Architekten. Den Auftrag erteilte die Stiftung einem renommierten Erfolgsteam, das u.a. für das Frankfurter Diakonissenhaus und das Hotel ,Frankfurter Hof‘ verantwortlich zeichnete: Prof. Dr. h.c. Alfred Friedrich Bluntschli (1842–1930) aus Zürich und Carl Jonas Mylius (1839–1883) aus Frankfurt am Main (vgl. die Artikel von Sabine Hock und Reinhard Frost im Frankfurter Personenlexikon, Onlineausgabe: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1770 sowie https://frankfurter-personenlexikon.de/node/595 [21.02.2024]).

Adèle de Rothschild, um 1870, gemalt von Charles Louis Gratia – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Baronne_Salomon_de_Rotschild_-_Charles_Louis_Gratia.jpg
Adèle de Rothschild, um 1870, gemalt von Charles Louis Gratia – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Baronne_Salomon_de_Rotschild_-_Charles_Louis_Gratia.jpg

Die Erinnerung an das Clementine-Mädchen-Spital ist mit den Namen Clementine und Louise von Rothschilds verknüpft, doch verdanken sich Fortbestand, Entwicklung und Erfolg der stark frequentierten Klinik weiteren weiblichen Rothschilds: Nach Louise von Rothschilds Tod 1894 waren es ihre fünf noch lebenden Töchter mit Wohnsitz in London oder Paris, die sich für den letzten Willen ihrer Mutter engagierten und für die Stiftung mit Hilfe des Notars Dr. Eduard de Bary die Rechte einer juristischen Person beantragten; Kaiser Wilhelm II. erteilte die Genehmigung am 1. Februar 1896. Die Federführung lag in den Händen der Ältesten, Adèle de Rothschild (Hock 2019; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ad%C3%A8le_von_Rothschild [21.02.2024], unterstützt von ihren Schwestern Emma und Thérèse de Rothschild und möglicherweise mit Beteiligung der trotz nichtjüdischer Heiraten ebenfalls als Erbinnen eingesetzten jüngsten Schwestern Marguerite de Gramont und Berthe Claire de Wagram. Die zuverlässige Förderung – namentlich durch Adèle, Thérèse (beide Paris) und Emma de Rothschild (London) – ermöglichte den notwendigen weiteren Ausbau des Clementine-Mädchen-Spitals (s. auch ISG FFM: Bestand A.63.04 Nr. 362 u. Nr. 381). Hierüber informiert ein Bericht in der Frankfurter Zeitung vom 15. November 1899:

„Heute Vormittag wurde der Erweiterungsbau zu dem von Freifrau Karl [sic!] v. Rothschild [d.i. Louise von Rothschild, B.S.] als Andenken an ihre Tochter gestifteten Klementinen-Mädchenspital [sic!] am Bornheimer Landwehrweg eröffnet. […] Behandelt wurden bis jetzt in der Anstalt 2.313 Mädchen. Mehr als zwei Drittel davon wohnten in Frankfurt; die übrigen in der Umgegend; die Aufnahme erfolgt ohne Unterschied der Ortsangehörigkeit. Im Jahr 1895 wurden die früheren Bedingungen, nach denen nur Mädchen im Alter von 5 bis 15 [Jahren] Aufnahme finden sollten, dahin geändert, daß nunmehr das Alter auf 2 bis 15 Jahre festgesetzt wurde im Hinblick auf die große Zahl der Hilfesuchenden unter fünf Jahren. Zu einem Erweiterungs- und Umbau entschloß sich der Vorstand […] aus der Erwägung, daß es seit Jahren stets ganz belegt war und Aufnahmegesuche wegen Platzmangels oft abgelehnt werden mußten, sowie ferner aus dem Grunde, weil mancherlei Einrichtungen nicht mehr den Anforderungen der Jetztzeit entsprachen. Die Mittel waren durch Verkauf eines größeren Stückes der zu der Anstalt gehörigen Ländereien, die kaum einen Ertrag lieferten, vorhanden. […] die Arbeiten begannen im Juni 1898 und wurden Ende Oktober 1899 beendet. Die Form und Größe der neuen Säle entspricht genau denen des alten Hauses, sie haben bis 10 Meter Länge, 6 Meter Breite und 3,70 Meter Höhe und Raum für 8 bis 10 Betten. […] Freifrau James v. Rothschild hat für das Vestibül [repräsentative Eingangshalle, B.S.] die Marmorbüste der Gründerin gestiftet, die folgende Widmung trägt:
Luise [sic!] von Rothschild.
Helfend für Arme und Kranke zu sorgen, war im Leben ihr Ziel, ihre Freude,/
Ueber das Grab hinaus bleibt ihr Werk des liebevollen Sinnes dauerndes Denkmal.“

(Clementine-Mädchen-Spital 1899 [Hervorhebungen im Original gesperrt])

Ausführender Architekt war Friedrich Sander (1869–1939), welcher Aufnahme in die Edition Akteure des Neuen Frankfurt gefunden hat (Quiring 2016). Mit „Freifrau James v. Rothschild“ ist Adèle de Rothschild, seit 1862 verheiratet mit ihrem Pariser Großcousin Salomon James de Rothschild, gemeint. Nur zwei Jahre später verwitwet, hat sie mit ihrer kleinen Tochter Hélène des Öfteren ihre Familie in Frankfurt besucht. In Paris soll sie einen luxuriösen Lebensstil gepflegt haben, engagierte sich aber zugleich in der Zedaka sowie für Kunst und Bildung; tatkräftig stand sie dem Frankfurter Stiftungswerk ihrer Mutter und ihrer Schwester Hannah-Louise zur Seite. 1887 schenkte sie dem Frankfurter Städel Tischbeins berühmtes Gemälde Goethe in der Campagna di Roma. Das Clementine-Mädchen-Spital förderte Adèle de Rothschild zusammen mit ihren Schwestern

„lange (bis zur Hyperinflation zu Beginn der 1920er Jahre) mit hohen Spenden, angeblich im Gesamtbetrag von 750.000 Goldmark. Oft bedachte Adèle de R. weitere Stiftungen und Vereine ihrer Vaterstadt mit größeren Zuwendungen. In Paris setzte sie, ebenfalls zusammen mit ihrer Schwester Thérèse, das wohltätige Wirken ihrer Schwiegermutter Betty de R.[othschild] fort.“

(Hock 2019)

Als das letzte Förderjahr nennt Gerhard Schiebler (ders. 1994: 159) das Jahr 1921 – Adèle de Rothschild ist am 11. März 1922 in Paris verstorben. Ihre Tochter Hélène hatte sie wegen deren Heirat (1887) mit einem nichtjüdischen Adligen enterbt, weshalb ihr Nachlass an den Staat und weitere Institutionen in Frankreich überging. Vermutlich bemühten sich Adèles Schwestern Emma und Thérèse um die weitere Förderung, doch kam es 1928 inflationsbedingt zur Übergabe des Clementine-Mädchen-Spitals an den Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz (seit 1935: Krankenhaus Maingau vom Roten Kreuz), verbunden mit der Namensänderung in ,Clementine Kinderhospital‘. Fortan wurden Kinder beiderlei Geschlechts behandelt – nicht mehr kostenfrei, sondern gegen die Entrichtung eines Pflegegelds; ein Freibett sollte an die Stifterin Louise von Rothschild erinnern. Der nationalsozialistische Machtantritt markierte zugleich das Ende des interkonfessionellen Anliegens des Clementine Kinderhospitals: Das Andenken an die jüdischen Stifterinnen wurde ausgelöscht, als ,nichtarisch‘ klassifizierten Kindern im Sog der ,Nürnberger Rassengesetze‘ (1935) die Aufnahme verweigert. Bereits 1934 war Professor Paul Grosser, der hochangesehene Chefarzt und Direktor des Clementine Kinderhospitals, von den Nationalsozialisten vertrieben, im französischen Exil einem Herzinfarkt erlegen (Hoevels u.a. 1995: 120-128; Hock 2021d).

