Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045

„(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Einführung: Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main als interkonfessionelles Projekt

Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045
Deckblatt: Leopold Stein: Rede zur Einweihung des, zum Gedächtniss der verewigten Fräulein Clementine v. Rothschild s. A., von Freifrau Carl v. Rothschild gestifteten Clementinen-Mädchen-Spitales zu Frankfurt a.M. Gehalten im Auftrag der Stifterin von Rabbiner Dr. Leopold Stein. (Montag, 15. November 1875). Frankfurt a.M. 1875, Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307045

„[…] denn diess Haus ist Allen geweihet“, verkündete 1875 der bekannte liberal-jüdische Reformer Leopold Stein (ders. 1875: 3), bis 1862 Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, in seiner Rede zur Einweihung des Clementine-Mädchen-Spitals das Anliegen der Frankfurter jüdischen Stifterin Louise von Rothschild. Gemeinsam mit dem bereits 1845 evangelisch gestifteten Dr. Christ‘schen Kinderhospital gehört das Mädchenhospital zu den beiden Vorgängern des heutigen Clementine Kinderhospitals in Frankfurt am Main. Das „Clemi“ setzt als eines der ältesten deutschen Kinderkrankenhäuser die Tradition einer eigenständigen medizinischen und pflegerischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen, Neugeborenen und Säuglingen, erfolgreich fort – im Verbund mit dem von Dr. Johann Christian Senckenberg (1707–1772) gestifteten Bürgerhospital (,zuständig‘ für die Erwachsenenmedizin und -pflege und zugleich ausgestattet mit einer eigenen Klinik für Neugeborenen-, Kinderchirurgie und -urologie). Die Geschichte aller drei Institutionen ist auf schön gestalteten Internetseiten nachzulesen, mit Hinweisen auf frühe biografische und fachliche Querverbindungen (Bürgerhospital Ffm: https://www.buergerhospital-ffm.de/das-buergerhospital/geschichte; CKH Stiftung: https://www.ckh-stiftung.de; Clementine Kinderhospital Geschichte: https://www.clementine-kinderhospital.de/das-clementine/geschichte; Dr. Senckenbergische Stiftung: https://www.senckenbergische-stiftung.de [letzte Aufrufe am 21.02.2024]). Vertieftes Wissen, seltene Abbildungen und spannende Einblicke in Frankfurts beachtliche Krankenhaus-, Pflege- und Stiftungsgeschichte gewinnen interessierte Leserinnen und Leser durch die Publikationen Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995 (Hövels u.a. 1995), Clementine von Rothschild. 1845–1865. Full of talent and grace. Zum 125-jährigen Bestehen des Clementine-Kinderhospitals (Reschke 2011; s. auch Schembs 1978: 134-135) oder Mit offenen Armen. Die Geschichte des Frankfurter Bürgerhospitals (Bauer 2004).

Der vorliegende Beitrag beleuchtet mit dem Fokus auf die Pflegegeschichte den unerforschten jüdischen Anteil an den institutionellen Anfängen der Frankfurter Kinder- und Säuglingskrankenpflege – des Weiteren bezeichnet als Kinder- und Säuglingspflege, zumal sich zwischen Krankenpflege und Armenpflege (Soziale Arbeit) Querverbindungen ergaben. Zugleich ist hervorzuheben, dass sich die Entstehung und Entwicklung beider Vorgänger bis zum heutigen Clementine Kinderhospital, dem einzigen Kinderkrankenhaus in Frankfurt am Main, einer intensiven interkonfessionellen Zusammenarbeit und Netzwerkbildung verdankten, die sogar die NS-Zeit überdauerten. Diese Kooperation, in welcher sich auch familiengeschichtliche Zusammenhänge widerspiegeln, stand ganz im Zeichen des Aufbaus einer unentgeltlichen stationären Krankenversorgung benachteiligter Mädchen und Jungen aus prekären Verhältnissen. Getragen wurde sie von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern mit religiös-sozialethischer Überzeugung und dem reformerischem Willen, die Kinder- und Säuglingssterblichkeit zu verringern und einer Chronifizierung von Leiden bei Heranwachsenden vorzubeugen. Sie erkannten frühzeitig die Dringlichkeit einer eigenständigen Kindermedizin und -pflege und den Bedarf an Kliniken, die kleine Patientinnen und Patienten nicht mehr wie die Erwachsenen behandelten – ein dazumal höchst moderner Gedanke.

Der Beitrag geht der Frage nach, welche ideellen Grundprinzipien das geistige Fundament zur Errichtung der beiden Frankfurter Kinderkrankenhäuser legten und wie sich in diesem interkonfessionellen Gefüge der jüdische Anteil der Kinder- und Säuglingspflege gestaltete. Hier sei angemerkt, dass bislang keine Informationen zu einer maßgeblichen Beteiligung von Stifterinnen und Stiftern katholischen Glaubens vorliegen – möglicherweise ein Resultat der damaligen stark protestantischen Ausrichtung der Stadt Frankfurt am Main wie auch der im 19. Jahrhundert in Deutschland voranschreitenden Entwicklung und Modernisierung der deutschen Diakonie gegenüber der katholischen Caritas (lateinisch: ,Nächstenliebe‘). ,Diakonie‘, griechisch: ,Dienst‘ (am Menschen), beschreibt das Leitmotiv des evangelischen Arztes Theobald Christ, welcher testamentarisch den Aufbau des ersten Kinderhospitals in Frankfurt am Main verfügte. Zur Seite stand ihm sein Kollege und Freund Salomon Stiebel, jüdisch geboren und zum Protestantismus übergetreten.

Für die Stifterin Louise von Rothschild verband sich das bereits in der hebräischen Bibel angelegte Werk der Nächstenliebe (Gemilut Chessed), hier in Gestalt des drei Jahrzehnte später eröffneten, ebenfalls interkonfessionellen Clementine-Mädchen-Spitals, mit der Zedaka (Gerechtigkeit durch sozialen Ausgleich). Gemeinsam mit ihrer Tochter Clementine, der Namensgeberin, bekannten sich Louise und Mayer Carl von Rothschild zur liberal-reformerischen Richtung im Judentum. Hingegen standen Mayer Carls jüngerer Bruder Wilhelm Carl von Rothschild und seine Gattin Hannah Mathilde, die Stifterin des Frankfurter Rothschild‘schen Hospitals und Kinderhospitals der oppositionellen neo-orthodoxen Austrittsgemeinde ,Israelitische Religionsgesellschaft‘ nahe. Hier ist von Bedeutung, dass wie das liberale auch das orthodoxe Judentum trotz dessen primärer Ausrichtung auf die eigene Gemeinschaft, die sie neben dem Antisemitismus durch ,Assimilation‘, vermehrte Taufen und interkonfessionelle Ehen bedroht sah, die soziale Emanzipation der gesamten Menschheit im Blick hatte (und hat): „Die Förderung des Gemeinwohls für alle Menschen, ob Juden oder nicht, ist eines dieser universalistischen Postulate der jüdischen Religion“, betont der Frankfurter jüdische Historiker Arno Lustiger in seinem Vorwort Zum 125-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals (ders. 2011: 12). Sollten doch die Mitzwot (religiös-jüdische Pflichten) Gemilut Chessed, Zedaka und Bikkur Cholim (Krankenbesuch, Krankenpflege) über die jüdische Gemeinde hinaus allen Notleidenden zugute kommen und die Weltgemeinschaft verbessern helfen. Bereits 1912 formulierte der neo-orthodoxe Kölner Rabbiner Benny (Benedikt Pinchas) Wolf (1875–1968, BHR: http://www.steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/bhr?id=2685 [derzeit nicht erreichbar, Stand: 21.02.2024]):

„Als wenn überhaupt von der universalistisch denkenden und kosmopolitisch wirkenden Bibel angenommen werden könnte, daß sie nur für [sic] die Gesundheit des kleinsten Völkchens besorgt wäre, die übrige Welt sie aber gar nichts anginge. Als wenn Gott, der Gesetzgeber der Bibel, nicht Vater aller Menschen wäre, der ,die ganze Welt in seiner Güte speist!‘“

(Wolf B. 1912: 5 [Hervorhebung im Original gesperrt])

In die Verwaltung und medizinische Leitung des Clementine-Mädchen-Spitals berief Louise von Rothschild mit Dr. Jakob de Bary ein Mitglied der calvinistisch geprägten Familie de Bary: Der reformierten Kirche zugehörig, hatte sie innerhalb des in Deutschland lutheranisch dominierten Protestantismus ebenfalls den Status einer Minderheit. Über alle hier hier nur kurz dargelegten religiösen Bekenntnisse hinweg einte die frühen Gestalter/innen des heutigen Clementine Kinderhospitals ein gemeinsames Ziel: die Sorge um bedürftige und kranke Kinder und Säuglinge – den Ärmsten der Armen.

Vorgeschichte: Salomon Stiebel, Theobald Christ und das Christ‘sche Kinderhospital

Dr. Christ‘sches Kinderhospital, Entbindungsanstalt, Postkarte zum Kinderhilfstag in Frankfurt a.M. am 18. Oktober 1904 – Nachweis: Otto Hövels u.a.: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995. Gießen 1995: 36
Dr. Christ‘sches Kinderhospital, Entbindungsanstalt, Postkarte zum Kinderhilfstag in Frankfurt a.M. am 18. Oktober 1904 – Nachweis: Otto Hövels u.a.: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung 1845–1995. Gießen 1995: 36

„Das Haus war vollendet und eingerichtet, bedeutende Ärzte des Vaterlandes und des Auslandes, die es sahen, hatten ihre Freude daran, und wir natürlich mit […]. […] allein nach Abzug der Vermöge [sic] der Testaments-Verfügung noch jährlich auszuzahlenden Renten und der Gehalte des Personals blieb so wenig für Krankenpflege übrig, dass wir Administratoren uns gegenseitig mit etwas traurigen Gesichtern ansahen […]. Nun war noch das erste angemeldete Kind 18 Monate alt, konnte daher nach der Testaments-Verfügung nicht zugelassen werden. Aber gerade dieses Ereignis war uns eine Weisung und richtete unseren Mut wieder auf. Den ersten Pflegling zurückweisen, das ging nicht; die Mittel für denselben wurden angeschafft, und es ward nun beschlossen im Vertrauen auf Gott und auf die Liebe der Menschen, ohne Rücksicht auf Alter, alles aufzunehmen, was hilfsbedürftig wäre, natürlich immer mit Berücksichtigung der letzten Willensmeinung des Stifters, die Zinsen des Christ‘schen Capitals nur für Kinder von 4-12 Jahren zu verwenden.“

Rechenschaftsbericht (1846 für das Jahr 1845, vgl. Hövels u.a. 1995: 51)

Zitiert wurde aus einem frühen Rechenschaftsbericht (1846 für das Jahr 1845, vgl. Hövels u.a. 1995: 51) für das Dr. Christ‘sche Kinderhospital, verfasst von Dr. Salomon Stiebel, leitender Arzt und Mitglied der Administration. Die Lektüre vermittelt einen lebendigen Eindruck von dem Mitgefühl und der Entschlossenheit der am Aufbau einer eigenen Kinder- und Säuglingspflege Beteiligten. Frankfurts erstes Kinderkrankenhaus hatte seine Pforten im Jahr 1845 geöffnet – drei Jahrzehnte vor Louise von Rothschilds Clementine-Mädchen-Spital. Erbaut wurde es am heutigen Standort Theobald-Christ-Straße 16 des Clementine Kinderhospitals; die Straße trägt den Namen des Stifters. Den finanziellen Verhältnissen geschuldet, hatte Theobald Christ testamentarisch die Aufnahme von Kindern zwischen vier und zwölf Jahren verfügt – eine Regel, die Dr. Stiebel und seine Mit-Administratoren um der Nächstenliebe willen ,missachteten‘ und damit sehr wahrscheinlich im Sinne des Stifters handelten. Mit Erfolg: Zusätzliche Spenden trafen ein, die die Aufhebung der Altersgrenzen für das Jahr 1845 sicherten; viele weitere Zuwendungen und Zustiftungen durch Angehörige der Frankfurter Patrizierfamilien wie den Neufvilles oder den Bethmanns folgten (Hövels 1995). Für das Jahr 1849 ist als Unterstützerin auch eine „Baronin Charlotte Anselm von Rothschild“ genannt (ebd.: 53): Charlotte von Rothschild (1807–1859, Londoner Zweig), Gattin des gebürtigen Frankfurters Anselm Salomon Freiherr von Rothschild (Wiener Zweig) – und zugleich die Schwester und die Mutter der beiden Kinderhospital-Stifterinnen Louise und Hannah Mathilde von Rothschild (The Rothschild Archive: https://www.rothschildarchive.org [21.02.2024]).

Sohn eines evangelischen Kantors: Dr. Theobald Christ

Theobald Christ, ohne Jahr – Nachweis: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ‘sche Stiftung 1845–1995: 22 / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_med_johann_theobald_christ_1777-1841.jpeg [21.02.2024]
Theobald Christ, ohne Jahr – Nachweis: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ‘sche Stiftung 1845–1995: 22 / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_med_johann_theobald_christ_1777-1841.jpeg [21.02.2024]

Dr. Johann Theobald Christ (1777–1841) wuchs in Frankfurt als Sohn des Kantors der evangelischen Sankt-Katharinen-Kirche auf (Hock 2020a, s. auch Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Theobald_Christ [21.02.2024]). Der engagierte und vielbeschäftigte Arzt war auch als Geburtshelfer sowie Ausbilder von Hebammen gefragt. Leider zog er sich berufsbedingt ein Rückenmarksleiden, zunehmende Lähmungserscheinungen banden ihn zuletzt an den Rollstuhl. Dr. Christ galt als sehr kinderlieb, war jedoch selbst zeitlebens unverheiratet und ohne eigene Nachkommen geblieben.

Geboren Im Judenghetto: Dr. Salomon Stiebel

Durch ihr gemeinsames Projekt ,Dr. Christ‘sches Kinderhospital‘ wurden mit Theobald Christ und Salomon Stiebel zwei erfahrene Mediziner und enge Freunde zu ,Vätern‘ der Frankfurter stationären Kinderkrankenversorgung. Dr. Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel (1792–1868) hatte einen gänzlichen anderen Start in Leben erfahren als sein Mitstreiter, wurde er doch in die ärmlichen und beengten Verhältnisse des Frankfurter Judenghettos hineingeboren. Erst nachdem ihr Wohnhaus „bei der französischen Belagerung der Stadt im Juli 1796 abgebrannt war, zog die Familie in die Gelnhäuser Gasse außerhalb des Ghettos. Bis zu seinem achten Lebensjahr erhielt S. keine schulische Ausbildung: Das einzige Buch, das er besaß, war eine hebräische Bibel, die er zu lesen und mündlich ins Deutsche zu übersetzen gelehrt wurde“ (Hock 2021a, s. auch Arnsberg 1983 Bd. 1: 499-501; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Salomon_Friedrich_Stiebel [21.02.2024]).

