Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Abbildung: Ein Baby wird gewogen. Säuglingsstation Gagernstr. 36

Die Kinder- und Säuglingspflege im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main, Gagernstr. 36

Prolog

Es gibt nur wenige Dokumente, die über die Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus an der Gagernstr. 36, das 1914 eröffnet wurde, berichten. Neben einigen Fragmenten ist es möglich, die Rechenschaftsberichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main zu befragen, um durch die Schwestern des Vereins und deren Arbeit im Krankenhaus mehr zu erfahren. Die Schwestern des Vereins stellten nahezu das gesamte Personal des Krankenhauses und damit auch für den Säuglings- und Pflegebereich im Haus. Die bekannten Berichte reichen jedoch nur bis 1920. Die Pflegehistorikerin Hilde Steppe weist darauf hin, dass für die Zeit nach 1920 für den Verein jüdischer Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main Rechenschaftsberichte „bislang nicht auffindbar“ (Steppe 1997: 232) sind. Für die Berichterstattung zum Zeitraum der Weimarer Republik referiert Steppe auf die Aussagen von Zeitzeuginnen, z. B. Thea Levinsohn-Wolf (Steppe 1997: 232). Sie können ein ungefähres Bild der Entwicklung des Vereins geben. (Mit Krankenhaus ist im Weiteren immer das Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36 gemeint, weiteres Synonym ist etwas das Gagernkrankenhaus. Das Vorgängerkrankenhaus in der Königswarterstraße wird auch als Königswarterhospital oder ‑krankenhaus bezeichnet).

Auch die Pflegehistorikerin Birgit Seemann weist darauf hin, dass es kaum Arbeiten allgemein zum Thema Säuglings- und Kinderpflege gibt, an Ausnahmen nennt sie die Werke von Eduard Seidler 1997 und Bettina Blessing 2013. Dieses Forschungsdesiderat betrifft auch das Pflegepersonal. Auch der Kenntnisstand zu den Frankfurter Kinderkrankenschwestern im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde (Gagernstraße) wie auch in den Rothschild’schen Krankenhäuser, so Seemann, sei höchst lückenhaft (Seemann 2021).

Es erwies sich im Lauf der Forschungen, dass das Krankenhaus zu einem großen Frankfurter Netzwerk im Bereich Säuglings- und Kinderpflege gezählt werden kann, ein Netzwerk, das sich die Aufgaben der Säuglings- und Kinderpflege teilte. Das Verständnis für die Rolle des Krankenhauses im Netzwerk konnte geschärft werden.

Im ersten Kapitel sollen Fakten in Form von Berichten und Fotografien zur Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36 angeführt werden.

In Kapitel zwei werden Dr. Adolf Deutsch und Schwester Minna Hirsch vorgestellt, die durch ein netzwerkübergreifendes persönliches Engagement Einblicke in die Strukturen des Zusammenspiels zeigen.

Kapitel drei versucht, weitere Protagonisten des Netzwerkes in der Schwesternschaft und bei den Ärzten des Krankenhauses zu finden.

Abschließend folgt der Bericht eines Zeitzeugen, der 1933 als 11-jähriger die Kinderpflege als Diphtheriepatient in der Isolationsstation des Krankenhauses erlebt hat.

Welche Hinweise auf die Säuglings- und Kinderpflege im Gagernkrankenhaus gibt es?

Bauliche Einrichtungen für Säuglinge und Kinder in der Gagernstr. 36

Wilhelm Hanauer (1866–1940, vgl. Elsner 2017), Kinderarzt und Medizinhistoriker beschreibt die Situation für Kinder im Königswarter Hospital, dem Vorgänger-Krankenhaus des israelitischen Krankenhauses in der Gagernstraße, welches 1914 eröffnet wurde:

Während bisher die Kinder in denselben Krankensälen wie die Erwachsenen lagen, wurde 1899 im zweiten Stock des Hauses [dem Königswarter Hospital] eine kleine Kinderabteilung, bestehend aus drei Krankenzimmern und einem Tageraum, ferner eine besondere Abteilung für ansteckende Krankheiten (Scharlach, Diphtherie) eingerichtet. Der Raum hierfür wurde dadurch gewonnen, dass man die Verwalterwohnung in das Nebengebäude verlegte.

Hanauer 1914: 45

Den letzten Anstoß zur Erbauung eines neuen Krankenhauses der israelitischen Gemeinde, welches das alte Krankenhaus in der Königswarter Straße ersetzen sollte, war die Androhung des Polizeipräsidenten das alte Hospital zu schließen, wenn keine weiteren Tageräume eingebaut würden.

Während der Planung für das neue Krankenhaus in der Gagernstr. 36 beschloss bereits 1906 der Vorstand der Gemeinde, dass:

anlässlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares ein Kapital von 100.000 Mk. als Grundstock zur Errichtung einer bis dahin fehlenden gynäkologischen Abteilung und Entbindungsanstalt in dem zu erbauenden Hospital aus Gemeindemitteln zu stiften.

Hanauer 1914: 56

In der Baubeschreibung des Krankenhauses heißt es schließlich, vermutlich bezogen auf das erste Obergeschoss:

Besondere Erwähnung verdienen Kindersaal und Säuglingszimmer, welchen eine Loggia vorgelagert ist. Im Kindersaal werden ansteckungsverdächtige kleine Patienten zunächst in einer Box isoliert. Die Säuglinge können durch Glaswände voneinander getrennt werden.

Hanauer 1914: 63

Die angesprochene Vorlagerung einer Loggia weist darauf hin, dass diese Räumlichkeiten eher an den Gebäudeenden oder etwa in den Seitenflügeln untergebracht waren, nur dort sind in der folgenden Abbildung Loggien im ersten Obergeschoss zu erkennen.

Abbildung: Hauptgebäude des israeltischen Kranknhauss in der Gagernstr. 36.
Abbildung: Hauptgebäude des israelitischen Krankenhauses in der Gagernstr. 36.
Aus: Hanauer 1914

Loggien sind für die Säuglings- und Kinderpflege sehr sinnvoll, damit die Kinder an der frischen Luft sein können, in der folgenden Abbildung ein Beispiel aus dem Frankfurter Böttgerheim, einem Kinderkrankenhaus des Kinderheim e. V.

Abbildung: Offene, gedeckte Veranda, Keller 1913
Abbildung: Offene, gedeckte Veranda im Kinderkrankenhaus in der Böttgerstr. Aus: Keller 1913

Eine ergänzende Information, allerdings nur ein schwacher Hinweis auf die Verortung des Kindersaals, ist die Existenz eines Kinder-Spiel und Standplatzes. Er befindet sich zwischen dem rechten Flügel des Hauptgebäudes und dem Wirtschaftsgebäude, im Bild oben rechts.

Fotografien aus dem Krankenhaus

Einige Fotografien aus dem Krankenhaus bestätigen die Anwesenheit von Säuglingen und Kindern im Krankenhaus. Beispielsweise eine Abbildung aus der Säuglingsstation im Jahr 1920.

Abbildung: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M. (Gagernstraße), Säuglingsstation mit Krankenschwestern (2. v. l. Jutta (Irma) Rehfeld, 1888, ermordet in der Shoah), 2. Reihe 1. v. r. möglicherweise Oberschwester Beate Berger, 1886–1940), 11.03.1920 – © Jüdisches Museum Frankfurt, Sign. F88-2-168, Foto: Privat
Abbildung: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M. (Gagernstraße), Säuglingsstation mit Krankenschwestern (2. v. l. Jutta (Irma) Rehfeld, 1888, ermordet in der Shoah), 2. Reihe 1. v. r. möglicherweise Oberschwester Beate Berger, 1886–1940), 11.03.1920 – © Jüdisches Museum Frankfurt, Sign. F88-2-168, Foto: Privat

Ein weiterer Einzelfund weist auf die Anwesenheit oder auch Unterbringung von Kindern im Krankenhaus hin. Margarete Katzenstein war Ärztin im Krankenhaus und hinterließ ein kleines Fotoalbum mit Abbildungen aus dem Krankenhaus, die allerdings nicht weiter beschriftet sind. Einige der Bilder aus dem Album, das Personal beim Frühstück oder bei Besprechungen, scheinen identisch zu sein mit Bildern, die Thea Levinsohn-Wolf im Jüdischen Museum Frankfurt hinterlassen hat, dies müsste noch genauer untersucht werden.

Exkurs: Margarete (Grete) Katzenstein (1904-?)

Margarete (Grete) Henriette Katzenstein wurde am 3. Mai 1904 in Frankfurt am Main geboren. Die Eltern waren vermutlich Moritz und Emma Katzenstein (ancestry.de). Sie studierte in Frankfurt und Heidelberg. 1926/27 famulierte sie bei Dr. Simon Isaac am israelitischen Krankenhaus und bei Dr. Sidney Lilienfeld am Bethanien-Krankenhaus. 1929 wurde sie Assistentin an der Universitätsklinik [vermutlich in Frankfurt am Main], die sie 1933 verlassen musste. Sie bekam eine Anstellung am Krankenhaus der israelitischen Gemeinde und wurde Assistentin von Chefarzt Professor Dr. Simon Isaac. Im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen gab sie Unterricht für die Krankenschwestern, was in der Bescheinigung unten (vgl. LBI AR 25067) bestätigt wird, unterzeichnet von der damaligen Oberin der Schwesternschaft Julie Glaser. Diese Bescheinigung ist damit gleichzeitig einer der wenigen Nachweise, dass der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main eine staatlich geprüfte Pflegeschule unterhielt. Margarete Katzenstein konnte 1940 in die USA emigrieren (vgl. LBI AR 25067).

Fotografien aus dem Krankenhaus von Margarete Katzenstein

Die Bildunterschriften beruhen auf Vermutungen, da die Originale nicht beschriftet sind.

Abbildung: Ein Baby wird gewogen. Säuglingsstation Gagernstr. 36
Abbildung: Ein Baby wird gewogen. Säuglingsstation Gagernstr. 36.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Zwei Kinder in ihren Bette. Vermutlich im Kindersaal des Gagernkrankenhauses. © Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Zwei Kinder in ihren Betten. Vermutlich im Kindersaal des Gagernkrankenhauses.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Kleiner Patient im Gagernkrankenhaus. © Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Kleiner Patient im Gagernkrankenhaus. Vermutlich handelt es sich bei dem Arzt um einen HNO-Arzt. Typisch für HNO-Ärzte war der am Kopf getragene Spiegel.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Ein kleines Mädchen im Krankenhaus in der Gagernstraße 36. © Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Ein kleines Mädchen im Krankenhaus in der Gagernstraße 36.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute

Säuglinge im israelitischen Krankenhaus

In den Akten des Wohlfahrtamtes im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt befindet sich ein Schriftverkehr von 1921 zwischen dem Amt und dem Verwaltungsinspektor des israelitischen Krankenhauses, der nachweist, dass es im Krankenhaus Entbindungen gab, dass Wöchnerinnen untergebracht waren und auch Säuglinge, deren gesunde Mütter im Krankenhaus aufgenommen werden mussten, das sie ihre Kinder stillten (ISG A.51.01 952).

In dem Schriftverkehr ging es um die Vergütung der Anwendungen durch das Wohlfahrtsamt. Man stritt sich um unterschiedliche Beträge, 60 oder 30 Mk. pro Entbindung, die den städtischen Einrichtungen bzw. dem Krankenhaus bezahlt wurden. Welches die jeweiligen Argumente waren, sei hier vernachlässigt (ISG A.51.01 952: 47 ff.). Interessant ist ein Hinweis auf gesunde Frauen, die zum Stillen im Krankenhaus aufgenommen wurden und welche Vergütung dem Krankenhaus hierfür zustände:

Wir ersuchen um gefl. Umgehende Mitteilung, welchen Pflegesatz das Armenamt dem hiesigen Krankenhause bei der Aufnahme nichterkrankter Frauen, die nur zum Stillen ihrer Säuglinge dringend aufgenommen werden müssen, bewilligt. Es handelt sich hier um Säuglinge, die ebenfalls auf Kosten des Armenamtes verpflegt werden.

Schreiben vom 24. Februar 1916, Verwaltungsinspektor des israelitischen Krankenhauses an das Waisen- und Armenamt, ISG A. 51.01952: 43)

In all diesen Fundstücken zur Situation der Säuglinge und Kinder im Krankenhaus ist nichts zu finden, wie oder wie lange Säuglinge und Kinder im Krankenhaus aufgenommen wurden, wo genau sie untergebracht waren und welche Ärzte oder Schwestern für sie sorgten. Kinderabteilungen oder -Stationen wie sie etwa im Christ’schen Kinderkrankenhaus, im Böttgerheim oder auch im Roth’schildschen Kinderkrankenhaus sowie im Königswarter Hospital, dem Vorgänger des Gagernkrankenhauses zu finden waren, scheint es im israelitischen Krankenhaus ab 1914 nicht gegeben zu haben. Eventuell war die Situation für Säuglings- und Kinderpflege im Jahr des Neubaus, 1914, eine andere als noch einige Jahre zuvor, dass eventuell inzwischen mehr Erholungsstätten wie das Kinderheim in Bad Nauheim und Einrichtungen der Weiblichen Fürsorge und des Frankfurter Verbandes und anderer im Versorgungsnetzwerk für Säuglings- und Kinderpflege inzwischen besser organisiert und eingerichtet waren (vgl. Thomann 1988: 167). Vermutlich war das Krankenhaus inzwischen stärker für seine Kernaufgaben, wie Entbindungen und Krankenfürsorge, zuständig und die Bedeutung eines Netzwerkes um die Zuständigkeiten des Krankenhauses herum hatte stark zugenommen.

Das Netzwerk um die Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus

Persönliches Engegement im Netzwerk

Zwei Namen, die eng mit der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege verbunden sind, sind Dr. Adolf Deutsch und Oberin Minna Hirsch. Adolf Deutsch war leitender Arzt der Poliklinik sowohl im alten, wie auch im neuen Hospital der israelitischen Gemeinde, in der Königswarter Straße und in der Gagernstraße. Oberin Minna Hirsch war Oberin der Pflege im Königswarter Hospital und im Gagernkrankenhaus. Ab 1914 war sie zusätzlich Oberin der Schwesternschaft im Verein. Beide zeigen durch ihre vielfältige Arbeit in den unterschiedlichsten Einrichtungen den Zusammenhang innerhalb des Netzwerkes der Säuglings- und Kinderpflege um das Krankenhaus und den Verein der Schwesternschaft.

Adolf Deutsch(1868-1942)

Adolf Deutsch wurde am 21. Januar 1868 in Denver/USA geboren. Er starb am 5. September 1942 in Oxford/UK mit 74 Jahren (ancestry.de). Er studierte in Heidelberg, München und Kiel. Seine Eltern waren vermutlich Jonas Deutsch und Ida, geb. Gottschalk, vermutlich hatte er einen älteren Bruder Leopold Samuel, geboren am 10. Juni 1872 in Mainz. 1905 heiratete Adolf Deutsch Anna Mathilde Schwelm, zweite Ehefrau wurde 1921 Anna Schelastika Holter. (ancestry.de). Er emigrierte am 1. Main 1938.

1891 erhielt er seine Approbation, 1892 promovierte er über „kryptogene Sepsis“. Von 1891-1895 arbeitete er als Assistent am Krankenhaus der israelitischen Gemeinde. Bereits 1892 ließ er sich als praktischer Arzt in Frankfurt am Main nieder. In der jüdischen Gemeinde arbeitete er als Armenarzt. Von 1895 bis 1923 war er leitender Arzt der Poliklinik im alten und neuen Krankenhaus. Während des Ersten Weltkriegs leitete er das Lazarett 27 im Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. 1931 saß er dem Ärztebund vor. Zu seinen Publikationen gehörte 1894 „Über aseptisches Operieren“, 1895 „Behandlung der Oberschenkelbrüche kleiner Kinder“, 1910 „Tuberkulose und Stillen“. Aber er hielt auch zu ganz anderen Themen Vorträge, wie „Goethe und kein Ende“ im Jahr 1932. (Vgl. Kallmorgen 1936: 245 und https://www.juedische-pflegegeschichte.de/personen/adolf-deutsch/ und Seemann 2024a).

Bemerkenswert auch die Autorenschaft einer „genaue[n] Zusammenstellung und Einteilung des Lehrstoffes und des Ausbildungsganges für Krankenpflegerinnen“ (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920: 58) anlässlich der Übergabe seiner Lehrtätigkeit in der Schwesternausbildung an Jüngere, 1918. Diese Unterlage steht nicht zur Verfügung.

Er hatte scheinbar keine spezielle Ausbildung als Kinderarzt, doch hat er sich im Lauf der Zeit immer stark für die berufliche Ausbildung von Krankenschwestern und für die Säuglings- und Kinderpflege eingesetzt. Dies lässt sich anhand seiner Ämter und Beteiligungen dokumentieren:

Er nahm 1904 an der 1. Delegiertenversammlung der deutsch-jüdischen Ausbildungsvereine der Krankenpflege teil. Ab 1911 war er Mitglied im Verwaltungsausschuss des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge und tätig in den Beratungsstellen. Im Verein der jüdischen Krankenpflegerinnen war er ab 1917 im Vorstand des jüdischen Schwesternvereins, wie auch Vorstandsvorsitzender der Säuglingsmilchküche (vgl. https://www.juedische-pflegegeschichte.de/personen/adolf-deutsch/) . Als Lehrender in der Krankenschwesternausbildung war er intensiv beteiligt, wie Thea Levinsohn-Wolf berichtet (Levinsohn-Wolf 2000: 00:18:30).

Adolf Deutsch entspricht damit dem Bild der Förderer der Säuglings- und Kinderpflege:

Meist waren es Internisten, die durch Beobachtung der Kinder deren besondere Bedürfnisse erkannten. Zusammen mit praktischen Ärzten, die sich um Kinder und deren Krankheiten sorgten, erreichten sie gemeinsam eine zunehmende Spezialisierung der Säuglings- und Kinderpflege.

Bönisch 2024a

Die aufgezählten Tätigkeiten von Adolf Deutsch lassen vermuten, dass er sich auch innerhalb des Gagernkrankenhauses für Säuglinge und Kinder besonders einsetzte.

Minna Hirsch (1860-1938)

Minna Hirsch wurde am 1. Dezember 1860 in Halberstadt geboren. Sie starb am 27. April 1938 in Frankfurt am Main. Die Eltern waren der Buch- und Weinhändler Fischl Hirsch und Clara, geb. Fleischhauer. Sie hatte 6 Geschwister.

1889 begann sie ihre Ausbildung als Krankenpflegerin im Hospital der israelitischen Gemeinde in der Königswarter Straße bei Dr. Simon Kirchheim und dem Assistenten Dr. Theophil Jaffé. Von 1893 bis 1914 war sie Oberin der Pflege im Königswarter Krankenhaus. 1893 war sie Mitbegründerin und Oberin des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Um 1904 und weitere Jahre zählte sie zum Beirat der Weiblichen Fürsorge. Im selben Jahr nahm sie, wie Adolf Deutsch an der 1. Delegiertenversammlung der deutsch-jüdischen Ausbildungsvereine der Krankenpflege teil. 1914-1918 hatte sie die Pflegedienstleitung des Lazaretts im Schwesternhaus. Auch im neu erbauten Krankenhaus der Gemeinde in der Gagernstr. 36 war sie weiterhin die Oberin der Pflege, wie auch im Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen in der Landwehrstr. 85 die Oberin der Schwesternschaft.

Nach ihrer Pensionierung 1925 lebte sie weiter im Schwesternhaus, ab 1927 in der Saalburgallee 31 . Im Jahr 1926 besuchte sie ihren Bruder Harry in den USA für 3 bis 4 Monate. Sie segelte mit der Hamburg von Hamburg, die am 13. August 1926 in New York eintraf (ancestry.de Minna Hirsch).

Wie Adolf Deutsch ist Minna Hirsch ein Bindeglied zwischen Netzwerksteilen um das israelitischen Krankenhaus. Beide Namen werden im folgenden Text noch öfter auftauchen.

Institutionen der Säuglings- und Kinderpflege im jüdischen Frankfurt

Es sind im Text einige Bezeichnungen für Institutionen des Netzwerks gefallen, die etwas grundsätzlicher geklärt werden sollen. Öfter werden dabei die Namen Deutsch und Hirsch erwähnt, was die Bedeutung beider Protagonisten von Verein und Krankenhaus für die Anbindung an das Netzwerk verdeutlicht.

Hilde Steppe hebt hervor, dass die Begründer einer jüdischen Pflege und des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen von Beginn an die Pflege als Teil „wichtiger sozialpolitischer Maßnahmen“ (Steppe 1997: 257) sahen und als Zusammenarbeit mit anderen Institutionen verstanden. Einer der wichtigsten Kooperationspartner des Schwesternvereins war das Israelitische Krankenhaus. Die Ausbildung ihrer Schwestern, eines der Hauptaufgaben des Vereins, konnte dort stattfinden und das Krankenhaus profitierte, da der Verein im Lauf der Zeit den gesamten Pflegedienst übernahm (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920, nach Steppe 1997: 257).

Eingehen möchte ich hier zum einen auf den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, mit starker jüdischer Beteiligung. Zum anderen auf den Israelitischen Hilfsverein mit seiner Abteilung der Weiblichen Fürsorge.

Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge

Gegründet wurde der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge am 8. Dezember 1910. Im ersten Jahresbericht heißt es:

Wissenschaftliche Vorträge der Herren Dr. Hanauer und Dr. Deutsch und anschließende Diskussionen im Frankfurter Ärztlichen Verein hatten die Aufmerksamkeit des Vereins auf eine empfindliche Lücke in der sozialen Fürsorge in unserer Stadt gelenkt. Wohl bestanden seit Jahren die vortrefflich geleiteten Anstalten: Kinderheim, Wöchnerinnen- und Säuglingsheim, Säuglingsmilchküchen, die Krippen verschiedener Vereine für die geschlossene Säuglingspflege. Aber diese Anstalten können insgesamt im Jahre einige hundert Säuglinge versorgen. Dies ist noch weit unter 1/10 der Säuglinge, denen ärztliche Beratung völlig fehlt. Für dies, […] bestanden bis dahin nur die 3 Versorgungsstellen des Israeltischen Gemeinde-Hospitals, unter Dr. Deutsch, des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals unter Dr. Cuno und eine private Fürsorgestelle von Dr. Rosenhaupt. Die reichen Erfahrungen der letzten Jahre auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge ergeben die überwiegende Bedeutung der offenen Fürsorge für die Lösung dieses Problems, […]

1. Jahresbericht des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge, zitiert nach Thomann-Honscha 1988: 121

Mit der offenen Fürsorge war die Einrichtung von Beratungsstellen für Mütter und Kinder gemeint, für die sich ab 1911 70 Ärzte zur Verfügung stellten. Zu den 9 Säuglingsfürsorgestellen des Frankfurter Verbandes im Stadtgebiet kamen noch zwei weitere durch die Stadt finanzierte hinzu. Die Beratungsstellen waren jeweils ausgestattet mit einem leitenden Arzt unterstützt von einem weiteren Arzt, einer Schwester und freiwilligen Helferinnen. In den Beratungsstellen wurden, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation der zu Beratenden, die Kinder von den Ärzten untersucht und die Mütter beraten. Das Stillen wurde gefördert, indem jede Stillende ein halbes Jahr lang alle zwei Wochen bei jedem Besuch 50 Pfennig erhielten. Nichtstillende erhielten Säuglingsmilch ins Haus geliefert, den halben Liter für 14 Pfennig (vgl. Thomann-Honscha 1988: 121).

Auch die Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen engagierten sich im Verband für Säuglingsfürsorge. Für die Einrichtungen des Verbandes arbeiteten z. B. die Schwestern Betty Schlesinger, Doris Unger, Else Unger, Dina Wolf und Babette Zucker. Zudem ist bekannt, dass in der Säuglingsberatung des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde unter Anleitung der Oberin Minna Hirsch sowohl Johanna Beermann wie auch Anna Ettlinger arbeiteten (vgl. Seemann 2021). Die Angaben zu der Beratungstätigkeit der Schwestern bezieht sich vor allem auf den Beginn der Tätigkeiten des Frankfurter Verbandes im Jahr 1911. Ob eine Beratung auch lokal im Gagernkrankenhaus, eröffnet 1914, stattfand ist nicht belegt, doch wahrscheinlich (vgl. Seemann 2021).

Die Weibliche Fürsorge

Unter dem israelitischen Hilfsverein waren verschiedene Abteilungen organisiert, zu denen auch der von Bertha Pappenheim 1901 gegründete Verein der Weiblichen Fürsorge gehörte. Der Verein kümmerte sich zunächst um galizische jüdische Einwanderinnen, im Lauf der Zeit kamen weitere Aufgaben hinzu, wie die Bahnhofshilfe, Mädchenwohnheime, ein Kindergarten und eine Berufsvermittlung.

Der Verein für Weibliche Fürsorge unterhielt verschiedene Kommissionen. Eine war die Kostkinderkommission, die unter der Leitung der jüdischen Krankenschwester Rosa Goldstein bedürftige Kinder ab etwa zwei Jahren zu Pflegeeltern vermittelte und diese regelmäßig besuchte.

Eine andere war die Säuglingskommission unter Oberin Minna Hirsch, die Kommission war zuständig für die regelmäßige Betreuung von Säuglingen aus armen jüdischen Familien und deren Versorgung mit Milch und für die Beratung der Mütter. Die Kommission eröffnete 1907 eine Säuglingsmilchküche im israelitischen Gemeindehospital (Königswarterstraße) und sollte „Säuglinge armer Mütter aller Konfessionen mit gesunder und hygienisch hergestellter Kleinkindnahrung“ versorgen (Steppe 1997: 209). Ab 1914 war die Küche im neuen Schwesternhaus in der Bornheimer Landwehr 85 untergebracht, weiterhin geleitet von Schwester Anna Ettlinger (vgl. Seemann 2023a und Steppe 1997: 258). 1912 eröffnet die Weibliche Fürsorge ein Kinderhaus in gemieteten Räumen in der Schulstraße. Ab 1919 residiert man in einem eigenen Haus in der Hans Thoma Straße 21 mit ca. 40 Plätzen für bedürftige Kleinkinder und Säuglinge sowie Personal (Mahnkopp 2020: 5f.). Oberin war die jüdische Krankenschwester Frieda Amram. Im neuen Haus war Platz für eine weitere Krankenschwester, und es bestand die Möglichkeit, Lehrschwestern Kenntnisse in Säuglingspflege zu vermitteln (Steppe 1997: 259).

Abbildung: Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge
Abbildung: Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge. Bauaufsicht X-2002-23/5, aus: Mahnkopp 2020: 9

Der Hinweis von Hilde Steppe auf die „Möglichkeit, Lehrschwestern Kenntnisse in Säuglingspflege zu vermitteln“ ist zusammen mit einem Hinweis auf Prüfungen in Säuglingspflege im Böttgerheim (vgl. Bönisch 2023) noch einmal ein Verweis auf die gemeinsame netzwerkartige Zusammenarbeit unterschiedlicher Personen und Einrichtungen in der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege zu denen auch die Prüfer zählten, die aus Wiesbaden oder Kassel kamen:

Examina vor der staatlichen Prüfungskommission unter Vorsitz des Geheimrats Dr. von Hake-Wiesbaden, zuletzt des Geheimrats Dr. Röckwitz-Cassel fanden in der gesamten Zeit [Berichtszeitraum 1913-1919] siebenmal statt. Es unterzogen sich der Prüfung insgesamt 43 Lehrschwestern, die alle bestanden haben, 24 mit Note I, 19 mit Note II.

Verein für jüdische Krankenpflegerinnenn 1920: 56

Krankenschwestern und Ärzte im Gagernkrankenhaus

Die Forschung zur Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus Gagernstr. 36 soll noch eine weitere Quelle durchsuchen. Zunächst soll nach Informationen gesucht werden, ob sich einige Krankenschwestern des jüdischen Vereins, die ja engstens mit dem Krankenhaus zusammenarbeiteten, der Pflege von Säuglingen und Kindern zuordnen lassen. Das Gleiche wird darauf bei den Ärzten versucht.

Krankenschwestern

Grundlage für die Forschung nach dem Tätigkeitsfeld Säuglings- und Kinderpflege ist auch diesmal, aufgrund fehlender weiterer Unterlagen, der letzte Jahresbericht des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main für die Jahre 1913 bis 1919. Für die Jahre danach kann vorerst nur in Einzelfällen berichtet werden. In genanntem Jahresbericht gibt es eine Liste der aktuell aktiven Krankenschwestern des Vereins und deren Tätigkeit zum Stichtag 30. September 1919. Hier also die Fragen: Wer waren diese Schwestern und kämen sie als Kinderkrankenschwestern infrage?

Zunächst werden hier die Schwestern aufgeführt, die lt. Liste einen klaren Bezug zur Säuglingsarbeit aufweisen und vermutlich diese Aufgabe auch ab 1914 in der Gagernstraße fortsetzten (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: 63 ff.):

Name und Jahr des VereinsbeitrittsHaupttätigkeit 1918-1919Tätigkeit am 30. September 1919
Johanna Bermann (Beermann) (1890)Seit 1896 Leiterin der SäuglingsmilchkücheSäuglingsmilchküche
Dina Wolf (1905)Oberschwesterin der Inneren AbteilungSäuglingsfürsorge
Frieda Amram (1906)Im FeldOberin am Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge
Doris Unger (1909)Oberschwester der ChirurgieSäuglingsfürsorge
Babette Zucker (1909)SäuglingsfürsorgeVertretung im israelitischen Altenheim in Aachen
Fanny Schragenheim (1909)Krankenhaus, PrivatpflegeKinderhaus der Weiblichen Fürsorge
Henni Heilbronn (1909)Oberschwester des städtischen Vereinslazaretts „Kyffhäuser“. Oberschwester der gynäkologischen Abteilung am KrankenhausHebammen-Lehrkurs in Marburg
Hanna Catz (1916)KrankenhausHebammen-Lehrkurs in Marburg
Krankenschwestern mit Bezug zur Säuglingsarbeit im Gagernkrankenhaus

Die Schwestern Hanna (Catz) und Henni (Heilbronn) werden im Rechenschaftsbericht des Vereins für 1913 bis 1919 besonders aufgeführt, da sie an Hebammenkursen an der Universitätsklinik in Marburg teilnahmen. Hebammen sind in einem Krankenhaus mit Entbindungsstation natürlich von besonderer Bedeutung. Auf die Besonderheit der Weiterbildung zur Hebamme wird im Rechenschaftsbericht im Rahmen weiterer möglicher Ausbildungswege, den Sondergebieten wie Laboratorium, Röntgendienst, Operationsdienst, Hebammendienst, Säuglingspflege, Massage oder, eine Neuigkeit im Jahr 1920, sozialer Arbeit, hingewiesen. Und es wird betont, dass alle „außerhalb und nach der Lehrzeit, und nur nach vorliegendem Bedürfnis und persönlicher Eignung abgehalten wurden“. Weitere Angaben zur Ausbildung Säuglingspflegerin werden an dieser Stelle nicht gemacht (vgl. Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920: 59).

Ganz klar wird in der Aufzählung oben nicht, was mit „Säuglingsfürsorge“ gemeint ist. Vermutet kann werden, dass es sich um Dienste für den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge und deren Beratungsstunden handelt, aber es könnten auch Schwestern sein, die in der Entbindungsabteilung arbeiten.

Ich nenne hier nicht alle aktiven Schwestern des Jahres 1919, sondern diejenigen, für die ein Bezug zur Säuglings- oder Kinderpflege angegeben wird. Darüber hinaus nenne ich im Folgenden noch einige Schwestern, deren Tätigkeitsfeld lediglich mit „Krankenhaus“ angegeben wird und untersuche, ob wir Informationen über diese Schwestern vorliegen haben, um eventuell einen Bezug zur Säuglings- und Kinderpflege feststellen zu können.

  • Trude Seidler (Ausbildungsbeginn: 1914) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Selma v. d. Walde (1914) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Jutta Rehfeld (19149 – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Paula Block (1916) – der Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de lautet: Geboren am 7. November 1888 in Elberfeld (heute Wuppertal) wurde sie ab 1915 zur Krankenschwester im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ausgebildet. Auch in Pforzheim pflegte sie. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert.
  • Carry Wolf (1916) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Toni Stern (1916) – eine vage Vermutung ist, es könnte sich um Toni Schneider, geb. Stern, der Mutter des Röntgenarztes am Frankfurt jüdischen Krankenhaus Günther Schneider (1906-1943) handeln, der in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de verzeichnet ist.
  • Ottilie Winter (1916) – Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte: Sie wurde ausgebildet im Frankfurter Schwesternverein und war im Krankenhaus Gagernstraße tätig, zog 1935 nach Bad Nauheim, wo sie in der jüdischen Kinderheilstätte als Oberin arbeitete (Bönisch 2015). Der Bezug zur Kinderheilstätte könnte ein Hinweis auf eine Ausbildung zur Kinderpflege oder als Mitarbeiterin in den Beratungsstellen sein. Im Schwesternhaus war sie beauftragt als Schulschwester, die die Aufgabe hatte, den gesamten Schulstoff der Schwestern mit diesen zu wiederholen (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920: 58).
  • Lotte Löbenstein (1916) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Sittah Sonnenberg (1916) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Helen Schönbach (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Marga Reichenbach (1917) – Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de Margarethe Gottschalk, geborene Reichenbach, geboren am 9. Januar 1896 in Pattensen bei Hannover. Seit 1915 Mitglied im Frankfurter Verein für jüdische Krankenpflegerinnen und ab 1916 Krankenschwester am israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße. Sie war in den 1920er-Jahren Oberschwester der Chirurgie, Emigration nach England 1941.
  • Eva Rosenstock (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Olga Rosenberg (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Rachel Kremer (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Lisbeth Löwenthal (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Hermine Goldberg (1918) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Fränze Marburger (1918) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Elfriede Rose (1918) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Ruth Kauders (1919) – Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de: Geboren am 31.08.1894 in München, gestorben am 23.08.1944 in Theresienstadt. 1918 Ausbildung in Frankfurt im jüdischen Schwesternverein. Zwischen 1919 und 1940 wohl oft Dienst im Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung. 1934 Ummeldung von München nach Frankfurt am Main. Am 7. März 1940 Umzug vom Röderbergweg 97 (Rothschild’sches Hospital) in die Gagernstraße 36, Krankenhaus der israelitischen Gemeinde. 1942 Deportation nach Theresienstadt.
  • Justine Berliner (1919) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de

Zusätzlich taucht der Hinweis auf, dass im Verein zu dieser Zeit siebe Lehrschwestern tätig waren.

Was besagt dieser Abgleich zwischen Schwesternnennungen im Rechenschaftsbericht und den Einträgen in unserer Forschungsdatenbank www.juedische-pflegegeschichte.de? Einerseits, dass noch längst nicht alle Krankenschwestern der jüdischen Pflege in Frankfurt am Main erfasst und gewürdigt wurden, auf der anderen Seite, da es sich bei der hier durchgeführten Suche nur um einen Bruchteil der in der Datenbank erfassten Personen handelt, dass es nach dem jetzigen Stand der Forschung schwierig ist nachzuweisen, wer im jüdischen Krankenhaus für Dienste im Bereich Entbindung, Säuglings- und Kinderpflege zuständig war. Und, es sagt, dass es sinnvoll ist das Krankenhaus, als ein Teil eines Pflegenetzwerkes für Kinder von der Geburt bis ins Kindesalter gesehen werden muss, da die Krankenschwestern des Vereins in unterschiedlichen Bereichen tätig sein konnten.

Auch die Zeitzeugin Thea Wolf gibt an, dass sie bei ihren Überlegungen zu ihrem beruflichen Fortkommen „vorhätte, nach Beendigung meiner fünf Pflicht-Jahre noch einiges dazuzulernen, entweder einen Hebammenkursus zu machen oder mich zusätzlich als Sozialarbeiterin ausbilden zu lassen.“ (Levinsohn-Wolf 1996: 28). Für sie war es klar, dass es möglich war, innerhalb des Netzwerkes sich weiterzubilden. Wolf hatte ihre Ausbildung im Verein und Krankenhaus 1927 begonnen.

Interessant auch der Hinweis von Thea Wolf auf die Ausbildung selbst, dass während der Schwesternausbildung im Verein alle Stationen im Krankenhaus durchlaufen werden. Der dazugehörige theoretische Unterricht meist abends im Schwesternhaus stattfände. Nach der Ausbildung beschreibt Thea Wolf: „Die Vereinsschwestern sind in den verschiedenen Abteilungen des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde oder außerhalb tätig, wobei der Dienst im Krankenhaus als der anspruchsvollste gilt und die Tätigkeit als Operationsschwester den höchsten Stellenwert hat.“ (Steppe 1997: 235f.).

  • Ergänzend noch ein Name, den Birgit Seemann gefunden hat: „Schwester Gisela (Familienname und Lebensdaten unbekannt), dort [im Gagernkrankenhaus] 1933 Säuglingspflegerin, handelt es sich möglicherweise um Gisela Schwarz, geboren am 19. Juli 1895 in Berlin, am 10. Oktober 1928 nach Frankfurt a. M. in das Krankenhaus Gagernstraße eingezogen, am 12. Juli 1939 von den Nationalsozialisten nach England vertrieben (ISG Ffm: HB 686, Ba. 56).“ (Seemann 2021).

Ärzte

Auch bei der Untersuchung der Arbeitsgebiete von Ärzten soll kurz die Situation im Übergang vom alten Gemeindehospital in der Königswarterstraße zum neuen Hospital in der Gagernstraße angesehen werden. Hier einige, die auch im neuen Krankenhaus vermutlich noch tätig waren.

  • Dr. Alfred Günzburg war gewählter Hospitalarzt im Königswarter Hospital seit 1908, auch noch im neuen Gagernkrankenhaus war er der Chefarzt.
  • Dr. Ernst Siegel war ab 1910 leitender chirurgischer Arzt.
  • Dr. Adolf Deutsch war 1891 bis 1895 Assistenzarzt, ab 1895 Armenarzt der Gemeinde und leitender Arzt der Poliklinik von 1906 bis 1923.
  • Dr. Löffler war zweiter Arzt der Poliklinik und Armenarzt, die Position Armenarzt und Arzt der Poliklinik wurde 1906 getrennt, Dr. Löffler übernahm den Teil des Armenarztes.

Ab 1910 fungierten als Assistenzärzte, die alle in weiteren Positionen im Gagernkrankenhaus weitergearbeitet haben könnten:

  • Dr. Schur und Dr. Kunz
  • Ab 1912 Dr. Michael Grünbaum und Dr. Siegmund Heilbronn, 1913 Dr. Philipp Frank und Dr. Max Jüngster (bis hier alle Zahlen in: Hanauer 1914: 48)

Für das Jahr 1936 zählt der Arzt und Medizinhistoriker Wilhelm Kallmorgen folgende Ärzte am israelitischen Krankenhaus auf:

  • Chefarzt Professor Dr. Simon Issac
  • Chefarzt Dr. Altschüler (Prof. Mannheim)
  • Augenabteilung: Dr. J. Horovitz,
  • Urologie: Dr. Rudolf Oppenheimer
  • Hals Nasen und Ohren: Dr. Max Maier
  • Röntgenabteilung: Dr. Robert Salomon
  • Gynäkologie und Entbindungsstation: Dr. Franz Cohn (Kallmorgen 1936: 135 und Bolzenius 1994: 39)

Der zuletzt genannt Franz Joseph Cohn, dessen Zuständigkeit die Gynäkologie und die Entbindungsstation waren, wurde am 14. Juli 1880 in Breslau, Niederschlesien, geboren. Er starb am 20. Oktober 1952 in Luzern, Schweiz. 1914 heiratete er Olga Emma Jaffé (1884-1961). Sie hatten die Kinder Hans Ludwig (1915-1984) und Therese Marie Cohn (1919-2014).

Abbildungen und mehr über Olga Emma Cohn, geb. Jaffé mehr auf den Seiten der Datenbank Geni.

Er studierte in München und Breslau. In Breslau promovierter er und wurde auch approbiert (1903). Der Titel seiner Dissertation ist „Histologie und Histogenese des Corpus luteum“. Als Assistent arbeitete er an der Universitätsfrauenklinik in München, Gießen und Kiel. Als Privatdozent arbeitete er in Kiel, weiter als Oberarzt, Privatdozent und Professor an der Universitätsfrauenklinik in Greifswald. In Frankfurt am Main ließ er sich 1913 als Frauenarzt nieder. Seit 1920 war er leitender Arzt der Gynäkologie im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt am Main. Im Krieg war er Lazarettarzt.

Seine Tochter Thea Reis, geborene Cohn gab 1996 für das Visual History Archiv der USC Shoah Foundation ein Interview (Reis 1996). Sie berichtet, dass ihr Vater in Frankfurt für zwei Kliniken arbeitete, außer dem jüdischen Krankenhaus auch für ein lutheranisches Krankenhaus, um seine nichtjüdischen Patientinnen und Patienten zu versorgen. Nach Thea Reis brach diese Einnahmequelle etwas 1935 zusammen. Der Vater wollte zunächst nicht weg aus Deutschland, er fühlte sich als Kriegsteilnehmer und mit der Stelle im Krankenhaus sicher. Doch emigrierte die Familie 1937/38 zu einem Bruder der Mutter in die Schweiz, nach Luzern und Umgebung. Besonders zu schaffen machte dem Vater, dass er in der Schweiz nicht arbeiten durfte. Er beschäftige sich intensiv in der Bibliothek mit Fachliteratur, bis ihm vorgeworfen wurde, er würde arbeiten. Ebenso hatte er im Luzerner Krankenhaus, dessen Ärzte zur Armee gingen, angeboten als Freiwilliger auszuhelfen, es kam wohl zu ein oder zwei Entbindungen, auch hier wurde ihm vorgeworfen zu arbeiten und es kam zu keiner weiteren Aushilfe. Bemerkenswert auch der Lebensweg von Sohn bzw. Bruder Hans Ludwig Cohn (Jaffé), der bereits 1933 nach Amsterdam gezogen war, und Kunstgeschichte studierte. Er schloss sich in Holland dem Widerstand an und emigrierte nach England. Ab 1945 arbeitete er für die Monuments, Fine Arts, and Archives Section der US Army als Kunstexperte. 1963-1976 war er der Direktor des Jüdischen Historischen Museums in Amsterdam (Joods Historisch Museum). Unter dem Mädchennamen seiner Mutter Jaffé publizierte er zahlreiche Bücher zur Kunstgeschichte (https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Ludwig_Cohn_Jaff%C3%A9 (25.03.2024)).

Die Ehefrau von Franz Cohn, Olga Emma Jaffé, war die Tochter von Theophile Jaffé (1850-1919), der gemeinsam mit Adolf Deutsch am Königswarter Hospital gearbeitet hatte. Er war Mitglied der Ärztekammer und Vorsitzender des Ärztlichen Unterstützungsvereins und machte sich besonders verdient im Rahmen des Neubaus des israelitischen Krankenhauses (Kallmorgen 1936: 311). Thea Reis meint (lächelnd), dass es vermutlich eine Hilfe war, diesen Schwiegervater zu haben, um eine Anstellung im israelitischen Krankenhaus zu bekommen.

Die Aufzählung der Ärzte und ihrer Abteilungen bestätigt erneut die Vermutung, dass das Gagernkrankenhaus für die Kernaufgaben einer Klinik zuständig war und sich wohl auf die Netzwerkpartner verlassen konnte. Ein wichtiges Ergebnis ist, dass es neben dem umtriebigen Dr. Deutsch in der Poliklinik mit seinen vielfältigen Aufgaben, meist zusammen mit dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, den Frauenarzt, Gynäkologen und Leiter der Entbindungsstation Dr. Franz Cohn gab, über den einiges Neues zu entdecken war.

Ein Zeitzeuge, Edgar Sarton-Saretzki

Nachdem die Erkenntnis, dass Kinder als Kinder und nicht als kleine Erwachsene, sowohl im sozialen Umfeld, als auch mit ihren Krankheiten zu behandeln seien, sich durchgesetzt hatte (vgl. Wegmann 2012 und Seidler 1983: 13ff.) und viele Verbesserungen für die Kinder umgesetzt werden konnten, soll hier einer der wenigen Zeitzeugen, ein „kleiner Patient“, zu Wort kommen, der durchaus kritischer an die Sache herangeht und von der Realität, seines Aufenthalts 1933, als 11-jähriger im Infektionshaus des Gagernkrankenhauses, berichtet.

Edgar Sarton-Saretzki, geboren am 10. Mai 1922, gestorben am 2. April 2017. Sein Vater war der Oberkantor, Tenor und Religionslehrer in Frankfurt Nathan Saretzki, Mutter war Emmy, geb. Ullmann. Er ging in Frankfurt zur Holzhausen-Volksschule und in das Lessing-Gymnasium und anschließend zum Philantropin, der Reformrealschule der jüdischen Gemeinde.

1933, mit 11 Jahren war er an Diphtherie erkrankt und musst sich in der Isolationsstation des israelitischen Krankenhauses aufhalten (dieser Bericht wurde zuerst in Bönisch 2011 publiziert). Das Infektionsgebäude war durchaus auch für Kinder vorgesehen:

Jede Abteilung hat neben dem Schwesternzimmer mit besonderem Bad die entsprechenden Nebenräume, wie Teeküche, Klosett, Kinderklosett[…].

Hanauer 1914: 65

Dennoch empfand Sarton-Saretzki die Situation als besonders schlimm, da er sich gesund fühlte und bei jedem Test die ersten beiden der drei notwendigen Abstriche negativ waren, der dritte aber wieder positiv. Er erinnert sich, wie er versuchte, sich die Zeit zu vertreiben:

Das war irgendwie an einer Mauer, auf die ich mal geklettert bin. – Wie ich das fertig gekriegt habe, weiß ich nicht mehr, denn es war alles abgeschirmt, und die Leute konnten auch nicht direkt ran. Als meine Eltern mich besucht haben, mussten sie z. B. hinter einem Stacheldraht stehen. – Ich bin also auf die Mauer geklettert, und hinter der Mauer – was war da? Da waren die Särge. Dort wurden die Leute, die gestorben sind, in die Särge verfrachtet. Und der Stationsarzt, ein gewisser Dr. Reiter, der hat mich erwischt. Er war wahnsinnig wütend, und ich musste noch eine Woche ins Bett, ich durfte nicht mehr aufstehen. Er war ganz, ganz böse darüber, dass ich das gesehen habe, das war doch ganz versteckt, hinten in der Ecke, und ich wurde schwer bestraft. Das war eben die Schwierigkeit mit der Diphtherie, dass man diese drei Abstriche machen musste. […] Ich weiß, dass ich dort wochenlang vollkommen isoliert war, total isoliert. Neben mir aber war ein Mädchen, die Marion David, mit der bin ich später ins Stadionbad zum Schwimmen gegangen, mit der habe ich mich unterhalten, das durfte ich auch nicht. Da war auch eine Barriere, aber man konnte sich abstützen und so rumgucken, aber man musste aufpassen, dass man nicht erwischt wurde.

Sarton-Saretzki 2010
Abbildung: Infektionsgebäude des Krankenhauses der israelitischen Gemeinde, 1914. Hanauer 1914: 42f.
Abbildung: Infektionsgebäude des Krankenhauses der israelitischen Gemeinde, 1914. Hanauer 1914: 42f.

Auf dem obenstehenden Foto erkennt Sarton-Saretzki die Isolationsstation wieder und deutet auf einzelne Teile des Bildes:

Ja, ja, da war man drin. Da war eine Veranda abgetrennt, und dann war hier ein Gang, der war auch abgetrennt; meine Eltern kamen mich besuchen, die mussten schreien, damit sie sich verständigen konnten. Die Mauer, auf die ich stieg – das weiß ich nicht mehr, wo die war. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie lange ich da war, aber es war eine ziemlich lange Zeit.

Sarton-Saretzki 2010

Eine weitere Szene, die ihm im Gedächtnis blieb, ist die Situation, als er eine Spritze bekam.

Das war damals ja auch keine einfache Sache, Diphtherie. Ich bekam so eine Spritze [zeigt ca. 25 cm, Anm. d. V.] – so eine Spritze! – das war ein großes Theater, denn Diphtherie war damals eine schwere Krankheit mit sehr hohem Fieber. Und ich erinnere mich heute, dass das ja Pferdeserum war, das war vom Pferd.

Sarton-Saretzki 2010

Die Empörung über die ausweglose Situation merkt man ihm heute noch an, wenn er sagt:

Also was für eine Psychologie, was die geglaubt haben, dass man vollkommen gelähmt sein musste, dass man überhaupt nichts machen durfte. Man durfte mit überhaupt niemandem sprechen. Das ist doch vollkommen unmöglich für ein Kind, aber das haben die praktiziert. Also die waren nur daran interessiert, dass man mit niemandem Kontakt hatte, die hatten Angst, dass sich die Diphtherie ausbreitet.

Sarton-Saretzki 2010

Auf eine Rückfrage zum Alltagsleben, z. B. der Verteilung des Essens, sagt er:

Ich weiß nicht mehr wie ich das Essen bekam, mir wurde das Essen geliefert, wie, weiß ich nicht mehr, ob sie mir das hingeschoben haben oder so, aber es gab nur wenige Leute, die Kontakt haben durften. Ich glaube, das waren nur Leute, die extra dafür bestellt wurden.

Sarton-Saretzki 2010

Resümierend fügt Herr Sarton-Saretzki noch hinzu:

Die haben alle gleichbehandelt, glaube ich, ob Kind oder Erwachsenen ist ganz egal.

Sarton-Saretzki 2010

Fazit

Wie ein Kinderkrankenhaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitete, beschreibt der Medizinhistoriker Wilhelm Kallmorgen am Beispiel des Böttgerheims in Frankfurt am Main:

In der Anstalt gingen von Anfang an Säuglingspflege und Mutterschutz Hand in Hand. […] Auch befaßte man sich mit der gründlichen Ausbildung von Kinderpflegerinnen. […] aufgenommen werden außer gesunden Kindern aus sozialen Gründen kranke Kinder aller Art, mit Ausnahme von Scharlach, Diphtherie und Masern, […] Das Institut ist allen Anforderungen einer modernen Kinderklinik entsprechend eingerichtet, […]

Kallmorgen 1936: 96

So arbeitete das Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in der Gagernstr. 36 nicht. Doch der Hinweis auf Krankheiten wie Scharlach, Diphtherie und Masern zeigt die Stärken und die Zuständigkeit des Krankenhauses. Und das Krankenhaus hatte eine Gynäkologieabteilung, eine Entbindungsstation, einen Kindersaal und Säuglingszimmer. Und es waren ausgebildete Fachärzte (Internisten, Chirurgen) und Krankenschwestern, die Hebammen und Kinderpflegerinnen in ihren Reihen hatten und sich mit den medizinischen und sozialen Belangen der Säuglings- und Kinderpflege durch Beratungstätigkeit und Kinderpflege auskannten. Für schwere Fälle wie Diphtherie war das Krankenhaus allemal der Ort der Wahl.

Und zu betonen waren das persönliche Engagement von Personen wie Schwester Minna Hirsch, Dr. Adolf Deutsch und vieler anderer, die ein Netzwerk um das Krankenhaus formten und aus dem jüdischen Hospital einen Teil der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege machten.

Literatur und Quellen

Archivmaterial

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ISG FFM)

ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 Kinderheim 1909

ISG FFM, A.02.01, V-715
Frankfurter Schwesternverband e.V., 1913-1929

ISG FFM, A.51.01, 952
Israelitisches Gemeindehospital, [Königswarterstraße 26 bzw. ab 1914: Krankenhaus der israelitischen Gemeinde, Gagernstraße 36], 1865 – 1928

ISG FFM, A.63.04, 3997
Schwesternhaus Bornheimer Landwehr 85 / Bewässerungsplan, Grundriss, Schnitt, 1914 – 1915

ISG FFM, A.63.04, 7305
Krankenhaus Gagernstraße 36-38, Ecke Bornheimer Landwehr 81-83, Eigentümer: israelitische Gemeinde / Bewässerungsplan, Grundriss, Schnitt, 1911-1929

ISG FFM, S3, 875
Frankfurter Schwesternverband e.V. 1903

ISG FFM, S7A, 2002-555
Israelitisches Krankenhaus Gagernstraße, Mittelbau, ca. 1930

ISG FFM, S7Z, 1931-47
„Das Bildungswesen der Stadt Frankfurt am Main“ (Pädagogische Begleitausstellung zur Deutschen Lehrerversammlung): Ausbildung von Schwestern und Sanitätern, 26.05.1931 – 31.05.1931

ISG FFM Akte Magistratsakten R / 23 Bd. 3 – Wilhelm und Auguste Victoria-Stiftung-für Säuglingsfürsorge. „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XIII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1914, Frankfurt 1915

ISG FFM S7Z Nr. 1931-47
Schautafel zur pädagogischen Begleitausstellung der Deutschen Lehrerversammlung vom 26. Mai bis 31. Mai 1931 in Frankfurt

Jüdisches Museum Frankfurt

Sign. F88-2-168

Leo Baeck Institute New York / Center for Jewish History

LBI AR 25067
Margarete Katzenstein Collection, https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/6943

Datenbanken

Ancestry.de Adolf Deutsch
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/24706129:7579?tid=&pid=&queryId=f82492fd-5fcd-44be-99c1-5c183dee7fcb&_phsrc=PCM3&_phstart=successSource

Ancestry.de Minna Hirsch :
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/2002694258:7488

Ancestry.de Margarete Katzenstein
https://www.ancestry.de/search/?name=Margarete_Katzenstein&birth=1904

Literatur

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege – Der Beginn der professionellen Säuglingspflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe 2 (2013) 1: 25-34

Bönisch, Edgar 2011: Diphtherie und ihre Behandlung im 20. Jahrhundert

Bönisch, Edgar 2015: Bad Nauheimer jüdische Krankenschwestern

Bönisch, Edgar 2024a: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main

Bönisch, Edgar 2024b: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim

Bönisch, Edgar 2024c: Ausbildung zur Säuglingskrankenschwester nach
der staatlichen Anerkennung des Berufs 1917

Bönisch, Edgar 2024d: Interaktionen ausbildender jüdischer Institutionen in der Kinder- und Säuglingspflege in und um Frankfurt am Main

Bolzenius, Rupert 1994: Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland, Aachen

Bonavita, Petra 2009: Mit falschem Pass und Zyankali. Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit, Stuttgart

Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland

Gedenkbuch Neu Isenburg: https://gedenkbuch.neu-isenburg.de/

Hanauer, Wilhelm 1914: Festschrift zur Einweihung des neuen Krankenhauses der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

Heuberger, Rachel/Krohn, Helga 1988: Hinaus aus dem Ghetto … Juden in Frankfurt am Main 1800-1950, Frankfurt am Main

Hofacker, Andreas 1932: Die Anstalten des Verbandes Frankfurter Krankenanstalten zu Frankfurt am Main, Düsseldorf

Isaac, Simon 1938: Zum 70. Geburtstag von Sanitätsrat Dr. Adolf Deutsch, in: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt 16 (1938) 5, S. 12-13)

JPG – Datenbank des Projekts www.juedische-pflegegeschichte.de

Kallmorgen, Wilhelm 1936: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

Keller, Arthur 1913: Kinderheim Frankfurt a. M., Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Levinsohn-Wolf 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel, Frankfurt am Main

Mahnkopp, Volker 2023: Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. Hans-Thoma-Straße 24. Frankfurt am
Main 2011, erweitert 2018/2023. Version: 29. Juli 2023, https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de/home (12.03.2024)

Reis, Thea 1996: Interview 19808. Interview by Wendy Lipsman. Visual History Archive, USC Shoah Foundation, September 1, 1996 March 23, 2024. https://vha.edu/testimony/190808
Auffindbar über: https://portal.dnb.de/opac/showFullRecord?currentResultId=Thea+and+Reis%26any&currentPosition=3 (21.03.2024)

Rohrbach, Katharina 2022. Die Hebammenausbildung an der Marburger Entbindungsanstalt um 1880 und der praktische Arbeitsalltag dort ausgebildeter Hebammen. https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2023/0155 (18.03.2024)

Sarton-Saretzki, Edgar 2010: Edgar Bönisch, Birgit Seemann, Interview am 18.02.2010 mit Edgar Sarton-Saretzki, Interviewerin und Interviewer: Birgit Seemann und Edgar Bönisch

Seidler, Eduard 1997: Frühe Kinderheilkunde. Wien 1785-1938, Alete wissenschaftlicher Dienst, München

Seidler, Eduard 1997: Jüdische Kinderärzte 1933-1945 entrechtet/geflohen/ermordet.

Seemann, Birgit 2021: „Deine Dir gute Obeli“ – Frankfurter jüdische Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege

Seemann, Birgit 2022: „Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft“: Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (1886–1941), ein Pflegeprojekt der israelitischen Religionsgesellschaft (Neo-Orthodoxie)

Seemann, Birgit 2023a: Im Dienste der Kinderrettung: Oberin Minna Hirsch und der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge

Seemann, Birgit 2023b: In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick

Seemann, Birgit 2024a: Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (1910–1925) und seine jüdische Geschichte

Seemann, Birgit 2024b: „(…) denn dies Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Steppe, Hilde 1997: „…den Kranken zum Troste und dem Judethum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: Rechenschaftsbericht 1913 bis 1919, Frankfurt am Main

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahr 1914, Frankfurt am Main Wegmann, Hedwig 2012: Das Experiment „Das gesunde Kind“ unter kaiserlicher Protektion 1909-1929, Hamburg

Abbildung: Raphael M. Kirchheim: Verzeichnis der Frankfurter jüdischen Vereine, Stiftungen und Wohltätigkeitsanstalten. Frankfurt a.M. 1917, Auszug Kinderpflege (S. 58) – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Online-Ausgabe 2011, URN: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hebis:30:1-309831

Synopse zur Geschichte der beruflichen Kinder- und Säuglingskrankenpflege am Beispiel der jüdischen Pflege in Frankfurt a.M. und Region (Zeitrahmen: 1871–1945)

Ein Beitrag von Birgit Seemann, 31. Mai 2024

Abbildung: Raphael M. Kirchheim: Verzeichnis der Frankfurter jüdischen Vereine, Stiftungen und Wohltätigkeitsanstalten. Frankfurt a.M. 1917, Auszug Kinderpflege (S. 58) – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Online-Ausgabe 2011, URN: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hebis:30:1-309831
Abbildung: Raphael M. Kirchheim: Verzeichnis der Frankfurter jüdischen Vereine, Stiftungen und Wohltätigkeitsanstalten. Frankfurt a.M. 1917, Auszug Kinderpflege (S. 58) – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Online-Ausgabe 2011, URN: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hebis:30:1-309831

Einführung

Mit Förderung durch die Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung und unterstützt durch die Stiftung Citoyen und die Ursula Lachnit-Fixson-Stiftung legte das Projekt „Jüdische Pflegegeschichte“ neben der Kranken- und Altenpflege seinen dritten Baustein: die jüdische Kinder- und Säuglings(kranken)pflege am Beispiel von Frankfurt am Main und Region. Wer sich auf diesen Forschungspfad begibt, stößt in der Zeit zwischen 1871 (Gründung des Deutschen Kaiserreichs, Gleichstellung der jüdischen Deutschen) und den 1920er Jahren (Weimarer Republik) auf ein eindrucksvolles Netzwerk von Persönlichkeiten, Institutionen und Orten („Jewish Places“) der Frankfurter Stadtgeschichte. Was Stifter/innen und Förder/innen, Mediziner/innen und Pflegende einte, war der Einsatz gegen die hohe Säuglingssterblichkeit – allein im Zeitraum 1891–1900 verstarben 16 Prozent der in Frankfurt a.M. geborenen Säuglinge bereits im ersten Lebensjahr. Im Dienste der Kinderrettung lag der Fokus auf einer fortschrittlichen Medizin, Krankenpflege, Rehabilitation und Fürsorge, angesichts des damaligen Patriotismus zugleich verbunden mit Maßnahmen zur Gesundheit und Gesunderhaltung des Nachwuchses der deutschen Nation. Dies galt ebenso für die jüdische Minderheit, sie musste aber im Spannungsfeld von „Assimilation“, Konversion und Judenhass auch den eigenen Fortbestand sichern. Aufgrund ihres ausgeprägten deutschen Nationalempfindens hatten die jüdischen Bürger/innen dabei stets das Wohl der Allgemeinheit im Blick. So verdeutlicht die Zusammenschau der hier vorgestellten Beiträge zur Kinder- und Säuglingspflege eine Erfolgsstory jüdisch-christlicher Kooperationen – obschon nicht frei von Antisemitismus, „der uns bei angeblich interkonfessionellen Fürsorgestellen unsicher, scheu und empfindlich macht“, worauf Bertha Pappenheim (1859–1936), die bekannte Sozialreformerin, Frauenrechtlerin und Gründerin des Kinder- und Säuglingsheims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt, nachdrücklich hingewiesen hat (dies. 1920: 3). Die Recherchen ergaben darüber hinaus zahlreiche pflegehistorische Querbezüge zu Wohlfahrt, Medizin und der Frauenbewegung.

Die dreizehn Beiträge stellen in Frankfurt a.M. und Region dazumal bekannte Institutionen vor: vom Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde (liberal-reformerische Muttergemeinde) mit Gynäkologie, Entbindungsstation, Kindersaal und Säuglingszimmer und dem Rothschild‘schen Kinderhospital der Israelitischen Religionsgesellschaft (neo-orthodoxe Austrittsgemeinde) bis zum Säuglingsheim Böttgerstraße, letztlich realisiert durch ein jüdisch geborenes, zum Christentum konvertiertes Stifterpaar, und dem bis heute bestehenden interkonfessionell gegründeten Clementine Kinderhospital. Weitere Forschungslücken zeigt die Darstellung des Frankfurter jüdischen Frauenvereins Weibliche Fürsorge und des interkonfessionellen Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge: Zu beiden Vereinigungen liegen nach bisherigem Stand (Mai 2024) keine eigenen größeren Studien vor.

Weitere Artikel widmen sich der pflegerischen Ausbildung und staatlichen Prüfung der Säuglingskrankenschwestern mit besonderer Berücksichtigung des Frankfurter Böttgerheims. Erstmals thematisiert werden die Interaktionen ausbildender jüdischer Institutionen. Offenen Forschungsfeldern nähern sich zudem die Beiträge zur Versorgung von Kindern und Säuglingen im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde (Gagernstraße), dem letzten Frankfurter jüdischen Krankenhaus, und zur Frankfurter jüdischen Kinder- und Säuglingspflege unter dem Nationalsozialismus.

Die folgende Synopse dient als Leitfaden durch die auf www.juedische-pflegegeschichte.de online nachzulesenden Beiträge zu einem noch weitgehend unbekannten Forschungsgebiet.

Die Beiträge

Der Beitrag Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main (Bönisch 2024a) führt im Kontext der gesellschaftspolitischen Bedingungen des 19. Jahrhunderts in die Genese der modernen Säuglingspflege und Säuglingskrankenpflege ein: vom Aufbau eigener Kinderkrankenhäuser über die neuen Berufe „Kinderarzt“, und „Säuglingsschwester“ bis zu dem neuen Wissenschaftszweig „Sozialpädiatrie“ (Erforschung der Wirkungen äußerer Umweltbedingungen auf Kinder und Jugendliche, siehe auch einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialp%C3%A4diatrie [21.05.2024]). Drei Institutionen werden beispielhaft vorgestellt: die Kinderabteilung der bekannten Berliner Klinik „Charité“, das deutschlandweit (und vermutlich sogar weltweit) erste Säuglingskrankenhaus (Dresden) – unter der Leitung des wegweisenden jüdischen Pädiaters Prof. Dr. Arthur Schlossmann (1867–1932) – und als die dritte Einrichtung das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich (KAVH) in Berlin. Für die Pflegegeschichte erinnert der Artikel an eine Pionierin der modernen Säuglings- und Kinderpflegerin: Antonie Zerwer (1873–1956), langjährige Oberschwester und zuletzt Oberin am KAVH, Mitbegründerin und Vorsitzende des Reichsverbands für Säuglings- und Kleinkinderschwestern – und eine „Bestsellerautorin“: Ihre für den Unterricht verfasste „Säuglingspflegebibel“ (1912) erreichte ein Millionenpublikum, wurde in acht Sprachen übersetzt und bis in die NS-Zeit mehrfach aufgelegt (einführend https://de.wikipedia.org/wiki/Antonie_Zerwer; siehe auch BeKD: https://bekd.de/antonie-zerwer-medaille [21.05.2024]). Am KAVH arbeiteten wie „auch in der übrigen Kinderheilkunde Berlins“ (Bönisch 2024a) viele jüdische Ärzte und Schwestern; anders als die nichtjüdische Oberin Antonie Zerwer wurden sie nach der NS-Machtübernahme 1933 aus ihrem Dienst vertrieben. Für Frankfurt a.M. legt der Artikel nach einem kurzen Abriss zu dortigen Geburtshilfeeinrichtungen des 19. Jahrhunderts (darunter die private Entbindungsklinik der beiden angesehenen Frankfurter jüdischen Stadtbürger Prof. Dr. Theodor (Nathan) Neubürger (1830–1915) und Dr. Otto Neubürger (1864–1913) auf die Versorgung von Säuglingen und Kindern sowie die Mütterfürsorge. Die 1908 gegründete Wilhelm und Auguste Viktoria Stiftung für Säuglingsfürsorge besteht bis heute, angesiedelt am Gesundheitsamt Frankfurt (https://frankfurt.de/themen/gesundheit/kinder-und-jugendgesundheit/fruehe-hilfen/wilhelm-und-auguste-viktoria-stiftung [21.05.2024]).

Der Beitrag In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick (Seemann 2023a) folgt den Spuren überkonfessioneller Netzwerke – einem Geflecht moderner Kinderkliniken, Säuglingsheime und Kureinrichtungen, Vereine und Verbände mit einem hohen jüdischen Anteil. Die Wegbereiter/innen und Förderer/innen der Kinder- und Säuglingspflege des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren hauptsächlich religiös motiviert. Mit Sorge registrierten sie die häufig durch beengte und unhygienische Wohnverhältnisse bedingte erhöhte Kinder- und Säuglingssterblichkeit, hinzu kamen ansteckende Krankheiten wie Scharlach, Diphtherie oder offene Lungentuberkulose. Heranwachsende erlitten bleibende Gesundheitsschäden. Während sich katholische und evangelische Bürger/innen an den christlichen Traditionen der Caritas (Nächstenliebe) und der Diakonie (Dienst am Menschen) orientierten, waren für jüdische Bürger/innen die Zedaka (soziale Gerechtigkeit), Gemilut Chessed (Taten der Nächstenliebe), Rachmanut (Barmherzigkeit) als weitere Mitzwa (jüdisch-religiöse Pflicht) Bikkur Cholim handlungsanleitend. Hinsichtlich der jüdisch-sozialethischen Kontexte der Frankfurter Kinder- und Säuglingspflege und -fürsorge benennt der Artikel drei religiös-soziale Grundhaltungen: Institutionen der reformorientierten Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main (Muttergemeinde), Institutionen der Israelitischen Religionsgesellschaft („Adass Jisroel“, neo-orthodoxe Austrittsgemeinde) sowie nichtjüdische Institutionen als inter- und überkonfessionelle „partnerships“, woran sich auch jüdisch geborene, zum Christentum konvertierte Stifter/innen und Mediziner/innen beteiligten. Erwähnt wird das 1875 eröffnete alte Israelitische Gemeindehospital, dessen Innerer Abteilung der Chirurg, Geburtshelfer und Kommunalpolitiker Dr. med. Simon Kirchheim (1843–1915) vorstand. 1914, noch vor dem Ersten Weltkrieg, eröffnete die Israelitische Gemeinde dank des hohen Spendenaufkommens aus der Frankfurter jüdischen Bevölkerung als Nachfolgeeinrichtung ihre neue und hochmoderne Großklinik in der Gagernstraße 36 mit anfangs 200 Betten (siehe auch Seemann 2024d). Neben der Abteilung für Geburtshilfe verfügte der Klinikneubau vermutlich im ersten Obergeschoss über Kindersaal und Säuglingszimmer. Unter der Anleitung von Oberin Minna Hirsch (1860–1938) richtete das Krankenhaus (in dem auch einige nichtjüdische Schwestern pflegten) eine Säuglingsberatung für Mütter aller Konfessionen ein. Während das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde liberal ausgerichtet war, gehörte das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital zu den Wohlfahrts- und Pflegeinstitutionen der neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft. Von den in Kurstädten angesiedelten Projekten, die von Frankfurt a.M. aus verwaltet wurden, sei hier exemplarisch die von der Frankfurt-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith (Seemann 2023c) initiierte und ebenfalls durch Mathilde von Rothschild (1832–1924) finanzierte Israelitische Kinderheilstätte zu Bad Nauheim genannt, zuständig für die Rehabilitation bedürftiger jüdischer Kinder. Viele jüdische Ärzte an verschiedenen Kliniken in Frankfurt und Region waren Brüder der drei Frankfurter Logen des jüdischen Ordens, deren Frauenvereinigungen engagierten sich in verschiedenen Wohlfahrtsprojekten, weshalb auch der B’nai B’rith dem Netzwerk der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege und -fürsorge zuzurechnen ist. Als nichtjüdische, in inter- und überkonfessioneller Zusammenarbeit gediehene Institutionen sind das Clementine Kinderhospital und die Kinderklinik mit Säuglingsheim und Pflegeschule in der Böttgerstraße (Böttgerheim) hervorzuheben. Im Gegensatz zu den jüdischen Krankenhäusern überstanden diese Einrichtungen den Nationalsozialismus und konnten sich im Nachkriegsdeutschland neu aufstellen.