Hüter/innen des Hauses: Familie de Bary, Großherzogin Luise und der Badische Frauenverein

Als den ersten Chefarzt und Leiter der Administration des Clementine-Mädchen-Spitals berief Louise von Rothschild 1875 den Hausarzt der Familie Rothschild: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Johann Jakob de Bary (1840–1915, vgl. Hock 1986a), welcher sich auch als Kommunalpolitiker (von 1883 bis 1912 Stadtverordneter für die Fortschrittspartei) einen Namen machte. Über Generationen waren die de Barys mit dem liberalen Zweig der Frankfurter Rothschilds und seinen Sozial- und Pflegeprojekten, insbesondere dem Clementine-Mädchen-Spital und der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum, eng verbunden. So unterstützte Luise (Louise Caroline) de Bary (1875–1964), die langjährige Oberin des Carolinum, ihren Vater Jakob de Bary im Clementine-Mädchen-Spital (Windecker 1990: 170 mit Abb.: https://www.uni-frankfurt.de/71289964/Stiftung_Carolinum.pdf [21.02.2024]). Die Familie de Bary war nichtjüdisch und konnte somit beide Institutionen durch die NS-Zeit retten. Ihre Vorfahren waren nach bisheriger Kenntnis im 17. Jahrhundert als calvinistische Glaubensflüchtlinge aus dem belgischen Teil der damaligen „Spanischen Niederlande“ nach Frankfurt am Main zugewandert und dort zu Wohlstand und Ansehen gelangt (Hock 1986c); als ,Reformierte‘ gehörten sie innerhalb des in Frankfurt lutheranisch dominierten Protestantismus zu einer Minderheit. Dem Chefarzt Dr. Jakob de Bary verdanken wir detaillierte Berichte zur Ausstattung und Inneneinrichtung des Clementine-Mädchen-Spitals (z.B. Bary J. 1899; s. auch Schembs 1978: 134) wie auch zum Kranken- und Pflegestand: So versorgte die Mädchenklinik im Jahr 1887 trotz Unterbrechungen durch Renovierungsarbeiten 82 Patientinnen, wobei der kürzeste Aufenthalt 6 Tage, der längste 286 Tage betrug. Am häufigsten wurden Bewegungsorgane (Muskeln, Gelenke, Knochen) behandelt, gefolgt von Atemwegserkrankungen wie Bronchitis (Bary J. 1888: 169-171).

Clementine-Mädchen-Spital: Maßzeichnung eines Betttischchens mit Schrank für Nachttopf (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, März 1877) – Nachweis: Jakob de Bary: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M. 1899 (s. auch Barbara Reschke: Full of talent and grace, Frankfurt a.M. 2011: 101)
Clementine-Mädchen-Spital: Maßzeichnung eines Betttischchens mit Schrank für Nachttopf (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, März 1877) – Nachweis: Jakob de Bary: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M. 1899 (s. auch Barbara Reschke: Full of talent and grace, Frankfurt a.M. 2011: 101)

Den väterlichen Fußstapfen folgte von 1912 bis 1928 als Chefarzt der gleichfalls angesehene, gut vernetzte Mediziner und Kommunalpolitiker (1924–1933 Stadtverordneter für die Deutsche Volkspartei) Dr. med. Dr. med. dent. h.c. August Georg Ludwig de Bary (1874–1954), seit 1902 praktischer Arzt am Clementine-Mädchen-Spital (Hock 1986b; s. auch ISG FFM Bestand S2 Nr. 594). Von 1915 bis 1953 trat er im Vorstand des Carolinum ebenfalls die Nachfolge seines Vaters an (seit 1944 als Vorsitzender). Von 1933 bis 1953 fungierte er als Betriebsleiter des Bürgerhospitals. Von seinen zahlreichen Ämtern und Leitungsfunktionen sei aus der Sicht der Pflege noch die Vorstandstätigkeit für das Frankfurter Diakonissenhaus sowie den Vaterländischen Frauenverein erwähnt; für letzteren war er von 1904 bis 1921 als Hausarzt und Schwesternlehrer tätig.

August de Bary, Gemälde (Öl auf Leinwand) von Rudolf Gudden, 1929 – Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bary_August_de.jpg
August de Bary, Gemälde (Öl auf Leinwand) von Rudolf Gudden, 1929 – Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bary_August_de.jpg

Sein komplexes Handeln unter den Bedingungen der NS-Zeit bleibt auch im Hinblick auf die Rothschild-Stiftungen noch eingehender zu untersuchen. In der Nachkriegszeit wirkte August de Bary von 1948 bis 1952 als ehrenamtlicher Stadtrat; 1953 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. 1954 wurde er Ehrensenator der Frankfurter Universität und zudem für seine vielfältigen Verdienste um die Stadt Träger der Goethe-Plakette. Noch im gleichen Jahr ist er verstorben.

Die Schirmherrin Großherzogin Luise von Baden, 1880 – Nachweis: Hoffotograf: Wilhelm Kuntzemüller (1845–1918), Baden-Baden. Reproduktion: Günter Josef Radig, Stadtwiki Karlsruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Gro%C3%9Fherzogin_Luise_1880.JPG
Die Schirmherrin Großherzogin Luise von Baden, 1880 – Nachweis: Hoffotograf: Wilhelm Kuntzemüller (1845–1918), Baden-Baden. Reproduktion: Günter Josef Radig, Stadtwiki Karlsruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Gro%C3%9Fherzogin_Luise_1880.JPG

Wie das Dr. Christ‘sche Kinderhospital hat auch das Clementine-Mädchen-Spital neben seiner noch weiter zu recherchierenden Medizingeschichte eine nicht minder beeindruckende Pflegegeschichte vorzuweisen, interkonfessionell geprägt wie das Spital selbst. Konnte doch die Gründerin Louise von Rothschild die Großherzogin von Baden als „Protektorin“ (Schirmherrin) und den von ihr errichteten Badischen Frauenverein als Organisator der Pflege des immerhin außerhalb Badens gelegenen Frankfurter Mädchenkrankenhauses gewinnen. So heißt es in dem Bricht über die Eröffnung des Erweiterungsbaus im November 1899: „Die Protektorin der Anstalt, die Großherzogin von Baden, sei leider verhindert, der Feier beizuwohnen […]. Frau Bürgermeister Lauter – Karlsruhe überbrachte Grüße der Großherzogin von Baden sowie des badischen Frauenvereins, dessen Schwestern die Leitung und Pflege in der Anstalt obliegt“ (Clementine-Mädchen-Spital 1899 [Hervorhebungen im Original gesperrt]).