Neben Lernleidenschaft und vielseitiger Begabung zeichneten Salomon Stiebel Energie, Tatkraft und eine gehörige Portion Abenteuerlust aus. 1813/14 kämpfte er als „Feldwebel Bär“ in den Befreiungskriegen und diente zuletzt als Bataillonsarzt der Königlich Preußischen Armee. Zurück in Frankfurt, setzte er seine medizinische Laufbahn fort und erhielt „den Posten des dritten Arztes am Israelitischen Krankenhaus, wo er für Chirurgie und Augenheilkunde zuständig war“ (Hock 2021a). 1817 übernahm er die Arztpraxis von Dr. Seligmann Joseph Oppenheimer und wurde zudem als Leiter der Chirurgischen Abteilung des alten israelitischen Fremdenhospitals am Völckerschen Bleichgarten (Vorläufer des Israelitischen Gemeindehospitals) fest angestellt. Trotz des Antisemitismus fühlte sich Salomon Stiebel offenbar neben dem jüdischen auch in seinem christlichen Umfeld zuhause und genoss hier wie dort hohes Ansehen. 1817 wurde er „– als einziger Jude unter den 32 Stiftungsmitgliedern – an der Gründung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft beteiligt“ (Hock 2021a) und stand ihr später zeitweise als Direktor vor.

Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Porträt), 2015 – Fotograf: Karsten Ratzke, 2015, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt,_Hauptfriedhof,_Grab_E_adM_415-417_Reiss-Stiebel,_Salomon_Friedrich_Stiebel_(1).JPG [21.02.2024]
Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Porträt), 2015 – Fotograf: Karsten Ratzke, 2015, Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt,_Hauptfriedhof,_Grab_E_adM_415-417_Reiss-Stiebel,_Salomon_Friedrich_Stiebel_(1).JPG [21.02.2024]

Obwohl sie beide aus alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familien stammten, trat der 35-jährige Salomon Stiebel, möglicherweise angeregt durch das Beispiel des ihm persönlich bekannten Journalisten Ludwig Börne, 1828 gemeinsam mit seiner Frau Röschen geb. Ochs zum evangelisch-lutherischen Glauben über; er erhielt den Taufnamen ,Friedrich‘. Ein 1824 erlassener Senatsbeschluss, der den in Frankfurt am Main zugelassenen Ärzten die Behandlung von Kranken aller Konfessionen erlaubte, ermöglichte ihm, die Leitungstätigkeit am Israelitischen Hospital auch als Christ fortzusetzen. Dr. Stiebel erlangte erst mit der Konversion und nach dem Ablegen des Bürgereids die uneingeschränkten Rechte eines Frankfurter Stadtbürgers und eröffnete zugleich seinen ebenfalls getauften Kindern Sophie und Fritz alle Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation. Jetzt konnte er politische Ämter bekleiden und gehörte zwischen 1832 und 1847 mehrfach der Gesetzgebenden Versammlung der Stadt an, u.a. „gestaltete er etwa eine neue Medizinalordnung für Ffm. federführend mit“ (Hock 2021a.). Als Hausarzt sowie in seiner Praxis behandelte er bekannte Frankfurter Persönlichkeiten wie Ludwig Börne, Friedrich Stoltze, die Brentanos und den berühmten Philosophen Arthur Schopenhauer – ebenso Gudula Rothschild, die Stammmutter der Bankiersdynastie, und weitere Mitglieder der Rothschild-Familie. Hier treffen wir auch wieder auf Dr. Theobald Christ, der wie andere Arztkollegen Dr. Stiebels medizinischen Rat suchte.

An der Realisierung des ersten Frankfurter Kinderkrankenhauses hatte Salomon Stiebel entscheidenden Anteil: Nachhaltig unterstützte und ermunterte er seinen gesundheitlich geschwächten und alleinstehenden Freund in dessen Vorhaben, Grundbesitz und Vermögen (rund 150.000 Gulden) der Stadt Frankfurt am Main zu vermachen – unter der Auflage, ein Kinderkrankenhaus für Mädchen und Jungen zwischen vier und zwölf Jahren zu erbauen (Hövels u.a. 1995: 24f.). Nach Theobald Christs Tod trat die Stiftung 1841 in Kraft; seinen Vertrauten Salomon Stiebel hatte Dr. Christ selbst noch testamentarisch zum Chefarzt und Leiter der Stiftungsadministration bestimmt. Dr. Stiebel verantwortete die Errichtung des Kinderkrankenhauses, besichtigte hierzu die bereits bestehenden Kinderkliniken in Berlin, Dresden, Paris, Prag und Wien, beteiligte sich an der Planung des Neubaus und überwachte die Bauausführung. Das am 14. Januar 1845 mit anfangs 50 Betten eröffnete Dr. Christ‘sche Kinderhospital leitete er als Hospitalarzt bis 1853. Verbunden mit der ebenfalls von Theobald Christ verfügten Erweiterung des Kinderhospitals um ein Entbindungshaus für bedürftige Frauen mit Frankfurter Heimatrecht, ermöglicht mit Hilfe der Mühlen‘schen Stiftung und der Raphael-Strauß-Stiftung, übertrug Salomon Stiebel die Leitung an seinen Sohn Fritz. Dr. med. Friedrich Julius „Fritz“ Stiebel (1824–1902), jüdisch geboren und als zweijähriges Kind noch vor seinen Eltern evangelisch-lutherisch getauft, hatte in die ebenfalls vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Familie Reiß eingeheiratet. In der Folge stammten die geschäftsführenden Administratoren aus den Familienverbänden Stiebel und Reiß; die weiblichen weiblichen Familienmitglieder amtierten als ,Schutzfrauen‘ der Einrichtung. Fritz Stiebel praktizierte seit 1847/48 als praktischer Arzt, Chirurg und Geburtshelfer in Frankfurt am Main; 1850 wurde er Assistenzarzt am Dr. Christ‘schen Kinderhospital (Hock 2020c). Hier sei angemerkt, dass Salomon Stiebel seine Stelle als leitender Arzt der Chirurgie am Israelitischen Gemeindehospital erst 1857 aufgab und der Institution danach als konsultierender Arzt (Belegarzt) erhalten blieb. Den Vorsitz der Stiftungsadministration des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals führte Salomon Stiebel bis zu seinem Tod im Jahr 1868. Unermüdlich warb er um Spenden, verfasste in seinen Jahresberichten Beiträge zur Gesundheitspflege für Eltern und andere interessierte Laien und unterstützte die Ausbildung angehender Kinderärzte durch eigene Vorlesungen in der Klinik.

Zeitlebens war Salomon Stiebel notleidenden Kindern und Säuglingen ein treuer Freund, Helfer und Retter. Er hat die ersten Frankfurter Kinderkrippen mitbegründet und bereits 1851 eine „Säuglingszuflucht“ gefordert; 1853 und 1862 entstanden Kinderkrippen in der Innenstadt sowie im Stadtteil Sachsenhausen (Hock 2021a). Zudem hinterließ er zahlreiche Schriften und Fachaufsätze, darunter Beiträge in den Jahresberichten des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals wie Das Lager der Kinder (1854), Skizzen zur Gehirn-Diätetik der Säuglinge (1855), Die armen Kostkinder (1858), Einführung von Schwimmfreischulen für wenig bemittelte weibliche Jugend (1859), Anklage wegen der verkommenen Kinder, die im Hospital sterben (1860) oder Warum die Säuglinge schreien“ (1867) (ebd.).

Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Grabinschrift) – Fotografin: Dr. Birgit Seemann, 2011 (Neubearbeitung 2022)
Grabdenkmal von Salomon (Salomo) Friedrich Stiebel auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Teilabbildung (Grabinschrift) – Fotografin: Dr. Birgit Seemann, 2011 (Neubearbeitung 2022)

Es ist wohl keine Übertreibung, Salomon Stiebel als den eigentlichen Begründer der Frankfurter medizinischen und pflegerischen Kinder- und Säuglingsheilkunde zu bezeichnen. Der arme Junge aus dem Frankfurter Judenghetto war zu einem allseits geachteten und beliebten Frankfurter Stadtbürger aufgestiegen, der den Rang eines Herzoglich Nassauischen Geheimen Hofrats bekleidete, aber seine Herkunft nie vergaß. Als Dr. Stiebel 1868 mit 76 Jahren einer Lungenentzündung erlag, war die Anteilnahme überwältigend: „Bei dem Trauerzug zu seiner Beerdigung auf dem Hauptfriedhof waren die Straßen dicht gesäumt von so vielen Menschen […]“ (ebd.). Das Grabmal „Salomo Friedrich Stiebel“ trägt die Inschrift:

„Mitkämpfer für des Vaterlandes Freiheit,/
unermüdlicher Forscher und Arzt,/
weiser und gemüthvoller Pfleger der Kinderwelt.“

(Grabinschrift)

Ein „Spitälchen“ für arme Frankfurter Kinder

Neben Salomon und Fritz Stiebel seien von den vielen namhaften Medizinern am Dr. Christ‘schen Kinderhospital beispielhaft die Chefärzte Dr. med. Carl Lorey (1840–1888) und der Chirurg Sanitätsrat Dr. med. Alexander Glöckler (1843–1908), beide evangelisch, genannt (Hock 2020d; s. auch Lorey/Glöckler 1888). Löblicherweise widmet sich die Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Dr. Christ‘schen Stiftung (Hövels u.a. 1995) ebenso den in der Forschung oft vernachlässigten Pflegenden. Bei der Personalauswahl behielt Salomon Stiebel – wieder ganz im Sinne seines verstorbenen Mitstreiters Theobald Christ – neben der physischen auch die moralisch-ethische Versorgung der zumeist aus instabilen Verhältnissen stammenden Kinder im Blick. Anstelle der in den 1840er Jahren noch verbreiteten Beschäftigung von Dienstleuten ohne Pflegeausbildung setzte er von Beginn an auf Fachkräfte; sie waren wie Dr. Christ und Dr. Stiebel evangelisch-lutherischen Glaubens (eine professionelle jüdische Krankenpflege entstand erst seit den späten 1880er Jahren und mündete 1893 in den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, vgl. Steppe 1997). Dr. Stiebel konnte das Mutterhaus der dazumal in der Krankenpflege führenden, bis heute bestehenden Kaiserswerther Diakonie gewinnen (siehe einführend https://www.kaiserswerther-diakonie.de/de/startseite.html sowie Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserswerther_Diakonie [21.02.2024]): „Der Vertrag über die Einstellung von zwei Diakonissen wurde bereits 1843 mit Pastor Theodor Fliedner abgeschlossen. Er hatte 1836 das erste Diakonissenhaus Deutschlands in Kaiserswerth bei Düsseldorf gegründet“ (Hövels u.a. 1995: 61). Danach pflegten im Dr. Christ‘schen Kinderhospital die „Betheler Diakonissen“ des von Pastor Friedrich von Bodelschwingh in Bethel (bei Bielefeld) errichteten Mutterhauses, gefolgt von den „Zehlendorfer Schwestern“ vom Evangelischen Diakonieverein zu Zehlendorf, in der Lazarettzeit des Kinderhospitals von 1914 bis 1917 „die besten Soldatenpflegerinnen“ (ebd.: 63). Seit 1899 pflegten in einer von Evelyn von Neufville gestifteten „Zweiganstalt“ des Kinderhospitals – gelegen in der damaligen Forsthausstraße (Hans-Thoma-Straße) und seit 1919 direkt benachbart zum jüdischen Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V. – Diakonissen des Frankfurter Mutterhauses. Die Aufarbeitung dieser vielfältigen (hier: christlichen) Pflegegeschichte des Dr. Christ‘schen Kinderkrankenhauses bleibt weiteren Studien vorbehalten. Namentlich bekannt sind die Oberinnen Anna von Soden, Wilhelmine Geißler und Meta Beckmann (ebd.: 64).

In den Anfängen des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals gab es noch keine eigene Ausbildung in der Kinder- und Säuglingskrankenpflege, doch sorgten die Schwestern aufopferungsvoll für ihre kleinen Patientinnen und Patienten. Diese litten häufig an Typhus, Scharlach, Diphtherie oder Lungentuberkulose, aber auch an „Auszehrung“. Gerade letztere löste bei Pflegenden wie Ärzten große Betroffenheit, wenn nicht Entsetzen aus. Die Sterblichkeit war hoch: „Man ließ unerwünschte Säuglinge, meist uneheliche Kinder, einfach verhungern. Selten taten dies die Mütter selbst, meist jedoch Kostfrauen, die als ,Engelmacherinnen‘ bekannt waren“ (Hövels u.a. 1995: 48). Die Kinderchirurgie führte zahlreiche durch Knochentuberkulose und Rachitis bedingte Operationen durch (ebd.: 49-50).

Das Dr. Christ‘sche Kinderhospital, in Frankfurt als das „Spitälchen“ bekannt, war rasch ein Teil der Stadtgesellschaft geworden. Nach Theobald Christs testamentarischem Willen stand es samt Zweigklinik und Entbindungshaus von Beginn an allen Religionen offen, doch ist über den jüdischen Anteil der dort gepflegten Kinder bislang nichts bekannt.

Zum Andenken an eine geliebte Tochter: das Clementine-Mädchen-Spital

Das Clementine-Mädchen-Spital nach dem 1899 erfolgten An- und Umbau (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, 1899) – Nachweis: UB JCS Ffm / Barbara Reschke: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845–1865, Frankfurt a.M. 2011: 28
Das Clementine-Mädchen-Spital nach dem 1899 erfolgten An- und Umbau (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, 1899) – Nachweis: UB JCS Ffm / Barbara Reschke: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845–1865, Frankfurt a.M. 2011: 28

Louise von Rothschild (1820–1894) gehörte dem liberalen Reformflügel der Frankfurter Israelitischen Muttergemeinde an, während ihre Schwägerin und Nichte Mathilde von Rothschild der neo-orthodoxen Austrittsgemeinde ,Israelitische Religionsgesellschaft‘ zuneigte. Louise, die Gattin von Mayer Carl, dem Seniorchef des Frankfurter Rothschild-Bankhauses, wurde bereits 1886 Witwe, Mathilde, verheiratet mit Mayer Carls jüngerem Bruder Wilhelm Carl, dem letzten Bankier des Frankfurter Rothschild-Zweigs, im Jahr 1901 (Arnsberg 1983 Bd 3.: 387-398). Zudem verlor jede von ihnen zwei Töchter: Louise trauerte um Clementine und um Hannah Louise, der Stifterin der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum, Mathilde um Georgine Sara, Namensgeberin des Rothschild’schen Hospitals, und Minna Caroline („Minka“) – alle vier waren Cousinen. Innerhalb des Judentums gingen Louise und Mathilde verschiedene Wege, doch einten sie neben der Rothschild‘schen Familiensolidarität ihre tiefe Verwurzelung in der Zedaka und der Wille zur Tat: Beide erwiesen sich als fähige und aktive Sozialmanagerinnen ihrer umfangreichen Stiftungsnetzwerke (s. auch Strobel 2003). Gemeinsam sorgten sie für die gleiche ,Zielgruppe‘: hilfsbedürftige, sozial benachteiligte und gefährdete Frauen und Mädchen – zugleich das Vermächtnis von Clementine, Georgine Sara und Minka, letztere die Stifterin eines heute noch bestehenden interkonfessionellen Wohnprojekts für bedürftige Frankfurter Seniorinnen. Hierbei ergab sich eine besondere ,Arbeitsteilung‘: Während Mathilde ihren Fokus auf bedürftige Glaubensgenossinnen legte, widmete sich Louise primär der interkonfessionellen Fürsorge. Dabei handelte sie ganz im Sinne Clementines, welche sich zu Lebzeiten intensiv mit den christlich-jüdischen Beziehungen und deren antisemitischer Deformierung beschäftigt hatte. Der Tod der erst Zwanzigjährigen im Jahr 1865 markierte zugleich einen Neuanfang: die Vorbereitung des nach ihr benannten Krankenhausprojekts ,Clementine-Mädchen-Spital‘. Im Unterschied zum evangelisch gestifteten Dr. Christ‘schen Kinderhospital handelte es sich hier um eine jüdische Gründung mit interkonfessioneller Ausrichtung und ohne christlichen Missionsgedanken.