Die Geschichte des Clementine Kinderhospitals und seiner Vorläufer Christ’sches Kinderhospital und Clementine-Mädchen-Spital schildert der Beitrag „(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit (Seemann 2024a). Das Christ’sche Kinderhospital zur Behandlung bedürftiger Kinder riefen die befreundeten Ärzte Dr. med. Theobald Christ (1777–1841) und Dr. med. Salomon Stiebel (1792–1868) ins Leben. Dr. Christ war der Sohn des Kantors der Frankfurter evangelischen Sankt-Katharinen-Kirche. Dr. Stiebel wurde noch im Frankfurter Judenghetto geboren und ließ sich später evangelisch taufen, bekannte sich aber stets zu seiner jüdischen Herkunft. Die „Dritte“ im Bunde war mit der Errichtung des Clementine-Mädchen-Spitals, einer speziell für kindliche und jugendliche Patientinnen ausgestatteten Klinik, Louise von Rothschild (1820–1894). Als den ersten Chefarzt und Leiter der Administration des Clementine-Mädchen-Spitals berief die jüdische Stifterin den Hausarzt der Familie Rothschild, Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Johann Jakob de Bary (1840–1915), zugleich Kommunalpolitiker und Stadtverordneter. Die de Barys waren Glaubensflüchtlinge und gehörten der reformierten Kirche an, einer Minderheit innerhalb des in Deutschland lutheranisch dominierten Protestantismus. Über Generationen waren sie dem liberalen Zweig der Frankfurter Rothschilds und ihren Sozial- und Pflegeprojekten – neben dem Clementine-Mädchen-Spital die auch Kinder behandelnde Zahnklinik (zuvor Heilanstalt) Carolinum – eng verbunden. Als Schirmherrin des Mädchenkrankenhauses gewann Louise von Rothschild die sozial engagierte Großherzogin Luise von Baden (1838–1923), im Spital pflegten Schwestern des Badischen Frauenvereins vom Roten Kreuz. Somit entwickelte sich das das heutige Clementine Kinderhospital aus einer fruchtbaren jüdisch-christlichen und über- und interkonfessionellen Zusammenarbeit.

Louise von Rothschild gehörte dem liberal-reformerischen Zweig des Judentums an. Hingegen bekannten sich ihre Nichte und Schwägerin Mathilde von Rothschild (1832–1924) und deren Tochter und Erbin Adelheid de Rothschild (1853–1935), wie der Beitrag „Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft“: Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (1886–1941), ein Pflegeprojekt der Israelitischen Religionsgesellschaft (Neo-Orthodoxie) (Seemann 2022) zeigt, zu „dem alten gesetzestreuen Judenthum, das man das orthodoxe nennt“ (Rabbiner Samson Raphael Hirsch). Hier paarten sich Überlieferung, moderne Bildung und Medizin/Pflege. Im Rothschild’schen Kinderhospital diente die Versorgung bedürftiger und benachteiligter jüdischer Kinder zugleich der Stärkung der jüdischen Gemeinschaft. 1941 liquidierten die Nationalsozialisten die Kinderklinik und wiesen Pflegende und Gepflegte in das letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus (Gagernstraße) ein. Versuche nach der Shoah und dem Zweiten Weltkrieg, die Stiftung für das Mathilde von Rothschild’sche Kinderhospital wiederzubeleben, scheiterten endgültig im Jahre 1985.

Trotz der auch hier durch NS-Verfolgung und Krieg disparaten Quellenlage widmet sich ein ein weiterer Beitrag erstmals den Interaktionen ausbildender jüdischer Institutionen in der Kinder- und Säuglingspflege in und um Frankfurt am Main (Bönisch 2024b), unter anderem ausgehend von Mediziner-Netzwerken, Lebensläufen christlicher und jüdischer Säuglingsschwestern und Dokumenten aus den Ausbildungsbetrieben. In den Blick rückt der Artikel weitgehend vergessene Institutionen wie die (nichtjüdische) Kinderklinik der Annie-Stiftung und die Säuglingsabteilung des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg. Die Interaktionen zwischen Institutionen waren und sind häufig an Persönlichkeiten gebunden. Im Bereich der Medizin erinnert der Beitrag an bekannte Frankfurter Kinderärzte wie Prof. Dr. Heinrich von Mettenheim (zuvor: Mettenheimer, 1867–1944), leitender Arzt am Kinderhospital Sachsenhausen des Christ’schen Kinderhospitals sowie Chefarzt der Kinderklinik der Annie-Stiftung (ab 1914 Universitäts-Kinderklinik), und Prof. Dr. Paul Grosser (1880–1934), zunächst Dr. Mettenheims Assistenzarzt an der Annie-Stiftung, danach leitender Arzt des Böttgerheims und zuletzt bis zu seiner NS-Suspendierung des Clementine Kinderhospitals. Als Jude und Sozialdemokrat wurde Paul Grosser mit seiner Familie nach Frankreich vertrieben und verstarb dort bereits 1934. Heinrich von Mettenheim, Mitglied der evangelischen Landessynode und Vorstandsmitglied des Frankfurter Diakonissenhauses, kategorisierten die NS-Behörden wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau Cläre geb. Hirschhorn als „jüdisch versippt“; er kam bei einem US-Luftangriff auf Frankfurt zu Tode, seine nun ungeschützte Ehepartnerin überlebte die NS-Verfolgung im Versteck. Personale Verbindungen in der Pflege dokumentiert der Artikel entlang der Lebensläufe von sieben Säuglingspflegerinnen und ihren beruflichen Einsätzen an verschiedenen Arbeitsstellen. Die evangelischen Schwestern Elisabeth (1865 – unbekannt) und Maria Lippert (1867 – unbekannt) hatten als Oberin und als Oberschwester Leitungsfunktionen an der Kinderklinik Böttgerheim inne. Die jüdische Säuglingspflegerin Emma Haas (1886–1952) stand der Säuglingsabteilung des Hauses II (heute die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim) des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg vor; sie konnte die Shoah überleben.

Dem in der Synopse bereits mehrfach erwähnten Böttgerheim der Stiftung Kinderheim e.V. mit staatlich anerkannter Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingspflegerinnen ist der Beitrag Das Böttgerheim: Eine überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße (Bönisch 2024c) gewidmet. An der Errichtung maßgeblich beteiligt war neben dem (nichtjüdischen) Unternehmer und Armenvorsteher Christian Wilhelm Pfeiffer (1843–1916) als Stifterin und Stifter des Hauptgebäudes das jüdisch geborene, auf Wunsch seiner Nachkommen evangelisch getaufte Unternehmer-Ehepaar Auguste geb. Ettling (1839–1909) und Fritz (Friedrich Ludwig) Gans (1833–1920, seit 1912 von Gans). Die Vielfalt im Netzwerk rund um das Böttgerheim veranschaulicht ein vorläufiges Namensverzeichnis, das zu weiteren biografischen Forschungen anregen könnte. Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Stiftung Kinderheim e.V. ihre Finanzierung inflationsbedingt einstellen; am 1. Oktober 1920 kam es zur Auflösung des Vereins, das Böttgerheim wurde zu einer städtischen Klinik. Als leitender Arzt baute Dr. Paul Grosser das Kinderheim Städtisches Säuglingsheim zu einem „modernen und hochqualifizierten Kinderkrankenhaus“ (Bönisch 2024c) aus. Heute beherbergt der Standort Böttgerstraße mit dem Geburtshaus Frankfurt weiterhin einen Ort der Frankfurter Säuglingspflege (https://www.geburtshausfrankfurt.de/Start.html [21.05.2024]).

Brosche Kinderheim e.V. als eingetragenes Zeichen.
Abbildung: Abzeichen für den Kinderheim e. V. und die Brosche der Schwestern. Aus: Kinderheim e. V. 1909 – Nachweis: Edgar Bönisch: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim (Bönisch 2024d)

Weiteres erfahren die Leser/innen im Artikel Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim (Bönisch 2024d) zu Anstellungsverhältnissen, Verträgen, Ausbildungen, Kursen und Prüfungsverfahren, angesprochen wird zudem die Dienstkleidung mit der Schwesternbrosche der Trägerin „Stiftung Kinderheim e.V.“ Vorgestellt werden noch weiter zu recherchierende Biografien von Pflegenden wie der Oberin Bertha Trömper (Lebensdaten unbekannt), Mitglied des Beirats der Stiftung und Leiterin des Bertha-Vereins für öffentliche Krankenpflege im Bornwiesenweg. Erwähnung findet auch die 1909 errichtete und drei Jahrzehnte später von den Nationalsozialisten aufgelöste Fritz-und-Auguste-Gans-Stiftung zugunsten erholungsbedürftiger Krankenpflegerinnen. Am Beispiel des Böttgerheims in der Zeit von 1916 bis 1923 informiert ergänzend ein weiterer Beitrag über Die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen – Der Ministerialerlass vom 31. März 1917 (Bönisch 2024e).

Mit den oben genannten Persönlichkeiten und Institutionen arbeiteten die Verbände und Vereinigungen der Frankfurter jüdischen und interkonfessionellen Kinder- und Säuglingspflege im Netzwerk zusammen. Die Beteiligung von Akteurinnen der jüdischen Frauenbewegung gilt es dabei weiter zu untersuchen. In diesem Sinne macht der Beitrag Im Dienste der Kinderrettung: Oberin Minna Hirsch und der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge (Seemann 2023b) auf eine einst prägende Frankfurter jüdische Frauenvereinigung aufmerksam – der Zedaka verpflichtet und eine „Schule jüdisch-sozialen Denkens und Ausübens“ (Mitbegründerin Bertha Pappenheim). Aus dem Vorstand der Weiblichen Fürsorge würdigt der Artikel mit Minna Hirsch (1860–1938) eine der ersten deutsch-jüdischen Krankenschwestern. Als erste Oberin des Frankfurter Israelitischen Krankenhauses und seiner Schwesternschaft und Mitbegründerin des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M. war sie eine Pionierin der beruflichen jüdischen Krankenpflege in Deutschland – die Kinder- und Säuglingspflege eingeschlossen.

Wie im Beitrag „Deine Dir gute Obeli“ – Frankfurter jüdische Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege (Seemann 2021) nachzulesen, leitete Oberin Minna Hirsch die Säuglingskommission der Weiblichen Fürsorge. Entlang der Biografien weiterer Pflegender wie Anna Ettlinger (Lebensdaten unbekannt) und Johanna Beermann (1863 – 1942 [Suizid unter der NS-Verfolgung]) stellt der Artikel die Säuglings-Milchküche vor, die jüdische und nichtjüdische Mütter beriet – zunächst im Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen, später vermutlich im Neubau des Israelitischen Krankenhauses Gagernstraße mit eigener Säuglingsstation.

Abbildung: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M. (Gagernstraße), Säuglingsstation mit Krankenschwestern (2. v. l. Jutta (Irma) Rehfeld, 1888, ermordet in der Shoah), 2. Reihe 1. v. r. möglicherweise Oberschwester Beate Berger, 1886–1940), 11.03.1920 – © Jüdisches Museum Frankfurt, Sign. F88-2-168, Foto: Privat
Abbildung: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M. (Gagernstraße), Säuglingsstation mit Krankenschwestern (2. v. l. Jutta (Irma) Rehfeld, 1888, ermordet in der Shoah), 2. Reihe 1. v. r. möglicherweise Oberschwester Beate Berger, 1886–1940), 11.03.1920 – © Jüdisches Museum Frankfurt, Sign. F88-2-168, Foto: Privat

Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M. übertrug seiner Armenschwester Rosa (Fleischer) Goldstein (1874 – 1942 Ghetto Theresienstadt) die Leitung der Kostkinderkommission und unterstützte damit ein weiteres Projekt der Weiblichen Fürsorge zur Rettung gefährdeter Babys und Kinder. Im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen (Hans-Thoma-Straße) befand sich als Hauptprojekt der Frauenvereinigung das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V. mit seiner langjährigen engagierten Oberin Frieda Amram (geb. 1885, 1942 ermordet in Auschwitz). Auch diese segensreiche Institution für benachteiligte jüdische Mädchen und Jungen, „… die keinen Menschen hatten, der sich ihrer annahm“ (Seemann 2021), zerschlugen die Nationalsozialisten, viele Kinder und ihre Pflegenden wurden deportiert und in der Shoah ermordet. Der Artikel „,Deine Dir gute Obeli’“ weist zudem Kooperationen und personale Querverbindungen zwischen dem jüdischen Frauen- und Sozialverein „Weibliche Fürsorge e.V.“, dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M. und dem dem überkonfessionellen „Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge“ nach. In die Mütterberatungsstellen des Verbands für Säuglingsfürsorge entsandte der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen erfahrene Schwestern wie Betty Schlesinger (zuvor Oberin des Israelitischen Spitals zu Basel, geb. 1866, 1940 deportiert nach Gurs/ Südfrankreich), Dina Wolf (später Oberin des Jüdischen Krankenhauses zu Köln, geb. 1876, 1942 deportiert nach Auschwitz) und Babette Zucker (später stellvertretende Oberin des Israelitischen Altenheims zu Aachen, 1881 – unbekannt).

Der sich inhaltlich anschließende Beitrag Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (1910–1925) und seine jüdische Geschichte (Seemann 2024b) dokumentiert weitere noch zu schließende Forschungslücken hinsichtlich der Aufarbeitung der historischen Kinder- und Säuglingspflege – und der besonderen Verdienste eines heute nahezu vergessenen, dazumal einflussreichen sozialen Netzwerks. Nach Exkursen zu öffentlichen Spendenaktionen zur Kinderrettung wie dem „Margueritentag“ und den Debatten zu Säuglingssterblichkeit und Säuglingsschutz im Deutschen Kaiserreich erinnert der Artikel zunächst an die engagierten Frankfurter jüdischen Kinderärzte Dr. med. Adolf Deutsch (1868 – 1942 im englischen Exil), Sanitätsrat a.o. Prof. Dr. med. Wilhelm Hanauer (1866 – 1940 als Patient der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke/ Jacoby’sche Anstalt, Bendorf-Sayn, einführend: https://de.wikipedia.org/wiki/Jacoby%E2%80%99sche_Heil-_und_Pflegeanstalt [21.05.2024]) und Dr. med. Heinrich Rosenhaupt (1877 – 1944 im US-Exil), Gründer der ersten Säuglingsberatungsstelle in Frankfurt a.M., Sekretär für Deutschland der Internationalen Vereinigung für Säuglingsschutz und zuletzt bis zu seiner NS-Suspendierung 1933 Stadtmedizinaldirektor am Gesundheitsamt Mainz. Adolf Deutsch, Wilhelm Hanauer und Heinrich Rosenhaupt waren tragende Persönlichkeiten des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge, dessen Gründung sie bereits als Mitglieder des Ärztlichen Vereins anregten und vorbereiteten. Rund um den Verband für Säuglingsfürsorge wirkten zahlreiche Stifter/innen und Unterstützer/innen – ein Who’s who des Frankfurter Bürgertums, ein überkonfessionellem Netzwerk, das verschiedene Strömungen im Judentum wie im Christentum zusammenführte; der jüdische Anteil lag wie bei den Mediziner/-innen und Pflegenden überproportional hoch. 1925 übernahm die Stadt Frankfurt die Beratungsstellen des Verbands. Nur acht Jahre später zerstörte der NS-Staat gewachsene jüdisch-christliche Kooperationen. Die Nationalsozialisten setzten alles daran, die jüdischen Persönlichkeiten der Frankfurter Kinder- und Säuglingsrettung gesellschaftlich auszugrenzen, aus Deutschland zu vertreiben, in die Vernichtung zu deportieren. Dies betrifft auch das kulturelle Erbe: Kein Name, keine Straße sollte mehr an die umfänglichen Verdienste von Sozialreformer/-innen, Stifter/-innen, Mediziner/-innen und Krankenpfleger/-innen jüdischer Herkunft erinnern.

Aufgrund mangelnder Quellen lässt sich auch Die Kinder- und Säuglingspflege im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main in der Gagernstr. 36 (Bönisch 2024f.) nur bruchstückhaft rekonstruieren. Als Glücksfall für die Forschung erweist sich ein privates Fotoalbum aus dem Krankenhaus, das die Ärztin Margarete Katzenstein (1904 – unbekannt) bei ihrer Flucht aus Nazideutschland in das amerikanische Exil retten konnte. Der Artikel nimmt Bezug auf das vor allem mit den Namen von Dr. Adolf Deutsch, Leiter der Säuglingsberatungsstelle, und Oberin Minna Hirsch verbundene Netzwerk um die Säuglings- und Kinderpflege im Krankenhaus Gagernstraße. Für die weitere beruflich-biografische Forschung konnten aus den Rechenschaftsberichten des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M. mehrere Namen von Schwestern des Klinik recherchiert werden, die „einen klaren Bezug zur Säuglingsarbeit aufweisen“ (Bönisch 2024f) oder wo zumindest Spuren einer Tätigkeit als Säuglings- oder Kinderschwester erkennbar sind. Ergänzend liefert der Artikel Hinweise auf die Ärzteschaft des im Herbst 1942 NS-liquidierten letzten Frankfurter jüdischen Krankenhauses. Abschließend kommt der Journalist und Diplomat Edgar Sarton-Saretzki (1922–2017) zu Wort, welcher seine Eindrücke als elfjähriger Patient im Infektionsgebäude des Krankenhauses schildert.

Einmal mehr dokumentiert der Beitrag Die Frankfurter jüdische Kinder- und Säuglingspflege unter dem Nationalsozialismus (Seemann 2024c) das dringende Erfordernis weiteren Forschens und Gedenkens. Hier widmet sich die Spurensuche NS-vernichteten Kur- und Therapieprojekten in Frankfurt a.M. und Region, die sich wie die jüdische Abteilung der „Heilerziehungsanstalt“ Kalmenhof (Idstein/ Taunus) speziell an jüdische Kinder und Jugendliche richteten; an einige Biografien wird erinnert. Ein weitgehend unbekanntes Kapitel mit verschollenen Quellen betrifft die Lebensläufe der NS-verfolgten und von der Shoah bedrohten Patientinnen und Patienten im Rothschild’schen Kinderhospital (Röderbergweg) und im Israelitischen Krankenhaus Gagernstraße. Thematisiert wird zudem die wenig aufgearbeitete freiberufliche (jüdische) Säuglings- und Kinderpflege unter der NS-Verfolgung.
Viele Biografien aus der Kinder- und Säuglingspflege bleiben noch zu erforschen.

Abbildung: Horst Bergmann (1926 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Majdanek), ohne Jahr, u.a. Israelitisches Kinderheim Diez an der Lahn, Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm) [zuletzt aufgerufen am 21.05.2024]
Abbildung: Horst Bergmann (1926 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Majdanek), ohne Jahr, u.a. Israelitisches Kinderheim Diez an der Lahn, Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm) [zuletzt aufgerufen am 21.05.2024]

Digitale Quellen für die weitere Forschung und Erinnerungsarbeit

Hinsichtlich der Biografien- und Institutionengeschichte der jüdischen Säuglings- und Kinder(kranken)pflege sei für weitere Recherchen und Spurensuchen in Forschung, Bildung, Lehre und Unterricht empfohlen (Stand: Mai 2024):
– Virtuelles Erinnerungsdenkmal „Shoah Memorial Frankfurt“ des Jüdischen Museums Frankfurt: https://www.shoah-memorial-frankfurt.de (mit Dank an Heike Drummer)
– Internetpräsenz „Frankfurt am Main 1933–1945“ des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: https://www.frankfurt1933-1945.de
– „Frankfurter Personenlexikon“, Online-Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung: https://frankfurter-personenlexikon.de (Projektleitung: Dr. Sabine Hock)
– „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main“: https://www.juedisches-leben-frankfurt.de
– Online-Datenbanken der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main: https://www.stolpersteine-frankfurt.de sowie https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine
– Online-Datenbank und Materialsammlung „Platz der vergessenen Kinder. Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V., Frankfurt a.M.“: https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de (mit Dank an Pfarrer i.R. Volker Mahnkopp)
– Virtuelles „Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907–1942)“, herausgegeben von der Stadt Neu-Isenburg: https://gedenkbuch.neu-isenburg.de
– Online-Datenbank „Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945“ der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ): https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945
– Online-Gedenkbuch „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945“ des Bundesarchivs Koblenz: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
– „Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer der Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem“: https://collections.yadvashem.org/de/names
– Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum (enthält Informationen zu lokalen und regionalen Institutionen der Kinderpflege): https://www.alemannia-judaica.de

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Beiträge im Modul „Kinder- und Säuglingspflege“ auf der Internetseite „Jüdische Pflegegeschichte“

Bönisch, Edgar 2024a: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main

Bönisch, Edgar 2024b: Interaktionen ausbildender jüdischer Institutionen in der Kinder- und Säuglingspflege in und um Frankfurt am Main

Bönisch, Edgar 2024c: Das Böttgerheim: Eine überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße

Bönisch, Edgar 2024d: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim

Bönisch, Edgar 2024e: Die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen – Der Ministerialerlass vom 31. März 1917

Bönisch, Edgar 2024f: Die Kinder- und Säuglingspflege im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main in der Gagernstr. 36

Seemann, Birgit 2021: „Deine Dir gute Obeli“ – Frankfurter jüdische Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege

Seemann, Birgit 2022: „Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft“: Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (1886–1941), ein Pflegeprojekt der Israelitischen Religionsgesellschaft (Neo-Orthodoxie)

Seemann, Birgit 2023a: In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick

Seemann, Birgit 2023b: Im Dienste der Kinderrettung: Oberin Minna Hirsch und der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge

Seemann, Birgit 2024a: „(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Seemann, Birgit 2024b: Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (1910–1925) und seine jüdische Geschichte

Seemann, Birgit 2024c: Die Frankfurter jüdische Kinder- und Säuglingspflege unter dem Nationalsozialismus

Sekundärliteratur (Kurzauswahl)

Börchers, Sabine 2017: Aufklärung – Vorsorge – Schutz. 100 Jahre Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt. Frankfurt a.M.

Pappenheim, Bertha 1920: Rückblick auf die jüdisch-soziale Frauenarbeit der Vereine „Weibliche Fürsorge“, „Heim des jüdischen Frauenbundes Isenburg“, „Mädchenclub“ und „Ortsgruppe Frankfurt des jüdischen Frauenbundes“. Frankfurt a.M. – Online-Ausg. 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hebis:30:1-301085

Rosenhaupt, Heinrich 1912: Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, seine Entstehung und seine Organisation. In: Zeitschrift für Säuglingsfürsorge 6 (1912) 3, S. 105-111

Schiebler, Gerhard 1994: Kinderpflege. In: Lustiger, Arno (Hg.): Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Hg. im Auftrag d. Moses-Jachiel-Kirchheim’schen Stiftung Frankfurt am Main. Sigmaringen: 157-166

Schwamm, Christoph 2023: The History of Pediatric Nursing in Germany.Outlining a Research Desideratum, p. 101-109, https://www.enhe.eu/enhe/article/view/40/56

Seemann, Birgit 2023c: „… ein Segen zu werden für die Menschheit …“. Der jüdische Orden B’nai B’rith in Frankfurt am Main und seine Logen (1888–1937). Frankfurt a.M.: Selbstverlag der B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge e.V., https://www.bnaibrith-ffm.de/de/history/b-nai-b-rith-in-frankfurt

Seemann, Birgit 2024d: Eine „neue Epoche der jüdischen Krankenpflege unserer Stadt“: das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main (1914–1942). In: 50 Jahre Neubau des Altenzentrums der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main (im Erscheinen)

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M. (gedr. Ms.), Sign. S 6a/411

Ulmer, Eva-Maria 2009: Der Beginn der beruflich ausgeübten Pflege im 19. Jahrhundert. Stand: 2009, JüdPflege: https://www.juedische-pflegegeschichte.de/der-beginn-der-beruflich-ausgeuebten-pflege-im-19-jahrhundert

Weindling, Paul 1989: Health, race and German politics between national unification and Nazism, 1870–1945. Cambridge, New York [u.a.]

Digitale Quellen, Online-Datenbanken und Links (zuletzt aufgerufen am 21.05.2024)

BArch Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945, Website: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch

BeKD: Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland e.V., https://bekd.de

DGKJ Datenbank: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945. Hg.: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), Berlin. Red.: Vera Seehausen, Online-Datenbank: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945

Frankfurter Kinderhaus: Platz der vergessenen Kinder. Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V., Frankfurt a.M., https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), https://frankfurter-personenlexikon.de

Gedenkbuch JB Neu-Isenburg: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907–1942). Hg.: Stadt Neu-Isenburg. Red.: Heidi Fogel, https://gedenkbuch.neu-isenburg.de

ISG Ffm NS: Frankfurt am Main 1933–1945. Hg.: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, https://www.frankfurt1933-1945.de

JM Ffm Shoah Memorial: Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Shoah Memorial Frankfurt: https://www.shoah-memorial-frankfurt.de

Jüdisches Leben Ffm: Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main [Red.: Angelika Rieber [u.a.], https://www.juedisches-leben-frankfurt.de

LeMO: Lebendiges Museum Online. Hg.: Stiftung Deutsches Historisches Museum (Berlin), Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Bonn) u. Bundesarchiv Koblenz, https://www.dhm.de/lemo

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
– Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer der Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, Website: https://collections.yadvashem.org/de/names

Abbildung 18:Das Haus der Annie-Stiftung mit Schriftzug über der Eingangstür im Jahr 2023, © Edgar Bönisch

Interaktionen jüdischer Ausbildungsinstitutionen der Kinder- und Säuglingspflege in und um Frankfurt am Main

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Vorwort

Das Jahr 1917 war ein Wendepunkt für die Ausbildung zur Säuglingspflegerin in Preußen und somit auch in Frankfurt am Main. Die staatliche Anerkennung des Berufs war ministeriell festgelegt worden, wenn sie auch in der bestehenden Form stark kritisiert wurde. In der Folge war es für die auszubildenden Schwestern erstrebenswert diesen Abschluss zu erhalten, wobei viele private oder kleinere Ausbildungsbetriebe die Anforderungen an sie nicht mehr leisten konnten (vgl. Bönisch 2024c).

In diesem Artikel geht es insbesondere um die Ausbildung von Säuglingspflegerinnen. Ich klammere, der Übersichtlichkeit wegen, die Krankenpflegerinnen und weitere soziale Berufe im Säuglings- und Kinderpflegebereich weitestgehend aus. Einen allgemeinen Überblick zur Geschichte der Kinder- und Säuglingspflege ist unter www.juedische-pflegegeschichte.de zu finden.

Mithilfe von Spurensuchen in Lebensläufen von ausgebildeten Säuglingsschwestern und in Dokumenten der Ausbildungsbetriebe werden hier gegenseitige Bedeutungen für Frankfurt und nähere Umgebung beleuchtet.

Einleitung

Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte, mehr oder weniger, jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenpflegepersonal konnte ab 1907 staatlich geprüft werden und konnte sowohl in der Säuglings- als auch in der allgemeinen Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es erst ab der staatlichen Regelung 1917.

In dem Ministerialerlass M. 3626/16 vom 31. März 1917 wurden die Ausbildungsziele und der Abschluss für die staatliche Anerkennung zur Säuglingskrankenpflegerin festgelegt (vgl. Bönisch 2024c). Umstritten war jedoch insbesondere die Ausbildungsdauer, aber auch die fehlende Unterscheidung in Kinder- und Säuglingspflege für kranke und auch gesunde Kinder. Im Lauf der nächsten Jahre wurde nachgebessert.

Das Zentrum der Beratungen zur Vereinheitlichung der Ausbildung zur Säuglingspflege ab Mitte der 1920er Jahre war die Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz am Königin Auguste Viktoria Haus (KAVH), das für die Neuformulierung von Bestimmungen für die staatliche Prüfung nun ein breites Spektrum von Meinungen berücksichtigte und Fragebögen wurden in den Ausbildungsanstalten verteilt:

Die Vorschläge der Deutschen Vereinigung für Säuglingsschutz wurden dem Reichsgesundheitsamt und dem Reichsrat zum Beschluss vorgelegt. Am 1. Oktober 1930 trat der Beschluss vom 20. März 1930 über die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderpflegerin (für die Pflege in der Familie) in einjährigem Lehrgang und die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderschwester (-krankenpflegerin) in zweijährigem Lehrgang reichsweit in Kraft.

Eickemeyer 2015: 50

Was dieses für die Personen und Institutionen bedeutete, lässt sich, mangels Statistiken, schwer verallgemeinern. Über die Quellenlage zu Frankfurter jüdischen Spitäler beispielsweise sagt die Historikerin Birgit Seemann, dass die Personalakten des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde (Gagernstraße) und der beiden Rothschild’schen Spitäler (Röderbergweg) verschollen oder sehr lückenhaft seien. Vereinzelt tauchten in der Literatur Namen auf wie: Schwester Selma oder Schwester Gisela:

Selma Sonnenberg (Lebensdaten unbekannt) wurde 1916 im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildet und arbeitete um 1920 im Krankenhaus Gagernstraße. Bei Gisela (Familienname und Lebensdaten unbekannt), dort 1933 Säuglingspflegerin, handelt es sich möglicherweise um Gisela Schwarz, geboren am 19. Juli 1895 in Berlin, am 10. Oktober 1928 nach Frankfurt a.M. in das Krankenhaus Gagernstraße eingezogen, am 12. Juli 1939 von den Nationalsozialisten nach England vertrieben.

Seemann 2021

Spuren der Interaktion

Verbindungen zwischen Ärzten

Bereits 1906, im Jahr der Gründung des Böttgerheims verwies der Vereinsvorstand des Kinderheim e.V., Christian Wilhelm Pfeiffer, auf das interessierte Netzwerk an der Arbeit im Böttgerheim hin. Es gab Besuche und Besichtigungen durch Ärzte und Fachleute des Froebel-Vereins, des Caritas-Verbandes. Prof. Dr. Klumker schickte Teilnehmer seines Fürsorge-Seminars. Der Nachlass von Professor Dr. Christian Jasper Klumker ist heute in der Bibliothek der Frankfurt University of Applied Sciences zu finden. Die Zentrale für private Fürsorge regte bei ihren Kursteilnehmern für soziale Arbeit die Besichtigung der Anstalt an.

Professoren und Aertze aus allen Teilen Deutschlands, sowie Vertreter von Städten und Korporationen aus Deutschland, England, der Schweiz und Dänemark beehrten uns mit ihrem Besuch und ernteten wir hier allseitige Anerkennung. Erwähnenswert ist auch der Besuch des Herrn v. Behr-Pinnow, Kammerherrn Ihrer Majestät der Kaiserin, der in deren speziellem Auftrag unsere Anstalt sehr eingehend besichtigte.

Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 4, Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568

Religionsunabhängig trafen sich die südwestdeutschen Kinderärzte auf Initiative von Dr. Heinrich von Mettenheimer im Haus des Kinderheims e.V. im Jahr 1904.

Die Vernetzung unter den Kinderärzten und den unterschiedlichen Anstalten sollen beispielhaft folgende Personen verdeutlichen:

Dr. Heinrich von Mettenheimer (später einfach: Mettenheim), war 1899-1910 leitender Arzt am Kinderhospital Sachsenhausen des Christ’schen Kinderhospitals, dem ältesten Frankfurter Kinderhospital, und Schularzt. Am Kinderhospital der Annie-Stiftung, siehe unten, war er ebenfalls Chefarzt (genannt: „Frankfurter Kinderprofessor“) und blieb dies, auch als die Annie-Stiftung zur Universitäts-Kinderklinik wurde (ab 1914) (vgl. Lechner 1988: 47f.).

Dr. Paul Grosser war 1908 Assistenzarzt von von Mettenheimer an der Annie-Stiftung, 1921 wurde er leitender Arzt der Kinderklinik in der Böttgerstraße, 1923 lehrte er als nichtbeamteter außerordentlicher Professor für Kinderheilkunde an der Universität Frankfurt. 1930 übernahm er die Leitung des Clementine Kinderkrankenhauses.

Im Clementine Kinderkrankenhaus arbeiteten unter vielen anderen z.B. auch Dr. Fritz Cuno und Dr. Carl Beck, die wiederum öfter zur Aushilfe oder als leitende Ärzte in der Böttgerklinik tätig waren (vgl. Hövels/Daub/Dippell 1995).

Kurse und Prüfungen für Interne und Externe im Kinderheim Böttgerstraße

Die Anstalt für Säuglings- und Kinderpflege mit angegliederter Pflegeschule für Säuglingsschwestern, im Kinderheim e.V., in der Böttgerstraße 20-22, konnte und durfte Abschlussprüfungen durchführen. Zur Prüfung im Jahr 1909 heißt es: An der Prüfung nahmen acht im Heim selbst ausgebildete Schwesternschülerinnen des Böttgerheims teil, aber auch „drei Schwestern eines anderen Verbandes, die den Ausbildungskursus mitgemacht und einige Monate praktisch in der Anstalt gearbeitet hatten“ (ISG Magistratsakte A.02.01, Nr. V 568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1909: 16). Im Jahresbericht des Kinderheims e.V. für 1910 dokumentiert der Anstaltsarzt Dr. Carl Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahmen sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl.: ISG Magistratsakte A.02.01, Nr. V 568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3).

Im Jahresbericht 1913 heißt es weiter, dass Praktikantinnen des Frauen-Seminars für soziale Berufsarbeit, in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen waren. „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen waren, betraut“ (ISG Magistratsakte A.02.01, Nr. V 568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6). Das Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit war gegründet worden, um „die Ausbildung, insbesondere weiblicher Personen in denjenigen Wissenschaften zu vermitteln, deren Kenntnis für die Betätigung in der Wohlfahrtspflege erforderlich ist“ (Eckhardt 2014: 25).

Antrag des Böttgerheims auf staatliche Anerkennung

Im Ministerialerlass von 1917 zur staatlichen Anerkennung des Berufs der Säuglingspflegerin gab es einige zentrale Punkte, so sollten in jedem Regierungsbezirk Säuglingsheime, Kinderkrankenhäuser oder ähnliche Anstalten als Säuglingspflegeschulen staatlich anerkennt werden:

in Frage sollen nur solche Anstalten kommen, die von tüchtigen Kinderärzten geleitet werden, über eine größere Anzahl von Betten für Säuglinge und Kleinkinder verfügen und deshalb sowie auf Grund ihrer gesamten Einrichtungen Gewähr für eine gediegene Ausbildung bieten. Diese staatlich anerkannten SäuglingspflegeschuIen werden im Allgemeinen gleichzeitig als Prüfungsstellen dienen.

(Schlossmann 1917)

Vermutlich hatte das Böttgerheim diese Anforderungen erfüllt und musste nach weiteren Erlassen 1923 die Anerkennung erneut beantragen. Im Antrag ist der Hinweis zu finden, dass die Pflegeschule der Universitäts-Kinderklinik einen gleichen Antrag gestellt hat und mit dem Böttgerheim eng zusammenarbeitete.

Gesuch um staatliche Anerkennung des städtischen Kinderheim Böttgerstraße 22 als Säuglingspflege-Schule, datiert auf den 8. Juni 1923:

Das städtische Kinderheim in der Böttgerstraße ist aufgrund des Erlasses vom 20.II.1923 nur noch bis zum 1. Oktober 1923 als ‚Säuglingspflegeschule anerkannt. Es wird beantragt, die staatliche Anerkennung auf Grund der neuen Bestimmungen gewähren zu wollen.

Es handelt sich um ein für Säuglinge und Kleinkinder bestimmtes Heim mit 85 Betten [Unterstreichung im Dokument per Hand hinzugefügt] und 17 angestellten Vollschwestern. Die Kinder sind zum kleineren Teil gesund, zum grösseren Teil leiden sie an Lebensschwäche, Ernährungsstörungen und dergl., Infektionskrankheiten sind ausgeschlossen. Die Leitung liegt in der Hand eines anerkannten Facharztes, des Privatdozenten Dr. Grosser, der auch der Unterricht der Schülerinnen übernimmt. Gemäss Erlass vom 20.2.1923 wird nun für die ersten 6 Monate ein angemessenes Lehr- und Verpflegungsgeld erhoben, während des 2. Halbjahres freie Ausbildung gewährt und während des 2. Jahres eine Entlohnung in der gleichen Weise gewährt werden, wie sie die Lehrschwestern des städt. Krankenhauses erhalten. Es ist in der Anstalt Gelegenheit geboten zu gründlicher praktischer Ausbildung in der Pflege des gesunden und kranken Säuglings und Kleinkindes; stillende Mütter bzw. Ammen stehen zur Verfügung; es ist den Schülerinnen Gelegenheit gegeben, ein genügendes Mass hauswirtschaftlicher Kenntnisse sich anzueignen. Ferner ist ihnen die Teilnahem an den Säuglingsfürsorgestellen ermöglicht. Zum Zweck der Ausbildung in der Erziehung des Kleinkindes wird eine Beschäftigung in städt. Kindergärten in den Lehrplan aufgenommen. Zur Ermöglichung einer Ausbildung auch in denjenigen Krankheiten, deren Kenntnis im Kinderheim Böttgerstrasse nicht ermöglicht werden kann, ist als Ergänzungsanstalt die Universitäts-Kinderklinik des städt. Krankenhauses vorgesehen, in der die Schülerinnen ½ Jahr im Verlauf ihrer Ausbildungszeit ausschliesslich beschäftig werden, und die auch ihrerseits bisher als Säuglingspflegeschule anerkannt war und auf Grund des Erlasses vom 30.II.1923 einen entsprechenden Antrag bereits gestellt hat. Die Möglichkeit zur Unterbringung sämtlicher Schülerinnen ist sowohl im Kinderheim Böttgerstrasse wie in der Universitäts-Kinderklinik sichergestellt. Z. Hd. dem Magistrat mit der Bitte um Absendung des vorstehenden Antrags an den Herrn Regierungspräsidenten. Frankfurt /M. 6. Juni 1923, Stadtgesundheitsamt [Unterschrift schwer lesbar, sehr wahrscheinlich: Grosser]

ISG A.51.01 1134: 156

Lebensläufe

Helene Anthes (1897-1970)

Helene Anthes erhielt ihre Ausbildung zur Säuglingspflegerin im Böttgerheim mit staatlicher Anerkennung im Jahr 1920. Nach Angaben aus ihrem Lebenslauf für eine Bewerbung beim Stadt-Gesundheitsamt im Jahr 1925 war Helene Anthes ledig und evangelisch. Der Bewerbung lag ein sehr gutes Zeugnis von Dr. Paul Grosser und anderen bei (vgl.: ISG A 11.02/135508). Unter dem hier angegebenen Archivzeichen befindet sich auch eine Abbildung von Helene Anthes.

Helene Anthes wurde am 8. Mai 1897 in Frankfurt a.M. geboren. Sie besuchte bis 1912 die Merianschule und anschließend als Schülerin und Praktikantin den Kindergarten in der Battonnstraße des Vereins für Volkskindergärten.

Sie arbeitet im Jahr 1913 im Kindererholungsheim Niederseelbach i.T. und pflegte von 1914 bis 1916 die drei Kinder einer Familie in Privatpflege.

Anfang 1917 fand sie eine Stelle in der Auskunftsstelle des Ausschusses für aufsichtlose Kinder und konnte nachmittags eine Vertretung von Schwestern in der Kinderkrippe, Hallgartenstraße ausüben. [An anderer Stelle gibt sie die Adresse Hallgartenstraße 58 an. Dort befand sich das Heim und die Krippe vom Volkskindergarten, in der Nachbarschaft zur Hallgartenstraße 59, dem Hinterhaus des Böttgerheims].

Im Kinderheim Böttgerstraße des Kinderheim e.V. kam sie ab 2. Januar 1919 als Schülerin unter und konnte am 30. März 1920 die Prüfung als staatlich anerkannte Säuglingspflegerin ablegen und wurde ab Oktober 1921 als Schwester angestellt.

Es gibt die zusätzliche Information, dass Helene Anthes bereits am 29. März 1918 eine Prüfung in der Säuglingspflege durch den Vorstand des Kinderheims unter dem Vorsitz des Herrn Dr. med. G. Schaub bestanden hatte (vgl.: ISG A.11.02/135508: 17).

Ihr Berufsweg führte sie dann in Richtung soziale Arbeit. 1922 und 23 war sie in der Zentrale für private Fürsorge, Stiftstraße 30 angestellt. 1923 und 1924 im Wohlfahrtsamt, Abteilung Verdrängtenfürsorge/Flüchtlingsfürsorge.

Seit 1. Januar 1925 vertrat sie die erkrankte Leiterin im Mädchenschutzhaus im Röderbergweg 93, der Gefährdetenfürsorge [Der Röderbergweg 93 ist die Adresse des ursprünglichen Ärztehauses des Hospitals der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung im Röderbergweg 93-97, vgl. Seemann/Bönisch 2019: 63 ff.].

1925 legte sie die staatliche Prüfung zur Fürsorgerin ab. Ab dem 1. Oktober 1937 war sie dem Jugendamt der Stadt Frankfurt in der Abteilung Stadt- und Landpflege wo sie zur Sozialinspektorin ernannt wurde.

Ihr Ausweis als staatlich geprüfte Säuglingspflegerin besagt:

Die vom Januar 1919 bis März 1920 in der Säuglings- und Kleinkinderpflege nach den Vorschriften des Ministerialerlasses vom 31. März 1917 ausgebildete Schwester Helene Anthes aus Frankfurt a.M., welche vor dem staatlichen Prüfungsausschuss in Frankfurt a.M. die Prüfung für Säuglingspflegerinnen mit der Zensur sehr gut bestanden hat und die zur Ausübung des Säuglingspflegeberufs erforderlichen Eigenschaften besitzt, erhält hiermit den Ausweis als staatlich geprüfte Säuglingspflegerin. Für den Fall, dass Tatsachen bekannt werden, welche den Mangel derjenigen Eigenschaften dartun, die zur Ausübung des Säuglingspflegeberufs erforderlich sind, oder dass die Pflegerin den in Ausübung der staatlichen Aufsicht erlassenen Vorschriften beharrlich zuwider handelt, bleibt die Zurücknahme der Anerkennung vorbehalten.
Cassel, den 6. April 1920.
Der Regierungspräsident
I.A.
Dr. Schmidt

ISG A.11.02/135508 [Schreibweise teilweise korrigiert, d.A.]

Anmerken möchte ich hier zwei Dinge, die die Intensität des Berufs verdeutlichen: In einem Zeugnis von Dr. Paul Grosser schreibt er über den Fleiß und die sehr guten Leistungen der Stationsschwester Helene Anthes und fügt an: „Den Schülerinnen war sie eine gewissenhafte und energische Lehrerin“ (ISG A. 11.02/25.032: 61). Und im weiteren Verlauf ihrer Tätigkeiten bekommt sie bereits 1921 die ärztliche Bescheinigung, dass sie „körperlich und nervös sehr heruntergekommen ist“ und ein Erholungsurlaub empfohlen sei. Warum genau ihre Kündigung zum 1. Oktober 1921 erfolgte lässt sich an dieser Stelle nicht klären. In ihrer Kündigung schreibt sie, dass sie „unter den derzeitigen Verhältnissen nicht weiter arbeiten möchte“ (ISG A. 11.03/135508: 28). Woraus vermutlich eine Verlängerung des Arbeitsverhältnisses entstand, sie dennoch kurze Zeit später zur sozialen Arbeit wechselte.

Die Schwestern Elisabeth und Maria Lippert

Die Schwestern Elisabeth und Maria Lippert waren lange Jahre Oberin und Oberschwester im Böttgerheim.

Elisabeth und Maria Lippert waren die Töchter von Carl Conrad Lippert, geboren am 25. März 1830 in Frankfurt a. M., gestorben am 13. November 1902. Die Mutter war Marie, geb. Zimmermann ebenfalls aus Frankfurt. Carl Lippert war k. und k. Major a. D. und seit 16. April 1873 verwitwet. Er war seit 1866 Träger des Militär-Verdienst-Kreuzes, ein Orden, gestiftet von Franz Joseph I von Österreich. Vermutlich nahm Carl Lippert am zweiten deutsche Einigungskrieg gegen Preußen teil (vgl.: Bönisch 2024b).

Elisabeth Lippert (1865-?)

Elisabeth Lippert wurde am 26. September 1865 in Mainz geboren und war evangelisch. Ab Ostern 1872 bis Herbst 1873 besuchte sie eine Höhere Töchterschule in Mainz. Nach dem Tod der Mutter ging die Familie nach Frankfurt, Elisabeth besuchte bis Februar 1878 die Höhere Töchterschule von Fräulein Sophie Hauzo, anschließend das Pensionat von Fr. Theyer in Oberursel und wurde 1881 konfirmiert. Bis April 1883 war sie im Institut von Frl. Math. Krebs. Bis 1902 dem Todesjahr ihres Vaters pflegte sie ihn in Frankfurt a. M. Sie wollte nun im sozialen Bereich tätig sein. Im Herbst 1902 arbeitete sie in der Zentrale für private Fürsorge und bildete sich mit einem Seminar für soziale Fürsorge weiter. Von Januar 1903 bis April 1903 arbeitete sie im Christ’schen Kinderhospital in der Theobaldstraße. Am 13. April trat sie in das Anfang des Jahres gegründete Kinderheim ein, das zu diesem Zeitpunkt noch in dem Vorgängerhaus in der Feststraße 21 untergebracht war. Nach längerer praktischer und theoretischer Ausbildung und abgelegter Probezeit wurde ihr am 1. Juli 1904 die Leitung des Kinderheims übertragen. Am 23. März 1918 erhielt sie von der Königlich Preußischen Regierung zu Wiesbaden den Ausweis als staatlich anerkannte Säuglingspflegerin. Elisabeth Lippert hatte die Stellung einer Oberin inne.

Mehrerer Zeugnisse ihrer Tätigkeit liegen ihrer Personalakte bei. Alle bestätigen ihr großes praktisches und theoretisches Wissen im Umgang mit den Schwestern, Angestellten und natürlich den Säuglingen und Kindern. Ein Ausschnitt aus dem Zeugnis, welches Dr. Gustav Löffler, der leitende Arzt in den Jahren 1915 und 1916 ausstellte:

Fräulein Elisabeth Lippert besitzt in vollem Umfange die praktischen und theoretischen Kenntnisse, die von einer neuzeitlichen Säuglingspflegerin und insbesondere der Vorsteherin einer Säuglingspflegerinnen-Schule gefordert werden müssen.

ISG A.11.02. /935 und 936

Dr. Schaub erklärte im Jahr 1918:

Ich halte Fräulein Lippert in jeder Hinsicht für ihren Beruf als Oberin des Kinderheims und Lehrerin in der Kinder- und Säuglingspflege geeignet.

ISG A.11.02. /935 und 936

Im Rahmen der „Verstadtlichung“ des Kinderheims – Böttgerstraße 20/22 wurde sie in den Dienst des Stadt-Jugendamt übernommen (Schwangeren- und Wöchnerinnen Fürsorge). Hier wurde sie 1926 zur Erzieherin ernannt.

Maria Lippert (1867-?)

Maria Lippert war am 29. Juni 1867 in Frankfurt am Main geboren worden. Ähnlich dem Lebenslauf ihrer älteren Schwester besuchte sie eine Höhere Töchterschule. Von Juni 1876 bis Dezember 1877 war sie auf einem thüringischen Rittergut, wo sie mit den Töchtern des Hauses von einer Erzieherin unterrichtet wurde. 1878 begleitete sie ihre Schwester in das Pensionat in Oberursel. Juni 1881 bis 1883 ging sie zur Humboldtschule. Bis zum Tod des Vaters, 1902, pflegte auch sie ihn. Danach ging sie für ein Jahr zur Arbeit in die Poliklinik von Prof. Dr. von Mettenheimer in der Theobaldstraße, im Dr. Christ’schen Kinderhospital. Im Juni 1904 bis 1906 war sie Schülerin im Kinderheim Böttgerstraße und wurde dort Oberschwester.

Auch Maria Lippert beantragte die staatliche Anerkennung, als Säuglingsschwester wobei sie der Verein unterstützte. Man bescheinigte ihr die Tätigkeiten in verschiedenen Abteilungen besonders in der Milchküche und die hervorragende Leistung auch bei der Vertretung der Oberin, also ihrer Schwester. Am 17. März 1918 erhielt sie den Ausweis als staatlich anerkannte Säuglingspflegerin vom Regierungspräsidenten in Wiesbaden.

Auch sie wurde von der Stadt in ein Arbeitsverhältnis übernommen (Abteilung III des Jugendamtes) – Jugendpflegerin. 1927 wird auch sie zur Erzieherin ernannt.

Margarete (Grete) Kiehl (1878-?)

Der Lebenslauf von Margarete Kiehl zeigt die Verbindung zwischen Böttgerheim und städtischer Klinik als Ort der Weiterbildung.

Margarete Kiehl wurde am 5. Oktober 1887 in Königsberg geboren, sie war evangelisch und ledig (vgl. ISG A 11.02/25.032). Im Zeugnis, das sie von Elisabeth Lippert, der Oberschwester der Böttgerklinik erhielt, wird bestätigt, dass sie vom Juli 1910 bis September 1911 im Kinderheim zur Säuglingsschwester ausgebildet wurde, um dann in die Privatpflege zu gehen. Im Januar 1913 war sie wieder in die Dienste des Vereins eingetreten und arbeitete auf der Entbindungsstation und den Säuglingsstationen und wurde am 15. März 1913 an das städtische Krankenhaus zur Weiterbildung als allgemeine Krankenpflegerin überwiesen. Schwester Grete Kiehl erhielt am 30. September 1913 ihr Diplom für das bestandene Staatsexamen durch die Medizinische Klinik des Städtischen Krankenhauses Sachsenhausen.

In einem Schreiben vom 10. März 1913 wird vom städtischen Krankenhaus bestätigt, dass Greta Kiehl ab dem 19. März 1913 sich zur Ausbildung im städtischen Krankenhaus befände. Sie solle sich bei Oberin von Mässenhausen im Schwesternhaus melden. Leider müsse sie zunächst sich selbst eine Unterkunft suchen, sobald etwas im Schwesternhaus zur Verfügung stünde, könne sie dort einziehen. Freie Verköstigung sei von Anfang an möglich. Gemäß dem Beschluss vom 20. September 1912 § 192 wird Greta Kiel vom Verein Kinderheim vom 19. März bis 18. April der chirurgischen Klinik und vom 19. April bis 18. September der medizinischen Klinik zur Ausbildung und zur Teilnahme an der Krankenpflegeschule überwiesen. Die zuständigen Ärzte sind der Geheime Medizinische Rat, Professor Dr. Rehn und Herr Professor Dr. Schwenkenbecher. Der Vorsitzenden des Frankfurter Schwesternverbandes Frau Oberin von Mässenhausen wird die Schwester zur Betreuung empfohlen.

Margarete Kiehls weiterer Berufsweg war (vgl. ISG A 1102/25.032):

  • 30. Oktober 1914-8. Januar 1919 im Dienst der freiwilligen Krankenpflege im Etappengebiet [unleserlich] Abt. 23.
  • Vom Mai 1921 bis Januar 1922 als Privatschwester im Krankenhaus der israelischen Gemeinde.
  • 26. März bis 2. November 1925 Dienst in der Abteilung für Geisteskranke in der Landes-Heil-u. Erziehungsanstalt Hadamar.
  • 28. Juli 1916 bis 1. Oktober 1926 zur Vertretung auf der Kinderstation im Verein Friedrichsheim e.V. der Orthopädie der Universitätsklinik, unterzeichnet vom damaligen Leiter Professor Ludloff.
  • Ab Januar 1927 war sie, wohl nur kurze Zeit, als Aushilfsschwester im städtischen Krankenhaus Sachsenhausen tätig.

Gesundheitlich war sie wohl angeschlagen.

Emma Haas (1886-1952)

Mit Emma Haas’ Werdegang führe ich über zum Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, die eine eigene Säuglingsabteilung hatten und zum Netzwerk der Säuglingspflege zählten. Emma Haas war die Leiterin der Säuglingsabteilung des Hauses II des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg. Die Angaben zu Emma Haas stammen aus ISG A.54.03/2278 und Gedenkbuch Neu-Isenburg o.J. sowie Mahnkopp 2023.

Eine Abbildung von Emma Haas befindet sich im Gedenkbuch der Stadt Neu-Isenburg.

Emma Haas wurde als Emma Gottlieb am 3. Juli 1886 in Ebernburg geboren. Ihr Ehemann Albert war am 31. Juli 1915 gefallen. Emma Haas kam am 1. August 1924 in das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg. Ihre Tochter Else (1913-1986) lebte ebenfalls dort.

Emma Haas war gelernte Hauswirtschafterin und übte den Beruf der Säuglingspflegerin aus. Sie wurde die Leiterin der Säuglingsabteilung im Haus II. Am 16. März 1942 zog sie wegen der zwangsweisen Auflösung des Heims nach Mainz, vermutlich in eines der „Judenhäuser“ Gonsenheimer Straße 13 oder 15. Von Darmstadt aus wurde sie am 10. Februar 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort war sie vom 22. Februar 1943 bis zum 7. Februar 1945 (vgl. Entschädigungsakte ISG A.54.03/2278) Sie gehörte zu den 1.200 Menschen, die aus Theresienstadt in die Schweiz gerettet werden konnten (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_Himmler%E2%80%93Musy)

Sie emigrierte nach New York, wo sie bei ihrer Tochter Else und deren Familie leben konnte. Verheiratet war Else Haas mit Jack Reinheimer aus Beerfelden.

Gemäß einem Eintrag in der Entschädigungsakte für Emma Haas starb sie Anfang März 1952.

Betty Behrendt (1908-?)

Betty Behrendt kam als Vollwaise mit Kind nach Neu-Isenburg und erhielt eine Ausbildung zur Säuglingspflegerin.

Betty Behrendt wurde am 6. Januar 1908 in Berlin geboren. 19-jährig brachte sie 1927 ihre Tochter Annemarie in Frankfurt a.M. zur Welt. Vermutlich begaben sich beide nach der Geburt in das Heim des Jüdischen Frauenbundes nach Neu-Isenburg. Die Mutter wurde ab 14. April 1929 zur Säuglingspflegerin ausgebildet und weiter bis zum 1. November 1936 beschäftigt. Ob sie einen staatlich anerkannten Abschluss zur Säuglingspflegerin erhielt, ist nicht geklärt. Ende des Jahres 1936 ging sie nach Frankfurt und war dort Haushaltshilfe bei Maendele, Aystettstraße 6. Eine Villa, die Frieda Philippsohn, geb. Rothschild 1939 verkaufen musste. Betty Behrens emigrierte offiziell 1939 nach Belgien wo sie 1942/44, im Untergrund lebend, die NS-Zeit überlebte. Später heiratete sie und hieß nun Betty Mulkens. Über eine Erwähnung von oder einen Kontakt zu ihrer Tochter Annemarie ist nichts überliefert, diese blieb unter der Vormundschaft des Jüdischen Wohlfahrtspflege in Neu-Isenburg und im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. in der Hans-Thoma-Straße 24 (vgl.: Mahnkopp 2023).

Eine Bemerkung zu Frieda Philippson: Frieda Philippsohn war die Schwiegertochter von David Philippsohn, der zu der Gruppe von 23 Holocaustopfern gehört, an die mit der Gedenkstätte der Henry und Emma Budge-Stiftung für ihre ehemaligen BewohnerInnen erinnert wird.

Eine Abbildung von Annemarie Behrendt befindet sich im Gedenkbuch der Stadt Neu-Isenburg.

Luise Rothschild (Liesel) (1917-1944)

Luise Rotschild kam nach Neu-Isenburg, um eine Weiterbildung zur Säuglingspflegerin zu erhalten, vermutlich als Vorbereitung für eine Auswanderung.

Luise Rothschild[1] wurde am 03. Juli 1917 in Karlsruhe geboren. Sie starb im Konzentrationslager Stutthof am 23. August 1944 (vgl. Gedenkbuch Neu-Isenburg und Gedenkbuch für die Karlsruher Juden).

Eine Abbildung von Luise Rothschild befindet sich im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden.

Die Eltern Sally und Fanny und ihr Bruder Max wohnten in der Herrenstraße in Karlsruhe. Im Erdgeschoss betrieben sie ein Kolonialwarengeschäft. Der Vater belieferte neben Privatkunden auch Hotels, Sanatorien und Kinderheime. Nach der Schulzeit in der Volksschule und einer Mädchenrealschule musste sie die Mutter im Geschäft unterstützen, der Vater war 1934 gestorben. Luise wollte Modezeichnerin werden. Sie absolvierte einen Nähkurs, arbeitete in einer Karlsruher Damenschneiderei und ging zu einer privaten Berufsfachschule für Mode, Grafik und Dekoration der Berliner Jüdischen Gemeinde. 1940 brach sie die Ausbildung ab und ging nach Neu-Isenburg, um ein Praktikum als Säuglings- und Kinderpflegerin zu absolvieren, vermutlich wollte sie eine im Ausland gesuchte Berufsausbildung erhalten. Luise entkam durch den Aufenthalt in Neu-Isenburg der Deportation der badischen Juden nach Gurs. Ihre Mutter Fanny Rothschild konnte nach Mexiko und 1944 in die USA entkommen.

Luise war fast ein Jahr in Neu-Isenburg im Heim des Jüdischen Frauenbundes. Etwa im August oder September 1941 verließ sie das Heim. Der letzte Aufenthaltsort war das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Gagernstraße wo sie bis in den Herbst 1942, als Krankenpflegerin arbeitete. Sie wurde am 24. September 1942 über Berlin nach Raasiku in Estland deportiert. Die bis in den Sommer 1944 Überlebenden, zu denen Luise Rothschild gehörte, wurden in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig gebracht, wo sie am 23. August 1944 ermordet wurde (vgl. Gedenkbuch Koblenz und juedische-pflegegeschichte.de)

Institutionen im Fokus

Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg

Bertha Pappenheim (1859-1936) gründete 1904 mit Sidonie Werner (1860-1932) den Jüdischen Frauenbund (vgl. Digitales Deusches Frauenarchiv). 1907 initiierte sie die Gründung des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg.

Im Laufe seines Bestehens entwickelte sich das Heim zur bedeutendsten jüdischen Einrichtung im damaligen Deutschen Reich. Das Haupthaus, Taunusstraße 9, wurde während der Pogromnacht am 10. November 1938 in Brand gesteckt und zerstört. Bis zu seiner Auflösung im März 1942 fanden insgesamt 1.750 Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, junge Mädchen und Frauen im Heim Hilfe und Unterstützung. Im ehemaligen Haus II, einem Erweiterungsbau auf dem früheren Heimgelände, 1914 speziell für Säuglinge und junge Mütter von Bertha Pappenheim eröffnet, befindet sich heute die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, Leben und Werk Bertha Pappenheims zu dokumentieren sowie auch die Geschichte des früheren Heims und seiner ehemaligen Bewohner.

Bertha Pappenheim Haus

Das Haus II, seit 1911 geplant, wurde am 29. März 1914 eröffnet. In der Zeppelinstraße 10 war das „Haus für Schwangere, Mütter, Säuglinge und Kleinkinder“ entstanden. Im gleichen Jahr, zu Kriegsbeginn, wurde das Haus I in der Taunusstraße 9 der Stadt Neu-Isenburg als Lazarett zur Verfügung gestellt und die Bewohner zogen ins Haus II. Nach einigen Monaten konnten die Kinder wieder einziehen (vgl. Heubach 1986: 49.

Nach dem Wiedereinzug berichtet Bertha Pappenheim im Jahresbericht 1914/1915. Es sind:

76 Neuaufnahmen zu verzeichnen: 36 Erziehungsfälle, 22 Mütter mit ihren Säuglingen und 18 Kinder die z.T. vorübergehend bei uns Aufnahme fanden den jugendlichen Müttern wurde in den meisten Fällen vor und nach der Entbindung Schutz und Aufenthalt gewährt. Vor der Entbindung sind es vorwiegend hygienische und erzieherische Gründe, die die Aufnahme der Schwangeren rechtfertigen. Nach der Niederkunft, die im Städt. Krankenhaus in Frankfurt stattfindet, kehrt die Mutter mit ihrem Kinde in’s Heim zurück, um den Säugling seine natürliche Nahrung zu gewährleisten, dessen richtige Pflege und Wartung zu erlernen, und Mut und Lust zu ehrbarer Arbeit und selbständigem Erwerb unter sachkundiger Leitung zu gewinnen.

Heubach 1994: 56

Ebenfalls im Bericht zu 1914/15 schreibt Pappenheim über die Aufgabenverteilung im Heim. Für Haus I und II ist die Hausmutter Frl. Katz zuständig, die Aufsicht im Haus II hat Frl. Cahn. Für die „Anforderungen und Vorschriften in der Säuglingspflege fachgemäß zu entsprechen“ sei im Haus II seit einigen Monaten eine geprüfte Krankenschwester beschäftigt, vermutlich die Stelle, die ab 1924 dann Emma Haas innehaben sollte. Es handelte sich um Emma Lewin, die die Leiterin des Säuglings- und Kleinkinderhauses von 1915 bis 1924 war. Sie wirkte „liebevoll besorgt für jedes einzelne der Kleinen, treu und angestrengt bei Tag und Nacht einem Dienst hingegeben, dem ihre Kraft endlich nicht mehr gewachsen war, so daß wir sie unter Bezug einer kleinen Pension in leichtere Arbeit eintreten sehen mußten.“ (Heubach 1994: 70).

Pappenheim weist auf Kontakte zum Frauenseminar für soziale Berufsarbeit (vgl. Bönisch 2024b) in Frankfurt hin, die einige ihrer Schülerinnen zur pflegerischen Ausbildung nach Neu-Isenburg überwiesen. Bereits die vierte Schülerin wurde zu diesem Zeitpunkt in Kinder- und Säuglingspflege ausgebildet (vgl. Heubauch 1994: 56).

Schon im Rückblick über die Jahre 1907 bis 1917 bemerkte Bertha Pappenheim:

Diejenigen, die bei den Säuglingen und Kleinkindern beschäftigt werden, erhalten Kurse in den Grundlagen der Erziehungslehre. Bei Eignung kann eine Ausbildung in Frankfurt als Kinderpflegerin durchgeführt werden. Die meisten, die das Heim verlassen, verdienen ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte. Die Heimkommission vermittelt entsprechende Stellen in zuverlässigen jüdischen Familien.

Heubach 1986: 39

In einem Rückblick auf die Jahre 1914-1924 schreibt Pappenheim (vgl. Heubach 1994: 62) über die Schwierigkeiten, ein Haus wie das Haus II zu etablieren: „‚Es gibt in der jüdischen Gemeinschaft keine entgleisten Elemente‘ hieß es damals, und sich mit ‚solchen Personen‘ beschäftigen, sie nicht ignorieren, ihnen sogar menschlich freundlich begegnen, kommt einer ‚Sanktion, einer Förderung des Lasters gleich‘“ (zitiert nach Heubach 1994: 61)

Froh berichtet Pappenheim, dass die Entbindungen heute (1924) durch die Zusammenarbeit mit dem jüdischen und mit dem städtischen Krankenhaus in Frankfurt a.M. geregelt seien. Seit Kurzem stünde auch das Isenburger Krankenauto Tag und Nacht zur Verfügung.

Den Säuglingen trachten wir, tunlichst lang die Muttermilch zu erhalten. Die meist schönen Zähnchen und geraden Beinchen der Laufkinder und Vorschulpflichtigen beweisen, die richtige Zusammensetzung ihrer Nahrung, den günstigen Einfluß der Waldluft und die gute Wirkung der Höhensonne, für die wir der Welthilfskonferenz unendlich dankbar sind.

Heubach 1994: 75

Bedauernd berichtet Pappenheim für 1924, dass Isenburg „trotz seiner Fülle von Lehrstoff und Lehrmittel nicht mehr Ausbildungsstätte ist.“ In Isenburg könne nur praktische Ausbildung, aber keine theoretische Belehrung stattfinden, so gäbe es keine staatlich anerkannten Abschlussprüfungen. Weitere Gründe seien wohl auch, dass die jungen Mädchen sich nicht für ein Lehrjahr binden möchten, der Dienst zu schwer sei. Und im Fall der Nichtstipendiatinnen möchten sie die Selbstkosten der Verpflegung nicht tragen. Dem Heim selbst sei es nicht möglich, über längere Zeit Gäste zu beherbergen (vgl. Heubach 1994: 76f.).

In ihrem Artikel „Ausbildung von Schülerinnen im Isenburger Heim“ von 1934 schreibt Gertrud Ehrenwerth (Ehrenwert 1934), dass in Isenburg immer auch Schülerinnen aufgenommen worden seien, die auch eine Berufsausbildung machen wollten. Dies betraf auf alle Bereiche der Kinderpflege und -erziehung zu, wie auch der Hauswirtschaft und Wirtschaftsführung. Dennoch wurden diese Möglichkeiten bis 1933 nicht ganz so genutzt, wie es möglich gewesen wäre. Es gab Alternativen für sie: allgemeine Bildungsstätten und Fachseminare, soziale und pädagogische Frauenschulen. Und es gab die Möglichkeit, Ausbildungen mit einer staatlichen Prüfung abzuschließen. Einige Schülerinnen kamen, um ein Praktikum in Isenburg zu machen, darunter Sozialbeamtinnen, Lehrerinnen und Hauspflegerinnen. Ab 1933 kamen ganz unterschiedliche Schülerinnen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Vorbildung und mit verschiedensten Wünschen und Zielen. Junge Zionistinnen für die Anerkennung als Hachscharah. Schülerinnen des Würzburger Lehrerseminars und des Berliner Kindergärtnerinnenseminars, angehende Haushaltspflegerinnen. Besonderen Zulauf hatte die Ausbildung zur Säuglingspflegerin als Berufswunsch oder als Nutzen für die eigene Familie gehabt. Im Heim habe man sich entschlossen seit Ostern 1934(?) einen Kursus zur Ausbildung von Säuglingspflegerinnen zu beginnen, der ein Jahr dauern und mit einem Hausexamen abschließen sollte.

Einen kleinen Einblick in das Leben der Schülerinnen gibt Ehrenwerths Artikel ebenso. Für alle Schülerinnen galt, dass sie Berufsschulunterricht von einem Lehrer im Haus in Rechnen, Deutsch und Bürgerkunde erhielten. Hauswirtschaftskunde und Ernährungslehre wurden gelehrt. Es gab einen Singabend mit den Heimkindern. Samstags gab es ein Beisammensein inklusive der Aussprache über Ereignisse der Woche. Sprachunterricht war in Frankfurt möglich. Die Schülerinnen des neuen Säuglingspflegeinnenkursus erhielten zusätzlich ihren fachärztlichen Unterricht in Kinderpsychologie, Erziehungslehre und Beschäftigungslehr (vgl. Ehrenwert in Heubach 1994: 133f.).

Das 1914 eröffnete Haus II für „Schwangere und junge Mütter, Säuglinge und Kleinkinder“ in der Zeppelinstr. 10 besteht noch heute und beheimatet die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim.

Eine Abbildung des Hauses in der Zeppelnstr. 10 ist auf der Homepage der Gedenkstätte zu sehen.

Annie-Stiftung (Städtische Klinik, Unversitäts-Kinderklinik)

Im Antrag auf Fortsetzung der Anerkennung des Böttgerheims als Ausbildungsschule für Säuglingspflegerinnen von 1923, siehe Kapitel „Antrag des Böttgerheims auf staatliche Anerkennung“, weist Dr. Paul Grosser auf die Kooperation zwischen Böttgerheim und Universitäts-Kinderklinik und deren Anerkennung als staatlich anerkannte Säuglingspflegeschule hin:

Zur Ermöglichung einer Ausbildung auch in denjenigen Krankheiten, deren Kenntnis im Kinderheim Böttgerstraße nicht ermöglicht werden kann, ist als Ergänzungsanstalt die Universitäts-Kinderklinik des städt. Krankenhauses vorgesehen, in der die Schülerinnen ½ Jahr im Verlauf ihrer Ausbildungszeit ausschliesslich beschäftig werden, und die auch ihrerseits bisher als Säuglingspflegeschule anerkannt war und auf Grund des Erlasses vom 30.II.1923 einen entsprechenden Antrag bereits gestellt hat. Die Möglichkeit zur Unterbringung sämtlicher Schülerinnen ist sowohl im Kinderheim Böttgerstrasse wie in der Universitäts-Kinderklinik sichergestellt.

ISG A.51.01 1134: 156

Die Universitäts-Kinderklinik hatte einen Vorläufer. Otto Braunfels stiftete 1904 die Annie-Stiftung. Annie war seine Stieftochter, die mit 10 Jahren starb. Die Stiftung betrug zunächst 150.000 Mark und später nochmals 65.000 Mark, damit konnte der Bau eines Kinderkrankenhauses („Annie-Stiftung“) finanziert werden. Dieses „Annie-Heim“ wurde am 9. Juli 1908 eröffnet und 1914 als Medizinische Klinik der Universität angegliedert (vgl. Hock 1994).

Otto Braunfels (1841-1917) war Geheimer Kommerzienrat, Kaufmann, Politiker und Philanthrop. Nach einer kaufmännischen Ausbildung in einer Brillanten-Firma in Paris gründete er für diese Firma eine Filiale in New York und kam als reicher Mann 1871 zurück nach Frankfurt und arbeitete im Bankhaus Jakob H.S. Stern. Er war Mitglied der Nationalliberalen Partei, Stadtverordneter in Frankfurt und Abgeordneter im Nassauischen Kommunallandtag.

Geboren wurde er am 9. September 1841 als Jesajas Otto Hochstäder, Sohn des Lehrers am Philantropin Jesaias Hochstädter (1805-1865) und Fanny, geb. Schreyer (1806-1865), beide Eltern waren jüdischen Glaubens. Der Vater starb vor der Geburt des Kindes. Seine Mutter heiratet 1852 Ludwig Braunfels, der Otto Braunfels 1861 adoptierte.