Großherzogin Luise von Baden (1838–1923), eine geborene Prinzessin von Preußen, war die Tochter des Deutschen Kaisers Wilhelm I. (einführend Wikipedia: Luise von Preußen (1838–1923) [21.02.2024]). Louise von Rothschilds sozialethischer Gesinnung stand die fürstliche „Menschenfreundin“ (zit. n. Hindenlang 1925) mit ihrem Einsatz für Wohlfahrt, Krankenpflege und Frauenrechte recht nahe. Bereits als Neunzehnjährige legte sie die Grundlagen für die Errichtung (1859) des traditionsreichen Badischen Frauenvereins (Schraut 2012; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Badischer_Frauenverein [21.02.2024]), der eine hohe Mitgliederzahl erreichte und innovative Einrichtungen der Pflege schuf (Badische Schwestern: https://drk-badische-schwesternschaft.de/ueber-uns/geschichte [21.02.2024]). Verbindung zu der Großherzogin und dem Frauenverein fand Louise von Rothschild möglicherweise über die Lazarettpflege während des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71): Mit der ihr eigenen Tatkraft hatte sie in der Frankfurter Hafenstraße für verwundete Soldaten ein privates Lazarett mit 30 Betten organisiert, „das sie und ihre Töchter täglich besuchten“ (Hock 2020b). Für ihre Verdienste um die Kranken- und Verwundetenpflege wurde Louise von Rothschild mit dem höchsten ,Damenorden‘ des Königreiches Preußen, dem Königlich Preußischen Louisenorden, ausgezeichnet – verliehen von Kaiserin Augusta, der Mutter Luise von Badens. Auch Louises Tochter Adèle de Rothschild wird als Trägerin des Louisenordens genannt (vgl. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Tr%C3%A4gerin_des_Louisenordens [21.02.2024]).

Bei der im Bericht über die Erweiterung des Clementine-Mädchen-Spitals erwähnten „Frau Bürgermeister Lauter“ – sie übermittelte bei der Frankfurter Eröffnungsfeier die Grüße der Großherzogin Luise – handelt es sich um Anna Lauter (1847–1926, einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Lauter [21.02.2024]). Die Witwe des früheren Karlsruher Oberbürgermeisters Wilhelm Lauter war von 1899 bis zu ihrem Tod 1926 Präsidentin der u.a. für die Ausbildung des Pflegepersonals zuständigen „Abteilung III“ des Badischen Frauenvereins vom Roten Kreuz (Badische Schwesternschaft: Festschrift 1960: 8).

Erinnerungstafel am Gebäude des Badischen Frauenverein in Karlsruhe, Mathystraße 28 – Fotografin: Ah (Anke Hüper, Karlsruhe), 15.10.2005, Stadtwiki Karlruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Badischer_Frauenverein.jpg [Creative Commons-Lizenz / letzter Aufruf: 21.02.2024]
Erinnerungstafel am Gebäude des Badischen Frauenverein in Karlsruhe, Mathystraße 28 – Fotografin: Ah (Anke Hüper, Karlsruhe), 15.10.2005, Stadtwiki Karlruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Badischer_Frauenverein.jpg [Creative Commons-Lizenz / letzter Aufruf: 21.02.2024]

Die spannende Geschichte der bis heute aktiven Badischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz – Luisenschwestern – e.V. zu Karlsruhe, der ältesten Rotkreuzinstitution in Deutschland, ist auf der mit Dokumenten und Abbildungen angereicherten Internetseite https://drk-badische-schwesternschaft.de [21.02.2024] nachzulesen. Hier seien noch einige Hinweise, etwa zur interkonfessionellen Ausrichtung, gegeben: So gehörte zum ersten Komitee des ursprünglichen Trägers der Schwesternschaft, dem Badischen Frauenverein, mit Ida Weill geb. Henle (1833–1915) auch eine jüdische Karlsruherin (Badische Schwesternschaft: Statuten des Badischen Frauenvereins vom 06.06.1859). Bereits „1860 wurden Ordensschwestern des Vinzentiushauses und Diakonissen der Diakonissenanstalt in Karlsruhe die ersten praktischen Lehrmeisterinnen der so genannten Lehrwärterinnen“ (zit. n. Badische Schwesternschaft: Festschrift 2009: 2). Im Kontext der voranschreitenden Professionalisierung der Pflege ermöglichte seit 1894 eine so genannte „Sonderausbildung“ den Badischen Schwestern die Weiterqualifikation zur Hebamme oder zur Säuglings- und Kinderkrankenpflegerin (ebd.: 11) – Kenntnisse, die vermutlich auch dem Clementine-Mädchen-Spital zugutekamen. Dessen „Oberin war im Jahre 1883 E. Lölling“ (Schiebler 1994: 159). Hier könnte die weitere biografische Spurensuche einsetzen.

Obgleich von den nachhaltigen Folgen der Shoah unmittelbar betroffen, erbaute die Rothschild‘sche Stiftung, nach der nationalsozialistischen Zwangsenteignung wieder in ihre Rechte eingesetzt, im Jahr 1954 gemeinsam mit der Christ‘schen Stiftung ein neues Kinderkrankenhaus. Die fortgesetzte Tradition der interkonfessionellen Zusammenarbeit mündete 1974 in eine gemeinsame Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘sche Stiftung, die bis 2008 bestand. 2009 fusionierte sie mit der Stiftung ,Bürgerhospital Frankfurt am Main e.V.‘ unter dem Dach des ,Verein Frankfurter Stiftungskrankenhäuser e.V.‘ – seit 2014 die gemeinnützige Gesellschaft ‚Bürgerhospital und Clementine Kinderhospital gGmbH‘. Die beiden so eng verschwisterten Krankenhäuser haben ihre Eigenständigkeit und ihr Geschichtsbewusstsein bewahrt; eine geplante räumliche Nachbarschaft kam aus finanziellen Gründen nicht zustande (Micksch 2023). Wie eingangs erwähnt, ist die Historie des Bürgerhospitals (Bauer 2004; einführend https://www.buergerhospital-ffm.de/das-buergerhospital/geschichte; s. auch Trautsch 2020 [21.02.2024]) mit dem Namen eines weiteren großen Frankfurters verbunden: dem Gründer Dr. Johann Christian Senckenberg (1707–1772), Arzt, Naturforscher, Mäzen und ein Reformer des Frankfurter Gesundheitswesens (Dr. Senckenbergische Stiftung: https://www.senckenbergische-stiftung.de [21.02.2024]). Der dreifache Witwer hatte keine Erben: Seine Tochter und sein Sohn waren bereits im Kleinkindalter verstorben – an einer Hirnhautentzündung und an Tuberkulose.