Die Namenspatronin: Clementine von Rothschild

Full of talent and grace – voller Begabung und Anmut: Mit diesen Attributen hat sich die jung verstorbene Autorin und Namenspatronin des Clementine Kinderhospitals, Clementine Henriette von Rothschild (1845–1865, vgl. Reschke 2011; s. auch: ISG FFM: H.15.15 Nr. 1865-487; S2 Nr. 19473), in das Familiengedächtnis der aus Frankfurt am Main stammenden berühmten europäischen Rothschild-Dynastie eingeschrieben. So lautet auch der Titel des Erinnerungsbuches, das Barbara Reschke, promovierte Ärztin und bis 2011 Vorstandsvorsitzende der Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘schen Stiftung, im Jahr 2000 zum 125jährigen Jubiläum der Klinik für die Stiftung herausgab; 2011 folgte eine erweiterte Auflage (Reschke 2011).

Zu Lebzeiten hätte Clementine von Rothschild möglicherweise selbst Zuflucht in einem Mädchenhospital gesucht, einer Einrichtung, die es damals noch gab. Seit ihrer Kindheit litt sie an einer nicht genauer bezeichneten, offenbar in Schüben verlaufenden Krankheit, die sie häufig in die Sitzhaltung zwang. So entfaltete sie ihre Talente im Schreiben, Zeichnen und Malen. Schon frühzeitig soll sie Solidarität mit anderen Leidenden und der unerlösten Menschheit insgesamt gezeigt und, den eigenen Tod vor Augen, Projekte der Zedaka geplant haben. Fundierten Unterricht erhielt Clementine durch einen hochangesehenen, zugleich in den religiösen Richtungsstreit innerhalb des Frankfurter Judentums involvierten Reformrabbiner, welchen Louise und Mayer Carl von Rothschild gleichwohl als Hauslehrer ihrer Töchter schätzten: Dr. Leopold Stein (1810–1882, vgl. Arnsberg 1983 Bd. 3: 488-492; Weyel 1995; Wikipedia: Leopold Stein (Rabbiner) [21.02.2024]). Für den profunden und vielseitigen Gelehrten zählten die gemeinsamen Lehr- und Lernstunden mit seiner Lieblingsschülerin Clementine nach eigenem Bekenntnis zu den „weihevollsten meines ganzen Berufslebens“ (Stein 1865: 4; s. auch ders. 1867). Dank Rabbiner Steins Förderung hinterließ Clementine sogar ein eigenes Werk, das sie mit 16 Jahren begann und fast vollenden konnte.

Deckblatt: Clementine von Rothschild: Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums. Frankfurt a.M. 1867, Online-Ausgabe 2008: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180010778003
Deckblatt: Clementine von Rothschild: Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums. Frankfurt a.M. 1867, Online-Ausgabe 2008: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180010778003

„Da kam mir ein kleines vergilbtes Büchlein in die Hände, das zutiefst erfüllt ist von Wissen um unsere Väterreligion und von heißester Liebe zu ihr“, schrieb 1934, unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verfolgung, Ella Seligmann (1867–1953) in ihrem Essay Ein vergessenes Buch. Briefe von Clementine von Rothschild (dies. 1934). Ella Seligmann war die Tochter des liberalen Frankfurter Rabbiners und späteren Hausseelsorgers Louise von Rothschilds, Dr. Rudolf Plaut (1843–1914), verheiratet mit dem liberalen Frankfurter Gemeinderabbiner Dr. Caesar Seligmann sowie führend in der Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith (Gut 1928; Seemann 2023: Kapitel 5). Hier fand sie Trost durch Clementines posthum von Leopold Stein herausgegebenen Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums, 1883 erneut gedruckt und seit 2008 über die Judaica-Sammlung der Universitätsbibliothek JCS Frankfurt a.M. online zugänglich (Rothschild C. 1867; s. auch Teilabdruck in Reschke 2011). In neun Briefe-Kapiteln, die sie als „Esther Izates“ an eine (fiktive?) christliche Freundin „Ellen“ schrieb, reflektierte Clementine von Rothschild ihre Erfahrungen und Eindrücke im Austausch mit gebildeten christlichen Familien, die sie nach den Festen, Gebräuchen und Gepflogenheiten des Judentums befragten. Orientierung gab ihr neben der behutsamen pädagogischen Anleitung durch ihre Mutter Louise und dem intensiven Lernstudium bei Rabbiner Stein das Beispiel der von ihr bewunderten englisch-jüdischen Schriftstellerin: Grace Aguilar, welche 1847 in Frankfurt am Main verstarb und auf dem dortigen älteren Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße beerdigt wurde (Jewish Women‘s Archive: https://jwa.org/encyclopedia/article/aguilar-grace; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Grace_Aguilar [21.02.2024]). Clementines Briefe, das theologische Werk einer hochbegabten Jugendlichen (s. auch Kratz-Ritter 2011), können als eine Selbstvergewisserung gelesen werden, vor allem aber als Versuch, im Dialog mit der christlichen Umgebung antisemitische Vorurteile auszuräumen, das Judentum zu verteidigen und über seine Grundlagen aufzuklären.

Grabdenkmal (rechts) für Clementine von Rothschild auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße, Fotografie von Carl Friedrich Mylius [1866] – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-302996
Grabdenkmal (rechts) für Clementine von Rothschild auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße, Fotografie von Carl Friedrich Mylius [1866] – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-302996

Das zehnte Briefe-Kapitel konnte Clementine nicht mehr beenden: Ihr Zustand verschlechterte sich, und sie erlag am 18. Oktober 1865 im Kurort Baden-Baden erst 20-jährig ihrem chronischen Leiden. Wie ihr Vorbild Grace Aguilar fand sie ihre letzte Ruhestätte auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße – direkt neben ihrer 1859 verstorbenen Tante Charlotte, Louises Schwester, welche uns bereits als „Baronin Charlotte Anselm von Rothschild“, Unterstützerin des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals, begegnet ist (Hövels u.a. 1995: 53). Die ,abgebrochene‘ Säule von Clementines Grabdenkmal symbolisiert im Judentum den vorzeitigen Tod Heranwachsender, die ihr Leben nicht vollenden konnten. Bei der Abfassung ihres Werks hatte die junge Autorin krankheitsbedingt pausieren müssen. Das neunte und letzte Briefe-Kapitel datiert auf den 17. Februar 1865, der zehnte Brief „über die Lehre von der Gerechtigkeit, als Grundlage der Liebe im Judenthum“ (vgl. Vorwort von Leopold Stein in Rothschild C. 1867: IX-X) blieb Fragment.

Viele Jahre später fand Clementine von Rothschilds sechstes Briefe-Kapitel Messiaslehre (Frankfurt a.M., 30. Januar 1862) Aufnahme in die von George Y. Kohler, Professor für neuzeitliche jüdische Religionsphilosophie und Direktor des Joseph-Carlebach-Instituts an der Bar-Ilan-Universität zu Ramat Gan (Israel), 2014 edierte Aufsatzsammlung Der jüdische Messianismus im Zeitalter der Emanzipation – als einzige weibliche sowie die jüngste Autorin neben bekannten Gelehrten wie Salomon Formstecher, Samuel Hirsch, Samuel Holdheim oder Hermann Cohen, dem Begründer der philosophischen ,Marburger Schule‘ (Kohler 2014: 51-63; s. auch Brocke/Jobst (Hg.) 2011 u. 2015). Zitiert sei abschließend aus ihrem dritten Brief Alleinseligmachender Glaube (Frankfurt a.M., 5. August 1861) – treffender lassen sich die sozialethisch-jüdischen Bausteine des ihren Namen tragenden interkonfessionellen Mädchenhospitals kaum beschreiben:

„Ja, liebe Ellen, meine und ganz Israel‘s feste Hoffnung ist, daß, wie einst auf Erden alle Menschen Eine Familie bilden sollen, wir einst auch im Himmel mit allen Guten und Edlen vor Gott vereinigt sein werden. In unserem Talmud [Sammlung der Gesetze und religiösen Überlieferungen des Judentums, B.S.] heißt es deßhalb: ,Die Frommen aus allen Nationen haben Antheil an der künftigen Welt!‘ – Das gerade macht uns das Judenthum so überaus werth, daß es alle Menschen so innig, so wahrhaft einig umfaßt, und Niemanden verdammt noch ausschließt, weder aus dem Bunde Gottes noch aus dem Bunde der Menschen, weder im Himmel noch auf Erden.“

(Rothschild C. 1867: 26f. [Schreibweise nach Original, Hervorhebungen im Original gesperrt])

Die Stifterin: Louise von Rothschild

Louise von Rothschild, ohne Jahr [ca. 1880] – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300216
Louise von Rothschild, ohne Jahr [ca. 1880] – Nachweis: UB JCS Ffm, Judaica Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300216

Clementines Mutter Louise von Rothschild blieb stets eine ,Engländerin‘, die sich in Frankfurt am Main, zu dessen engagiertesten Stifterinnen sie gleichwohl gehörte, nie ganz heimisch fühlte. Geboren wurde sie 1820 in London als die jüngste Tochter des Bankiers Nathan Mayer Rothschild (Londoner Familienzweig); Clementines Großvater war der dritte Sohn des Gründerpaares der Dynastie, Gutle und Mayer Amschel Rothschild, und noch im Frankfurter Judenghetto geboren. Wegen ihres vielfältigen Einsatzes für die Frankfurter Wohlfahrt und Pflege hat Louise von Rothschild Eingang in Hubert Kollings Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte gefunden (ders. 2011; s. auch Dörken 2008; Hock 2020b; Livingstone 2022; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Louise_von_Rothschild [21.02.2024]).

Louise von Rothschild betätigte sich darüber hinaus als eine talentierte Malerin und Zeichnerin sowie ausgebildete Sängerin, doch galt ihre besondere Aufmerksamkeit der Erziehung und Bildung der sieben Töchter. Während Clementine (1845–1965), die Drittälteste, und die Carolinum-Gründerin Hannah Louise (1850–1892) unverheiratet blieben, heirateten ihre fünf Schwestern nach London und Paris. Nach dem Vorbild ihrer Mutter dort ebenfalls als Stifterinnen aktiv, hielten sie nach Louises Tod aber auch dem Frankfurter Stiftungswerk, wozu das Clementine-Mädchen-Spital gehörte, über viele Jahre finanziell die Treue – namentlich (Hock 2020b; s. auch Arnsberg 1983 Bd. 3: 388):
Adèle (Adele) „Addy“ Hannah Charlotte de Rothschild (1843–1922, vgl. Hock 2019);
Emma „Emmy“ Louise de Rothschild (1844–1935);
Laura Therese „Thesie“ de Rothschild (1847–1931);
Margaretha (später: Marguerite) „Margy“ Alexandrine de Gramont (1855–1905);
Bertha Clara (später: Berthe Claire) Berthier de Wagram (1862–1903).

Dass die ,Liberalen‘ entgegen orthodoxer Kritik keine Beliebigkeit an den Tag legten, sondern jüdische Frömmigkeit aus Reformperspektive praktizierten, zeigt sich auch bei Louise und Mayer Carl von Rothschild, welche bei aller interkonfessionellen Aufgeschlossenheit die Heiraten ihrer beiden jüngsten Töchter Marguerite und Berthe Claire mit Nichtjuden (katholischen Adligen) missbilligten. Hingegen setzten Adèle, Emma und Therese die Familientradition der Verwandtschaftsehen fort. Louise von Rothschild, selbst hochgebildet, erzog ihre sieben Töchter „zweisprachig und weltoffen“, sie durften „ihren vielfältigen Interessen und eigenen Vorlieben über das damals übliche Maß hinaus nachgehen“ (Hock 2020b). 1861 fungierte der Hausseelsorger des liberalen Rothschild-Zweigs, Rabbiner Leopold Stein, als Herausgeber der von ihm zuvor aus dem Englischen übertragenen Gedanken einer Mutter über biblische Texte. Reden an ihre Kinder (Rothschild L. 1861, 2. verm. Auflage 1885; s. auch Teilabdruck in Reschke 2011). Insbesondere in den Kapiteln Wohlthätigkeit und Nächstenliebe legt die Verfasserin Louise von Rothschild ihren Töchtern und dem Lesepublikum eindringlich die mit Menschenliebe verbundene jüdische Pflicht (Mitzwa) der materiell Begünstigten zum sozialen Ausgleich (Zedaka) ans Herz:

„Das Geld, welches uns so viele Bequemlichkeiten und Genüsse verschafft, ist sehr oft nicht durch unsere eigenen Anstrengungen, weder durch unser Talent noch durch unsern Fleiß, errungen worden. Gehört es demnach so ausschließlich uns? Sind wir befugt, es für uns allein zu behalten? Hat nicht der Arme ein Recht, daran Theil zu nehmen[?]“

(Rothschild L. 1861: 30 [Schreibweise nach Original, Hervorhebungen im Original gesperrt]; s. auch Reschke 2011: 65-71).

Was zerstrittene liberale und orthodoxe Richtungen im Judentum neben der religiösen und sozialethischen Überlieferung ebenfalls gemeinsam betraf – oder besser: traf – waren antisemitische Anfeindungen, die selbst nach der Shoah auch den heutigen Nachkommen der Rothschild-Dynastie nicht fremd sind. Bereits in den 1860er Jahren bewogen letztlich Unverständnis und Abwehr ihre Vorfahrin Clementine zur Niederschrift ihrer Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthums, beschwor deren Mutter Louise voller Sorge Kaiser Wilhelm II. in einem Brief vom 29. März 1890, die Lage seiner „jüdischen Unterthanen in gnädige Erwägung ziehen und hierbei fremdem Vorurtheil und Uebelwollen keinen Einfluß gestatten zu wollen“ (zitiert nach Reschke 2011: 62 [Hervorhebungen im Original gesperrt]). Postwendend ließ der Kaiser antworten, dass alle Untertanen ungeachtet ihres Standes und religiösen Bekenntnisses unter seinem landesväterlichen „Wohlwollen“ und die jüdischen, sofern patriotisch, unter seinem Schutz stünden (vgl. ebd.: 63).