Ludwig Braunfels war einer der bedeutenden Unterstützer der Universitätsgründung von 1914. Er wohnte mit seiner Frau Ida, geb. Spohr (1846-1918) im Frankfurter Westend in der Villa Kissel (vgl.Wikipedia, Otto Braunfels).

Der Stiefvater war 1835 vom Judentum zum Protestantismus übergetreten (vgl. Hock 1994b). So handelte auch Otto Braunfels (vermutlich zur Zeit der Adoption 1861).

Im Südwesten der Anlage des städtischen Krankenhauses gab es ein 2.500 qm großes Grundstück mit Garten und Spielplatz, in welchem die Klinik lag. Es sollte 80 Kinder im Alter vom 1. Lebenstag bis zu 14 Jahren, die an einer inneren Krankheit litten, aufnehmen (vgl. Metttenheimer 1909). Infektionsfälle (Scharlach, Masern, Keuchhusten, Diphtherie, Wasserblattern), wie auch Haut- und Geschlechtskrankheiten wurden nicht aufgenommen. 6 der 7 Krankensäle waren Richtung Licht, nach Süden, ausgerichtet. Neben dem Kellergeschoss gab es ein Erd-, ein Ober und ein Dachgeschoss. Alle ähnlich aufgebaut, hier die Ansicht des Dachgeschosses mit dem Raum für die Ammen und das Erdgeschoss mit der Besonderheit des Hörsaals.

Abbildung: Dachgeschoss des Hauses der Annie-Stiftung, aus: Mettenheimer 1909
Erdgeschoss des Hauses der Annie-Stiftung,
aus: Mettenheimer 1909
Abbildung: Ergeschoss des Hauses der Annie-Stiftung, aus: Mettenheimer 1909
Dachgeschoss des Hauses der Annie-Stiftung,
aus: Mettenheimer 1909

Für die stationäre Versorgung von Säuglingen Standen 55 Betten zur Verfügung. Diese befanden sich im Obergeschoß der Kinderklinik. Die Aufteilung der Räume entsprach den neuesten Erkenntnissen der Krankenhaushygiene. Die Säuglingsbetten waren durch Scherwände voneinander getrennt, große Fenster sorgten für ausreichend Licht und Luft. Sämtliche Gegenstände, die für die Versorgung der Säuglinge benutzt wurden, wurden für jedes Kind getrennt aufbewahrt. Ein kleiner Raum diente als Wärmekammer für die Unterbringung von drei bis vier Frühgeborenen. Im Dachgeschoss befand sich ein Schlafraum für Ammen.

Thomann-Honscha 1988: 150
Abbildung: Haupteingang. Nordwestansicht, um 1909, aus Mettenheimer 1909
Haupteingang. Nordwestansicht um 1909,
aus Mettenheimer 1909
Abbildung: Säuglingssaal um 1909, aus Mettenheimer 1909
Säuglingssaal um 1909, aus Mettenheimer 1909

Bis 1914 hatte die städtische Kinderklinik einen Chefarzt, einen Oberarzt und drei Assistenzärzte (vgl.: Lechner 1988: 37). Ob zu dieser Zeit (1909) eine Ausbildung von Säuglingsschwestern in der Kinderklinik stattfand, ist mir nicht bekannt. Möglicherweise hatte man wie in der Christ’schen Kinderklinik Verträge mit Diakonissen abgeschlossen. Auf den Pflegedienst im Kinderkrankenhaus gibt es leider nur folgenden Hinweis:

Leider fehlen, selbst für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, Zahlen über die Ausstattung des Pflege- und medizinisch-technischen Dienstes. Ersteres liegt daran, daß die Universitätskliniken der Stadt Frankfurt am Main pflegerisch von einem selbstständigen Schwesternverband versorg wurden. Er löste sich später auf. Seine Unterlagen waren, trotz vielfältiger Bemühungen, nicht aufzufinden.

Lechner 1988: 106

Einen weiteren Hinweis auf das Pflegepersonal und dessen Organisation gibt es oben unter Kapitel 4.4 zur Schwester Margarete Kiehl. Sie war der Betreuung von Frau Oberin von Mässenhausen vom Frankfurter Schwesternverband für die Zeit ihrer Ausbildung im städtischen Krankenhaus im Jahr 1913 anempfohlen worden.

Eventuell konnte es auch ein Schwesternverband sein, wie ihn die Oberin Trömper leitete, die bei der Gründung des Kinderheim e.V. zum Beirat gehörte (vgl. Bönisch 2924d). Frau Bertha Trömper leitete den Bertha Verein, der Schwestern ausbildete, die dann an anderen Orten zum Einsatz kamen.

Abbildung: Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023,
© Edgar Bönisch
Abbildung: Das haus der Annie-Stiftung mit Schjriftzug über der Eingangstür im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Das Haus der Annie-Stiftung, Schriftzug über der Eingangstür im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Abbildung: Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023, © Edgar Bönisch

Das Haus der Annie-Stiftung besteht auch heute (2023) noch. Darin befindet sich die Kita der Uni-Strolche. Im November 2023 öffnet ein Childhood-Haus, ein Haus der Childhood-Initiative zum Schutz von Kindern vor Gewalt.

Selbst während des Zweiten Weltkriegs gab es weitere Vernetzungen. Das Schwesternheim des Vereins Jüdischer Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main in der Bornheimer Landwehr 85 war zwangsgeräumt worden und als „Ausweichsquartier“ der Universitäts-Kinderklinik genutzt worden. „Das Kinderspital wurde in das vom Magistrat der Stadt Frankfurt ‚erworbene‘ ehemalige jüdische Schwesternheim verlegt“ (Benzenhöfer 2014: 141f.) Die städtische Freigabe für die Belegung erfolgte im Oktober 1940 und wurde ab da auch genutzt (vgl. Lechner 1988: 70).

Im ehemaligen Schwesternheim gab es 100 Kinderbetten für die Versorgung der PatientenInnen. Im ehemaligen Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Gagernstraße 36 wurden die Krankenschwestern untergebracht.

Zerstört wurde das Haus in der Bornheimer Landwehr 85 während eines Luftangriffs am 6. Oktober 1944. Es starben 112 Menschen, Personal und Kinder, 26 Kinder konnten gerettet werden (vgl. Lechner 1988: 70).

Das Böttgerheim des Kinderheim e.V.

Das Böttgerheim und seine Schwesternschule ist bereits an anderem Ort ausführlich vorgestellt worden (Bönisch 2023a, 2023b, 2023d). Dass dort viele Fäden der Ausbildung zusammenliefen, ist aus den weiter oben zitierten Jahresberichten ersichtlich sowohl für die Zeit des Heims durch den Kinderheim e.V. als auch nach dem Wechsel zur Verantwortlichkeit durch die Stadt ab 1920.

1920 war ein Jahr der Veränderungen, es gab die neuen Gesetze, es gab den neuen Leiter Dr. Paul Grosser. Über die Krankenschwestern wissen wir nicht viel, einiges wurde in diesem Artikel zusammengetragen.

Ein Auszug aus dem XI. Jahresbericht für 1912 berichtet zur Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims:

Im Verpflegungsdienst beschäftigen wir durchschnittlich 6 Pflegeschwestern und 8 Schülerinnen. Die Pflegeschwestern sind in der Regel in unserer Anstalt ausgebildet und geprüft. Prüfungen fanden im Mai und Oktober des Berichtsjahres statt und verliefen mit gutem Resultat. Haben die Schülerinnen die Prüfung bestanden, so bleiben sie meist als Probeschwestern in unserer Anstalt und können nach Absolvierung eines halbjährigen Kursus in einem Krankenhaus, sich zum Staatsexamen melden. Hierzu haben wir laut Erlaß des Königl. Ministeriums des Innern vom 29. Juli 1912 die Konzession erhalten. Das hiesige städtische Krankenhaus hat sich darauf bereit erklärt, die Pflegeschwestern, die bei uns 1 ½ Jahre beschäftigt waren zu den verlangten halbjährigen Kusus zuzulassen und in dankenswerter Weise hat uns die Anstaltsdeputation zugesagt, von unseren Pflegerinnen keine Verpflegungskosten zu erheben. Es ist also unseren Schülerinnen die Möglichkeit geboten, nach der vorgeschriebenen Zeit von zwei Jahren das Staatsexamen abzulegen und dann nicht nur Kinderpflege, sondern auch Krankenpflege, als staatlich geprüfte Krankenpflegerin auszuüben.

ISG V 568 Kinderheim. XI. Jahresbericht für das Jahr 1912

Jüdischer Krankenpflegerinnen Verein zu Frankfurt am Main

Die Schwestern des „Vereins für jüdische Krankenschwestern zu Frankfurt am Main“ tauchen in diesem Artikel an der einen oder anderen Stelle im Zusammenhang mit der Säuglingspflege auf. Zum Thema „Die Kinder- und Säuglingspflege im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main in der Gagernstraße 36“ wird ein eigener Artikel auf www.juedische-pflegegeschichte.de erscheinen.

Quellen

Archivalien

ISG – Institut für Stadtgeschichte

Anthes, Helene: A.11.02, Nr. 23.896, 32.662, 80.948, 135.508 und 140.630

Kiehl, Margarete: A.11.02, Nr. 25.032

Lippert, Elisabeth (geb. am 26.09.1865): ISG A.11.02. /935 und 936

Lippert, Marie [= Maria bzw. Maria Louise] (geb. am 29.06.1867): ISG A.11.02 59622, A.11.02 46406 und Magistratsakte A.02.01, Nr. V-568

Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568

Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568, Jahresbericht 1913

Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906

Stiftungsabteilung Verein Kinderheim Böttgerstr. 22, A.30.02, Nr. 250

Haas, Emma: A.54.03 Nr. 2278

Hirsch, Alice: ISG HB 686: 89

Kinderheim Böttgerstr.: V 658: 156 – 1923

HHStAW – Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden

Behrendt, Betty: 518, 77061 und 519/3 22.279

Hirsch, Alice: Abt. 518 Nr. 15852 und 519/3 Nr. 27.914

Gedruckte Quellen und Online-Artikel

Benzenhöfer, Udo 2013: Das Städtische Krankenhaus in Frankfurt am Main von 1884 bis zur Eröffnung des Universitätsklinikums 1914. Münster / Ulm

Benzenhöfer, Udo 2014: Universitätsmedizin in Frankfurt am Main von 1914 bis 2014. Münster. Online: https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/57591 (23.08.2023)

Bönisch, Edgar 2015: Jüdische Pflege in Heidelberg https://www.juedische-pflegegeschichte.de/juedische-pflege-in-heidelberg/ (20.09.2023)

Bönisch, Edgar 2021: Die Schwesternschülerinnen des Frankfurter Vereins, 1903-1913

Bönisch, Edgar 2024a: Die überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße (Böttgerheim), eine Stiftung der Familie Gans, Frankfurt am Main (in Vorbereitung)

Bönisch, Edgar 2024b: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/die-pflegeschule-fuer-saeuglingsschwestern-im-boettgerheim/ (18.09.2023)

Bönisch, Edgar 2024c: Ausbildung zur Säuglingskrankenschwester nach der staatlichen Anerkennung des Berufs 1917. Der Ministerialerlass vom 31. März 1917 – M. 3626/16 – Vorschriften über die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen

Bönisch, Edgar 2024d: Die staatlich anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern. Eine Einrichtung des Böttgerheims

Bönisch, Edgar 2024e: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege

Eckhardt, Hanna/Eckhardt, Dieter 2014: Das „Frauenseminar für soziale Berufsarbeit“. Die „Wohlfahrtsschule für Hessen-Nassau und Hessen“ 1913-1933, in: Der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main: „Warum nur Frauen?“ 100 Jahre Ausbildung für soziale Berufe, Frankfurt am Main

Ehrenwert, Gertrud 1934: Die Ausbildung von Schülerinnen im Isenburger Heim, in: Heubach 1994: 132-135

Eickemeyer, Dorothea 2015: Neue Berufe in der Säuglingsfürsorge. Die Säuglingspflegerin und Säuglingskrankenpflegerin 1898-1930. In: Gudrun Loster-Schneider, Maria Häusl, Stefan Horlacher, Susanne Schötz, Hg., GenderGraduateProjects I – Geschlecht, Fürsorge, Risiko. Leipzig, 39-55 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-848599 (05.06.2023)

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Schlossmann, Arthur 1917: Öffentliches Gesundheitswesen. Die staatliche geprüfte Säuglingspflegerin. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 14. Juni 1917, Nr. 24. https://zenodo.org/record/2492263/files/article.pdf (05.06.2023)

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Seemann, Birgit 2021: „Deine Dir gute Obeli“ – Frankfurter jüdische Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/deine-dir-gute-obeli-frankfurter-juedische-krankenschwestern-in-der-kinder-und-saeuglingspflege/ (18.09.2023)

Seemann, Birgit 2023: In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen
der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick.
https://www.juedische-pflegegeschichte.de/in-allen-stadien-der-schutzbeduerftigkeit-institutionender-juedischen-kinder-und-saeuglingspflege-infrankfurt-am-main-ein-historischer-ueberblick/

Seemann, Birgit / Bönisch, Edgar: Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung, Frankfurt am Main

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Trost und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland, Frankfurt am Main

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M., Manuskript, Frankfurt am Main

Tugendreich, Gustav 1910: Die Mutter- und Säuglingsfürsorge, Stuttgart

Abbildung 1: Professor Dr. Arthur Schlossmann, Direktor der Klinik für Kinderheilkunde, 1907. Aus: Rhein und Düssel (No. 30), vom 28. Juli 1907, S. 3 ULB Düsseldorf http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ulbdzd/periodical/pageview/9174329

Die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen – Der Ministerialerlass vom 31. März 1917

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Situation vor 1917

Für die Ausbildung und Prüfung von Säuglingskrankenpflegerinnen bestehen im Deutsche Reich, außer in den Großherzogtümern Hessen und Sachsen-Weimar, wie auch in der Freien und Hansestadt Hamburg, keine speziellen gesetzlichen Bestimmungen.

Langstein 1915: 14

In Preußen galten vor 1917 die Vorschriften zur staatlichen Prüfung von Krankenpflegepersonen, erlassen am 10. Mai 1907 durch den Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten (Ministerial-Blatt für Medizinal-Angelegenheiten 1907: 185 und die Ausführungsanweisung vom 1. Mai 1907 siehe Ministerial-Blatt F. Medizinal-Angelegenheiten: 192, vgl. Langstein 1915: 4). Darunter fiel auch Frankfurt, das seit 1866 zu Preußen und seit 1868 zu dessen Bezirk Hessen-Nassau gehörte.

Aus den Vorschriften für Krankenpflegepersonal folgte, dass jede Krankenpflegerin sich auch als Säuglingskrankenpflegerin betätigen durfte. Pflegerinnen, die sich in privaten Familien mit Säuglingen beschäftigten, benötigten keinerlei Ausbildung:

Dieser Zustand ist mit Rücksicht auf die hohe Bedeutung der Säuglingspflege für das Volkswohl in einsichtigen Kreisen schon seit Jahren nicht nur als unzweckmäßig, sondern sogar als äußerst bedenklich empfunden worden, weil er jedermann, auch den ungeeignetsten Persönlichkeiten, den Zutritt zum Kinderzimmer gestattet.

(Langstein 1915: 14)

Auf Initiative aus dem Berliner „Auguste Victoria Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich“ trafen sich 1912 verschiedene Leiter von deutschen Säuglingspflegeanstalten in Preußen, um „Grundsätze für die einheitliche Ausbildung des Säuglingspflegepersonals für ‚Anstalten und Familien‘“ (Langstein 1915: 15) zu erstellen. Es sollten also zu den bestehenden Regelungen für Krankenpflegepersonal spezielle Bestimmung für den Säuglingspflegebereich geschaffen werden. Die eingesetzte Arbeitskommission beschäftigte sich insbesondere mit der Unterscheidung zwischen:

a) Säuglingskrankenpflegerinnen, die in Säuglingsheil- und Säuglingspflegeanstalten und der offenen Säuglingsfürsorge eingesetzt werden sollten, und:

b) Säuglingspflegerinnen, die die Pflege in den Familien übernehmen sollten.

In den dazu verfassten Leitsätzen heißt es, dass die Anforderungen, die an die Pflegerin kranker Säuglinge gestellt werden ungleich größer sind als diejenigen, die eine Pflegerin des gesunden Kindes in einer Familie zu erfüllen hat. Für die Säuglingskrankenpflegerin sah man entsprechend eine Ausbildung von 2 Jahren vor, von denen mindestens ein Jahr in der Säuglings- und Kinderpflege verbracht werden sollte. Für den Abschluss mit Diplom war eine Prüfung an einer staatlich anerkannten Anstalt vorgesehen, eine zusätzliche Ausbildung als allgemeine Krankenpflegerin war ebenso empfohlen. Ausbildungsorte und Prüfungsorte sollten nur Säuglingsheime, Kinderkrankenhäuser oder Kinderabteilungen sein, die nach den neuesten Fortschritten der Wissenschaft betrieben würden und einem Fachmann, einem Kinderarzt, unterstünden. Beschäftigungszeiten in der praktischen Säuglingspflege ohne Ausbildung sollten nicht als Ausbildungszeit anerkannt werden.

Die Säuglingspflegerin im Gegensatz zur -krankenpflegerin sollte mindestens ein halbes Jahr in den beschriebenen Anstalten ausgebildet werden. Sie wird ebenso geprüft und erhält ebenfalls ein Diplom.

Für die Ausarbeitung von Lehrplänen soll eine Kommission eingesetzt werden.

An dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden Überlegungen zu dem Beruf der Wärterin, eine Art Assistentin der Pflegerin, und die sich entwickelnden Berufe der Säuglingsfürsorgerin oder Säuglingsfürsorgeschwester (vgl. Langstein 1915: 17 und Konferenz zur Beratung von Grundsätzen, betreffend die einheitliche Ausbildung der Säuglingspflegerinnen: Stenographischer Bericht, Berlin 1912. Zitiert nach Fehlemann 2004: 252).

Leo Langstein (1876-1933) lässt seinem Text über den Beruf der Säuglingspflegerin (Langstein: 1915) einer Aufzählung von Pflegerinnenschulen Deutschlands zum Zeitpunkt des Erscheinens, 1915, folgen. In der Aufzählung ist auch das Böttgerheim in Frankfurt aufgelistet, das zu denjenigen gehört, die weitestgehend nach den oben genannten Grundsätzen arbeiten. Bewusst lässt er in seiner Liste Krankenanstalten weg, die auch Säuglingspflege lehren und auch Tageskrippen und Einrichtungen der offenen Säuglingsfürsorge, dort sieht er nicht die Möglichkeit einer gründlichen Ausbildung, es fehlt an der fortlaufenden Beobachtung und Pflege des Säuglings während Tag und Nacht. Für das Böttgerheim nennt er dann folgende Merkmale der Ausbildung:

Kinderheim, Frankfurt a. M., Böttgerstr. 22.

1. Säuglingspflegerinnen. Aufnahmebedingungen: Alter 20-30 Jahre, Gesundheitsattest und Untersuchung durch Anstaltsarzt, höhere Schulbildung. Lehrgang: Theoretischer und praktischer Unterricht erfolgt durch Arzt und Schwester beim gesunden und kranken Kinde bis zu 3 Jahren, und der Milchküche und Säuglingsfürsorgestelle. Dauer 1 Jahr. Mündliche und praktische Prüfung, Zeugnis. Kosten: In den ersten 6 Monaten 30 M. monatlich für Wohnung, Beköstigung und Wäsche; beim Abgang zu errichten. Das Kostgeld wird zur Hälfte erlassen, wenn das Ausbildungsjahr vollendet wird. Bleibt die Pflegerin nach Vollendung des Jahreskursus noch ein weiteres Halbjahr im Dienste der Anstalt, dann wird das fällige Kostgeld ganz erlassen und außerdem ein monatliches Taschengeld von 15 M. gewährt.

Bemerkung: Die staatliche Anerkennung als geprüfte Krankenpflegerin kann im Anschluß an den Kursus durch Absolvierung eines halbjährigen Kursus im Städtischen Krankenhaus in Frankfurt a. M. und Prüfung erworben werden.

2. Mutterschulkurs, 3 Monate lang. 2 theoretische Stunden wöchentlich. Kosten: 40 M. Nach Ablegung der Prüfung Erlaubnis zur praktischen Arbeit in der Anstalt (1-3 Monate).

Meldungen und Anfragen: Anstaltsleitung. Prospekt zur Verfügung.

(Langstein 1915: 26)

Gesetz von 1917, Kritik und Erweiterungen

Säugling zu sein, ist in unserer Zeit eine Lust.

Schlossmann 1917

Eine erstmals einheitliche Ausbildung für Säuglingspflege wurde in Deutschland 1917 geregelt. Sie bedeutete jedoch einen Rückschritt gegenüber der bisherigen Entwicklung, insofern als nicht zwischen Säuglingskrankenpflege und Säuglingspflege unterschieden wurde.

In einem Artikel in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (Nr. 24, 14. Juni 1917) fasst Arthur Schlossmann das Gesetz von 1917 zusammen und stellt die seiner Meinung nach kritischen Punkte heraus.

Der Kinderarzt Arthur Schlossmann (1867-1932) hatte in Freiburg, Leipzig, Breslau und München studiert und nach einer Assistenz am Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhaus in Berlin sich 1893 in Dresden als Kinderarzt niedergelassen. In den Räumen seiner Praxis führte er eine Poliklinik für Kinder und Säuglinge und wurde zum Mitbegründer und Leiter der Dresdner Kinderklinik einschließlich Säuglingsheim. Seit 1899 stand dort auch eine Schule für Säuglingspflegerinnen zur Verfügung. (Weitere Informationen in: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main (Bönisch 2024).

Abbildung 1: Professor Dr. Arthur Schlossmann, Direktor der Klinik für Kinderheilkunde, 1907. Aus: Rhein und Düssel (No. 30), vom 28. Juli 1907, S. 3 ULB Düsseldorf http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ulbdzd/periodical/pageview/9174329
Abb. 1: Professor Dr. Arthur Schlossmann, Direktor der Klinik für Kinderheilkunde, 1907. Aus: Rhein und Düssel (No. 30), vom 28. Juli 1907, S. 3, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ulbdzd/periodical/pageview/9174329

Schlossmann schreibt:

Säugling zu sein, ist in unserer Zeit eine Lust. Was auf dem Verordnungswege möglich ist, geschieht, um dem jungen Weltbürger sein Leben lebenswert zu machen und um ihm alle Steine des Anstoßes aus der Wiege zu räumen. Als Neustes auf diesem Gebiet der säuglingsfreundlichen Neuorientierung tritt jetzt die staatlich geprüfte Säuglingspflegerin in Erscheinung. Durch Ministerialerlaß vom 31. März 1917 – M. 3626/16 – sind Vorschriften über die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen, eine Ausführungsanweisung hierzu und ein Plan für die Ausbildung in der Säuglings-und Kleinkinderpflege bekanntgegeben worden.

Schlossmann 1917

Den Grund dafür, dass man sich in einer Zeit „da eigentlich die ganze ärztliche Tätigkeit direkt oder indirekt von Mars regiert wird […]“ also mit dem Krieg beschäftigt ist, um einen solchen Erlass bemühe, sieht Schlossmann darin, dass solche Erlasse bereits in den Großherzogtümern Hessen, und Sachsen -Weimar und in der Freien und Hansestadt Hamburg bestünden und eine allgemeine Regelung notwendig sei.

Schlossmann fasst die wichtigsten Vorschriften des Erlasses zusammen:

Die staatliche Anerkennung als Säuglingspflegeschulen sollen in jedem Regierungsbezirk, gewisse Säuglingsheime, Kinderkrankenhäuser oder ähnliche Anstalten erhalten, die über eine größere Anzahl von Betten für Säuglinge und Kleinkinder verfügten und eine Einrichtung hätten, die die Gewähr für eine „gediegene“ Ausbildung böten, die Leitung müssten „tüchtige“ Kinderärzte sein.

Die Ausbildung der Säuglingspflegerin solle ein Jahr dauern, die aufgeteilt sein sollte in einem halben Jahr zunächst in bestehenden Krankenpflegeschulen und darauffolgend einer Unterweisung in der eigentlichen Säuglings- und Kleinkinderpflege in einer der neuen Säuglingspflegeschulen. Prüfungen solle es 2mal jährlich geben, im März und September. Mindestens einer der drei Ärzte des Prüfungsausschusses solle ein Kinderarzt sein. Für die Zulassung müsse man 21 Jahre alt sein und einen Volksschulabschluss besitzen. Theoriestunden solle es 200 geben, mindestens die Hälfte davon in Säuglings- und Kleinkinderpflege. Bereits ausgebildete Hebammen (Ausbildung über neun Monaten in einer deutschen Hebammenlehranstalt), könnten die Prüfung nach Ablegung eines zusammenhängenden Lehrgangs von drei Monaten in einer staatlichen oder staatlich anerkannten Säuglingspflegeschule machen.

Nun beginnt er seine Kritik, die hier etwas ausführlicher wiedergegeben wird, sie zeigt die Situation in der Säuglings- und Kinderpflege der Zeit. Zunächst stellt Schlossmann fest, dass hier Säuglingskrankenpflegerinnen angesprochen seien und nicht Säuglingspflegerinnen. Er vermutet, dass „manche staatlich geprüfte Säuglingspflegerin unter Umständen überaus überrascht und erstaunt sein wird, wenn sie in ihrer späteren Tätigkeit das erste Mal wirklich ein gesundes Kind zu sehen bekommt.“ (Schlossmann 1917) Er bemängelt, dass der Ausbildungsplan weder die Pflege eines gesunden Säuglings, noch eine Entbindungsstation einer Säuglingsabteilung berücksichtige. Weiter verweist Schlossmann auf das Fehlen von Einblicken in die Infektionsabteilungen, besonders da die Säuglingspflegerin gleichzeitig geprüfte Kleinkinderpflegerin sei. Sie würde zwar geprüft im Wissen über Kleinkinderkrankheiten und Pflege von übertragbaren Krankheiten, doch fehle ihr der praktische Kontakt z. B. zu an Masern oder Diphterie Erkrankten. „Früher gab es eine sogenannte Säuglings- und Kinderpflegerin, die von diesen Dingen keine Ahnung hatte; auch in Zukunft wird es so sein, nur daß jetzt die geprüfte Säuglingspflegerin ein staatliches Zeugnis in der Hand hat. Und das ist das Bedenkliche!“ (Schlossmann 1917)

Schlossmann kritisiert weiter, dass die Ausbildung in zwei unterschiedlichen Anstalten stattfinden sollte, so dass die Auszubildenden mit einem unterschiedlichen Wissensstand zusammenkämen. Die Festlegung auf zwei Prüfungstermine pro Jahr sieht er ebenfalls kritisch. In Dresden, wo er die Pflegerinnenschule leitet, kommen jeden Monat zwei bis drei neue Schülerinnen, die je eine jeweils einer ausgebildeten Schwester zugeordnet werden. Sie lassen sich gut in den Alltagsbetrieb eingliedern und ein kontinuierlicher Betrieb ist möglich. Wenn alle halbe Jahre viele Auszubildenden ins Säuglingsheim kämen sei das eine Überlastung.

In der Bevorzugung der Hebammen durch eine verkürzte Ausbildung zur Säuglingsfürsorge sieht er den Versuch den Hebammen einen zusätzlichen Arbeitsbereich auf Kosten der Krankenpflegerinnen zu sichern. Es brächte eine Schieflage in der großen Kette von Zuständigkeiten, „die Mutter und Kind vor dem Abgrund schützen soll, der sie bedroht.“

Das Mindestalter auf 21 Jahre zu setzen hält er für falsch. Die Lücke zwischen Schulabschluss und Eintritt in eine Ausbildung mit dementsprechend 20 Jahren sei schwer zu füllen, selbst eine zwischenzeitliche sinnvolle hauswirtschaftliche Ausbildung fülle die Lücke nicht. Er habe keine Bedenken, das Eintrittsalter bei 18 Jahren zu sehen, die Prüfung also mit 19 anzusetzen, man könne dann immer noch die Auszubildenden bis 21 an ein Haus binden, wo sie ja unter einer entsprechenden Aufsicht stünden. „Ich glaube, wir müssen alles tun, um den jungen Mädchen möglichst früh zu einer wirtschaftlichen Selbständigkeit zu verhelfen.“ (Schlossmann 1917)

Schlossman betont, dass es mitten im Krieg sicherlich schwierig gewesen sei, die Fachleute, also Kinderärzte, von denen es nicht viele gäbe, zu befragen. Positiv sei, dass den angehenden Schwestern überhaupt Aufmerksamkeit gewidmet würde. Er findet es wichtig zu motivieren, denn: „Gut ausgebildete Kräfte tun uns in Säuglingspflege und Säuglingsfürsorge not. Man gehe also ans Werk und denke dabei des Goehteschen Wortes: ‚Man säe nur, man erntet mit der Zeit.‘“ (Schlossmann 1917)

Auch von anderen Seiten kam Kritik, insbesondere da der Unterschied zwischen Pflegerinnen gesunder Säuglinge in der Familie und Säuglingskrankenpflegerinnen in Anstalten verwischt worden ist (vgl. Jende-Radomski 1926: 79 und Eickemeyer 2015: 48).

Weitere Beratungen, diesmal unter Teilnahme von Arthur Schlossmann und anderen Sachverständigen, führten 1923 zu neuen Bestimmungen zur Prüfung von Säuglings- und Kleinkinderpflegerinnen. Die Ausbildungszeit wurde auf 2 Jahre festgesetzt und das Mindestalter auf 18 Jahre gesenkt. Einige Bundesstaaten folgten dem preußischen Beispiel. Ab Mitte der 1920er Jahre wurde wieder über die Vereinheitlichung der Ausbildung in der Säuglingspflege beraten. Beratungszentrum war die Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz am Königin Auguste Viktoria Haus (KAVH). Diesmal wurde ein breites Spektrum von Meinungen berücksichtigt. Ein Instrument waren Fragebögen, die an die Ausbildungsanstalten versandt und ausgewertet wurden.

Die Vorschläge der Deutschen Vereinigung für Säuglingsschutz wurden dem Reichsgesundheitsamt und dem Reichsrat zum Beschluss vorgelegt. Am 1. Oktober 1930 trat der Beschluss vom 20. März 1930 über die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderpflegerin (für die Pflege in der Familie) in einjährigem Lehrgang und die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderschwester
(-krankenpflegerin) in zweijährigem Lehrgang reichsweit in Kraft.

Eickemeyer 2015: 50

Das Böttgerheim 1916 bis 1923

Frankfurt am Main gehörte seit 1866 zu Preußen und unterlag der entsprechenden Gesetzgebung. Eingegliedert war Frankfurt seit 1868 in den Bezirk Hessen-Nassau mit den Provinzhauptstädten Kassel und Wiesbaden.

Die Lage während des 1. Weltkriegs für das Böttgerheim ist aus dem Jahresbericht des Vereins Kinderheim Nr. 15 für das Jahr 1916 ersichtlich.

Sowohl der langjährige Vorsitzende und Gründer Christian Wilhelm Pfeiffer-Belli (1843-1916) war am 31. Januar 1916 gestorben als auch sein Nachfolger im Amt Paul Sternberg am 31. Juli 1916. Der Anstaltsarzt Dr. Carl Beck (im Amt 1909-1914) verstarb am 6. März 1916. Der stellvertretende Anstaltsarzt, Dr. Gustav Löffler wurde Ende 1916 zum Militär berufen. Löffler hatte auch den Unterricht für die Schülerinnen erteilen können. Ab Januar 1917 übernahm Dr. Georg Schaub die ärztliche Leitung. Der 1916 gegründete Schwesternverband des Vereins Kinderheim konnte seinen Betrieb aufnehmen, es konnte „eine Anzahl in früheren Jahren bei uns gründlichst ausgebildeter, zuverlässiger Kinderschwestern, die sich im Außendienst, in der Privatpflege und in leitenden Stellungen sehr bewährt haben, aufgenommen [werden] und wir sind dauernd bestrebt, tüchtige Kinderpflegerinnen zum Wohl der Säuglingsfürsorge heran zu bilden.“ (Kinderheim, Jahresbericht 1917 für 1916: 6)

Die Betriebskosten sind in den Kriegsjahren stark gestiegen, es musste zunehmend auf die Vereinsfinanzen zurückgegriffen werden. Das Defizit war 1916 bei 12.806 M., um Spenden wurde ausdrücklich gebeten. Zuschüsse kamen durch Nachlässe und Schenkungen zusammen, mit 1.000,- M. bezuschusste die Stadt Frankfurt das Heim, die Augusta Viktoria-Stiftung für Säuglingsfürsorge gab 3.000,- M. Die Schwestern erhielten nach wie vor Freikarten für Bahnfahrten, Palmengarten und Zoo. 1916 hatte der Verein 373 eingetragene Mitglieder.

Preußens Gesetzgebung für Krankenpflegepersonal von 1907 scheint noch bis 1917 gültig gewesen zu sein, bis zum Ministerialerlass vom 31. März 1917 (M. 3626/16 – Vorschriften über die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen). Die davor gültigen Rahmenbedingungen für die Ausbildung in der Säuglingspflegerinnenschule scheinen die von 1904 zu sein, grob zusammengefasst sind es :

Aufnahme von jungen Frauen von 20 bis 30 Jahren mit einer guten Schulbildung. Aufnahmeuntersuchung durch den Anstaltsarzt. Die Ausbildung erfolgt theoretisch und praktisch, die Ausbildungsdauer ist ein Jahr, ausgebildet wird in Säuglings- und Krankenpflege sowie Kinderkrankenpflege. Der Abschluss erfolgt mit einer Prüfung und die Ausgebildete erhält ein Zeugnis (Kinderheim e.V. 1913). Mehr Details siehe Beitrag: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim.

Zur Umsetzung des Erlasses von 1917 im Böttgerheim ist wenig überliefert. In einer Archivmappe fand ich zufällig eine auf offiziellem Heimpapier gedruckte Anweisung, die zeigt, dass der Erlass auch im Frankfurter Heim angekommen ist. Zufällig ist der Fund, da der Text dieser Seite per Hand durchgestrichen ist, und die leere Rückseite als Notizzettel genutzt wurde:

Kinderheim e.V. zu Frankfurt a.M., Böttgerstraße 20-22. Staatlich anerkannte Säuglingspflegeschule und Prüfungsstelle.

Durch Verordnung des Herrn Ministers des Innern, 31.3.1917, ist die Ausbildung der Säuglingspflege und die Ablegung der staatlichen Prüfung als Säuglingspfleger geordnet worden.

Die Ablegung der stattlichen Prüfung als Säuglingspflegerin setzt eine mindestens einjährige Ausbildung voraus:
Zunächst für 6 Monate in einer staatlich anerkannten Krankenpflegeschule.
Daran anschließend für weiter 6 Monate in einer staatlich anerkannten Säuglingspflegeschule.

Für Hospitantinnen, die auf Grund dieser Vorschriften den vorgeschriebenen ½-jährigen Kursus in der Säuglings- und Kleinkinderpflege durchmachen wollen, gelten folgende Bestimmungen.
Der Nachweis der Vollendung des 21. Lebensjahres, Eintritt in der Regel Anfang April und Anfang Oktober. Für Verpflegung sind pro Monat Mk. 75,- zu entrichten. Wohnung außerhalb der Anstalt.
Für den theoretischen Unterricht und die Unterweisung sind für das halbe Jahr Mk. 50,- zu zahlen. Der Abschluss erfolgt durch die staatliche Prüfung.

ISG A.51.01 1134: 103, Rückseite

Das Kinderheim Böttgerstraße 22 und seine Säuglingspflegerinnenschule hatten weiterhin finanzielle Schwierigkeiten, die Stadt gewährt in den Jahren 1918, 1919 und 1920 weitere Zuschüsse (ISG A.02.02 V 586: 96, 105, 111). 1920 kommt es zum Verkauf an die Stadt Frankfurt. Übernommen werden das Vermögen, bestehend aus den Grundstücken Böttgerstrasse 20/22 mit Inventar und Vorräten, das Grundstück Hallgartenstraße 59, Wertpapiere und Barvermögen in Höhe von etwa 70.000,- M. Die Stadt übernimmt die Belastungen der Grundstücke und Verpflichtungen des Vereins von etwa 100.000 M. und die Verpflichtungen aus der Schenkungsurkunde der Eheleute Gans. Beschäftigung und Altersvorsorge der Schwestern Elisabeth und Marie Lippert werden bestätigt.

Die Vereinbarungen gelten zwischen dem Verein Kinderheim und dem Jugend-Amt der Stadt Frankfurt (31.August 1920). Im Lauf von 1920 und 21 wird die Übernahme und Besoldung der Oberin Elisabeth Lippert, der Oberschwester Marie Lippert und der Schwestern Margarete Kiehl, Helen Anthes, Magarete Kottmayer, Agnes Kalytta bestätigt. Als leitender Arzt des Kinderheims Böttgerstrasse wird Dr. Paul Grosser berufen (vgl. ISG A.02.01 V 586). Paul Grosser (1880-1934) wurde am 4. Februar 1880 in Berlin geboren, er starb am 7. Februar 1934 in Saint-Germain-en-Laye. In Berlin hatte er verschiedene Assistenzstellen inne, u.a. bei Rudolf Virchow (1821-1902), bei Heinrich Finkelstein (1865-1942) im Städtischen Waisenhaus in Berlin-Kreuzberg. Ebenso an der Universitäts-Kinderklinik der Berliner Charité bei Otto Heubner (1843-1926). Dort war er Oberarzt in der Kinderklinik des Städtischen Krankenhauses. Während des gesamten 1. Weltkriegs war er als Stabsarzt an der Front. Nach dem Krieg eröffnete er als Kinderarzt eine Privatpraxis. 1919 habilitierte er sich als erster Kinderarzt an der Frankfurter Universität. 1921 heiratete der liberale Jude Grosser Lily Emilie Rosenthal (1894-1968). Einer der Trauzeugen war Karl Josephtal, der zuvor als Gremiumsmitglied der Versorgungsanstalt für Israeliten in Frankfurt wirkte. Die Kinder Margarethe und Alfred wurden 1922 bzw. 1925 geboren.

Abbildung 2: Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul Grosser, um 1930. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_grosser_1880-1934.jpg (21.06.2023) Aus: Seidler 2000: 258
Abb. 2: Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul Grosser,
um 1930.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_grosser_1880-1934.jpg (21.06.2023), aus: Seidler 2000: 258

Das Böttgerheim und die Pflegeschule leitete Grosser von 1921 bis 1929. Seine Assistenzärztin war Anna Ettlinger (1894-?), die sich ab 1924 als praktische Ärztin in Frankfurt niederließ. Später hieß sie Sondheimer, sie ging 1937 in die USA und in zweiter Ehe  hieß sie Sondheimer-Friedmann. 1923 wurde Grosser außerordentlicher Professor für Kinderheilkund an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Von 1930 bis 1933 war Grosser ärztlicher Leiter des Clementine Kinderhospitals (vgl. Seemann 2024), welches er sehr erfolgreich modernisierte.

Bedingt durch die Anfeindungen als Juden, emigrierte die Familie 1933 nach Frankreich. Im Februar 1934 starb er in Saint-Germain-en-Laye an einem Herzinfarkt (vgl. Wikipediartikel zu Paul Grosser 29.04.2024).

In den Akten findet sich ein Antrag des Böttgerheims auf Anerkennung als Säuglingspflegeschule aus dem Jahr 1923. Der Antrag wird mit dem Erlass vom 20. Februar 1923 begründet und es folgt eine Selbstdarstellung von Heim und Schule von der ich vermute, dass sie zeigen soll inwiefern die Vorschriften vom Februar erfüllt werden, gerichtet ist sie an den Herrn Regierungspräsidenten in Wiesbaden, datiert auf den 8. Juni 1923, vermutlicher Verfasser ist Dr. Grosser:

Gesuch um staatliche Anerkennung des städtischen Kinderheim Böttgerstraße 22 als Säuglingspflege-Schule, datiert auf den 8. Juni 1923:

Das städtische Kinderheim in der Böttgerstrasse ist auf Grund des Erlasses vom 20.II.1923 nur noch bis zum 1. Oktober 1923 als ‚Säuglingspflegeschule anerkannt. Es wird beantragt, die staatliche Anerkennung auf Grund der neuen Bestimmungen gewähren zu wollen.

Es handelt sich um ein für Säuglinge und Kleinkinder bestimmtes Heim mit 85 Betten [Unterstreichung im Dokument per Hand hinzugefügt] und 17 angestellten Vollschwestern. Die Kinder sind zum kleineren Teil gesund, zum grösseren Teil leiden sie an Lebensschwäche, Ernährungsstörungen und dergl., Infektionskrankheiten sind ausgeschlossen. Die Leitung liegt in der Hand eines anerkannten Facharztes, des Privatdozenten Dr. Grosser, der auch der Unterricht der Schülerinnen übernimmt. Gemäss Erlass vom 20.2.1923 wird nun für die ersten 6 Monate ein angemessenes Lehr- und Verpflegungsgeld erhoben, während des 2. Halbjahres freie Ausbildung gewährt und während des 2. Jahres eine Entlohnung in der gleichen Weise gewährt werden, wie sie die Lehrschwestern des städt. Krankenhauses erhalten. Es ist in der Anstalt Gelegenheit geboten zu gründlicher praktischer Ausbildung in der Pflege des gesunden und kranken Säuglings und Kleinkindes; stillende Mütter bzw. Ammen stehen zur Verfügung; es ist den Schülerinnen Gelegenheit gegeben, ein genügendes Mass hauswirtschaftlicher Kenntnisse sich anzueignen. Ferner ist ihnen die Teilnahem an der Säuglingsfürsorgestellen ermöglicht. Zum Zweck der Ausbildung in der Erziehung des Kleinkindes wird eine Beschäftigung [Unterstreichung im Dokument per Hand hinzugefügt] in städt. Kindergärten in den Lehrplan aufgenommen. Zur Ermöglichung einer Ausbildung auch in denjenigen Krankheiten, deren Kenntnis im Kinderheim Böttgerstrasse nicht ermöglicht werden kann, ist als Ergänzungsanstalt die Universitäts-Kinderklinik des städt. Krankenhauses vorgesehen, in der die Schülerinnen ½ Jahr im Verlauf ihrer Ausbildungszeit ausschliesslich beschäftig werden, und die auch ihrerseits bisher als Säuglingspflegeschule anerkannt war und auf Grund des Erlasses vom 30.II.1923 einen entsprechenden Antrag bereits gestellt hat. Die Möglichkeit zur Unterbringung sämtlicher Schülerinnen ist sowohl im Kinderheim Böttgerstrasse wie in der Universitäts-Kinderklinik sichergestellt.

Z. Hd. dem Magistrat mit der Bitte um Absendung des vorstehenden Antrags an den Herrn Regierungspräsidenten. Frankfurt /M. 6. Juni 1923, Stadtgesundheitsamt [Unterschrift schwer lesbar, sehr wahrscheinlich: Grosser]

ISG A.51.01 1134: 156

Damit war das Kinderheim Böttgerstraße mit seiner Säuglingspflegerinnenschule wohl auf dem neuesten Stand der Vorschiften.

Quellen

Archivalien

Institut für Stadtgeschichte (ISG)

A.02.01 V 586 Magistratsakte Kinderheim Böttgerstraße

„Kinderheim“ Eingetragener Verein: 15. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1916, Frankfurt 1917

A-51.01 1134 Ausbildung von Lehrschwestern

Literatur

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege. Der Beginn der professionellen Säuglingskrankenpflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege, 2. Jg., 1/2013: 25-34

Bönisch 2024: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main

Eickemeyer, Dorothea 2015: Neue Berufe in der Säuglingsfürsorge. Die Säuglingspflegerin und Säuglingskrankenpflegerin 1898-1930. In: Gudrun Loster-Schneider, Maria Häusl, Stefan Horlacher, Susanne Schötz, Hgg., GenderGraduateProjects I – Geschlecht, Fürsorge, Risiko. Leipzig, 39-55 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-848599 (29.04.2024)

Engel, Stefan/Behrendt, Holger 1927 „Säuglingsfürsorge (einschließlich Pflegekinderwesen und Mutterschutz)“, in: Gottstein, Adolf; Schlossmann, Arthur; Teleky, Ludwig (Hg.), Handbuch der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge, Bd. 4, Berlin 1927, S. 28-146 (zitiert nach Eickhttps://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwj9i_3a37P_AhXOM-wKHeMaD-4QFnoECAcQAQ&url=https%3A%2F%2Fdocserv.uni-duesseldorf.de%2Fservlets%2FDerivateServlet%2FDerivate-4462&usg=AOvVaw1mC6ww-GkyrzAsn2IsdjEnemeyer 2015: 42)

Fehlemann, Silke 2004: Armutsrisiko Mutterschaft. Mütter- und Säuglingsfürsorge im Deutschen Reich 1890-1924, Düsseldorf, https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwj9i_3a37P_AhXOM-wKHeMaD-4QFnoECAcQAQ&url=https%3A%2F%2Fdocserv.uni-duesseldorf.de%2Fservlets%2FDerivateServlet%2FDerivate-4462&usg=AOvVaw1mC6ww-GkyrzAsn2IsdjEn (29.04.2024)

Gellrich, Dorothea 2012: Die Entstehung neuer Frauenberufe in der Säuglingsfürsorge 1898-1930, Saarbrücken

Grosser Paul: https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Grosser (29.04.2024)

Jende-Radomski, Hilde 1926: Frauenberufe. Dünnhaupts Studien- und Berufsführer Band 5, Dessau, 2. vollständig umgearbeitete Auflage

Keller, Arthur 1913: Kinderheim Frankfurt a. M., Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Langstein, Leo/Rott, Fritz 1915: Der Beruf der Säuglingspflegerin. Deutsche und englische Säuglingspflege – Die Pflegerinnenschulen Deutschlands – Staatliche Vorschriften für die Ausbildung des Säuglingspflegepersonals – Dienstanweisungen, Berlin

Renner, Karl 1967: Die Geschichte der Düsseldorfer Universitätskinderklinik von ihrer Begründung im Jahre 1907 bis zum Jahre 1967, in: Wunderlich, Peter; Renner, Karl, Arthur Schloßmann und die Düsseldorfer Kinderklinik, Düsseldorf, S. 1-121

Schlossmann, Arthur 1917: Öffentliches Gesundheitswesen. Die staatliche geprüfte Säuglingspflegerin. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 14. Juni 1917, Nr. 24. https://zenodo.org/record/2492263/files/article.pdf (05.06.2023)

Seemann, Birgit 2024: „(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Seidler, Eduard 2000: Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet – geflohen – ermordet. Bonn

Zang, Stefanie 2012:  Adé Kinderkrankenschwester? Über die Zukunft der Pflegeausbildung in Deutschland. https://silo.tips/download/ade-kinderkrankenschwester (29.04.2024)

Abbildung 12: Ansicht – Südseite von Böttgerstraße, Kinderheim e. V. 1913

Das Böttgerheim: Eine überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Der Verein Kinderheim e. V.

Prolog

Christian Wilhelm Pfeiffer, der Vorstand des Kinderheim e. V., berichtete am 3. Dezember 1904 in einem Schreiben dem Magistrat der Stadt Frankfurt:

Wir sind in der angenehmen Lage hoch löblicher Magistrat ergebenst mitzuteilen, daß die von Herrn Fritz Gans und seiner Ehefrau Auguste Gans geb. Ettling erbaute und nun für unsere Zwecke geschenkte Säuglingsanstalt nun mehr fertig gestellt ist und in gutem Betrieb stehe. Es würde uns daher freuen, wenn die [unleserlich] Mitglieder hochlöblichen Magistrats die Anstalt gelegentlich besichtigen wünschen wozu wir hiermit höflichst und mit der ergebenen Bitte einladen und gefälligst [unleserlich] zu benachrichtigen damit der ergebenst unterzeichnete [unleserlich] Stand zu dem Empfang [unleserlich].
Hochachtungsvoll und ergebenst „Kinderheim“. Eingetragener Verein.
Der Vorstand C.W. Pfeiffer

Magistratsakte V / 568 Blatt 1

Und es folgte eine Einladung an den Magistrat zur Besichtigung des neuen Kinderheims (Böttgerstraße No. 8) für Montag den 12. Dezember 1904, nachmittags um 3 Uhr. Eine Anmerkung zu der Adressangabe ist, dass in den Adressbüchern der Stadt Frankfurt 1904 und 1905 die Adresse des Kinderheims mit No. 8 bzw. 6, 8 angegeben wird. Ab dem Adressbuch 1906 lautet der Eintrag: No. 20, 22. Wie zuvor ist der Kinderheim e.V. als Eigentümer, E. Lippert als Vorsteherin und als Hausmeister B. Oppelt eingetragen.

Um 1900 betrug die Säuglingssterblichkeit auf den Stationen der Kinderkliniken im Deutschen Reich bis zu 70 %. Auch der Versuch in Frankfurt über Koststellen für Pflegekinder, deren Überleben zu sichern, war gescheitert. So gab es verschiedene Initiativen von Ärzten und von privaten Menschen, Vereinen oder Stiftungen einzugreifen (vgl. Bönisch 2022). Die Erkenntnis, dass für eine solche spezialisierte Pflege ebenfalls speziell ausgebildetes Personal nötig war, führte zur Gründung von Schulen für Säuglingspflegerinnen.

Gründer und Mäzene

Hier seien drei von vielen Gründern und Mäzenen des Kinderheim e. V. vorgestellt. Der Initiator des Vereins Christian Wilhelm Pfeiffer und die beiden Vereinsmitglieder und Schenkenden des Haupthauses Auguste und Fritz Gans.

Christian Wilhelm Pfeiffer (1843-1916)

Initiator und einer der Mitbegründer des Kinderheim e. V. war der Kaufmann und Armenvorsteher Christian Wilhelm Pfeiffer, der seit Beginn bis zu seinem Tod im Jahr 1916 den Vereinsvorsitz inne hatte (vgl.: Pfeiffer-Belli 1986: 124). Der Autor des Buchs von 1986 ist Erich Pfeiffer-Belli, ein Enkel von Christian Wilhelm Pfeiffer und Vater der Frankfurter Schriftstellerin Sylvia Tennenbaum, über seinen Großvater schrieb er: „Sein Herz für Kinder zeigte er in späteren Jahren als Mitbegründer und Mäzen eines Frankfurter Kinderheims.“ (Pfeiffer-Belli 1986: 124).

Christian Wilhelm Pfeiffer „stammte […] aus dem einstmals bedeutenden Mainzer Kinderbuch-Verlag Scholz“[4], und war Direktor einer Schweizer Versicherungsanstalt in Frankfurt. Er lebte mit seiner Frau Caroline geborene Belli in der Neuen Mainzer Straße 55, ein Anwesen mit Wallgarten. Ein besonderes persönliches Interesse galt dem Alpenverein, in dessen Frankfurter Sektion er als Vorsitzender und Förderer tätig war.

Auguste Gans, geb. Ettling (1839-1909) und Friedrich Ludwig Gans, genannt Fritz (1833-1920),
seit 1912 von Gans

Angela von Gans berichtet über ihren Urgroßvater Friedrich Ludwig von Gans (1833-1920), genannt Fritz Gans (ab 1912 von Gans), dass er und seine Frau Auguste 1902 Mitglieder des von Christian Wilhelm Pfeiffer und anderen Initiatoren dem Kinderheim e. V. geworden waren. 1901 fand die Gründung des Vereins in der Rüsterstraße statt. 1903 kam ein Bruder von Fritz Gans, Dr. Leo Gans (1843-1835), dazu. „Um endlich eine konstruktive Basis zu schaffen“ (Gans 2006: 169), beschlossen Fritz und Auguste Gans die Schenkung eines Hauses als Säuglingsklinik an den Verein. Das Haus wurde 1904 unter der Leitung des Architekten Alfred Engelhardt (vgl.: Gans 2006: 169) Engelhardt auf einem Grundstück von 2.000 qm Fläche errichtet, die medizinische Beratung steuerte Dr. Emil Kirberger bei. Der Architekt Alfred Engelhardt baute später auch das Ganssche Mausoleum auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Im Januar 1895 waren Auguste und Fritz Gans gemeinsam zum Protestantismus konvertiert. Damit entsprachen sie dem Wunsch ihrer längst getauften Söhne Paul und Ludwig, die sich eine bessere Integration in das christlich geprägte Bürgertum erhofften. Ein weiteres Faktum war gewiss der Schutz vor Antisemitismus. Auch die ebenfalls evangelische Tochter Adela hatte sich von ihrer jüdischen Herkunft entfernt. Sie trat als Taufpatin ihrer Eltern auf (vgl.: Gans 2006: 157, 291).

Angela Gans führt weiter aus, dass soziales Engagement für jüdische und nichtjüdische Einwohner zur religiösen und sozialen Tradition des Judentums gehörten. Die jüdische Sozialethik zielt auf Wohltätigkeit und Gerechtigkeit, gefordert als Pflichtanteil des Wohlstandes der Reichen gegenüber den Bedürftigen, also nicht nur freiwillig (vgl.: Gans 2006: 165 und Seemann/Bönisch 2019: 75f).

Fritz von Gans im Haus Taunusanlage 15 mit einem Bild seiner verstorbenen Frau Caroline. © Angela von Gans
Abb. 1: Fritz von Gans im Haus Taunusanlage 15 mit einem Bild seiner verstorbenen Frau Caroline.
© Familie von Gans
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich_Ludwig_von_Gans.jpg CC BY-SA 3.0 DE

In der Schenkungsurkunde von 1904 (vgl.: Gans 2006: 169 Schenkungsurkunde vom 1.2.1904 und vom 8.10.1904 im Besitz von Angela Gans) legten Auguste und Fritz Gans deutlich fest, dass jeglicher religiöser Einfluss verboten sei:

Nach dem Glaubensbekenntnis darf nicht gefragt werden und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Konfession darf keinen Grund für die Verweigerung der Aufnahme [von Kindern im Heim] bilden. […] Die zur Verwaltung oder Aufsicht dieses Vereins berufenen Organe, Geistliche, Religionsdiener, Mitglieder von religiösen Orden und dergleichen nicht berufen oder auch nur vorübergehend mit Verwaltungs- oder Aufsichtshandlungen betraut werden dürfen.

Gans 2006: 169

Gründung, Satzung und erster Jahresbericht

Die Gründung des Vereins „Kinderheim e. V.“ wurde in der konstituierenden Sitzung am 9. November 1901 beschlossen. Die Eintragung beim Amtsgericht erfolgte am 3. Mai 1902.

Satzung und Zweck des Vereins

Initiatoren des Vereins waren der Armenvorsteher Christian Wilhelm Pfeiffer und andere im Bereich der Armenpflege Tätige (vgl.: Thomann-Honscha 1988: 152). Auf Basis der Jahresberichte des Vereins konnten einige der Mitgründer_innen ausfindig gemacht werden:

  • Dr. med. Emil Kirberger, Anstaltsarzt, gestorben 4. Juni 1905, Mitgründer
  • Frau Dr. O. Neubürger ist Hatty Neubürger geborene Hallgarten, gestorben im Juli 1914, Mitgründerin
  • Dr. A. Raab, hatte viel Erfahrung im Armen und Fürsorgewesen, gestorben im November 1911, Mitgründer

Zu Beginn nannte der Verein als Adresse für das Verwaltungsbüro den Großen Hirschgraben 11 mit Sprechstunde von 11 bis 12 Uhr und als Adresse der Anstalt des Vereins Kinderheim die Feststraße 21 (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 1). Der Sitz des Vereins war Frankfurt am Main. Die Satzungen des „Kinderheim e.V.“ wurde am 7. Dezember 1901 und am 17. Januar und 10. März, wie auch dem 25. Februar 1904 genehmigt. Als Zwecke werden in § 1 genannt:

  • Vorsorgebedürftige Kinder im zarten Alter zu verpflegen
  • Die Ausbildung von Kinderpflegerinnen

Die Mittel des Vereins sollten aus einmaligen Beiträgen und Jahresbeiträgen der Mitglieder stammen. Schenkungen, Vermächtnisse und außerordentliche Zuwendungen wie auch Einnahmen aus Pflegegeldern kamen hinzu. Als Mitglieder des Vereins waren ordentliche, ewige und Ehrenmitglieder vorgesehen. Als Jahresbeitrag war 3,- Mark pro Mitglied vorgesehen, die Mitglieder mussten großjährig sein. Ewige Mitglieder sollten diejenigen sein können, die einen einmaligen Beitrag von 300,- Mark bezahlten oder jährliche Beiträge von zusammen 300,- Mark gaben. Personen die 5.000,- oder mehr Mark bezahlten, wurden als ewige Mitglieder und als Stifter geführt. Ehrenmitglieder sollten ernannt werden. Organe des Vereins waren die Mitgliederversammlung, der Vorstand, der Beirat und die Sonderausschüsse. Als Sonderausschüsse waren Leitungen „der einzelnen Anstalten des Vereins“ vorgesehen.

An den 1. Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902 ist in den Magistratsunterlagen ein Beiblatt angeheftet, welches die Zwecke des Vereins nochmals kommentiert: In der Regel werden Kinder und Säuglinge unter 3 Jahren gegen Kostgeld aufgenommen, in Ausnahmefällen auch über 3-jährige. Eine Besonderheit ist, dass die Kinder dauernd, also auch zur Übernachtung aufgenommen sind. Säuglinge unter 6 Monaten werden mit ihren Müttern, falls diese am Leben sind, aufgenommen. Mädchen, vor der ersten Entbindung oder, die das erste Mal aus einer Entbindungsanstalt kommen, sind willkommen. Die, die zum ersten Mal ein Kind gebären, zahlen bis zur Entbindung ein geringes Kostgeld, nach der Geburt verpflichten sie sich, weitere 6 Monate in der Anstalt zu bleiben, mit zu arbeiten, aber hauptsächlich ihr Kind zu versorgen. In dieser Zeit wird kein Kostgeld verlangt. Für verheiratete Frauen gilt das gleiche, auch wenn es nicht ihre erste Geburt ist.

Auf die Ausbildung von Säuglingspflegerinnen in der angegliederten Schule wird im Beitrag: „Die staatlich anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern. Eine Einrichtung des Böttgerheims“ eingegangen.

In einem späteren Jahresbericht, dem für 1907, wird zusätzlich auf den Vereinszweck des Mutterschutzes hingewiesen:

In der Frauenabteilung verpflegten wir während des Berichtsjahrs 27 erwachsene Personen und am 1. Januar befanden sich in unserer Anstalt 1 ihre Niederkunft Erwartende und 6 Mütter. 14 Entbindungen wurden in der Anstalt vorgenommen. Die behördliche Genehmigung hierzu ist uns regierungsseitig erteilt worden. Wir halten nach wie vor an dem Grundsatz fest, die ihre Niederkunft Erwartenden schon einige Zeit vor der Entbindung aufzunehmen und die Entbundenen, wenn möglich, 6 Monate bei ihrem Säugling zu halten. Nicht nur, daß wir dadurch die Ernährung und Pflege des Säuglings durch die eigene Mutter ermöglichen, sondern weil dann gleichzeitig die zur Aufzucht mutterloser Säuglinge ganz unentbehrlichen Ammen im Hause sind. Wenn wir also mit der Aufnahme von schwangeren Frauen und deren Verpflegung Mutterschutz ausüben, so geschieht dies stets in Verbindung mit der Säuglingspflege, die für uns das Wichtigere ist. Unserer Meinung nach sollte Mutterschutz und Säuglingspflege stets Hand in Hand gehen, denn wenn der Mutter gleich nach der Entbindung wieder regelmäßig Verdienst verschafft wird und man sie dadurch an der Ernährung und Pflege des Säuglings hindert, so geschieht dies stets auf Kosten des letzteren, ganz abgesehen davon, daß man das Band zwischen Mutter und Kind lockert, statt es durch Zusammenhalten beider Teile zu festigen.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1907: 5f.

Weiter führt der Vorstand Christian Wilhelm Pfeiffer aus, dass diese Situation das gemeinsame Wohnen im Haus voraussetze, jedoch gingen hier die Bedürfnisse der Anstalt, das eigene Personal unterzubringen, vor. Eine größere Anzahl von Müttern zu beherbergen würde auch mehr Möglichkeiten zur Beschäftigung im Haus für die Mütter voraussetzen, was er gesundheitlich und moralisch als notwendig ansehe, dafür jedoch keine Möglichkeit besteht (Vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1907: 5f.).

Das Vereinszeichen

Nach dem Vorbild der Bambinos des Bildhauers Lucca della Robbia gab der Verein sich ein Vereinszeichen, das die Schwestern auch als Brosche trugen. Das Abzeichen wurde gerne von anderen Vereinen übernommen, z. B. von der Schwesternschaft des Säuglingskrankenhauses in Dresden. Der Kinderheim e. V. oder auch Christian Wilhelm Pfeiffer waren davon nicht begeistert, deshalb wurde es vermutlich als Markenzeichen gekennzeichnet „Eingetr. Zeichen“.

Brosche Kinderheim e.V. als eingetragenes Zeichen.
Abb. 2: Brosche Kinderheim e.V. als eingetragenes Zeichen.
Aus: Kinderheim e.V. 1909
Abbildung Florenz gewickeltes Kind
Abb. 3: Ein Bambino des Andrea della Robbia, fotografiert im Ospedale degli Innocenti (Hospital der Unschuldigen Kinder) in Florenz.
© Eva-Maria Ulmer

Der erste Jahresbericht

Der erste Jahresbericht des Vereins Kinderheim erschien 1903 unter dem Titel: I. Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902. Vermerkt ist das Verwaltungsbüro des Vereins im Großen Hirschgraben 11 und als Anstaltsadresse die Feststraße 21. Auf Seite 9 des Berichts beginnt das Mitgliederverzeichnis, das bereits 348 Personen umfasste.

Zu den Mitgliedern zählten so prominente Personen wie Henry Budge, Ludwig Belli, Fritz und Auguste Gans, Charles Hallgarten oder Frau Dr. O. Neubürger, das ist Hatty Neubürger, geborene Hallgarten. Ab 1903 gehörte auch Frau Georg Speyer, also Franziska Speyer, zu den ewigen Mitgliedern. Im Jahresbericht wird berichtet von Voruntersuchungen für die geplante Anstalt des Kinderheims. Die Stadträte Woell und Sabarth, der Vorsitzende Christian Wilhelm Pfeiffer und der spätere Anstaltsarzt Dr. Emil Kirberger besichtigten bereits bestehende Anstalten in Berlin und Leipzig. In Bonn begutachteten die Damen des Vorstandes Fräulein Johanna Kalb und Frau Reutlinger eine Anstalt. Als Vorbild für die „Prinzipien“ des Frankfurter Vereins wurden die Leipziger Prinzipien ausgewählt. Es wurde auch schnell klar, dass ein geeigneter Neubau für die Anstalt notwendig ist. Zunächst konnte man ein Haus in der Feststraße 21 vom Verein für Haushaltungsschulen anmieten. Ab Januar 1903 konnten dort drei Frauen und ca. 18 Kinder, betreut von vier Kinderpflegerinnen, untergebracht werden. Das Haus war von Anfang an voll belegt.

Abbildung: Haus in der Feststraße 21 © Edgar Bönisch
Abb. 4: Haus in der Feststraße 21
© Edgar Bönisch

Durch Mitgliedsbeiträge und Spenden hatte man bereits ein finanzielles Polster von 10.758,57 Mark geschaffen. Zum Zeitpunkt der Drucklegung des Jahresberichts hatte der Verein 348 Mitglieder. Bemerkenswert sind auch die in den jeweiligen Jahresberichten aufgeführten Geschenke wie Bücher, Bettvorlagen, Büchsen für Streupulver, Kinderwagen, Bilder, Spielsachen, Wäsche, Badewannen und vieles andere (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 8).

Eine Auflistung der häufigsten Krankheiten der aufgenommenen Kinder gibt der Anstaltsarzt Dr. B. Scholz, hier für 1905 als der Neubau in der Böttgerstraße 20-22 bereits bezogen war:

Von 128 neu aufgenommenen Kindern litten die meisten an Rachitis, chronischen Verdauungsstörungen, Anämie, Hautausschlägen, Katarrhen der Luftwege, einige an hochgradiger Atrophie. Auch Soor wurde in einige Fällen eingeschleppt, blieb aber stets auf diese Kinder beschränkt. Die meisten Kinder erholten sich in der Anstalt rasch und entwickelten sich in erfreulicher Weise […] In der Anstalt selbst sind schwere Darmerkrankungen (Brechdurchfall) nicht beobachtet worden. Das Hauptkontingent der Erkrankungen stellten Luftröhrenkatarrhe, Mittelohrentzündungen, Erkrankungen der Haut, der Bindehaut, Furunkulos […] Das vorhergehende Jahr schloß mit einer Influenza-Epidemie, die im Anfang dieses Jahres weiter um sich griff. Es erkrankten noch einige Kinder, von denen eins in der Anstalt, eins im Krankenhause starb […] im Dezember [wurde] Keuchhusten eingeschleppt.“ Und „Von 159 im Hause verpflegten Kindern starben demnach im Haus 12 =7,5%. Es beträgt die Gesamtmortalität (einschließlich der im Krankenhaus gestorbenen) 18 = 11%. (Die Sterblichkeit unter Pflegekindern beträgt in größeren Städten 60-70%)

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 7

Im Aufnahmeregister der Anstalt „Kinderheim“ findet man kurze Notizen zum Schicksal von Kindern und ihren Müttern. Vier kurze Beispiele (vgl.: Beilage zum 1. Jahresbericht des Vereins):

  • Martha, 6 Monate alt, aufgenommen, um der Mutter einen Verdients zu ermöglichen.
  • N.N., 1 Stunde alt, als Findling angebracht, Eltern nicht zu ermitteln.
  • Jacob und Anna, Zwillinge, 1 Tag alt, Tod der Mutter im Wochenbett.
  • Hans, 9 Monate alt, wegen schlechter Pflegestelle und halb verhungert.

In allen Jahresberichten wird kaum ein Name einer Krankenschwester erwähnt, an dieser Stelle jedoch die Hebamme, deshalb hier noch ein Zitat: „14 Mütter wurden verpflegt, 9 von ihnen entbanden in der Anstalt. Frau Daum, als Hebamme, half den reibungslos verlaufenden Entbindungen. Die von ihren Müttern gestillten Kinder entwickelten sich besonders gut.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 7)

Im ersten Jahresbericht für 1902 wird weiter beschrieben, dass an Pflegegeld für die aufgenommenen Kinder ein Kostgeld vom Waisen- und Armenamt bezahlt wurde, welches die Unkosten deckte. Doch für die aufgenommenen Frauen, die zumeist mittellos waren, reichte das zur Verfügung stehende Geld nicht aus. Für die Zeit nach der Geburt konnten diese Frauen im Haushalt und der Kinderpflege beschäftigt werden und so ihren Aufenthalt finanzieren. Für die Zeit danach müssen Vereinsmittel genutzt werden. Diese Gelder sollen durch Mitgliederwerbung erreicht werden.

Der Vorstand zum Zeitpunkt des ersten Jahresberichts bestand aus Christian Wilhelm Pfeiffer als Vorsitzendem, Fritz Happel als Schriftführer und Walter Melber als Rechnungsführer. Der Beirat, für den per Satzung (§24) 12 Personen, davon mindestens 6 weibliche, vorgeschrieben waren, bestand aus: Frau Professor Cuers, Frau Professor Freund, Fritz Gans, Charles Hallgarten, Fräulein Johanna Kalb, Dr. med. Emil Kirberger, Frau Dr. O. Neubürger, Frau Professor v. Noorden, Dr. A. Raab, Frau Jacob Reutlinger, A. Sabarth, Frau Rudolf Schmidt, Frau Stadtrat Seidel, Frau Oberin Trömper, Frau Robert Werner und Stadtrat Dr. Wöll (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 4).

Der Neubau

Der Neubau in der Böttgerstraße 20-22 (vormals 8)

Abbildung 12: Ansicht – Südseite von Böttgerstraße, Kinderheim e. V. 1913
Abb. 5: Ansicht – Südseite vom Kinderheim in der Böttgerstraße.
Aus: Keller 1913

Eine Broschüre aus dem Jahr 1909, deren Autor oder Autorin nicht genannt werden, mit dem Titel „Die Anstalt für Säuglings- und Kinderpflege Kinderheim in Frankfurt a. M.“, vermutlich vom Verein Kinderheim e. V. herausgegeben, beschreibt einen Rundgang durch das neue Haus (vgl.: Kinderheim 1909). Unabhängig davon, ob es sich um eine fiktive Darstellung handelt, erhält der Leser und die Leserin ein anschauliches Bild des Inneren und vom Alltagsleben der Menschen im Haus, deswegen möchte ich diesen Rundgang nachzeichnen.

Der Besucher oder die Besucherin kommt von der Eingangstür (links vom Haus in der Abbildung 5) in einem kleinen Vorraum, in welchem eine Marmortafel auf die Schenkung des Hauses durch Auguste und Fritz Gans im Jahr 1904 verweist.