Birgit Seemann, Stand: Februar 2024

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (siehe auch Bestandsdaten bei Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de)
• Bestand A.63.04 Nr. 362: Bornheimer Landwehrstraße 60 [sic!], Bau des Clementinen-Kinderhospitals für Baronin M.[ayer] C.[arl, d.i. Louise] von Rothschild, eigentlich: Clementinen Mädchenhospital, spätere An- und Umbauten, mit Plänen (Laufzeit: 1873–1909)
• Bestand A.63.04 Nr. 381: Bornheimer Landwehr 60 (110), Clementine-Kinderhospital, bauliche Veränderungen, Bd. 2, mit Plänen (Laufzeit: 1912–1939)
• Bestand H.15.15 Nr. 1865-487: Rothschild, Clementine Henriette von (Sachakte, Nachlass)
• Bestand S2 Nr. 594: Bary, August de (Fallakte)
• Bestand S2 Nr. 19473: Rothschild, Clementine von (Fallakte)
• Bestand S6a Nr. 411: Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M. (gedr. Ms.)
• Bestand S8-1 Nr. 3272: Betreffend den Neubau eines Kinderhospitals für Frau Baronin M[ayer] C[arl, d.i. Louise] v. Rothschild. [Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110 im Ostend]. – Beschreibung: 1. Grdr. Souterrain, 2. Grdr. EG, 3. Grdr. 1.OG, 4. Westfacade, 5. Nordfacade, Südfacade, 6. Längenschnitt, 7. Querschnitte. – Urheber: Mylius [Carl Jonas] und Bluntschli [Alfred Friedrich]: Architekten
• Bestand V165: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘sche Stiftung

Digitalisierte Sammlungen

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all
• Judaica Ffm, Compact Memory, digitalisierte Periodika: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/title

Periodika

FAZ: Frankfurter Allgemeine Zeitung
FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt, digitalisiert: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Compact Memory
FZ: Frankfurter Zeitung
It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum, digitalisiert: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Compact Memory

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Bary, Jakob de 1888: Clementine-Mädchen-Spital. In: Medicinalwesen Jahresbericht 1888: 169-171

Bary, Jakob de 1899: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M.

Bauer, Thomas 2004: Mit offenen Armen. Die Geschichte des Frankfurter Bürgerhospitals. Hg. v. Bürgerhospital Frankfurt am Main e.V. Frankfurt a.M.

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Clementine-Mädchen-Spital 1875: [Bericht zur Eröffnung des Mädchenspitals, o.Verf.]. Die Eröffnung des von der Baronin von Louise von Rothschild ausgestatteten Hospitals (am Landwehrweg [sic!]). In: It 16 (1875) 46, 17.11.1875, S. 1016, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2447603

Clementine-Mädchen-Spital 1899: Klementinen-Mädchenspital [sic!]. [Bericht zur Eröffnung des Erweiterungsbaus, o.Verf.]. In: Frankfurter Zeitung, 15.11.1899, online: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Rothschild-Sammlung 1899, Teil 2, S. 291, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/rothschild/content/titleinfo/4306441

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CKH Stiftung: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ’sche Stiftung: https://www.ckh-stiftung.de

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Clementine Kinderhospital Wikipedia: Clementine Kinderhospital: https://de.wikipedia.org/wiki/Clementine_Kinderhospital

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Wikipedia: Kinderkrankenpflege: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderkrankenpflege – Säuglingspflege: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4uglingspflege

In „liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt“: die Frankfurter jüdische Krankenpflege und ihr überregionales Netzwerk

Verbindungen des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins zu anderen Institutionen im Überblick

Abb. 1: Erwähnung von Oberin Sophie Meyer im Bericht (Auszug) über das Israelitische Krankenheim Bad Neuenahr in: Allgemeine Zeitung des Judentums, 26.05.1911
Online: Alemannia Judaica Bad Neuenahr [letzter Aufruf am 17.12.2020]

Frankfurt am Main – Köln – Hamburg – Heilbronn – Bad Neuenahr – Aachen: An all diesen Orten war Schwester Sophie Meyer im Auftrag des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M. mit Tatkraft und Unternehmungsgeist im Einsatz. Ihre beruflichen Stationen zeugen von der überregional wegweisenden Bedeutung des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins für die professionelle deutsch-jüdische Krankenpflege. Der folgende Überblick markiert den Beginn einer Spurensuche.

Innerjüdische Verbindungen

Die überregionale Vernetzung war stets ein Hauptanliegen des am 23. Oktober 1893 als erster deutsch-jüdischer Schwesternverband errichteten Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M.: Galt es doch, die berufliche Krankenpflege der jüdischen Minderheit im Deutschen Kaiserreich zu profilieren und weiter auszubauen. Für dieses Ziel begründete der Frankfurter Schwesternverein am 31. Oktober 1905 den DVJK (Deutscher Verband jüdischer Krankenpflegerinnen) mit (vgl. Steppe 1997: 116-122). Die Historie dieser Dachorganisation bleibt – anders als bei der 1917 errichteten ZWST (Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden) (vgl. Hering u.a. 2017) – noch aufzuarbeiten. Mit der bis heute aktiven ZWST hat der DVJK auf dem Gebiet der jüdischen Krankenfürsorge und Wohlfahrtspflege eng kooperiert (vgl. Steppe 1997: 135).

Nach dem Ersten Weltkrieg fusionierte der DVJK mit dem 1919 gegründeten Bund jüdischer Kranken- und Pflegeanstalten. Nach den Forschungsergebnissen der Pflegehistorikerin Hilde Steppe vertrat dieser Dachverband im Jahr 1927 „64 Anstalten“, darunter „vierzehn jüdische Krankenhäuser mit 1417 Betten und etwa 300 im Pflegedienst beschäftigten Personen“; zu einem Drittel war das Pflegepersonal „nicht jüdisch“ (ebd.: 136). Weitere Kontakte unterhielt der DVJK zu dem 1904 gegründeten JFB (Jüdischer Frauenbund) (vgl. Kaplan 1981). Die Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende des JFB, die bekannte Sozialreformerin und Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim (1859–1938), hat „zumindest zeitweise regen Anteil an der Entwicklung des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen in Frankfurt, ihrem langjährigen Wohnort“ genommen (ebd.: 139). Die berufliche jüdische Krankenpflege unterstützten von Beginn der DIGB (Deutsch-Israelitischer Gemeindebund), vor allem aber der deutsch-jüdische Logen-Verband Unabhängiger Orden Bne Briss mit der besonders aktiven Frankfurt-Loge (1888 gegründet, vgl. Eintrag bei Jüdische Pflegegeschichte).

Verbindungen zu nichtjüdischen Organisationen

Hinsichtlich der außerjüdischen Verbindungen des DVJK erwähnt Hilde Steppe (1997: 146) „sehr punktuell direkte Kontakte“ der jüdischen Schwesternvereinigungen zum BDF (Bund Deutscher Frauenvereine), dem Dachverband der bürgerlichen Frauenbewegung. 1919 organisierten sich die evangelischen, katholischen, jüdischen und Rotkreuzmutterhäuser im Bund Deutscher Mutterhausschwestern- und Bruderschaften (ebd.: 149). Nach eigenen Angaben vertrat der Bund „90% aller Pflegepersonen, nämlich insgesamt 110 000 Angehörige verschiedener Schwestern- und Bruderschaften, darunter 350 Krankenschwestern der jüdischen Vereine“ (ebd.: 149). Bei den christlichen Vereinigungen überwog zu diesem Zeitpunkt das Interesse, ein überkonfessionelles Bündnis gegen die Säkularisierung, Verstaatlichung und befürchtete ‚Sozialisierung‘ des Gesundheitswesens zu schmieden, alle innerchristlichen Fraktionierungen und antijüdischen Abgrenzungen, obgleich sich der Antisemitismus spätestens nach der deutschen Kriegsniederlage wieder lautstark artikulierte. In den 1920er Jahren ging der Bund im Reichsverband der privaten, gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands – seit 1931: Reichsverband der freien gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands – auf (ebd.: 151).