Louise von Rothschild verstarb am 12. Dezember 1894 in Frankfurt am Main und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße beerdigt (vgl. Zeitungsbericht in Reschke 2011: 63-64), wo bereits ihre Töchter Clementine und Hannah Louise ruhten. Die Grabrede hielt Dr. Rudolf Plaut (1843–1914, vgl. Hock 2021b), durch Louise von Rothschilds Empfehlung seit 1882 zweiter (liberaler) Rabbiner der Frankfurter Israelitischen Gemeinde an der Hauptsynagoge. Hier offenbart sich eine weitere persönliche Querverbindung, wirkte doch sein Sohn, der Dermatologe und SPD-Kommunalpolitiker Dr. med. Theodor Plaut (1874–1938), von 1923 bis 1933 als Administrator des Dr. Christ’schen Kinderhospitals und Entbindungshauses, bis ihn die Nationalsozialisten aus dem Amt vertrieben (Hövels u.a. 1995: 129-134; Hock 2021c); sein Name ist auf der Erinnerungstafel des Clementine Kinderhospitals eingraviert (Abbildung in Reschke 2011: 107). Kehren wir zurück zu seinem Vater Rabbiner Rudolf Plaut, welcher in seiner Gedächnis-Rede an Louise von Rothschilds Grab auch den Einsatz der Gründerin für ihr Clementine-Mädchen-Spital in bewegten Worten schilderte:

„In dem Kinderkrankenhause, welches sie zum Andenken an ein eigenes, frühvollendetes Kind errichtet hatte, waren die armen, kranken Kinder der Gegenstand ihrer rührendsten Fürsorge und Aufmerksamkeit. Da scheute die teilnahmsvolle und hingebungsvolle Frau selbst in den Jahren ihres Greisenalters keine Beschwerden und keine Unbilden des Wetters, um sich nach der fortschreitenden Genesung der kranken Kleinen selbst umzusehen und ihnen jede nur mögliche Hilfe und Erleichterung zu Teil werden zu lassen.“

(Plaut 1894: 5-6)

Die Erbinnen: Adèle de Rothschild und ihre Schwestern

Das Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110, Juni 1910 – Aus der Fotosammlung von Gottfried Vömel, ISG FFM: Bestand S7Vö Nr. 1750 (Digitalisat veröffentlicht in: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de
Das Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110, Juni 1910 – Aus der Fotosammlung von Gottfried Vömel, ISG FFM: Bestand S7Vö Nr. 1750 (Digitalisat veröffentlicht in: Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de

„Dem Andenken des theuren Kindes/
widmete diese Staette/
zur Linderung von Leiden/
LOUISE VON ROTHSCHILD/
1875“

(Inschrift, zitiert nach Reschke 2011: 8)

Diese Inschrift findet sich unter einem Medaillon von Clementine von Rothschild, das aus dem 1943 zerstörten Gebäude des Kinderhospitals gerettet werden konnte – gemeinsam mit dem Medaillon, auf dem ihre Mutter Louise porträtiert ist (Reschke 2011: 6-7). Eröffnet wurde das Clementine-Mädchen-Spital am 15. November 1875 mit anfangs 18 Betten (16 Kranken- und zwei Reservebetten) – laut der Einweihungspredigt von Leopold Stein „im Hebräischen die Zahl des Lebens (,Chai‘)“ (Stein 1875: 4). Zuvor hatte Louise von Rothschild englische Fachleute zu Rate gezogen und sich am Vorbild eines „Pavillonsystems“ orientiert (Reschke 2011a: 26f.). Wie das orthodoxe Organ Der Israelit berichtet, trug das Spital

„die Aufschrift: ,Der Herr verwundet und verbindet,/ Er schlägt und seine Hände heilen.‘ […] Daß die Menschen-Freundlichkeit der Stifterin die Anstalt würdig und entsprechend ausrüsten werde, konnte man mit Sicherheit voraussetzen; aber selbst weitgehende Erwartungen sind übertroffen worden. Selbstverständlich ist allen Anforderungen der Heilkunde an Erwärmung, Ventilation und Desinfection nicht nur bezüglich der Kranken-Säle selbst, sondern des ganzen Hauses volle Rechnung getragen worden, und zwar nach dem Rath und selbst nach den Wünschen von den bedeutendsten Autoritäten der hygienischen Wissenschaften. Aber nicht nur allem Nothwendigen für die Pflege, auch dem Comfort der Leidenden ist überall Rücksicht geschenkt worden. […] Für die häusliche Verwaltung hat sich die Stifterin selbst die Ober-Aufsicht vorbehalten.“

(Clementine-Mädchen-Spital 1875 [Schreibweise nach Original])

Zugute kam das Spital bedürftigen Mädchen zwischen fünf und fünfzehn Jahren unabhängig von Stand, Religion sowie – anders als von Theobald Christ für sein Kinderhospital verfügt – der Ortsangehörigkeit; ob es für jüdische Patientinnen eine eigene koschere Versorgung gab, ist bislang ungeklärt. Für ihr Projekt hatte Louise von Rothschild die Stiftung ,Clementine Mädchenhospital‘ errichtet und ein 10.000 qm großes Grundstück an der Bornheimer Landwehr (Frankfurter Ostend) sowie 800.000 Goldmark zur Verfügung gestellt (Schiebler 1994a: 159). Eigens für die Klinik entstand inmitten einer Gartenlandschaft ein stattlicher Villenneubau (ISG FFM Bestand S8-1 Nr. 3272). Dass Louise von Rothschild bereits bei der Bauplanung finanzielle Großzügigkeit walten ließ, zeigt sich an der Wahl der ausführenden Architekten. Den Auftrag erteilte die Stiftung einem renommierten Erfolgsteam, das u.a. für das Frankfurter Diakonissenhaus und das Hotel ,Frankfurter Hof‘ verantwortlich zeichnete: Prof. Dr. h.c. Alfred Friedrich Bluntschli (1842–1930) aus Zürich und Carl Jonas Mylius (1839–1883) aus Frankfurt am Main (vgl. die Artikel von Sabine Hock und Reinhard Frost im Frankfurter Personenlexikon, Onlineausgabe: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1770 sowie https://frankfurter-personenlexikon.de/node/595 [21.02.2024]).

Adèle de Rothschild, um 1870, gemalt von Charles Louis Gratia – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Baronne_Salomon_de_Rotschild_-_Charles_Louis_Gratia.jpg
Adèle de Rothschild, um 1870, gemalt von Charles Louis Gratia – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Baronne_Salomon_de_Rotschild_-_Charles_Louis_Gratia.jpg

Die Erinnerung an das Clementine-Mädchen-Spital ist mit den Namen Clementine und Louise von Rothschilds verknüpft, doch verdanken sich Fortbestand, Entwicklung und Erfolg der stark frequentierten Klinik weiteren weiblichen Rothschilds: Nach Louise von Rothschilds Tod 1894 waren es ihre fünf noch lebenden Töchter mit Wohnsitz in London oder Paris, die sich für den letzten Willen ihrer Mutter engagierten und für die Stiftung mit Hilfe des Notars Dr. Eduard de Bary die Rechte einer juristischen Person beantragten; Kaiser Wilhelm II. erteilte die Genehmigung am 1. Februar 1896. Die Federführung lag in den Händen der Ältesten, Adèle de Rothschild (Hock 2019; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ad%C3%A8le_von_Rothschild [21.02.2024], unterstützt von ihren Schwestern Emma und Thérèse de Rothschild und möglicherweise mit Beteiligung der trotz nichtjüdischer Heiraten ebenfalls als Erbinnen eingesetzten jüngsten Schwestern Marguerite de Gramont und Berthe Claire de Wagram. Die zuverlässige Förderung – namentlich durch Adèle, Thérèse (beide Paris) und Emma de Rothschild (London) – ermöglichte den notwendigen weiteren Ausbau des Clementine-Mädchen-Spitals (s. auch ISG FFM: Bestand A.63.04 Nr. 362 u. Nr. 381). Hierüber informiert ein Bericht in der Frankfurter Zeitung vom 15. November 1899:

„Heute Vormittag wurde der Erweiterungsbau zu dem von Freifrau Karl [sic!] v. Rothschild [d.i. Louise von Rothschild, B.S.] als Andenken an ihre Tochter gestifteten Klementinen-Mädchenspital [sic!] am Bornheimer Landwehrweg eröffnet. […] Behandelt wurden bis jetzt in der Anstalt 2.313 Mädchen. Mehr als zwei Drittel davon wohnten in Frankfurt; die übrigen in der Umgegend; die Aufnahme erfolgt ohne Unterschied der Ortsangehörigkeit. Im Jahr 1895 wurden die früheren Bedingungen, nach denen nur Mädchen im Alter von 5 bis 15 [Jahren] Aufnahme finden sollten, dahin geändert, daß nunmehr das Alter auf 2 bis 15 Jahre festgesetzt wurde im Hinblick auf die große Zahl der Hilfesuchenden unter fünf Jahren. Zu einem Erweiterungs- und Umbau entschloß sich der Vorstand […] aus der Erwägung, daß es seit Jahren stets ganz belegt war und Aufnahmegesuche wegen Platzmangels oft abgelehnt werden mußten, sowie ferner aus dem Grunde, weil mancherlei Einrichtungen nicht mehr den Anforderungen der Jetztzeit entsprachen. Die Mittel waren durch Verkauf eines größeren Stückes der zu der Anstalt gehörigen Ländereien, die kaum einen Ertrag lieferten, vorhanden. […] die Arbeiten begannen im Juni 1898 und wurden Ende Oktober 1899 beendet. Die Form und Größe der neuen Säle entspricht genau denen des alten Hauses, sie haben bis 10 Meter Länge, 6 Meter Breite und 3,70 Meter Höhe und Raum für 8 bis 10 Betten. […] Freifrau James v. Rothschild hat für das Vestibül [repräsentative Eingangshalle, B.S.] die Marmorbüste der Gründerin gestiftet, die folgende Widmung trägt:
Luise [sic!] von Rothschild.
Helfend für Arme und Kranke zu sorgen, war im Leben ihr Ziel, ihre Freude,/
Ueber das Grab hinaus bleibt ihr Werk des liebevollen Sinnes dauerndes Denkmal.“

(Clementine-Mädchen-Spital 1899 [Hervorhebungen im Original gesperrt])

Ausführender Architekt war Friedrich Sander (1869–1939), welcher Aufnahme in die Edition Akteure des Neuen Frankfurt gefunden hat (Quiring 2016). Mit „Freifrau James v. Rothschild“ ist Adèle de Rothschild, seit 1862 verheiratet mit ihrem Pariser Großcousin Salomon James de Rothschild, gemeint. Nur zwei Jahre später verwitwet, hat sie mit ihrer kleinen Tochter Hélène des Öfteren ihre Familie in Frankfurt besucht. In Paris soll sie einen luxuriösen Lebensstil gepflegt haben, engagierte sich aber zugleich in der Zedaka sowie für Kunst und Bildung; tatkräftig stand sie dem Frankfurter Stiftungswerk ihrer Mutter und ihrer Schwester Hannah-Louise zur Seite. 1887 schenkte sie dem Frankfurter Städel Tischbeins berühmtes Gemälde Goethe in der Campagna di Roma. Das Clementine-Mädchen-Spital förderte Adèle de Rothschild zusammen mit ihren Schwestern

„lange (bis zur Hyperinflation zu Beginn der 1920er Jahre) mit hohen Spenden, angeblich im Gesamtbetrag von 750.000 Goldmark. Oft bedachte Adèle de R. weitere Stiftungen und Vereine ihrer Vaterstadt mit größeren Zuwendungen. In Paris setzte sie, ebenfalls zusammen mit ihrer Schwester Thérèse, das wohltätige Wirken ihrer Schwiegermutter Betty de R.[othschild] fort.“

(Hock 2019)

Als das letzte Förderjahr nennt Gerhard Schiebler (ders. 1994: 159) das Jahr 1921 – Adèle de Rothschild ist am 11. März 1922 in Paris verstorben. Ihre Tochter Hélène hatte sie wegen deren Heirat (1887) mit einem nichtjüdischen Adligen enterbt, weshalb ihr Nachlass an den Staat und weitere Institutionen in Frankreich überging. Vermutlich bemühten sich Adèles Schwestern Emma und Thérèse um die weitere Förderung, doch kam es 1928 inflationsbedingt zur Übergabe des Clementine-Mädchen-Spitals an den Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz (seit 1935: Krankenhaus Maingau vom Roten Kreuz), verbunden mit der Namensänderung in ,Clementine Kinderhospital‘. Fortan wurden Kinder beiderlei Geschlechts behandelt – nicht mehr kostenfrei, sondern gegen die Entrichtung eines Pflegegelds; ein Freibett sollte an die Stifterin Louise von Rothschild erinnern. Der nationalsozialistische Machtantritt markierte zugleich das Ende des interkonfessionellen Anliegens des Clementine Kinderhospitals: Das Andenken an die jüdischen Stifterinnen wurde ausgelöscht, als ,nichtarisch‘ klassifizierten Kindern im Sog der ,Nürnberger Rassengesetze‘ (1935) die Aufnahme verweigert. Bereits 1934 war Professor Paul Grosser, der hochangesehene Chefarzt und Direktor des Clementine Kinderhospitals, von den Nationalsozialisten vertrieben, im französischen Exil einem Herzinfarkt erlegen (Hoevels u.a. 1995: 120-128; Hock 2021d).

Hüter/innen des Hauses: Familie de Bary, Großherzogin Luise und der Badische Frauenverein

Als den ersten Chefarzt und Leiter der Administration des Clementine-Mädchen-Spitals berief Louise von Rothschild 1875 den Hausarzt der Familie Rothschild: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Johann Jakob de Bary (1840–1915, vgl. Hock 1986a), welcher sich auch als Kommunalpolitiker (von 1883 bis 1912 Stadtverordneter für die Fortschrittspartei) einen Namen machte. Über Generationen waren die de Barys mit dem liberalen Zweig der Frankfurter Rothschilds und seinen Sozial- und Pflegeprojekten, insbesondere dem Clementine-Mädchen-Spital und der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum, eng verbunden. So unterstützte Luise (Louise Caroline) de Bary (1875–1964), die langjährige Oberin des Carolinum, ihren Vater Jakob de Bary im Clementine-Mädchen-Spital (Windecker 1990: 170 mit Abb.: https://www.uni-frankfurt.de/71289964/Stiftung_Carolinum.pdf [21.02.2024]). Die Familie de Bary war nichtjüdisch und konnte somit beide Institutionen durch die NS-Zeit retten. Ihre Vorfahren waren nach bisheriger Kenntnis im 17. Jahrhundert als calvinistische Glaubensflüchtlinge aus dem belgischen Teil der damaligen „Spanischen Niederlande“ nach Frankfurt am Main zugewandert und dort zu Wohlstand und Ansehen gelangt (Hock 1986c); als ,Reformierte‘ gehörten sie innerhalb des in Frankfurt lutheranisch dominierten Protestantismus zu einer Minderheit. Dem Chefarzt Dr. Jakob de Bary verdanken wir detaillierte Berichte zur Ausstattung und Inneneinrichtung des Clementine-Mädchen-Spitals (z.B. Bary J. 1899; s. auch Schembs 1978: 134) wie auch zum Kranken- und Pflegestand: So versorgte die Mädchenklinik im Jahr 1887 trotz Unterbrechungen durch Renovierungsarbeiten 82 Patientinnen, wobei der kürzeste Aufenthalt 6 Tage, der längste 286 Tage betrug. Am häufigsten wurden Bewegungsorgane (Muskeln, Gelenke, Knochen) behandelt, gefolgt von Atemwegserkrankungen wie Bronchitis (Bary J. 1888: 169-171).