Abbildung: Die Stiftertafel, 2022, im Treppenhaus, 
vermutlich an der selben Stelle wie im Jahr 1904. © Edgar Bönisch
Abb. 6: Die Stiftertafel, 2022, die sich heute im Treppenhaus, vermutlich an der selben Stelle wie im Jahr 1904 befindet. © Edgar Bönisch

Durch eine Glastür gelangt der Gast in das Verwaltungszimmer der Oberin Elisabeth Lippert. Hier befinden sich zur Begrüßung die Vorstandsmitglieder und der Anstaltsarzt Herr Dr. B. Scholz, die sich auf die Pflegerinnenprüfung, die im Anschuss stattfinden soll, vorbereiten. Der oder die führende Person des Rundgangs informiert, dass es noch an einem getrennt liegenden Aufnahmehaus fehle, um Neuankömmlinge zunächst isolieren zu können und Ansteckungen zu verhindern. Auf die Bedeutung von Schenkungen wird hingewiesen, so wie das Haus selbst geschenkt wurde. Viele Einrichtungsgegenstände und wissenschaftliche Geräte, die beim Rundgang auch auffallen sind aus Spenden finanziert. Dass man nicht an der Qualität der Einrichtung oder der Lebensmittel sparen möchte wird betont: Die Höhe der Räume triebe zwar die Heizungskosten in die Höhe, doch erlaube es auch viel Luft für die Patienten. Auch an Personal möchte man nicht sparen, da eine Mindestzahl für je 12 Pfleglinge pro Saal eine Schwester und eine ihr zugewiesene Schülerin seien. Die Schülerinnen würden in der eigenen Schule ausgebildet. Man käme auf einen Pflegesatz von 2,20 Mark pro Verpflegungstag und sei damit billiger als Barmen mit 3,- Mark und Berlin mit 2,50 bis 2,70 Mark, auch die anderen Frankfurter Anstalten wie das Christ’sche Kinderhospital seien alle teurer.

Weiter im Rundgang gelangt der Gast auf eine nach Süden ausgerichtete Veranda für Säuglinge, die komplett verglast und heizbar ist. Hier bekommen die Kinder in ihren Krippen Sonne und Licht. Die Veranda kann auch als Vortrags- oder Prüfungssaal genutzt werden, daran schließen die Säuglingssäle an.

Hinter der Veranda liegen das Wohn- und Speisezimmer der Pflegerinnen. Aus hygienischen Gründen hatte man in allen drei Säuglingssälen eigene Wickelkommoden und Bäder eingerichtet. So gab es inzwischen auch für jeden Pflegling ein eigenes Badetuch und andere eigene Dinge. Die Kinder wurden nicht gemeinsam gewickelt und gebadet.

Abbildung Böttgerheim Säuglingssaal
Abb. 7: Böttgerheim, Säuglingssaal, aus: Keller 1913

Im südlichsten Saal sind „Sorgenkinder“ nahe der Sonne untergebracht. Meist sind sie gesund geboren, jedoch durch schlechte Ernährung und Vernachlässigung sehr schwächlich. Falls verfügbar, werden diese Kinder auch von Ammen ernährt und nicht künstlich, was die Kindersterblichkeit stark gesenkt hat. Im dahinterliegenden Saal befinden sich Kinder, die im Haus geboren wurden und mit Muttermilch ernährt wurden, was auch sofort durch ihr gesundes Aussehen erkennbar sei. Die führende Begleitung kommentiert: „Es gibt ja immer Leute, die die Ansicht vertreten, man sollte schwächliche Kinder lieber eingehen lassen, da sie doch nur ein lebenslängliches Siechtum erwarte. Das ist eine Ansicht, die wir bekämpfen.“ Für die Kinder im dritten Saal gibt es Ankleide- und Bademöglichkeiten in einem Nebenraum in welchem Mütter ihre Kinder stillen können.

Gekleidet sind die Pflegenden in dunkelblaue Anstaltskleidung. Die Schwestern tragen hellblaue Waschkleider und weiße Schürzen. Als Brosche tragen sie das Vereinsabzeichen, die ein Bambino nach dem Bildhauer Lucca della Robbia zeigt. Die Begleitung des Rundgangs beschwert sich, dass dieses Abzeichen von anderen nachgemacht worden sei und nun auch Personen ohne gründliche Ausbildung sich damit schmückten.

Hinter dem Bade- und Ankleideraum liegt die Milchküche. Täglich werden hier nach individuellen Angaben Milchportionen aus Kuhmilch für die Kinder bereitet, die fünf Mahlzeiten jeden Tag erhalten.

Im ersten Stock halten sich die etwas älteren Kinder auf. Es gibt einen großen Spielsaal und eine weite, große und beheizbare Veranda.

Im Spielsaal geht es lustig zu. Die ca. 20 Kinder, die sich hier aufhalten, tummeln sich auf dem Boden, der, wie alle Fußböden im Hause, mit Linoleum belegt und staubfrei ist, oder sie sitzen spielend in ihren Kinderstühlchen um einen langen Tisch. Einig laufen uns entgegen, um uns die Hand zu geben, während sich andere scheu hinter die Schürze der aufsichtführenden Schwester verkriechen. Die kleine Schar macht einen durchaus vergnügten Eindruck, wenn sich darunter auch recht schwächliche und kümmerliche Gestalten bemerkbar machen.

Kinderheim e.V. 1909: 13

Es gibt zwei große Schlafsäle der Kinder, deren Badezimmer und eine kleine Teeküche zum Aufwärmen der Kinderspeisen. Weiter gibt es zwei Wannen- und zwei Brausebäder für das Personal und erwachsene Pfleglinge und zwei Schlafzimmer für Pflegeschwestern. Hier im Stockwerk hat die Oberin ihr Wohn- und ihr Schlafzimmer. Und es gibt zwei Isolierzimmer für neue Ankömmlinge und Krankheitsverdächtige. Der Isolierbereich im 1. Stock ist sehr klein bemessen. Für den Fall, dass eine Epidemie mit Masern oder Keuchhusten auftritt: „so sind wir ganz lahm gelegt, denn dann müssen wir monatelang auf alle Neuaufnahmen verzichten und außerdem ist unser Pflegepersonal über alle Massen angestrengt.“ (Kinderheim e.V. 1909)

Im zweiten Obergeschoss befindet sich die Wohnung des Hausmeisters, einige Schlafzimmer für Pflegerinnen und die Mütter der Kinder und für Dienstboten. Auch gibt es eine Wäsche- und Nähstube. Auf diesem Stockwerk befinden sich noch das Entbindungszimmer mit laufendem warmem und kaltem Wasser, plus ein Krankenzimmer. Unter dem Dach befindet sich reichlich Raum zum Trocknen von Wäsche, die per Aufzug aus der Waschküche im Untergeschoss gebracht wird.

Im Untergeschoss arbeitet die Frau des Hausmeisters als Köchin in der Küche mit Speisekammer. Ebenso gibt es hier ein Speisezimmer für das Personal und erwachsene Pfleglinge. Gegenüber liegt das Bügelzimmer. Daneben der Raum für die Niederdruckdampfheizung und der Kohlenkeller. Es gibt den Soxhlet-Apparat und gegenüber der Kühlkeller für die fertiggestellte Milch. Ein Soxhlet-Apparat ist nach seinem Erfinder Franz von Soxhlet benannt und dient der Analyse von Milchfett, mit ihm kann auch Milchpulver hergestellt werden (https://de.wikipedia.org/wiki/Soxhlet-Aufsatz (26.07.2022). Ein Sektionsraum, der auch als Totenkammer dient, befindet sich in der gleichen Ecke. „Nach der Gartenseite liegen dann noch die Waschküchen mit elektrischem Betrieb nebst Heissluftraum zum Trocknen der Wäsche und ein Gemüsekeller. Vom Untergeschoss führ eine Lauftreppe bis zum 2. Stockwerk, die die einzelnen Stockwerke unter sich verbindet.“ (Kinderheim e.V. 1909: 16)

Ein interessantes Detail ist, dass zwischen den Kellerräumen isolierende Glaswände angebracht waren, so, dass für gute Lichtverhältnisse gesorgt war.

Im Haus leben insgesamt außer der Oberin Elisabeth Lippert und deren Schwester Maria, die als Hausbeamtin angestellt ist, meist 26 bis 27 erwachsene Personen im Haus. Das sind 10 Schwestern und Schülerinnen für die Kinderpflege, eine Köchin, zwei Hausmädchen und der Hausmeister, der für die Heizung, die schwerere Hausarbeit und den Garten zuständig ist. Dazu kommen etwa 8 Mütter, die Hausarbeiten erledigen oder in der Bügelstube und in der Wäschekammer beschäftigt sind. Die Aufgabe dieser Mütter ist allerdings in erster Linie die Pflege ihrer Kinder. Zum Schluss seines Rundgangs begibt sich der Besucher, die Besucherin auf die Veranda des Erdgeschosses, um an der Prüfung von acht Schwestern teilzunehmen, hierzu mehr im Artikel Die staatliche anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern. Eine Einrichtung des Böttgerheims.

Abbildung: Offene, gedeckte Veranda, Keller 1913
Abb. 8: Offene, gedeckte Veranda. Aus: Keller 1913

1912 wurden die abgebildeten offenen Veranden, anschließend an die Kindersäle, angebaut, um den Kindern den Aufenthalt im Freien zu ermöglichen (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 4)

Das Hinterhaus und das Haus Hallgartenstraße 59

1906 hieß es in einer Versammlung des Ärztlichen Vereins:

Das Frankfurter Säuglingsheim ist keine Säuglingsheilstätte im Sinne Schloßmanns. Unseren Kinderärzten fehlt aber ein Säuglingskinderkrankenhaus, worin wir z. B. Kinder mit akuten Magendarmstörungen mit Muttermilch ernähren können. Ferner ist ein modernes Säuglingsheim eine Zentralstätte für Ammenvermittlung. Auch dieser Anforderung genügt die Frankfurter Anstalt bis jetzt noch nicht. Sollte sich dieselbe etwa durch Hinzuziehung einer Quarantänestation… allmählich zu einem Säuglingskrankenhaus umwandeln, so würden wir dies mit Freuden begrüßen.

Ärztlicher Verein, Jahresbericht 1906, Frankfurt am Main 1907:49. Zitiert nach Thomann-Honscha 1888: 156

Der erwähnte „Schlossmann“ war der Pädiater Arthur Schlossmann (1867-1932), er leitete ab 1898 das weltweit erste Säuglingskrankenhaus in Dresden (vgl. Blessing 2013 und Bönisch 2022).

Auch Dr. Scholz, der Anstaltsarzt der Böttgerklinik formulierte, nachdem er in seinem Bericht die Folgen von Influenza- und Keuchhustenepidemien im Haus geschildert hatte:

So greift die Seuche von Bett zu Bett, von Saal zu Saal und verbreitet sich im ganzen Hause. Wie können wir diese Gefahr beseitigen? Sie wäre gar nicht vorhanden, wenn wir eine Quarantänestation besäßen, die es uns ermöglichte, die Insassen eines ganzen Saales aus dem Haus zu entfernen und abgeschlossen für sich zu beobachten. Dann würden im schlimmsten Falle die Bewohner eines einzigen Saales eine Epidemie durchmachen. Die übrigen Hausinsassen blieben verschont […] Wer den Wunsch hat, daß unser Kinderheim auch in Zukunft den Ruf einer Musteranstalt behält, der helfe uns, den einzigen Mangel zu beseitigen, unter dem die Anstalt leidet, den Mangel einer Quarantänestation.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 6

1910 nahmen die Pläne für ein Isolierhaus konkrete Gestalt an. Der Verein kaufte Haus, Hinterhaus und Gelände in der Hallgartenstraße 59, das direkt an den Garten der Böttgerklinik anschloss. Das Haupthaus wurde zunächst mit seinen Mietswohnungen belassen. Das kleine Hinterhaus wurde für die Bedürfnisse eines Isolierhauses umgebaut und am 1. Oktober 1910 eröffnet.

Es dient uns seitdem als Aufnahmehaus für neu eingebrachte Kinder und Säuglinge, die dorten beobachtet werden, bis sich unser Anstaltsarzt überzeugt hat, daß sie mit keiner ansteckend Krankheit behaftet sind und ohne Bedenken in unser Haupthaus überführt werden könne. Im Erdgeschoss und im ersten Stock konnten je 2 Zimmer als Schlafräume und Badezimmer und 1 Schwesterzimmer geschaffen werden und im Dachgeschoß ist eine hübsche Wohnung für den Hausmeister eingerichtet, dessen Zimmer im Haupthause hierdurch frei wurde und nun als Schwesternzimmer dienen kann. […] Bereits im Verlauf des Oktobers war es möglich vier mit Keuchhusten erkrankte Kinder sofort in das Aufnahmehaus zu bringen und dadurch keine weiteren Krankheitsfälle im Haus zu haben.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 1f.

Das Isolier- und Aufnahmehaus stand im Garten des Haupthauses. Im Keller gab es eine Zentralheizung und verschieden Kellerräume. Im Erdgeschoß befanden sich 2 Säle mit 4 und 6 Betten mit Bad und Zubehör, dazwischen das Zimmer der Pflegeschwester. Im I. Obergeschoß wiederum 2 Säle zu 4 und 6 Betten plus Badezimmer und Teeküche. Im II. Obergeschoß lag die Wohnung des Hausmeisters.

Die neu aufgenommenen Kinder wurden hier 14 Tage isoliert, wie auch Kinder mit infektiösen Krankheiten wie Schnupfen, Angina, Bronchitis u.a., die von einer Schwester gepflegt wurden, bis sie gesund waren.

Hinter diesem Gartenhaus ist auf dem Bild zur Hallgartenstraße hin das Haus Hallgartenstraße 59 zu sehen (Abbildung 10).

3 Zimmer des Hauses Hallgartenstraße 59 wurden noch 1910 dem neu gegründeten Verband für Säuglingsfürsorge und seinen geplanten Beratungsstellen zur Verfügung gestellt. Ab Januar 1911 half hier eine der Pflegeschwestern bei der Beratung. Ein Zimmer des Hauses Hallgartenstraße 59 konnte der Stadt als Milchverteilungsstelle zur Verfügung gestellt werden (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3).

Im Jahr 1914 wurde der „breite Toreingang“ im Haus Hallgartenstraße 59 zugebaut, wodurch zwei neue Zimmer einer 3-Zimmerwohnung entstanden. Diese Zimmer wurden als Schwesternzimmer hergerichtet, mit dem Gedanken Seminaristinnen des neu gegründeten Frauen-Seminars für soziale Berufsarbeit einen Wohnplatz bieten zu können (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 4).

Abbildung Hinterhaus des Böttgerheims. Aus Keller 1913
Abb. 9: Hinterhaus des Böttgerheims.
Aus: Keller 1913
Abbildung Hinterhaus des Böttgerheims im Jahr 2022 © Edgar Bönisch
Abb. 10: Hinterhaus des Böttgerheims im Jahr 2022. © Edgar Bönisch

Menschen, Ereignisse und Netzwerke

Die Ärzte

Dr. med. Emil Kirberger (?-1905), praktischer Arzt und Kinderarzt, wohnte in der Humboldtstraße 18 (vgl.: Adressbuch Frankfurt am main 1904). Er war Mitbegründer des Vereins „Kinderheim“ (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 3) und der erste Anstaltsarzt bis zu seinem Tod am 4. Juni 1905. Die Bestattung fand im Krematorium in Offenbach statt, es sprach Sanitätsrat Dr. med. Cohn. Während seiner Krankheit hatte ihn Dr. med. Cuno vertreten.

Zum Nachfolger von Dr. Emil Kirberger als Anstaltsarzt wurde im Juni 1905 Herr Dr. med. B. Scholz. Dr. Scholz blieb bis 1908, danach wurde er Chefarzt des Bürgerhospitals.

Nachfolger von Dr. Scholz war Dr. Carl Beck, der Dr. Scholz bereits gelegentlich vertreten hatte. Dr. Beck wurde zu Beginn des Krieges zum Lazarettdienst eingezogen und an der russischen Grenze stationiert. Als Vertreter sprang, wie früher schon, Dr. Cuno ein, außerdem die Doktoren Gustav Simon und Max Plaut, bis Dr. med. Gustav Löffler stellvertretender Anstaltsarzt wurde, der selbst wiederum zum Militärdienst eingezogen wurde. Als Dr. Beck am 6. März 1916 nach „langem unheilbarem Leiden“ starb, übernahm Dr. Georg Schaub die ärztliche Leitung in Stellvertretung.

Zu den Aufgaben der Anstaltsärzte gehörte auch die Forschung. Sie forschten etwa im Bereich Muttermilch und Milchersatz und publizierten dazu. Besondere Krankheitsbilder wurden in Fachmagazinen und auf Kongressen vorgestellt. Beispielsweise trug Dr. Carl Beck auf dem 21. Kongress der südwestdeutschen Kinderärzte vor und publizierte in der Medizinischen Klinik (4/1914) über die erfolgreiche Anwendung von Caseincalciummilch als Ersatz für Eiweißmilch bei Magendarmerkranken bei Säuglingen.

Netzwerke

Eine enge Bindung an die Einrichtungen der Stadt war von Anfang an gegeben. Im Vorstand des Vereins gab es den Stadtrat Wöll und Frau Stadtrat Seidel. Das Armenamt der Stadt Frankfurt schickte Kinder und zahlte Kostgeld.

Ein besonderes Ereignis im Jahr 1904 war das Treffen der südwestdeutschen Kinderärzte in den Räumen der Anstalt. Ein Ergebnis der guten Vernetzung des Vereins Kinderheim e. V. und seine Ärzteschaft mit der Fachwelt: „[wir konnten] unseren Betrieb einem größeren Kreis von Fachmännern vorführen und [es] fand dieser allgemeine Anerkennung“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 5).

Die südwestdeutsche Gesellschaft für Kinderärzte, die sich heute Süddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. nennt, dient der Förderung der berufsübergreifenden Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland (heutige Satzung, vgl.: Süddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V.). Sie war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Spiegel guter religionsunabhängiger Zusammenarbeit von Kinderärzten. Der erste Vorsitzende im Jahr 1904 war Dr. Eugen Cahen-Brach (vgl.: vgl. Süddeutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e.V.) (1863-1942, Theresienstadt). Er studierte in Würzburg und München (Pädiater), war wissenschaftlicher Assistent am Dr. Senckenbergischen pathologischen Institut in Frankfurt und Hilfsarzt am Anna-Kinderspital in Graz. Ab 1891 praktizierter er in Frankfurt. Neben der Praxis führte er um 1900 eine Poliklinik für Kinderkrankheiten. Als Vorstand der Armenklinik übernahm er Aufbau und Leitung der Säuglingsberatungsstelle IV in Bornheim. 1915 bis 1922 leitete er das Dr. Christ’schen Kinderhospital und Ambulatorium in Sachsenhausen, Forsthausstraße 18-20 (seit 1919 Hans-Thoma-Straße). 1922 übernahm Dr. Friedrich Cuno, der bisherige Hospitalsarzt des Christ’schen Kinderhospitals im Ostend die Leitung in Sachsenhausen (vgl.: Frankfurter Personenlexikon). Auch der Nachfolger von Dr. Emil Kirberger als Anstaltsarztes in der Böttgerstraße, Dr. Scholz, gehörte der Vereinigung südwestdeutscher Kinderärzte an, deren Vorsitz er im Jahr 1905 innehatte (vgl. Süddeutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e.V.).

Auf weitere Vernetzungen weist der Vereinsvorstand Christian Wilhelm Pfeiffer hin:

Unsere Anstalt erfreue sich eines sehr regen Besuchs von Vereinen, Aerzten und Fachleuten, u. a. des Froebel-Vereins und Charitas-Verbandes, deren Mitglieder so zahlreich erschienen, daß wir sie nur abteilungsweise durch unser Haus führen konnten. Herr Professor Dr. Klumker [Der Nachlass von Professor Dr. Christian Jasper Klumker ist in der Bibliothek der Frankfurt University of Applied Sciences zu finden.] führte uns die Teilnehmer seines Fürsorge-Seminars zu und die Zentrale für private Fürsorge veranlaßte die Teilnehmer an den Kursen für soziale Arbeit, wie alljährlich, zur Besichtigung unserer Anstalt. Professoren und Aertze aus allen Teilen Deutschlands, sowie Vertreter von Städten und Korporationen aus Deutschland, England, der Schweiz und Dänemark beehrten uns mit ihrem Besuch und ernteten wir hier allseitige Anerkennung. Erwähnenswert ist auch der Besuch des Herrn v. Behr-Pinnow, Kammerherrn Ihrer Majestät der Kaiserin, der in Deren speziellem Auftrag unsere Anstalt sehr eingehend besichtigte.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 4

Am Netzwerk der Säuglings- und Kinderpflege in Frankfurt war auch die Frankfurter Wilhelm und Auguste Victoria-Stiftung beteiligt (Unterstützung für den Kinderheim e. V. 1911: 3.000 Mark, vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1912: 24 ). Die Stiftung war am 27. Februar1906 zur Erinnerung an die Silberhochzeit des Kaisers Wilhelm II und der Kaiserin Auguste von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern gegründet worden (vgl. https://frankfurt.de/themen/gesundheit/kinder-und-jugendgesundheit/fruehe-hilfen/wilhelm-und-auguste-viktoria-stiftung).

Im Jahresbericht für 1913 drückt der Vorsitzende Christian Wilhelm Pfeiffer-Belli seine Hoffnung auf Zuwachs von Schülerinnen und Pflegerinnen in der Säuglingspflegeausbildung durch das neu gegründete Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit aus (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 4).

Das Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit war ein Vorläufer des heutigen Fachbereichs Soziale Pflege und Gesundheit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Es firmierte zunächst unter der Adresse Röderbergweg 96 (vgl.: Eckhardt 2014: 34), dem kleinen Fachwerkhaus, auch „Hexenhäuschen“ genannt, in welchem heute das historische Archiv der Arbeiter Wohlfahrt untergebracht ist, unweit des ehemaligen Gumpertz’schen Siechenhauses, das an anderer Stelle unserer Webseite beschrieben wird (Vgl.: Seemann/Bönisch 2019).

Das Seminar hatte den Zweck: „die Ausbildung, insbesondere weiblicher Personen in denjenigen Wissenschaften zu vermitteln, deren Kenntnis für die Betätigung in der Wohlfahrtspflege erforderlich ist“ (Eckhardt 2014: 25). Rosa Kempf (1874-1848) leitete das Frauen-Seminar von 1913-1917. Am 1. Oktober 1913 traten die ersten sieben Praktikantinnen ihre Stellen an. Die erste theoretische Fachklasse begann am 1. Januar 1914 in der Großen Friedberger Straße 28 in angemieteten Räumen (Vgl.: Eckhardt 2014: 35).

Einige der Praktikantinnen waren in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen: „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen, betraut.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6) Über die Verbindungen zu anderen Frankfurter Institutionen sagt der Anstaltsarzt Dr. Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahem sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3). Über diese Verbindungen, speziell im Bereich der Ausbildung von Säuglings- und Krankenschwestern ist ein weiterer eigener Artikel in Vorbereitung.
Einige der Praktikantinnen waren in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen: „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen, betraut.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6) Über die Verbindungen zu anderen Frankfurter Institutionen sagt der Anstaltsarzt Dr. Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahem sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3). Über diese Verbindungen, speziell im Bereich der Ausbildung von Säuglings- und Krankenschwestern ist ein weiterer eigener Artikel in Vorbereitung.

Namensliste

Die hier vorgestellte kurze Namensliste ist eine unvollständige Sammlung, die andeutet wie viele Menschen am „Projekt Kinderheim“ beteiligt waren und deren Biografien noch zu erforschen wären. Es fließen nicht die Namen der vorliegenden Mitgliederlisten ein, aufgelistet habe ich lediglich einige Ehrenmitglieder, Vorstandsmitglieder und Beiratsmitglieder, die Hebamme Frau Daum, die Anstaltsvorsteherin und die Anstaltsärzte. Über einige Säuglingsschwestern, die hier aufgeführt sind, sind Forschungen in Planung.

NameFunktionQuelleBemerkung
Christian Wilhelm Pfeiffer (später Pfeiffer-Belli)VorsitzenderJahresbericht für 1902Auch Jahresbericht 1915, Pfeiffer-Belli am 28. Januar1916 gestorben
Fritz HappelSchriftführerJahresbericht für 1902
Walter MelberRechnungsführerJahresbericht für 1902
Fr. Professor CuersBeiratJahresbericht für 1902
Fr. Professor FreundBeiratJahresbericht für 1902
Fritz GansBeirat, EhrenvorsitzenderJahresbericht für 1902
Charles HallgartenBeiratJahresbericht für 1902
Fräulein Johanna KalbBeiratJahresbericht für 1902
Dr. Emil KirbergerBeiratJahresbericht für 1902Dr. med. Emil, Anstaltsarzt, gestorben am 4. Juni 1905, Mitgründer
Frau Dr. O. NeubürgerBeiratJahresbericht für 1902Gestorben im Juli 1914, Hatty Neubürger geb. Hallgarten. Vereinsmitgründerin
Frau Professor v. NoordenBeiratJahresbericht für 1902Vermutlich die Frau von Professor Carl von Noorden, der 1895 der Mitbegründer der ersten deutschen Diabetikerklinik, heute „Krankenhaus Sachsenhausen“ war.
Dr. A. RaabBeiratJahresbericht für 1902November 1911 verstorben, Gründungsmitglied, hatte viel Erfahrung im Armen und Fürsorgewesen.
Frau Jacob ReutlingerBeiratJahresbericht für 1902
A. SabarthBeiratJahresbericht für 1902
Frau Rudolf SchmidtBeiratJahresbericht für 1902
Frau Stadtrat SeidelBeiratJahresbericht für 1902
Frau Oberin TrömperBeiratJahresbericht für 1902
Frau Robert WernerBeiratJahresbericht für 1902
Stadtrat Dr. WöllBeiratJahresbericht für 1902
Julius EmmerlingKassenprüfer, BeiratJahresbericht für 1902Gestorben 1907
August WirsingKassenprüferJahresbericht für 1902
Rechtsanwalt AbtBeiratJahresbericht für 1904 
Dr. R. SternBeiratJahresbericht für 1904 
Fräulein Elisabeth LippertJahresbericht für 1904Vorsteherin der Anstalt „Kinderheim“, Wirtschafterin
Dr. med. B. ScholzBeiratJahresbericht für 1905Anstaltsarzt, Nachfolger von Dr. Kirberger und Anstaltsarzt bis 1908, er wurde Chefarzt des Bürgerhospitals. Nachfolger ist Dr. Carl Beck
Karl StiebelBeiratJahresbericht für 1905Kaufmann, Kunstsammler, Philantrop (1854-1928) Als Nachfolger seines verstorbenen Vaters wurde S. 1902 zum Administrator des Dr. Christ’schen Kinderhospitals und der angeschlossenen Entbindungsanstalt gewählt. Frankfurter Personenlexikon
Dr. C. SulzbachBeiratJahresbericht für 1905 
F. Leuchs-MackSchriftführerJahresbericht für 1905Gestorben am 15. März 1914
Frau Wilhelmine DaumHebammeJahresbericht für 1904 und 1914 
Dr. med. CunoVertretung des erkrankten Dr. KirbergJahresbericht für 1905Vertritt öfter den Anstaltsarzt, so auch 1914 als Dr. Beck zum Lazarettdienst eingezogen worden war.
Professor Dr. ReisserHilft bei der Diphteriepidemie ausJahresbericht für 1907:12
Herr Dr. SchnaudigelHalf in der medizinischen Abteilung ausJahresbericht für 1907: 13 
Herr Dr. Carl BeckVertrat öfter Dr ScholzJahresbericht für 1907: 13Nachfolger von Dr. Scholz als Anstaltsarzt ab 1908. Zuvor Vertretungen. Dr. Beck wurde zu Beginn des Krieges zum Lazarettdienst eingezogen. Zum Zeitpunkt des Jahresberichts für 1914 befindet er sich an der russischen Grenze. Im Feld erkrankt Dr. Beck erneut und nach langem unheilbarem Leiden stirbt er am 6. März 1916.
Dr. Hans FesterBeiratJahresbericht für 1908 
Generaldirektor A. HaeffnerBeiratJahresbericht für 1908 
Geheimrat OehlerBeiratJahresbericht für 1908 
Frau Ludwig GansBeiratJahresbericht für 1910 
Herr August SachßeBeiratJahresbericht für 1910 
Frau Pauline WeinbergBeiratJahresbericht für 1910 
Frau Dr. FesterBeiraatJahresbericht- für 1911 
Frau Dr. A. JassonBeiratJahresbericht- für 1911 
Frau Oskar Franklin OppenheimerBeiratJahresbericht- für 1911 
Herr Paul SternbergBeiratJahresbericht- für 1911Nach dem Tod des Vorsitzenden Pfeiffer-Belli übernimmt Paul Sternberg den Vorsitz 4. April 1916. Er stirbt jedoch berits am 31. Juli 1916 an einer Lungenentzündung.
Frau J. C. von KramerBeiratJahresbericht für 1914 
Dr. med. Gustav SimonArztvertretungJahresbericht für 1914Vertritt Dr. Beck während des Lazarettdienstes
Dr. med. Max PlautArztvertretungJahresbericht für 1914Vertritt Dr. Beck während des Lazarettdienstes
Frau Ludwig von GansBeiratJahresbericht für 1915 
Dr. med. Gustav Löffler Jahresbericht für 1915Stellvertretender Anstaltsarzt für Dr. Beck. Er wird Ende 1916 zum Militär eingezogen.
Frau Fritz Jaeger-ManskopfBeiratJahresbericht für 1916 
Herr Dr. Georg SchaubArztvertretungJahresbericht für 1916: 6Nach Dr. Löfflers Antritt beim Militär übernimmt Dr. Georg Schaub die ärztliche Leitung in Vertretung.
B. Oppelt Adressbuch 1905Hausmeister
Maria LippertOberschwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.6.1904, geb. 29.6.1867 in Frankfurt am Main
Margarete KiehlSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.1. 1913, geb. 5.10.1887 in Königsberg
Helene AnthesSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.4.1920, geb. 8.5.1897 in Frankfurt
Margarete KottmayerSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.10.1913, geb. 22.4.1885 in Nied
Agnes KalyttaSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 25.11.1915, geb. 8.1.1890 in Zaborze/Sches.
Lina, Burchardt Jugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.11.1919, geb. 30.7.1880 in Frankfurt
Tabelle von Namen im Umkreis der Böttgerklinik

Kriegsauswirkungen 1914

Der Jahresbericht für 1914 gibt ein Beispiel zu den Auswirkungen des Kriegs für die Anstalt des Kinderheim e. V. Der Anstaltsarzt Dr. Beck, wird zum Lazarettdienst eingezogen, Dr. Cuno, Dr. Simon und Dr. Plaut vertreten ihn. „Ausgebildete Pflegeschwestern sind augenblicklich schwer zu beschaffen, da die verfügbaren Kräfte in den Kriegslazaretten tätig sind. An Anmeldungen von Schülerinnen fehlt es uns jedoch nicht.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 6)

1914 sagte der Verein zu, dass man 20 Kinder von „im Felde befindlichen Kriegern“ zu einem geringen Preis (30 Pfennig pro Tag) in der Anstalt verpflegen würde. Zeitweise waren so bis zu 95 Pfleglinge in den Häusern der Anstalt (ebd.).Gleichzeitig schrumpften die Mitgliederzahlen, sodass weniger Beiträge gesammelt werden konnten (Ende 1916 waren es 364 Mitglieder). (Vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1916: 6)

Das Kinderheim wird städtische Kinderklinik

Von Anfang an hatte der Verein das Problem der Finanzierung der Klinik und der Pflegerinnenschule. Hier ein Auszug aus dem Jahresbericht für 1906:

Die finanzielle Lage unseres Vereins […] nötigte uns, unser Hauptaugenmerk auf die Gewinnung neuer Mitglieder zu richten und durch Veranstaltung von Sammlungen einmalige Spenden zu erzielen. Unsere Bemühungen sind nicht ohne Erfolg geblieben. Die Zahl unserer Mitglieder hat sich um 30 vermehrt, was eine Vermehrung der Jahresbeiträge von M. 519,- zur Folge hatte. An einmaligen Spenden verzeichneten M. 7162, also fast so viel wie im Vorjahr.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 4

Hinzu kamen noch die Pflegegelder von ca. 16.000 Mark Es musste zur gänzlichen Deckung der Unkosten ein Kredit über 4.500 Mark aufgenommen werden. Auch wurde ein Antrag beim Magistrat der Stadt Frankfurt auf eine jährliche Subvention gestellt (vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906).

Eine Anmerkung für das Jahr 1912 zeigt, welche Möglichkeiten für Einnahmen man darüber hinaus generierte:

Wir wollen bei dieser Gelegenheit an unsere Privatzimmer erinnern, die auch im Berichtsjahr [1912] mehrfach benutzt wurden. Wir können in diesen, Kindern vermögender Eltern eine wissenschaftliche Pflege angedeihen lassen, die im Elternhaus unmöglich geleistet werden kann und unter Umständen können wir Säuglinge am Leben erhalten, die sonst unrettbar dem Tode verfallen sind. Auch die Herren Aerzte möchten wir speziell auf diese Einrichtung aufmerksam machen.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1912: 5

Im Jahr 1919 erhöht die Stadt Frankfurt den zuletzt jährlichen Zuschuss für den Verein auf 15.000 Mark (vgl.: Magistratsbeschluss No. 1669 vom 28. August 1919. Magistratsakte V / 568). Recht regelmäßige Unterstützung kam von der Wilhelm und Auguste-Victoria-Stiftung, z. B. für 1914 3.000 Mark, die Stadt hatte 1.000 Mark gegeben (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 22).

Nachdem die Finanzierung der Anstalt nach dem Krieg durch den Verein nicht mehr zu leisten war, wurde der Verein am 1. Oktober 1920 aufgelöst. Das Böttgerheim übernahm die Stadt Frankfurt, die es weiterführte (vgl.: Thomann-Honscha 1988: 157).

Bemerkenswert ist, dass der Kinderarzt Paul Grosser (1880-1934), Vater des Politikwissenschaftlers und Publizisten Alfred Grosser, vermutlich zur Jahreswende 1920/21 zum leitenden Arzt der Anstalt berufen wurde. Seine Anstellung wurde zunächst aus einer Stiftung des Rechtsanwalts Eduard Baerwald (1875-1934) finanziert. Grosser leitete das „Kinderheim Städtische Säuglingsheim“ bis zum 31. Dezember 1929 und baute die Anstalt zu einem modernen und hochqualifizierten Kinderkrankenhaus aus. Ab 1930 wurde er Leiter des Clementine-Kinderhospitals an der Bornheimer Landwehr 60 (Frankfurter Personenlexikon).

Quellen

Archivalien

Institut für Stadtgeschichte

Akte Kartensammlung Hochbauamt S8-HBA, 657

Akte Magistratsakte V / 568 Kinderheim

  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: I. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1902, Frankfurt 1903
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: II. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1903, Frankfurt 1904 [nicht auffindbar EB]
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: III. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1904, Frankfurt 1905
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1905, Frankfurt 1906
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: V. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1906, Frankfurt 1907
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1907, Frankfurt 1908
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1908, Frankfurt 1909
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IX. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1910, Frankfurt 1911
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: X. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1911, Frankfurt 1912
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1912, Frankfurt 1913
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1913, Frankfurt 1914
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XIV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1915, Frankfurt 1916
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: 15. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1916, Frankfurt 1917

Literatur

Adressbücher der Stadt Frankfurt 1904: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodikaffm/8688083
1905-1924: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodikaffm/8681432

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege. Der Beginn der professionellen Säuglingskrankenpflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege, 2. Jg., 1/2013: 25-34

Bönisch, Edgar 2022: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege, Frankfurt am Main, www.juedische-pflegegeschichte.de

Der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main 2014: „Warum nur Frauen?“ 100 Jahre Ausbildung für soziale Berufe

Eckhardt, Hanna/Eckhardt, Dieter 2014: Das „Frauenseminar für soziale Berufsarbeit“. Die „Wohlfahrtsschule für Hessen-Nassau und Hessen“ 1913-1933, in: Der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main: „Warum nur Frauen?“ 100 Jahre Ausbildung für soziale Berufe

Gans, Angela von/Groening, Monika 2006: Die Familie Gans 1350-1963. Ursprung und Schicksal einer wiederentdeckten Gelehrten- und Wirtschaftsdynastie, Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Base

Kinderheim e. V. 1909: Kinderheim Frankfurt a. Main (Sonderdruck)

Keller, Arthur 1913: Kinderheim Frankfurt a. M., Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a. M., Manuskript, Frankfurt am Main

Pfeiffer-Belli, Erich 1986: Junge Jahre im alten Frankfurt. Und eines langen Lebens Reise, Wiesbaden und München

Seemann, Birgit/Bönisch, Edgar 2019: Das Gumpertz’sche Siechenhaus. Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung, Frankfurt am Main

Süddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugenmedizin e. V. Chronik SGKJ www.sgkj.de/ueber-uns/chronik 802.08.20229

Edith (Siesel) Einhorn (1930 [Frankfurt a.M.] – 1944 Vernichtungslager Auschwitz), ohne Jahr, u.a. Kinderheim der Weiblichen Fürsorge, Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch Mahnkopp 2023; JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024]

Die Frankfurter jüdische Kinder- und Säuglingspflege unter dem Nationalsozialismus

Ein Beitrag von Birgit Seemann, März 2024

Einführung

„Die Jüdische Wohlfahrtspflege hat in immer steigendem [sic!] Maße während des ganzen Jahres die Wirtschafts-, Jugend-, Kranken- und Auswandererfürsorge für die jüdischen Hilfsbedürftigen Frankfurts durchzuführen. Hierzu tritt während des Sommers die Erholungsfürsorge. (…). Aber auch für unsere Kinder und Jugendlichen muß gesorgt werden. Ihr Gesundheitszustand hat sich erheblich verschlechtert.“

Aufruf der Israelitischen Gemeinde und der Jüdischen Wohlfahrtspflege (unterzeichnet von Dr. Blau und Dr. Ettlinger), Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt, Juni 1936 (zit. n. Andernacht/ Sterling 1963: 307, VI 32)

Aron Geld wurde am 20. August 1920 in Frankfurt am Main geboren. Er stammte aus einer frommen polnisch-jüdischen Familie mit sechs Kindern, ein Bruder verstarb bereits als Kleinkind. Sein Vater Naftali betrieb in der damaligen Obermainstraße 28, seit 1921 zugleich die Familienwohnung, eine Uhrenreparaturwerkstatt. Im März 1933 floh Naftali Geld aus Nazideutschland nach Paris, seine Frau Brakha folgte mit Arons vier Geschwistern nach. Ende 1934 erreichte die Familie Geld das damalige britische Mandatsgebiet Palästina mit hohen Einreisehürden. Wohl deshalb musste sie Aron, welcher an einer chronischen Beinlähmung litt, in Frankfurt zurücklassen. Um 1934 fand der Jugendliche Aufnahme im Gumpertz’schen Siechenhaus, einem orthodox-jüdischen Pflegeheim im Röderbergweg zur Langzeitversorgung Bedürftiger mit chronischen Leiden; unter den mehrheitlich älteren Bewohner/-innen war er vermutlich das „Nesthäkchen“. Mit Freude begleitete Arons neue Familie, die „Kehilloh Gumpertz“, seine Ausbildung zum Chasan (Kantor und Vorbeter in der Synagoge) – bis zu dem Tag der von den NS-Behörden angeordneten Zwangsräumung. Es war der 7. April 1941, ein Montag. Binnen 24 Stunden wurden die teils bettlägerigen Bewohner/innen in die eilends eingerichtete Alten- und Siechenabteilung des (für eine Langzeitversorgung gar nicht ausgerichteten) Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36 zusammengepfercht. Diejenigen, die nicht bereits in der Klinik verstarben, erlitten am 18. August 1942 – zwei Tage vor Aron Gelds 22. Geburtstag – zusammen mit dem Gumpertz’schen Personal die Deportation nach Theresienstadt. Im Lager ist die Stimme des begabten jungen Chasan am 12. April 1943 für immer verstummt (Seemann 2019: 163; JM Ffm Shoah Memorial; Terezin Opferdatenbank; Yad Vashem; s. auch Kingreen/ Eichler 2023: 125-133).

Der Fokus dieses Artikels liegt auf Frankfurter oder von Frankfurt am Main aus verwalteten jüdischen Institutionen mit medizinischer, pflegerischer und therapeutischer Versorgung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. In diesem Kontext kann etwa auf die Israelitische Waisenanstalt, das Erziehungsheim der Flersheim-Sichel-Stiftung oder das Kinderheim der Weiblichen Fürsorge (s. auch Mahnkopp 2023) nicht näher eingegangen werden. Insbesondere nach den 1935 erlassenen „Nürnberger Rassegesetzen“ hatten wegen physischer, psychischer oder mentaler Einschränkungen besonders schutzbedürftige Kinder und Jugendliche jüdischer Herkunft auch noch unter den gezielt gesteigerten antisemitischen Ausgrenzungen und Angriffen des NS-Staates zu leiden. Der britische Historiker Simon Parkin gab zudem zu bedenken: „Unter einem Regime zu leben, das einen selbst und die eigene Familie ausbeuten, unsichtbar machen oder gar töten will, übt einen bedrückenden und verstörenden psychischen Druck auf die menschliche Seele aus (…)“ (Parkin 2023: 70). Wie bei Aron Geld blieb Kindern mit gesundheitlichen Einschränkungen die Flucht aus Nazideutschland gemeinsam mit Angehörigen oder durch Kinderrettungsaktionen (für Frankfurt a.M. Rieber/ Lieberz-Groß 2018; Hebauf 2022; s. auch Maierhof u.a. 2004) häufig verwehrt.

Bislang kennt niemand ihre genaue Zahl. Hinweise für die weitere Spurensuche übermittelt das Online-Portal Shoah Memorial Frankfurt, das ab dem Geburtsjahr 1920 die Namen und Daten von 1.283 aus Frankfurt a.M. deportierten Kindern und jungen Menschen verzeichnet (JM Ffm Shoah Memorial, Stand: 23.03.2024).

Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Inge Regina Heippert (geb. 1932, Schwester von Lydia Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Inge Regina Heippert (geb. 1932, Schwester von Lydia Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Lydia Heippert (geb. 1938, Schwester von Inge Regina Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Gedenkblatt für die in Frankfurt am Main geborene Lydia Heippert (geb. 1938, Schwester von Inge Regina Heippert), nach heutiger Kenntnis Opfer der NS-Massenerschießungen am 25.11.1941 in Kaunas/Kowno, Litauen – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial) [23.03.2024])
Edith (Siesel) Einhorn (1930 [Frankfurt a.M.] – 1944 Vernichtungslager Auschwitz), ohne Jahr, u.a. Kinderheim der Weiblichen Fürsorge, Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch Mahnkopp 2023; JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024]
Edith (Siesel) Einhorn (1930 [Frankfurt a.M.] – 1944 Vernichtungslager Auschwitz), ohne Jahr, u.a. Kinderheim der Weiblichen Fürsorge, Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch Mahnkopp 2023; JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024]
Horst Bergmann (1926 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Majdanek), ohne Jahr, u.a. Israelitisches Kinderheim Diez an der Lahn, Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])
Horst Bergmann (1926 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Majdanek), ohne Jahr, u.a. Israelitisches Kinderheim Diez an der Lahn, Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a.M. – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])
Kurt de Jong (1932 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Auschwitz) – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])
Kurt de Jong (1932 Frankfurt a.M. – 1942 Vernichtungslager Auschwitz) – © Credit of Yad Vashem, Jerusalem (s. auch JM Ffm Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm [23.03.2024])

Biografische Daten und teils sogar gerettete Fotografien übermitteln neben Shoah Memorial Frankfurt und der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem für Frankfurt auch die Internetseiten der Erinnerungsprojekte Stolpersteine in Frankfurt am Main (Stolpersteine Ffm), Jüdisches Leben in Frankfurt (Jüdisches Leben Ffm) oder Platz der vergessenen Kinder: Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V. (Mahnkopp 2023). Insgesamt aber erweist sich die Quellenlage vor allem wegen fehlender Personal- und Krankenakten auch hier als disparat. Deshalb liest sich im Folgenden auch dieser Beitrag als eine mosaikförmige Zusammenschau – und zugleich als Ermutigung zu weiterer Forschungs- und Erinnerungsarbeit.

Jüdische Frankfurter Stiftungen der Kinderpflege

Die Lebensspuren der aus Polen stammenden Frankfurter jüdischen Geschwister Edith (geb. 1930) und David Einhorn (geb. 1932) enden im Vernichtungslager Auschwitz. Über ihren Gesundheitszustand vor der Shoah ist wenig bekannt, doch lässt ihre Familienbiografie – aufgezeichnet auf der Internetseite https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine/stolpersteine-im-ostend/familien/einhorn-sabine-philipp-mendel-bertha-josef-karniel-edith-und-david (Stolpersteine Ffm: Stolperstein-Biographien im Ostend) – schwierige soziale Verhältnisse und unstete Heimkindheiten vermuten (s. auch Mahnkopp 2023). Möglicherweise halfen ihnen Kinderpflege-Stiftungen aus dem Frankfurter jüdischen Bürgertum (Schiebler 1994: 157-166); sie sind durch ihre zwangsweise NS-Auflösung heute kaum noch bekannt. Erwähnt sei etwa die 1899 errichtete Achille Alexandre’sche Bikkur Cholim-Stiftung, welche „kranke israelitische Kinder bis zum 13. Lebensjahr mit Medikamenten und Barmitteln“ unterstützte (ebd.: 158). Leitendes Verwaltungsmitglied war 1917 mit Lyon Seeligmann (1866 – 1948 im Londoner Exil, Bankhaus Mainz & Seeligmann) ein Schwiegersohn des Zedaka-Organisators Michael Moses Mainz (Seemann 2023); der Verbleib der Stiftung ist bislang ungeklärt. Die 1916 gegründete selbständige Dr. Karl und Mathilde Kaufmann-Stiftung widmete ihre Erträge der Behandlung in Krankheitsfällen sowie von Kuraufenthalten für Kinder „jeden Alters und Glaubens“ (Schiebler 1994: 163). Im Vorstand wirkte 1917 u.a. Sanitätsrat Dr. med. John Rothschild (1869 – 1951 im Exil von Key Gardens/ New York), einer der ersten niedergelassenen Frankfurter Kinderärzte und langjähriger Stadtschularzt. Dank einer Schenkung der Brüder Max und Gustav Kaufmann zugunsten erholungsbedürftiger Kinder entstand im gleichen Gründungsjahr (1916) wie die Dr. Karl und Mathilde Kaufmann-Stiftung als unselbständige Stiftung der Stadt Frankfurt am Main die ebenfalls interkonfessionell angelegte Leopold H. Kaufmann-Stiftung. Unter dem Nationalsozialismus wurde das Restvermögen der Dr. Karl und Mathilde Kaufmann-Stiftung und vermutlich auch der Leopold H. Kaufmann-Stiftung im Jahr 1939 in die Frankfurter Jugendfürsorge-Stiftung eingegliedert (Schiebler 1994: 163; ISG FFM: Bestand A.30.02 Nr. 244; Arcinsys Hessen).

Weiter zu erforschen bleibt auch ein ambitioniertes Sozialprojekt der Frankfurter jüdischen Kinderpflege: die „Stiftung zur Erziehung geistig oder körperlich gefährdeter israelitischer Kinder (Israelitischer Kinderhort) e.V.“ in der damaligen Bleichstraße 8 (ISG FFM A.30.02 Nr. 223; HHStAW 519/3 Nr. 16340). Über das Wirken der anfänglichen „Stiftung für gebrechliche oder verwahrloste bedürftige israelitische Kinder“ – deren Vereinsgründung erfolgte nach Gerhard Schieblers Recherche im Jahr 1881 (Schiebler 1994: 166; s. auch Arnsberg 1983 Bd. 2: 119) – informierte der Pädiater, Sozialmediziner und Stadtverordnete Sanitätsrat Prof. Dr. Wilhelm Hanauer (1866–1940):

„Ihr Zweck ist, bedürftigen israelitischen Kindern, die mit körperlichen, geistigen oder sittlichen Gebrechen behaftet sind, Unterhalt, Kleidung und Erziehung oder sonst geeignete Beihilfe, unter anderem auch eine entsprechende Unterkunft und ärztliche Behandlung, zu gewähren und sie arbeits- und erwerbsfähig zu machen. 1912 wurden 29 Kinder unterstützt. Seit etwa 10 Jahren [um 1904, d.V.] hat diese Stiftung Kinderhorte errichtet (…).“

(Hanauer 1914: 52-53)

Die Horte der Stiftung zur Erziehung geistig oder körperlich gefährdeter israelitischer Kinder boten 70 Plätze für Mädchen und Jungen. Verbunden ist das Zedaka-Projekt vor allem mit den heute nicht mehr bekannten Namen des wohltätigen Ehepaares Moritz Metzger (1853-1915) und Ida Henriette Metzger geb. Kahn (1868-1934) (Einträge bei Geni: https://www.geni.com/people/Moritz-Metzger/6000000005934755245 und https://www.geni.com/people/Ida-Metzger/6000000005933795757 [23.03.2024]). Neben weiteren Ämtern im Dienste der Wohlfahrt für benachteiligte Kinder führte Moritz Metzger bis zu seinem Tod den Vorsitz der Stiftung (Kurznachruf in: NJP/FIF 13 (1915) 34, S. 4, online: UB JCS Ffm: Compact Memory, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2692957). Er verstarb 1915 vermutlich aus Kummer um seinen kurz zuvor im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn Franz – wohl das einzige Kind. Seine Witwe Ida Metzger übernahm den Vorsitz, ein Amt, das sie fast zwei Jahrzehnte lang bis zu ihrem eigenen Tod im Jahr 1934 ausübte. Stellvertretender Vorsitzender war in den 1930er Jahren der Direktor der Frankfurter jüdischen Schule Philanthropin Dr. phil. Otto Iwan Driesen (geb. 1875), ein höchst innovativer Pädagoge und Philologe sowie Bruder der Frankfurter Marcus Horovitz-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith (Hoppe 2023; Seemann 2023; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Driesen [23.03.2024]), dessen Leben vermutlich 1943 im Vernichtungslager Sobibor gewaltsam endete. Den Verein der Stiftung zur Erziehung geistig oder körperlich gefährdeter israelitischer Kinder (Israelitischer Kinderhort) lösten die Nationalsozialisten vermutlich im Jahr 1939 auf.

Annonce des Israelitischen Kinderhorts, 1936 – Nachweis: Israelitisches Familienblatt 38 (1936) 29 (digitalisiert o.S.), online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582637
Annonce des Israelitischen Kinderhorts, 1936 – Nachweis: Israelitisches Familienblatt 38 (1936) 29 (digitalisiert o.S.), online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582637

Jüdische Kur- und Therapieprojekte für Kinder und Jugendliche

Das Raphael und Jeanette Ettlinger‘sche Kinderheim, Hofheim – Nachweis: Neue Jüdische Presse/ Frankfurter Israelitisches Familienblatt 11 (1913) 2, S. 4, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2702486
Das Raphael und Jeanette Ettlinger‘sche Kinderheim, Hofheim – Nachweis: Neue Jüdische Presse/ Frankfurter Israelitisches Familienblatt 11 (1913) 2, S. 4, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2702486

Als Vorstandsmitglieder des Raphael und Jeanette Ettlinger-Heims e.V. (Schiebler 1994: 160-161; Seemann 2023; HHStAW 518 Nr. 1274; Alemannia Judaica Hofheim) kümmerten sich Ida und Moritz Metzger überdies um ein von Frankfurt am Main aus gegründetes und verwaltetes Kinderkurheim in Hofheim am Taunus. Auch diese jüdische Institution lösten die NS-Behörden im Jahr 1939 gewaltsam auf (s. auch Andernacht/ Sterling 1963: 327); drei Jahre zuvor hatten sie bereits eine Sammlung zugunsten des Kinderheims beschlagnahmt (HHStAW 474/3 Nr. 936). Zum Hofheimer Projekt heißt es in einem Überblick über jüdische Kinderheilstätten, 1937 gedruckt im Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg:

„In den letzten fünf Jahren fanden in den Frühjahrs- und Herbstmonaten auch Erwachsene und Kinder von 4-6 Jahren Aufnahme. Zur Aufnahme gelangen Fälle wie Anämie, Rachitis, chronische Erkrankungen der Atmungsorgane, Herzneurose, ferner Rekonvaleszenten nach akuten Krankheiten. Heilverfahren: neben reichlicher und abwechslungsreicher Kost Höhensonne, Liegekur und medizinische Bäder.“

(Jüdische Kinderheilstätten 1937: 4)

Der Artikel erwähnt auch die ebenfalls von Frankfurt aus verwaltete Israelitische Kinderheilstätte zu Bad Nauheim (Schiebler 1994: 162; Kingreen 1999); bei Erscheinen des Beitrags (1937) war die Einrichtung bereits geschlossen:

„Außer Kindern mit Herzkrankheiten kommen vor allem auch solche mit Erkrankungen des Stoffwechsels, der Muskeln und Gelenke, Skrofulose, Rachitis, Blutarmut in Frage. (…) Zur Aufnahme kommen Kinder von 4-16 Jahren.“

(Jüdische Kinderheilstätten 1937: 4)

Die NS-„Arisierung“ beider Kurheime bedeutete eine weitere drastische Einschränkung der Genesungs- und Erholungsmöglichkeiten für jüdische Mädchen und Jungen; die letzten Schutzräume wurden ihnen genommen.

Der Kalmenhof und seine Jüdische Abteilung

Kalmenhof in Idstein (Taunus): Gründungstafel mit den Namen von Rudolph Ehlers, Charles L. Hallgarten und August von Hergenhahn, 1952 – Nachweis: Fotoaufnahme 15.11.2010 (Frank Winkelmann), Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ausstellung_Kalmenhof_002.JPG?uselang=de [24.03.2024]
Kalmenhof in Idstein (Taunus): Gründungstafel mit den Namen von Rudolph Ehlers, Charles L. Hallgarten und August von Hergenhahn, 1952 – Nachweis: Fotoaufnahme 15.11.2010 (Frank Winkelmann), Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ausstellung_Kalmenhof_002.JPG?uselang=de [24.03.2024]

Überregionale Bekanntheit erlangte die interkonfessionelle Heil- und Pflegeeinrichtung Kalmenhof in Idstein (Rheingau-Taunus-Kreis) mit einer eigenen Jüdischen Abteilung, heute eine sozial- und heilpädagogische Einrichtung (mit Gedenkstätte) der Vitos Teilhabe (Vitos GmbH, Landeswohlfahrtsverband Hessen, https://www.vitos.de/gesellschaften/vitos-teilhabe [23.03.2024]). 1888 auf Initiative jüdischer und christlicher Bürger/innen – vor allem des Frankfurter jüdischen Sozialreformers Charles L. Hallgarten (1838-1908) und seiner Gattin Elise geb. Mainzer (1840-1895) – errichtet, genoss der Kalmenhof (zu Anfang: „Calmenhof“) den Ruf einer humanitären Reformanstalt. Dann folgte mit dem Nationalsozialismus der Absturz in die rassenideologische Menschenfeindlichkeit: Der Kalmenhof wurde „Zwischenanstalt“ für die NS-Tötungsanstalt Hadamar; in der Kinderfachabteilung seines Krankenhauses fielen Hunderte von Kindern und jungen Menschen dem NS-„Euthanasie“-Massenmord zum Opfer (einführend Wikipedia mit Literaturhinweisen: https://de.wikipedia.org/wiki/Kalmenhof; HHStAW Bestand 430/3: Landesheilanstalten: Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein [mit ausführlicher Bestandsgeschichte] sowie weitere Einträge bei Arcinsys Hessen; Schneider, Christoph 2024 (im Erscheinen): Der Kalmenhof. NS- „Euthanasie“ und ihre Nachgeschichte. Paderborn; die Erinnerungsseiten Gedenkort Kalmenhof: https://www.gedenkort-kalmenhof.de sowie https://www.kalmenhof-gedenken.de [23.03.2024]).

Gewaltsam aufgelöst wurde auch die Jüdische Abteilung der damaligen „Heilerziehungsanstalt“ Kalmenhof, eingerichtet in den 1920er Jahren eingerichtet und verwaltet durch den Hessischen Landesverband für Jüdische Wohlfahrtspflege mit Sitz in Frankfurt, Lange Straße 30 (Kalmenhof 1925 u. 1930; Schiebler 1994: 159; s. auch Alemannia Judaica Idstein). Es wurde Religionsunterricht angeboten und am 21. September 1924, wie das orthodox-jüdische Presseorgan Der Israelit berichtete, eine „rituelle Küche“ im Heim eröffnet:

„Hier wird von jüdischem Personal nach den strengen Vorschriften ihres Glaubens für die jüdischen Zöglinge gekocht und gegessen. Der Vorstand der Anstalt hat durch diese Einrichtung gezeigt, dass es ihm ernst ist mit der Ausübung wirklicher Toleranz, nicht in dem Sinne einer Verwischung der religiösen Eigentümlichkeiten und des Aufgehens des konfessionellen Lehrgutes in einem allgemeinen religiösen Bildungsbrei, sondern in der Achtung und gegenseitigen Anerkennung der religiösen Eigenart, wohl wissend, welche starken erziehlichen Kräfte gerade für Schwachsinnige [damals eine gängige Bezeichnung, d.V.] in der Ausübung des religiösen Kultus ruhen.“

(Kalmenhof 1925 [Orthografie nach Original])

Über Herkunft, Alter und Ausbildung der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner des Kalmenhofs im Jahr 1930 erfahren wir aus der Zeitschrift der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden:

„Von den 152 jüdischen Zöglingen im Jahre 1930 waren 125 männlich, 27 weiblich, 33 im Alter von 6 bis 14, 68 im Alter von 14 bis 21, und 49 über 21 Jahre alt (bei zweien fehlen die Angaben). Von den 152 Pfleglingen waren 39 vor ihrer Einweisung nach Idstein schon in einer Anstalt untergebracht. In 55 Fällen lag Geisteskrankheit in der Familie vor.
35 Pfleglinge sind in Hessen geboren, davon 14 in Frankfurt a.M., aus Berlin stammen 15, aus Hamburg 13, aus der Rheinprovinz sind 21 Zöglinge in der Anstalt untergebracht worden, davon 10 aus Köln; aus Westfalen wurden der Anstalt 11, aus Bayern 9, aus Hannover 4, aus Thüringen, Sachsen und Baden je 3, aus dem Saargebiet und Schlesien je 2, aus Ostpreußen, Pommern, Westpreußen und Württemberg je 1 Pflegling überwiesen. Aus Polen stammen 10 Zöglinge, aus der Tschechei 3, aus Palästina, der Schweiz und Griechenland je 2 Pfleglinge, aus Amerika, Rußland, Holland, Elsaß, Belgien und Aegypten je 1. (…) Die größte Zahl der in der Heilerziehungsanstalt befindlichen Pfleglinge (53 [sic!]) ist dauernd anstaltsbedürftig (…).
41 Zöglinge machen eine handwerkliche Ausbildung durch (Korbmacher, Bürstenmacher, Buchbinder, Schneider, Spengler, Schreiner, Sattler, Bäcker, Schlosser, Buchdrucker, Schuhmacher), 16 werden im Haushalt beschäftigt (Nähstube, Küche, Plätterei [Bügeln von Wäsche, d.V.], Haushalt, Hausbursche). 19 Pfleglinge werden in der Landwirtschaft und in der Gärtnerei ausgebildet. Sonstigen Berufen konnten 8 Personen zugeführt werden (Hilfsarbeit, Kinderpflege, Büro, Lagerverwalter), 32 Kinder gingen noch zur Schule, 36 Pfleglinge können keinen Beruf ausüben.“

(Kalmenhof 1930: 482-483 [Orthografie nach Original])

Noch 1932 waren nach Auskunft des Wiesbadener Oberkantors und Lehrers Saul Lilienthal (1877 – 1944 Vernichtungslager Auschwitz) 150 von insgesamt 750 „Pfleglingen“ des Kalmenhofs jüdisch, in der Jüdischen Abteilung betreut von einem Lehrer, einem Gehilfen und einer Köchin. Unter dem Nationalsozialismus sank ihre Zahl bis 1935/36 auf nur noch etwa 60 jüdische Bewohner/innen (Lilienthal S. 1936: 396). Die Jüdische Abteilung hörte auf zu existieren. Die Rekonstruktion der Biografien und der NS-Verfolgung jüdischer Heimbewohner/innen gestaltet sich insgesamt als schwierig (s. auch Lilienthal G. 2009; Hinz-Wessels 2013), doch liegen dank der Historikerin Martina Hartmann-Menz Informationen zu einem jüdischen Gepflegten des Kalmenhofs vor: Semi Rothschild (geb. 1911), „im Juni 1930 in die Heilerziehungsanstalt Kamenhof in Idstein überwiesen“ (Hartmann-Menz o.J.). Nach der NS-Schließung der Jüdischen Abteilung erkämpfte Semi Rothschilds Vater 1936 die Entlassung seines Sohnes, konnte aber dessen Zwangssterilisierung auf Antrag der Kalmenhof-Anstaltsleitung wegen angeblichen „angeborenen Schwachsinns“ nicht verhindern. Semi Rothschild kehrte zu seiner Familie zurück. Vermutlich 1942 wurde er zusammen mit seinen Eltern im Ghetto von Riga (Lettland) ermordet (ebd.; siehe zu Albert Wolf (1892-1941), einem weiteren jüdischen Kalmenhof-Bewohner, Flick 2023).

Von weiteren namentlich bekannten Kalmenhof-Bewohner/-innen jüdischer Herkunft ist nicht überliefert, ob sie wie Semi Rothschild ebenfalls aus frommen Familien stammten und in der Jüdischen Abteilung betreut wurden. Hierzu gehören Julius Steinberger (geb. 1917) und Erwin Strauss (geb. 1924), beide in Frankfurt am Main geboren: Sie gingen mit ihrer Verlegung vom Kalmenhof über die Landesheilanstalt Weilmünster in die Tötungsanstalt Hadamar, wo beide am 7. Februar 1941 ermordet wurden, den gleichen Leidensweg (BArch Gedenkbuch; Yad Vashem).

Gedenkblatt für Erwin Strauss (geb. 1924), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem
Gedenkblatt für Erwin Strauss (geb. 1924), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem

Zu der 1926 ebenfalls in Frankfurt am Main geborenen Lieselotte (Liselotte) Wagner lautet der Eintrag im Online-Portal Shoah Memorial Frankfurt: „Einweisung unbekannten Datums in die Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof (Idstein). Verlegung am 5. Juni 1943 in die Tötungsanstalt Hadamar, wo Lieselotte Wagner nach nationalsozialistischer Definition als ,halbjüdisches Kind’ registriert war“ (zit. n. JM Ffm Shoah Memorial [23.03.2024]). Nur zwei Tage später wird die Jugendliche in Hadamar ermordet (BArch Gedenkbuch). Aus einer durch die NS-„Rassengesetze“ verbotenen jüdisch-nichtjüdischen Beziehung stammte auch die 1929 in Gießen geborene Ingeborg Donges, wohnhaft in Gießen, Idstein (Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof) sowie in Wetzlar (Städtisches Kinderheim) (BArch Gedenkbuch; Yad Vashem). Nach einem Monat Aufenthalt in der Anstalt Hadamar wird sie dort am 25. Juni 1943 durch eine Medikamentenüberdosis ermordet.

Gedenkblatt für Ingeborg Donges (geb. 1929), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem
Gedenkblatt für Ingeborg Donges (geb. 1929), 1991 – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem

Ingeborg Donges’ jüdischer Vater ist möglicherweise identisch mit dem in Gießen wohnhaften Manfred Rosenbaum (geb. 1905), welcher im August 1933 nach Frankreich floh, leider entdeckt und über das Sammellager Drancy 1942 nach Auschwitz und von dort 1944 nach Buchenwald deportiert wurde. In Buchenwald verstarb er nach bisherigem Kenntnisstand am 22. Mai 1945 (nach der Befreiung). Von der Mutter Lina Dietzel (geb. Donges) ist lediglich der Name überliefert.
Die Erinnerungsarbeit rund um den Kalmenhof ist noch längst nicht beendet.

Das Hauptgebäude des Kalmenhofs in Idstein, 2011 – Nachweis: Frank Winkelmann, Saibo, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hauptgeb%C3%A4ude_Kalmenhof-2.JPG [23.03.2024]
Das Hauptgebäude des Kalmenhofs in Idstein, 2011 – Nachweis: Frank Winkelmann, Saibo, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hauptgeb%C3%A4ude_Kalmenhof-2.JPG [23.03.2024]

Spurensuche: NS-verfolgte Kinder und Jugendliche im Rothschild’schen Kinderhospital und im Frankfurter Jüdischen Krankenhaus

Im Juni 1941 schlossen die NS-Behörden zwangsweise das Mathilde von Rothschild’sche Kinderhospital (1886-1941) im Röderbergweg 109 (heute Habsburgerallee 112), eine der Pflege- und Wohlfahrtsinstitutionen der neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft (Austrittsgemeinde). Die Klinik hatte bis 1927 bedürftige Kinder beiderlei Geschlechts behandelt, spezialisierte sich aber vermutlich inflationsbedingt qua Satzungsänderung auf die (weiterhin unentgeltliche) Behandlung von Mädchen im Alter von vier bis 14 Jahren; 1932 versorgte sie 140 kleine Patientinnen. Unter der NS-Verfolgung stieg deren Zahl durch die zunehmende Verdrängung antisemitisch verfolgter Kinder und Jugendlicher aus als „arisch“ kategorisierten Krankenhäusern, so im Jahr 1937 auf 155 Patientinnen (s. auch Seemann 2016; Schiebler 1994: 165-166). Auch diese Institution stand im Fadenkreuz NS-behördlicher Schikanen und Gestapo-Hausdurchsuchungen. Am 28. September 1940 kam es zur Eingliederung der Trägerstiftung in die vom NS-Reichssicherheitshauptamt und der Gestapo kontrollierte Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Im Rahmen der Zwangsschließung im Juni 1941 „erwarb“ die Stadt Frankfurt am Main Liegenschaft, Gebäude und Inventar des Rothschild‘schen Kinderhospitals (mit Gartengrundstück an der angrenzenden Habsburger Allee). Am 12. Juli 1941 meldete der Gestapo-Beauftragte bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege Ernst Holland an die Geheime Staatspolizei Frankfurt: „Die zusammenhängenden Liegenschaften Röderbergweg 97 und 109 und Rhönstraße 50 sind vom Bauamt, Raum- und Quartierbeschaffung[,] als Hilfskrankenhäuser sichergestellt“ (Andernacht/ Sterling 1963: 464, s. auch 272-275; ISG FFM: A.02.01 Nr. 9574, A.30.02 Nr. 400, A.62.02 Nr. 2141). Nach der Shoah und dem Zweiten Weltkrieg scheiterte der Versuch einer Wiederbelebung der Stiftung für das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (Schiebler 1994: 166).

Aus dem Album der Oberärztin Dr. Margarete Katzenstein: Kinder im Jüdischen Krankenhaus Gagernstraße, ohne Jahr (ab 1933) – Nachweis: Margarete Katzenstein Collection AR 25067, Folder 5 in Series II, Center for Jewish History/Leo Baeck Institute: https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/6943
Aus dem Album der Oberärztin Dr. Margarete Katzenstein: Kinder im Jüdischen Krankenhaus Gagernstraße, ohne Jahr (ab 1933) – Nachweis: Margarete Katzenstein Collection AR 25067, Folder 5 in Series II, Center for Jewish History/Leo Baeck Institute: https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/6943

Vorgeblich auf Veranlassung der Reichsvereinigung der Juden war das dem Rothschild’schen Kinderhospital benachbarte Georgine Sara von Rothschild’sche Hospital (1870-1941, Röderbergweg 93/97, heute Waldschmidtstraße 129-131) im Frühjahr 1941 mit dem Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde zusammengelegt worden (Andernacht/ Sterling 1963: 463f.; s. auch Mainz 1946: 249-250; Karpf 2003; Schiebler 1994: 145f.; Steppe 1997: 237-240; 245f.; ISG FFM: A.12.03 Nr. 686 u. Nr. 687). Das Rothschild’sche Kinderhospital verlor bis zu seiner endgültigen Schließung jegliche Finanzierung; in Behandlung befindliche kleine Patientinnen und noch vorhandenes Personal wurden in das Krankenhaus Gagernstraße eingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt herrschten in dieser letzten Frankfurter jüdischen Klinik bereits drangvolle Enge und infolge von KZ-Einweisungen und NS-Vertreibungen eine hohe Fluktuation an medizinischem, pflegerischem und technischem Personal. Das hierfür gar nicht ausgestattete Krankenhaus musste neben der bereits erwähnten Einrichtung einer „Alten- und Siechenabteilung“ zudem behördlich eingewiesene „Leicht-Gemütskranke“ unterbringen. Eine Kinderabteilung ist in den bisher vorliegenden lückenhaften Quellen zur NS-Zeit nicht eigens erwähnt, doch befanden sich laut der Festschrift zur Eröffnung des Klinikneubaus im Mai 1914 im 1. Obergeschoss des Hauptgebäudes „Kindersaal und Säuglingszimmer“ (Festschrift Krankenhaus Gagernstraße 1914: 63). Als verheerende Wirkung der „Nürnberger Rassegesetze“ und damit verbunden der antisemitischen Aufspaltung des Gesundheitswesens kamen behandlungsbedürftige jüdische Kinder nur noch im Krankenhaus Gagernstraße unter. Diese letzte Zuflucht organisierten die NS-Behörden als Sammelstelle vor den Deportationen: „1942 sind fast 400 Menschen im Krankenhaus als Patienten untergebracht, dazu über 100 Angestellte und 37 Lehrschwestern. Bis Oktober 1942 wird das Krankenhaus vollständig geräumt (…)“ (Steppe 1997: 246).