1929 errichteten die Schwesternschaften des Deutschen Roten Kreuzes, die evangelischen Schwesternschaften sowie die freiberuflichen Vereinigungen Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands und Reichsverband der Krankenschwestern die AGWK (Arbeitsgemeinschaft der weiblichen Krankenpflegeorganisationen). Hier entschloss sich der Deutsche Verband jüdischer Krankenpflegerinnen – als letzte Vereinigung nach dem Beitritt des katholischen Caritasverbands im Februar 1931 – erst im August 1931 zur Mitgliedschaft (ebd.: 154) und entsandte als Vertreterin Martha Salinger (Lebensdaten bislang nicht recherchiert), die Oberin des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Berlin. Nur wenige Jahre später verstießen die NS-gleichgeschalteten beruflichen Dachverbände die jüdischen Krankenschwestern und ihre Vereinigungen aus ihren Reihen. ,Vergessen‘ war die enge Zusammenarbeit in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs; der jüdische Anteil an der Verbandsarbeit für die überkonfessionelle berufliche Krankenpflege und -fürsorge wurde totgeschwiegen. Ebenso bleibt weiter zu untersuchen, ob die jüdische Pflege trotz ihres bürgerlichen und religiösen Profils vor und während der NS-Zeit Kontakte zu NS-oppositionellen gewerkschaftlichen und sozialistischen Krankenpflegevereinigungen unterhielt.

Eine Erfolgsstory: die „Außenstellen“ des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins

Die überregionale Vernetzung des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main mit etlichen „Außenstellen“ (zit. n. Steppe 1997: 223) verweist auf dessen hervorragende Verbindungen zu jüdischen Gemeinden und das hohe Ansehen seiner Pflegeausbildung im gesamten Kaiserreich. Neben zeitlich begrenzten Noteinsätzen Frankfurter jüdischer Schwestern – u.a. die Versorgung Typhuskranker in den hessischen Orten Ulmbach (heute Stadtteil von Steinau an der Straße, Main-Kinzig-Kreis) und Nidda (Wetteraukreis) (ebd.: 205) – erfolgte der gezielte Auf- und Ausbau von Kontakten zu anderen Städten und Regionen, häufig auf Nachfrage der dortigen jüdischen Kliniken und Pflegeheime. So entstand bereits 1893, im Gründungsjahr des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins, eine enge Kooperation mit dem Jüdischen Krankenhaus zu Köln (vgl. Steppe 1997: 205; Becker-Jákli 2004; Seemann 2015). Auch in das Israelitische Krankenhaus zu Hamburg entsandte der Schwesternverein seit 1898 seine fähigen Absolventinnen mit dem Auftrag, vor Ort eine moderne Pflege, Ausbildung und berufliche Selbstorganisation aufzubauen (vgl. Steppe 1997: 205; Jenss [u.a.] 2016; Seemann i.E.). Die Oberinnen wurden mit Frieda Brüll (1866–1942, später verheiratete Wollmann) und Klara Gordon (1866–1937) zwei Mitbegründerinnen des Frankfurter Vereins, welche dann den 1899 und 1907 in Köln und Hamburg errichteten jüdischen Schwesternvereinen vorstanden. Auch am Frankfurter Hauptstandort selbst etablierte der Schwesternverein auf Nachfrage langjährige Außenstellen: So wirkten in seinem Auftrag zwischen 1894 (vgl. Steppe 1997: 225, Nr. 5) und 1919 im orthodox-jüdischen Pflegeheim Gumpertz’sches Siechenhaus (vgl. Seemann/ Bönisch 2019) die Oberinnen Thekla Mandel (1867–1941, später verheiratete Isaacsohn), eine weitere Mitbegründerin des Schwesternvereins, und Rahel Spiero (1876–1949, später verheiratete Seckbach); letztere wurde nach ihrem Ausscheiden aus dem Schwesternverein wegen Heirat 1919 vom Verein Gumpertz‘sches Siechenhaus als Oberin und Verwalterin übernommen. Die Vielzahl und Vielfalt der durch Frankfurter jüdische Krankenschwestern errichteten und geleiteten Außenstellen der Pflege beeindruckt noch heute, wie auch die tabellarische Übersicht von Hilde Steppe (1997: 260-261; die teils variierenden Jahreszahlen bleiben in der weiteren Forschung noch zu prüfen).

Außenstellen des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M., 1891–1919
Nachweis: Steppe 1997: 260-261

Um 1905 werden an „weiteren neuen Arbeitsgebieten“ die „Gemeindepflege in Heilbronn und die Leitung einer Erholungsstätte für Mädchen in König im Odenwald übernommen“ (ebd.: 208). Über das Mädchenerholungsheim im heutigen Bad König (Odenwaldkreis, Hessen, vgl. zur jüdischen Geschichte Alemannia Judaica Bad König) und seinem Personal liegen bislang keine weiteren Informationen vor. Von den in der nordbadisch-jüdischen Gemeinde Heilbronn (Baden-Württemberg) eingesetzten Frankfurter Pflegekräften sind Frieda Amram, Margarethe Hartog, Henriette Kochmann, Sophie Meyer, Clara (Claire) Simon und Rosa Spiero namentlich bekannt. In Heilbronn wurde einem Bericht zufolge bereits 1877, vor der Entstehung der beruflich organisierten jüdischen Krankenpflege, eine nicht näher beschriebene jüdische „Anstalt für Krankenpflegerinnen“ eröffnet (laut Bericht in: AZdJ, 09.10.1877, online bei Alemannia Judaica Heilbronn); möglicherweise baute der Frankfurter jüdische Schwesternverein vor Ort eine eigene Schwesternstation auf.

Im Jüdischen Krankenhaus zu Hannover (vgl. Kap. 2.1) in Niedersachsen und sogar in der Schweiz – hier im Israelitischen Spital zu Basel (vgl. Steppe 1997: 209; Bönisch 2015) – errichtete der Frankfurter jüdische Schwesternverein 1907 weitere wichtige Außenstellen. 1910 folgte in Oberstedten (heute Stadtteil von Oberursel (Taunus), Hessen) das Genesungsheim der Eduard und Adelheid Kann-Stiftung (vgl. Bönisch 2014). Überdies wurde eine Krankenschwester „in der Klinik in Bad Neuenahr eingesetzt“ (vgl. Steppe 1997: 210): Gemeint ist hier das Israelitische Krankenheim zu Bad Neuenahr (heute Bad Neuenahr-Ahrweiler, Rheinland-Pfalz), das ähnlich wie das Frankfurter Gumpertz‘sche Siechenhaus bedürftige Frauen und Männer mit Gebrechen und chronischen Erkrankungen versorgte. Mitbegründer des Trägervereins war der Frankfurter Stifter und Wohltäter Raphael Ettlinger (1852–1909), vermutlich mit Unterstützung der von ihm mitbegründeten Frankfurt-Loge des Unabhängigen Ordens Bne Briss. Bis zur Eröffnung des eigentlichen Krankenheims ein Jahrzehnt später kamen die Patientinnen und Patienten in der Privatpflege unter.