Clementine-Mädchen-Spital: Maßzeichnung eines Betttischchens mit Schrank für Nachttopf (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, März 1877) – Nachweis: Jakob de Bary: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M. 1899 (s. auch Barbara Reschke: Full of talent and grace, Frankfurt a.M. 2011: 101)
Clementine-Mädchen-Spital: Maßzeichnung eines Betttischchens mit Schrank für Nachttopf (aus dem Bericht von Dr. Jakob de Bary, März 1877) – Nachweis: Jakob de Bary: Clementine-Mädchen-Spital. 1875–1899. Frankfurt a.M. 1899 (s. auch Barbara Reschke: Full of talent and grace, Frankfurt a.M. 2011: 101)

Den väterlichen Fußstapfen folgte von 1912 bis 1928 als Chefarzt der gleichfalls angesehene, gut vernetzte Mediziner und Kommunalpolitiker (1924–1933 Stadtverordneter für die Deutsche Volkspartei) Dr. med. Dr. med. dent. h.c. August Georg Ludwig de Bary (1874–1954), seit 1902 praktischer Arzt am Clementine-Mädchen-Spital (Hock 1986b; s. auch ISG FFM Bestand S2 Nr. 594). Von 1915 bis 1953 trat er im Vorstand des Carolinum ebenfalls die Nachfolge seines Vaters an (seit 1944 als Vorsitzender). Von 1933 bis 1953 fungierte er als Betriebsleiter des Bürgerhospitals. Von seinen zahlreichen Ämtern und Leitungsfunktionen sei aus der Sicht der Pflege noch die Vorstandstätigkeit für das Frankfurter Diakonissenhaus sowie den Vaterländischen Frauenverein erwähnt; für letzteren war er von 1904 bis 1921 als Hausarzt und Schwesternlehrer tätig.

August de Bary, Gemälde (Öl auf Leinwand) von Rudolf Gudden, 1929 – Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bary_August_de.jpg
August de Bary, Gemälde (Öl auf Leinwand) von Rudolf Gudden, 1929 – Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de / Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bary_August_de.jpg

Sein komplexes Handeln unter den Bedingungen der NS-Zeit bleibt auch im Hinblick auf die Rothschild-Stiftungen noch eingehender zu untersuchen. In der Nachkriegszeit wirkte August de Bary von 1948 bis 1952 als ehrenamtlicher Stadtrat; 1953 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. 1954 wurde er Ehrensenator der Frankfurter Universität und zudem für seine vielfältigen Verdienste um die Stadt Träger der Goethe-Plakette. Noch im gleichen Jahr ist er verstorben.

Die Schirmherrin Großherzogin Luise von Baden, 1880 – Nachweis: Hoffotograf: Wilhelm Kuntzemüller (1845–1918), Baden-Baden. Reproduktion: Günter Josef Radig, Stadtwiki Karlsruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Gro%C3%9Fherzogin_Luise_1880.JPG
Die Schirmherrin Großherzogin Luise von Baden, 1880 – Nachweis: Hoffotograf: Wilhelm Kuntzemüller (1845–1918), Baden-Baden. Reproduktion: Günter Josef Radig, Stadtwiki Karlsruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Gro%C3%9Fherzogin_Luise_1880.JPG

Wie das Dr. Christ‘sche Kinderhospital hat auch das Clementine-Mädchen-Spital neben seiner noch weiter zu recherchierenden Medizingeschichte eine nicht minder beeindruckende Pflegegeschichte vorzuweisen, interkonfessionell geprägt wie das Spital selbst. Konnte doch die Gründerin Louise von Rothschild die Großherzogin von Baden als „Protektorin“ (Schirmherrin) und den von ihr errichteten Badischen Frauenverein als Organisator der Pflege des immerhin außerhalb Badens gelegenen Frankfurter Mädchenkrankenhauses gewinnen. So heißt es in dem Bricht über die Eröffnung des Erweiterungsbaus im November 1899: „Die Protektorin der Anstalt, die Großherzogin von Baden, sei leider verhindert, der Feier beizuwohnen […]. Frau Bürgermeister Lauter – Karlsruhe überbrachte Grüße der Großherzogin von Baden sowie des badischen Frauenvereins, dessen Schwestern die Leitung und Pflege in der Anstalt obliegt“ (Clementine-Mädchen-Spital 1899 [Hervorhebungen im Original gesperrt]).

Großherzogin Luise von Baden (1838–1923), eine geborene Prinzessin von Preußen, war die Tochter des Deutschen Kaisers Wilhelm I. (einführend Wikipedia: Luise von Preußen (1838–1923) [21.02.2024]). Louise von Rothschilds sozialethischer Gesinnung stand die fürstliche „Menschenfreundin“ (zit. n. Hindenlang 1925) mit ihrem Einsatz für Wohlfahrt, Krankenpflege und Frauenrechte recht nahe. Bereits als Neunzehnjährige legte sie die Grundlagen für die Errichtung (1859) des traditionsreichen Badischen Frauenvereins (Schraut 2012; Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Badischer_Frauenverein [21.02.2024]), der eine hohe Mitgliederzahl erreichte und innovative Einrichtungen der Pflege schuf (Badische Schwestern: https://drk-badische-schwesternschaft.de/ueber-uns/geschichte [21.02.2024]). Verbindung zu der Großherzogin und dem Frauenverein fand Louise von Rothschild möglicherweise über die Lazarettpflege während des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71): Mit der ihr eigenen Tatkraft hatte sie in der Frankfurter Hafenstraße für verwundete Soldaten ein privates Lazarett mit 30 Betten organisiert, „das sie und ihre Töchter täglich besuchten“ (Hock 2020b). Für ihre Verdienste um die Kranken- und Verwundetenpflege wurde Louise von Rothschild mit dem höchsten ,Damenorden‘ des Königreiches Preußen, dem Königlich Preußischen Louisenorden, ausgezeichnet – verliehen von Kaiserin Augusta, der Mutter Luise von Badens. Auch Louises Tochter Adèle de Rothschild wird als Trägerin des Louisenordens genannt (vgl. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Tr%C3%A4gerin_des_Louisenordens [21.02.2024]).

Bei der im Bericht über die Erweiterung des Clementine-Mädchen-Spitals erwähnten „Frau Bürgermeister Lauter“ – sie übermittelte bei der Frankfurter Eröffnungsfeier die Grüße der Großherzogin Luise – handelt es sich um Anna Lauter (1847–1926, einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Lauter [21.02.2024]). Die Witwe des früheren Karlsruher Oberbürgermeisters Wilhelm Lauter war von 1899 bis zu ihrem Tod 1926 Präsidentin der u.a. für die Ausbildung des Pflegepersonals zuständigen „Abteilung III“ des Badischen Frauenvereins vom Roten Kreuz (Badische Schwesternschaft: Festschrift 1960: 8).

Erinnerungstafel am Gebäude des Badischen Frauenverein in Karlsruhe, Mathystraße 28 – Fotografin: Ah (Anke Hüper, Karlsruhe), 15.10.2005, Stadtwiki Karlruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Badischer_Frauenverein.jpg [Creative Commons-Lizenz / letzter Aufruf: 21.02.2024]
Erinnerungstafel am Gebäude des Badischen Frauenverein in Karlsruhe, Mathystraße 28 – Fotografin: Ah (Anke Hüper, Karlsruhe), 15.10.2005, Stadtwiki Karlruhe: https://ka.stadtwiki.net/Datei:Badischer_Frauenverein.jpg [Creative Commons-Lizenz / letzter Aufruf: 21.02.2024]

Die spannende Geschichte der bis heute aktiven Badischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz – Luisenschwestern – e.V. zu Karlsruhe, der ältesten Rotkreuzinstitution in Deutschland, ist auf der mit Dokumenten und Abbildungen angereicherten Internetseite https://drk-badische-schwesternschaft.de [21.02.2024] nachzulesen. Hier seien noch einige Hinweise, etwa zur interkonfessionellen Ausrichtung, gegeben: So gehörte zum ersten Komitee des ursprünglichen Trägers der Schwesternschaft, dem Badischen Frauenverein, mit Ida Weill geb. Henle (1833–1915) auch eine jüdische Karlsruherin (Badische Schwesternschaft: Statuten des Badischen Frauenvereins vom 06.06.1859). Bereits „1860 wurden Ordensschwestern des Vinzentiushauses und Diakonissen der Diakonissenanstalt in Karlsruhe die ersten praktischen Lehrmeisterinnen der so genannten Lehrwärterinnen“ (zit. n. Badische Schwesternschaft: Festschrift 2009: 2). Im Kontext der voranschreitenden Professionalisierung der Pflege ermöglichte seit 1894 eine so genannte „Sonderausbildung“ den Badischen Schwestern die Weiterqualifikation zur Hebamme oder zur Säuglings- und Kinderkrankenpflegerin (ebd.: 11) – Kenntnisse, die vermutlich auch dem Clementine-Mädchen-Spital zugutekamen. Dessen „Oberin war im Jahre 1883 E. Lölling“ (Schiebler 1994: 159). Hier könnte die weitere biografische Spurensuche einsetzen.

Obgleich von den nachhaltigen Folgen der Shoah unmittelbar betroffen, erbaute die Rothschild‘sche Stiftung, nach der nationalsozialistischen Zwangsenteignung wieder in ihre Rechte eingesetzt, im Jahr 1954 gemeinsam mit der Christ‘schen Stiftung ein neues Kinderkrankenhaus. Die fortgesetzte Tradition der interkonfessionellen Zusammenarbeit mündete 1974 in eine gemeinsame Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘sche Stiftung, die bis 2008 bestand. 2009 fusionierte sie mit der Stiftung ,Bürgerhospital Frankfurt am Main e.V.‘ unter dem Dach des ,Verein Frankfurter Stiftungskrankenhäuser e.V.‘ – seit 2014 die gemeinnützige Gesellschaft ‚Bürgerhospital und Clementine Kinderhospital gGmbH‘. Die beiden so eng verschwisterten Krankenhäuser haben ihre Eigenständigkeit und ihr Geschichtsbewusstsein bewahrt; eine geplante räumliche Nachbarschaft kam aus finanziellen Gründen nicht zustande (Micksch 2023). Wie eingangs erwähnt, ist die Historie des Bürgerhospitals (Bauer 2004; einführend https://www.buergerhospital-ffm.de/das-buergerhospital/geschichte; s. auch Trautsch 2020 [21.02.2024]) mit dem Namen eines weiteren großen Frankfurters verbunden: dem Gründer Dr. Johann Christian Senckenberg (1707–1772), Arzt, Naturforscher, Mäzen und ein Reformer des Frankfurter Gesundheitswesens (Dr. Senckenbergische Stiftung: https://www.senckenbergische-stiftung.de [21.02.2024]). Der dreifache Witwer hatte keine Erben: Seine Tochter und sein Sohn waren bereits im Kleinkindalter verstorben – an einer Hirnhautentzündung und an Tuberkulose.

Birgit Seemann, Stand: Februar 2024

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (siehe auch Bestandsdaten bei Arcinsys Hessen: https://arcinsys.hessen.de)
• Bestand A.63.04 Nr. 362: Bornheimer Landwehrstraße 60 [sic!], Bau des Clementinen-Kinderhospitals für Baronin M.[ayer] C.[arl, d.i. Louise] von Rothschild, eigentlich: Clementinen Mädchenhospital, spätere An- und Umbauten, mit Plänen (Laufzeit: 1873–1909)
• Bestand A.63.04 Nr. 381: Bornheimer Landwehr 60 (110), Clementine-Kinderhospital, bauliche Veränderungen, Bd. 2, mit Plänen (Laufzeit: 1912–1939)
• Bestand H.15.15 Nr. 1865-487: Rothschild, Clementine Henriette von (Sachakte, Nachlass)
• Bestand S2 Nr. 594: Bary, August de (Fallakte)
• Bestand S2 Nr. 19473: Rothschild, Clementine von (Fallakte)
• Bestand S6a Nr. 411: Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M. (gedr. Ms.)
• Bestand S8-1 Nr. 3272: Betreffend den Neubau eines Kinderhospitals für Frau Baronin M[ayer] C[arl, d.i. Louise] v. Rothschild. [Clementine-Mädchen-Spital, Bornheimer Landwehr 110 im Ostend]. – Beschreibung: 1. Grdr. Souterrain, 2. Grdr. EG, 3. Grdr. 1.OG, 4. Westfacade, 5. Nordfacade, Südfacade, 6. Längenschnitt, 7. Querschnitte. – Urheber: Mylius [Carl Jonas] und Bluntschli [Alfred Friedrich]: Architekten
• Bestand V165: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ‘sche Stiftung

Digitalisierte Sammlungen

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all
• Judaica Ffm, Compact Memory, digitalisierte Periodika: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/title

Periodika

FAZ: Frankfurter Allgemeine Zeitung
FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt, digitalisiert: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Compact Memory
FZ: Frankfurter Zeitung
It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum, digitalisiert: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Compact Memory

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Clementine-Mädchen-Spital 1899: Klementinen-Mädchenspital [sic!]. [Bericht zur Eröffnung des Erweiterungsbaus, o.Verf.]. In: Frankfurter Zeitung, 15.11.1899, online: UB JCS Ffm, Judaica Ffm, Rothschild-Sammlung 1899, Teil 2, S. 291, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/rothschild/content/titleinfo/4306441

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Clementine Kinderhospital Ffm: Clementine Kinderhospital Frankfurt am Main: https://www.clementine-kinderhospital.de

Clementine Kinderhospital Geschichte: Clementine Kinderhospital: Zwei Stiftungen, eine Vision: Kindgerechte Heilkunst in Frankfurt: https://www.clementine-kinderhospital.de/das-clementine/geschichte

Clementine Kinderhospital Wikipedia: Clementine Kinderhospital: https://de.wikipedia.org/wiki/Clementine_Kinderhospital

DGKJ Datenbank: Jüdische Kinderärztinnen und -ärzte 1933–1945. Hg.: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), Berlin. Red.: Vera Seehausen, Online-Datenbank: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945

Dr. Senckenbergische Stiftung, Frankfurt am Main: https://www.senckenbergische-stiftung.de
Dr. Senckenbergische Portraitsammlung: https://www.senckenbergische-portraitsammlung.de

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), https://frankfurter-personenlexikon.de

ISG FFM NS: Frankfurt am Main 1933–1945. Hg.: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, https://www.frankfurt1933-1945.de

The Rothschild Archive, London: https://www.rothschildarchive.org

Wikipedia: Kinderkrankenpflege: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderkrankenpflege – Säuglingspflege: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4uglingspflege

Abbildung: Das Innere der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main in der Schützenstraße, o.J. [um 1888] – Nachweis: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. Frankfurt a.M. 1889, unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299

„Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft“: Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (1886–1941), ein Pflegeprojekt der Israelitischen Religionsgesellschaft (Neo-Orthodoxie)

Einführung

„Das israelitische Kinderhospital wurde im Jahre 1886 von Freifrau Mathilde von Rothschild im Hause Röderbergweg 109 zur unentgeltlichen Aufnahme kranker, mittelloser israelitischer Kinder von 4 bis 12 Jahren gegründet. Es enthält in zwei Stockwerken vier Zimmer mit zusammen 12 Betten, darüber ein Operationszimmer, einen Tageraum, ein Wartezimmer sowie einen großen Garten. Die Zahl der 1912 im Kinderhospital behandelten kranken Kinder war 85.“

(Hanauer 1914: 51f. [Hervorhebungen im Original gesperrt])

Diese Information zu dem Mathilde von Rothschild´schen Kinderhospital, einem heute weitgehend ,vergessenen‘ Frankfurter jüdischen Kinderkrankenhaus, verdanken wir dem Beitrag Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main (Hanauer 1914: 51f.), abgedruckt in der Festschrift zur Einweihung des Krankenhauses der Frankfurter Israelitischen Gemeinde (Gagernstraße 36). Verfasst hat ihn der angesehene Frankfurter praktische Arzt, Kinderarzt, Sozialmediziner und Kommunalpolitiker Prof. Dr. Wilhelm Hanauer (1866 – 1940 Bendorf-Sayn: NS-,Euthanasie‘-Zwischenanstalt, zuvor Israelitische Heil- und Pflegeanstalt).