Aufgrund der zeitlichen begrenzten Verweildauer und „verschollener“ Akten und Dokumente sind von den im Krankenhaus Gagernstraße vor der NS-Zwangsräumung befindlichen Kinder und Jugendlichen nur wenige Namen überliefert – mit Ausnahme einer jungen Patientin: Inge Simon wurde am 29. September 1925 in Berlin geboren und wohnte mit ihrer Familie in Arnstadt (Thüringen), wo der Vater ein Geschäft für Herrenmoden führte. Ihr älterer Bruder flüchtete 1938 mit 17 Jahren in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina und lebte zuletzt als Dov Shimoni in Israel. Inge Simon selbst wurde – vorgeblich wegen des Verdachts auf Tuberkulose – am 1. November 1940 „in ein Heim verschickt“ (Tittelbach-Helmrich 1999: 32; s. auch Gedenkbuch Thüringen). Wie sie nach Hessen gelangte und wo sie dort unterkam, ist bislang unbekannt. Vermutlich unter dem Eindruck der Deportation am 11. Juni 1942 – aus Frankfurt und dem Regierungsbezirk Wiesbaden in die Region Lublin (Majdanek, Sobibor) (Kingreen/Eichler 2023: 117-122) – unternahm sie einen Suizidversuch und verstarb am 15. Juni 1942 mit 16 Jahren im Krankenhaus Gagernstraße. Möglicherweise hatte sie zuvor auch von der Deportation ihrer Eltern erfahren: Ilka Julia geb. Brandt und Georg Simon wurden beide am 10. Mai 1942 über Weimar und Leipzig in das Ghetto Belzyce (Region Lublin) verschleppt und in der Shoah ermordet.

Grabstein von Inge Simon auf dem neueren Frankfurter Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße – © Dr. Birgit Seemann, 2011
Grabstein von Inge Simon auf dem neueren Frankfurter Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße – © Dr. Birgit Seemann, 2011
„Stolperstein“ für Inge Simon in Arnstadt, Rosenstraße 10 – Nachweis: © Aschroet, 17.08.2014, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolperstein_Arnstadt_Rosenstra%C3%9Fe_10-Inge_Simon.JPG [23.03.2024]
„Stolperstein“ für Inge Simon in Arnstadt, Rosenstraße 10 – Nachweis: © Aschroet, 17.08.2014, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolperstein_Arnstadt_Rosenstra%C3%9Fe_10-Inge_Simon.JPG [23.03.2024]

An Inge Simon erinnern ein Grabstein auf dem neueren Frankfurter Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße und ein „Stolperstein“ in ihrem langjährigen Heimatort Arnstadt (Rosenstraße 10). Die spätestens im Oktober 1942 abgeschlossene NS-Zwangsräumung des letzten Frankfurter jüdischen Krankenhauses Gagernstraße und die parallel stattfindenden Verschleppungen in die Todeslager musste sie nicht mehr erleben.

Anders erging es zwei weiteren Mädchen, die gemeinsam mit ihren Eltern in der Klinik wohnten: Inge Henriette Herlitz (geb. 1930) und Lieselotte Kahn (geb. 1937) (Strauß 2006; BArch Gedenkbuch; JM Ffm Shoah Memorial; Yad Vashem mit Abb. des Elternpaares Kahn). Inge und ihre Eltern, die Modistin Lina Herlitz geb. Stern (geb. 1904) und der Elektromonteur Sally Herlitz (1903-1992), waren 1938 unter der NS-Verfolgung aus Wachenbuchen (Maintal) nach Frankfurt a.M. gezogen (Peter Heckert: https://www.peterheckert.de/maintal/wachenbuchen [23.03.2024]). Im Krankenhaus Gagernstraße kam Lina Herlitz als Wirtschafterin unter. Über den Vater der kleinen Liselotte, dem Mediziner Dr. Edmund Kahn (geb. 1897), informiert das Gedenkbuch Karlsruhe: „Nach seiner Entlassung aus Buchenwald ging Edmund Kahn zu seiner Familie nach Karlsruhe. Nach langwierigen Bemühungen gelang es ihm schließlich, im September 1939 als angestellter Arzt am Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt a.M. in der Gagernstraße 36 wieder eine Existenz zu finden. Auch Frau [Louise Flora Kahn geb. Dreyfuß, geb. 1908, d.V.] und Tochter zogen noch im gleichen Monat zu ihm nach Frankfurt; im Krankenhaus bekamen sie eine kleine Wohnung“ (Strauß 2006). Die Familien Herlitz und Kahn wurden am 24. September 1942 bei der zehnten großen Deportation aus Frankfurt „nach Osten“ verschleppt:

„Alle jüdischen Einrichtungen wie die Jüdischen Altersheime und das Jüdische Krankenhaus hatten durch die Transporte nach Theresienstadt ihre Bewohner verloren und mussten aufgelöst werden. Hierzu waren in Frankfurt a.M. noch mehrere jüngere Angestellte der Gemeinde mit ihren Familien verblieben, z.B. Krankenschwestern, Ärzte, Heimleiter und Handwerker. Nur zwei Wochen nach dem Abschluss der Deportationen nach Theresienstadt wurden auch sie deportiert: 237 Personen aus Frankfurt a.M. Infolge der Auflösung des Jüdischen Krankenhauses ist dessen Adresse ,Gagernstraße 36‘ auf der Namensliste der Deportierten 51mal [sic!] zu lesen.“

(Kingreen/ Eichler 2023: 179-193, hier S. 179)

Der Todestransport endete am Bahnhof von Raasiku in Estland. Dort trennte die SS Sally Herlitz und vermutlich auch Edmund Kahn von ihren Familien und deportierte sie als Zwangsarbeiter in weitere Lager. Inge Herlitz, Lieselotte Kahn und ihre Mütter gehören sehr wahrscheinlich zu den Opfern der von den deutschen Nationalsozialisten organisierten und von estländischen Kollaborateuren ausgeführten Massenerschießungen in den Dünen von Kalevi-Liiva: „Aus einem Bericht einer in Estland gebildeten sowjetischen Kommission zur Feststellung und Untersuchung nationalsozialistischer Verbrechen stammt die Information: Von der Bahnstation Raasiku fuhren die Busse in die Dünen an der Ostsee. Dort war in einer Talmulde ein großer Graben ausgehoben worden. Etwa 15 m vor der Grube hielten die Busse, die Menschen wurden heraus getrieben und musten sich nackt ausziehen. Sie wurden dann gezwungen, in den etwa 3 m tiefen Graben zu gehen, in den eine Art Rampe hinein führte. Dort wurden sie von einem estländischen Kommando von 6-8 Männern erschossen, erst die Erwachsenen, dann die Kinder. Die Leichen wurden mit Sand bedeckt“ (zit. n. Strauß 2006).

Von den Familien Herlitz und Kahn hat nur Inges Vater die Shoah überlebt: Sally Herlitz kehrte nach Frankfurt am Main zurück und verstarb dort am 20. März 1992 (Arcinsys Hesssen: Entschädigungsakte: HHStAW 518/1491; Kingreen/ Eichler 2023: 181, 191).

Ein unbekanntes Kapitel: freiberufliche Säuglings- und Kinderpflege unter der NS-Verfolgung

Information zum „Arierparagraph“ in Sachsen auch für Kinder- und Säuglingsschwestern und Hebammen im Israelitischen Familienblatt, 20. Juni 1935 – Nachweis: IF 37 (1935) 25, S. 2, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582831
Information zum „Arierparagraph“ in Sachsen auch für Kinder- und Säuglingsschwestern und Hebammen im Israelitischen Familienblatt, 20. Juni 1935 – Nachweis: IF 37 (1935) 25, S. 2, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582831
Annonce in der Jüdischen Rundschau vom 16. Juli 1937 – Nachweis: JR 42 (1937) 56, S. 14, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653679
Annonce in der Jüdischen Rundschau vom 16. Juli 1937 – Nachweis: JR 42 (1937) 56, S. 14, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653679
Annonce einer freiberuflichen Säuglingspflegerin für Frankfurt a.M. in Der Israelit 28.01.1937 – Nachweis: It 78 (1937) 4, S. 16, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450965
Annonce einer freiberuflichen Säuglingspflegerin für Frankfurt a.M. in Der Israelit 28.01.1937 – Nachweis: It 78 (1937) 4, S. 16, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450965

„Neuzeitl.[iche] Kinderernährung, Säuglingsturnen, Nähen und Arbeit von Kindersachen perfekt, übern.[immt] auch Haushaltspflichten (…)“, inserierte eine 46jährige Krankenpflegerin in der Jüdischen Rundschau vom 16. Juli 1937 (JR 42 (1937) 56, S. 14) auf ihrer Suche nach einer Anstellung als Säuglings- und Kinderschwester. Unter der NS-Verfolgung mehrten sich im Arbeitsfeld der freiberuflichen jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in jüdischen Medien die Stellenannoncen und Stellengesuche. Pflegende jüdischer Herkunft hatten im Zuge der NS-Gleichschaltung oder „Arisierung“ von Kliniken und Kinder- und Säuglingsheimen ihren Arbeitsplatz verloren. Zugleich suchten junge jüdische Eltern dringend nach einer professionellen Betreuung ihrer Babys und Kleinkinder. Hieraus ergaben sich mitunter Optionen, gemeinsam mit den Arbeitgeber/-innen aus Nazideutschland zu emigrieren. Mit Blick auf das Exil ermutigen jüdische Gemeinden und Institutionen junge Frauen zum Beruf der Kinder- und Säuglingspflegerin.

Bericht von W.H. über das Säuglings- und Waisenheim der Women’s Zionist Organization in Jerusalem, Jüdische Rundschau, 21.06.1936 – Nachweis: JR 41 (1936) 6, S. 11, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653929
Bericht von W.H. über das Säuglings- und Waisenheim der Women’s Zionist Organization in Jerusalem, Jüdische Rundschau, 21.06.1936 – Nachweis: JR 41 (1936) 6, S. 11, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2653929

In der Forschung fand die freiberufliche jüdische Säuglings- und Kinderpflege unter der NS-Verfolgung bislang wenig Beachtung. Für Frankfurt am Main sei an zwei in der Shoah vernichtete Frankfurter Ausbildungs-, Wohn- und Fürsorgestätten erinnert, welche besonders in der NS-Zeit Lehrgänge für die berufliche Kinder- und Säuglingspflege in Heimen oder Privathaushalten anboten und Kenntnisse in Krankenpflege vermittelten: die Jüdische Haushaltungsschule e.V. mit Mädchenwohnheim (1897 – um 1937, Königswarterstraße 20 [NS-Zeit: Quinckestraße]), vorwiegend getragen von weiblichen Mitgliedern der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (Höxter 1925; Laquer 1931; Schiebler 1994: 24), und das Israelitische Mädchenheim (1908 – um 1937, Taunusplatz 17), gegründet durch die Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith und geleitet von Logenschwester Dr. Camilla Burstyn-Tauber (1877[1879]–1951) (Wertheimer 1935; Seemann 2023: Kapitel 5).

Annonce für Säuglingskurse im Frankfurter Israelitischen Mädchenheim, 1934 – Nachweis: Central-Verein-Zeitung 12 (1934) 9, S. 371, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094408
Annonce für Säuglingskurse im Frankfurter Israelitischen Mädchenheim, 1934 – Nachweis: Central-Verein-Zeitung 12 (1934) 9, S. 371, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094408

Die hauswirtschaftliche Ausbildung in beiden Häusern legte bereits den Grundstein für spätere pflegerische und pädagogische Berufe (Schlesinger 1936); unter der NS-Verfolgung sollten Kinder- und Säuglingspflegekurse die Absolventinnen zunehmend auf die erzwungene Emigration und die Existenzbewältigung im Exil vorbereiten. In der deutsch-jüdischen Presse erschienen Inserate hilfesuchender Mütter und Väter, welche mit ihren Säuglingen oder Kleinkindern, auch wenn sie krank waren, aus Nazideutschland flüchten mussten. Sie suchten eine zuverlässige Pflegekraft, die sich zugleich als Haushälterin und Köchin bewährte.

Am Ende widmet sich der Beitrag zwei in der Shoah ermordeten Frankfurter Kinderpflegerinnen: Resi Jelen und Nelly Ginsberg, aus osteuropäisch-jüdischen Familien stammend, waren beide Schülerinnen der Jüdischen Haushaltungsschule. Der Vater von Resi (Rosa) Jelen (geb. 1916 in Frankfurt a.M. – [1943]) war Mitglied der bereits erwähnten neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft, Resi Jelen selbst im Jugendbund „Esra“ aktiv. Nach der Jüdischen Volksschule besuchte sie von 1931 bis 1933 die Jüdische Haushaltungsschule und arbeitete fortan als Kinderpflegerin bei einem Kinderarzt. Laut Angaben des Shoah Memorial Frankfurt wurde Resi Jelen „vermutlich 1943 zusammen mit ihrer Mutter in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager verschleppt. Datum und Umstände ihres Todes sind nicht bekannt“ (JM Ffm Shoah Memorial). Nelly (Nechama, Nechuma, Nelli) Ginsberg (1903 geb. in Wischnitz, Polen) war polnische Staatsangehörige und kam vermutlich 1908 als Kind nach Frankfurt am Main. Nach dem Besuch der Jüdischen Volksschule und seit etwa 1917 der Jüdischen Haushaltungsschule arbeitete sie als Kinderpflegerin und Haushälterin. Am 28. Oktober 1938 war sie sehr wahrscheinlich von den NS-Massenabschiebungen nach Polen (euphemistisch: „Polen-Aktion“) betroffen, konnte aber nach Frankfurt zurückkehren. „Von dort wurde Nelly Ginsberg am 11. November 1941 bei der zweiten großen Deportation aus Frankfurt in das Getto Minsk verschleppt, wo sie wahrscheinlich ermordet wurde“ (JM Ffm Shoah Memorial).
Zahlreiche Biografien aus der Kinder- und Säuglingspflege bleiben noch zu erforschen.

Nelly Ginsberg, ohne Jahr – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem
Nelly Ginsberg, ohne Jahr – Nachweis: © Credit of Yad Vashem, Jerusalem

Wichtige Anregungen für diesen Beitrag verdankt die Verfasserin insbesondere den Forschungen der Historikerin Martina Hartmann-Menz und dem verdienstvollen Internetportal Shoah Memorial Frankfurt des Jüdischen Museums Frankfurt.

Birgit Seemann, März 2024

Quellen- und Literaturverzeichnis

Ungedruckte und digitalisierte Quellen

HHStAW: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
• Bestand 474/3 Nr. 936: Beschlagnahmung einer Sammlung für das Raphael und Jeanette Ettlinger-Heim, Verein für erholungsbedürftige jüdische Kinder E.V., in Hofheim am Taunus im Jahre 1936, Laufzeit: (1934–1937) 1938
• Bestand 518 Nr. 1274: Jüdische Gemeinde Hofheim: Raphael und Jeanette Ettlinger’sches Kinderheim
• Bestand 519/3 Nr. 16340: Stiftung zur Erziehung körperlich oder geistig gefährdeter israelitischer Kinder, Sitz: Frankfurt a.M. (Devisenakte, Laufzeit: 1939)

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
• Bestand A.02.01 Nr. 9574: Mathilde von Rothschild’sches Kinderhospital (Sachakte, 1938–1940, 1951)
• Bestand A.12.03 Nr. 686: Gagernstraße, Nr. 36: Israelisches [sic!] Krankenhaus: Erfassung der Hausbewohner, erstellt im 5. Polizeirevier (S. 477-480 fehlen) sowie Bestand A.12.03 Nr. 687 (eingeschränkte Nutzung beider Akten bis 2045)
• Bestand A.30.02 Nr. 223: Verein für gebrechliche oder verwahrloste bedürftige israelitische Kinder e. V. von 1916 bzw. Israelitischer Kinderhort (Laufzeit: 1916, 1934–1954)
• Bestand A.30.02 Nr. 244: Dr.-Karl-und-Mathilde-Kaufmann-Stiftung von 1916, Laufzeit 1916, 1934–1940 [„Für die Erholung sowie Behandlung kranker bedürftiger Kinder. 1939 eingegliedert in die Jugendfürsorgestiftung“, vgl. Arcinsys Hessen]
• Bestand A.30.02 Nr. 400: Mathilde von Rothschild’sches Kinderhospital: Zur unentgeltlichen Versorgung von israelitischen Mädchen. 1940 eingegliedert in die Reichsvereinigung der Juden (1903–1967) (enthält u.a. Satzungen von 1903 und 1927, als Ms. gedr.)
• Bestand A.62.02 Nr. 2141: Erwerb von 15 Grundstücken der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland durch die Stadt Frankfurt: Röderbergweg 77 (ehem. israelitische Versorgungsanstalt), Röderbergweg 87 (ehem. israelitisches Waisenhaus), Röderbergweg 93 (ehem. Ärztehaus des Rothschild‘schen Krankenhauses), Röderbergweg 97 (ehem. von Rothschild’sche Georgine Sara Stiftung für erkrankte fremde Israeliten), Röderbergweg 109 (ehem. Rothschild’sches Kinderhospital), Grundstück an der Habsburger Allee (Garten zum Kinderhospital Röderbergweg 109) (…). – (Sachakte, 1942–1943)

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Frankfurter Adressbücher online: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/nav/classification/8688176
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Literatur und Internetquellen [zuletzt aufgerufen am 23.03.2024]

Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt a.M.

Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt. – Bd. 1: Der Gang der Ereignisse – Bd. 2: Struktur und Aktivitäten der Frankfurter Juden von 1789 bis zu deren Vernichtung in der nationalsozialistischen Ära. Handbuch – Bd. 3: Biographisches Lexikon der Juden in den Bereichen: Wissenschaft, Kultur, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit in Frankfurt am Main. Darmstadt

Beddies, Thomas (Hg.) 2012: Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit / In memory of the children. Hg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ). Berlin

Dieckmann, Rebekka 2023: Psychiatrische Zwischenanstalten: Wartestationen auf den Tod. Forschungsprojekt zu NS-Euthanasie. [Mit Abb.]. Stand: 19.09.2023, https://www.hessenschau.de/gesellschaft/forschungsprojekt-zu-ns-euthanasie-psychiatrische-zwischenanstalten—wartestationen-auf-den-tod-v1,zwischenanstalten-104.html

Drexler-Gormann, Birgit 2009: Jüdische Ärzte in Frankfurt am Main 1933–1945. Isolation, Vertreibung, Ermordung. Frankfurt a.M.

Festschrift Krankenhaus Gagernstraße 1914: Festschrift zur Einweihung des Neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Historischer Teil von Dr. med. W. Hanauer, Baubeschreibung von den Architekten und Ärzten des Krankenhauses. Frankfurt a.M., Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300863

Flick, Klaus 2023: Albert Wolf. In: ders.: Die „Judenhäuser“ in Wiesbaden. Ghettoisierung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung 1939 bis 1942. Stand der Bearbeitung: 15.09.2023, https://moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/hermannstr-26/albert-wolf

Hanauer, Wilhelm 1914: Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt a.M. In: Festschrift Krankenhaus Gagernstraße 1914: 7-54

Hartmann-Menz, Martina o.J. [2023]: Semi Rothschild ein jüdischer Bewohner der Heilerziehungs-anstalt Kalmenhof. In: Gedenkort Kalmenhof: https://www.gedenkort-kalmenhof.de/biografien-1

Hebauf, Renate 2022: „Du wirst nach Amerika gehen“. Flucht und Rettung unbegleiteter jüdischer Kinder aus Frankfurt am Main in die USA zwischen 1934 und 1945. Frankfurt a.M.

Hinz-Wessels, Annette 2013: Antisemitismus und Krankenmord. Zum Umgang mit jüdischen Anstaltspatienten im Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013) 1: 65-92, online bei DNB Ffm OPAC: https://d-nb.info/1285199529/34

Höxter, Marie 1925: Neue Frauenberufe. In: Orden BB (1925) Nr. 6/7, S. 126-127, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/6074653

Hoppe, Dorothee 2023: Driesen, Otto. Stand: 28.6.2023. In: Frankfurter Personenlexikon: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/8375

Jüdische Kinderheilstätten 1937: Unsere Kinderlandverschickung. [Bericht o.Verf.]. In: HIG 13 (1937) 4, S. 4-5, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/5445093 [u.a. Israelitische Kinderheilstätte in Bad Nauheim; Ettlinger-Heim in Hofheim am Taunus mit Abb.]

Kalmenhof 1925: Frankfurter Berichte: Heilerziehungsanstalt Calmenhof in Idstein. [Aus dem Jahresbericht des Calmenhofs]. In: It 66 (1925) 19, S. 13, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450355

Kalmenhof 1930: Jüdische Pfleglinge in der Heilerziehungsanstalt Calmenhof in Idstein. In: JWS Bd. 1 (1930) 12, S. 482-483, online über DNB Ffm: https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1026606187#page/482/mode/1up

Karpf, Ernst 2003: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde an der Gagernstraße. Stand: 01.01.2003. In: ISG FFM: Frankfurt 1933–1945: https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/institutionen-juedischen-lebens/beitrag/krankenhaus-der-israelitischen-gemeinde-an-der-gagernstrasse

Kingreen, Monica 1999: Israelitische Kinderheilstätte und Jüdische Bezirksschule. In: Garmeister, Veronika u.a. (Hg., Bearb.): 100 Jahre Frankfurter Straße 103. 1899–1999. Festschrift aus Anlass der 100jährigen Nutzung des Gebäudes Frankfurter Straße 103. Bad Nauheim: 7-33

Kingreen, Monica/Eichler, Volker 2023: Die Deportation der Juden aus Hessen 1940 bis 1945. Selbstzeugnisse, Fotos, Dokumente. Aus dem Nachlass hg. u. bearb. v. Volker Eichler. Wiesbaden: Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen

Laquer, Lucie 1931: Jüdische Haushaltungsschule e.V. Frankfurt a.M. In: Orden BB Logenschwester 4 (1931) 3, S. 10-11, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/9579867

Lilienthal, Georg 2009: Jüdische Patienten als Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen. In: Medaon 3 (2009) 5: https://www.medaon.de/de/artikel/juedische-patienten-als-opfer-der-ns-euthanasie-verbrechen

Lilienthal, Saul 1936: Von Frankfurt zur Lahn. (Fortsetzung und Schluss). Von Lehrer S. Lilienthal – Wiesbaden. In: FIG 14 (1936) 10, S. 395-397: 396, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094436

Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Hg. im Auftrag der Moses-Jachiel-Kirchheim’schen Stiftung Frankfurt am Main. Sigmaringen

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2011, erweitert 2018/2023. Version: 29. Juli 2023. In: Platz der vergessenen Kinder. Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V., https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de/assets/de/1/Ff_Kinderhaus_HT24.pdf

Maierhof, Gudrun/ Schütz, Chana/ Simon, Hermann (Hg.) 2004: Aus Kindern wurden Briefe. Die Rettung jüdischer Kinder aus Nazi-Deutschland. Berlin

Mainz, Willy 1946: Gemeinde in Not 1933–1938. Geschrieben 1946. In: Andernacht/ Sterling 1963: 239-255 (Dok. VI)

Parkin, Simon 2023: Die Insel der außergewöhnlichen Gefangenen. Deutsche Künstler in Churchills Lagern. Berlin

Rieber, Angelika/ Lieberz-Groß, Till (Hg.) 2018: Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main – Lebenswege von geretteten Kindern. Frankfurt a.M.

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Schlesinger, Martha 1936: [Bericht und Aufruf zum Israelitischen Mädchenheim v. M. Schl.]. In: Orden BB Logenschwester 9 (1936) 8, S. 7, online: UB JCS Ffm: Judaica Frankfurt, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/9580308

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Seemann, Birgit 2019: „Familie“ und „Schicksalsgemeinschaft“ – die Kehilloh Gumpertz in der NS-Zeit (1933–1941). In: dies./ Bönisch, Edgar 2019: Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung. Hg.: Verein zur Förderung der Historischen Pflegeforschung e.V. Frankfurt a.M.: 143-175

Seemann, Birgit 2023: „(…) ein Segen zu werden für die Menschheit“. Der jüdische Orden B’nai B’rith in Frankfurt am Main und seine Logen (1888–1937), im Erscheinen

Seidler, Eduard 2000: Jüdische Kinderärzte 1933–1945 – entrechtet/geflohen/ermordet = Jewish pediatricians – Victims of persecution 1933–1945. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Bonn (siehe auch erweiterte Neuauflage Basel 2007)

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Tittelbach-Helmrich, Wolfgang 1999: Arnstadt’s Jewish Citizens. Translated from German by Peter Niederlöhner. Stand: 08.05.1999, S. 31f., online: https://www.jewishgen.org/gersig/ARN2~15wo~photos.pdf

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Wertheimer, Martha 1935: Vom kleinen Platz in die große Stadt. Ein vorbildliches Mädchenheim. [Bericht mit Abb. von M.W., d.i. vermutlich Martha Wertheimer]. In: IF 37 (1935) 2, S. 17, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/11582800

Online-Datenbanken und Internetquellen [zuletzt aufgerufen am 23.03.2024]

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: https://www.alemannia-judaica.de

Arcinsys Hessen: Archivinformationssystem Hessen: https://arcinsys.hessen.de

BArch Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

DGKJ Datenbank: DGKJ – Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945. Red.: Vera Seehausen (s. auch Seidler 2000 u. 2007)

DGSPJ: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ), https://www.dgspj.de

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), Online-Ausgabe: https://frankfurter-personenlexikon.de

Gedenkbuch JB Neu-Isenburg: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907–1942). Hg.: Stadt Neu-Isenburg. Red.: Heidi Fogel u. Esther Erfert-Piel, Website: http://gedenkbuch.neu-isenburg.de

Gedenkort Kalmenhof : Gedenkort Kalmenhof e.V. : https://www.gedenkort-kalmenhof.de

Gedenkbuch Thüringen: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Förderverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen e.V., Erfurt: Thüringer Gedenkbuch für die ermordeten Jüdinnen und Juden, https://menora.uni-jena.de/gedenkbuch

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: https://www.stadtgeschichte-ffm.de
– Archivbestand online: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/start
– Frankfurt 1933–1945: https://www.frankfurt1933-1945.de

JM Ffm Shoah Memorial: Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Shoah Memorial Frankfurt: https://www.shoah-memorial-frankfurt.de

Jüdisches Leben Ffm: Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main [Red.: Angelika Rieber [u.a.], https://www.juedisches-leben-frankfurt.de

Lagis Hessen: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS): https://www.lagis-hessen.de

Stolpersteine Ffm: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main: https://www.stolpersteine-frankfurt.de sowie https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine (Stadt Frankfurt am Main, Online-Datenbank)

Terezin Opferdatenbank: Terezin Initiative Institute, Opferdatenbank: https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holoaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Periodika

AZJ: Allgemeine Zeitung des Judentums

CVZ: Central-Verein-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum / C-V-Zeitung. Organ des Central-Vereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens

FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt

HIG: Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg

IF: Israelitisches Familienblatt

It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum

JR: Jüdische Rundschau. Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland

JWS: Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik – Zeitschrift der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (…)

Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung: https://www.medaon.de

NJP/FIF: Neue Jüdische Presse / Frankfurter Israelitisches Familienblatt

Orden BB: Der Orden Bne Briss. Mitteilungen der Großloge für Deutschland VIII U.O.B.B.

Orden BB Logenschwester: Die Logenschwester. Mitteilungsblatt des Schwesternverbandes der U.O.B.B. Logen/ Die Zeitschrift des Schwesternverbandes der Bnei Brith/ Bnë Briss

Erste Seite (oberer Abschnitt) des 3. Jahresberichts des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1913 (Künstler: Heinz Wetzel, 1858-1913, Margueritentag Frankfurt a.M., 11. Oktober 1910) – Foto nach Kopievorlage: Dr. Birgit Seemann, 11.08.2023

Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (1910–1925) und seine jüdische Geschichte

Ein Beitrag von Birgit Seemann, März 2024

Für Rina

Einführung

Foto eines schlafenden Neugeborenen – © 2009 Catalin Bogdan, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bebelus-nou-nascut1.JPG?uselang=de [04.03.2024]
Foto eines schlafenden Neugeborenen – © 2009 Catalin Bogdan, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bebelus-nou-nascut1.JPG?uselang=de [04.03.2024]

Der Begriff der „Säuglingspflege“ umfasst auch in diesem Beitrag zugleich die „Säuglingskrankenpflege“ mit ihren vielfältigen Querverbindungen zur Säuglingsfürsorge. Bei der Differenzierung nach Altersklassen bewährt sich die Definition der heutigen Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hier angewandt auf kassenärztliche Leistungen. Danach betrifft die „Verwendung der Begriffe Neugeborenes, Säugling, Kleinkind, Kind, Jugendlicher und Erwachsener“ folgende Zeiträume (KBV: https://www.kbv.de/tools/ebm/html/4.3.5_162395004446927562274884.html [04.03.2024]):
– Neugeborenes bis zum vollendeten 28. Lebenstag;
– Säugling ab Beginn des 29. Lebenstages bis zum vollendeten 12. Lebensmonat;
– Kleinkind ab Beginn des 2. bis zum vollendeten 3. Lebensjahr;
– Kind ab Beginn des 4. bis zum vollendeten 12. Lebensjahr;
– Jugendlicher ab Beginn des 13. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr;
– Erwachsener ab Beginn des 19. Lebensjahres.

Von Beginn an widmete sich der damalige überkonfessionelle Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge der koordinierten Rettung und Versorgung benachteiligter und gefährdeter Neugeborener und Säuglinge – die Kleinsten und Schutzbedürftigsten eines Gemeinwesens und zugleich die Zukunft der Menschheit.

Erste Seite (oberer Abschnitt) des 3. Jahresberichts des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1913 (Künstler: Heinz Wetzel, 1858-1913, Margueritentag Frankfurt a.M., 11. Oktober 1910) – Foto nach Kopievorlage: Dr. Birgit Seemann, 11.08.2023
Erste Seite (oberer Abschnitt) des 3. Jahresberichts des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1913 (Künstler: Heinz Wetzel, 1858-1913, Margueritentag Frankfurt a.M., 11. Oktober 1910) – Foto nach Kopievorlage: Dr. Birgit Seemann, 11.08.2023

Aus eigenen Ressourcen und auf der Basis von Spendenaktionen eröffnete der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (im Folgenden: FVfS) im gesamten Frankfurter Stadtgebiet bis zu fünfzehn Beratungsstellen mit engagierten Ärzten und Ärztinnen, Pflegenden und ehrenamtlichen Helferinnen. 1910 dank einer Initiative im Frankfurter Ärztlichen Verein entstanden, gestaltete der FVfS als Netzwerk und eingetragener Verein eineinhalb Jahrzehnte lang die Sozial- und Pflegegeschichte seiner Stadt mit, bis das Frankfurter Stadtgesundheitsamt dessen segensreiche Arbeit in seine Struktur übernahm. Den FVfS trugen über alle religiösen Unterschiede hinweg namhafte Persönlichkeiten des Frankfurter Bürgertums, doch mangelt es bislang (Stand: März 2024) an eigenständigen Untersuchungen. Bemerkenswert war der hohe jüdische Anteil, welcher nach der Shoah ebenfalls in Vergessenheit „geriet“.

„Margueritentag“ in Frankfurt

Das Projekt startete mit einem „Margueritentag“ in Frankfurt am Main – diesen kündigte für den 11. Oktober 1910 neben anderen Frankfurter Medien auch das Frankfurter Israelitische Familienblatt vom 23. September 1910 an:

„Am 11. Oktober [1910] findet im Gebiet von Groß-Frankfurt eine neue und eigenartige Wohltätigkeitsveranstaltung statt. Frauen und Mädchen werden allenthalben Margaretenblüten, die Blumen der Barmherzigkeit, feilbieten zu niedrigem Preis, so daß jedermann sich mit ihnen schmücken kann und so sein Scherflein beitragen zum so bedeutungsvollen Werk der Säuglingsfürsorge, denn ihr soll der Ertrag zufließen. Gilt es doch, in Frankfurt – auf die Anregung des Ärztlichen Vereins hin – eine große Organisation der Säuglingsfürsorge zu schaffen, aufbauend auf dem schon Vorhandenen. Es gilt, die Krippen auszubauen, Mütterberatungsstellen zu schaffen und vor allen Dingen eine großzügige Propaganda für die natürliche Ernährung der Säuglinge einzuleiten. Das Ziel ist eine Verminderung der Säuglingssterblichkeit und ein Vorbeugen der Säuglingserkrankungen.“

(Margueritentag und Säuglingsfürsorge 1910)

Der „Margueritentag“ (auch: Margaretentag, Margeritentag, Blumentag) – u.a. benannt nach der als Schutzpatronin und Nothelferin verehrten Heiligen Margareta von Antiochien (3. Jahrhundert) – bezeichnet eine ganz besondere Spendenkampagne aus dem Bürgertum und seinen sozialen Vereinigungen zur Behebung drängender Missstände und zur Förderung der Wohlfahrt, insbesondere bei der Kinderversorgung. Hierbei galten Margeriten als die „Blumen der Barmherzigkeit“. Im Deutschen Reich fand der „Margueritentag“ unter der Schirmherrschaft von Kaiserin Auguste Viktoria und weiteren Mitgliedern des Kaiserhauses in der Hauptstadt Berlin und zahlreichen weiteren Städten statt.

Blumen-„Verkäuferinnen“ am „Margueritentag“ in Friedenau bei Berlin, hier veranstaltet durch den Vaterländischen Frauenverein, 06.05.1911 – Nachweis: Bundesarchiv, Bild 183-T0706-514 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-T0706-514,_Berlin-Friedenau,_Sammlung_am_Margueritentag.jpg
Blumen-„Verkäuferinnen“ am „Margueritentag“ in Friedenau bei Berlin, hier veranstaltet durch den Vaterländischen Frauenverein, 06.05.1911 – Nachweis: Bundesarchiv, Bild 183-T0706-514 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-T0706-514,_Berlin-Friedenau,_Sammlung_am_Margueritentag.jpg

Auf ihrem Online-Portal Garten-Literatur informiert Maria Mail-Brandt:

„Junge Mädchen aus dem Bürgertum putzten sich mit weißen Margeriten (oder den jeweils anderen Blumen) geschmückten Kleidern heraus und verteilten Kunstblumen gegen eine Spende. Erhaltene Postkarten und Plakate zeugen von aufwändig gestalteten Blumentagen in verschiedenen Städten wie Hannover, Bayreuth, Chemnitz, Berchtesgaden, Leipzig, Marburg und Trier, die zwischen 1910 bis zum Beginn des 1. Weltkrieges stattfanden.“

(Zitiert nach: Garten-Literatur: https://www.garten-literatur.de/Kalender/margaretentag.html)
Aufruf „Frankfurter Margueritentag“ in: Neue Jüdische Presse (Frankfurter Israelitisches Familienblatt) 8 (1910) 39, S. 15, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2692704
Aufruf „Frankfurter Margueritentag“ in: Neue Jüdische Presse (Frankfurter Israelitisches Familienblatt) 8 (1910) 39, S. 15, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2692704

In Frankfurt am Main stand der Margueritentag ganz im Zeichen der Säuglingsrettung – hier unter der Schirmherrschaft der mit dem Landgrafen von Hessen verheirateten Prinzessin Friedrich Karl von Hessen (Prinzessin Margarethe von Preußen, die jüngste Schwester des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.). Angesichts hoher Mortalität wurde Säuglingspflege zur patriotischen Pflicht erklärt: „400.000 Säuglinge sterben in unserem Vaterlande im 1. Lebensjahr[,] und unberechenbar viele verfallen späterem Siechtum durch die mangelhafte Fürsorge in ihrer ersten Lebenszeit“, vermeldet der obige Aufruf zum „Frankfurter Margueritentag“ im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 7. Oktober 1910 das erschreckende Ausmaß der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich. Es galt die Allgemeinheit „ohne Unterschied des Standes, der Konfession und der Partei“ aufzurütteln und die gesellschaftliche Notwendigkeit einer kompetenten Säuglingsfürsorge in das öffentliche Bewusstsein zu heben. Federführend für den Frankfurter Margueritentag des 11. Oktober 1910 war gemeinsam mit dem Krippenverein ein vom Frankfurter Ärztlichen Verein eigens für die „einheitliche Organisation der Säuglingsfürsorge“ gebildeter Ausschuss. Die Spendenaktion, ein überwältigender Erfolg, „brachte einen Reinerlös von mehr als 112.000 Mark“ (Thomann-Honscha 1988a: 120). Die Hälfte des Betrags als erste finanzielle Basis nutzend, gründete sich der Frankfurter Verein für Säuglingsfürsorge am 8. Dezember 1910. Zunächst vermutlich in Räumlichkeiten des Frankfurter Vereins für Hygiene untergebracht, befand sich seine Geschäftsstelle spätestens nach dem Ersten Weltkrieg in der Neuen Kräme 9 (UB JCS Ffm: Frankfurter Adressbücher: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodika/nav/classification/8688176).

Exkurs: Säuglingssterblichkeit und Säuglingspflege im Deutschen Reich

„[Im] Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Deutschland eine der höchsten Säuglingssterblichkeitsraten in ganz Europa aufzuweisen. (…) Die Säuglingssterblichkeit hatte in Deutschland im Durchschnitt der Jahre 1892–1895 gravierende 22,2 Prozent, 1901 dann 20,7 Prozent, 1902 immer noch 18,3 Prozent und 1903 wieder 20,4 Prozent betragen. Deutschland stand damit bezüglich der Höhe der Säuglingssterblichkeit mit Russland an letzter Stelle im europäischen Vergleich. In allen anderen Ländern blieb die Säuglingssterblichkeit unter 20 Prozent. (…) Als Ursachen gerieten vor allem die Mängel in der Ernährung und Pflege des Säuglings in den Fokus. So war zu dieser Zeit die Verabreichung von Mehlbrei und Zuckerwasser, die in der Regel am Morgen zubereitet und dann mehrmals täglich aufgewärmt wurden, sowie oft auch Branntwein oder Bier zur Ernährung des Säuglings durchaus üblich.“

(Gellrich 2012a: 127, 129)

Die Gründe für die hohe Säuglingssterblichkeit im Deutschen Kaiserreich bis in das 20. Jahrhundert können hier nur kurz angesprochen werden (in Auswahl Thomann-Honscha 1988; Dahlmann 2001; Fehlemann 2007; Vögele 2009; Gellrich 2012 u. 2012a; Blessing 2013; s. auch Bönisch 2022 u. 2023). In Deutschland war die Gesundheits- und Infektionsgefahr mit der „nachholenden“ dynamischen Industrialisierung im 19. Jahrhundert, Massenzuwanderung in die Städte, riskanter Lohnarbeit (u.a. mangelnder Arbeitsschutz, Unfälle, Erwerbsminderung ohne sozialversicherungsrechtliche Absicherung) und miserablen Wohnverhältnissen dramatisch gestiegen – was zugleich den Anstoß zum Auf- und Ausbau eines modernen Gesundheitswesens gab: „Traditionelle Formen der Lebensweise, Gesundheitspflege und Krankenfürsorge durch Familie und Dorfgemeinschaft lösten sich auf, Alternativen wurden notwendig“ (Dahlmann 2001: 5). Zuvor galt Säuglingssterblichkeit vielerorts als unvermeidliches Schicksal – wenn nicht gar „als Regulativ gegen Überbevölkerung im Rahmen einer natürlichen Selektion“ (ebd.: 8), das vermeintlich Schwächere und weniger Lebensfähige betraf. Als sich um die Jahrhundertwende ein Geburtenrückgang ankündigte, wuchs in den Eliten und dem Bürgertum allerdings die Befürchtung, dass drohender Arbeitskräfte- und Soldatenmangel womöglich die Zukunft der deutschen Nation gefährde. Vor diesem Szenario konnten Kinderärzte Überzeugungsarbeit leisten, dass sich Investitionen in das Überleben des einzelnen Säuglings wie Kosten für Arzt, Hebamme und die Ernährung des Säuglings sich gesellschaftlich „lohnten“. Eine Säuglingsfürsorgebewegung entstand, in der „neben der Kaiserin und hohen Staatsbeamten auch Teile der Ärzteschaft, führende Kommunalbeamte, lokale Honoratioren, konservative Frauenvereine sowie Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung“ zusammenwirkten (Fehlemann 2007: 13). Zugleich war hier, wie der Medizinhistoriker Paul Weindling kritisch anmerkt, „eine breite Unterstützungsbasis vorhanden, die dem Ziel der herrschenden Eliten dienen sollte, tiefe gesellschaftliche Widersprüche des Kaiserreichs zu neutralisieren“ (zit. n. ebd.). Die Modernisierung der Kinderheilkunde und Säuglingsfürsorge und -pflege mit neuen Berufsfeldern drängte die „traditionelle“ Hebamme zunehmend in den Hintergrund (ebd.: 260-279). Im Wissenschafts- und Universitätsbereich differenzierte sich das Fachgebiet der Kinder- und Sozialmedizin aus; Lehrstühle wurden geschaffen und gemäß der damaligen Geschlechterhierarchie männlich besetzt, während die Pflege „weiblich“ konnotiert blieb:

„Zunächst ist der Beruf der Säuglingspflegerin beziehungsweise der Säuglingskrankenpflegerin zu nennen. Hier kam es früh (…) zu einer Zweiteilung. Danach war die Säuglingspflegerin für die Pflege des gesunden Säuglings in der Familie zuständig, die Säuglingskrankenpflegerin für die Pflege des kranken Säuglings in der Anstalt. Daneben entstand der Beruf der Säuglingsfürsorgerin. Diese arbeitete mit dem Arzt in den neu entstandenen Mütter- und Säuglingsfürsorgestellen, machte Hausbesuche, kontrollierte die Befolgung ärztlicher Anweisungen und war für eine Reihe organisatorischer Aufgaben zuständig. (…) Vom Ende der 1890er Jahre, als erstmals in Deutschland Säuglingspflegerinnen ausgebildet wurden, bis 1930, als im Bereich der Pflegeberufe die Ausbildung zur Säuglings- und Kinderpflegerin bzw. Säuglings- und Kinderkrankenschwester als erste reichseinheitlich geregelt worden war, begann sich auch die Säuglingsfürsorge in Deutschland zu entwickeln und sich schließlich in der Weimarer Republik als Teil der öffentlichen Gesundheitsfürsorge fest zu etablieren. Es waren die nationale Relevanz und die große öffentliche Präsenz der Säuglingsfürsorge, die die Professionalisierung der Pflegeberufe auf diesem Gebiet entscheidend beförderten.“

(Gellrich 2012a: 127f.)

Aus der Säuglingsfürsorgebewegung hervorgegangene Vereinigungen wie der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge widmeten sich primär der „offenen Fürsorge“, wozu vor allem die Schaffung von Standorten zur Mütterberatung und zur Verteilung von Säuglingsmilch zählten: „Die Fürsorgestellen waren das wichtigste Instrument der Säuglingsfürsorgebewegung. (…) Insbesondere seit 1904/5, als die Senkung der Säuglingssterblichkeit als nationale Aufgabe etabliert wurde, ist der Ausbau dieser Institutionen vorangetrieben worden“ (Fehlemann 2007: 298). Die Angebote richteten sich vor allem an Bedürftige und Industriearbeiter/innen. Eine weitere „besondere Zielgruppe innerhalb der Mütter- und Säuglingsfürsorge waren die unverheirateten Mütter. Ihre spezielle Rolle wurde damit begründet, dass bei den unehelich geborenen Kindern die Säuglingssterblichkeit besonders hoch war“ (ebd.: 309). Hier fand die Frauenrechtlerin Anna Pappritz (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Pappritz) deutliche Worte und

„berichtete von den zahlreichen Vergewaltigungsopfern, die in den Anstalten Aufnahme fanden, von den noch unkonfirmierten, also unter 14-jährigen schwangeren Mädchen. ,Andere wieder kommen durch die schrecklichen Wohnungsverhältnisse in ihre traurige Lage. Man findet in fast jedem Wöchnerinnenheim halbe Kinder von 14-16 Jahren, die von Verwandten oder Schlafburschen missbraucht wurden’. (…) Obwohl unter den unehelichen Müttern in Dresden die Fabrikarbeiterinnen die weitaus größte Gruppe bildeten, stellten vor allem Dienstmädchen die Klientel der Versorgungshäuser. Dies lag nicht zuletzt an den besonderen Lebensumständen dieses Berufes. Anders als die Fabrikarbeiterinnen verloren sie bei einer Schwangerschaft nicht nur die Arbeit, sondern auch die Wohnstätte.“

(Ebd.: 328)

Große Sorge bereitete darüber hinaus der enorme Anstieg der Säuglingssterblichkeit bis zu 40 Prozent während sommerlicher Hitzewellen in den Städten, vor allem hervorgerufen durch Magen-Darm-Störungen wie Erbrechen. Zum tragischen Höhepunkt wurde in Deutschland und Europa das Hitzejahr 1911 mit Wasserknappheit, Ernteverlusten und erhöhten Lebensmittelpreisen für Grundnahrungsmittel.

Gemäß der statistisch fundierten Überzeugung, dass eine durch wissenschaftliche Erkenntnisse fundierte Ernährung des Säuglings mit Muttermilch (anstelle der von Unternehmen wie etwa Nestlé angepriesenen künstlich erzeugten Ersatzmilch) die Konstitution des Säuglings stärke und die Sterblichkeit senke, propagierte die Säuglingsfürsorgebewegung eine Rückkehr zum Stillen (zur Kulturgeschichte des Stillens etwa Seichter 2020). Hier verwiesen sozial engagierte Mediziner/innen auf häufige Ursachen von Stillverweigerung bis hin zur Stillunfähigkeit: Armut, Unterernährung, mangelnde Hygiene, außerhäusliche Frauenlohnarbeit ohne Still-Räume. Dringend empfahlen sie eine Verbesserung der Lebensbedingungen hinsichtlich „Wohnungshygiene, Wasserversorgung, Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, gesetzliche[] Regelungen zum Arbeiterinnen- und Mutterschutz“ (Fehlemann 2007: 281). Auch wenn etwa der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge seine Zielgruppen ungeachtet ihrer Herkunft und Schichtzugehörigkeit ansprach, lag der Fokus der Beratungsstellen auf den unterprivilegierten Müttern; nebenamtlich tätige Ärzte und Ärztinnen arbeiteten mit ausgebildeten Krankenschwestern und Fürsorgerinnen Hand in Hand. Neben der Gesundheitsberatung der Mütter wurden die Säuglinge medizinisch untersucht, Stillgelder und saubere Milch verteilt, Säuglingskurse sowie gegebenenfalls Hausbesuche von Fürsorgerinnen organisiert. Vermittelt wurden Kenntnisse wie das richtige Anlegen des Säuglings, Brustwarzenpflege und Stundenpläne für geregelte Mahlzeiten. Aus „Anlage oder Milieu“, wie 1923 die Sozialwissenschaftlerin und Reformerin der Säuglingsfürsorge Dr. Marie Baum (eine Nachfahrin des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn, Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Baum) formulierte, ergaben sich allzu häufig

„Überfütterung (…), falsche Zusammensetzung der künstlichen Nahrung oder Beikost, mangelhafter Stillwille, der berüchtigte Schnuller, der ‚lange Sauger’, das schwere Federbett, das Wickelband, der Mangel eines eigenen Bettchens, Standort des Bettchens am Herd oder Ofen, mangelhafte Lüftung – wer vermag alle die Quälereien aufzuzählen, die meist in guter Absicht das arme Opfer treffen!“

(Zitiert nach: Fehlemann 2007: 286)

Während des Ersten Weltkrieges wurde die Säuglingsfürsorge im Kaiserreich, wie der Medizinhistoriker Jörg Vögele ausführt, keineswegs eingeschränkt, sondern im Gegenteil weiter ausgebaut:

„Wenn schon die Hitzewelle 1911 als Argument genutzt wurde, sich stärker um das Wohl der Säuglinge zu kümmern, so verstärkte sich dies durch erneut steigende Säuglingssterberaten unmittelbar nach Ausbruch des Krieges. Zahlreiche fürsorgerische Maßnahmen wurden in die Wege geleitet, und tatsächlich ging die Säuglingssterblichkeit insbesondere in den Städten in den folgenden Jahren 1915 und 1916 signifikant zurück, was im Wesentlichen auf ein verändertes Stillverhalten zurück zu führen ist. (…) Die Arbeit der Beratungsstellen wurde so in das öffentliche Leistungsangebot integriert. Daraus erwuchs ein enormer Ausbau von Säuglingsfürsorgestellen während des Ersten Weltkrieges.“

(Vögele 2009: 75f.)

Die Säuglingspflege galt jetzt vermehrt als „nationale und patriotische Pflicht (…). Noch während des Krieges kam es schließlich zur ersten reichseinheitlichen Regelung bezüglich der Ausbildung in der Säuglingspflege“ (Gellrich 2012a: 143). Die Historikerin Silke Fehlemann beschreibt in ihrer Düsseldorfer Dissertation Armutsrisiko Mutterschaft. Mütter- und Säuglingsfürsorge im Deutschen Reich 1890–1924 den enormen Ausbau der Säuglings- und Kleinkinderversorgung:

„Insgesamt waren in den Kriegsjahren 1.274 neue Säuglingsfürsorgestellen eingerichtet worden, von denen allein 1.020 auf die Jahre 1917/18 fielen. Die Kriegsfolgen auf die Gesundheit der Säuglinge wurden kontrovers diskutiert. (…) Richtig deutlich zeigten sich die Kriegsfolgen jedoch bei den Kleinkindern anhand von Krankheiten wie Rachitis, Tuberkulose und anderer Infektionskrankheiten. Insofern wurde die Säuglingsfürsorge schon während des Ersten Weltkrieges auf vielen Ebenen durch die Kleinkinderfürsorge ergänzt.“

(Fehlemann 2007: 341)

Nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen immensen Verlusten an Menschenleben wurde die Säuglingsfürsorge zunehmend unter dem Aspekt bevölkerungspolitischer und sozialhygienischer Maßnahmen betrachtet. In der Weimarer Republik fand angesichts des drohenden Bankrotts vieler Wohlfahrtsinstitutionen infolge Krieg und Hyperinflation eine Koordinierung und Zentralisierung des Gesundheits- und Wohlfahrtswesens statt. Die Mütter-, Säuglings-, Kinder- und Jugendfürsorge wurde weiter ausgebaut und in Städten wie Frankfurt am Main, die über ein eigenes Gesundheitsamt verfügten, dort angesiedelt. 1924 trat das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz in Kraft als ein „umfassendes Regelwerk, das von der Säuglingsfürsorge über die Fürsorgeerziehung und die Vormundschaft bis hin zur Jugendgesundheitsfürsorge zentrale Fragen der Jugendfürsorge erstmals gesetzlich organisierte“ (Fehlemann 2007: 348). Am 28. Juli 1925 wurde das Reichsgesetz über den Ausbau der Angestellten- und Invalidenversicherung und über Gesundheitsfürsorge in der Reichsversicherung wirksam. Die Reformen scheiterten letztlich an der Weltwirtschaftskrise; um sich greifende eugenische Vorstellungen öffneten die Falltore für die mörderische völkische Rassenhygiene des Nationalsozialismus.

Unter den Fittichen des auch als Stadtverordneter kommunalpolitisch aktiven Kinder- und Sozialmediziners Wilhelm Hanauer waren die zuletzt fünfzehn Beratungsstellen des 1925 aufgelösten Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge in die Struktur des Frankfurter Gesundheitsamtes integriert worden. Sein Kollege Heinrich Rosenhaupt, ebenfalls Mitbegründer des Verbands und 1921 Stadtarzt am Frankfurter Gesundheitsamt, war bereits 1922 an das neu gegründete Mainzer Gesundheitsamt gewechselt (Frost 1995).

Adolf Deutsch, Wilhelm Hanauer, Heinrich Rosenhaupt: zur jüdischen Geschichte des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge

Auch aus heutiger Sicht ist der hohe jüdische Anteil an der Säuglingsfürsorgebewegung in Deutschland signifikant. Dies schließt neben den Mediziner/-innen, Pflegenden, Fürsorgerinnen und Akteurinnen der Frauenbewegung (für Frankfurt a.M. Seemann 2023b) auch beteiligte Unternehmen ein. Großen Teilen des Bürgertums war selbst an der Gesundheit und Leistungskraft seiner Bediensteten und Arbeiter/innen und ihrer Familien gelegen; einige Firmen behandelten soziale Fragen als programmatische „Chefsache“ und widmeten sich etwa der betrieblichen Säuglingsfürsorge. Dies war finanzkräftigen Konzernen wie Henkel (Düsseldorf), Bayer (Leverkusen) oder BASF (Ludwigshafen) möglich. Als ein herausragendes Beispiel hebt Silke Fehlemann das Unternehmen Karl Bensinger (Rheinische Gummi- und Celluloid-Fabrik Mannheim-Neckerau) hervor:

„Bensinger verfügte über eine Entbindungsanstalt, eine Milchküche und ein Säuglingsheim. Um die Arbeiterinnen, wie es ein firmeninternes Merkblatt formulierte, zu ihrer heiligsten Pflicht, dem Stillen, zu animieren, wurden die Arbeitspausen verlängert, um der Arbeiterin die Möglichkeit zu geben, ihren Säugling in diesen Pausen selbst zu ernähren. Dieser umfassende Ansatz stellt eine absolute Ausnahme dar.“

(Fehlemann 2007: 294)

Hier handelte es sich interessanterweise um ein jüdisch gegründetes Unternehmen (Alemannia Judaica Mannheim: https://www.alemannia-judaica.de/mannheim_personen.htm; Geni: https://www.geni.com/people/Karl-Bensinger/6000000028161492637; s. auch Marchivum: https://scope.mannheim.de/detail.aspx?ID=751028 [letzte Aufrufe am 04.03.2024]). Richten wir den Blick wieder auf den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, finden wir in dessen Mitgliederverzeichnis die Namen der Gebrüder Albert und Fritz Sondheimer sowie von Louis Feist (UB JCS Ffm: Jahresberichte FVfS 1913) – die beiden Teilhaber und der Prokurist des orthodox-jüdisch geführten Metallkonzerns Beer, Sondheimer u. Co.. Hier lag die Motivation über praktische Erwägungen hinaus in der Erfüllung des jüdischen Gebots der Zedaka (soziale Gerechtigkeit durch Wohlfahrt und Ausgleich).

Ein hoher Anteil: Pionier/-innen der Säuglings- und Kinderheilkunde in Deutschland mit jüdischer Herkunft

Die ärztlichen Pioniere und Pionierinnen einer eigenständigen, modernen und lebenserhaltenden Säuglingskrankenpflege und -fürsorge in Deutschland stammten zu einem erheblichen Teil aus der jüdischen Minderheit. Dem hiesigen Nestor der Geschichte der Kinderheilkunde Eduard Seidler (1929–2020) zufolge waren im Deutschen Reich um 1933 insgesamt zwischen 15 und 16 Prozent der Ärztinnen und Ärzte jüdischer Herkunft – bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil von lediglich 0,9 Prozent (Seidler 2000: 15). Bevorzugt engagierten sie sich im Fachgebiet Kindermedizin; 611 von 1.253 aus verschiedenen Quellen nachgewiesenen deutschen Pädiater/-innen fielen nach der NS-Machtübernahme unter die Nürnberger „Rassegesetze“: „Dies sind 48,8% – nahezu jeder zweite Kinderarzt in Deutschland war oder galt als Jude (…). Der jüdische Kinderarzt gehört vielfach noch zum Erinnerungsgut derjenigen, die zu dieser Zeit noch Kinder waren“ (ebd). Was den Frauenanteil betraf, waren 1930 45,7 Prozent aller Fachärztinnen Kinderärztinnen (bei einem Gesamtanteil an der damaligen Ärzteschaft von nur 6,3 Prozent im Jahr 1932). Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten betrug der Frauenanteil an den antisemitisch verfolgten Pädiater/-innen nahezu ein Drittel (32 Prozent). In Berlin praktizierten 1933 74 jüdische Kinderärztinnen, in Breslau elf, in Frankfurt a.M. dreizehn, in Hamburg acht (ebd.: 22). Der 1924 zur Behebung der Frauenbenachteiligung im Medizinberuf begründete Bund Deutscher Ärztinnen (heute Deutscher Ärztinnenbund e.V.: https://www.aerztinnenbund.de [04.03.2024]) bestand 1933 „zu fast zwei Dritteln aus ,nichtarischen’ Mitgliedern“ (ebd.). Zu den möglichen Gründen für diese hohe Repräsentanz zählt Andrea Autenrieth in ihrer Dissertationsstudie über NS-verfolgte Mediziner/innen am Dr. von Haunerschen Kinderspital (München) neben sozialen und humanitären Zielen auch die Möglichkeit, die neuen Fachgebiete und Berufsfelder der Säuglings-, Kinder- und Sozialmedizin außerhalb der bis zum Ersten Weltkrieg und darüber hinaus häufig antisemitisch agierenden Universitäten zu etablieren (Autenrieth 2012: 90ff.). Dies gelang so erfolgreich, dass sich nach dem Ersten Weltkrieg auch die Hochschulen öffneten und die ersten Lehrstühle für Kinder- und Sozialmedizin einrichteten. An die eindrucksvollen Projekte dieser Vorkämpfer/innen – nicht wenige befanden sich später unter den Verfolgten, Vertriebenen und Ermordeten des Nationalsozialismus – erinnert der Neuropädiater Michael Straßburg:

„Ab Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich vor allem jüdische Kinderärzte für den Auf- und Ausbau sozialpädiatrischer Einrichtungen verdient gemacht. Neben Arthur Schloßmann in Dresden waren dies u.a. Hugo Neumann und Heinrich Finkelstein in Berlin sowie Max Taube in Leipzig mit der vorbildlichen Betreuung von kranken Neugeborenen und Säuglingen sowie der Einrichtung von Mütterberatungsstellen. Gustav Tugendreich aus Berlin hat in einem ausführlichen Handbuchartikel zusammen mit Max Mosse am Beispiel der kindlichen Tuberkulose die Zusammenhänge von Krankheiten und sozialer Lage publiziert.“

(Straßburg 2012; s. auch ders. 2022)

1898 begründete Arthur Schloßmann mit dem Dresdner Säuglingsheim das erste Hospital für kranke Säuglinge in Deutschland (Dorothea Eickemeyer in: Sächsische Biografie, https://saebi.isgv.de/biografie/Arthur_Schlo%C3%9Fmann_(1867-1932); s. auch Blessing 2013; Bönisch 2022; DGKJ Datenbank; Wikipedia mit Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Schlo%C3%9Fmann). Gustav Tugendreich (1948 im Exil von Los Angeles verstorben) gehörte 1909/10 zu den Herausgebern des wegweisenden Handbuchs Die Mutter- und Säuglingsfürsorge (Benjamin Kuntz in: Kinderärztliche Praxis 89 (2018) 3, S. 206-208, online: https://www.kinderaerztliche-praxis.de/a/gustav-tugendreich-erinnerung-an-einen-wegbereiter-der-modernen-sozialpaediatrie-1891857; DGKJ Datenbank). Adolf Baginsky leitete als Mitbegründer und langjähriger Direktor das Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus zu Berlin (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Baginsky). Jüdisch geboren war auch der später getaufte Leo (Leopold) Langstein, Direktor des Kaiserin-Auguste-Victoria-Hauses, Präsident der Reichsanstalt zur Bekämpfung der Kinder- und Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich und der erste Vorsitzende des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DGKJ Datenbank; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Langstein). Erwähnt seien noch Lucie Adelsberger, welche über Die Verdauungsleukocytose beim Säugling promovierte (Kuntz 2020; Wikpedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Lucie_Adelsberger), Georg Peritz, ein vergessener Wegbereiter der Neuropädiatrie und Autor des erstmals 1912 veröffentlichten Standardwerks Die Nervenkrankheiten des Kindesalters (Straßburg/ Kuntz 2020) oder Kurt Huldschinsky, welcher erfolgreich die Rachitis bei Kindern bekämpfte (Kuntz 2021; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Huldschinsky) [letzter Aufruf aller Links am 04.03.2024].

Zu diesem innovativen Kreis gehörten mit Heinrich Rosenhaupt, Wilhelm Hanauer und Adolf Deutsch auch die drei Hauptinitiatoren des überkonfessionellen Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge. Über dessen Gründungsmotive informiert der sehr wahrscheinlich von Heinrich Rosenhaupt (s. auch ders. 1912) verfasste erste Jahresbericht:

„Wissenschaftliche Vorträge der Herren Dr. Hanauer und Dr. Deutsch und anschließende Diskussionen im Frankfurter Ärztlichen Verein hatten die Aufmerksamkeit des Vereins auf eine empfindliche Lücke in der sozialen Fürsorge in unserer Stadt gelenkt. (…) Die reichen Erfahrungen der letzten Jahre auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge ergeben die überwiegende Bedeutung der offenen Fürsorge für die Lösung dieses Problems, das für den Bestand und die Kraft unseres Volkes von ausschlaggebender Bedeutung ist. Mehr als 400.000 Säuglinge sterben im ersten Lebensjahre in unserem Vaterlande. 1.600 in Frankfurt a.M.! Darunter Hunderte gesunder Kinder, die ärztliche Aufsicht und geeignete Fürsorge hätten am Leben erhalten können. Mangelhafte Pflege legt den Keim zu langjährigem Siechtum in so manches Kind, dessen späteres trauriges Dasein eine Folge von Verhältnissen ist, die zum großen Teil durch frühzeitige ärztliche Beratung und soziale Fürsorge auszugleichen gewesen wären.
Bei der Vorbesprechung über eine großzügige Organisation der Säuglingsfürsorge in Frankfurt meldeten sich 70 Ärzte, die bereit waren, dessen Aufgabe durch ihre Mitarbeit zu fördern.“

(FVfS 1911 [Hervorhebungen im Original])

Während aus der sozialen Fürsorge u.a. der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge e.V. zu den Vorreitern zählte, war es auf medizinischem Gebiet der oben erwähnte Frankfurter Ärztliche Verein und damit die Standesorganisation der in Frankfurt a.M. ansässigen Ärzte und Ärztinnen (vgl. zu der noch weiter zu erforschenden Geschichte des Ärztlichen Vereins Flehr 1982; Thomann-Honscha 1988a; Hafeneger u.a. 2016; ISG FFM V48 Nr. 332). Dort hatte sich Dr. Heinrich von Mettenheimer (auch: Mettenheim, 1867–1944) – zu dieser Zeit Leiter des Christ’schen Kinderhospitals, danach der Städtischen Kinderklinik im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, bis 1935 Ordinarius für Kinderheilkunde und Direktor der Universitäts-Kinderklinik, „März 1935 vorzeitige Entlassung und Emeritierung wegen jüdischer Herkunft der Ehefrau“ (DGKJ Datenbank) – schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine allgemeine Säuglingsfürsorge in Frankfurt a.M. eingesetzt, um die Säuglingssterblichkeit zu senken. In einem weiteren im Ärztlichen Verein gehaltenen Referat (1906) sagte Sanitätsrat Dr. med. John Rothschild (1869 – 1951 im Exil von Key Gardens/ New York, vgl. DGKJ-Datenbank), einer der ersten niedergelassenen Frankfurter Kinderärzte und langjähriger Stadtschularzt, der Propagierung künstlicher Säuglingsnahrung den Kampf an und empfahl dringend die Förderung des Stillens (Thomann-Honscha 1988b: 113f.).

Anders als Dr. Rothschild befürwortete Dr. Heinrich Rosenhaupt, Gründer und Leiter der ersten privaten Fürsorgestelle für Mütter und ihre Säuglinge in Frankfurt, den systematischen Ausbau weiterer Beratungsstellen; ungeachtet der Kontroverse schloss sich auch Dr. Rothschild später den beratenden Ärzten des FVfS an. Im Ärztlichen Verein referierte 1908 Dr. Adolf Deutsch, Leiter der Säuglingsberatungsstelle am Israelitischen Gemeindehospital (Königswarterstraße), über die Bedeutung von Säuglings-Milchküchen im Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit. Und Dr. Wilhelm Hanauer „lieferte 1909 mit seinem wissenschaftlichen Vortrag über Säuglingssterblichkeit in Frankfurt am Main wichtige statistische und epidemiologische Daten“ (Thomann-Honscha 1988b: 114; vgl. Hanauer 1910a, 1910b, 1911). Als Resultat dieser nachhaltigen Bemühungen wählte der Ärztliche Verein eigens eine Kommission, welche mit dem Anliegen einer organisierten Säuglingsfürsorge mit „allen interessierten Behörden, Instituten, Vereinen und Personen“ in Kontakt trat (ebd.: 119). Trotz staatspolitisch bedingter Vorbehalte seitens des Frankfurter Oberbürgermeisters Franz Adickes als dem damaligen Vorsitzenden der (heute noch bestehenden) Wilhelm und Auguste Viktoria Stiftung für Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main gegen eine neue kommunal angelegte Organisation veranstaltete der Ärztliche Verein, wie oben erwähnt, am 11. Oktober 1910 mit dem Krippenverein den „Margueritentag“ und rief am 8. Dezember 1910 den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge ins Leben.

Dieser Erfolg im Dienste der Kinderrettung verdankte sich hauptsächlich den jüdischen Kinderärzten im Frankfurter Ärztlichen Verein, allen voran Dr. Rosenhaupt, Dr. Deutsch und Dr. Hanauer. Wie auch ihren Kollegen Dr. Rothschild trieben sie neben der Sorge um das Überleben und die Gesundheit Neugeborener, die soziale Not ihrer Mütter und den Fortbestand einer leistungsfähigen deutschen Nation ebenso jüdische Anliegen um: Als gläubige Juden erfüllten sie mit ihrem Engagement für die Kranken und die Schwächsten der Gesellschaft zugleich die Mitzwot (religiöse Gebote und Pflichten) der Zedaka und der Gemilut Chessed (Taten der Nächstenliebe). Adolf Deutsch, Wilhelm Hanauer und John Rothschild waren nachweislich Brüder der Frankfurt-Loge des B’nai B’rith („Söhne des Bundes“ [mit Gott]), einem jüdischen Orden, der sich gemeinsam mit seinen Schwesternvereinigungen unter dem Dach von Zedaka, Bildung und Kultur für den Zusammenhalt und die humanitäre Fortentwicklung der von Antisemitismus, „Assimilation“ und Konversion (Taufe) bedrohten deutsch-jüdischen Minderheit einsetzte (Gut 1928; Seemann 2023c). Dies schloss die Fürsorge für die jüdischen Nachkommen ein (deren Sterblichkeit statistisch gesehen unterhalb der Mortalität christlicher Säuglinge lag). Zu diesem Themenfeld hatte Regierungsrat Ludwig Knöpfel (gest. 1939), Experte und von 1920 bis 1924 Leiter der Großherzoglichen Zentralstelle für die Landes-Statistik (heute das Hessische Statistische Landesamt), mehrere Fachbeiträge in der vom Bureau für Statistik der Juden herausgegebenen Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden publiziert (Knöpfel 1910, 1913, 1914a u. 1914b; s. in Auswahl auch Hanauer 1919, 1924, 1928 sowie Bureau für Statistik der Juden 1908; Fürth 1916; Löffler 1916).

Adolf Deutsch

Im Folgenden werden Adolf Deutsch, Wilhelm Hanauer und Heinrich Rosenhaupt, deren Leistungen für die Stadt Frankfurt am Main (und bei Dr. Rosenhaupt auch für Mainz) als Nachwirkung der Shoah noch heute zu wenig bekannt sind, kurz vorgestellt. So hatte sich Sanitätsrat Dr. med. Adolf Deutsch (1868–1942) auf innere und Kinderkrankheiten spezialisiert. Er war ein entschiedener Förderer der beruflichen jüdischen Krankenpflege und viele Jahre lang Vorsitzender des von ihm mitbegründeten ersten Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen in Deutschland (Frankfurt a.M.); in dieser Funktion leitete er auch die von Müttern aller Konfessionen aufgesuchte Säuglingsberatungsstelle mit Säuglings-Milchküche im jüdischen Krankenhaus und Schwesternhaus. 1892 hatte sich Dr. Deutsch nach seiner Heidelberger Promotion über „kryptogene Sepsis“ (Blutvergiftung mit unbekanntem Infektionsherd) als praktischer Arzt in Frankfurt niedergelassen und behandelte zudem als Assistenzarzt am Israelitischen Gemeindehospital Königswarterstraße. Dort und im nachfolgenden neuen jüdischen Gemeindekrankenhaus Gagernstraße leitete er von 1895 bis zu ihrer inflationsbedingten Schließung 1923 die Polikliniken. Als Armenarzt der Israelitischen Gemeinde versorgte er voller Hingabe jüdische wie nichtjüdische Frankfurter/innen und gehörte darüber hinaus dem Vorstand des Krankenunterstützungsvereins Bikkur Cholim an. 1931 wählte ihn der Frankfurter Ärztliche Verein zum Vorsitzenden. Trotz aller Verdienste liegt von Adolf Deutsch bislang kein Foto vor, die biografischen Informationen sind spärlich. Doch findet sich anlässlich seines 70. Geburtstages ein Beitrag im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt, verfasst von seinem langjährigen Kollegen, zeitweiligen Vorgesetzten sowie Logenbruder Prof. Dr. Simon Isaac (Chefarzt der inneren Abteilung und später des gesamten Jüdischen Krankenhauses Gagernstraße): Die Würdigung betraf einen „der bekanntesten Ärzte unserer Stadt, der in früheren Jahren auch eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten, meist chirurgischen Inhalts[,] veröffentlicht hat (…)“ (Isaac 1938: 11). Einige Monate vor dem Novemberpogrom 1938 musste der hochangesehene Mediziner mit 70 Jahren aus Nazideutschland flüchten. Dr. Adolf Deutsch verstarb 1942 im englischen Exil von Oxford (s. auch Entschädigungsakte HHStAW 518/ 10261; Kallmorgen 1936; Drexler-Gormann 2009).