Anzeige in Frankfurter Israelitisches Familienblatt, 15.04.1908
Online: Alemannia Judaica Bad Neuenahr sowie Alicke 2017: Bad Neuenahr [letzter Aufruf am 17.12.2020]

Zu Recht setzte der Trägerverein sein Vertrauen auf eine Absolventin des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins. Über Sophie Meyer, die erste Oberin des im Mai 1910 offiziell eingeweihten orthodox-jüdischen Krankenheims, berichtete am 26. Mai 1911 die Allgemeine Zeitung des Judentums (online nachzulesen bei Alemannia Judaica Bad Neuenahr):

„Seit dem vorigen Jahr [1910, B.S.] hat der Verein in einem […] gemieteten Hause seine Aufgaben unmittelbar in Angriff genommen und die Leitung in die vertrauenswerten Hände der vorzüglich bewährten Oberschwester Sophie Meyer niedergelegt, die der Frankfurter Schwesternverein uns in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt hat.“

Das Israelitische Krankenheim zu Bad Neuenahr bestand vermutlich bis 1938/40.

Allerdings wurden, wie Hilde Steppe (1997: 211) schreibt, bereits vor dem Ersten Weltkrieg aufgrund „des steigenden Bedarfs an Privatpflege in Frankfurt […] etliche Einsatzorte außerhalb wieder aufgegeben, so Basel, Heilbronn und Bad Neuenahr“. Doch verantwortete der Frankfurter jüdische Schwesternverein von 1911 bis 1918 den gesamten Pflegedienst des Israelitischen Krankenhauses zu Straßburg im Elsass (vgl. Seemann 2017, 2018a, 2018b). 1912 und 1913 folgen in den heutigen Bundesländern Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit dem Friedrich-Luisen-Hospiz zu Bad Dürrheim und dem Israelitischen Altenheim zu Aachen (Kap. 2.3) zwei weitere wichtige Außenstellen. Eine weitere ‚Dependance‘ entstand nach dem Ersten Weltkrieg in Baden-Württemberg:

„In Pforzheim sind schon 1918 Krankenschwestern während einer schweren Typhusepidemie tätig; aus dieser Erfahrung heraus wird dort im Juli 1919 ein eigenes jüdisches Schwesternheim eingerichtet, dessen Krankenschwestern alle vom Frankfurter Verein gestellt werden“ (Steppe 1997: 224, siehe auch ebd.: 112).

Namentlich bekannt sind bislang Edith Beihoff, Beate Berger, Paula Block und Hilde Rewalt. Möglicherweise erhöhte auch der im Zuge der deutschen Kriegsniederlage wieder aufflammende Antisemitismus das Bedürfnis nach einer eigenen beruflichen jüdischen Pflege, die es zuvor in Pforzheim nicht gab. Vermutlich existierte das jüdische Schwesternheim (bei Alemannia Judaica Pforzheim nicht erwähnt) nur vorübergehend, seine Geschichte ist noch zu erforschen.

Ebenfalls 1919 übernahm der Frankfurter jüdische Schwesternverein mit dem Lungensanatorium Ethania (auch: Etania) in Davos neben dem Israelitischen Spital zu Basel die Leitung einer weiteren Schweizer jüdischen Pflegeeinrichtung (vgl. Steppe 1997: 224; Bönisch 2015; Alemannia Judaica Davos). In den Folgejahren eröffnete der Verein – abgesehen von der personellen Unterstützung des 1932 eröffneten jüdischen Krankenhauses zu Alexandria (Ägypten) durch die Entsendung von Schwester Thea Levinsohn-Wolf (1907–2005, vgl. dies. 1996) offenbar keine weiteren Außenstellen. Vielmehr konzentrierte er sich auf den wachsenden Pflegebedarf in Frankfurt am Main und Region. Doch wurden nach dem Ersten Weltkrieg „sowohl in Hannover und Aachen als auch in Dürrheim Frankfurter jüdische Krankenschwestern weiterhin als Oberinnen eingesetzt“ (Steppe 1997: 223f., 225-232). Alle drei Einsatzorte werden im Folgenden vorgestellt – auch als Anregung zu weiteren Forschungen.

Oberin Emma Pinkoffs in Hannover (Jüdisches Krankenhaus mit Altersheim und
Krankenpflegeschule)

Drei Jahrzehnte lang stand Emma Pinkoffs (auch: Pincoffs) der Pflege des Jüdischen Krankenhauses Hannover vor, seit 1907 Außenstelle des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M. (vgl. ebd.: 209, 225). Im Gründungsjahr 1893 vom Frankfurter Schwesternverein ausgebildet, gehört Oberin Pinkoffs zu der ‚Pionierinnen‘- Generation der beruflichen jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Geboren wurde sie laut Eintrag in der Online-Datenbank ,Bedeutende Frauen in Hannover‘ (2013: 51) am 30. März 1863 in Gollnow (Westpommern, heute Goleniów, Polen). Das Krankenhaus, dessen Bettenzahl anfangs 27 und nach der Erweiterung 1914 mindestens 60 Betten betrug, hatte sich auf Chirurgie, Innere Medizin und Gynäkologie spezialisiert. Angeschlossen waren eine Krankenpflegeschule sowie ein Altersheim für jüdische Bewohner/innen (vgl. Schulze 2009: 330; siehe auch einführend den Wikipedia-Artikel: Jüdisches Krankenhaus (Hannover)).

Bis zur nationalsozialistischen Zäsur war der Anteil der nichtjüdischen Patientinnen und Patienten hoch: So wurden 1918 125 jüdische und 572 nichtjüdische Kranke versorgt. Im Juli 1942 wurde die Institution von den Nationalsozialisten zwangsgeräumt, die sie zuvor als ‚Ghettohaus‘ und Sammellager missbraucht hatten. Die Zerstörung ihres Lebenswerks musste Emma Pinkoffs nicht mehr persönlich erleben, da sie nach ihrer Pensionierung 1937 nach Berlin gezogen war. Dort verstarb die angesehene Oberin am 25. Februar 1940 mit 76 Jahren und erhielt ihre letzte Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee.

Der ab 2006 sanierte Gebäudekomplex des in der Shoah vernichteten Jüdischen Krankenhauses zu Hannover steht heute unter Denkmalschutz. Zum Gedenken wurde eine Stadttafel angebracht.