Abbildung: Das Innere der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main in der Schützenstraße, o.J. [um 1888] – Nachweis: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. Frankfurt a.M. 1889, unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299
Abbildung: Das Innere der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main in der Schützenstraße, o.J. [um 1888] – Nachweis: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. Frankfurt a.M. 1889, unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299

Die erstmalige Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main betrifft diesmal ein Langzeitprojekt der Neo-Orthodoxie: das durch Mathilde Freifrau von Rothschild (1832–1924) im Jahr 1886 errichtete, nach ihr benannte und bis zur NS-Zwangsauflösung 1941 bestehende Rothschild‘sche Kinderhospital. Sein Standort war der damalige Röderbergweg 109 (heute: Habsburgerallee 112): Anders als das liberal-jüdisch ausgerichtete Krankenhaus der Israelitischen Muttergemeinde oder das interkonfessionelle Clementine-Mädchen-Spital, das in einem weiteren Beitrag vorgestellt wird (Seemann 2022b), war das Rothschild‘sche Kinderhospital Teil des Wohlfahrts- und Pflegenetzwerkes der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) – ein „Jewish Space“ auf dem Frankfurter Röderberg (vgl. Seemann 2016; Bönisch 2019; siehe auch Schiebler 1994: 165-166). Die Austrittsgemeinde IRG verfügte über eine eigene prächtige Synagoge in der Schützenstraße (Innenstadt). Dort betete auch das Stifterehepaar Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild (1828–1901), bis der fromme „Baron Willy“, wie er genannt wurde, mit einer Großspende den Bau einer größeren Synagoge in der Friedberger Anlage im orthodox-jüdischen geprägten Ostend anstieß (vgl. Initiative 9. November 2010; Alemannia Judaica Ffm IRG); deren feierliche Einweihung 1907 konnte er selbst nicht mehr erleben.

Das Rothschild‘sche Kinderhospital erhob sich benachbart zu dem von Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild im Gedenken an ihre älteste Tochter Georgine Sara (1851–1869) bereits 1870 errichteten Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (fünfteilige Artikelserie). Das Kinderhospital, von welchem uns bislang leider keine Abbildungen vorliegen, pflegte und ernährte bedürftige jüdische (und auf Wunsch gewiss auch nichtjüdische) Mädchen und Jungen. Zu Anfang fanden zwölf, später pro Jahr bis zu 100 und 1932 sogar 140 kranke Kinder und Jugendliche eine unentgeltliche stationäre Aufnahme. Gleich ihrer Tante und Schwägerin Louise von Rothschild (1820–1894) galt auch Mathilde von Rothschilds besondere Fürsorge den kranken Mädchen.

„(…) dem alten gesetzestreuen Judenthum, das man das orthodoxe nennt“ – Samson Raphael Hirsch, Mitbegründer der deutsch-jüdischen Neo-Orthodoxie, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft (Austrittsgemeinde) in Frankfurt am Main

Abbildung: Zeichnung (Porträt) von Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main, ohne Jahr – Nachweis: Titelbild (Ausschnitt): Adolf Blumenthal: Die geschichtliche Bedeutung von Samson Raphael Hirsch für das Judenthum. [Vortrag]. Frankfurt a.M. 1889, Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-140979
Abbildung: Zeichnung (Porträt) von Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt am Main, ohne Jahr – Nachweis: Titelbild (Ausschnitt): Adolf Blumenthal: Die geschichtliche Bedeutung von Samson Raphael Hirsch für das Judenthum. [Vortrag]. Frankfurt a.M. 1889, Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-140979

„Das jüdische Herz, wie man es nennt, wir sagen: das jüdische Pflichtgefühl, die Mizwagesinnung[,] wird überall und zu jeder Zeit Gemüther und Hände für alles Humane und Menschenbeglückende öffnen und einen, und das Religiöse, wo es vorhanden ist, wo es eine Wahrheit des Denkens und Wollens ist, da wird es sich gerade unter dem Strahle der Freiheit zu den opferfreudigsten Vereinigungen und zu den blüthenreichsten Gestaltungen hinausleben. Und wo es nicht vorhanden, wo es keine Wahrheit ist, wo es nur als gefärbte Luxusblume hervorgezwungen, hervorgekünstelt werden soll, um ein Scheindasein zu fristen, da, spricht der Genius der Menschheit, mag‘s verkümmern, es ist doch kein Segen daran.“

(Hirsch S.R. 1876: 14)

Mit diesen eindringlichen Worten, abgedruckt in seiner Erklärungsschrift Der Austritt aus der Gemeinde (Hirsch, S.R. 1876: 14), begegnete Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) der drängenden Sorge im Frankfurter Judentum, dass durch die Trennung der Israelitischen Religionsgesellschaft von der liberalen Israelitischen Gemeinde neben den Gemeinde-, Familien- und Geschäftsbeziehungen womöglich auch die Wohlfahrt Schaden nähme. Rabbiner Hirschs Hinweis galt der Zedaka, der alle jüdischen Richtungen verbindenden Verpflichtung (Mitzwa) zu sozialer Gerechtigkeit. Die Loslösung von der Muttergemeinde ermöglichte das 1876 in Preußen erlassene ,Austrittsgesetz‘: Fortan konnten deutsche Juden aus der Synagogengemeinde ihres Wohnortes auszutreten, ohne zugleich die jüdische Religionsgemeinschaft zu verlassen. Doch wie kam es überhaupt zu diesem radikalen Schritt?

Aus der jüdischen Aufklärung (Haskala) und dem Kampf um staatsbürgerliche Gleichstellung war eine liberale Reformbewegung hervorgegangen. Sie sah den Fortbestand der von Antisemitismus, interkonfessionellen Ehen und Konversionen betroffenen jüdischen Minderheit durch die Integration in die nichtjüdisch-christliche deutsche Mehrheitsgesellschaft gesichert. Das von Antisemiten als rückständig geschmähte Judentum sollte dabei keineswegs preisgegeben werden, sondern sich als modernisierte Religion neben der christlichen behaupten. Dagegen formierte sich eine traditionsbewusste Opposition, die Reformen wie die Verkürzung der Liturgie in den jüdischen Gottesdiensten, die Einführung der Orgel, Gebete und Gesang in deutscher Sprache oder gar Pläne hinsichtlich einer Verlegung des Schabbat auf den Sonntag zutiefst missbilligte. Als führender Vertreter der oppositionellen so genannten Neo-Orthodoxie wollte Rabbiner Samson Raphael Hirsch

„das orthodoxe Judentum im Zeitalter der Emanzipation neu beleben und trat für die Synthese von Gotteslehre, religiöser Praxis und moderner, deutscher Bildung ein, auf hebräisch ,Thora im Derech Erez‘. Die Vereinbarkeit von absoluter Thoratreue, Frömmigkeit und säkularer Bildung, war die Grundlage seines Denkens und Handelns.“

(Zitiert nach: JM Ffm Infobank Judengasse: https://www.judengasse.de/dhtml/P134.htm [03.11.2022]; siehe auch Arnsberg 1983 Bd. 3: 199-202; Tasch 2011; Selig 2014; Morgenstern 2021).

Rabbiner Hirsch war kein rückwärtsgewandter Fundamentalist, sondern ebenso wie seine liberal-reformerischen Gegner an der Mitgestaltung der Moderne interessiert – jedoch ausdrücklich auf der Grundfeste der Überlieferung, „dem alten gesetzestreuen Judenthum, das man das orthodoxe nennt“ (Hirsch S.R.1876: 3). Als eine transformative und diskursive Religion hat das Judentum von jeher neue gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert und adaptiert. So bewegte sich Rabbiner Hirsch ganz in der jüdischen Tradition, als er sie für säkulare Bildung und bürgerliche Kultur öffnete. Eine Akkulturation an die nichtjüdisch-christliche Mehrheitsgesellschaft kam für die jüdische Neo-Orthodoxie jedoch einer Selbstauflösung gleich, strebte sie doch danach, „die Einflüsse der Umwelt im Dienste der Thora zu integrieren“ (Heuberger/ Krohn 1988: 75; siehe auch Morgenstern 1995 u. 2010; Liberles 1997).

Die von alteingesessenen jüdischen Familien getragene Israelitische Religionsgesellschaft (Kehilat Jeschurun = Gemeinde Israels) hatte sich bereits 1851 konstituiert. Mit Samson Raphael Hirsch stellte die IRG einen eigenen prominenten Rabbiner. Gleichwohl folgte im Jahr 1876 Rabbiner Hirschs Aufruf an seine orthodoxen Mitstreiter, der Israelitischen Gemeinde den Rücken zu kehren und sich der IRG anzuschließen, nur eine Minderheit: Die Mehrzahl blieb, nunmehr als ‚Konservative‘ oder ‚Gemeindeorthodoxie‘ bezeichnet, als kleinerer Flügel mit einer eigenen Synagoge und einem eigenen Rabbiner der Israelitischen Muttergemeinde erhalten. Trotz einiger Doppelmitgliedschaften in der Israelitischen Gemeinde und der IRG-Austrittsgemeinde war das Band zwischen der Gemeindeorthodoxie und der Trennungsorthodoxie um Rabbiner Hirsch gerissen. Wie mehrfach erwähnt, betrafen die Kontroversen unmittelbar die alten Frankfurter jüdischen Familien und auch die Bankiers- und Stifterfamilie von Rothschild: Mayer Carl von Rothschild und seine Frau Louise von Rothschild waren liberal-reformerisch gesinnt. Sein jüngerer Bruder Wilhelm Carl von Rothschild und seine Schwägerin Hannah Mathilde von Rothschild bekannten sich zur Israelitischen Religionsgesellschaft, wobei sich auch hier eine Doppelmitgliedschaft vermuten lässt.

Das Rothschild‘sche Kinderhospital als Familienprojekt und Gemeinschaft zur Stärkung des Judentums

Abbildung: Hannah Mathilde von Rothschild, ohne Jahr - © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection
Abbildung: Hannah Mathilde von Rothschild, ohne Jahr – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Bei allen Zerwürfnissen gab es zwischen der Trennungsorthodoxie und der Muttergemeinde einige Querverbindungen – vor allem familiäre: Mathilde und Louise von Rothschild, letztere die Gründerin des interkonfessionellen Clementine-Mädchen-Spitals (Seemann 2022b), waren nicht nur Schwägerinnen, sondern auch Nichte und Tante; ihre Töchter Georgine Sara und Clementine, beide jung verstorben, waren Cousinen. Zudem hielten Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild Kontakt zur Gemeindeorthodoxie, um die Kluft zwischen den beiden Frankfurter jüdischen Gemeinden nicht weiter zu vertiefen. 1907 stiftete Mathilde von Rothschild zum Andenken an ihre zweite früh verstorbene Tochter Minna Caroline („Minka“) von Goldschmidt-Rothschild (1857–1903) für das ebenfalls auf dem Röderberg gelegene gemeindeorthodoxe Pflegeheim Gumpertz‘sches Siechenhaus eine großen modernen Neubau (Seemann/ Bönisch 2019 sowie die Beiträge bei Jüdische Pflegegeschichte [03.11.2022]). Überdies hatten Minkas Eltern ihrer Heirat mit dem nicht sonderlich orthodoxen Bankier und Kunstmäzen Maximilian („Max“) von Goldschmidt-Rothschild (1843–1940) zugestimmt – trotz der Weigerung von Rabbiner Samson Raphael Hirsch, das Paar zu trauen.

Abbildung: Max von Goldschmidt-Rothschild, ohne Jahr – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_von_Goldschmidt-Rothschild.jpg?uselang=de [03.11.2022
Abbildung: Max von Goldschmidt-Rothschild, ohne Jahr – Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_von_Goldschmidt-Rothschild.jpg?uselang=de [03.11.2022]

Gleichwohl war es gerade Max von Goldschmidt-Rothschild (einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_von_Goldschmidt-Rothschild [03.11.2022]), welcher sich nach Mathilde von Rothschilds Tod 1924 gemeinsam mit seiner Tochter Lili Schey von Koromla (1883–1929) um das Rothschild‘sche Kinderhospital und weitere Institutionen ihres umfangreichen Stiftungsvermächtnisses kümmerte. Was Lili Schey von Koromla betraf, hatte sie nicht nur eine enge Verbindung mit ihrer Großmutter, sondern wurde darüber hinaus als die letzte „Frankfurter Vertreterin des altberühmten Hauses“ der Rothschild-Dynastie und als eine „würdevolle jüdische Frau und Mutter“ gewürdigt, wie es etwa im Nachruf ihres Religionslehrers Julius Höxter heißt (vgl. Schey von Koromla 1929b; siehe auch dies. 1929a sowie Arnsberg 1983 Bd. 3: 464-466). 1929 sprach zu ihrer Beerdigung auf dem Alten Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße nicht der Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft, sondern der Rabbiner der Gemeindeorthodoxie Jakob Horovitz. Als ,Dritte im Bunde‘ unterstützte das Rothschild‘sche Kinderhospital von Paris aus Lilis Tante Adelheid (Adélaïde, „Ada“) de Rothschild (1853–1935). Das orthodox-jüdische Publikationsorgan Der Israelit vom 10. August 1933 wurde sogar

„in Anknüpfung an die in der vorigen Nummer erschienene Notiz über den 80. Geburtstag der Baronin Adelheid von Rothschild in Paris gebeten, auf die Verdienste der Jubilarin um das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital in Frankfurt a.M. hinzuweisen, das nach der Inflation vollkommen mittellos dastand und durch eine große Stiftung der Jubilarin im Jahre 1925 erneuert und für die Dauer leistungsfähig gemacht wurde.“

(Zitiert nach Rothschild‘sches Kinderhospital 1933 [Hervorhebungen im Original gesperrt]).