Wilhelm Hanauer

Wilhelm Hanauer, ohne Jahr – Nachweis: Heuer, Renate/ Wolf, Siegbert (Hg.) 1997: Die Juden der Frankfurter Universität. Frankfurt a.M., New York: 151 (UAF Bestand 854 Nr. 484, Urheber unbekannt)
Wilhelm Hanauer, ohne Jahr – Nachweis: Heuer, Renate/ Wolf, Siegbert (Hg.) 1997: Die Juden der Frankfurter Universität. Frankfurt a.M., New York: 151 (UAF Bestand 854 Nr. 484, Urheber unbekannt)

Den ebenfalls höchst renommierten praktischen Arzt, Kinderarzt, Arbeits- und Sozialmediziner sowie Stadtverordneten und Kulturförderer Sanitätsrat Prof. Dr. Wilhelm (Wolf) Hanauer (1866–1940) benannte der Frankfurter jüdische Historiker Paul Arnsberg als einen „Vorkämpfer der sozialen Ausgestaltung der Tuberkulosefürsorge in Frankfurt a.M.“ (Arnsberg 1983 Bd. 3: 175-176; s. auch Heuer/ Wolf 1997: 151-153; Schembs 2007: 79-80; Walter 2014; Elsner 2017; Blum 2020; Seemann 2023c; JM Ffm: Shoah Memorial; Stolpersteine Ffm). Die Frankfurter Universität berief Wilhelm Hanauer infolge seiner Habilitation und weiterer herausragender Fachpublikationen zum außerordentlichen Professor eines neuen Wissenschaftszweigs: der Sozialmedizin. In der Frankfurter Israelitischen Gemeinde bekleidete er als Vertreter der Gemeindeorthodoxie verschiedene Ämter. Aus seinen vielfältigem Wirkungskreis riss ihn 1933 die nationalsozialistische Verfolgung:

„Im Jahr 1934 erlitt er einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich zeitlebens nicht mehr erholte. Er musste seine Arbeit aufgeben und wurde in der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz aufgenommen. In diesem Krankenhaus, das später aufgelöst und in eine ,Euthanasie‘-Zwischenanstalt für die in preußischen Heil- und Pflegeanstalten lebenden jüdischen psychiatrischen Patientinnen und Patienten umgewandelt wurde, starb er an ,Arteriosklerose und körperlichem und geistigem Marasmus‘ [Auszehrung, Entkräftung, d.V.]. Am 18. Juni 1940 wurde er auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt beerdigt.“

(Zitiert nach: Stolpersteine Ffm: https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine/stolpersteine-im-westend/familien/hanauer-wilhelm [04.03.2024])

Hinsichtlich der sozialen Ursachen von Säuglingssterblichkeit machte Wilhelm Hanauer als Spezialist für Berufserkrankungen das zumeist verborgene Elend der Heimarbeiter/innen in der Öffentlichkeit sichtbar: Ganze Familien arbeiteten in ihren oft dunklen und feuchten Behausungen – mangels Arbeitszeitregelung fast rund um die Uhr: „Die Heimarbeit kennt keine Nachtruhe, keine Sonntagsruhe, keine Schonung der Frau und der zarten Kinder“ (W.H., zit. n. Elsner 2017: 88). Am häufigsten erkrankten die Heimarbeiter/innen an Tuberkulose. Für Wilhelm Hanauer stand die Säuglingssterblichkeit in einem unmittelbaren Zusammenhang mit rasch aufeinander folgenden Geburten und beengten Wohnverhältnissen. 1914 legte er in der Reihe Die Heimarbeit im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet (Herausgeber: Professor Paul Arndt) seine Studie Die hygienischen Verhältnisse der Heimarbeiter im rhein-mainischen Wirtschaftsgebiet vor, eingeführt von dem Bakteriologen Professor Max Neisser, Direktor des Frankfurter Hygienischen Instituts und wie Dr. Hanauer im Verwaltungsausschuss des Frankfurter Verbands für Säuglingspflege aktiv.

Heinrich Rosenhaupt

Heinrich Rosenhaupt, um 1920 – Eschler, Juliane 2022: Mainzer Medizin im Nationalsozialismus (…). In: Berkessel, Hans/ Cornelia Dold (Hg.) 2022: „Das Leben war draußen und ich war dort drinnen“. Zwangssterilisation und Ermordung im Rahmen der NS-„Euthanasie“ und ihre Opfer in Mainz und Rheinhessen. (…) Frankfurt a.M.: 106 (Stadtarchiv Mainz, BPSF16666A)
Heinrich Rosenhaupt, um 1920 – Eschler, Juliane 2022: Mainzer Medizin im Nationalsozialismus (…). In: Berkessel, Hans/ Cornelia Dold (Hg.) 2022: „Das Leben war draußen und ich war dort drinnen“. Zwangssterilisation und Ermordung im Rahmen der NS-„Euthanasie“ und ihre Opfer in Mainz und Rheinhessen. (…) Frankfurt a.M.: 106 (Stadtarchiv Mainz, BPSF16666A)

Die „Seele“ des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge war von Beginn an Dr. Heinrich Rosenhaupt (1877 – 1944 im Exil von Colorado Springs, USA). Verheiratet war er mit Fanny Marie Freudenthal, der Tochter des jüdischen Philosophen und Spinoza-Experten Dr. Jakob Freudenthal (Geni: https://www.geni.com/people/Heinrich-Rosenhaupt/6000000029264267905 [04.03.2024]); sein Sohn Hans Wilhelm Rosenhaupt (über ihn hat Armin Wishard biografisch gearbeitet) korrespondierte mit Katia und Thomas Mann. Nach Lehre und Tätigkeit als Bankkaufmann entschied sich Heinrich Rosenhaupt für die medizinische Laufbahn. Bevor er sich 1905 als praktischer Arzt und Kinderarzt in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main niederließ, hatte er u.a. als Assistenzarzt an Arthur Schloßmanns Dresdner Säuglingsheim berufliche Erfahrungen gewonnen. Noch 1905 gründete er auf eigene Initiative Frankfurts erste Säuglingsberatungsstelle und engagierte sich zwei Jahre später als Sekretär für Deutschland in der Internationalen Vereinigung für Säuglingsschutz (Goutte de Lait). Vor dem Ersten Weltkrieg leitete er die Auskunftsstelle des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge. 1921 gab er seine Praxis auf und arbeitete als Stadtarzt im Frankfurter Gesundheitsamt, zuständig für Schulhygiene, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge. 1922 wechselte er an das neu gegründete Mainzer Gesundheitsamt und erreichte die Funktion des Stadtmedizinaldirektors. 1933 durch die Nationalsozialisten seines Amtes enthoben, kehrte er im März 1934 nach Frankfurt zurück und eröffnete trotz der restriktiven NS-Bedingungen erneut eine Praxis. Nach einer kurzzeitigen Inhaftierung im KZ Sachsenhausen flüchtete er 1939 gemeinsam mit seiner Frau über England in die USA und verstarb 1944 im Exil von Colorado Springs (Thomann 1993; Frost 1995; Eschler 2022; DGKJ Datenbank; s. auch Schmidt C. 2022). An den verdienten Mediziner erinnert in Mainz heute die Dr.-Heinrich-Rosenhaupt-Straße. Im Kontext der Pflegegeschichte und dazumal neuen Berufe in der Säuglingsfürsorge sei abschließend noch aus Dr. Rosenhaupts Beitrag Die Hilfsorgane der Gesundheitsfürsorge, ihr Wirkungskreis und ihre Ausbildung zitiert, veröffentlicht im Band 4 (1927) des von Adolf Gottstein, Arthur Schloßmann und Ludwig Teleky 1927 herausgegebenen Handbuchs der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge:

„Die Gesundheitsfürsorgerin muss über die Fähigkeit der Krankenpflegerin hinaus die soziale Ätiologie [hier: Krankheitsursachen, d.V.]) des Einzelfalls zu erforschen suchen. Sie unterstützt den Arzt der Fürsorge schon bei der Diagnose, während die Krankenpflegerin an der Diagnosenstellung sich nur gelegentlich und nur dadurch beteiligt, dass sie dem Arzt wertvolles Material durch ihre Krankenbeobachtung zu liefern imstande ist. (…) Aber über diese Fähigkeit des Sehens und Beobachtens hinaus muss ihr Auge offen sein für die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Fürsorgebefohlenen, für die Wirkungen der Umwelt des einzelnen; mehr noch als die Krankenpflegerin muss die Gesundheitspflegerin die seelischen Werte und Unwerte erkennen und in ihren Zusammenhängen zu beurteilen imstande sein.“

(Zitiert nach: Reinicke 2008: 41)

Mediziner/innen und Pflegende des Verbands für Säuglingsfürsorge

Heinrich Rosenhaupt hat wohl auch den ersten Jahresbericht (1911) des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge verfasst (s. auch Rosenhaupt 1912). Aus dem Bericht geht hervor, dass in Frankfurt a.M. bis zur Öffnung der Beratungsstellen des Verbands lediglich drei Versorgungsstellen für die offene Säuglingsfürsorge bestanden: neben Heinrich Rosenhaupts Initiative und der von Adolf Deutsch geleiteten Säuglingsberatungsstelle im Israelitischen Gemeindehospital nur noch die Anlaufstelle in dem von Dr. med. Friedrich „Fritz“ Cuno (1865–1957) geleiteten Dr. Christ’schen Kinderhospital (mit christlich-jüdischen Bezügen). Der hohe jüdische Anteil an Mediziner/-innen setzte sich auch nach der Eröffnung der Beratungsstellen des Verbands für Säuglingsfürsorge fort. Beispielhaft seinen einige Namen (in alphabetischer Reihenfolge) genannt:

– Dr. med. Henry Böhm (auch: Boehm), Mitbegründer des FVfS (DGKJ Datenbank);
– Sanitätsrat Dr. med. Eugen Cahen-Brach, für die Frankfurter Armenklinik Leiter der Säuglingsberatungsstelle IV (Bezirk: Stadtteil Bornheim), leitender Arzt des Dr. Christ’schen Kinderhospitals. Seine Ehepartnerin Alice Cahen-Brach geb. Bing und deren verwitwete Schwester Anna Luise Dreifuss (auch: Dreyfuss, Dreyfus, Dreyfus-Bing) engagierten sich beide als freiwillige Helferinnen des FVfS. Sie wurden allesamt in Theresienstadt ermordet (Hock 2021; DAV Ffm Spurensuche mit Abb.; Terezin Opferdatenbank).
– Dr. med. Samuel Cobliner, vor seinem Frankfurter Einsatz tätig am Städtischen Kinderasyl und Waisenhaus Berlin sowie am Städtischen Säuglingsheim Breslau (Seemann 2023c);
– Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul Grosser, leitender Arzt des Städtischen Kinderheims mit Säuglingspflegeschule (Böttgerstraße) und bis zu seiner NS-Suspendierung des Clementine Kinderhospitals, Vater des bekannten Politikwissenschaftlers und Publizisten Alfred Grosser;
Dr. med. Max Plaut, u.a. Kinderarzt am Gumpertz’schen Siechenhaus;
– Dr. med. Hugo Salvendi, als Kinderarzt spezialisiert auf Chirurgie und Orthopädie, aus einer Rabbinerfamilie, Vorstandsmitglied der 1912 gegründeten Frankfurter Kinder-Jeschiwa Thoralehranstalt Ez-Chajim („Baum des Lebens“) (Seemann 2023c).

Entsprechend der damaligen gesellschaftlichen und politischen Geschlechterhierarchie war die Zahl der in den FVfS-Beratungsstellen aktiven Ärztinnen gering. Die im Folgenden genannten Pädiaterinnen, allesamt promoviert, können als Vorreiterinnen im damaligen „Männerberuf“ Medizin gelten:

– Dr. med. Käthe (Käte) Kehr, evangelisch, zuletzt Frankfurt a.M. (Ärztinnen im Kaiserreich);
Dr. med. Käthe Neumark, jüdisch, vor ihrem Medizinstudium Krankenschwester (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M.), einer der ersten weiblichen Sanitätsoffiziere Deutschlands, nach ihrer NS-Vertreibung Leiterin einer orthodox-jüdischen Kinderpension im niederländischen Exil (Zaandvoort), 1939 Suizid wegen NS-Einmarsch (Ärztinnen im Kaiserreich; DGKJ Datenbank);
– Dr. med. Paula Philippson, jüdisch, langjährige Kinderärztin sowie 1914 Schulärztin in Frankfurt a.M., nach ihrer NS-Vertreibung Religionswissenschaftlerin in Basel (Ärztinnen im Kaiserreich; DGKJ Datenbank; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Paula_Philippson).
Des Weiteren während des Ersten Weltkriegs:
– „Fräulein Dr. med. Herz“: vermutlich Dr. Johanna Sophia Hertz [sic!], evangelisch, Tochter des Entdeckers der „elektromagnetischen Wellen“ Prof. Dr. Heinrich Herz (getauft, aus jüdischer Familie, einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hertz), 1967 im englischen Exil verstorben (Ärztinnen im Kaiserreich; DGKJ Datenbank);
– „Fräulein Dr. med. Knippen“: möglicherweise Dr. Maria Knippen, katholisch, zuletzt leitende Ärztin der Kneipp-Kuranstalt Dr. Knippen in Königstein (Taunus) bei Frankfurt a.M. (Ärztinnen im Kaiserreich).

Im „Frauenberuf“ der Pflege setzte der FVfS in den Frankfurter Stadt- und Armenbezirken jüdische, katholische und evangelische Krankenschwestern ein. Bereits im ersten Berichtsjahr stellte der im Vergleich zu den größeren christlichen Schwesternvereinigungen weitaus geringer ausgestattete Verein für jüdische Krankenpflegerinnen drei Schwestern, der Verein vom Roten Kreuz sowie der Vaterländische Frauenverein jeweils zwei Schwestern (FVfS 1911: 6). In der folgenden Auflistung aus dem zweiten Jahresbericht (FVfS 1912: 5) sind, wie dazumal leider üblich, die Familiennamen der Pflegenden nicht verzeichnet:

„Schwester Auguste (Verein Bethesda);
Schwester Christine (Diakonie Eschersheim);
Schwester Claire, Doris, Johanna (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen);
Schwester Claire, Ruth (Verein Rotes Kreuz);
Schwester Ernestine (Schwester der städt.[ischen] Beratungsstelle 11);
Schwester Gerda, Jenny (Vaterländischer Frauenverein).“

Ein Who’s who des Frankfurter Bürgertums: Persönlichkeiten des Verbands für Säuglingsfürsorge

Auch der Verwaltungsausschuss des FVfS, in dem sich der sozial aufmerksame Teil des Frankfurter Bürgertums engagierte, war laut Jahresberichten überkonfessionell zusammengesetzt: evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert, katholisch und ebenfalls mit einem hohen jüdischen Anteil – letzterer etwa „vertreten“ durch die Ärzte Dr. Deutsch,

Dr. Hanauer und Dr. Rosenhaupt, Bertha Pappenheim oder Emil L. Heidenheimer, Vorstandsmitglied der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M., Vorsitzender der Israelitischen Frauenkrankenkasse, aktiv im Vorstand der Vereinigung jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen (Vorläuferin der Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege) sowie des Raphael und Jeanette Ettlinger-Heims für erholungsbedürftige jüdische Kinder zu Hofheim/Taunus.
Weitere Mitglieder des Verwaltungsausschusses waren Stadtrat Dr. jur. Karl Flesch (jüdisch, evangelisch getauft, Leiter des Frankfurter Armen- und Waisenamtes), Stadtrat Wilhelm Woell (katholisch), Eduard Gräf (Vorsitzender der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), später 2. Frankfurter Bürgermeister), Stadtrat Prof. Dr. Philipp Stein (Leiter des Instituts für Gemeinwohl), Prof. Dr. Christian Jasper Klumker (Direktor der Centrale für private Fürsorge), Prof. Dr. Max Neisser (Direktor des Städtischen Hygienischen Instituts), Prof. Dr. Heinrich von Mettenheim(er) (Professor für Kinderheilkunde, Direktor der Frankfurter Universitäts-Kinderklinik), Frau Schinkel-Otto (Vorname ungenannt, Vorsitzende des Preußischen Hebammenverbandes, einem Teilverband der damaligen Vereinigung Deutscher Hebammen (VDH)), Generalkonsul Carl von Weinberg (jüdisch, evangelisch getauft). Aus dem Mitgliederverzeichnis seien noch hervorgehoben:

– Prof. Dr. Friedrich Dessauer (Direktor der Vereinigten Elektrotechnischen Institute Frankfurt-Aschaffenburg (VEIFA), nach dem Ersten Weltkrieg Frankfurter Stadtverordneter (Zentrumspartei) sowie ordentlicher Professor und Gründungsdirektor des Instituts für physikalische Grundlagen der Medizin, Ehrenbürger der Stadt Frankfurt a.M., als sozial engagierter Katholik politisch Verfolgter des Nationalsozialismus (Frankfurter Personenlexikon; Wikipedia mit Foto);
– Geheimer Regierungsrat Dr. Wilhelm von Gwinner, Jurist, Schriftsteller und Schopenhauer-Freund, aktiver evangelischer Christ (Frankfurter Personenlexikon; Wikipedia);
– der spätere Nationalsozialist Prof. Dr. Wilhelm Polligkeit als Direktor der Centrale für private Fürsorge, von 1916 bis 1918 im Verwaltungsausschuss des FVfS (Frankfurter Personenlexikon; Wikipedia mit weiteren Literaturangaben).

Zu den Mitgliedern des FfVS mit jüdischer Herkunft gehörten laut Verzeichnis 1913:
– Alice Buseck-Una, Eigentümerin der Dampfwaschanstalt Schwan (später Wagenreparaturwerkstatt Uga. Apparatebau GmbH), 1941 nach Lodz/ Ghetto Litzmannstadt deportiert (JM Ffm Shoah Memorial);
– Ludwig Cohnstaedt (später Prof. Dr. h.c.) und sein Sohn Dr. Wilhelm Cohnstaedt (auch: Cohnstädt), beide führende Mitarbeiter und Mitgestalter der Frankfurter Zeitung, 1937 Suizid von Wilhelm Cohnstädt im Exil von Philadelphia (Frankfurter Personenlexikon; Lagis Hessen; Stolpersteine Ffm);
– Rosy Fischer, Kunstmäzenin und -sammlerin bedeutender expressionistischer Werke.

Philippine (Ellinger) Hochschild, um 1915 – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philippine_hochschild_nee_ellinger.png [04.03.2024]
Philippine (Ellinger) Hochschild, um 1915 – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philippine_hochschild_nee_ellinger.png [04.03.2024]

– Neben dem Führungspersonal (Albert und Fritz Sondheimer, Louis Feist) des bereits oben erwähnten orthodox-jüdisch geführten Unternehmens Beer, Sondheimer u. Co. befanden sich unter den Mitgliedern des FVfS drei Mitbegründer eines weiteren Frankfurter Weltkonzerns mit bekanntem Namen – der „Metallgesellschaft“: Dr. Wilhelm Merton (jüdisch, evangelisch getauft), Mitbegründer des Instituts für Gemeinwohl und der Centrale für private Fürsorge (einführend: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Gemeinwohl), Zachary Hochschild (jüdisch) und dessen Schwager Leo Ellinger (jüdisch, getauft?), des Weiteren Zachary Hochschilds Witwe Philippine Hochschild (jüdisch, Schwester von Leo Ellinger) sowie ihr Schwiegersohn Rudolf Euler (Vorstandsmitglied der Metallgesellschaft, evangelisch). Philippine Hochschilds aktive Zedaka zeigte sich auch in ihrer Gründung (1913) der Zachary Hochschild’schen Unterstützungskasse für Angestellte der Metallgesellschaft (Angabe nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Zachary_Hochschild [04.03.2024]).
– Geheimrat Leo Gans, der bekannte Chemiker und Unternehmer, und seine Neffen Arthur und Carl von Weinberg, allesamt jüdisch geboren, später evangelisch getauft (einführend Wikipedia);
– Fritz Hallgarten, der älteste Sohn des Bankiers und Sozialreformers Charles L. Hallgarten und Schwager von Prof. Dr. Max Neisser, Mitglied des FfVS-Verwaltungsausschusses, jüdisch, Übertritt zur evangelisch-reformierten Kirche;
– Stadtrat Anton Horkheimer, Bankier und langjähriger Vorsitzender des Pflegamts des Almosenkastens der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (Arnsberg 1983 Bd. 3: 207);
– Stadtrat Dr. med. Simon Kirchheim, Chirurg, Geburtshelfer, Förderer der beruflichen jüdischen Krankenpflege, langjähriger Chefarzt der Inneren Station des Frankfurter Israelitischen Gemeindehospitals Königswarterstraße, 1885 Vorsitzender des Frankfurter Ärztevereins (Steppe 1997);
– Emma Livingston aus der ursprünglich jüdischen Familie Löwenstein, beteiligt an der Centrale für private Fürsorge, verwandt mit Rose Livingston (Gründerin des Nellini-Stifts) und der Arztfamilie Herxheimer (Jenner, Harald 2015: Die Familie Livingston und das Nellinistift in Frankfurt am Main. Frankfurt a.M.);
– Kommerzienrat Ludo Mayer aus Frankfurts Nachbarstadt Offenbach a.M., Lederfabrikant, Mäzen und Offenbacher Ehrenbürger, Förderer der Tuberkulose- und Säuglingsfürsorge (Wikipedia; Alemannia Judaica Offenbach)
– Freiherr Philipp Schey von Koromla aus der Bankiersfamilie von Goldschmidt-Rothschild (Seemann/ Bönisch 2019);
– die Schuhfabrikanten Louis und Simon Spier sowie der Unternehmer und Mäzen Isaak (Isaac) C. Weill (Seemann 2023c);
– der Kaufhauspionier Hermann Wronker (Mönch, Dieter 2019: Vergessene Namen – vernichtete Leben. Die Geschichte der jüdischen Frankfurter Unternehmerfamilie Wronker und ihr großes Warenhaus an der Frankfurter Zeil. Frankfurt a.M.; Seemann 2023c; Seemann/ Bönisch 2019).

Mit Unterstützung dieses ebenso vielfältigen wie beeindruckenden Netzwerkes aus dem Frankfurter Bürgertum (mit vielen spannenden Biografien) trug die intensive Beratungs- und Rettungsarbeit des Verbands für Säuglingsfürsorge dazu bei, den statistischen Anteil der in ihren ersten Lebenswochen verstorbenen Säuglinge (von 100 in Frankfurt am Main Geborenen) im Zeitraum 1911–1914 von 14,5 Prozent (1901–1910) auf 10,6 Prozent, im Jahr 1923, nach einem traurigen Wiederanstieg infolge des Ersten Weltkriegs, erstmals unter 10 Prozent zu senken (Thomann-Honscha 1988: 83). Im Kontext der Zentralisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen während der Weimarer Republik koordinierte seit 1922 das Stadtgesundheitsamt Frankfurts offene Säuglingsfürsorge, der Verband für Säuglingsfürsorge erhielt dabei den Status als „ausführendes Organ der Stadt“ (zit. n. Steppe 1997: 259). 1925 übernahm die Stadt Frankfurt den Verband (Thomann-Honscha 1988: 127) mit der bereits erwähnten Eingliederung der zuletzt fünfzehn Beratungsstellen (Ute Daub in: Hövels u.a. 1995: 78) in das Stadtgesundheitsamt.

Jenen Frauen und Männern im Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, die der NS-Staat als „Nichtarier“ verfolgte, wurde ihr Engagement für die Kinderrettung nicht gedankt: Sie wurden zur Emigration gezwungen, in den Suizid getrieben, im KZ gefoltert, in der Shoah ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte für eine lange Zeit der „soziale Tod“ des Vergessens.

Birgit Seemann, Stand: März 2024

Quellen- und Literaturverzeichnis

Ungedruckte und digitalisierte Quellen

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
• Bestand A.02.01 Nr. R-1566-1: Versorgung der Pfleglinge, Kost- und Ziehkinder; Säuglingsfürsorge (Laufzeit: 1881–1910)
• Bestand A.02.01 Nr. R-1566-2: Versorgung der Pfleglinge, Kost- und Ziehkinder; Säuglingsfürsorge (Laufzeit: 1911–1916)
• Bestand A.02.01 Nr. R-1566-3: Versorgung der Pfleglinge, Kost- und Ziehkinder; Säuglingsfürsorge (Laufzeit: 1917–1930)
• Bestand A.02.01 Nr. S-1839: Verein für öffentliche Gesundheitspflege in Frankfurt, Frankfurter Verein für Hygiene (Laufzeit: 1895–1930)
• Bestand A.02.01 Nr. V-609: Margueritentag, Volkskindertag, Muttertag (Laufzeit: 1910–1913, 1924)
• Bestand A.51.01 Nr. 1312: Säuglingsfürsorge
• Bestand S3 Nr. 6056: Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge
• Bestand S3 Nr. 14209: Margueritentag der Frankfurter Kinderhilfe (Datierung: 11.10.1910)
• Bestand S6b-75 Nr. 178: Lebensverhältnisse von Proletarierfamilien in Frankfurt (ca. 1920) [enth.: Gewichtkarte des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge für Christine Kalis, geb. 13.10.1916]
• Bestand S7Z Nr. 1910-32: Foto: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Damen der Gesellschaft verkaufen im Dienste der Wohltätigkeit Margueriten (…) (Datierung: 11.10.1910)
• Bestand S7Z Nr. 1910-33: Postkarte: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Damen der Gesellschaft verkaufen im Dienste der Wohltätigkeit Margueriten (Datierung: 11.10.1910)
• ISG FFM Bestand S7Z Nr. 1910-34: Postkarte: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Damen der Gesellschaft verkaufen im Dienste der Wohltätigkeit Margueriten (…) (Datierung: 10.11.1910)
• Bestand S7Z Nr. 1910-35: Postkarte: „Margueritentag“ der Frankfurter Kinderhilfe: Umzug der Frankfurter Jugendwehr in der Bergerstraße am Uhrtürmchen (…) (Datierung: 11.10.1910)
• Bestand V48 Nr. 332: Ärztlicher Verein Frankfurt a.M., 01.05.1839–17.10.1921 (digitalisiert zugänglich bei Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de)
• Sammlung S2 (Personengeschichte), S2/ 15.495: Heinrich Rosenhaupt
• Sammlung S3, Sign. S3 / P6056: Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge
• Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Universität Frankfurt a.M. (gedr. Ms.), Sign. S 6a/411

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Jahresberichte FVfS: Jahresberichte des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge, 1911–1921
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Literatur und Internetquellen (zuletzt aufgerufen am 04.03.2024)

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Seidler, Eduard 2000: Jüdische Kinderärzte 1933–1945 – entrechtet/geflohen/ermordet = Jewish pediatricians – Victims of persecution 1933–1945. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Bonn (siehe auch erweiterte Neuauflage Basel 2007)

Stahl, Werner Helmut 2004: Frankfurter Marken & Zeichen. Historisches Museum Frankfurt am Main. Gütersloh = Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main; Bd. 24, S. 324, Nr. 271.1.1-5

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Straßburg, Hans Michael o.J. [2012]: Kurze Geschichte der Sozialen Pädiatrie. In: DGSPJ: https://www.dgspj.de/ueber-uns/geschichte

Straßburg, Hans Michael 2022: Die Geschichte der Sozialpädiatrie. Kinder – Gesellschaft – Medizin. Lübeck

Straßburg, Hans Michael/ Kuntz, Benjamin 2020: Georg Peritz. Internist – Nervenarzt – Pionier der Neuropädiatrie. Leipzig

Thomann, Klaus-Dieter 1993: „Elf vergessene Jahre“. Dr. Heinrich Rosenhaupt (1877–1944) und das Mainzer Stadtgesundheitsamt. In: Ärzteblatt Rheinland-Pfalz 46 (1993), S. 370-375

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M. (gedr. Ms.), ISG Ffm: S 6a/411
– 1988a: Der Ärztliche Verein in Frankfurt und sein Beitrag zum Aufbau der Säuglingsfürsorge: 113-120
– 1988b: Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge: 121-127

Vögele, Jörg 2009: Wenn das Leben mit dem Tod beginnt: Säuglingssterblichkeit und Gesellschaft in historischer Perspektive. In: Historical Social Research 34 (2009) 4: 66-82, online: https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/28758

Walter, Katja 2014: Verfolgte jüdische Ärzte am Frankfurter Klinikum während der NS-Herrschaft. In: Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main (Hg.): Bürger, die Geschichte schreiben. Das Projekt „Stadtteilhistoriker“ 2010 bis 2014. Frankfurt a.M. 2014: 70-71 (u.a. Wilhelm Hanauer), https://sptg.de/files/Mediathek/SPTG/Projekte/Stadtteil-Historiker/stadtteil-historiker-band2-2010-2014.pdf

Online-Datenbanken [zuletzt aufgerufen am 04.03.2024]

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: https://www.alemannia-judaica.de

Ärztinnen im Kaiserreich: Ärztinnen im Kaiserreich. Wo bleiben die Frauen in der Medizingeschichte? Hg.: Charité – Universitätsmedizin Berlin, CC1 Human- und Gesundheitswissenschaften, Institut für Geschichte der Medizin, Berlin. Red.: Jutta Buchin, 2015, Online-Datenbank: https://geschichte.charite.de/aeik

Arcinsys Hessen: Archivinformationssystem Hessen: https://arcinsys.hessen.de

BArch Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

DAV Ffm Spurensuche: Spurensuche. Ein Projekt der Sektion Frankfurt am Main des Deutschen Alpenvereins (DAV): https://spurensuche.dav-frankfurtmain.de

DGKJ Datenbank: DGKJ – Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945. Red.: Vera Seehausen (s. auch Seidler 2000 u. 2007)

DGSPJ: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ), https://www.dgspj.de

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), Online-Ausgabe: https://frankfurter-personenlexikon.de

JM Ffm Shoah Memorial: Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Shoah Memorial Frankfurt: https://www.shoah-memorial-frankfurt.de

Lagis Hessen: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS): https://www.lagis-hessen.de

Stolpersteine Ffm: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main: https://www.stolpersteine-frankfurt.de sowie https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine (Stadt Frankfurt am Main, Online-Datenbank)

Terezin Opferdatenbank: Terezin Initiative Institute, Opferdatenbank: https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holoaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Periodika

AZJ: Allgemeine Zeitung des Judentums

FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt

It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum

NJP/FIF: Neue Jüdische Presse / Frankfurter Israelitisches Familienblatt

ZDSJ: Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden

Abb. 7: Die Milchküche. Aus: Schlossmann 1906: Tafel VI

Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Im erfolgreichen Kampf gegen die Säuglings- und Kindersterblichkeit wirkten viele Maßnahmen und Einrichtungen zusammen: Die Errichtung von Kinderkliniken und Kinderkrankenhäusern, die Entwicklung der Lehre und Forschung an den Hochschulen, die Ausbildung von Kinderärzten und Kinderkrankenschwestern, der Unterricht von Hebammen, Frauen und Mädchen in der Säuglingspflege, die Einrichtung der Säuglingsfürsorgestellen (Mütterberatungen), Säuglings-, Kinder- und Durchgangsheimen, Kindertagesstätten (Krippen für Säuglinge und Krabbelkinder), Kindergärten für Kleinkinder, Horte für Schulkinder und Tagesheime, soziale Fürsorge für die Schwangeren, für die Mütter im Wochenbett und während der Stillzeit durch die Sozialversicherung (Wochengeld, Stillgeld), Einrichtungen der Berufsvormundschaft, gesetzliche Regelung des Pflegekinderwesens (Reichsgesetz für Jungendwohlfahrt vom 9. Juli 1922) und des Kinderschutzes vom 30. März 1903, staatliche Aufsicht über die Seuchenabwehr, Impfungen, Tuberkulosefürsorge und Milchhygiene.

Albrecht Peiper (Peiper 1965: 298)

Einführung

Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in heißt heute der Beruf, um dessen Geschichte es hier geht. Die Bundesagentur für Arbeit definiert:

Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/innen betreuen und versorgen kranke und pflegebedürftige Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Sie führen ärztlich veranlasste Maßnahmen aus, assistieren bei Untersuchungen und Behandlungen, dokumentieren Patientendaten und wirken bei der Qualitätssicherung mit.

Bundesagentur für Arbeit

Die Ausbildung wird an Pflegeschulen vermittelt, dauert 3 Jahre und wird mit einer staatlichen Prüfung abgeschlossen. Die ersten beiden Jahre entsprechen der Ausbildung zum Pflegefachmann/-frau und spezialisiert sich im letzten Jahr auf die Pflege von Kindern. Eine Ausbildung im Rahmen eines Hochschulstudiums ist möglich (vgl. Bundesagentur für Arbeit).
Im Lauf der Herausbildung der verschiedenen Berufsbilder in der Säuglings- und Kinderpflege sind die Übergänge oft fließend. Entsprechend benutze ich im Text den von Birgit Seemann vorgeschlagenen Oberbegriff der Kinder- und Säuglingspflege (vgl. Seemann 2021). In der Literatur werden dabei meist Kinder bis zum Ende des ersten Lebensjahres als Säuglinge bezeichnet (vgl. Säuglingsdefinition). Zunächst folgen Informationen zum gesellschaftspolitischen Kontext.

Gesellschaftspolitische Situation im 19. Jahrhundert

Nach der napoleonischen Zeit mit seinen revolutionären Bestrebungen, aber auch verheerenden Vernichtungskriegen und den Freiheitskriegen zwischen 1813 und 1815 entstand nach dem Wiener Kongress 1815 der Deutsche Bund mit Preußen, Österreich, 35 Fürstentümern und 4 Städten (Deutschland im 19. Jahrhundert). Nach dem Scheitern der Bestrebungen nach einem deutschen Nationalstaat sowohl in der Revolution von 1848 und der Nationalversammlung in der Paulskirche 1848/1849 und nach den Einigungskriegen (1864-1871) manifestierte sich das Deutsch Kaiserreich 1871 (Deutschland m 19. Jahrhundert).
Die Industrialisierung setzte in England Ende des 18. Jahrhunderts ein. Maßgeblicher Faktor war die Erfindung der Dampfmaschine (James Watt 1769) und die Nutzung einer wirtschaftlichen, weltweiten Vernetzung als Kolonialmacht. In deutschen Gebieten, geprägt durch Landwirtschaft, setzte die Industrialisierung erst durch die Einführung des Deutschen Zollvereins im Jahr 1834 ein, wodurch die Durchlässigkeit durch die kleinen deutschen Staaten wuchs. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlangte das Deutsche Reich eine starke wirtschaftliche Position (vgl. Kinderzeitmaschine).
Pauperismus, in etwa mit Massenarmut zu übersetzen, setzte seit etwa 1825, von England kommend, ein. Pauperismus bedeutet Armut aufgrund des Zusammentreffens von agrarischer Überbevölkerung und konjunkturellen Störungen (vgl. Hardtwig 1985).

Wie viele andere Teile des europäischen Kontinents, so war auch Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem heute schwer nachvollziehbaren Maße ein Land der Massenarmut.“

Osterhammel 2012

Nach einem extremen Verfall der Preise für Agrarprodukte mussten Menschen, die von der Landwirtschaft lebten, ihren Lebensunterhalt im Handel, dem Handwerk und in der Industrie bestreiten, fanden dort meist nur schlecht bezahlte Stellen und lebten unter dem Existenzminimum. Eine Folge war eine massenweise Auswanderung aus dem Gebiet des späteren Deutschen Reichs, für 1850 waren dies 83.220 Personen. Ebenso nahm seit 1815 auch die Binnenwanderung in die Städte zu, Leipzig als Beispiel hatte 1830 38.000 Einwohner und im Jahr 1852 bereits 67.000.
Über die Situation der Frauen, als Mütter, im beginnenden 19. Jahrhundert schreibt Johann Peter Frank:

Durch die Leibeigenschaft sind die Männer gezwungen, den Herren Dienst zu leisten und daher die Besorgung der Äcker und Wiesen – in jenen Gegenden nur allzu schwer und häufig – den Frauen bis in die letzten Monate der Schwangerschaft zu überlassen. Während man die schwangeren Haustiere schont, muß das schwangere menschliche Weib entweder unbarmherzig Hungers sterben oder den fruchtbaren Leib unter das Sklavenjoch beugen. […] Vielfältige Gefahren stehen der Wöchnerin bevor, wenn man nicht besser für sie sorgt. Der Geburt folgen oft: Retention der Nachgeburt, kühner Versuch der Hebamme, sie gewaltsam herauszuholen, Atonie des Fruchtträgers, Blutstürze, Ohnmachten und Kindbettfieber […].

(Frank 1790)

Christa Berg beschreibt die Situation der Mütter für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts:

Die Mütter aus der Arbeiterklasse kapitulierten häufig vor der Doppelbelastung in Haushalt und Erwerbsleben. Durch die Zuerwerbsarbeit standen die Frauen oft unter physischen und psychischen Belastungen, die sich in Müdigkeit und Überreizung auswirkten. Für soziale Kontakte war nur selten Zeit. Eine Zielsetzung in der Erziehung der Kinder, wie wir sie heute kennen und fordern, gab es nicht. Die Kinder blieben oft sich selbst überlassen oder wurden in die Obhut ihrer Geschwister, Verwandten oder Nachbarn gegeben. Eine Hof- und Straßensozialisation mit selbstgewählten Freunden ohne Aufsicht von Erwachsenen war Ersatz für das, was Eltern an Erziehung nicht leisten konnten. Den Müttern blieb auch in der Regel keine Zeit für eine Auswahl von preisgünstigen Nahrungsmitteln, weshalb sich Menschen der Arbeiterklasse häufig mehr oder weniger zufällig ernährten. Die daraus resultierende oft mangelhafte Ernährung führte zu gesundheitlichen Schäden. Besonders betroffen waren schwangere Frauen und kleine Kinder. Die am meisten vorkommenden Erkrankungen waren Tuberkulose, Magen-Darm-Erkrankungen und die Englische Krankheit (Rachitis). Die Hausarbeit wurde mehr schlecht als recht verrichtet. Für planendes und somit sparsames Wirtschaften wie z. B. Vorräte anlegen fehlten Zeit und Bildung. Wo die Belastung zu groß war, griff man zum Alkohol.“ (Berg 1991) Und weiter: „Im gehobenen Bürgertum und in Adelsfamilien war die Frau von den Sorgen der Existenzsicherung und unmittelbarem Arbeitseinsatz im Haushalt entlastet. […] Durch karitative Tätigkeiten und gesellschaftliche Verpflichtungen war aber auch hier die Mutter für die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht präsent. Für die Pflege, Betreuung und Erziehung der Kinder wurde Personal engagiert: Ammen, Kindermädchen, Erzieherinnen. Das Familienleben beschränkte sich auf das Wochenende, auf Feierabende und allenfalls auf die Mahlzeiten.

Berg 1991

Die Entwicklung der Säuglingspflege

Die medizinische Entwicklung

Die Entwicklung der Medizin schritt im 19. Jahrhundert schnell voran, detailliertere Angaben hierzu im Artikel: Schwesternschülerinnen im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main (Bönisch 2021). Stellvertretend sei hier auf die Arbeiten des Bakteriologen Robert Koch (1843-1910) und des Mikrobiologen Louis Pasteur (1822-1895) verwiesen (vgl. Wegmann 2012: 15) Für die Entwicklung hin zur professionellen Krankenpflege in Verbindung mit der Entwicklung von allgemeinen Krankenhäusern verweise ich auf einen Artikel der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de zur beruflich ausgeübten Pflege im 19. Jahrhundert (Ulmer 2009).

Zeitraum 1801-1870 Preußen/ ab 1870 Deutsches Reich und Weimarer Republik.
Todesfälle in Prozent im ersten Lebensjahr der lebend Geborenen:
1811-182016,9
1821-183017,4
1831-184018,3
1841-185018,6
1851-186019,7
1861-187021,1
1871-188023,4
1881-189022,5
1891-190021,7
1901-190519,9
1906-191017,4
1911-191516,0
1916-192014,5
1921-192512,2
1926-19289,6
19308,5
19356,8
19406,4
20193-4
Tabelle 1: Von 100 Lebendgeborenen starben im 1. Lebensjahr, nach: Peiper 1965: 406, Peiper bezieht sich auf: Prinzing 1931. Ergänzungen nach Charbonneau 2019. Vgl. auch Thomann-Honscha 1988: 23

Die allermeisten Kinder wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Hause geboren. In den Kliniken starben ca. 30 % der entbindenden Frauen an Kindbett (Infektion der Geburtswunde) und so waren es Mütter der städtischen Unterschicht und ledige Frauen, die diese Möglichkeit der Entbindung nutzten (vgl. Wegmann 2012: 17). Ignatz P. Semmelweis (1812-1865) konnte in Wien am „Allgemeinen Krankenhaus“ nachweisen, dass die hohe Sterblichkeit der Mütter im Kindbettfieber nichts mit der Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahr zu tun hatte. Durch die Anweisung an das Krankenhauspersonal, die Hände zu desinfizieren, bewirkte, dass die Sterblichkeitsrate bei den Frauen um die Hälfte sank (vgl. Wegmann 2012: 17).

Die Hauptursachen der Säuglingssterblichkeit waren einerseits die Ernährung. Eine Untersuchung in Berlin aus dem Jahr 1906 zeigte, dass „Flaschenkinder“ 7-mal häufiger starben als „Brustkinder“. Über die „künstliche“ Ernährung mit Kuh-, Esels- oder Ziegenmilch wusste man zu dieser Zeit wenig, oft kam es zu Magen-Darmproblemen durch Infektionen bedingt durch unsaubere Milch oder Stoffwechselkrankheiten (z. B. durch zu hohen Eiweißgehalt der Milch) (vgl. Wegmann 2012: 18). Andererseits spielte das Unwissen über die korrekte „Wartung und Pflege“ der Säuglinge sowohl in Arbeiterkreisen als auch in Kreisen Adliger und Bürger eine große Rolle. Für die Arbeiterfamilien kamen die Lebensbedingungen dazu, die Wohnsituation, mangelndes Licht und fehlende Luft (vgl. Wegmann 2012: 18 und Straßburg o. J. sowie Blessing 2013: 25).

Probleme der Säuglings- und Kinderpflege waren zusammenfassend: die Ernährung der Kinder, die Hygiene im Umgang mit den Kindern, die nicht ausreichende Pflege von gesunden und kranken Kindern, wie auch die soziale Fürsorge für Kinder und Eltern.

Albrecht Peiper weist in seiner Chronik der Kinderheilkunde auf das komplexe Zusammenwirken unterschiedlichster Institutionen und Anstrengungen von Einzelpersonen und Gruppen hin, durch die es möglich war, in der Säuglings- und Kinderpflege etwas zu verändern. Ich wiederhole das Artikelmotto:

Im erfolgreichen Kampf gegen die Säuglings- und Kindersterblichkeit wirkten viele Maßnahmen und Einrichtungen zusammen: Die Errichtung von Kinderkliniken und Kinderkrankenhäusern, die Entwicklung der Lehre und Forschung an den Hochschulen, die Ausbildung von Kinderärzten und Kinderkrankenschwestern, der Unterricht von Hebammen, Frauen und Mädchen in der Säuglingspflege, die Einrichtung der Säuglingsfürsorgestellen (Mütterberatungen), Säuglings-, Kinder- und Durchgangsheimen, Kindertagesstätten (Krippen für Säuglinge und Krabbelkinder), Kindergärten für Kleinkinder, Horte für Schulkinder und Tagesheim, soziale Fürsorge für die Schwangeren, für die Mütter im Wochenbett und während der Stillzeit durch die Sozialversicherung (Wochengeld, Stillgelt), Einrichtungen der Berufsvormundschaft, gesetzliche Regelung des Pflegekinderwesens (Reichsgesetz für Jungendwohlfahrt vom 9. Juli 1922) und des Kinderschutzes vom 30. März 1903, staatliche Aufsicht über die Seuchenabwehr, Impfungen, Tuberkulosefürsorge und Milchhygiene.“

(Peiper 1965: 298)

Besonders hervorheben möchte ich die Rolle der Kinderärzte in der Entwicklung einer Säuglings- und Kinderpflege, die Einrichtung von Säuglings- und Kinderkrankenhäusern und die Entstehung von sozialer Pädiatrie.

Die „Kinderärzte“

Meist waren es Internisten, die durch Beobachtung der Kinder deren besondere Bedürfnisse erkannten. Zusammen mit praktischen Ärzten, die sich um Kinder und deren Krankheiten sorgten, erreichten sie gemeinsam eine zunehmende Spezialisierung der Säuglings- und Kinderpflege. Als Beispiel sei Arthur Schlossmann (1865-1942) genannt, der in Freiburg, Leipzig, Breslau und München studierte und nach einer Assistenz am Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhaus in Berlin sich 1893 in Dresden als „Kinderarzt“ niederließ. In den Räumen seiner Praxis führte er eine Poliklinik für Kinder und Säuglinge und wurde zum Mitbegründer und Leiter der Dresdner Kinderklinik einschließlich Säuglingsheim. Seit 1899 stand dort auch eine Schule für Säuglingspflegerinnen zur Verfügung.
1822 war die Deutsche Gesellschaft für Naturforscher und Ärzte gegründet worden, „eines der maßgeblichen wissenschaftlichen Foren im 19. Jahrhundert“ (Fehlemann 2004: 208). 1868 formierte sich innerhalb der Gesellschaft die „Section für Pädiatrik“ (vgl. Fehlemann 2004: 208 und Seidler 1997). Aus der Section wiederum entstand 1883 die „Gesellschaft für Kinderheilkunde“ (vgl. Fehlemann 2004: 208 und Seidler 1997), ein Forum für Themen der Säuglings- und Kinderpflege wie Impfpflicht, Hygiene, Ernährung und Pflege sowie Säuglingssterblichkeit. Leo Langstein und Max Pescatore, Ärzte dieses Kreises, publizierten 1906 das Lehrbuch Pflege und Ernährung des Säuglings. Ein Leitfaden für Pflegerinnen und Mütter.

Der Kinderarzt und Historiker Albrecht Peiper betont:

Die krankhaften Prozesse im Kindesalter sind ihrem Wesen nach dieselben wie beim Erwachsenen, allein der Boden, auf dem sie vor sich gehen, ist erheblich anders, weil sie sich nicht an einem in ruhigem labilem Zustande befindlichen, sondern in raschem Wechsel und Wachstum begriffenen Organismus abspielen, weil der ganze Stoffumsatz und die physiologische Tätigkeit und Bedeutung einzelner Organe für das Ganze wesentlich anders ist als später. Die erheblichen anatomischen Unterschiede zwischen Kind und Erwachsenem beziehen sich auch auf den feineren Aufbau der Gewebe und Organe. […]. Die dem Kinde eigentümliche allgemeine Krankheitsanlage tritt umso mehr hervor, je jünger es ist.

(Peiper 1965: 283f.)

Allgemein lässt sich sagen, dass viele der angehenden Kinderärzte sich zur Forschung einige Zeit im Ausland aufhielten, etwa in Wien, Paris, Zürich oder Prag. Viele hatten Kontakt zur Würzburger Universität, wo sich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Kooperation mit der Stiftung Juliusspital eine Kinderklinik gegründet hatte. Trotz Bemühungen durch Professor Franz von Rinecker gelang es jedoch nicht, einen eigenen Lehrstuhl zu installieren (vgl. Tomasevic 2002). Als wichtige Wegbereiter der Kinderheilkunde nennt die Historikerin Hedwig Wegmann: Adolf Baginsky (1843-1918), Theodor Escherich (1857-1911), Carl A. J. C. Gerhardt (1833-1902), Eduard Henoch (1820-1910), Otto J. H. Soltmann (1844-1912) und August Steffen (1825-1910) (vgl. Wegmann 2012: 20).

Die ersten Lehrstuhlinhaber für Kinderheilkunde an Universitäten waren:

1894, BerlinOtto Heubner
1896, LeipzigOtto Soltmann
1906, BreslauAdalbert Czerny
1907, DüsseldorfArthur Schlossmann
1912, MünchenMeinhard v. Pfaundler
Tabelle 2: Erste universitäre Ausbildungsstätten für Kinderheilkunde (Wegmann 2012: 34)

Otto Heubner (1843-1926)
Abb. 1: Otto Heubner (1843-1926) 1898,
erster Lehrstuhlinhaber für Kinderheilkunde (ab 1894).

© Public Domain.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Otto_Heubner_2.jpg (11.04.2022)

Kinderkrankenhäuser

Das erste reine Kinderkrankenhaus wurde 1802 in Paris gegründet, das Hôpital des enfants malades (vgl. Peiper: 17).

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden Kinder gemeinsam mit kranken Erwachsenen untergebracht. Oft lagen 8-9 Kinder im selben Bett oder mit Erwachsenen im Bett. Ansteckende Krankheiten wurden nicht isoliert. In der Mitte des 19. Jahrhunderts reifte die Erkenntnis, dass Kinder als Kinder und nicht als kleine Erwachsene zu behandeln sein, sowohl im sozialen Umfeld, als auch in Bezug auf ihre Krankheiten (vgl. Wegmann 2012 und Seidler 1983: 13 ff.). Das heutige Clementine Kinderhospital, das seine Wurzeln 1845 in Frankfurt am Main hat, berichtet auf seiner Internetseite zu seiner Geschichte: „Die Stiftungen von Dr. Johann Theobald Christ (1777–1841) und von Louise Freifrau von Rothschild (1820–1894). Beide Gründerpersönlichkeiten hatten früh die Notwendigkeit eigenständiger Kinderkrankenhäuser erkannt: Kinder sollten nicht wie kleine Erwachsene behandelt werden, sondern altersgerecht entsprechend ihren spezifischen seelischen und körperlichen Bedürfnissen.“ (Clementine Kinderhospital).

1829Kinderklinik der Berliner Charité
1836Wilhelm-Agusta-Hospital, Breslau
1840Kinderabteilung im Juliusspital, Würzburg, 1847 Separatanstalt für Kinder, 1850 Uni-Kinderklinik
1841Kinderspital zu Sankt Georg im Amalienstift, Hamburg
1842Heilanstalt für arme, kranke Kinder, Stuttgart
1843Elisabeth-Kinderhospital, Berlin
1844Luisen-Kinderheilanstalt, Berlin
1845Kinderkrankenhaus, Frankfurt am Main. Dr. Chritst’sches Kinderhospital für arme Kinder
1846Dr. von Haunersches Kinderspital, München, Kinderspital, Kassel, Kinderspital, Ludwigsburg
1856Kinderheil- und Diakonissenanstalt zu Stettin, Stettin
1860Kinderheilanstalt, Luisenheilanstalt, Heidelberg
1898Säuglingskrankenhaus Dresden
Tabelle 3: Frühe Einrichtungen für Säuglings- und Kinderpflege. Tabelle nach Wegmann 2012: 21, mit Ergänzung aus: Clementine Kinderhospital/Geschichte, Peiper 1965: 271 und Blessing 2013)

Soziale Pädiatrie

Die Etablierung eines akademischen Faches „Kinderheilkunde“ gestaltete sich langwierig. Ein Grund dafür mag sein, dass die Entwicklung des Faches nicht aus der Hochschulmedizin kam. Nicht die Betrachtung und Untersuchung bestimmter Krankheiten führte zu einer Spezialisierung wie z. B. der Hals-, Nasen- und Ohrenkunde oder anderer bestimmter Organe. „Die Kinderheilkunde [fokussierte] das Individuum, nämlich das Kind in seiner Gesamtheit, mit allen organischen, infektiösen und psychischen Erkrankungen“ (Fehlemann 2004: 210).

Um die Gesamtheit eines Kindes zu erfassen, bildete sich die soziale Pädiatrie heraus. Ab Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten sich vor allem jüdische oder jüdischstämmige Kinderärzte für den Auf- und Ausbau sozialpädiatrischer Einrichtungen verdient. Genannt seien Arthur Schlossmann in Dresden, Hugo Neumann und Heinrich Finkelstein in Berlin sowie Max Taube in Leipzig. Man begann kranke Neugeborene zu behandeln und zu betreuen und richtete Mütterberatungsstellen ein. Literatur zum Thema wurde publiziert, z. B. ein Handbuchartikel von Gustav Tugendreich und Max Mosse (Mosse/Tugendreich 1994 [1977]), die den Zusammenhang kindlicher Tuberkulose mit der sozialen Lage nachweisen (vgl. Straßburg o. J.).

1909 gründete sich in Berlin die „Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz“. Ihre Hauptaufgabe war die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und der Aufbau von Säuglingseinrichtungen in Deutschland. Gründungsvorsitzender war der Direktor des neugegründeten „Kaiserin Auguste Victoria Hauses“ in Berlin, Arthur Keller (1868-1934). Während und nach dem Ersten Weltkrieg erkannte man, dass soziale Probleme der Grund für Krankheiten und Entwicklungsstörungen sein konnten. Die Vereinigung nannte sich 1920 in „Deutsche Vereinigung für Säuglings- und Kleinkinderschutz“ um. Die Mitglieder, meist Direktoren von Kinderkliniken und Gesundheitseinrichtungen, veröffentlichten Bücher und Artikel zu den Themen Ernährungs- und Gesundheitsberatungen, empfahlen Maßnahmen zur Prävention von Krankheiten und forderten zur allgemeinen Verbesserung der Lebensumstände von Kindern auf. Publikationen hießen z. B.: „Die 10 Gebote für die junge Mutter“, „Licht, Luft und Sonne dienen deinem Kind“ oder „Der Arzt als Erzieher des Kindes“ (vgl. Straßburg o. J.).

Institutionen der Säuglings- und Kinderpflege, drei Beispiele

Die Kinderabteilung in der Charité

1793 gründete der praktische Arzt Dr. Friedrich Zirtzow (?-1813) (vgl. Ebert/David 2021) das „Institut für arme kranke Kinder zu Breslau“ eine poliklinische Anstalt, bis wann sie existierte ist nicht bekannt. Die erste deutsche Universitätskinderklinik und damit das erst deutsche Kinderkrankenhaus, war die 1829 eröffnete Kinderabteilung der Berliner Charité mit 30-45 Betten (vgl. Peiper 1965: 266).

Der dritte Leiter der Kinderklinik, Eduard Henoch (1820-1910), stand der Klinik von 1872-1893 vor und zählte zu den Größen der Berliner Ärzteschaft. Er war bereits 1868 zum außerordentlichen Professor ernannt worden, eine ordentliche Professur jedoch war ihm als konvertiertem Juden versagt. 1888 eröffnete der von Henoch geplante Neubau für Kinder mit ansteckenden Krankheiten vgl. Fabert o. J.). Bedeutende Publikationen von ihm waren die Übersetzung der Pathologie und Therapie der Kinderkrankheiten des Engländers Christian West 1864 und 1881 die Herausgabe vom Lehrbuch der Kinderkrankheiten (vgl. Peiper 1965: 266). Otto Heubner (1843-1941), 1894 zum ersten Ordinarius für Kinderheilkunde in Deutschland berufen, leitete die Klinik von 1894-1910 und setzte seine Vorstellungen einer modernen Kinderheilkunde auch in einem erneuten Neubau der Kinderklinik von 1903 um. Adalbert Czerny (1863-1954) trat Heubners Nachfolge in der Klinik an (vgl. Fabert o. J.).

Otto Heubner schreibt um 1900:

Sie [die Klinik] war in einem Seitenflügel des alten Charité-Krankenhauses in aneinanderstoßenden, nur auf einer Seite mit Fenstern versehenen, halbdunklen Sälen und einigen kleinen Zimmern untergebracht, die Säuglinge lagen zusammengepfercht in einem kaum lüftbaren Durchgangszimmer […]. Das Pflegepersonal bestand aus Wörther Diakonissen, guten, willigen, immer dienstbereiten Mädchen, die aber von Krankenhaushygiene und Säuglingspflege noch wenig klare Begriffe hatten […]. Mein Vorgänger Henoch hatte mir geraten, die Säuglingsabteilung ganz eingehen zu lassen, da sie nur dazu führte, die Klinik zu diskreditieren.

(Peiper: 278)

Wobei offensichtlich die Verhältnisse in der Charité längst nicht die schlechtesten waren im Vergleich zu „andern Säuglingspflegestätten mit künstlicher Ernährung“ (Epstein, zitiert in Peiper: 278).

Einen Kommentar von Florence Nightingale (1820-1910) zum Verhältnis Arzt-Pflegerin erscheint mir hier passend auch wenn er schon über 40 Jahre vorher gegeben wurde. 1863 äußert sich Nightingale über Kinderspitäler und die Pflegerinnen, eine Zeit in der es noch keine ausgebildeten Säuglingsschwestern gab. Kinder selbst könnten keine Beschwerde führen bemerkt sie. Auch wenn Ärzte ihre Partei ergreifen wollten, sollten diese vorsichtig mit den Pflegerinnen, die ja ständig mit den Kindern zusammen sein, umgehen. Die Pflegerinnen sollen ja Autorität für die Kinder sein und werden sich, wenn diese untergraben wird, an den Kindern rächen. Auch setzte sie sich vehement für einen liebevollen Umgang mit den Kindern ein, der öfter eher von den Frauen im nebenan stehenden Bett geleistet werden könne als von den Betreuerinnen (vgl. Peiper: 272f.). So viel hier zur Kinderklinik in der Charité. Ein besseres Verständnis für das Leben in der Klinik vermittelt der folgende Abschnitt über die Dresdner Klinik, die Vorbild für viele Säuglings- und Kinderinstitutionen wurde.

Das Säuglingskrankenhaus Dresden

Durch fehlende Hygiene, Mangelernährung und Unkenntnisse in der Pflege war die Säuglingssterblichkeit um 1900 sehr hoch, auf den Stationen der Kinderkliniken betrug sie bis zu 70 %. Der Dresdner „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ gründete deshalb am 1. August 1898 das erste Säuglingskrankenhaus, weltweit, Leiter war der Pädiater Arthur Schlossmann (1867-1932) (vgl. Blessing 2013).

Schlossmann war zuvor Assistent bei Adolf Baginsky (1853-1918), der gemeinsam mit Rudolf Virchow 1890 in Berlin das Kaiser-und-Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus gegründet hatte. Baginsky, der ehemalige Chef von Schlossmann, war einer der ersten, der sich für gut ausgebildetes und gewissenhaftes Pflegepersonal einsetzte (vgl. Tugendreich 1910: 189). Im Berliner Kinderkrankenhaus wurde 1900 eine Säuglingspflegerinnenschule eingerichtet und bald entwickelte sich der Beruf neben der Säuglingskrankenpflege auch zur Säuglingspflege für zu Hause, auch für gesunde Kinder (vgl. Gellrich 2012: 74). Aus Schlossmanns privater Kinderpoliklinik entstand mithilfe des Vereins in Dresden das weltweit erste Säuglingskrankenhaus (vgl. Blessing 2013). Bereits 1899 eröffnete eine Schule für Säuglingspflegerinnen am Säuglingskrankenhaus, die Trägerschaft hatte der „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ (vgl. Gellrich 2012: 74).

Arthur-Schlossmann-Denkmal
Abb. 2: Arthur-Schlossmann-Denkmal auf dem Gelände der Universitätsklinik Düsseldorf „Dem Retter der Kinder“.
© https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Arthur_Schlossmann_Denkmal_Uniklinik_D%C3%BCsseldorf.jpg CC-BY-SA-3.0

Erklärte Ziele des Vereins waren arme und kranke Kinder kostenfrei zu behandeln, Säuglinge mit guter, reiner Milch zu versorgen sowie Säuglingspflegerinnen auszubilden. Die Zustände im Heim waren jedoch schwierig, da, durch die ständige Überbelegung in der Anfangszeit, die geforderten Hygienebedingungen nicht eingehalten werden konnten, Bettbelegungen von 2-3 Kindern war normal. Das Heim musste vergrößert werden. Die Stadt stellte 1903 ein Grundstück für einen Neubau zur Verfügung, 1905 kam eine Waldbaracke für Säuglinge in der Dresdner Heide dazu. Um die weitere Finanzierung zu sichern, wurde die Klinik 1907 unter die Verwaltung der Stadt genommen. Schlossmann selbst war 1906 nach Düsseldorf als Leiter der dortigen Kinderklinik berufen worden (vgl. Blessing 2013).

Abbildung Dresdner Säugligsheim. Aus: Schlossmann 1906, Tafel I
Abbildung 3: Das Dresdner Säuglingsheim.
Aus: Schlossmann 1906, Tafel I
Abb. 5: Die Waldbaracke für Säuglinge in der Dresdner Heide. Aus: Schlossmann 1906, Tafel X
Abb. 4: Die Waldbaracke für Säuglinge in der Dresdner Heide.
Aus: Schlossmann 1906, Tafel X

Die Ausbildung zur Säuglingspflegerin und Säuglingskrankenpflegerin (Säuglingsschwester)

(Falls nicht anders vermerkt, stammen die Informationen in diesem Kapitel aus Gellrich 2012: 72-80 und Blessing 2013).

Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Zur Ausbildung bevorzugt wurden Mädchen aus gutem Haus. Schlossmann:

Warum soll die Pflege eines Kindes einer ungebildeten alten Person anvertraut werden, und warum soll es nicht ein gebildetes junges Mädchen sein, das sich auf diesem Gebiet ihr Brot erwirbt?

Schlossmann1902

Bis 1899 gab es fünf Mädchen zur Ausbildung und zwei Damen aus Dresden, die am Unterricht teilnahmen. In den folgenden Jahren war die Ausbildung aus ganz Deutschland stark nachgefragt. Die Bewerbung einer Interessentin musste persönlich oder schriftlich an die Oberin gehen. Der Besuch einer höheren Töchterschule war erwünscht. Die Bewerberin musste mindestens 18 Jahre alt und gesund sein, einen Lebenslauf vorlegen mit Foto und Pass, ein Empfehlungsschreiben sollte beigebracht werden. Eine Kaution von 100 Mark musste hinterlegt werden (vgl. Schlossmann 1906: 53f.).
Die Schülerinnen konnten kostenlos wohnen, wurden verpflegt und bekamen ihre Wäsche gewaschen. Nach einem halben Jahr erhielten sie ein Taschengeld von zunächst 10 Mark. Die Schwestern trugen Anstaltskleidung in blau-weiß gestreift, dazu ein Namensschild. Sie trugen eine Brosche mit dem „Bambino des Lucca della Robbia“, die dem Vereinszeichen des Frankfurter Kinderheims nachgebildet war. Außerhalb trugen die Schülerinnen eigene Kleidung.

Abb. 6: Vereinszeichen des Kinderheim e. V. Frankfurt am Main. Aus: Thomann-Honscha 1988: 152
Abb. 5: Vereinszeichen des Kinderheim e. V. Frankfurt am Main.
Aus: Thomann-Honscha 1988: 152

Zu Beginn dauerte die Ausbildungszeit ein Jahr, von 1907 bis 1912 dann zwei Jahre. Inhalte waren Pflege, Hygiene und Ernährung von kranken, aber auch von gesunden Kindern. Zwei bis drei Mal pro Woche gab es theoretischen Unterricht durch die Ärzte des Heims. Die notwendigen Bücher mussten die Schülerinnen selbst kaufen (8 Mark). Die Oberin führte die Schülerinnen in die praktische Arbeit ein. Zur Ausbildung gehörte auch Wäschewaschen, Zimmerreinigen und Zubereitung von Säuglingskost (vgl. Schlossmann 1906: 53f.). Seit 1902 gab es Bestrebungen die Ausbildung in einen Bereich für Pflegerinnen in der Anstalt und einen Bereich für Pflegerinnen im privaten Bereich zu teilen.

Im Säuglingsheim mussten die Pflegerinnen zweimal täglich den Kindern Fieber messen, gegebenenfalls öfter, die Ergebnisse waren schriftlich einzutragen. Das Gewicht wurde gemessen, aufgezeichnet wurde die getrunkene Menge, jedes Ausleeren, Erbrechen und andere Besonderheiten. Die Pflegerinnen machten Darmspülungen, Campherinjektionen und hielten die Säuglinge trocken. Besondere Hygiene mit häufigem Händewaschen war vorausgesetzt. Beim Stillen mussten immer die Flasche gehalten werden, das Stillen durch Ammen musste beaufsichtigt werden. Wichtig war, dass jede Pflegerin eine maximale Anzahl Kinder betreute, in der Realität waren das sechs. Für 1902 berichtet Schlossmann von einer Belegzahl von 42 Säuglingen, 13 Pflegerinnen, 12 Ammen und zwei Wärterinnen.

Die Ausbildung schloss mit einer theoretischen und einer praktischen Prüfung ab. Ab 1912 konnte man nach dem ersten Lehrjahr zum Krankenhaus Johannstadt wechseln und dort dann als staatlich anerkannte „Krankenpflegeperson“ sich prüfen lassen. Eine Arbeitsplatzgarantie gab es nicht, es wurde jedoch bei der Weitervermittlung geholfen (z. B. in Waisenhäuser oder Krippen).

Ab 1907 waren die Schwestern bei der städtischen Betriebskrankenkasse versichert. Urlaub erhielten die Schülerinnen ab dem zweiten Lehrjahr, es stand ihnen bis zu drei Wochen Urlaub zu. Für die Pflegerinnen wurde gut gesorgt, sie wurden als Basis jeder erfolgreichen Arbeit gesehen. Die Säuglingsschwestern hatten ihren eigenen Speisesaal, je ein Schlafraum war mit zwei bis drei Schwestern belegt, die Oberin hatte eine kleine Wohnung. Morgens reinigten die Schwestern ihren Waschtisch, machten ihr Bett, den Rest erledigte ein Zimmermädchen. Mahlzeiten gab es um 6.00 Uhr, 10, 13, 16 und 19.00 Uhr. Sie hatten auch Nachtdienste zu leisten. Jeden Tag sollte jede Schwester eine Stunde Freizeit erhalten, hin und wieder ein freier Nachmittag und Abend, die sie frei verbringen konnten, jedoch wurde dokumentiert mit wem und wo, Besucher waren bei der Oberin anzumelden.

Als ideale Betreuung der Säuglinge sah man es, wenn eine Schwester bei Tag vier Säuglinge und bei Nacht acht versorgen konnte. Für 1907 waren eine Oberschwester, acht Schwestern und zehn Lehrschwestern angestellt. Ein Oberarzt, zwei Hilfsärzte, ein Kanzleibeamter, sieben bis neun Ammen, eine Köchin und fünf Haus- und Küchenmädchen gab es im Haus. Pensionsberechtigt waren seit der Übernahme durch die Stadt die Oberschwester und die ständigen Schwestern.

Um die Asepsis bei den Säuglingen zu wahren, musste nach jeder Berührung der Säuglinge die Hände gewaschen werden, Nichtbeachtung führte zur direkten Entlassung. Jeder Säugling hatte seine eigene Puderdose. Alle Inventarstücke hatten eingravierte Nummern, sodass sie eindeutig den Kindern zugeordnet werden konnten, bei Neuzuordnung wurden sie gründlich desinfiziert.

Um genügend Muttermilch zur Verfügung zu haben, wurden Ammen beschäftigt, die ebenfalls im Säuglingsheim wohnten. Für ausnahmsweise genutzte Flaschenmilch hielt man eine eigene Kuh. Deren Milch wurde unter Aufsicht weiterverarbeitet. Überschüssige Milch wurde verkauft.

Abb. 7: Die Milchküche. Aus: Schlossmann 1906: Tafel VI
Abb. 6: Die Milchküche. Aus: Schlossmann 1906: Tafel VI

Seit 1907 gab es Kurse für „Mütter und Mädchen unbemittelter Stände“ mit acht bis zehn Wochenstunden, die zwischen sieben und acht Uhr abends stattfanden. Auf dem Lehrplan stand richtiges Wickeln, Baden und Ernähren. Ein Jahr nach dem Start der Kurse wurden sie auch für Frauen der bemittelten Schichten angeboten.

Die Dresdner arbeiteten so erfolgreich, dass immer mehr Eltern aus vermögenden und aus armen Haushalten ihre Säuglinge bei Krankheit in die Klinik brachten. So wurde die Dresdner Kinderklinik zum Vorbild vieler Anstalten. Und es kamen viele Ärzte aus internationalen Gebieten, um sich selbst ein Bild zu machen, und schickten Oberinnen und Schwestern zur Ausbildung nach Dresden. Dora Naumann berichtet auch, dass Dresden als Vorbild für das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus in Berlin diente (vgl. Naumann 1932, nach Blessing 2013).

1912 existierten 40 Anstalten, an denen auch Säuglingspflegerinnenschulen eingerichtet waren. Die Entwicklung nach der Einführung einheitlicher staatlicher Regelungen ab 1917 wird Thema eines späteren Artikels sein.

Kaiserin Auguste Victoria Haus (KAVH) – Reichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit

Die Idee einer eigenen Forschungsanstalt zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit stammte von Philipp Biedert aus dem Jahr 1899. In einer solchen Anstalt sollten auch gesunde Säuglinge aufgenommen werden, um etwa die Wirkung künstlicher Ernährungsformen, also Nicht-Muttermilch, prüfen zu können. Zwar gab es auch Widerstand, z. B. von Otto Heubner, der eine solche Anstalt nur in Verbindung mit universitärer Forschung sah, doch für die Umsetzung des Plans war die Befürwortung der Kaiserin Auguste Victoria, Gattin von Wilhelm II. und selbst Mutter von sieben Kindern ausschlaggebend (vgl. Wegmann 2012: 49ff., Wegmann 1992: 36ff.).

Um die Öffentlichkeit einzubinden und zu informieren fand 1906 in Berlin die Ausstellung für Säuglingspflege statt, auf der unter der Beteiligung vieler Kinderärzte der Charité, alle Forschungsergebnisse und Maßnahmen rund um die Säuglingssterblichkeit vorgestellt wurden.