Stadttafel Hannover (Nr. 96) an der Mauer vor der Ellernstraße 39 im Stadtteil Zoo: ehemaliges Jüdisches Krankenhaus Hannover mit Altersheim und Totenhaus
Fotograf: Bernd Schwabe in Hannover, 16.09.2013, Wikimedia, und https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de [letzter Aufruf am 17.12.2020]

Die Oberinnen Dorothea Kochmann und Bettina Falk in Bad Dürrheim (Friedrich-Luisen-Hospiz)

Ankündigung mit Erwähnung von Oberin Dorothea Kochmann in Frankfurter Israelitisches Familienblatt, 03.05.1912
Online: Alemannia Judaica Bad Dürrheim: Friedrich-Luisen_Hospiz [letzter Aufruf am 17.12.2020]

Das Friedrich-Luisen-Hospiz in Bad Dürrheim (Baden-Württemberg) mit anfangs mindestens 70, später 105 Plätzen war seit dem Eröffnungsjahr 1912 Außenstelle des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins (vgl. Steppe 1997: 224; siehe auch Wahl/ Schellinger 2012; Zimmermann 2013; Alemannia Judaica Bad Dürrheim: Friedrich-Luisen-Hospiz). Das rituell geführte und zugleich hochmoderne „Erholungsheim für israelitische Kinder und minderbemittelte Erwachsene“ war weit über Baden hinaus bekannt. Die Namensträgerin Großherzogin Luise zeigte sich bei ihrem Besuch höchst angetan.

Bericht von Großherzogin Luises Hospiz-Besuch in Frankfurter Israelitisches Familienblatt, 05.09.1913
Online: Alemannia Judaica Bad Dürrheim: Friedrich-Luisen-Hospiz [letzter Aufruf am 17.12.2020]

Großen Anteil an Erfolg und Bedeutung des stark frequentierten Hospizes hatte seine erste Oberin Dorothea Kochmann. Ihre Ausbildung im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M. hatte sie 1905 abgeschlossen – gemeinsam mit Henriette Kochmann, vermutlich ihre Schwester. Vor ihrem Einsatz im Friedrich-Luisen-Hospiz arbeitete Dorothea Kochmann in der Privatpflege sowie im Hospital der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main („Königswarter Hospital“), Henriette Kochmann bewährte sich „in Heilbronn, in der Privatpflege, im ersten Weltkrieg in der Etappe“ (Steppe 1997: 228). Beider Lebensdaten sind bislang unbekannt und liegen auch dem Stadtarchiv Bad Dürrheim nicht vor (Auskunft per Mail v. 29.08.2018). Für das Jahr 1924 berichtet das Periodikum Der Israelit von einem Leitungswechsel: „Anstelle der unvergesslichen Oberin Dorothea Kochmann hat Mitte Juli die bisherige Krankenschwester am Israelitischen Spital in Basel, Bettina Falk aus Mergentheim, die Leitung des Friedrich-Luisen-Hospizes übernommen. Dank ihrer früheren Tätigkeit im Hospiz (1920–1922) […] bereitete ihr die neue Aufgabe keine Schwierigkeiten. Gleich ihrer Vorgängerin legt die neue Oberin auf die religiöse Führung der Anstalt hohen Wert.“(Zitiert nach: Der Israelit, 04.09.1924, online: Alemannia Judaica Bad Dürrheim: Friedrich-Luisen-Hospiz [letzter Aufruf am 17.12.2020]).

Dass Bettina Falk wie ihre Vorgängerin Dorothea Kochmann dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M. angehörte, ist aufgrund verschollener Akten nicht belegt, doch sehr wahrscheinlich, pflegte sie doch vor ihrem Bad Dürrheimer Einsatz an einer früheren Außenstelle des Frankfurter Schwesternvereins, dem Israelitischen Spital zu Basel. Geboren wurde Oberin Falk am 28. März 1889 in Bad Mergentheim (Baden-Württemberg), ihre ebenfalls unverheiratete jüngere Schwester Emilie Falk (geb. 25.02.1895) arbeitete im Friedrich-Luisen-Hospiz als Sekretärin. Unter dem Nationalsozialismus wurde das jüdische Hospiz bereits 1939 zwangsweise aufgelöst. Ein Jahr später zogen die Schwestern Falk nach Frankfurt am Main – Bettina Falk in den Sandweg 7, Emilie Falk in den Röderbergweg, wo sie vermutlich als Bürokraft im Israelitischen Waisenhaus unterkam. Beide wurden am 24. September 1942 von Frankfurt nach Estland deportiert, wo sich ihre Lebensspuren verlieren; möglicherweise fielen sie dem Morden in Raasiku (NS-‚Tötungsstätte‘) bei Reval (heute Tallinn) zum Opfer. Am Standort Luisenstraße 56 des NS-vernichteten Friedrich-Luisen-Hospizes befindet sich heute die Luisenklinik (Zentrum für Verhaltensmedizin): Die Benennung eines 2010 eingeweihten Erweiterungsbaus – des Bettina-Falk-Hauses – nach der in der Shoah ermordeten Oberin Bettina Falk dokumentiert eine vorbildliche Erinnerungsarbeit (vgl. die Internetseite: Das Klinikum. Die Geschichte der Luisenklinik https://www.luisenklinik.de [letzter Aufruf am 17.12.2020].

Oberin Sophie Meyer in Aachen (Israelitisches Altenheim)

Wie Emma Pinkoffs gehörte auch Sophie Meyer (auch: Maier) – zuweilen „Schwester Bertha“ genannt (vgl. Steppe 1997: 226) – zu den ersten ausgebildeten jüdischen Pflegenden in Deutschland. Geboren wurde sie am 27. Februar 1865 im westfälischen Bergkirchen (Kreis Minden; heute ein Kirchdorf innerhalb der Stadt Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen; ISG Ffm HB 655, Bl. 51). Interessiert an einer fortschrittlichen Pflegeausbildung in einem jüdischen Umfeld, verließ Sophie Meyer ihr Heimatdörfchen und bewarb sich erfolgreich beim Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M. Vom Frankfurter Schwesternverein wurde sie an dessen Kölner Außenstelle (Jüdisches Krankenhaus mit Oberin Frieda Brüll) „abgeordnet“ (Steppe 1997: 106) und legte dort 1897 ihr Schwesternexamen ab. Danach bewährte sie sich im Hospital der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main („Königswarter Hospital“) und in der Privatpflege. Zum zehnjährigen Dienstjubiläum zeichnete sie der Schwesternverein 1907 mit der Goldenen Brosche aus. Nach erfolgreichen Einsätzen in Hamburg (Israelitisches Krankenhaus mit Oberin Klara Gordon), Heilbronn (Privatpflege in der jüdischen Gemeinde) und Bad Neuenahr (Israelitisches Krankenheim) stellte sich Sophie Meyer einer weiteren beruflichen Herausforderung: Sie stieg zur Oberin und Leiterin des 1913 eröffneten Israelitischen Altenheims zu Aachen mit 16 (später 24) Plätzen auf. Auch diese Frankfurter Außenstelle „muss eine sehr moderne, hohen medizinischen Anforderungen gerecht werdende Anlage gewesen sein“ (Klein 1997: 51; siehe auch Bierganz/ Kreutz 1988; Bolzenius 1994; Lepper 1994). Das Heim verfügte über einen eigenen Operationssaal und war in eine erholsame Gartenlandschaft eingebettet. Unterstützung erhielt die Oberin von Schwester Babette Zucker (Lebensdaten unbekannt, Ausbildungsjahr 1909, vgl. Steppe 1997: 229) und vermutlich weiteren Frankfurter Kolleginnen. Aufgrund der lückenhaft dokumentierten Personalgeschichte ist ungeklärt, ob Sophie Meyer bis zu ihrer Pensionierung im Amt blieb. Als das Israelitische Altenheim in die Hände der Nazis fiel und um 1941 als ‚Ghettohaus‘ und Sammellager missbraucht wurde, hatte sie Aachen längst verlassen und war nach Frankfurt am Main in die Jügelstraße 46 gezogen. Ihr letzter Alterssitz wurde am 25. März 1937 das Frankfurter jüdische Schwesternhaus. Am 4. November 1940 (ISG Ffm: HB 655, Bl. 51) verstarb mit der 75-jährigen Sophie Meyer eine Persönlichkeit, die ihr gesamtes Leben der Pflege gewidmet und immer wieder die berufliche Herausforderung gesucht hatte – eine jüdische Krankenschwester mit ‚Leib‘ und ‚Seele‘. Die nur zwei Wochen später folgende nationalsozialistische Zwangsräumung des Schwesternheims und die Vertreibung und Deportation ihrer Kolleginnen musste sie nicht mehr erleben. An das von Sophie Meyer geleitete frühere Israelitische Altenheim zu Aachen erinnert seit 1989 ein Gedenkstein.