Adelheid de Rothschild war Mathilde von Rothschilds letzte noch lebende Tochter und ebenfalls eine vielseitig engagierte Stifterin und Mäzenin (einführend Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Adelheid_von_Rothschild [03.11.2022]). Die fromme Tradition ihrer Eltern fortsetzend, blieb sie im Gedächtnis als „Die Frau, die zu Gott betete“ (zit. n. Magin-Pelich 2003, Titel).

Abbildung: Marcus Hirsch, Porträt, um 1873 – Nachweis: [Nachruf:] Dr. med. Markus Hirsch [seligen Angedenkes] – Frankfurt a.M. In: Der Israelit 34 (1893) 88, Beilage, S. 1675, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/all
Abbildung: Marcus Hirsch, Porträt, um 1873 – Nachweis: [Nachruf:] Dr. med. Markus Hirsch [seligen Angedenkes] – Frankfurt a.M. In: Der Israelit 34 (1893) 88, Beilage, S. 1675, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/nav/index/all

Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschilds trotz aller Zwistigkeiten anhaltende Verbundenheit mit der Neo-Orthodoxie und der Rabbinerfamilie Hirsch umfasste auch Samson Raphael Hirschs Sohn Dr. Marcus (Markus, Mordechai) Hirsch (1838–1893): Er wurde Gründungsarzt und erster Chefarzt des Rothschild‘schen Hospitals und des 1886 als Stiftung „Mathilde von Rothschild‘sches Israelitisches Kinder-Hospital“ gegründeten Rothschild‘schen Kinderhospitals, das am 26. September d.J. „mit der Aufnahme einiger Patienten eröffnet“ wurde (vgl. Rothschild‘sches Kinderhospital 1886).

Abbildung: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild‘schen Hospitals, um 1910 – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206
Abbildung: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild‘schen Hospitals, um 1910 – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Als Dr. Marcus Hirsch 1893 verstarb, folgte ihm als Chefarzt beider Spitäler der Geheime Sanitätsrat Dr. med. Elieser (Elias, Eliazar) Rosenbaum (1850–1922). Er war eine tragende Persönlichkeit der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft und amtierte wiederholt als ihr Vorsitzender. Das Kinderhospital diente weiterhin der unentgeltlichen Versorgung israelitischer Mädchen und Jungen, anfänglich im Alter von vier bis 13 Jahren; die Bettenzahl war infolge der Nachfrage schon bald von sechs auf 12 Plätze erhöht worden. Nach Elieser Rosenbaums Arztbericht für das Jahr 1896 fanden zwischen 1886 und 1895 jährlich insgesamt 24 bis 47, im Berichtsjahr selbst 37 kleine Patienten, 20 Mädchen und 17 Jungen, Aufnahme (vgl. Ärztlicher Verein Ffm 1897). Sie litten häufig an durch Mangelernährung mitbedingte Krankheiten wie Anämie, Bronchitis, Darmtuberkulose, Rachitis oder Skoliose. „Von dem Wunsche geleitet, der israelitischen Jugend den Nutzen dieser Anstalt dauernd zu sichern“ (Rothschild‘sches Kinderhospital 1903: 3) errichtete Mathilde von Rothschild im Jahre 1903 – das Kinderkrankenhaus bestand bereits 17 Jahre – eine selbständige Stiftung des privaten Rechts; das Stiftungsvermögen beruhte neben dem Grundstück und dem Gebäude inklusive Inventar auf einem verzinslichen Kapital von 500.000 Mark. Wie es den Grundsätzen der Israelitischen Religionsgesellschaft entsprach, sollte das Kinderhospital „für alle Zeiten in jeder Hinsicht streng nach den Grundsätzen und Vorschriften des traditionellen Judentums verwaltet und geleitet werden“ (ebd.: 4).

Zu Anfang amtierte Mathilde von Rothschild als alleiniger Vorstand der Stiftung, bis in der Folge ein ehrenamtlich tätiger fünfköpfiger Vorstand gebildet und aus seiner Mitte ein Vorsitzender gewählt wurde. Die Wahl der Vorstandsmitglieder – jeweils ein Mitglied der Verwaltungskommissionen des Rothschild‘schen Hospitals, der Israelitischen Waisenanstalt, der Israelitischen Suppenanstalt (Theobaldstraße) sowie zwei weitere geachtete Mitglieder aus beiden (!) Frankfurter jüdischen Gemeinden – bedurfte der Bestätigung durch die Stifterin. Zudem behielt sich Mathilde von Rothschild die Genehmigung bei der Auswahl der einzustellenden Angestellten einschließlich des Hospitalarztes durch den Vorstand sowie bei etwaigen Veränderungen der Verfassung und Hausordnung vor. Die Innenleitung des Hospitals oblag einer in der koscheren Versorgung erfahrenen Verwalterin, der das Krankenpflege- und Dienstpersonal unterstellt war. Laut Satzung von 1903 sollten die kleinen Patientinnen und Patienten ihren Wohnsitz in Frankfurt am Main und im Umkreis von 100 Kilometern haben sowie – bis auf Kinder mit ansteckenden Leiden und Lungenkrankheiten – Jungen im Alter von drei bis 13 Jahren und Mädchen im Alter von drei bis 12 Jahren stationäre Behandlung finden. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte Dr. Sally Rosenbaum (1877 – 1941 deportiert nach Litzmannstadt/ Lodz), ebenfalls praktischer Arzt, seinem 1922 verstorbenen Vater Dr. Elieser Rosenbaum in die Position des Chefarztes beider Rothschild‘schen Spitäler. Ein Jahr zuvor hatte mit der reformpädagogisch ausgebildeten Kindergärtnerin Emma Else Rothschild (1894 – deportiert, 08.05.1945 für tot erklärt) – eine mit der gleichnamigen Bankiersdynastie nicht verwandte Metzgerstochter aus Echzell bei Büdingen – eine tüchtige neue Oberin ihren Dienst angetreten, die überdies in der Waisenanstalt der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft aufgewachsen war (Seemann 2016). 1927 kam es vermutlich auch aufgrund inflationsbedingter Sparzwänge zu einer einschneidenden Satzungsänderung: Es sollten nur noch Mädchen zwischen vier und 14 Jahren Aufnahme finden, insbesondere dann, wenn sie an Unterernährung litten. 1932 wurden 140 bedürftige kleine Patientinnen unentgeltlich stationär versorgt.

Wie alle jüdischen Institutionen der Wohlfahrt und Pflege wurde in der NS-Zeit auch das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital behördlich gegängelt und zuletzt zwangsenteignet. Durch die zunehmende Verdrängung antisemitisch verfolgter Kinder und Jugendlicher aus als ,arisch‘ kategorisierten Krankenhäusern erhielt die Kinderklinik im Röderbergweg vermehrten Zulauf; 1937 versorgte sie 155 Patientinnen. Während der Novemberpogrome 1938 führten die massenhaften KZ-Einweisungen jüdischer Männer und die rapide Zunahme erzwungener Emigrationen auch in den beiden Rothschild‘schen Spitälern zu Fluktuation und personellen Engpässen. Die Aufhebung der Steuerfreiheit für als ,jüdisch‘ kategorisierte ,Anstalten‘ verursachte erhebliche Mehrkosten. Die ärztliche Leitung oblag weiterhin Dr. Sally Rosenbaum, die Organisation der Hauswirtschaft und Pflege Oberin Emma Rothschild, unterstützt durch eine Köchin, ein Hausmädchen, ein Kinderfräulein und eine Praktikantin. 1938 wurden 168 und 1939 178 Mädchen versorgt. Ende 1939 musste Sally Rosenbaum wegen eines Augenleidens seinen Posten verlassen. An Dr. Rosenbaum und seine Ehepartnerin, die Malerin und Lithographin Lina geb. Schwarzschild (geb. 1886), erinnern zwei ,Stolpersteine‘ (Stolpersteine Ffm: https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine/stolpersteine-im-ostend/familien/rosenbaum-sally-und-lina [03.11.2022]); beide gelten seit ihrer Deportation 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) als ,verschollen‘. Chefarzt beider Rothschild‘schen Spitäler wurde auf Drängen der Nationalsozialisten, die den Klinikbetrieb aus strategischen Gründen noch einige Zeit aufrechterhielten, der Chirurg Dr. Franz Grossmann (geb. 1904), ein NS-behördlich als „Volljude“ kategorisierter Katholik. Er konnte die Shoah überleben. Zuletzt ärztlicher Direktor das Kreiskrankenhauses Obertaunus in der südhessischen Kurstadt Bad Homburg, verstarb er 1953 an den Folgen seiner Lagerhaft (Hirschmann 2011).

Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital blieb nach der Eingliederung seiner Trägerstiftung am 28. September 1940 in den Zwangsverband ,Reichsvereinigung der Juden in Deutschland‘ bis zu seiner Zwangsschließung im Juni 1941 tätig. Liegenschaft, Gebäude und Inventar des Rothschild‘schen Kinderhospitals (mit Gartengrundstück an der angrenzenden Habsburger Allee) wurden 1942/43 zusammen mit den anderen Sozialinstitutionen der zuvor mit der Frankfurter Israelitischen Gemeinde zwangsvereinigten Israelitischen Religionsgesellschaft von der Stadt Frankfurt am Main ,erworben‘ (ISG FFM: Bestand A.62.02 Nr. 2141). Am 12. Juli 1941 meldete der ,Gestapo-Beauftragte bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege‘ Ernst Holland an die Geheime Staatspolizei Frankfurt: „Die zusammenhängenden Liegenschaften Röderbergweg 97 und 109 und Rhönstraße 50 sind vom Bauamt, Raum- und Quartierbeschaffung als Hilfskrankenhäuser sichergestellt“ (Andernacht/ Sterling 1963: 464). Die gewaltsame nationalsozialistische ,Abwicklung‘ traf auch die langjährige Oberin Emma Rothschild: Nach der Zwangsschließung des Rothschild‘schen Kinderhospitals leitete sie unter schwierigsten Bedingungen die Mädchenabteilung der Israelitischen Waisenanstalt, wo sie einst selbst Aufnahme gefunden hatte; das Waisenhaus liquidierten die NS-Behörden im Frühjahr 1942. Die Umstände von Emma Rothschilds Deportation sind bislang unbekannt, ihr Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgesetzt. Ebenfalls aus Frankfurt verschleppt wurde 1941 Ferdinand Liepold (geb. 1885): Der letzte Vorsitzende der Stiftung des Rothschild‘schen Kinderhospitals wurde laut Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz am 24. September 1942 im Ghetto Litzmannstadt (Lodz) ermordet (BArch Gedenkbuch [03.11.2022]).

Resümee und Ausklang

Versuche nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah, die Stiftung für das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital – Notvorstand war der 1965 im Londoner Exil verstorbene frühere Vorsitzende Dr. Ernst Moritz Kirchheim – wiederzubeleben, scheiterten endgültig im Jahre 1985, als das Frankfurter Amtsgericht die Bestellung eines neuen Notvorstands ablehnte (Schiebler 1994: 166). Vom Rothschild‘schen Kinderhospital wurden bislang keine Abbildungen aufgefunden, die Quellenlage ist disparat, Aufnahmebögen oder Personalakten liegen nicht vor. Am früheren Standort der beiden Rothschild‘schen Hospitäler erheben sich heute mehrstöckige Wohnhäuser. Nichts erinnert mehr an einen „Jewish Place“ der Kindermedizin und -pflege auf dem Röderberg. In einem zeitgenössischen Bericht wird das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital noch einmal ,lebendig‘:

„An einem der luftigsten und freundlichsten Punkte unserer Stadt, auf dem Röderberge, sind die jüdischen Spitäler, welche der freiherrlichen Familie Willy von Rothschild ihre Entstehung verdanken und durch diese unterhalten werden, das eine: das Georgine Sara von Rothschild’sche Spital, ein herrlicher Bau in edlem einfachen Styl, das andere ein schlichtes, inmitten eines prachtvollen Gartens gelegenes Haus, das als Kinderspital dient. Wer da vorbeigeht, wird besonders bei letzterem die wohlthuende Wahrnehmung machen, wie behaglich die durch die Fenster sehenden oder im Garten umherspazierenden reconvalescenten Kinder sich hier in der gesegneten Luft und bei den vollendeten Einrichtungen fühlen und welche zufriedene Stimmung sich auf den Gesichtern ausspricht. Wer öfters dort vorbeikommt, wird auch vielleicht Gelegenheit haben, zu bemerken, wie manche der genesenden Kinder, die noch vor wenigen Tagen bleiche abgezehrte Wangen hatten, inzwischen ein frisches Roth, Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft erlangt haben.“

(Zitiert nach: Rothschild‘sches Kinderhospital 1887: 921)

Birgit Seemann, November 2022

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
• Bestand A.02.01 Nr. V-563: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital (1905) (enthält u.a. Satzungen)
• Bestand A.02.01 Nr. 9574: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital (Sachakte, 1938–1940, 1951)
• Bestand A.30.02 Nr. 400: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital: Zur unentgeltlichen Versorgung von israelitischen Mädchen. 1940 eingegliedert in die Reichsvereinigung der Juden (1903–1967) (enthält u.a. Satzungen von 1903 und 1927, als Ms. gedr.)
• Bestand A.62.02 Nr. 2141: Erwerb von 15 Grundstücken der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland durch die Stadt Frankfurt: Röderbergweg 77 (ehem. israelitische Versorgungsanstalt), Röderbergweg 87 (ehem. israelitisches Waisenhaus), Röderbergweg 93 (ehem. Ärztehaus des Rothschild‘schen Krankenhauses), Röderbergweg 97 (ehem. von Rothschild‘sche Georgine Sara Stiftung für erkrankte fremde Israeliten), Röderbergweg 109 (ehem. Rothschild‘sches Kinderhospital), Grundstück an der Habsburger Allee (Garten zum Kinderhospital Röderbergweg 109), Rhönstraße 48, Rhönstraße 50, Grundstück an der Rhönstraße, Großer Wollgraben 26 (Rothschild‘sches Stammhaus), Friedhof Rödelheim (Totenfriedhof am Judenkirchhof), Friedhof Rödelheim (an der Westerbachstraße), Friedhof Heddernheim, Jüdischer Begräbnisplatz Niederursel (an der Autobahn), Begräbnisplatz Niederursel (am Oberurseler Weg). – (Sachakte, 1942–1943).

Digitalisierte Sammlungen

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Literatur

Ärztlicher Verein Ffm 1897: Ärztlicher Verein, Frankfurt am Main (Hg), Jahresbericht über die Verwaltung des Medizinalwesens, die Krankenanstalten und die öffentlichen Gesundheitsverhältnisse der Stadt Frankfurt am Main. Band 40 [für das Jahr 1896], Frankfurt a.M. 1897: 156, online: https://ia802708.us.archive.org/20/items/jahresberichtbe01veregoog/jahresberichtbe01veregoog.pdf (PDF S. 438)

Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt a.M.