Architekten der Forschungsanstalt waren Ludwig Hoffmann, Erbauer des Virchow-Krankenhauses und Alfred Messel, Architekt des Kaufhauses Wertheim. Eröffnung war am 4. Juni 1909. Direktor wurde Prof. Dr. Arthur Keller, ein Schüler des Pädiaters Adalbert Czerny, sein Vertreter und Oberarzt, kam aus der „Heubner-Schule“, Leo Langstein. Für die Innenausstattung, Mobiliar, Wäsche und Laborausstattung, reiste Arthur Keller nach Stockholm und London, um das Geeignetste zu finden. Für die Auswahl der Dienstkleidung und der Schwesterntracht war Kaiserin Viktoria zuständig. Eine Schwesternbrosche wurde vom königlichen Hofgraveur gestaltet. Für die Wäschebestellung war die Konsulin Elisabeth Staudt maßgeblich zuständig. Das KAVH beherbergte zunächst 60 Kinder, 1928 waren es 148 (vgl. Wegmann 1992: 36f.).

Eine Abbildung des Kaiserin Auguste Victoria Hauses zur Bekämpfung der Säuglingsterblichkeit im Deutsch Reich ist unter folgendem Link zu sehen: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v1013287

Die Anstalt hatte folgende Aufgaben (vgl. Kaiserin Auguste Victoria Haus 1921):

  1. Die Psychologie und Pathologie des Neugeborenen, des Säuglings und des Kleinkindes wissenschaftlich zu erforschen.
  2. Die Pflege der Neugeborenen, Säuglinge und Kleinkinder zu fördern, Frauen und Mädchen für den Beruf der Kinderpflegerin und Kinderfürsorge vorzubereiten und auszubilden.
  3. Sich mit ihrer Schwesternschaft der Säuglings- und Kinderpflege sowie der öffentlichen Krankenpflege, namentlich der Säuglings- und Kleinkinderkrankenpflege in Ausübung freier Liebestätigkeit zu widmen.

Die Anstalt umfasste 1921 folgende Einrichtungen (vgl. Kaiserin Auguste Victoria Haus 1921 und Wegmann 2012: 63ff.):

  1. Geburtshilfliche Abteilung (erste, zweite u. dritte Klasse),
    hier waren hochschwangere Frauen, die auch im Haus entbanden wodurch die Forschenden sie beobachten konnten.
  2. Die Abteilung für gesunde Neugeborene und Säuglinge waren nach „Brustkindern“ und „künstlich ernährten Kindern“ getrennt.
  3. Frühgeborene-Abteilung, die aufgeteilt war in einem Raum mit Inkubatoren und einen anderen Raum mit Wärmewannen.
  4. Abteilung für kranke Säuglinge
  5. Abteilung für kranke Kleinkinder
  6. Beobachtungsstation
  7. Infektionshaus (ab 1927)
  8. Mütterabteilung
  9. Ammenabgabe
  10. Abteilung für gesunde Kinder
  11. Abteilung für kranke Kinder (erste, zweite u. dritte Klasse)
  12. Poliklinik für kranke Kinder
  13. Poliklinik für nervöse und schwer erziehbare Kinder (ab 1918)
  14. Mütterberatungsstelle (Säuglings- und Kleinkinderfürsorgestelle VI der Stadt Charlottenburg)
  15. Staatliche Säuglingspflegeschule
  16. Schwesternschaft
  17. Laboratorien für experimentelle und klinische Arbeiten
  18. Bibliothek
  19. Museum für Säuglingskunde (ab 1914)
  20. Organisationsamt für Säuglings- und Kleinkinderschutz
  21. Versammlungssaal (200 Sitzplätze für Vorträge und Weitre Veranstaltungen)
  22. Drei Besucherräume, für den Kontakt zu Gästen
  23. Milchtierstall (Kühe, Ziegen und Eselinnen), Weidegelände gegenüber, überschüssige Milch, die nicht für die Kinder genutzt wurde, wurde in der angeschlossenen Fürsorgeanstalt verkauft.
  24. Die Milchküche, hier wurden die Behältnisse sterilisiert und für jedes Kind die benötigte Milchmischung hergestellt.
  25. Ammen: Aus der Umgebung des Hauses wurden Schwangere angeworben, die hier auch entbanden und sich verpflichteten ein weiteres Kind zu stillen. Die Milch bekamen besonders schwache oder kranke Säuglinge. Die Ammen erhielten ein Taschengeld über 6 Monate lang (3 Mark im ersten Monat, 6 Mark von Monat 2-6). Die im Haus entbundenen Mütter konnten auf Wunsch auch durch das KAVH als Amme weitervermittelt werden. Per Arbeitsvertrag wurden medizinische Betreuung, Krankenversicherung für Amme und ihr Kind, wie auch Pflegekosten von Amme und Kind wie auch Bezahlung und Kündigungsregelung. Gebühren für das KAVH waren 100 Mark, die Amme erhielt 50 Mark monatlich.
  26. Liegehallen entlang der Längsseiten der Gebäude ermöglichten den Aufenthalt der Säuglinge in ihren Körben im Freien, so wurde der Rachitis vorgebeugt. Der Rücken konnte mithilfe der Epsteinschen Schaukelstühle geschult werden, und soziale Kontakte wurden im Spiel gefördert.
  27. Fürsorgehaus und -arbeit

Für das Thema der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege interessant ist die Bemerkung von Priv. Doz. Th. Lennert in einer Pressemitteilung zur 80-Jahr-Feier des Hauses „Wie auch in der übrigen Kinderheilkunde Berlins waren am KAVH zahlreiche jüdische Ärzte und Schwestern tätig, die 1933 das Haus verlassen mußten.“  (Wegmann 1992: 38)

Antonie Zerwer und ihre Säuglingspflegefibel

Antonie Zerwer (1873-1956), selbst Pflegerin und Oberin am KAVH, erwähnt in ihren Erinnerungen ein englisches Lehrbuch, nach dem sie sich richtete (Wegmann 1992: 22f.). Leo Langstein und Max Pescatore schrieben das 1906 publizierte Buch Pflege und Ernährung des Säuglings. Ein Leitfaden für Pflegerinnen und Mütter (vgl. Wegmann 1992: 164). So gab und gibt es eine große Auswahl an Büchern, die der Beratung im privaten Bereich dienten und auch den angehenden Säuglingsschwestern als Lehrbücher. Für Schulkinder im Unterricht schrieb Antonie Zerwer selbst eine bedeutende Anleitung, die Säuglingspflegefibel.

Antonie Zerwer am 17. März 1873 in Riesenwalde, Kreis Rosenberg, Westpreußen (heute Polen) geboren, hatte eine Schwester und zwei Brüder. Ihr Vater Christian war Gestütswärter, ihre Mutter Luise, geb. Brock. Die Familie kaufte um 1880 eine Gastwirtschaft in Kaffzig (Hinterpommern), die vor allem die Mutter bewirtschaftete. Antonie wuchs bei der Großmutter, einer sehr gläubigen Frau, auf. Nach der Schule erhielt sie eine Ausbildung als Schneiderin und Weißnäherin, Sticken und Handarbeiten kam ebenso dazu (vgl. Wegmann 1992: 21). Sie fühlte sich zu „etwas berufen“, sie wollte „für eine größere Gruppe etwas, schaffen“ (Wegmann 1992: 22).

Im April 1890 bewarb sich Antonie Zerwer auf die Anzeige einer Familie in Schivelbein Villa Hackert. Sie erhielt die Stelle und betreute nun unter „Anleitung der Mutter“ ein vierjähriges Mädchen und einen anderthalb jährigen Jungen. Hedwig Wegmann fasst hier aus den „Betrachtungen und Gedanken über meine Lebensarbeit am Karfreitag“ von 1950 zusammen. Vermutlich stammt diese scheinbar unveröffentlichte Schrift aus dem Nachlass von Antonie Zerwer, der im Universitätsarchiv der Humboldt Universität zu Berlin liegt (vgl. Wegmann 2012: 14):

An Wissen und Können brachte ich in diese meine erste Privatpflege, außer Liebe und Lust zur Sache, nichts weiter mit, als das, was gute Mütter aus dem Schatz ihrer eigenen Erfahrungen ihren Töchtern für das Berufsleben mitgeben können. […] Es war nicht leicht mit dieser, zunächst unsichtbaren Rüstung in das Feld zu ziehen. Der Alltag mit seinen Anforderungen: 5 Uhr aufstehen – Mädchen wecken – Zimmer säubern – Kaffeetisch decken – Flaschen für den Kleinen -Frühstück für die 4-jährige vorbereiten. Dann die nach genauesten Vorschriften eines englischen Kinderpflegbuches durchgeführte Baderei. Hinterher Fütterei und Spielerei mit den Kindern. […] Immer wieder vergaß ich das ,Wichtigste‘, die ,Hygiene‘. Auch das Wort ,Pädagogik’ kannte ich nicht – das große und kleine Kind zu beschäftigen war aber meine Hauptaufgabe. Zum Glück wußte ich von meiner Mutter viel kleine Verse und Fingerspiele, und auch Beschäftigungsmethoden wurden erfunden, frei nach Fröbel – (den Namen kannte ich auch nicht); mit Bauklötzchen, Papier usw. kann man so viel beginnen und Kindern frohe Stunden schaffen. […] Wenn jemand krank war – und der Arzt kam, dann hörte man zu und lernte: Umschlag machen, Temperatur messen, Puls zählen und Kurve schreiben. Für den Arzt Waschwasser hinsetzten, Handtuch bringen, Schreibzeug und Löscher hinstellen usw. die Mutter und der Arzt – beide waren gute Lehrmeister.

Wegmann 1992: 22f.

Die Säuglingspflegefibel von Antonie Zerwer (1912) wurde millionenfach verkauft und war für den Schulunterricht gedacht:

Abbildung: Titelblatt Säuglingspflegefibel, Abb. 14: Seite 9. Beispiel des Frage- zweite, unveränderte Auflage. Berlin 1912
Abb. 7: Titelblatt der Säuglingspflegefibel von Schwester Antonie Zerwer
Zweite, unveränderte Auflage. Berlin 1912

Im Vorwort der zweiten Auflage von 1912 äußert sich Professor Dr. Leo Langstein:

Die Belehrung, die die Frau als Mutter empfängt, kommt meist zu spät; die Mutter, die für die Mutterschaft nicht festgefügtes Wissen über Kinderpflege mitbringt, wird ein Spielball von Aberglauben, Überlieferung unrichtiger und schädlicher Gebräuche. […] Dem kann meines Erachtens nur gesteuert werden, wenn im Schulalter bereits dieser wichtige Zweig der Volksgesundheit gelehrt wird, dessen Vernachlässigung das Deutsche Reich jährlich fast eine halbe Million Menschen kostet.

Zerwer 1912: 5

Und auch Schwester Antonie Zerwer richtet sich mit einem Vorwort an ihr Zielpublikum:

Und wenn ihr dazu beitragen könnt, durch aufmerksame Pflege und Wartung eure Brüderchen und Schwesterchen gesund zu erhalten, so werden auch ihre roten frischen Wangen und ihr herzliches Lachen für manche kleine Mühe und Entsagung entschädigen. An der Hand verschiedener Fragen will ich euch zeigen, wie man Säuglinge bettet, badet, kleidet, ernährt, sie vor Krankheit zu schützen versucht.

Zerwer 1912: 8

Kurz hinweisen möchte ich auf ein anderes Lehrbuch. Friederike Bolzer eine Kranken- und Kinderpflegerin, schrieb bereits 1909 einen Leitfaden für junge Mütter und Pflegerinnen.

Abbildung: Titelblatt: Friederike Bolzer,Kinderpflege und -Ernährung
Abb. 8: Titelblatt,
Friederike Bolzer, Kinderpflege und -ernährung
.
Stuttgart, 1909
Abbildung Inhaltsverzeichnis Friederike Bolzer, Kinderpflege und -ernährung
Abb. 9: Inhaltsverzeichnis,
Friederike Bolzer,
Kinderpflege und -ernährung
Stuttgart 1909

Die Versorgung von Säuglingen und Kindern
in Frankfurt am Main

Die Entwicklung in Frankfurt stellt Cornelia Thomann-Honscha in ihrer 1988 erschienenen Dissertation Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914 sehr ausführlich dar. Ich möchte in diesem Abschnitt ihrem Textaufbau folgen.

Hebammen

Es waren zunächst Hebammen, denen die Pflege und Fürsorge von Säuglingen oblag. Bereits 1526 schrieb der Frankfurter Stadtarzt Eucharius Rößlin ein Hebammenlehrbuch. Die erste Hebammenordnung stammte vom Stadtarzt Adam Lonicerus (1528-1586) mit Anweisungen für Prüfungsvorschriften der Eignung als Hebamme durch ältere Hebammen, Angaben zur Bezahlung, die dann teilweise auch durch den „Almosenkasten“ getätigt wurde, einer öffentlichen Stiftung von 1531 zur Unterstützung von Armen und Kranken (vgl. Thomann-Honscha 1988: 86). Ab 1749 gab es einen Stadtgeburtshelfer, der die Hebammen beaufsichtigte. Die Aufgaben der Hebammen waren damals weiter gefasst als heute, sie schlossen z. B. kleinere Operationen mit ein (vgl. Thomann-Honscha 1988: 85). Um 1800 und einer immer stärkeren medizinischen Entwicklung verloren die Hebammen Teile ihrer Zuständigkeit. Die Medizinalordnung von 1817 unterstellte die Hebammen dem Sanitätsamt, bestehend aus dem jüngeren Bürgermeister und den drei angestellten Stadtärzten. Hinzugezogen zu den Sitzungen wurde nun auch der Stadtgeburtshelfer, der Stadtaccoucheur. Ab 1847 wurde er als Mitglied des Sanitätsamts anerkannt und er unterrichtete Hebammen in Theorie und Praxis. Um diese Zeit wurde die Anzahl der städtischen Hebammen, um deren Einkünfte zu sichern, reduziert. Es gab dann 12 christliche und zwei jüdische städtisch angestellte Hebammen. 1857 wurde die städtische Entbindungsanstalt eröffnet, dort wurden die städtischen Hebammen in einen dreimonatigen praktischen Kurs ausgebildet, sowohl im Hebammenwesen als auch in der Pflege von Wöchnerinnen und Kindern. Ab 1866 gehörte das Hebammenwesen zum „Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“. In den Verpflichtungen von 1883 wurden die Hebammen angewiesen bei Start ihres Berufes Zeugnisse, Adresse und Zustand ihrer Instrumente, Geräte und eines Tagebuchs vorzuweisen. Weiterhin hatten sie sich an das Hebammenlehrbuch zu halten und das Tagebuch zu führen sowie die korrekten Desinfektionsmittel zu haben. Zu ihren Pflichten gehörte es auch Fälle des Kindbettfiebers und Todesfälle anzuzeigen. Verpflichtet wurden sie, alle drei Jahre eine Nachprüfung ihres Wissens abzulegen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 90).

Frankfurter Geburtshilfeeinrichtungen im 19. Jahrhundert

Die ärztliche Geburtshilfe gewann im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Folgende Einrichtungen gab es in Frankfurt am Main:

  • Die Städtischen Entbindungsanstalten (1857)
  • Die Entbindungsanstalt der Christ’schen Stiftung (nach 1845)
  • Die Dr. Neubürgersche Entbindungsanstalt
  • Die Entbindungsanstalt von Dr. Kammorgen
  • Die Frauenklinik im städtischen Krankenhaus (1908)
  • Die Universitätsklinik (1914)

Für die jüdischen Einrichtungen verweise ich auf den Artikel von Birgit Seemann: https://www.juedische-pflegegeschichte.de/in-allen-stadien-der-schutzbeduerftigkeit-institutionender-juedischen-kinder-und-saeuglingspflege-infrankfurt-am-main-ein-historischer-ueberblick/

Ammen

Als Ammen arbeiteten meist Frauen, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienten. Zur Gesundheitsuntersuchung der Ammen wurden ab 1764 Ärzte bestimmt. Ab 1811 gab es eine Medizinalordnung für ärztliche Untersuchungen von Ammen, eine Aktualisierung der Medizinalordnung im Jahr 1841 regelte die Zuständigkeit des Sanitätsamts, es gab feste Gebühren, die die Ammen erhielten. Ein Ammenregister und ein Ammen-Gesundheitszeugnis wurden eingeführt. Ab 1866 unterstand die Aufsicht des Ammenwesens dem königlichen Polizeipräsidenten (vgl. Thomann-Honscha 1988: 92f.).

Kinderfürsorge, Kost- und Haltekinder

Findelkinder mussten von der Stadt versorgt werden. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurden Pflegefamilien und mildtätig Stiftungen dafür genutzt. 1679 eröffnete das „Armen-, Weisen- und Arbeitshaus“. Um 1700 gab es die Stiftungen des „Almosenkasten“, des „Heilig-Geist-Spital“ und des „Armen- und Waisenhauses“ denen die Stadt Findelkinder zuwies. Ab 1833 war die Stadt finanziell selbst zuständig. Waisenkinder wurden ab 1866 nur noch in Pflegefamilien gegeben (vgl. Thomann-Honscha 1988: 95f.). Das sich durch die Vergabe von Waisenkindern an Pflegefamilien entwickelnde Kost- und Haltekinderwesen wurde jedoch oft zu Ungunsten der Kinder ausgenutzt und viele der Kinder mussten unter schlimmen Umständen leben. Fritz Stiebel (1824-1902), Arzt am Christ’schen Kinderkrankenhaus, der viele der in schlimmem Zustand vorgefundenen Kostkinder behandelte, startete 1870 einen Aufruf zum Schutz der Kinder, 1871 konnte mit der Unterstützung vieler Bürger Frankfurts der „Verein zum Schutze der Haltekinder“ gegründet werden. Der Verein suchte nach zuverlässigen Kostfrauen, kontrollierte diese und half ihnen. Die medizinische Betreuung erfolgte kostenlos über die Ärzte des Kinderkrankenhauses. Auf längere Sicht war der Verein jedoch finanziell und personell überfordert und musst 1875 wieder aufgelöst werden. Von den 240 vom Verein betreuten Kindern waren 111 vor dem zweiten Lebensjahr gestorben. Als einen Grund dafür sah Stiebel in der fehlenden staatlichen Unterstützung bei der Kontrolle der Pflegeeltern und bei möglichen Sanktionen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 97f.).

Ab 1881 galt eine ministerielle Verordnung für den Polizeibezirk der Stadt Frankfurt am Main. Die angehenden Pflegeeltern benötigten nun eine Erlaubnis pflegen zu dürfen und mussten entsprechende Möglichkeiten nachweisen. Die Kinder und Eltern wurden registriert, die Eltern mussten sich verpflichten, das Kind nicht verwahrlosen oder verhungern zu lassen. Der Zutritt von Personen zur Kontrolle musste gestattet werden. Die Kinder wurden monatlich im Christ’schen Kinderkrankenhaus von einem Arzt untersucht. Für Kontrollen in den Familien wurde 1882 ein „Ausschuss zur Beaufsichtigung des Kostkinderwesens“ gegründet. Beteiligt waren: Armenverein, Frauenverein, Vaterländischer Frauenverein, Allgemeiner Frauenverein zu Wohltätigkeit, Elisabethen-Verein, Vincenz-Verein, Frauenverein der freireligiösen Gemeinde, der israelitische Frauenverein und der Frauenverein zu Bornheim (vgl. Thomann-Honscha 1988: 101). Die Mitglieder des Ausschusses prüften die Kostmutter und besuchten diese regelmäßig. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verbesserte sich zwar so die Aufsicht, doch die Lage der Kinder verbesserte sich nicht. Henriette Fürth (1861-1938) gab 1898 ein vernichtendes Urteil besonders für die Situation auf dem Lande ab. „Die Gegend von Frankfurt. Dort leben in elenden Hütten merkwürdig viele kleine Kinder […]. Bei einer anderen Frau waren gleichzeitig vier Kindern unter einem Jahr. Sie starben in einem Zeitraum von sieben bis acht Monaten“ (Fürth 1898). 1900 wurde das Waisen- und Armen-Amt gegründet und fasste verschiedene Institutionen zusammen. 1905 wurden zum ersten Mal Stellen für Kinderpflegerinnen geschaffen und fünf von ihnen angestellt und bezahlt. Ab 1901 gab es einen zuständigen, angestellten Kinderarzt zur Betreuung der städtischen Pflegekinder (vgl. Thomann-Honscha 1988: 104).

Die Stiftung für Säuglingsfürsorge

Nachdem Kaiserin Victoria aufgefordert hatte reichsweit Organisationen zum Schutz der Säuglinge zu gründen, konstituierte sich 1905 in Frankfurt ein Komitee zur Errichtung einer Stiftung für Säuglingsfürsorge. Den Vorsitz hatte Oberbürgermeister Franz Adickes (1846-1915). Geld wurde gesammelt und Christian Klumker (1868-1942) der Vorsitzende der Centrale für private Fürsorge bat den Oberbürgermeister, ärztliche Beratungsstellen für Säuglingsernährung einzurichten. 1908 konnte die „Wilhelm- und Auguste-Victoria-Stiftung für Säuglingsfürsorge“ gegründet werden. Ein erstes Ergebnis waren die Zuschüsse zu Stillprämien im Kinderheim Böttgerstraße, dem Krippenverein, dem Wöchnerinnenheim und der Stiftungskommission des Waisen- und Armenamtes.

Große Unterstützung zur Verbesserung der Säuglingsfürsorge kam auch von den Frankfurter Ärzten, die sich im Ärztlichen Verein trafen und 1910 Mitinitiatoren bei der Gründung des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge waren. Besonders seien hier die jüdischen Ärzte Dr. Hanauer und Dr. Deutsch erwähnt. Am 1. Januar 1911 begannen die ersten neun ärztlichen Beratungsstellen mit ihrer Arbeit, jeweils unter der Leitung eines Arztes, unterstützt durch einen zweiten Arzt, eine Schwester und freiwillige Helferinnen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 121).

Nach Konfessionen aufgeteilt stellte sich die Sterblichkeit der Säuglinge und Kinder um 1900 in Frankfurt folgendermaßen dar:

  • Evangelische Kinder 1896-1900: 16,2 %
  • Katholische Kinder 1896-1900: 17,9 %
  • Israelitische Kinder 1896-1900: 7,9 %
  • Evangelische Säuglinge 1891-1900: 14,5 %
  • Katholische Säuglinge 1891-1900: 14,1 %
  • Israelitische Säuglinge 1891-1900: 7,5 %

Die niedrigere Rate bei den israelitischen Säuglingen und Kinder erklärt Wilhelm Hanauer, ein in Frankfurt praktizierender Arzt und Kinderarzt sowie engagiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde, aufgrund der geringeren Geburtenziffer, also der absoluten Anzahl an Kindern und durch die Wohlstandsverhältnisse (vgl. Hanauer 1910: 30f., nach Thomann-Honscha 1988: 80).

Überblick der Einrichtungen der Mütter- und Säuglingsfürsorge in Frankfurt

Thomann-Honscha gibt in Ihrer Arbeit eine Einführung zu Institutionen der Mütter- und Säuglingsfürsorge in Frankfurt, die ich hier wiedergebe, um einen Überblick über die gesamte Situation Frankfurts zu bekommen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 128-190). Die eine oder andere Einrichtung werden wir im Rahmen des Forschungsprojekts www.juedisch-pflegegeschichte.de näher betrachten.

  • Das Christ’sche Kinderhospital
  • Die Kinderklinik im Städtischen Krankenhaus in Frankfurt am Main (Annie-Stiftung)
  • Verein Kinderheim mit Böttgerklinik und Säuglingspflegerinnenschule
  • Krippen
    Verein zur Errichtung und Erhaltung von Krippen
    Krippe des Vaterländischen Frauenvereins
    Der Krippen-Verein
    Weitere wie: Krippe der Luthergemeinde, Krippe des Bockenheimer Frauenvereins, Kinderkrippe von Frau Generalkonsul v. Weinberg
  • Milchversorgung
    Frankfurter Milchkuranstalt
    Städtische Milchküche
  • Säuglingsfürsorge der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt
    Verein Weibliche Fürsorge mit:
  • Säuglinsberatungsstelle am israelitischen Hospital
  • Milchküche am israelitischen Hospital
  • Kinderschutzkommission
  • Verein Kinderhaus
  • Die städtische Entbindungsanstalt
  • Die Dr. Christ’sche Entbindungsanstalt und von Mühlen’sche Stiftung
  • Verein Wöchnerinnen- und Säuglingsheim
  • Verein Frankfurter Mutterschutz
  • Hauspflegeverein

Der jüdische Anteil an der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege

Im hier vorliegenden Text zur Einführung in die Säuglings- und Kinderpflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main tauchen bereits des Öfteren Hinweise auf jüdische Einrichtungen und jüdische oder jüdischstämmige Ärzte, Pflegerinnen, Stifter und Förderer auf. Diesen Aspekt der Forschung wollen wir im Projekt www.juedische-pflegegeschichte.de in weiteren Beiträgen verfolgen.

Quellen

Allgemeine Zeitung des Judentums: 69. Jg. Heft 5, 3.2.1905, Beiblatt S. 3, 4 [Jahresbericht des Vereins „Weibliche Fürsorge“ 1903-1904]

Berg, Christa 1991: Familie, Kindheit, Jugend. In Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. IV: 1870-1918, S. 91-145. Zitiert nach Wegmann 2012: 8

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege. Der Beginn der professionellen Säuglingskrankenpflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege, 2. Jg., 1/2013: 25-34

Bönisch, Edgar 2021: Die Schwesternschülerinnen des Frankfurter Vereins 1893-1902. https://www.juedische-pflegegeschichte.de/die-schwesternschuelerinnen-des-frankfurter-vereins-1893-1902/ (12.04.2022)

Bolzer, Friederike 1909: Kinderpflege und Ernährung. Ein Leitfaden für junge Mütter und Pflegerinnen, Stuttgart

Bundesagentur für Arbeit: Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in. https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index?path=null/kurzbeschreibung&dkz=27357 (03.03.2022)

Charbonneau, Ninja 2019: Kindersterblichkeit in Deutschland & weltweit. https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/
kindersterblichkeit-weltweit-warum-sterben-kinder/199492 (09.03.2022)

Clementine Kinderhospital: Zwei Stiftungen, eine Vision: Kindgerechte Heilkunst in Frankfurt. https://www.clementine-kinderhospital.de/das-clementine/geschichte (12.04.2022)

Deutschland im 19. Jahrhundert:
https://www.youtube.com/watch?v=YvThUsjjSW8 (09.03.2022)

Ebert, Andreas D./David, Matthias 2021:
Vergessene und verdrängte Geschichte(n): Die geburtshilfliche Klinik und Poliklinik der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau von ihrer Gründung 1811 bis 1945. In: Geburtshilfe Frauenheilkunde 2021; 81(07): 732-736. DOI: 10.1055/a-1512-7108 https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-1512-7108 (06.04.2022)

Fabert, Gerda o. J.: Zur Geschichte der Kinderklinik. In: GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung. https://gedenkort.charite.de/orte/kinderklinik/ (06.04.2022)

Fehlemann, Silke 2004: Armutsrisiko Mutterschaft. Mütter – und Säuglingsfürsorge im Deutschen Reich 1890-1924. https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=4390 (23.03.2022)

Frank, Johann Peter 1960 [1790]:
Akademische Rede vom Volkselend als der Mutter der Krankheiten (Pavia 1790). Sudhoffs Klassiker der Medizin. Bd. 34, Leipzig 1960. Zitiert in Peiper 1965: 296

Fürth, Henriette 1898: Das Ziehkinderwesen in Frankfurt am Main und Umgebung. Frankfurt am Main. Zitiert in Thomann-Honscha 1988: 103

Gans, Angela von/Groening, Monika 2006: Die Familie Gans 1350-1963. Ursprung und Schicksal einer wiederentdeckten Gelehrten- und Wirtschaftsdynastie, Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Basel

Gedenkbuch Neu-Isenburg: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907–1942). Hg.: Stadt Neu-Isenburg. Red.: Heidi Fogel. https://gedenkbuch.neu-isenburg.de/ (12.04.2022)

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Geschichte des modernen Krankenhauses:
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Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045

„(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Ein Beitrag von Birgit Seemann, Februar 2024

Einführung: Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main als interkonfessionelles Projekt

Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045
Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045

„[…] denn diess Haus ist Allen geweihet“, verkündete 1875 der bekannte liberal-jüdische Reformer Leopold Stein (ders. 1875: 3), bis 1862 Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, in seiner Rede zur Einweihung des Clementine-Mädchen-Spitals das Anliegen der Frankfurter jüdischen Stifterin Louise von Rothschild. Gemeinsam mit dem bereits 1845 evangelisch gestifteten Dr. Christ‘schen Kinderhospital gehört das Mädchenhospital zu den beiden Vorgängern des heutigen Clementine Kinderhospitals in Frankfurt am Main. Das „Clemi“ setzt als eines der ältesten deutschen Kinderkrankenhäuser die Tradition einer eigenständigen medizinischen und pflegerischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen, Neugeborenen und Säuglingen, erfolgreich fort – im Verbund mit dem von Dr. Johann Christian Senckenberg (1707–1772) gestifteten Bürgerhospital (,zuständig‘ für die Erwachsenenmedizin und -pflege und zugleich ausgestattet mit einer eigenen Klinik für Neugeborenen-, Kinderchirurgie und -urologie). Die Geschichte aller drei Institutionen ist auf schön gestalteten Internetseiten nachzulesen, mit Hinweisen auf frühe biografische und fachliche Querverbindungen (Bürgerhospital Ffm: https://www.buergerhospital-ffm.de/das-buergerhospital/geschichte; CKH Stiftung: https://www.ckh-stiftung.de; Clementine Kinderhospital Geschichte: https://www.clementine-kinderhospital.de/das-clementine/geschichte; Dr. Senckenbergische Stiftung: https://www.senckenbergische-stiftung.de [letzte Aufrufe am 21.02.2024]). Vertieftes Wissen, seltene Abbildungen und spannende Einblicke in Frankfurts beachtliche Krankenhaus-, Pflege- und Stiftungsgeschichte gewinnen interessierte Leserinnen und Leser durch die Publikationen Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995 (Hövels u.a. 1995), Clementine von Rothschild. 1845–1865. Full of talent and grace. Zum 125-jährigen Bestehen des Clementine-Kinderhospitals (Reschke 2011; s. auch Schembs 1978: 134-135) oder Mit offenen Armen. Die Geschichte des Frankfurter Bürgerhospitals (Bauer 2004).

Der vorliegende Beitrag beleuchtet mit dem Fokus auf die Pflegegeschichte den unerforschten jüdischen Anteil an den institutionellen Anfängen der Frankfurter Kinder- und Säuglingskrankenpflege – des Weiteren bezeichnet als Kinder- und Säuglingspflege, zumal sich zwischen Krankenpflege und Armenpflege (Soziale Arbeit) Querverbindungen ergaben. Zugleich ist hervorzuheben, dass sich die Entstehung und Entwicklung beider Vorgänger bis zum heutigen Clementine Kinderhospital, dem einzigen Kinderkrankenhaus in Frankfurt am Main, einer intensiven interkonfessionellen Zusammenarbeit und Netzwerkbildung verdankten, die sogar die NS-Zeit überdauerten. Diese Kooperation, in welcher sich auch familiengeschichtliche Zusammenhänge widerspiegeln, stand ganz im Zeichen des Aufbaus einer unentgeltlichen stationären Krankenversorgung benachteiligter Mädchen und Jungen aus prekären Verhältnissen. Getragen wurde sie von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern mit religiös-sozialethischer Überzeugung und dem reformerischem Willen, die Kinder- und Säuglingssterblichkeit zu verringern und einer Chronifizierung von Leiden bei Heranwachsenden vorzubeugen. Sie erkannten frühzeitig die Dringlichkeit einer eigenständigen Kindermedizin und -pflege und den Bedarf an Kliniken, die kleine Patientinnen und Patienten nicht mehr wie die Erwachsenen behandelten – ein dazumal höchst moderner Gedanke.

Der Beitrag geht der Frage nach, welche ideellen Grundprinzipien das geistige Fundament zur Errichtung der beiden Frankfurter Kinderkrankenhäuser legten und wie sich in diesem interkonfessionellen Gefüge der jüdische Anteil der Kinder- und Säuglingspflege gestaltete. Hier sei angemerkt, dass bislang keine Informationen zu einer maßgeblichen Beteiligung von Stifterinnen und Stiftern katholischen Glaubens vorliegen – möglicherweise ein Resultat der damaligen stark protestantischen Ausrichtung der Stadt Frankfurt am Main wie auch der im 19. Jahrhundert in Deutschland voranschreitenden Entwicklung und Modernisierung der deutschen Diakonie gegenüber der katholischen Caritas (lateinisch: ,Nächstenliebe‘). ,Diakonie‘, griechisch: ,Dienst‘ (am Menschen), beschreibt das Leitmotiv des evangelischen Arztes Theobald Christ, welcher testamentarisch den Aufbau des ersten Kinderhospitals in Frankfurt am Main verfügte. Zur Seite stand ihm sein Kollege und Freund Salomon Stiebel, jüdisch geboren und zum Protestantismus übergetreten.

Für die Stifterin Louise von Rothschild verband sich das bereits in der hebräischen Bibel angelegte Werk der Nächstenliebe (Gemilut Chessed), hier in Gestalt des drei Jahrzehnte später eröffneten, ebenfalls interkonfessionellen Clementine-Mädchen-Spitals, mit der Zedaka (Gerechtigkeit durch sozialen Ausgleich). Gemeinsam mit ihrer Tochter Clementine, der Namensgeberin, bekannten sich Louise und Mayer Carl von Rothschild zur liberal-reformerischen Richtung im Judentum. Hingegen standen Mayer Carls jüngerer Bruder Wilhelm Carl von Rothschild und seine Gattin Hannah Mathilde, die Stifterin des Frankfurter Rothschild‘schen Hospitals und Kinderhospitals der oppositionellen neo-orthodoxen Austrittsgemeinde ,Israelitische Religionsgesellschaft‘ nahe. Hier ist von Bedeutung, dass wie das liberale auch das orthodoxe Judentum trotz dessen primärer Ausrichtung auf die eigene Gemeinschaft, die sie neben dem Antisemitismus durch ,Assimilation‘, vermehrte Taufen und interkonfessionelle Ehen bedroht sah, die soziale Emanzipation der gesamten Menschheit im Blick hatte (und hat): „Die Förderung des Gemeinwohls für alle Menschen, ob Juden oder nicht, ist eines dieser universalistischen Postulate der jüdischen Religion“, betont der Frankfurter jüdische Historiker Arno Lustiger in seinem Vorwort Zum 125-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals (ders. 2011: 12). Sollten doch die Mitzwot (religiös-jüdische Pflichten) Gemilut Chessed, Zedaka und Bikkur Cholim (Krankenbesuch, Krankenpflege) über die jüdische Gemeinde hinaus allen Notleidenden zugute kommen und die Weltgemeinschaft verbessern helfen. Bereits 1912 formulierte der neo-orthodoxe Kölner Rabbiner Benny (Benedikt Pinchas) Wolf (1875–1968, BHR: http://www.steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/bhr?id=2685 [derzeit nicht erreichbar, Stand: 21.02.2024]):

„Als wenn überhaupt von der universalistisch denkenden und kosmopolitisch wirkenden Bibel angenommen werden könnte, daß sie nur für [sic] die Gesundheit des kleinsten Völkchens besorgt wäre, die übrige Welt sie aber gar nichts anginge. Als wenn Gott, der Gesetzgeber der Bibel, nicht Vater aller Menschen wäre, der ,die ganze Welt in seiner Güte speist!‘“

(Wolf B. 1912: 5 [Hervorhebung im Original gesperrt])

In die Verwaltung und medizinische Leitung des Clementine-Mädchen-Spitals berief Louise von Rothschild mit Dr. Jakob de Bary ein Mitglied der calvinistisch geprägten Familie de Bary: Der reformierten Kirche zugehörig, hatte sie innerhalb des in Deutschland lutheranisch dominierten Protestantismus ebenfalls den Status einer Minderheit. Über alle hier hier nur kurz dargelegten religiösen Bekenntnisse hinweg einte die frühen Gestalter/innen des heutigen Clementine Kinderhospitals ein gemeinsames Ziel: die Sorge um bedürftige und kranke Kinder und Säuglinge – den Ärmsten der Armen.

Vorgeschichte: Salomon Stiebel, Theobald Christ und das Christ‘sche Kinderhospital

Dr. Christ‘sches Kinderhospital, Entbindungsanstalt, Postkarte zum Kinderhilfstag in Frankfurt a.M. am 18. Oktober 1904 – Nachweis: Otto Hövels u.a.: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995. Gießen 1995: 36
Dr. Christ‘sches Kinderhospital, Entbindungsanstalt, Postkarte zum Kinderhilfstag in Frankfurt a.M. am 18. Oktober 1904 – Nachweis: Otto Hövels u.a.: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995. Gießen 1995: 36

„Das Haus war vollendet und eingerichtet, bedeutende Ärzte des Vaterlandes und des Auslandes, die es sahen, hatten ihre Freude daran, und wir natürlich mit […]. […] allein nach Abzug der Vermöge [sic] der Testaments-Verfügung noch jährlich auszuzahlenden Renten und der Gehalte des Personals blieb so wenig für Krankenpflege übrig, dass wir Administratoren uns gegenseitig mit etwas traurigen Gesichtern ansahen […]. Nun war noch das erste angemeldete Kind 18 Monate alt, konnte daher nach der Testaments-Verfügung nicht zugelassen werden. Aber gerade dieses Ereignis war uns eine Weisung und richtete unseren Mut wieder auf. Den ersten Pflegling zurückweisen, das ging nicht; die Mittel für denselben wurden angeschafft, und es ward nun beschlossen im Vertrauen auf Gott und auf die Liebe der Menschen, ohne Rücksicht auf Alter, alles aufzunehmen, was hilfsbedürftig wäre, natürlich immer mit Berücksichtigung der letzten Willensmeinung des Stifters, die Zinsen des Christ‘schen Capitals nur für Kinder von 4-12 Jahren zu verwenden.“

Rechenschaftsbericht (1846 für das Jahr 1845, vgl. Hövels u.a. 1995: 51)

Zitiert wurde aus einem frühen Rechenschaftsbericht (1846 für das Jahr 1845, vgl. Hövels u.a. 1995: 51) für das Dr. Christ‘sche Kinderhospital, verfasst von Dr. Salomon Stiebel, leitender Arzt und Mitglied der Administration. Die Lektüre vermittelt einen lebendigen Eindruck von dem Mitgefühl und der Entschlossenheit der am Aufbau einer eigenen Kinder- und Säuglingspflege Beteiligten. Frankfurts erstes Kinderkrankenhaus hatte seine Pforten im Jahr 1845 geöffnet – drei Jahrzehnte vor Louise von Rothschilds Clementine-Mädchen-Spital. Erbaut wurde es am heutigen Standort Theobald-Christ-Straße 16 des Clementine Kinderhospitals; die Straße trägt den Namen des Stifters. Den finanziellen Verhältnissen geschuldet, hatte Theobald Christ testamentarisch die Aufnahme von Kindern zwischen vier und zwölf Jahren verfügt – eine Regel, die Dr. Stiebel und seine Mit-Administratoren um der Nächstenliebe willen ,missachteten‘ und damit sehr wahrscheinlich im Sinne des Stifters handelten. Mit Erfolg: Zusätzliche Spenden trafen ein, die die Aufhebung der Altersgrenzen für das Jahr 1845 sicherten; viele weitere Zuwendungen und Zustiftungen durch Angehörige der Frankfurter Patrizierfamilien wie den Neufvilles oder den Bethmanns folgten (Hövels 1995). Für das Jahr 1849 ist als Unterstützerin auch eine „Baronin Charlotte Anselm von Rothschild“ genannt (ebd.: 53): Charlotte von Rothschild (1807–1859, Londoner Zweig), Gattin des gebürtigen Frankfurters Anselm Salomon Freiherr von Rothschild (Wiener Zweig) – und zugleich die Schwester und die Mutter der beiden Kinderhospital-Stifterinnen Louise und Hannah Mathilde von Rothschild (The Rothschild Archive: https://www.rothschildarchive.org [21.02.2024]).

Sohn eines evangelischen Kantors: Dr. Theobald Christ

Theobald Christ, ohne Jahr – Nachweis: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ‘sche Stiftung 1845–1995: 22 / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_med_johann_theobald_christ_1777-1841.jpeg [21.02.2024]
Theobald Christ, ohne Jahr – Nachweis: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ‘sche Stiftung 1845–1995: 22 / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_med_johann_theobald_christ_1777-1841.jpeg [21.02.2024]

Dr. Johann Theobald Christ (1777–1841) wuchs in Frankfurt als Sohn des Kantors der evangelischen Sankt-Katharinen-Kirche auf (Hock 2020a, s. auch Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Theobald_Christ [21.02.2024]). Der engagierte und vielbeschäftigte Arzt war auch als Geburtshelfer sowie Ausbilder von Hebammen gefragt. Leider zog er sich berufsbedingt ein Rückenmarksleiden, zunehmende Lähmungserscheinungen banden ihn zuletzt an den Rollstuhl. Dr. Christ galt als sehr kinderlieb, war jedoch selbst zeitlebens unverheiratet und ohne eigene Nachkommen geblieben.

Geboren Im Judenghetto: Dr. Salomon Stiebel

Durch ihr gemeinsames Projekt ,Dr. Christ‘sches Kinderhospital‘ wurden mit Theobald Christ und Salomon Stiebel zwei erfahrene Mediziner und enge Freunde zu ,Vätern‘ der Frankfurter stationären Kinderkrankenversorgung. Dr. Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel (1792–1868) hatte einen gänzlichen anderen Start in Leben erfahren als sein Mitstreiter, wurde er doch in die ärmlichen und beengten Verhältnisse des Frankfurter Judenghettos hineingeboren. Erst nachdem ihr Wohnhaus „bei der französischen Belagerung der Stadt im Juli 1796 abgebrannt war, zog die Familie in die Gelnhäuser Gasse außerhalb des Ghettos. Bis zu seinem achten Lebensjahr erhielt S. keine schulische Ausbildung: Das einzige Buch, das er besaß, war eine hebräische Bibel, die er zu lesen und mündlich ins Deutsche zu übersetzen gelehrt wurde“ (Hock 2021a, s. auch Arnsberg 1983 Bd. 1: 499-501; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Salomon_Friedrich_Stiebel [21.02.2024]).

Neben Lernleidenschaft und vielseitiger Begabung zeichneten Salomon Stiebel Energie, Tatkraft und eine gehörige Portion Abenteuerlust aus. 1813/14 kämpfte er als „Feldwebel Bär“ in den Befreiungskriegen und diente zuletzt als Bataillonsarzt der Königlich Preußischen Armee. Zurück in Frankfurt, setzte er seine medizinische Laufbahn fort und erhielt „den Posten des dritten Arztes am Israelitischen Krankenhaus, wo er für Chirurgie und Augenheilkunde zuständig war“ (Hock 2021a). 1817 übernahm er die Arztpraxis von Dr. Seligmann Joseph Oppenheimer und wurde zudem als Leiter der Chirurgischen Abteilung des alten israelitischen Fremdenhospitals am Völckerschen Bleichgarten (Vorläufer des Israelitischen Gemeindehospitals) fest angestellt. Trotz des Antisemitismus fühlte sich Salomon Stiebel offenbar neben dem jüdischen auch in seinem christlichen Umfeld zuhause und genoss hier wie dort hohes Ansehen. 1817 wurde er „– als einziger Jude unter den 32 Stiftungsmitgliedern – an der Gründung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft beteiligt“ (Hock 2021a) und stand ihr später zeitweise als Direktor vor.

Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Porträt), 2015 – Fotograf: Karsten Ratzke, 2015, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt,_Hauptfriedhof,_Grab_E_adM_415-417_Reiss-Stiebel,_Salomon_Friedrich_Stiebel_(1).JPG [21.02.2024]
Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Porträt), 2015 – Fotograf: Karsten Ratzke, 2015, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt,_Hauptfriedhof,_Grab_E_adM_415-417_Reiss-Stiebel,_Salomon_Friedrich_Stiebel_(1).JPG [21.02.2024]

Obwohl sie beide aus alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familien stammten, trat der 35-jährige Salomon Stiebel, möglicherweise angeregt durch das Beispiel des ihm persönlich bekannten Journalisten Ludwig Börne, 1828 gemeinsam mit seiner Frau Röschen geb. Ochs zum evangelisch-lutherischen Glauben über; er erhielt den Taufnamen ,Friedrich‘. Ein 1824 erlassener Senatsbeschluss, der den in Frankfurt am Main zugelassenen Ärzten die Behandlung von Kranken aller Konfessionen erlaubte, ermöglichte ihm, die Leitungstätigkeit am Israelitischen Hospital auch als Christ fortzusetzen. Dr. Stiebel erlangte erst mit der Konversion und nach dem Ablegen des Bürgereids die uneingeschränkten Rechte eines Frankfurter Stadtbürgers und eröffnete zugleich seinen ebenfalls getauften Kindern Sophie und Fritz alle Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation. Jetzt konnte er politische Ämter bekleiden und gehörte zwischen 1832 und 1847 mehrfach der Gesetzgebenden Versammlung der Stadt an, u.a. „gestaltete er etwa eine neue Medizinalordnung für Ffm. federführend mit“ (Hock 2021a.). Als Hausarzt sowie in seiner Praxis behandelte er bekannte Frankfurter Persönlichkeiten wie Ludwig Börne, Friedrich Stoltze, die Brentanos und den berühmten Philosophen Arthur Schopenhauer – ebenso Gudula Rothschild, die Stammmutter der Bankiersdynastie, und weitere Mitglieder der Rothschild-Familie. Hier treffen wir auch wieder auf Dr. Theobald Christ, der wie andere Arztkollegen Dr. Stiebels medizinischen Rat suchte.

An der Realisierung des ersten Frankfurter Kinderkrankenhauses hatte Salomon Stiebel entscheidenden Anteil: Nachhaltig unterstützte und ermunterte er seinen gesundheitlich geschwächten und alleinstehenden Freund in dessen Vorhaben, Grundbesitz und Vermögen (rund 150.000 Gulden) der Stadt Frankfurt am Main zu vermachen – unter der Auflage, ein Kinderkrankenhaus für Mädchen und Jungen zwischen vier und zwölf Jahren zu erbauen (Hövels u.a. 1995: 24f.). Nach Theobald Christs Tod trat die Stiftung 1841 in Kraft; seinen Vertrauten Salomon Stiebel hatte Dr. Christ selbst noch testamentarisch zum Chefarzt und Leiter der Stiftungsadministration bestimmt. Dr. Stiebel verantwortete die Errichtung des Kinderkrankenhauses, besichtigte hierzu die bereits bestehenden Kinderkliniken in Berlin, Dresden, Paris, Prag und Wien, beteiligte sich an der Planung des Neubaus und überwachte die Bauausführung. Das am 14. Januar 1845 mit anfangs 50 Betten eröffnete Dr. Christ‘sche Kinderhospital leitete er als Hospitalarzt bis 1853. Verbunden mit der ebenfalls von Theobald Christ verfügten Erweiterung des Kinderhospitals um ein Entbindungshaus für bedürftige Frauen mit Frankfurter Heimatrecht, ermöglicht mit Hilfe der Mühlen‘schen Stiftung und der Raphael-Strauß-Stiftung, übertrug Salomon Stiebel die Leitung an seinen Sohn Fritz. Dr. med. Friedrich Julius „Fritz“ Stiebel (1824–1902), jüdisch geboren und als zweijähriges Kind noch vor seinen Eltern evangelisch-lutherisch getauft, hatte in die ebenfalls vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Familie Reiß eingeheiratet. In der Folge stammten die geschäftsführenden Administratoren aus den Familienverbänden Stiebel und Reiß; die weiblichen weiblichen Familienmitglieder amtierten als ,Schutzfrauen‘ der Einrichtung. Fritz Stiebel praktizierte seit 1847/48 als praktischer Arzt, Chirurg und Geburtshelfer in Frankfurt am Main; 1850 wurde er Assistenzarzt am Dr. Christ‘schen Kinderhospital (Hock 2020c). Hier sei angemerkt, dass Salomon Stiebel seine Stelle als leitender Arzt der Chirurgie am Israelitischen Gemeindehospital erst 1857 aufgab und der Institution danach als konsultierender Arzt (Belegarzt) erhalten blieb. Den Vorsitz der Stiftungsadministration des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals führte Salomon Stiebel bis zu seinem Tod im Jahr 1868. Unermüdlich warb er um Spenden, verfasste in seinen Jahresberichten Beiträge zur Gesundheitspflege für Eltern und andere interessierte Laien und unterstützte die Ausbildung angehender Kinderärzte durch eigene Vorlesungen in der Klinik.

Zeitlebens war Salomon Stiebel notleidenden Kindern und Säuglingen ein treuer Freund, Helfer und Retter. Er hat die ersten Frankfurter Kinderkrippen mitbegründet und bereits 1851 eine „Säuglingszuflucht“ gefordert; 1853 und 1862 entstanden Kinderkrippen in der Innenstadt sowie im Stadtteil Sachsenhausen (Hock 2021a). Zudem hinterließ er zahlreiche Schriften und Fachaufsätze, darunter Beiträge in den Jahresberichten des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals wie Das Lager der Kinder (1854), Skizzen zur Gehirn-Diätetik der Säuglinge (1855), Die armen Kostkinder (1858), Einführung von Schwimmfreischulen für wenig bemittelte weibliche Jugend (1859), Anklage wegen der verkommenen Kinder, die im Hospital sterben (1860) oder Warum die Säuglinge schreien“ (1867) (ebd.).

Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Grabinschrift) – Fotografin: Dr. Birgit Seemann, 2011 (Neubearbeitung 2022)
Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Grabinschrift) – Fotografin: Dr. Birgit Seemann, 2011 (Neubearbeitung 2022)

Es ist wohl keine Übertreibung, Salomon Stiebel als den eigentlichen Begründer der Frankfurter medizinischen und pflegerischen Kinder- und Säuglingsheilkunde zu bezeichnen. Der arme Junge aus dem Frankfurter Judenghetto war zu einem allseits geachteten und beliebten Frankfurter Stadtbürger aufgestiegen, der den Rang eines Herzoglich Nassauischen Geheimen Hofrats bekleidete, aber seine Herkunft nie vergaß. Als Dr. Stiebel 1868 mit 76 Jahren einer Lungenentzündung erlag, war die Anteilnahme überwältigend: „Bei dem Trauerzug zu seiner Beerdigung auf dem Hauptfriedhof waren die Straßen dicht gesäumt von so vielen Menschen […]“ (ebd.). Das Grabmal „Salomo Friedrich Stiebel“ trägt die Inschrift:

„Mitkämpfer für des Vaterlandes Freiheit,/
unermüdlicher Forscher und Arzt,/
weiser und gemüthvoller Pfleger der Kinderwelt.“

(Grabinschrift)

Ein „Spitälchen“ für arme Frankfurter Kinder

Neben Salomon und Fritz Stiebel seien von den vielen namhaften Medizinern am Dr. Christ‘schen Kinderhospital beispielhaft die Chefärzte Dr. med. Carl Lorey (1840–1888) und der Chirurg Sanitätsrat Dr. med. Alexander Glöckler (1843–1908), beide evangelisch, genannt (Hock 2020d; s. auch Lorey/Glöckler 1888). Löblicherweise widmet sich die Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung (Hövels u.a. 1995) ebenso den in der Forschung oft vernachlässigten Pflegenden. Bei der Personalauswahl behielt Salomon Stiebel – wieder ganz im Sinne seines verstorbenen Mitstreiters Theobald Christ – neben der physischen auch die moralisch-ethische Versorgung der zumeist aus instabilen Verhältnissen stammenden Kinder im Blick. Anstelle der in den 1840er Jahren noch verbreiteten Beschäftigung von Dienstleuten ohne Pflegeausbildung setzte er von Beginn an auf Fachkräfte; sie waren wie Dr. Christ und Dr. Stiebel evangelisch-lutherischen Glaubens (eine professionelle jüdische Krankenpflege entstand erst seit den späten 1880er Jahren und mündete 1893 in den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, vgl. Steppe 1997). Dr. Stiebel konnte das Mutterhaus der dazumal in der Krankenpflege führenden, bis heute bestehenden Kaiserswerther Diakonie gewinnen (siehe einführend https://www.kaiserswerther-diakonie.de/de/startseite.html sowie Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserswerther_Diakonie [21.02.2024]): „Der Vertrag über die Einstellung von zwei Diakonissen wurde bereits 1843 mit Pastor Theodor Fliedner abgeschlossen. Er hatte 1836 das erste Diakonissenhaus Deutschlands in Kaiserswerth bei Düsseldorf gegründet“ (Hövels u.a. 1995: 61). Danach pflegten im Dr. Christ‘schen Kinderhospital die „Betheler Diakonissen“ des von Pastor Friedrich von Bodelschwingh in Bethel (bei Bielefeld) errichteten Mutterhauses, gefolgt von den „Zehlendorfer Schwestern“ vom Evangelischen Diakonieverein zu Zehlendorf, in der Lazarettzeit des Kinderhospitals von 1914 bis 1917 „die besten Soldatenpflegerinnen“ (ebd.: 63). Seit 1899 pflegten in einer von Evelyn von Neufville gestifteten „Zweiganstalt“ des Kinderhospitals – gelegen in der damaligen Forsthausstraße (Hans-Thoma-Straße) und seit 1919 direkt benachbart zum jüdischen Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V. – Diakonissen des Frankfurter Mutterhauses. Die Aufarbeitung dieser vielfältigen (hier: christlichen) Pflegegeschichte des Dr. Christ‘schen Kinderkrankenhauses bleibt weiteren Studien vorbehalten. Namentlich bekannt sind die Oberinnen Anna von Soden, Wilhelmine Geißler und Meta Beckmann (ebd.: 64).

In den Anfängen des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals gab es noch keine eigene Ausbildung in der Kinder- und Säuglingskrankenpflege, doch sorgten die Schwestern aufopferungsvoll für ihre kleinen Patientinnen und Patienten. Diese litten häufig an Typhus, Scharlach, Diphtherie oder Lungentuberkulose, aber auch an „Auszehrung“. Gerade letztere löste bei Pflegenden wie Ärzten große Betroffenheit, wenn nicht Entsetzen aus. Die Sterblichkeit war hoch: „Man ließ unerwünschte Säuglinge, meist uneheliche Kinder, einfach verhungern. Selten taten dies die Mütter selbst, meist jedoch Kostfrauen, die als ,Engelmacherinnen‘ bekannt waren“ (Hövels u.a. 1995: 48). Die Kinderchirurgie führte zahlreiche durch Knochentuberkulose und Rachitis bedingte Operationen durch (ebd.: 49-50).

Das Dr. Christ‘sche Kinderhospital, in Frankfurt als das „Spitälchen“ bekannt, war rasch ein Teil der Stadtgesellschaft geworden. Nach Theobald Christs testamentarischem Willen stand es samt Zweigklinik und Entbindungshaus von Beginn an allen Religionen offen, doch ist über den jüdischen Anteil der dort gepflegten Kinder bislang nichts bekannt.

Zum Andenken an eine geliebte Tochter: das Clementine-Mädchen-Spital

Das Clementine-Mädchen-Spital nach dem 1899 erfolgten An- und Umbau (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, 1899) – Nachweis: UB JCS Ffm / Barbara Reschke: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845–1865, Frankfurt a.M. 2011: 28
Das Clementine-Mädchen-Spital nach dem 1899 erfolgten An- und Umbau (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, 1899) – Nachweis: UB JCS Ffm / Barbara Reschke: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845–1865, Frankfurt a.M. 2011: 28

Louise von Rothschild (1820–1894) gehörte dem liberalen Reformflügel der Frankfurter Israelitischen Muttergemeinde an, während ihre Schwägerin und Nichte Mathilde von Rothschild der neo-orthodoxen Austrittsgemeinde ,Israelitische Religionsgesellschaft‘ zuneigte. Louise, die Gattin von Mayer Carl, dem Seniorchef des Frankfurter Rothschild-Bankhauses, wurde bereits 1886 Witwe, Mathilde, verheiratet mit Mayer Carls jüngerem Bruder Wilhelm Carl, dem letzten Bankier des Frankfurter Rothschild-Zweigs, im Jahr 1901 (Arnsberg 1983 Bd 3.: 387-398). Zudem verlor jede von ihnen zwei Töchter: Louise trauerte um Clementine und um Hannah Louise, der Stifterin der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum, Mathilde um Georgine Sara, Namensgeberin des Rothschild’schen Hospitals, und Minna Caroline („Minka“) – alle vier waren Cousinen. Innerhalb des Judentums gingen Louise und Mathilde verschiedene Wege, doch einten sie neben der Rothschild‘schen Familiensolidarität ihre tiefe Verwurzelung in der Zedaka und der Wille zur Tat: Beide erwiesen sich als fähige und aktive Sozialmanagerinnen ihrer umfangreichen Stiftungsnetzwerke (s. auch Strobel 2003). Gemeinsam sorgten sie für die gleiche ,Zielgruppe‘: hilfsbedürftige, sozial benachteiligte und gefährdete Frauen und Mädchen – zugleich das Vermächtnis von Clementine, Georgine Sara und Minka, letztere die Stifterin eines heute noch bestehenden interkonfessionellen Wohnprojekts für bedürftige Frankfurter Seniorinnen. Hierbei ergab sich eine besondere ,Arbeitsteilung‘: Während Mathilde ihren Fokus auf bedürftige Glaubensgenossinnen legte, widmete sich Louise primär der interkonfessionellen Fürsorge. Dabei handelte sie ganz im Sinne Clementines, welche sich zu Lebzeiten intensiv mit den christlich-jüdischen Beziehungen und deren antisemitischer Deformierung beschäftigt hatte. Der Tod der erst Zwanzigjährigen im Jahr 1865 markierte zugleich einen Neuanfang: die Vorbereitung des nach ihr benannten Krankenhausprojekts ,Clementine-Mädchen-Spital‘. Im Unterschied zum evangelisch gestifteten Dr. Christ‘schen Kinderhospital handelte es sich hier um eine jüdische Gründung mit interkonfessioneller Ausrichtung und ohne christlichen Missionsgedanken.

Die Namenspatronin: Clementine von Rothschild

Full of talent and grace – voller Begabung und Anmut: Mit diesen Attributen hat sich die jung verstorbene Autorin und Namenspatronin des Clementine Kinderhospitals, Clementine Henriette von Rothschild (1845–1865, vgl. Reschke 2011; s. auch: ISG FFM: H.15.15 Nr. 1865-487; S2 Nr. 19473), in das Familiengedächtnis der aus Frankfurt am Main stammenden berühmten europäischen Rothschild-Dynastie eingeschrieben. So lautet auch der Titel des Erinnerungsbuches, das Barbara Reschke, promovierte Ärztin und bis 2011 Vorstandsvorsitzende der Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘schen Stiftung, im Jahr 2000 zum 125jährigen Jubiläum der Klinik für die Stiftung herausgab; 2011 folgte eine erweiterte Auflage (Reschke 2011).

Zu Lebzeiten hätte Clementine von Rothschild möglicherweise selbst Zuflucht in einem Mädchenhospital gesucht, einer Einrichtung, die es damals noch gab. Seit ihrer Kindheit litt sie an einer nicht genauer bezeichneten, offenbar in Schüben verlaufenden Krankheit, die sie häufig in die Sitzhaltung zwang. So entfaltete sie ihre Talente im Schreiben, Zeichnen und Malen. Schon frühzeitig soll sie Solidarität mit anderen Leidenden und der unerlösten Menschheit insgesamt gezeigt und, den eigenen Tod vor Augen, Projekte der Zedaka geplant haben. Fundierten Unterricht erhielt Clementine durch einen hochangesehenen, zugleich in den religiösen Richtungsstreit innerhalb des Frankfurter Judentums involvierten Reformrabbiner, welchen Louise und Mayer Carl von Rothschild gleichwohl als Hauslehrer ihrer Töchter schätzten: Dr. Leopold Stein (1810–1882, vgl. Arnsberg 1983 Bd. 3: 488-492; Weyel 1995; Wikipedia: Leopold Stein (Rabbiner) [21.02.2024]). Für den profunden und vielseitigen Gelehrten zählten die gemeinsamen Lehr- und Lernstunden mit seiner Lieblingsschülerin Clementine nach eigenem Bekenntnis zu den „weihevollsten meines ganzen Berufslebens“ (Stein 1865: 4; s. auch ders. 1867). Dank Rabbiner Steins Förderung hinterließ Clementine sogar ein eigenes Werk, das sie mit 16 Jahren begann und fast vollenden konnte.

Deckblatt: Clementine von Rothschild: Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums. Frankfurt a.M. 1867, Online-Ausgabe 2008: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180010778003
Deckblatt: Clementine von Rothschild: Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums. Frankfurt a.M. 1867, Online-Ausgabe 2008: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180010778003

„Da kam mir ein kleines vergilbtes Büchlein in die Hände, das zutiefst erfüllt ist von Wissen um unsere Väterreligion und von heißester Liebe zu ihr“, schrieb 1934, unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verfolgung, Ella Seligmann (1867–1953) in ihrem Essay Ein vergessenes Buch. Briefe von Clementine von Rothschild (dies. 1934). Ella Seligmann war die Tochter des liberalen Frankfurter Rabbiners und späteren Hausseelsorgers Louise von Rothschilds, Dr. Rudolf Plaut (1843–1914), verheiratet mit dem liberalen Frankfurter Gemeinderabbiner Dr. Caesar Seligmann sowie führend in der Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith (Gut 1928; Seemann 2023: Kapitel 5). Hier fand sie Trost durch Clementines posthum von Leopold Stein herausgegebenen Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums, 1883 erneut gedruckt und seit 2008 über die Judaica-Sammlung der Universitätsbibliothek JCS Frankfurt a.M. online zugänglich (Rothschild C. 1867; s. auch Teilabdruck in Reschke 2011). In neun Briefe-Kapiteln, die sie als „Esther Izates“ an eine (fiktive?) christliche Freundin „Ellen“ schrieb, reflektierte Clementine von Rothschild ihre Erfahrungen und Eindrücke im Austausch mit gebildeten christlichen Familien, die sie nach den Festen, Gebräuchen und Gepflogenheiten des Judentums befragten. Orientierung gab ihr neben der behutsamen pädagogischen Anleitung durch ihre Mutter Louise und dem intensiven Lernstudium bei Rabbiner Stein das Beispiel der von ihr bewunderten englisch-jüdischen Schriftstellerin: Grace Aguilar, welche 1847 in Frankfurt am Main verstarb und auf dem dortigen älteren Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße beerdigt wurde (Jewish Women‘s Archive: https://jwa.org/encyclopedia/article/aguilar-grace; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Grace_Aguilar [21.02.2024]). Clementines Briefe, das theologische Werk einer hochbegabten Jugendlichen (s. auch Kratz-Ritter 2011), können als eine Selbstvergewisserung gelesen werden, vor allem aber als Versuch, im Dialog mit der christlichen Umgebung antisemitische Vorurteile auszuräumen, das Judentum zu verteidigen und über seine Grundlagen aufzuklären.

Grabdenkmal (rechts) für Clementine von Rothschild auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße, Fotografie von Carl Friedrich Mylius [1866] – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-302996
Grabdenkmal (rechts) für Clementine von Rothschild auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße, Fotografie von Carl Friedrich Mylius [1866] – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-302996

Das zehnte Briefe-Kapitel konnte Clementine nicht mehr beenden: Ihr Zustand verschlechterte sich, und sie erlag am 18. Oktober 1865 im Kurort Baden-Baden erst 20-jährig ihrem chronischen Leiden. Wie ihr Vorbild Grace Aguilar fand sie ihre letzte Ruhestätte auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße – direkt neben ihrer 1859 verstorbenen Tante Charlotte, Louises Schwester, welche uns bereits als „Baronin Charlotte Anselm von Rothschild“, Unterstützerin des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals, begegnet ist (Hövels u.a. 1995: 53). Die ,abgebrochene‘ Säule von Clementines Grabdenkmal symbolisiert im Judentum den vorzeitigen Tod Heranwachsender, die ihr Leben nicht vollenden konnten. Bei der Abfassung ihres Werks hatte die junge Autorin krankheitsbedingt pausieren müssen. Das neunte und letzte Briefe-Kapitel datiert auf den 17. Februar 1865, der zehnte Brief „über die Lehre von der Gerechtigkeit, als Grundlage der Liebe im Judenthum“ (vgl. Vorwort von Leopold Stein in Rothschild C. 1867: IX-X) blieb Fragment.

Viele Jahre später fand Clementine von Rothschilds sechstes Briefe-Kapitel Messiaslehre (Frankfurt a.M., 30. Januar 1862) Aufnahme in die von George Y. Kohler, Professor für neuzeitliche jüdische Religionsphilosophie und Direktor des Joseph-Carlebach-Instituts an der Bar-Ilan-Universität zu Ramat Gan (Israel), 2014 edierte Aufsatzsammlung Der jüdische Messianismus im Zeitalter der Emanzipation – als einzige weibliche sowie die jüngste Autorin neben bekannten Gelehrten wie Salomon Formstecher, Samuel Hirsch, Samuel Holdheim oder Hermann Cohen, dem Begründer der philosophischen ,Marburger Schule‘ (Kohler 2014: 51-63; s. auch Brocke/Jobst (Hg.) 2011 u. 2015). Zitiert sei abschließend aus ihrem dritten Brief Alleinseligmachender Glaube (Frankfurt a.M., 5. August 1861) – treffender lassen sich die sozialethisch-jüdischen Bausteine des ihren Namen tragenden interkonfessionellen Mädchenhospitals kaum beschreiben:

„Ja, liebe Ellen, meine und ganz Israel‘s feste Hoffnung ist, daß, wie einst auf Erden alle Menschen Eine Familie bilden sollen, wir einst auch im Himmel mit allen Guten und Edlen vor Gott vereinigt sein werden. In unserem Talmud [Sammlung der Gesetze und religiösen Überlieferungen des Judentums, B.S.] heißt es deßhalb: ,Die Frommen aus allen Nationen haben Antheil an der künftigen Welt!‘ – Das gerade macht uns das Judenthum so überaus werth, daß es alle Menschen so innig, so wahrhaft einig umfaßt, und Niemanden verdammt noch ausschließt, weder aus dem Bunde Gottes noch aus dem Bunde der Menschen, weder im Himmel noch auf Erden.“

(Rothschild C. 1867: 26f. [Schreibweise nach Original, Hervorhebungen im Original gesperrt])

Die Stifterin: Louise von Rothschild

Louise von Rothschild, ohne Jahr [ca. 1880] – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300216
Louise von Rothschild, ohne Jahr [ca. 1880] – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300216

Clementines Mutter Louise von Rothschild blieb stets eine ,Engländerin‘, die sich in Frankfurt am Main, zu dessen engagiertesten Stifterinnen sie gleichwohl gehörte, nie ganz heimisch fühlte. Geboren wurde sie 1820 in London als die jüngste Tochter des Bankiers Nathan Mayer Rothschild (Londoner Familienzweig); Clementines Großvater war der dritte Sohn des Gründerpaares der Dynastie, Gutle und Mayer Amschel Rothschild, und noch im Frankfurter Judenghetto geboren. Wegen ihres vielfältigen Einsatzes für die Frankfurter Wohlfahrt und Pflege hat Louise von Rothschild Eingang in Hubert Kollings Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte gefunden (ders. 2011; s. auch Dörken 2008; Hock 2020b; Livingstone 2022; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Louise_von_Rothschild [21.02.2024]).

Louise von Rothschild betätigte sich darüber hinaus als eine talentierte Malerin und Zeichnerin sowie ausgebildete Sängerin, doch galt ihre besondere Aufmerksamkeit der Erziehung und Bildung der sieben Töchter. Während Clementine (1845–1965), die Drittälteste, und die Carolinum-Gründerin Hannah Louise (1850–1892) unverheiratet blieben, heirateten ihre fünf Schwestern nach London und Paris. Nach dem Vorbild ihrer Mutter dort ebenfalls als Stifterinnen aktiv, hielten sie nach Louises Tod aber auch dem Frankfurter Stiftungswerk, wozu das Clementine-Mädchen-Spital gehörte, über viele Jahre finanziell die Treue – namentlich (Hock 2020b; s. auch Arnsberg 1983 Bd. 3: 388):
Adèle (Adele) „Addy“ Hannah Charlotte de Rothschild (1843–1922, vgl. Hock 2019);
Emma „Emmy“ Louise de Rothschild (1844–1935);
Laura Therese „Thesie“ de Rothschild (1847–1931);
Margaretha (später: Marguerite) „Margy“ Alexandrine de Gramont (1855–1905);
Bertha Clara (später: Berthe Claire) Berthier de Wagram (1862–1903).

Dass die ,Liberalen‘ entgegen orthodoxer Kritik keine Beliebigkeit an den Tag legten, sondern jüdische Frömmigkeit aus Reformperspektive praktizierten, zeigt sich auch bei Louise und Mayer Carl von Rothschild, welche bei aller interkonfessionellen Aufgeschlossenheit die Heiraten ihrer beiden jüngsten Töchter Marguerite und Berthe Claire mit Nichtjuden (katholischen Adligen) missbilligten. Hingegen setzten Adèle, Emma und Therese die Familientradition der Verwandtschaftsehen fort. Louise von Rothschild, selbst hochgebildet, erzog ihre sieben Töchter „zweisprachig und weltoffen“, sie durften „ihren vielfältigen Interessen und eigenen Vorlieben über das damals übliche Maß hinaus nachgehen“ (Hock 2020b). 1861 fungierte der Hausseelsorger des liberalen Rothschild-Zweigs, Rabbiner Leopold Stein, als Herausgeber der von ihm zuvor aus dem Englischen übertragenen Gedanken einer Mutter über biblische Texte. Reden an ihre Kinder (Rothschild L. 1861, 2. verm. Auflage 1885; s. auch Teilabdruck in Reschke 2011). Insbesondere in den Kapiteln Wohlthätigkeit und Nächstenliebe legt die Verfasserin Louise von Rothschild ihren Töchtern und dem Lesepublikum eindringlich die mit Menschenliebe verbundene jüdische Pflicht (Mitzwa) der materiell Begünstigten zum sozialen Ausgleich (Zedaka) ans Herz:

„Das Geld, welches uns so viele Bequemlichkeiten und Genüsse verschafft, ist sehr oft nicht durch unsere eigenen Anstrengungen, weder durch unser Talent noch durch unsern Fleiß, errungen worden. Gehört es demnach so ausschließlich uns? Sind wir befugt, es für uns allein zu behalten? Hat nicht der Arme ein Recht, daran Theil zu nehmen[?]“

(Rothschild L. 1861: 30 [Schreibweise nach Original, Hervorhebungen im Original gesperrt]; s. auch Reschke 2011: 65-71).