Denkmal für die 1942 deportierten Bewohnerinnen und Bewohner des jüdischen Altenheims in Aachen-Burtscheid, Kalverbenden – Fotograf: Norbert Schnitzler, 26.10.2004, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Aachen_Denkmal_Altenheim_Kalverbenden.jpg und https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de [letzter Aufruf am 17.12.2020]

Fazit

Von Deutschland (bis zum Ende des Ersten Weltkriegs mit Elsaß-Lothringen) über die Schweiz bis nach Ägypten und möglicherweise weiteren bislang unbekannten Orten und Regionen – in der jüdischen Welt war die Wertschätzung der beruflichen wie religiöskulturellen Kompetenz der Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M. durchaus verbreitet. So zog Hilde Steppe (1997: 207) bereits für die Wende zum 20. Jahrhundert folgendes Resümee:

„Insgesamt hat sich die jüdische Krankenpflege in Frankfurt fest und erfolgreich mit einer kleinen Gruppe von Krankenschwestern etabliert, wobei der Bedarf das Angebot weit übersteigt, so daß nach wie vor etliche Anfragen vor allem von außerhalb abgelehnt werden müssen.“

Sowohl bei den jüdischen wie bei den nichtjüdischen Patientinnen und Patienten waren die in den „Außenstellen“ eingesetzten Frankfurter Schwestern stets bestrebt, in Zeiten von Antisemitismus und ‚Assimilation‘ das Judentum am Krankenbett würdig zu vertreten und nachhaltig zu verteidigen – „den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre“ (zit. n. Hilde Steppe).

Die Autorin dankt Frau Lydia Wende vom Stadtarchiv Bad Dürrheim für die schnelle Kooperation.

Birgit Seemann, Stand November 2021

Literatur- und Quellenverzeichnis

Ungedruckte Quellen

ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

  • HB 655: Hausstandsbuch Bornheimer Landwehr 85 (Schwesternhaus der Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M.), Sign. 655

Literatur und Links [zuletzt aufgerufen am 17.12.2020]

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http://www.alemannia-judaica.de/bad_duerrheim_friedrich-luisen-hospiz.htm (Stand:
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Alemannia Judaica Heilbronn (Stadtkreis): http://www.alemanniajudaica.
de/synagoge_heilbronn.htm (18.05.2020)
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Alicke, Klaus-Dieter 2020: Aus der Geschichte jüdischer Gemeinden im deutschen
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Aufruf am 17.12.2020]
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schwesternvereins-in-frankfurt-oberin-in-koeln
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2017, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/frankfurter-juedische-krankenpflege-instrassburg-
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Seemann, Birgit 2018a: Julie Glaser (1878–1941 deportiert). Oberin des Krankenhauses der
Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, updated 2018, https://www.juedischepflegegeschichte.
de/julie-glaser-1878-1941-deportiert
Seemann, Birgit 2018b: Glaser, Julie (1878–1941). In: Kolling, Hubert (Hg.): Biographisches
Lexikon zur Pflegegeschichte. Band 8. Nidda: 80-82
Seemann, Birgit i.E.: Die Gründerinnen-Generation des Vereins für jüdische
Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M., Teil 2: Oberinnen / Privat- und Armenpflege. Minna
Hirsch (1860–1938), Lisette Hess (1867–1913), Klara Gordon (1866–1937), im Erscheinen (Internetseite Jüdische Pflegegeschichte
Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar 2019: Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“
in Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung.
Hg. v. Verein zur Förderung der Historischen Pflegeforschung e.V. Frankfurt a.M.
Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur
Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.
Wahl, Sven/ Schellinger, Uwe (Hg.) 2012: Vom jüdischen Kinderheim zur Luisenklinik. Die
Geschichte des Friedrich-Luisen-Hospizes in Bad Dürrheim. 1912 – 2012. Hg. v. Sven Wahl
u. Uwe Schellinger. [Bad Dürrheim: Luisenklinik]
Zimmermann, Michael J. H. 2013: Das Bad Dürrheimer Friedrich-Luisen-Hospiz. Einst ein
Paradies für jüdische Kinder. In: Freiburger Rundbrief 20 (2013) 2, S. 120-127

Periodika

AZdJ: Allgemeine Zeitung des Judentums FrIF: Frankfurter Israelitisches Familienblatt It: Der Israelit

Akademische Feier zum 70. Geburtstag von Hilde Steppe

am 06. Oktober 2017, Frankfurt University of Applied Sciences

Hilde Steppe und ihr Einfluss auf die Pflege.

Die professionelle Pflege hat bisher bzgl. einer Erinnerungskultur wenig Tradition. Die Sektion Historische Pflegeforschung der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V.  und der Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V., der anlässlich des Todes von Hilde Steppe gegründet wurde, hat sich mit zur Aufgabe gemacht, ihrer zu gedenken. Gemeinsam sollen Hilde Steppes Themen aufgegriffen und die Weiterentwicklung vor allem anhand ihrer Dissertation aufgezeigt werden.

Erinnerungen, geschichtliches Bewusstsein, reflektierte Alltagsarbeit und berufliches Engagement waren Hilde Steppe genauso wichtig wie pflegerische Bildung und Zukunftsvisionen. Die Aktualität von Themen wird durch Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter verdeutlicht. Berufspolitisches und bürgerschaftliches Engagement gehörten für Hilde Steppe immer zusammen und bedeutete für sie, sich einzumischen und wo notwendig auch Widerstand zu leisten.

Manche Entwicklungen hat sie dabei auch mit Unbehagen gesehen, da es ihr immer erst um Inhalte und die Sorge um den einzelnen kranken Menschen ging und dann erst um die Profilierung, jedoch auch immer um eine ethische Haltung und hohe pflegerische Qualifikation.

„Erinnerung ist eine Form der Begegnung.“ (Khalil Gibran)

Für den Vorstand des Vereins zur Förderung der historischen Pflegeforschung e. V. Hilde Schädle-Deininger und Eva-Maria Ulmer und für die Sektion Historische Pflegeforschung in der DGP Andrea Thiekötter