Was zerstrittene liberale und orthodoxe Richtungen im Judentum neben der religiösen und sozialethischen Überlieferung ebenfalls gemeinsam betraf – oder besser: traf – waren antisemitische Anfeindungen, die selbst nach der Shoah auch den heutigen Nachkommen der Rothschild-Dynastie nicht fremd sind. Bereits in den 1860er Jahren bewogen letztlich Unverständnis und Abwehr ihre Vorfahrin Clementine zur Niederschrift ihrer Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums, beschwor deren Mutter Louise voller Sorge Kaiser Wilhelm II. in einem Brief vom 29. März 1890, die Lage seiner „jüdischen Unterthanen in gnädige Erwägung ziehen und hierbei fremdem Vorurtheil und Uebelwollen keinen Einfluß gestatten zu wollen“ (zitiert nach Reschke 2011: 62 [Hervorhebungen im Original gesperrt]). Postwendend ließ der Kaiser antworten, dass alle Untertanen ungeachtet ihres Standes und religiösen Bekenntnisses unter seinem landesväterlichen „Wohlwollen“ und die jüdischen, sofern patriotisch, unter seinem Schutz stünden (vgl. ebd.: 63).

Louise von Rothschild verstarb am 12. Dezember 1894 in Frankfurt am Main und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße beerdigt (vgl. Zeitungsbericht in Reschke 2011: 63-64), wo bereits ihre Töchter Clementine und Hannah Louise ruhten. Die Grabrede hielt Dr. Rudolf Plaut (1843–1914, vgl. Hock 2021b), durch Louise von Rothschilds Empfehlung seit 1882 zweiter (liberaler) Rabbiner der Frankfurter Israelitischen Gemeinde an der Hauptsynagoge. Hier offenbart sich eine weitere persönliche Querverbindung, wirkte doch sein Sohn, der Dermatologe und SPD-Kommunalpolitiker Dr. med. Theodor Plaut (1874–1938), von 1923 bis 1933 als Administrator des Dr. Christ’schen Kinderhospitals und Entbindungshauses, bis ihn die Nationalsozialisten aus dem Amt vertrieben (Hövels u.a. 1995: 129-134; Hock 2021c); sein Name ist auf der Erinnerungstafel des Clementine Kinderhospitals eingraviert (Abbildung in Reschke 2011: 107). Kehren wir zurück zu seinem Vater Rabbiner Rudolf Plaut, welcher in seiner Gedächnis-Rede an Louise von Rothschilds Grab auch den Einsatz der Gründerin für ihr Clementine-Mädchen-Spital in bewegten Worten schilderte:

„In dem Kinderkrankenhause, welches sie zum Andenken an ein eigenes, frühvollendetes Kind errichtet hatte, waren die armen, kranken Kinder der Gegenstand ihrer rührendsten Fürsorge und Aufmerksamkeit. Da scheute die teilnahmsvolle und hingebungsvolle Frau selbst in den Jahren ihres Greisenalters keine Beschwerden und keine Unbilden des Wetters, um sich nach der fortschreitenden Genesung der kranken Kleinen selbst umzusehen und ihnen jede nur mögliche Hilfe und Erleichterung zu Teil werden zu lassen.“

(Plaut 1894: 5-6)

Die Erbinnen: Adèle de Rothschild und ihre Schwestern

Das Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110, Juni 1910 – Aus der Fotosammlung von Gottfried Vömel, ISG FFM: Bestand S7Vö Nr. 1750 (Digitalisat veröffentlicht in: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de
Das Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110, Juni 1910 – Aus der Fotosammlung von Gottfried Vömel, ISG FFM: Bestand S7Vö Nr. 1750 (Digitalisat veröffentlicht in: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de

„Dem Andenken des theuren Kindes/
widmete diese Staette/
zur Linderung von Leiden/
LOUISE VON ROTHSCHILD/
1875“

(Inschrift, zitiert nach Reschke 2011: 8)

Diese Inschrift findet sich unter einem Medaillon von Clementine von Rothschild, das aus dem 1943 zerstörten Gebäude des Kinderhospitals gerettet werden konnte – gemeinsam mit dem Medaillon, auf dem ihre Mutter Louise porträtiert ist (Reschke 2011: 6-7). Eröffnet wurde das Clementine-Mädchen-Spital am 15. November 1875 mit anfangs 18 Betten (16 Kranken- und zwei Reservebetten) – laut der Einweihungspredigt von Leopold Stein „im Hebräischen die Zahl des Lebens (,Chai‘)“ (Stein 1875: 4). Zuvor hatte Louise von Rothschild englische Fachleute zu Rate gezogen und sich am Vorbild eines „Pavillonsystems“ orientiert (Reschke 2011a: 26f.). Wie das orthodoxe Organ Der Israelit berichtet, trug das Spital

„die Aufschrift: ,Der Herr verwundet und verbindet,/ Er schlägt und seine Hände heilen.‘ […] Daß die Menschen-Freundlichkeit der Stifterin die Anstalt würdig und entsprechend ausrüsten werde, konnte man mit Sicherheit voraussetzen; aber selbst weitgehende Erwartungen sind übertroffen worden. Selbstverständlich ist allen Anforderungen der Heilkunde an Erwärmung, Ventilation und Desinfection nicht nur bezüglich der Kranken-Säle selbst, sondern des ganzen Hauses volle Rechnung getragen worden, und zwar nach dem Rath und selbst nach den Wünschen von den bedeutendsten Autoritäten der hygienischen Wissenschaften. Aber nicht nur allem Nothwendigen für die Pflege, auch dem Comfort der Leidenden ist überall Rücksicht geschenkt worden. […] Für die häusliche Verwaltung hat sich die Stifterin selbst die Ober-Aufsicht vorbehalten.“

(Clementine-Mädchen-Spital 1875 [Schreibweise nach Original])

Zugute kam das Spital bedürftigen Mädchen zwischen fünf und fünfzehn Jahren unabhängig von Stand, Religion sowie – anders als von Theobald Christ für sein Kinderhospital verfügt – der Ortsangehörigkeit; ob es für jüdische Patientinnen eine eigene koschere Versorgung gab, ist bislang ungeklärt. Für ihr Projekt hatte Louise von Rothschild die Stiftung ,Clementine Mädchenhospital‘ errichtet und ein 10.000 qm großes Grundstück an der Bornheimer Landwehr (Frankfurter Ostend) sowie 800.000 Goldmark zur Verfügung gestellt (Schiebler 1994a: 159). Eigens für die Klinik entstand inmitten einer Gartenlandschaft ein stattlicher Villenneubau (ISG FFM Bestand S8-1 Nr. 3272). Dass Louise von Rothschild bereits bei der Bauplanung finanzielle Großzügigkeit walten ließ, zeigt sich an der Wahl der ausführenden Architekten. Den Auftrag erteilte die Stiftung einem renommierten Erfolgsteam, das u.a. für das Frankfurter Diakonissenhaus und das Hotel ,Frankfurter Hof‘ verantwortlich zeichnete: Prof. Dr. h.c. Alfred Friedrich Bluntschli (1842–1930) aus Zürich und Carl Jonas Mylius (1839–1883) aus Frankfurt am Main (vgl. die Artikel von Sabine Hock und Reinhard Frost im Frankfurter Personenlexikon, Onlineausgabe: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1770 sowie https://frankfurter-personenlexikon.de/node/595 [21.02.2024]).

Adèle de Rothschild, um 1870, gemalt von Charles Louis Gratia – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Baronne_Salomon_de_Rotschild_-_Charles_Louis_Gratia.jpg
Adèle de Rothschild, um 1870, gemalt von Charles Louis Gratia – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Baronne_Salomon_de_Rotschild_-_Charles_Louis_Gratia.jpg

Die Erinnerung an das Clementine-Mädchen-Spital ist mit den Namen Clementine und Louise von Rothschilds verknüpft, doch verdanken sich Fortbestand, Entwicklung und Erfolg der stark frequentierten Klinik weiteren weiblichen Rothschilds: Nach Louise von Rothschilds Tod 1894 waren es ihre fünf noch lebenden Töchter mit Wohnsitz in London oder Paris, die sich für den letzten Willen ihrer Mutter engagierten und für die Stiftung mit Hilfe des Notars Dr. Eduard de Bary die Rechte einer juristischen Person beantragten; Kaiser Wilhelm II. erteilte die Genehmigung am 1. Februar 1896. Die Federführung lag in den Händen der Ältesten, Adèle de Rothschild (Hock 2019; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ad%C3%A8le_von_Rothschild [21.02.2024], unterstützt von ihren Schwestern Emma und Thérèse de Rothschild und möglicherweise mit Beteiligung der trotz nichtjüdischer Heiraten ebenfalls als Erbinnen eingesetzten jüngsten Schwestern Marguerite de Gramont und Berthe Claire de Wagram. Die zuverlässige Förderung – namentlich durch Adèle, Thérèse (beide Paris) und Emma de Rothschild (London) – ermöglichte den notwendigen weiteren Ausbau des Clementine-Mädchen-Spitals (s. auch ISG FFM: Bestand A.63.04 Nr. 362 u. Nr. 381). Hierüber informiert ein Bericht in der Frankfurter Zeitung vom 15. November 1899:

„Heute Vormittag wurde der Erweiterungsbau zu dem von Freifrau Karl [sic!] v. Rothschild [d.i. Louise von Rothschild, B.S.] als Andenken an ihre Tochter gestifteten Klementinen-Mädchenspital [sic!] am Bornheimer Landwehrweg eröffnet. […] Behandelt wurden bis jetzt in der Anstalt 2.313 Mädchen. Mehr als zwei Drittel davon wohnten in Frankfurt; die übrigen in der Umgegend; die Aufnahme erfolgt ohne Unterschied der Ortsangehörigkeit. Im Jahr 1895 wurden die früheren Bedingungen, nach denen nur Mädchen im Alter von 5 bis 15 [Jahren] Aufnahme finden sollten, dahin geändert, daß nunmehr das Alter auf 2 bis 15 Jahre festgesetzt wurde im Hinblick auf die große Zahl der Hilfesuchenden unter fünf Jahren. Zu einem Erweiterungs- und Umbau entschloß sich der Vorstand […] aus der Erwägung, daß es seit Jahren stets ganz belegt war und Aufnahmegesuche wegen Platzmangels oft abgelehnt werden mußten, sowie ferner aus dem Grunde, weil mancherlei Einrichtungen nicht mehr den Anforderungen der Jetztzeit entsprachen. Die Mittel waren durch Verkauf eines größeren Stückes der zu der Anstalt gehörigen Ländereien, die kaum einen Ertrag lieferten, vorhanden. […] die Arbeiten begannen im Juni 1898 und wurden Ende Oktober 1899 beendet. Die Form und Größe der neuen Säle entspricht genau denen des alten Hauses, sie haben bis 10 Meter Länge, 6 Meter Breite und 3,70 Meter Höhe und Raum für 8 bis 10 Betten. […] Freifrau James v. Rothschild hat für das Vestibül [repräsentative Eingangshalle, B.S.] die Marmorbüste der Gründerin gestiftet, die folgende Widmung trägt:
Luise [sic!] von Rothschild.
Helfend für Arme und Kranke zu sorgen, war im Leben ihr Ziel, ihre Freude,/
Ueber das Grab hinaus bleibt ihr Werk des liebevollen Sinnes dauerndes Denkmal.“

(Clementine-Mädchen-Spital 1899 [Hervorhebungen im Original gesperrt])

Ausführender Architekt war Friedrich Sander (1869–1939), welcher Aufnahme in die Edition Akteure des Neuen Frankfurt gefunden hat (Quiring 2016). Mit „Freifrau James v. Rothschild“ ist Adèle de Rothschild, seit 1862 verheiratet mit ihrem Pariser Großcousin Salomon James de Rothschild, gemeint. Nur zwei Jahre später verwitwet, hat sie mit ihrer kleinen Tochter Hélène des Öfteren ihre Familie in Frankfurt besucht. In Paris soll sie einen luxuriösen Lebensstil gepflegt haben, engagierte sich aber zugleich in der Zedaka sowie für Kunst und Bildung; tatkräftig stand sie dem Frankfurter Stiftungswerk ihrer Mutter und ihrer Schwester Hannah-Louise zur Seite. 1887 schenkte sie dem Frankfurter Städel Tischbeins berühmtes Gemälde Goethe in der Campagna di Roma. Das Clementine-Mädchen-Spital förderte Adèle de Rothschild zusammen mit ihren Schwestern

„lange (bis zur Hyperinflation zu Beginn der 1920er Jahre) mit hohen Spenden, angeblich im Gesamtbetrag von 750.000 Goldmark. Oft bedachte Adèle de R. weitere Stiftungen und Vereine ihrer Vaterstadt mit größeren Zuwendungen. In Paris setzte sie, ebenfalls zusammen mit ihrer Schwester Thérèse, das wohltätige Wirken ihrer Schwiegermutter Betty de R.[othschild] fort.“

(Hock 2019)

Als das letzte Förderjahr nennt Gerhard Schiebler (ders. 1994: 159) das Jahr 1921 – Adèle de Rothschild ist am 11. März 1922 in Paris verstorben. Ihre Tochter Hélène hatte sie wegen deren Heirat (1887) mit einem nichtjüdischen Adligen enterbt, weshalb ihr Nachlass an den Staat und weitere Institutionen in Frankreich überging. Vermutlich bemühten sich Adèles Schwestern Emma und Thérèse um die weitere Förderung, doch kam es 1928 inflationsbedingt zur Übergabe des Clementine-Mädchen-Spitals an den Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz (seit 1935: Krankenhaus Maingau vom Roten Kreuz), verbunden mit der Namensänderung in ,Clementine Kinderhospital‘. Fortan wurden Kinder beiderlei Geschlechts behandelt – nicht mehr kostenfrei, sondern gegen die Entrichtung eines Pflegegelds; ein Freibett sollte an die Stifterin Louise von Rothschild erinnern. Der nationalsozialistische Machtantritt markierte zugleich das Ende des interkonfessionellen Anliegens des Clementine Kinderhospitals: Das Andenken an die jüdischen Stifterinnen wurde ausgelöscht, als ,nichtarisch‘ klassifizierten Kindern im Sog der ,Nürnberger Rassengesetze‘ (1935) die Aufnahme verweigert. Bereits 1934 war Professor Paul Grosser, der hochangesehene Chefarzt und Direktor des Clementine Kinderhospitals, von den Nationalsozialisten vertrieben, im französischen Exil einem Herzinfarkt erlegen (Hoevels u.a. 1995: 120-128; Hock 2021d).

Hüter/innen des Hauses: Familie de Bary, Großherzogin Luise und der Badische Frauenverein

Als den ersten Chefarzt und Leiter der Administration des Clementine-Mädchen-Spitals berief Louise von Rothschild 1875 den Hausarzt der Familie Rothschild: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Johann Jakob de Bary (1840–1915, vgl. Hock 1986a), welcher sich auch als Kommunalpolitiker (von 1883 bis 1912 Stadtverordneter für die Fortschrittspartei) einen Namen machte. Über Generationen waren die de Barys mit dem liberalen Zweig der Frankfurter Rothschilds und seinen Sozial- und Pflegeprojekten, insbesondere dem Clementine-Mädchen-Spital und der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum, eng verbunden. So unterstützte Luise (Louise Caroline) de Bary (1875–1964), die langjährige Oberin des Carolinum, ihren Vater Jakob de Bary im Clementine-Mädchen-Spital (Windecker 1990: 170 mit Abb.: https://www.uni-frankfurt.de/71289964/Stiftung_Carolinum.pdf [21.02.2024]). Die Familie de Bary war nichtjüdisch und konnte somit beide Institutionen durch die NS-Zeit retten. Ihre Vorfahren waren nach bisheriger Kenntnis im 17. Jahrhundert als calvinistische Glaubensflüchtlinge aus dem belgischen Teil der damaligen „Spanischen Niederlande“ nach Frankfurt am Main zugewandert und dort zu Wohlstand und Ansehen gelangt (Hock 1986c); als ,Reformierte‘ gehörten sie innerhalb des in Frankfurt lutheranisch dominierten Protestantismus zu einer Minderheit. Dem Chefarzt Dr. Jakob de Bary verdanken wir detaillierte Berichte zur Ausstattung und Inneneinrichtung des Clementine-Mädchen-Spitals (z.B. Bary J. 1899; s. auch Schembs 1978: 134) wie auch zum Kranken- und Pflegestand: So versorgte die Mädchenklinik im Jahr 1887 trotz Unterbrechungen durch Renovierungsarbeiten 82 Patientinnen, wobei der kürzeste Aufenthalt 6 Tage, der längste 286 Tage betrug. Am häufigsten wurden Bewegungsorgane (Muskeln, Gelenke, Knochen) behandelt, gefolgt von Atemwegserkrankungen wie Bronchitis (Bary J. 1888: 169-171).

Clementine-Mädchen-Spital: Maßzeichnung eines Betttischchens mit Schrank für Nachttopf (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, März 1877) – Nachweis: Jakob de Bary: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M. 1899 (s. auch Barbara Reschke: Full of talent and grace, Frankfurt a.M. 2011: 101)
Clementine-Mädchen-Spital: Maßzeichnung eines Betttischchens mit Schrank für Nachttopf (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, März 1877) – Nachweis: Jakob de Bary: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M. 1899 (s. auch Barbara Reschke: Full of talent and grace, Frankfurt a.M. 2011: 101)

Den väterlichen Fußstapfen folgte von 1912 bis 1928 als Chefarzt der gleichfalls angesehene, gut vernetzte Mediziner und Kommunalpolitiker (1924–1933 Stadtverordneter für die Deutsche Volkspartei) Dr. med. Dr. med. dent. h.c. August Georg Ludwig de Bary (1874–1954), seit 1902 praktischer Arzt am Clementine-Mädchen-Spital (Hock 1986b; s. auch ISG FFM Bestand S2 Nr. 594). Von 1915 bis 1953 trat er im Vorstand des Carolinum ebenfalls die Nachfolge seines Vaters an (seit 1944 als Vorsitzender). Von 1933 bis 1953 fungierte er als Betriebsleiter des Bürgerhospitals. Von seinen zahlreichen Ämtern und Leitungsfunktionen sei aus der Sicht der Pflege noch die Vorstandstätigkeit für das Frankfurter Diakonissenhaus sowie den Vaterländischen Frauenverein erwähnt; für letzteren war er von 1904 bis 1921 als Hausarzt und Schwesternlehrer tätig.

August de Bary, Gemälde (Öl auf Leinwand) von Rudolf Gudden, 1929 – Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bary_August_de.jpg
August de Bary, Gemälde (Öl auf Leinwand) von Rudolf Gudden, 1929 – Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bary_August_de.jpg

Sein komplexes Handeln unter den Bedingungen der NS-Zeit bleibt auch im Hinblick auf die Rothschild-Stiftungen noch eingehender zu untersuchen. In der Nachkriegszeit wirkte August de Bary von 1948 bis 1952 als ehrenamtlicher Stadtrat; 1953 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. 1954 wurde er Ehrensenator der Frankfurter Universität und zudem für seine vielfältigen Verdienste um die Stadt Träger der Goethe-Plakette. Noch im gleichen Jahr ist er verstorben.

Die Schirmherrin Großherzogin Luise von Baden, 1880 – Nachweis: Hoffotograf: Wilhelm Kuntzemüller (1845–1918), Baden-Baden. Reproduktion: Günter Josef Radig, Stadtwiki Karlsruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Gro%C3%9Fherzogin_Luise_1880.JPG
Die Schirmherrin Großherzogin Luise von Baden, 1880 – Nachweis: Hoffotograf: Wilhelm Kuntzemüller (1845–1918), Baden-Baden. Reproduktion: Günter Josef Radig, Stadtwiki Karlsruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Gro%C3%9Fherzogin_Luise_1880.JPG

Wie das Dr. Christ‘sche Kinderhospital hat auch das Clementine-Mädchen-Spital neben seiner noch weiter zu recherchierenden Medizingeschichte eine nicht minder beeindruckende Pflegegeschichte vorzuweisen, interkonfessionell geprägt wie das Spital selbst. Konnte doch die Gründerin Louise von Rothschild die Großherzogin von Baden als „Protektorin“ (Schirmherrin) und den von ihr errichteten Badischen Frauenverein als Organisator der Pflege des immerhin außerhalb Badens gelegenen Frankfurter Mädchenkrankenhauses gewinnen. So heißt es in dem Bricht über die Eröffnung des Erweiterungsbaus im November 1899: „Die Protektorin der Anstalt, die Großherzogin von Baden, sei leider verhindert, der Feier beizuwohnen […]. Frau Bürgermeister Lauter – Karlsruhe überbrachte Grüße der Großherzogin von Baden sowie des badischen Frauenvereins, dessen Schwestern die Leitung und Pflege in der Anstalt obliegt“ (Clementine-Mädchen-Spital 1899 [Hervorhebungen im Original gesperrt]).

Großherzogin Luise von Baden (1838–1923), eine geborene Prinzessin von Preußen, war die Tochter des Deutschen Kaisers Wilhelm I. (einführend Wikipedia: Luise von Preußen (1838–1923) [21.02.2024]). Louise von Rothschilds sozialethischer Gesinnung stand die fürstliche „Menschenfreundin“ (zit. n. Hindenlang 1925) mit ihrem Einsatz für Wohlfahrt, Krankenpflege und Frauenrechte recht nahe. Bereits als Neunzehnjährige legte sie die Grundlagen für die Errichtung (1859) des traditionsreichen Badischen Frauenvereins (Schraut 2012; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Badischer_Frauenverein [21.02.2024]), der eine hohe Mitgliederzahl erreichte und innovative Einrichtungen der Pflege schuf (Badische Schwestern: https://drk-badische-schwesternschaft.de/ueber-uns/geschichte [21.02.2024]). Verbindung zu der Großherzogin und dem Frauenverein fand Louise von Rothschild möglicherweise über die Lazarettpflege während des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71): Mit der ihr eigenen Tatkraft hatte sie in der Frankfurter Hafenstraße für verwundete Soldaten ein privates Lazarett mit 30 Betten organisiert, „das sie und ihre Töchter täglich besuchten“ (Hock 2020b). Für ihre Verdienste um die Kranken- und Verwundetenpflege wurde Louise von Rothschild mit dem höchsten ,Damenorden‘ des Königreiches Preußen, dem Königlich Preußischen Louisenorden, ausgezeichnet – verliehen von Kaiserin Augusta, der Mutter Luise von Badens. Auch Louises Tochter Adèle de Rothschild wird als Trägerin des Louisenordens genannt (vgl. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Tr%C3%A4gerin_des_Louisenordens [21.02.2024]).

Bei der im Bericht über die Erweiterung des Clementine-Mädchen-Spitals erwähnten „Frau Bürgermeister Lauter“ – sie übermittelte bei der Frankfurter Eröffnungsfeier die Grüße der Großherzogin Luise – handelt es sich um Anna Lauter (1847–1926, einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Lauter [21.02.2024]). Die Witwe des früheren Karlsruher Oberbürgermeisters Wilhelm Lauter war von 1899 bis zu ihrem Tod 1926 Präsidentin der u.a. für die Ausbildung des Pflegepersonals zuständigen „Abteilung III“ des Badischen Frauenvereins vom Roten Kreuz (Badische Schwesternschaft: Festschrift 1960: 8).

Erinnerungstafel am Gebäude des Badischen Frauenverein in Karlsruhe, Mathystraße 28 – Fotografin: Ah (Anke Hüper, Karlsruhe), 15.10.2005, Stadtwiki Karlruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Badischer_Frauenverein.jpg [Creative Commons-Lizenz / letzter Aufruf: 21.02.2024]
Erinnerungstafel am Gebäude des Badischen Frauenverein in Karlsruhe, Mathystraße 28 – Fotografin: Ah (Anke Hüper, Karlsruhe), 15.10.2005, Stadtwiki Karlruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Badischer_Frauenverein.jpg [Creative Commons-Lizenz / letzter Aufruf: 21.02.2024]

Die spannende Geschichte der bis heute aktiven Badischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz – Luisenschwestern – e.V. zu Karlsruhe, der ältesten Rotkreuzinstitution in Deutschland, ist auf der mit Dokumenten und Abbildungen angereicherten Internetseite https://drk-badische-schwesternschaft.de [21.02.2024] nachzulesen. Hier seien noch einige Hinweise, etwa zur interkonfessionellen Ausrichtung, gegeben: So gehörte zum ersten Komitee des ursprünglichen Trägers der Schwesternschaft, dem Badischen Frauenverein, mit Ida Weill geb. Henle (1833–1915) auch eine jüdische Karlsruherin (Badische Schwesternschaft: Statuten des Badischen Frauenvereins vom 06.06.1859). Bereits „1860 wurden Ordensschwestern des Vinzentiushauses und Diakonissen der Diakonissenanstalt in Karlsruhe die ersten praktischen Lehrmeisterinnen der so genannten Lehrwärterinnen“ (zit. n. Badische Schwesternschaft: Festschrift 2009: 2). Im Kontext der voranschreitenden Professionalisierung der Pflege ermöglichte seit 1894 eine so genannte „Sonderausbildung“ den Badischen Schwestern die Weiterqualifikation zur Hebamme oder zur Säuglings- und Kinderkrankenpflegerin (ebd.: 11) – Kenntnisse, die vermutlich auch dem Clementine-Mädchen-Spital zugutekamen. Dessen „Oberin war im Jahre 1883 E. Lölling“ (Schiebler 1994: 159). Hier könnte die weitere biografische Spurensuche einsetzen.

Obgleich von den nachhaltigen Folgen der Shoah unmittelbar betroffen, erbaute die Rothschild‘sche Stiftung, nach der nationalsozialistischen Zwangsenteignung wieder in ihre Rechte eingesetzt, im Jahr 1954 gemeinsam mit der Christ‘schen Stiftung ein neues Kinderkrankenhaus. Die fortgesetzte Tradition der interkonfessionellen Zusammenarbeit mündete 1974 in eine gemeinsame Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘sche Stiftung, die bis 2008 bestand. 2009 fusionierte sie mit der Stiftung ,Bürgerhospital Frankfurt am Main e.V.‘ unter dem Dach des ,Verein Frankfurter Stiftungskrankenhäuser e.V.‘ – seit 2014 die gemeinnützige Gesellschaft ‚Bürgerhospital und Clementine Kinderhospital gGmbH‘. Die beiden so eng verschwisterten Krankenhäuser haben ihre Eigenständigkeit und ihr Geschichtsbewusstsein bewahrt; eine geplante räumliche Nachbarschaft kam aus finanziellen Gründen nicht zustande (Micksch 2023). Wie eingangs erwähnt, ist die Historie des Bürgerhospitals (Bauer 2004; einführend https://www.buergerhospital-ffm.de/das-buergerhospital/geschichte; s. auch Trautsch 2020 [21.02.2024]) mit dem Namen eines weiteren großen Frankfurters verbunden: dem Gründer Dr. Johann Christian Senckenberg (1707–1772), Arzt, Naturforscher, Mäzen und ein Reformer des Frankfurter Gesundheitswesens (Dr. Senckenbergische Stiftung: https://www.senckenbergische-stiftung.de [21.02.2024]). Der dreifache Witwer hatte keine Erben: Seine Tochter und sein Sohn waren bereits im Kleinkindalter verstorben – an einer Hirnhautentzündung und an Tuberkulose.

Birgit Seemann, Februar 2024

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (siehe auch Bestandsdaten bei Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de)
• Bestand A.63.04 Nr. 362: Bornheimer Landwehrstraße 60 [sic!], Bau des Clementinen-Kinderhospitals für Baronin M.[ayer] C.[arl, d.i. Louise] von Rothschild, eigentlich: Clementinen Mädchenhospital, spätere An- und Umbauten, mit Plänen (Laufzeit: 1873–1909)
• Bestand A.63.04 Nr. 381: Bornheimer Landwehr 60 (110), Clementine-Kinderhospital, bauliche Veränderungen, Bd. 2, mit Plänen (Laufzeit: 1912–1939)
• Bestand H.15.15 Nr. 1865-487: Rothschild, Clementine Henriette von (Sachakte, Nachlass)
• Bestand S2 Nr. 594: Bary, August de (Fallakte)
• Bestand S2 Nr. 19473: Rothschild, Clementine von (Fallakte)
• Bestand S6a Nr. 411: Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M. (gedr. Ms.)
• Bestand S8-1 Nr. 3272: Betreffend den Neubau eines Kinderhospitals für Frau Baronin M[ayer] C[arl, d.i. Louise] v. Rothschild. [Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110 im Ostend]. – Beschreibung: 1. Grdr. Souterrain, 2. Grdr. EG, 3. Grdr. 1.OG, 4. Westfacade, 5. Nordfacade, Südfacade, 6. Längenschnitt, 7. Querschnitte. – Urheber: Mylius [Carl Jonas] und Bluntschli [Alfred Friedrich]: Architekten
• Bestand V165: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘sche Stiftung

Digitalisierte Sammlungen

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all
• Judaica Ffm, Compact Memory, digitalisierte Periodika: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/title

Periodika

FAZ: Frankfurter Allgemeine Zeitung
FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt, digitalisiert: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Compact Memory
FZ: Frankfurter Zeitung
It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum, digitalisiert: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Compact Memory

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Bary, Jakob de 1888: Clementine-Mädchen-Spital. In: Medicinalwesen Jahresbericht 1888: 169-171

Bary, Jakob de 1899: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M.

Bauer, Thomas 2004: Mit offenen Armen. Die Geschichte des Frankfurter Bürgerhospitals. Hg. v. Bürgerhospital Frankfurt am Main e.V. Frankfurt a.M.

Brocke, Michael/ Jobst, Paul (Hg.) 2011: Gotteserkenntnis und Menschenbild. Schriften zur jüdischen Sozialethik. Köln [u.a.]

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Clementine-Mädchen-Spital 1899: Klementinen-Mädchenspital [sic!]. [Bericht zur Eröffnung des Erweiterungsbaus, o.Verf.]. In: Frankfurter Zeitung, 15.11.1899, online: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Rothschild-Sammlung 1899, Teil 2, S. 291, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/rothschild/content/titleinfo/4306441

Dörken, Edith 2008: Berühmte Frankfurter Frauen. Frankfurt a.M.

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Hock, Sabine 2020d: Glöckler, Alexander. Stand 08.12.2020, Frankfurter Personenlexikon, https://frankfurter-personenlexikon.de/node/8729

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Stein, Leopold 1867: „Memento!“ Denkmal der Liebe in Liedern, geweiht dem Andenken einer schönen Seele. Zur Erinnerung an meine verewigte, in ihrem 20. Lebensjahre verstorbene unvergeßliche Schülerin Clementine v. Rothschild. Sie ruhe in Frieden. Mainz, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-302238

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Trautsch, Matthias 2020: Christ’sches Kinderhospital: Sänger, Geburtshelfer, Wohltäter. [Theobald Christ]. Stand: 16.07.2020. In: FAZ.NET, https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/vor-175-jahren-eroeffnete-in-frankfurt-das-christ-sche-kinderhospital-16862656.html

Weyel, Birgit 1995: Stein, Leopold. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96). Stand: 02.08.1995. In: Frankfurter Personenlexikon, https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1317

Windecker, Dieter 1990: 100 Jahre Freiherr-Carl-von-Rothschild‘sche Stiftung Carolinum. Die Geschichte der Stiftung und die Entwicklung der Zahnklinik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main. Berlin, online zugänglich: https://www.uni-frankfurt.de/71289964/Stiftung_Carolinum.pdf

Wolf, Benny 1912: Die Speisegesetze. Vom Herausgeber. Erster Teil. Cöln 5672 [1912]: Verlag der Bibliothek des Jüdischen Volksfreundes = Bibliothek des Jüdischen Volksfreundes. Hg. v. Rabb.[iner] Dr. Wolf, Cöln, Nr. 4, Der denkende Jude Teil III. – Online-Ausg. 2008: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180013868040

Digitale Quellen, Online-Datenbanken und Links (zuletzt aufgerufen am 21.02.2024)

Arcinsys Hessen: Archivinformationssystem Hessen: https://arcinsys.hessen.de

BHR: BHR Biographisches Portal der Rabbiner. Hg.: Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen: http://www.steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/bhr [derzeit online nicht zugänglich, Stand: 21.02.2024)

Bürgerhospital Ffm: Bürgerhospital Frankfurt am Main: https://www.buergerhospital-ffm.de/das-buergerhospital/geschichte

CKH Stiftung: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ’sche Stiftung: https://www.ckh-stiftung.de

CKH Stiftung Wikipedia: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ’sche Stiftung, Wikipedia, Stand 19.11.2021, https://de.wikipedia.org/wiki/Clementine_Kinderhospital_Dr._Christ%E2%80%99sche_Stiftung

Clementine Kinderhospital Ffm: Clementine Kinderhospital Frankfurt am Main: https://www.clementine-kinderhospital.de

Clementine Kinderhospital Geschichte: Clementine Kinderhospital: Zwei Stiftungen, eine Vision: Kindgerechte Heilkunst in Frankfurt: https://www.clementine-kinderhospital.de/das-clementine/geschichte

Clementine Kinderhospital Wikipedia: Clementine Kinderhospital: https://de.wikipedia.org/wiki/Clementine_Kinderhospital

DGKJ Datenbank: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945. Hg.: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), Berlin. Red.: Vera Seehausen, Online-Datenbank: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945

Dr. Senckenbergische Stiftung, Frankfurt am Main: https://www.senckenbergische-stiftung.de
Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), https://frankfurter-personenlexikon.de

ISG FFM NS: Frankfurt am Main 1933–1945. Hg.: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, https://www.frankfurt1933-1945.de

The Rothschild Archive, London: https://www.rothschildarchive.org

Wikipedia: Kinderkrankenpflege: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderkrankenpflege – Säuglingspflege: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4uglingspflege

Abbildung: Das Innere der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main in der Schützenstraße, o.J. [um 1888] – Nachweis: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. Frankfurt a.M. 1889, unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299

„Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft“: Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (1886–1941), ein Pflegeprojekt der Israelitischen Religionsgesellschaft (Neo-Orthodoxie)

Ein Beitrag von Birgit Seemann, November 2022

Einführung

„Das israelitische Kinderhospital wurde im Jahre 1886 von Freifrau Mathilde von Rothschild im Hause Röderbergweg 109 zur unentgeltlichen Aufnahme kranker, mittelloser israelitischer Kinder von 4 bis 12 Jahren gegründet. Es enthält in zwei Stockwerken vier Zimmer mit zusammen 12 Betten, darüber ein Operationszimmer, einen Tageraum, ein Wartezimmer sowie einen großen Garten. Die Zahl der 1912 im Kinderhospital behandelten kranken Kinder war 85.“

(Hanauer 1914: 51f. [Hervorhebungen im Original gesperrt])

Diese Information zu dem Mathilde von Rothschild´schen Kinderhospital, einem heute weitgehend ,vergessenen‘ Frankfurter jüdischen Kinderkrankenhaus, verdanken wir dem Beitrag Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main (Hanauer 1914: 51f.), abgedruckt in der Festschrift zur Einweihung des Krankenhauses der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (Gagernstraße 36). Verfasst hat ihn der angesehene Frankfurter praktische Arzt, Kinderarzt, Sozialmediziner und Kommunalpolitiker Prof. Dr. Wilhelm Hanauer (1866 – 1940 Bendorf-Sayn: NS-,Euthanasie‘-Zwischenanstalt, zuvor Israelitische Heil- und Pflegeanstalt).

Abbildung: Das Innere der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main in der Schützenstraße, o.J. [um 1888] – Nachweis: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. Frankfurt a.M. 1889, unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299
Abbildung: Das Innere der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main in der Schützenstraße, o.J. [um 1888] – Nachweis: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. Frankfurt a.M. 1889, unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299

Die erstmalige Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main betrifft diesmal ein Langzeitprojekt der Neo-Orthodoxie: das durch Mathilde Freifrau von Rothschild (1832–1924) im Jahr 1886 errichtete, nach ihr benannte und bis zur NS-Zwangsauflösung 1941 bestehende Rothschild‘sche Kinderhospital. Sein Standort war der damalige Röderbergweg 109 (heute: Habsburgerallee 112): Anders als das liberal-jüdisch ausgerichtete Krankenhaus der Israelitischen Muttergemeinde oder das interkonfessionelle Clementine-Mädchen-Spital, das in einem weiteren Beitrag vorgestellt wird (Seemann 2022b), war das Rothschild‘sche Kinderhospital Teil des Wohlfahrts- und Pflegenetzwerkes der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) – ein „Jewish Space“ auf dem Frankfurter Röderberg (vgl. Seemann 2016; Bönisch 2019; siehe auch Schiebler 1994: 165-166). Die Austrittsgemeinde IRG verfügte über eine eigene prächtige Synagoge in der Schützenstraße (Innenstadt). Dort betete auch das Stifterehepaar Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild (1828–1901), bis der fromme „Baron Willy“, wie er genannt wurde, mit einer Großspende den Bau einer größeren Synagoge in der Friedberger Anlage im orthodox-jüdischen geprägten Ostend anstieß (vgl. Initiative 9. November 2010; Alemannia Judaica Ffm IRG); deren feierliche Einweihung 1907 konnte er selbst nicht mehr erleben.

Das Rothschild‘sche Kinderhospital erhob sich benachbart zu dem von Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild im Gedenken an ihre älteste Tochter Georgine Sara (1851–1869) bereits 1870 errichteten Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (fünfteilige Artikelserie). Das Kinderhospital, von welchem uns bislang leider keine Abbildungen vorliegen, pflegte und ernährte bedürftige jüdische (und auf Wunsch gewiss auch nichtjüdische) Mädchen und Jungen. Zu Anfang fanden zwölf, später pro Jahr bis zu 100 und 1932 sogar 140 kranke Kinder und Jugendliche eine unentgeltliche stationäre Aufnahme. Gleich ihrer Tante und Schwägerin Louise von Rothschild (1820–1894) galt auch Mathilde von Rothschilds besondere Fürsorge den kranken Mädchen.

„(…) dem alten gesetzestreuen Judenthum, das man das orthodoxe nennt“ – Samson Raphael Hirsch, Mitbegründer der deutsch-jüdischen Neo-Orthodoxie, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft (Austrittsgemeinde) in Frankfurt am Main

Abbildung: Zeichnung (Porträt) von Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main, ohne Jahr – Nachweis: Titelbild (Ausschnitt): Adolf Blumenthal: Die geschichtliche Bedeutung von Samson Raphael Hirsch für das Judenthum. [Vortrag]. Frankfurt a.M. 1889, Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-140979
Abbildung: Zeichnung (Porträt) von Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main, ohne Jahr – Nachweis: Titelbild (Ausschnitt): Adolf Blumenthal: Die geschichtliche Bedeutung von Samson Raphael Hirsch für das Judenthum. [Vortrag]. Frankfurt a.M. 1889, Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-140979

„Das jüdische Herz, wie man es nennt, wir sagen: das jüdische Pflichtgefühl, die Mizwagesinnung[,] wird überall und zu jeder Zeit Gemüther und Hände für alles Humane und Menschenbeglückende öffnen und einen, und das Religiöse, wo es vorhanden ist, wo es eine Wahrheit des Denkens und Wollens ist, da wird es sich gerade unter dem Strahle der Freiheit zu den opferfreudigsten Vereinigungen und zu den blüthenreichsten Gestaltungen hinausleben. Und wo es nicht vorhanden, wo es keine Wahrheit ist, wo es nur als gefärbte Luxusblume hervorgezwungen, hervorgekünstelt werden soll, um ein Scheindasein zu fristen, da, spricht der Genius der Menschheit, mag‘s verkümmern, es ist doch kein Segen daran.“

(Hirsch S.R. 1876: 14)

Mit diesen eindringlichen Worten, abgedruckt in seiner Erklärungsschrift Der Austritt aus der Gemeinde (Hirsch, S.R. 1876: 14), begegnete Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) der drängenden Sorge im Frankfurter Judentum, dass durch die Trennung der Israelitischen Religionsgesellschaft von der liberalen Israelitischen Gemeinde neben den Gemeinde-, Familien- und Geschäftsbeziehungen womöglich auch die Wohlfahrt Schaden nähme. Rabbiner Hirschs Hinweis galt der Zedaka, der alle jüdischen Richtungen verbindenden Verpflichtung (Mitzwa) zu sozialer Gerechtigkeit. Die Loslösung von der Muttergemeinde ermöglichte das 1876 in Preußen erlassene ,Austrittsgesetz‘: Fortan konnten deutsche Juden aus der Synagogengemeinde ihres Wohnortes auszutreten, ohne zugleich die jüdische Religionsgemeinschaft zu verlassen. Doch wie kam es überhaupt zu diesem radikalen Schritt?

Aus der jüdischen Aufklärung (Haskala) und dem Kampf um staatsbürgerliche Gleichstellung war eine liberale Reformbewegung hervorgegangen. Sie sah den Fortbestand der von Antisemitismus, interkonfessionellen Ehen und Konversionen betroffenen jüdischen Minderheit durch die Integration in die nichtjüdisch-christliche deutsche Mehrheitsgesellschaft gesichert. Das von Antisemiten als rückständig geschmähte Judentum sollte dabei keineswegs preisgegeben werden, sondern sich als modernisierte Religion neben der christlichen behaupten. Dagegen formierte sich eine traditionsbewusste Opposition, die Reformen wie die Verkürzung der Liturgie in den jüdischen Gottesdiensten, die Einführung der Orgel, Gebete und Gesang in deutscher Sprache oder gar Pläne hinsichtlich einer Verlegung des Schabbat auf den Sonntag zutiefst missbilligte. Als führender Vertreter der oppositionellen so genannten Neo-Orthodoxie wollte Rabbiner Samson Raphael Hirsch

„das orthodoxe Judentum im Zeitalter der Emanzipation neu beleben und trat für die Synthese von Gotteslehre, religiöser Praxis und moderner, deutscher Bildung ein, auf hebräisch ,Thora im Derech Erez‘. Die Vereinbarkeit von absoluter Thoratreue, Frömmigkeit und säkularer Bildung, war die Grundlage seines Denkens und Handelns.“

(Zitiert nach: JM Ffm Infobank Judengasse: https://www.judengasse.de/dhtml/P134.htm [03.11.2022]; siehe auch Arnsberg 1983 Bd. 3: 199-202; Tasch 2011; Selig 2014; Morgenstern 2021).

Rabbiner Hirsch war kein rückwärtsgewandter Fundamentalist, sondern ebenso wie seine liberal-reformerischen Gegner an der Mitgestaltung der Moderne interessiert – jedoch ausdrücklich auf der Grundfeste der Überlieferung, „dem alten gesetzestreuen Judenthum, das man das orthodoxe nennt“ (Hirsch S.R.1876: 3). Als eine transformative und diskursive Religion hat das Judentum von jeher neue gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert und adaptiert. So bewegte sich Rabbiner Hirsch ganz in der jüdischen Tradition, als er sie für säkulare Bildung und bürgerliche Kultur öffnete. Eine Akkulturation an die nichtjüdisch-christliche Mehrheitsgesellschaft kam für die jüdische Neo-Orthodoxie jedoch einer Selbstauflösung gleich, strebte sie doch danach, „die Einflüsse der Umwelt im Dienste der Thora zu integrieren“ (Heuberger/ Krohn 1988: 75; siehe auch Morgenstern 1995 u. 2010; Liberles 1997).

Die von alteingesessenen jüdischen Familien getragene Israelitische Religionsgesellschaft (Kehilat Jeschurun = Gemeinde Israels) hatte sich bereits 1851 konstituiert. Mit Samson Raphael Hirsch stellte die IRG einen eigenen prominenten Rabbiner. Gleichwohl folgte im Jahr 1876 Rabbiner Hirschs Aufruf an seine orthodoxen Mitstreiter, der Israelitischen Gemeinde den Rücken zu kehren und sich der IRG anzuschließen, nur eine Minderheit: Die Mehrzahl blieb, nunmehr als ‚Konservative‘ oder ‚Gemeindeorthodoxie‘ bezeichnet, als kleinerer Flügel mit einer eigenen Synagoge und einem eigenen Rabbiner der Israelitischen Muttergemeinde erhalten. Trotz einiger Doppelmitgliedschaften in der Israelitischen Gemeinde und der IRG-Austrittsgemeinde war das Band zwischen der Gemeindeorthodoxie und der Trennungsorthodoxie um Rabbiner Hirsch gerissen. Wie mehrfach erwähnt, betrafen die Kontroversen unmittelbar die alten Frankfurter jüdischen Familien und auch die Bankiers- und Stifterfamilie von Rothschild: Mayer Carl von Rothschild und seine Frau Louise von Rothschild waren liberal-reformerisch gesinnt. Sein jüngerer Bruder Wilhelm Carl von Rothschild und seine Schwägerin Hannah Mathilde von Rothschild bekannten sich zur Israelitischen Religionsgesellschaft, wobei sich auch hier eine Doppelmitgliedschaft vermuten lässt.

Das Rothschild‘sche Kinderhospital als Familienprojekt und Gemeinschaft zur Stärkung des Judentums

Abbildung: Hannah Mathilde von Rothschild, ohne Jahr - © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection
Abbildung: Hannah Mathilde von Rothschild, ohne Jahr – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Bei allen Zerwürfnissen gab es zwischen der Trennungsorthodoxie und der Muttergemeinde einige Querverbindungen – vor allem familiäre: Mathilde und Louise von Rothschild, letztere die Gründerin des interkonfessionellen Clementine-Mädchen-Spitals (Seemann 2022b), waren nicht nur Schwägerinnen, sondern auch Nichte und Tante; ihre Töchter Georgine Sara und Clementine, beide jung verstorben, waren Cousinen. Zudem hielten Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild Kontakt zur Gemeindeorthodoxie, um die Kluft zwischen den beiden Frankfurter jüdischen Gemeinden nicht weiter zu vertiefen. 1907 stiftete Mathilde von Rothschild zum Andenken an ihre zweite früh verstorbene Tochter Minna Caroline („Minka“) von Goldschmidt-Rothschild (1857–1903) für das ebenfalls auf dem Röderberg gelegene gemeindeorthodoxe Pflegeheim Gumpertz‘sches Siechenhaus eine großen modernen Neubau (Seemann/ Bönisch 2019 sowie die Beiträge bei Jüdische Pflegegeschichte [03.11.2022]). Überdies hatten Minkas Eltern ihrer Heirat mit dem nicht sonderlich orthodoxen Bankier und Kunstmäzen Maximilian („Max“) von Goldschmidt-Rothschild (1843–1940) zugestimmt – trotz der Weigerung von Rabbiner Samson Raphael Hirsch, das Paar zu trauen.

Abbildung: Max von Goldschmidt-Rothschild, ohne Jahr – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_von_Goldschmidt-Rothschild.jpg?uselang=de [03.11.2022
Abbildung: Max von Goldschmidt-Rothschild, ohne Jahr – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_von_Goldschmidt-Rothschild.jpg?uselang=de [03.11.2022]

Gleichwohl war es gerade Max von Goldschmidt-Rothschild (einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_von_Goldschmidt-Rothschild [03.11.2022]), welcher sich nach Mathilde von Rothschilds Tod 1924 gemeinsam mit seiner Tochter Lili Schey von Koromla (1883–1929) um das Rothschild‘sche Kinderhospital und weitere Institutionen ihres umfangreichen Stiftungsvermächtnisses kümmerte. Was Lili Schey von Koromla betraf, hatte sie nicht nur eine enge Verbindung mit ihrer Großmutter, sondern wurde darüber hinaus als die letzte „Frankfurter Vertreterin des altberühmten Hauses“ der Rothschild-Dynastie und als eine „würdevolle jüdische Frau und Mutter“ gewürdigt, wie es etwa im Nachruf ihres Religionslehrers Julius Höxter heißt (vgl. Schey von Koromla 1929b; siehe auch dies. 1929a sowie Arnsberg 1983 Bd. 3: 464-466). 1929 sprach zu ihrer Beerdigung auf dem Alten Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße nicht der Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft, sondern der Rabbiner der Gemeindeorthodoxie Jakob Horovitz. Als ,Dritte im Bunde‘ unterstützte das Rothschild‘sche Kinderhospital von Paris aus Lilis Tante Adelheid (Adélaïde, „Ada“) de Rothschild (1853–1935). Das orthodox-jüdische Publikationsorgan Der Israelit vom 10. August 1933 wurde sogar

„in Anknüpfung an die in der vorigen Nummer erschienene Notiz über den 80. Geburtstag der Baronin Adelheid von Rothschild in Paris gebeten, auf die Verdienste der Jubilarin um das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital in Frankfurt a.M. hinzuweisen, das nach der Inflation vollkommen mittellos dastand und durch eine große Stiftung der Jubilarin im Jahre 1925 erneuert und für die Dauer leistungsfähig gemacht wurde.“

(Zitiert nach Rothschild‘sches Kinderhospital 1933 [Hervorhebungen im Original gesperrt]).

Adelheid de Rothschild war Mathilde von Rothschilds letzte noch lebende Tochter und ebenfalls eine vielseitig engagierte Stifterin und Mäzenin (einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Adelheid_von_Rothschild [03.11.2022]). Die fromme Tradition ihrer Eltern fortsetzend, blieb sie im Gedächtnis als „Die Frau, die zu Gott betete“ (zit. n. Magin-Pelich 2003, Titel).

Abbildung: Marcus Hirsch, Porträt, um 1873 – Nachweis: [Nachruf:] Dr. med. Markus Hirsch [seligen Angedenkes] – Frankfurt a.M. In: Der Israelit 34 (1893) 88, Beilage, S. 1675, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/all
Abbildung: Marcus Hirsch, Porträt, um 1873 – Nachweis: [Nachruf:] Dr. med. Markus Hirsch [seligen Angedenkes] – Frankfurt a.M. In: Der Israelit 34 (1893) 88, Beilage, S. 1675, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/all

Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschilds trotz aller Zwistigkeiten anhaltende Verbundenheit mit der Neo-Orthodoxie und der Rabbinerfamilie Hirsch umfasste auch Samson Raphael Hirschs Sohn Dr. Marcus (Markus, Mordechai) Hirsch (1838–1893): Er wurde Gründungsarzt und erster Chefarzt des Rothschild‘schen Hospitals und des 1886 als Stiftung „Mathilde von Rothschild‘sches Israelitisches Kinder-Hospital“ gegründeten Rothschild‘schen Kinderhospitals, das am 26. September d.J. „mit der Aufnahme einiger Patienten eröffnet“ wurde (vgl. Rothschild‘sches Kinderhospital 1886).

Abbildung: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild‘schen Hospitals, um 1910 – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206
Abbildung: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild‘schen Hospitals, um 1910 – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Als Dr. Marcus Hirsch 1893 verstarb, folgte ihm als Chefarzt beider Spitäler der Geheime Sanitätsrat Dr. med. Elieser (Elias, Eliazar) Rosenbaum (1850–1922). Er war eine tragende Persönlichkeit der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft und amtierte wiederholt als ihr Vorsitzender. Das Kinderhospital diente weiterhin der unentgeltlichen Versorgung israelitischer Mädchen und Jungen, anfänglich im Alter von vier bis 13 Jahren; die Bettenzahl war infolge der Nachfrage schon bald von sechs auf 12 Plätze erhöht worden. Nach Elieser Rosenbaums Arztbericht für das Jahr 1896 fanden zwischen 1886 und 1895 jährlich insgesamt 24 bis 47, im Berichtsjahr selbst 37 kleine Patienten, 20 Mädchen und 17 Jungen, Aufnahme (vgl. Ärztlicher Verein Ffm 1897). Sie litten häufig an durch Mangelernährung mitbedingte Krankheiten wie Anämie, Bronchitis, Darmtuberkulose, Rachitis oder Skoliose. „Von dem Wunsche geleitet, der israelitischen Jugend den Nutzen dieser Anstalt dauernd zu sichern“ (Rothschild‘sches Kinderhospital 1903: 3) errichtete Mathilde von Rothschild im Jahre 1903 – das Kinderkrankenhaus bestand bereits 17 Jahre – eine selbständige Stiftung des privaten Rechts; das Stiftungsvermögen beruhte neben dem Grundstück und dem Gebäude inklusive Inventar auf einem verzinslichen Kapital von 500.000 Mark. Wie es den Grundsätzen der Israelitischen Religionsgesellschaft entsprach, sollte das Kinderhospital „für alle Zeiten in jeder Hinsicht streng nach den Grundsätzen und Vorschriften des traditionellen Judentums verwaltet und geleitet werden“ (ebd.: 4).

Zu Anfang amtierte Mathilde von Rothschild als alleiniger Vorstand der Stiftung, bis in der Folge ein ehrenamtlich tätiger fünfköpfiger Vorstand gebildet und aus seiner Mitte ein Vorsitzender gewählt wurde. Die Wahl der Vorstandsmitglieder – jeweils ein Mitglied der Verwaltungskommissionen des Rothschild‘schen Hospitals, der Israelitischen Waisenanstalt, der Israelitischen Suppenanstalt (Theobaldstraße) sowie zwei weitere geachtete Mitglieder aus beiden (!) Frankfurter jüdischen Gemeinden – bedurfte der Bestätigung durch die Stifterin. Zudem behielt sich Mathilde von Rothschild die Genehmigung bei der Auswahl der einzustellenden Angestellten einschließlich des Hospitalarztes durch den Vorstand sowie bei etwaigen Veränderungen der Verfassung und Hausordnung vor. Die Innenleitung des Hospitals oblag einer in der koscheren Versorgung erfahrenen Verwalterin, der das Krankenpflege- und Dienstpersonal unterstellt war. Laut Satzung von 1903 sollten die kleinen Patientinnen und Patienten ihren Wohnsitz in Frankfurt am Main und im Umkreis von 100 Kilometern haben sowie – bis auf Kinder mit ansteckenden Leiden und Lungenkrankheiten – Jungen im Alter von drei bis 13 Jahren und Mädchen im Alter von drei bis 12 Jahren stationäre Behandlung finden. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte Dr. Sally Rosenbaum (1877 – 1941 deportiert nach Litzmannstadt/ Lodz), ebenfalls praktischer Arzt, seinem 1922 verstorbenen Vater Dr. Elieser Rosenbaum in die Position des Chefarztes beider Rothschild‘schen Spitäler. Ein Jahr zuvor hatte mit der reformpädagogisch ausgebildeten Kindergärtnerin Emma Else Rothschild (1894 – deportiert, 08.05.1945 für tot erklärt) – eine mit der gleichnamigen Bankiersdynastie nicht verwandte Metzgerstochter aus Echzell bei Büdingen – eine tüchtige neue Oberin ihren Dienst angetreten, die überdies in der Waisenanstalt der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft aufgewachsen war (Seemann 2016). 1927 kam es vermutlich auch aufgrund inflationsbedingter Sparzwänge zu einer einschneidenden Satzungsänderung: Es sollten nur noch Mädchen zwischen vier und 14 Jahren Aufnahme finden, insbesondere dann, wenn sie an Unterernährung litten. 1932 wurden 140 bedürftige kleine Patientinnen unentgeltlich stationär versorgt.

Wie alle jüdischen Institutionen der Wohlfahrt und Pflege wurde in der NS-Zeit auch das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital behördlich gegängelt und zuletzt zwangsenteignet. Durch die zunehmende Verdrängung antisemitisch verfolgter Kinder und Jugendlicher aus als ,arisch‘ kategorisierten Krankenhäusern erhielt die Kinderklinik im Röderbergweg vermehrten Zulauf; 1937 versorgte sie 155 Patientinnen. Während der Novemberpogrome 1938 führten die massenhaften KZ-Einweisungen jüdischer Männer und die rapide Zunahme erzwungener Emigrationen auch in den beiden Rothschild‘schen Spitälern zu Fluktuation und personellen Engpässen. Die Aufhebung der Steuerfreiheit für als ,jüdisch‘ kategorisierte ,Anstalten‘ verursachte erhebliche Mehrkosten. Die ärztliche Leitung oblag weiterhin Dr. Sally Rosenbaum, die Organisation der Hauswirtschaft und Pflege Oberin Emma Rothschild, unterstützt durch eine Köchin, ein Hausmädchen, ein Kinderfräulein und eine Praktikantin. 1938 wurden 168 und 1939 178 Mädchen versorgt. Ende 1939 musste Sally Rosenbaum wegen eines Augenleidens seinen Posten verlassen. An Dr. Rosenbaum und seine Ehepartnerin, die Malerin und Lithographin Lina geb. Schwarzschild (geb. 1886), erinnern zwei ,Stolpersteine‘ (Stolpersteine Ffm: https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine/stolpersteine-im-ostend/familien/rosenbaum-sally-und-lina [03.11.2022]); beide gelten seit ihrer Deportation 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) als ,verschollen‘. Chefarzt beider Rothschild‘schen Spitäler wurde auf Drängen der Nationalsozialisten, die den Klinikbetrieb aus strategischen Gründen noch einige Zeit aufrechterhielten, der Chirurg Dr. Franz Grossmann (geb. 1904), ein NS-behördlich als „Volljude“ kategorisierter Katholik. Er konnte die Shoah überleben. Zuletzt ärztlicher Direktor das Kreiskrankenhauses Obertaunus in der südhessischen Kurstadt Bad Homburg, verstarb er 1953 an den Folgen seiner Lagerhaft (Hirschmann 2011).

Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital blieb nach der Eingliederung seiner Trägerstiftung am 28. September 1940 in den Zwangsverband ,Reichsvereinigung der Juden in Deutschland‘ bis zu seiner Zwangsschließung im Juni 1941 tätig. Liegenschaft, Gebäude und Inventar des Rothschild‘schen Kinderhospitals (mit Gartengrundstück an der angrenzenden Habsburger Allee) wurden 1942/43 zusammen mit den anderen Sozialinstitutionen der zuvor mit der Frankfurter Israelitischen Gemeinde zwangsvereinigten Israelitischen Religionsgesellschaft von der Stadt Frankfurt am Main ,erworben‘ (ISG FFM: Bestand A.62.02 Nr. 2141). Am 12. Juli 1941 meldete der ,Gestapo-Beauftragte bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege‘ Ernst Holland an die Geheime Staatspolizei Frankfurt: „Die zusammenhängenden Liegenschaften Röderbergweg 97 und 109 und Rhönstraße 50 sind vom Bauamt, Raum- und Quartierbeschaffung als Hilfskrankenhäuser sichergestellt“ (Andernacht/ Sterling 1963: 464). Die gewaltsame nationalsozialistische ,Abwicklung‘ traf auch die langjährige Oberin Emma Rothschild: Nach der Zwangsschließung des Rothschild‘schen Kinderhospitals leitete sie unter schwierigsten Bedingungen die Mädchenabteilung der Israelitischen Waisenanstalt, wo sie einst selbst Aufnahme gefunden hatte; das Waisenhaus liquidierten die NS-Behörden im Frühjahr 1942. Die Umstände von Emma Rothschilds Deportation sind bislang unbekannt, ihr Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgesetzt. Ebenfalls aus Frankfurt verschleppt wurde 1941 Ferdinand Liepold (geb. 1885): Der letzte Vorsitzende der Stiftung des Rothschild‘schen Kinderhospitals wurde laut Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz am 24. September 1942 im Ghetto Litzmannstadt (Lodz) ermordet (BArch Gedenkbuch [03.11.2022]).

Resümee und Ausklang

Versuche nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah, die Stiftung für das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital – Notvorstand war der 1965 im Londoner Exil verstorbene frühere Vorsitzende Dr. Ernst Moritz Kirchheim – wiederzubeleben, scheiterten endgültig im Jahre 1985, als das Frankfurter Amtsgericht die Bestellung eines neuen Notvorstands ablehnte (Schiebler 1994: 166). Vom Rothschild‘schen Kinderhospital wurden bislang keine Abbildungen aufgefunden, die Quellenlage ist disparat, Aufnahmebögen oder Personalakten liegen nicht vor. Am früheren Standort der beiden Rothschild‘schen Hospitäler erheben sich heute mehrstöckige Wohnhäuser. Nichts erinnert mehr an einen „Jewish Place“ der Kindermedizin und -pflege auf dem Röderberg. In einem zeitgenössischen Bericht wird das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital noch einmal ,lebendig‘:

„An einem der luftigsten und freundlichsten Punkte unserer Stadt, auf dem Röderberge, sind die jüdischen Spitäler, welche der freiherrlichen Familie Willy von Rothschild ihre Entstehung verdanken und durch diese unterhalten werden, das eine: das Georgine Sara von Rothschild’sche Spital, ein herrlicher Bau in edlem einfachen Styl, das andere ein schlichtes, inmitten eines prachtvollen Gartens gelegenes Haus, das als Kinderspital dient. Wer da vorbeigeht, wird besonders bei letzterem die wohlthuende Wahrnehmung machen, wie behaglich die durch die Fenster sehenden oder im Garten umherspazierenden reconvalescenten Kinder sich hier in der gesegneten Luft und bei den vollendeten Einrichtungen fühlen und welche zufriedene Stimmung sich auf den Gesichtern ausspricht. Wer öfters dort vorbeikommt, wird auch vielleicht Gelegenheit haben, zu bemerken, wie manche der genesenden Kinder, die noch vor wenigen Tagen bleiche abgezehrte Wangen hatten, inzwischen ein frisches Roth, Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft erlangt haben.“

(Zitiert nach: Rothschild‘sches Kinderhospital 1887: 921)

Birgit Seemann, November 2022

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
• Bestand A.02.01 Nr. V-563: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital (1905) (enthält u.a. Satzungen)
• Bestand A.02.01 Nr. 9574: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital (Sachakte, 1938–1940, 1951)
• Bestand A.30.02 Nr. 400: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital: Zur unentgeltlichen Versorgung von israelitischen Mädchen. 1940 eingegliedert in die Reichsvereinigung der Juden (1903–1967) (enthält u.a. Satzungen von 1903 und 1927, als Ms. gedr.)
• Bestand A.62.02 Nr. 2141: Erwerb von 15 Grundstücken der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland durch die Stadt Frankfurt: Röderbergweg 77 (ehem. israelitische Versorgungsanstalt), Röderbergweg 87 (ehem. israelitisches Waisenhaus), Röderbergweg 93 (ehem. Ärztehaus des Rothschild‘schen Krankenhauses), Röderbergweg 97 (ehem. von Rothschild‘sche Georgine Sara Stiftung für erkrankte fremde Israeliten), Röderbergweg 109 (ehem. Rothschild‘sches Kinderhospital), Grundstück an der Habsburger Allee (Garten zum Kinderhospital Röderbergweg 109), Rhönstraße 48, Rhönstraße 50, Grundstück an der Rhönstraße, Großer Wollgraben 26 (Rothschild‘sches Stammhaus), Friedhof Rödelheim (Totenfriedhof am Judenkirchhof), Friedhof Rödelheim (an der Westerbachstraße), Friedhof Heddernheim, Jüdischer Begräbnisplatz Niederursel (an der Autobahn), Begräbnisplatz Niederursel (am Oberurseler Weg). – (Sachakte, 1942–1943).

Digitalisierte Sammlungen

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Literatur

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Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt a.M.

Bönisch, Edgar 2009: Die Geschichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, 2009, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/die-geschichte-des-vereins-fuer-juedische-krankenpflegerinnen-zu-frankfurt-am-main

Bönisch, Edgar 2019: Das jüdische geprägte Ostend und die jüdischen Institutionen im Röderbergweg. In: Seemann/ Bönisch 2019: 41-72 (insbes. S. 69ff.)

FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt

Hanauer, Wilhelm 1914: Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main. In: Festschrift zur Einweihung des Neuen Krankenhauses der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Historischer Teil von Dr. med. W. Hanauer, Baubeschreibung von den Architekten und Ärzten des Krankenhauses. Frankfurt a.M. – Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300863

Heuberger, Rachel/ Krohn, Helga 1988: Hinaus aus dem Ghetto… Juden in Frankfurt am Main 1800–1950. Frankfurt a.M.

Hirsch, Samson Raphael 1876: Der Austritt aus der Gemeinde. Frankfurt a.M., Online-Ausgabe 2009: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-131478

Hirsch, Samson Raphael 1889: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. [Verschiedene Autoren]. Frankfurt a.M., unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299

Hirschmann, Hans 2011: Das Häkchen auf der Transportliste. Die Spurensuche des Franz Grossmann. In: Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer, Mitteilungsblatt, 2 (2011), S. 11-15, online: http://www.lagergemeinschaft-auschwitz.de/MB/MB_2011_02.pdf [03.11.2022]

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It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum

Kingreen, Monica (Hg.) 1999: „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945. Frankfurt a.M., New York

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Morgenstern, Matthias 1995: Von Frankfurt nach Jerusalem. Isaac Breuer und die Geschichte des „Austrittsstreits“ in der deutsch-jüdischen Orthodoxie. Tübingen

Morgenstern, Matthias 2010: Die Geschichte der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main. Ein Lehrstück über den Kulturkampf, die Integration religiöser Minderheiten und die Liebe zur deutschen Kultur. In: Initiative 9. November (Hg.): 42-52.

Morgenstern, Matthias 2021: Schriften zur deutsch-jüdischen Orthodoxie. Berlin, Münster

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Rothschild‘sches Kinderhospital 1903: Satzungen für das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital zu Frankfurt am Main. Als Manuscript gedruckt, Frankfurt a.M., 09.01.1903 (ISG FFM: Bestand A.02.01 Nr. V-563)

Rothschild‘sches Kinderhospital 1927: Satzung 1927 (ISG FFM: Bestand A.30.02 Nr. 400, Bll. 1-117: 15

Rothschild‘sches Kinderhospital 1933: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital. [Notiz zu der Stifterin Adelheid de Rothschild]. In: It 74 (1933) 32, S. 8, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450787

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Schey von Koromla L. 1929a: Freifrau Lili Schey von Koromla. [Nachruf o.Verf.]. In: FIG 7 (1929) 6: 193-194, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094341

Schey von Koromla L. 1929b: [Würdigung von Lili Schey von Koromla anlässlich ihres Todes durch ihren Religionslehrer Dr. Julius Höxter]. In: FIG 7 (1929) 6, S. 194-195, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094341

Schiebler, Gerhard 1994: Kinderpflege. In: Lustiger, Arno (Hg.): Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Hg. im Auftrag d. Moses-Jachiel-Kirchheim’schen Stiftung Frankfurt am Main. Sigmaringen: 157-166

Seemann, Birgit 2014: Das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (1870 – 1941). Teil 1: eine Klinik unter orthodox-jüdischer Leitung, 2014, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/das-hospital-der-georgine-sara-von-rothschildschen-stiftung-1870-1941-teil-1

Seemann, Birgit 2016: Stiefkind der Forschung: Das Rothschild’sche Kinderhospital in Frankfurt am Main (1886–1941). In: nurinst – Jahrbuch 2016. Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Schwerpunktthema: Kinder. Im Auftrag des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts hg. v. Jim G. Tobias u. Nicola Schlichting. Nürnberg

Seemann, Birgit 2019: „(…) der Stadt, in welcher das Stammhaus meiner Familie steht“. – Mathilde von Rothschild und ihre Töchter. In: Seemann/ Bönisch 2019: 98-112 [mit Abb.]

Seemann, Birgit i.E. [2022a]: In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick. Stand: März 2022, im Erscheinen (https://www.juedische-pflegegeschichte.de)

Seemann, Birgit i.E. [2022b]: „(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit. Stand: August 2022, im Erscheinen (https://www.juedische-pflegegeschichte.de)

Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar 2019: Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung. Hg.: Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung. Wissenschaftliche Begleitung: Prof. Dr. Eva-Maria Ulmer und Prof. Dr. Gudrun Maierhof. Frankfurt a.M.

Selig, Edouard (Hg.) 2014: Jeschurun. Samson Raphael Hirsch. Aufsätze zu seinem Leben und zu seinen Werken. Red. u. Konzept: Edouard Selig. Übers. d. hebräischen Texte: Eli Israel Bloch. Basel

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Tasch, Roland 2011: Samson Raphael Hirsch. Jüdische Erfahrungswelten im historischen Kontext. Berlin, New York

Digitale Quellen, Online-Datenbanken und Links (zuletzt aufgerufen am 03.11.2022)

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: http://www.alemannia-judaica.de

Alemannia Judaica Ffm IRG Synagogen: Frankfurt am Main: Die Synagogen der Israelitischen Religionsgesellschaft im 19./20. Jahrhundert. Synagoge in der Schützenstraße und Synagoge in der Friedberger Anlage (Solomon Breuer Synagoge), https://www.alemannia-judaica.de/frankfurt_synagoge_friedb.htm

BArch Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945, Website: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), https://frankfurter-personenlexikon.de

ISG FFM NS: Frankfurt am Main 1933–1945. Hg.: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, https://www.frankfurt1933-1945.de

JM Ffm Infobank Judengasse: Jüdisches Museum Frankfurt am Main, Infobank Judengasse,
https://www.judengasse.de/index.htm

Stolpersteine Ffm: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main:
https://www.stolpersteine-frankfurt.de
https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine (Stadt Frankfurt am Main, Online-Datenbank)

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holoaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de