Bönisch, Edgar 2009: Die Geschichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, 2009, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/die-geschichte-des-vereins-fuer-juedische-krankenpflegerinnen-zu-frankfurt-am-main

Bönisch, Edgar 2019: Das jüdische geprägte Ostend und die jüdischen Institutionen im Röderbergweg. In: Seemann/ Bönisch 2019: 41-72 (insbes. S. 69ff.)

FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt

Hanauer, Wilhelm 1914: Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main. In: Festschrift zur Einweihung des Neuen Krankenhauses der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Historischer Teil von Dr. med. W. Hanauer, Baubeschreibung von den Architekten und Ärzten des Krankenhauses. Frankfurt a.M. – Online-Ausgabe 2011: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-300863

Heuberger, Rachel/ Krohn, Helga 1988: Hinaus aus dem Ghetto… Juden in Frankfurt am Main 1800–1950. Frankfurt a.M.

Hirsch, Samson Raphael 1876: Der Austritt aus der Gemeinde. Frankfurt a.M., Online-Ausgabe 2009: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-131478

Hirsch, Samson Raphael 1889: Gedenk-Blätter für Samson Raphael Hirsch. [Verschiedene Autoren]. Frankfurt a.M., unpag., Online-Ausgabe 2012: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-175299

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Morgenstern, Matthias 2010: Die Geschichte der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main. Ein Lehrstück über den Kulturkampf, die Integration religiöser Minderheiten und die Liebe zur deutschen Kultur. In: Initiative 9. November (Hg.): 42-52.

Morgenstern, Matthias 2021: Schriften zur deutsch-jüdischen Orthodoxie. Berlin, Münster

Rothschild‘sches Kinderhospital 1886: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital. [Notiz]. In: It 27 (1886) 77-78, S. 1364, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2449674

Rothschild‘sches Kinderhospital 1887: [Bericht über jüdische Pflegeinstitutionen im Röderbergweg, o.Verf.]. In: It 28 (04.07.1887) 51, S. 921-922, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2449748

Rothschild‘sches Kinderhospital 1903: Satzungen für das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital zu Frankfurt am Main. Als Manuscript gedruckt, Frankfurt a.M., 09.01.1903 (ISG FFM: Bestand A.02.01 Nr. V-563)

Rothschild‘sches Kinderhospital 1927: Satzung 1927 (ISG FFM: Bestand A.30.02 Nr. 400, Bll. 1-117: 15

Rothschild‘sches Kinderhospital 1933: Mathilde von Rothschild‘sches Kinderhospital. [Notiz zu der Stifterin Adelheid de Rothschild]. In: It 74 (1933) 32, S. 8, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2450787

Schembs, Hans-Otto 1978: Bibliographie zur Geschichte der Frankfurter Juden. 1781–1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte d. Frankfurter Juden. Mit Verwendung der Vorarbeiten v. Ernst Loewy u. Rosel Andernacht. Frankfurt a.M.: 137-138

Schey von Koromla L. 1929a: Freifrau Lili Schey von Koromla. [Nachruf o.Verf.]. In: FIG 7 (1929) 6: 193-194, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094341

Schey von Koromla L. 1929b: [Würdigung von Lili Schey von Koromla anlässlich ihres Todes durch ihren Religionslehrer Dr. Julius Höxter]. In: FIG 7 (1929) 6, S. 194-195, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094341

Schiebler, Gerhard 1994: Kinderpflege. In: Lustiger, Arno (Hg.): Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Hg. im Auftrag d. Moses-Jachiel-Kirchheim’schen Stiftung Frankfurt am Main. Sigmaringen: 157-166

Seemann, Birgit 2014: Das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (1870 – 1941). Teil 1: eine Klinik unter orthodox-jüdischer Leitung, 2014, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/das-hospital-der-georgine-sara-von-rothschildschen-stiftung-1870-1941-teil-1

Seemann, Birgit 2016: Stiefkind der Forschung: Das Rothschild’sche Kinderhospital in Frankfurt am Main (1886–1941). In: nurinst – Jahrbuch 2016. Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Schwerpunktthema: Kinder. Im Auftrag des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts hg. v. Jim G. Tobias u. Nicola Schlichting. Nürnberg

Seemann, Birgit 2019: „(…) der Stadt, in welcher das Stammhaus meiner Familie steht“. – Mathilde von Rothschild und ihre Töchter. In: Seemann/ Bönisch 2019: 98-112 [mit Abb.]

Seemann, Birgit i.E. [2022a]: In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick. Stand: März 2022, im Erscheinen (https://www.juedische-pflegegeschichte.de)

Seemann, Birgit i.E. [2022b]: „(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit. Stand: August 2022, im Erscheinen (https://www.juedische-pflegegeschichte.de)

Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar 2019: Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung. Hg.: Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung. Wissenschaftliche Begleitung: Prof. Dr. Eva-Maria Ulmer und Prof. Dr. Gudrun Maierhof. Frankfurt a.M.

Selig, Edouard (Hg.) 2014: Jeschurun. Samson Raphael Hirsch. Aufsätze zu seinem Leben und zu seinen Werken. Red. u. Konzept: Edouard Selig. Übers. d. hebräischen Texte: Eli Israel Bloch. Basel

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Tasch, Roland 2011: Samson Raphael Hirsch. Jüdische Erfahrungswelten im historischen Kontext. Berlin, New York

Digitale Quellen, Online-Datenbanken und Links (zuletzt aufgerufen am 03.11.2022)

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: http://www.alemannia-judaica.de

Alemannia Judaica Ffm IRG Synagogen: Frankfurt am Main: Die Synagogen der Israelitischen Religionsgesellschaft im 19./20. Jahrhundert. Synagoge in der Schützenstraße und Synagoge in der Friedberger Anlage (Solomon Breuer Synagoge), https://www.alemannia-judaica.de/frankfurt_synagoge_friedb.htm

BArch Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945, Website: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Frankfurter Personenlexikon: Frankfurter Personenlexikon. Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung. Hg.: Clemens Greve, Sabine Hock (Chefred.), https://frankfurter-personenlexikon.de

ISG FFM NS: Frankfurt am Main 1933–1945. Hg.: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, https://www.frankfurt1933-1945.de

JM Ffm Infobank Judengasse: Jüdisches Museum Frankfurt am Main, Infobank Judengasse,
https://www.judengasse.de/index.htm

Stolpersteine Ffm: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main:
https://www.stolpersteine-frankfurt.de
https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine (Stadt Frankfurt am Main, Online-Datenbank)

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holoaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins Weibliche Fürsorge e.V. mit Oberin Minna Hirsch (stehend, zweite von links), vermutlich 1904 – Nachweis: Center for Jewish History / Leo Baeck Institute F 3240, s. auch Wikimedia

Im Dienste der Kinderrettung: Oberin Minna Hirsch und der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge

Einführung und Anstoß zur Erinnerungsarbeit

Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins Weibliche Fürsorge e.V. mit Oberin Minna Hirsch (stehend, zweite von links), vermutlich 1904 – Nachweis: Center for Jewish History / Leo Baeck Institute F 3240, s. auch Wikimedia
Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins Weibliche Fürsorge e.V. mit Oberin Minna Hirsch (stehend, zweite von links), vermutlich 1904 – Nachweis: Center for Jewish History / Leo Baeck Institute F 3240, s. auch Wikimedia

Dieses Gruppenfoto ist das bislang einzige bekannte Bilddokument von dem ersten Vorstand der Frankfurter jüdischen Frauen- und Sozialinitiative Weibliche Fürsorge, 1901 gegründet und 1904 als Verein errichtet. Das Foto zeigt (in alphabetischer Reihenfolge) u.a. Clementine Cramer, Sidonie Dann, Henny Elkan, Cilly Epstein, Henriette Fürth, Bertha Holzmann, Bertha Pappenheim (Toppe 2023) – und bislang ungenannt, stehend die Zweite von links, Schwester Oberin Minna Hirsch in ihrer beruflichen Kleidung.

Die Weibliche Fürsorge zählte zu den wichtigsten Akteuren der Zedaka für Kinder und Säuglinge in Frankfurt am Main; die Übergänge zwischen Krankenpflege und Sozialer Arbeit verliefen hierbei fließend. Zur Koordinierung und Modernisierung ihres breiten Aufgabenfeldes in der Frankfurter jüdischen Wohlfahrtspflege richtete sie eigene Kommissionen wie die Säuglingskommission und die Kostkinder-Kommission ein (Seemann 2021 u. 2023). 1911 eröffnete sie im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen ein eigenes jüdisches Kinderheim (Hauptstandort: Hans-Thoma-Straße, vgl. Mahnkopp 2020; s. auch Schiebler 1994: 163-165). Zuvor beteiligte sich die Weibliche Fürsorge an der Errichtung des 1907 eröffneten Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (Gedenkbuch JB Neu-Isenburg). Das Heim bot sozial gefährdeten, teils durch Gewalterfahrungen traumatisierten minderjährigen Müttern und ihren nichtehelichen Kindern Zuflucht, Ausbildung und orthodox-jüdische Anleitung (s. auch Nassauer 1927). In der Stadt Frankfurt genoss der Frauen- und Sozialverein über die jüdische Community hinaus hohes Ansehen: So sprach zu dessen 20jährigem Jubiläum, gefeiert mit zahlreichen Gästen im Logenheim und Gesellschaftshaus der Frankfurt-Loge des jüdischen Ordens B’nai B’rith, auch Frankfurts 2. Bürgermeister und Sozialdezernent Eduard Gräf (Weibliche Fürsorge Ffm 1921).

Verbunden ist der Verein Weibliche Fürsorge bislang vor allem mit den Namen der bekannten Sozialreformerinnen, Frauenrechtlerinnen und Autorinnen Bertha Pappenheim (1859-1936) und Henriette Fürth (1861-1938), deren Leben und Wirken inzwischen gut dokumentiert ist (z.B. Brentzel 2004; Konz 2005; Fürth 2010; s. auch Epple 1996 u. Fassmann 1996). 1918 legte Henriette Fürth in ihrem Beitrag Die jüdische Frau in der deutschen Frauenbewegung, abgedruckt in den Neuen Jüdischen Monatsheften, Wert auf die Feststellung, dass die „Gründung des Vereins Weibliche Fürsorge (…) in der Hauptsache“ das Werk Bertha Pappenheims war (Fürth 1918: 495). Sie selbst zog sich nach wenigen Jahren wegen anderweitiger Verpflichtungen zurück, gehörte aber 1932/33 erneut dem Vorstand der Weiblichen Fürsorge an (Schiebler 1994a: 193).

Die Weibliche Fürsorge trugen hauptsächlich Frauen aus der gehobenen Mittelschicht mit Querverbindungen zur jüdischen und Frankfurter Frauenbewegung; als fähige, zumeist ehrenamtlich tätige Sozialmanagerinnen erwarben sie sich einen hervorragenden Ruf. Vorliegender Beitrag soll Anstöße geben, die Biografien von Mitgründerinnen und engagierten Akteurinnen dieses jüdischen Frauenvereins weiter zu erforschen. So leitete etwa das langjährige Vorstandsmitglied Minna Hirsch, Oberin des Königswarter Hospitals (Israelitisches Gemeindehospital bis zur Eröffnung der neuen Klinik 1914 in der Gagernstraße) und der jüdischen Schwesternschaft, eine Vorkämpferin der beruflichen jüdischen Krankenpflege, die Säuglingskommission der Weiblichen Fürsorge.

Eine Schule „jüdisch-sozialen Denkens und Ausübens“: zur Entstehungsgeschichte der Weiblichen Fürsorge

„Die Rechenschaft, die abzulegen ist (…) soll nur als Nachweis [dienen] für die Trag- und Entwicklungskraft der Ideen, die s.[einer] Z.[eit] unter dem Sammelbegriff Weibliche Fürsorge, Frankfurt a.M. eine stille Wirkung auslösten und auch dafür, wie ein Kreis von Frauen der jüdischen Gemeinde Frankfurts (…) in ihren Pflichten, ohne zu erlahmen, standgehalten haben.
Wenn nach einer künstlerischen Darstellung dieses Gedankens gesucht würde, dann könnte es die einer jüdischen Frau sein, die gestützt auf den Fels der Gebote und der Tradition hinausblickt und hinaushorcht ins Weite, um als mütterliche Hüterin der Lebensschätze der jüdischen Gesamtheit sich in der großen Welt nichts entgehen zu lassen – an Kenntnissen, Erfahrungen und technischem Fachkönnen jeder Art – um sie der jüdischen Eigenart und den Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft anpassend, rationelle Bedingungen zu schaffen, die auch im Strom des Alltags den geistigen Inhalt der Gebote zur höchsten Auswirkung gelangen zu lassen, als Mission der Juden zwischen den Völkern.
In diesem Sinn ist die Weibliche Fürsorge zu einer guten Schule jüdisch-sozialen Denkens und Ausübens geworden (…).

(Pappenheim 1920: 1 [Hervorhebung im Original fettgedruckt])
Deckblatt des Berichts von Bertha Pappenheim: Rückblick auf die jüdisch-soziale Frauenarbeit der Vereine „Weibliche Fürsorge“, „Heim des jüdischen Frauenbundes Isenburg“, „Mädchenclub“ und „Ortsgruppe Frankfurt des jüdischen Frauenbundes“, Frankfurt a.M. 1920 – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: Universitätsbibliothek JCS Frankfurt a.M., Judaica Frankfurt, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hebis:30:1-301085
Deckblatt des Berichts von Bertha Pappenheim: Rückblick auf die jüdisch-soziale Frauenarbeit der Vereine „Weibliche Fürsorge“, „Heim des jüdischen Frauenbundes Isenburg“, „Mädchenclub“ und „Ortsgruppe Frankfurt des jüdischen Frauenbundes“, Frankfurt a.M. 1920 – Nachweis: Online-Ausgabe 2011: Universitätsbibliothek JCS Frankfurt a.M., Judaica Frankfurt, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hebis:30:1-301085

1920, nach dem für Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg mit verheerenden und folgenreichen sozialen und ökonomischen Verwerfungen, resümierte Bertha Pappenheim das reichhaltige Wirken und konsequente Standhalten der Weiblichen Fürsorge. Sie betonte deren sozialethisches Fundament: die Stärkung der von antisemitischen Angriffen bedrohten jüdischen Minderheit und die Erfüllung des göttlichen Auftrags, über die eigene Gemeinschaft hinaus Gesellschaft und Menschheit zu heilen, zu verbessern, wiederherzustellen, zu ,reparieren‘ (Tikkun Olam). Hierin lag für Bertha Pappenheim, Henriette Fürth und ihre Mitstreiterinnen die besondere Kompetenz und Verantwortung der jüdischen Frauen. Die Pflege gefährdeter Kinder und Säuglinge und die Unterstützung auf sich allein gestellter Mütter diente aus dieser Perspektive zugleich der Genesung und Gesunderhaltung des Judentums – zugunsten seines Umfelds, der nichtjüdisch-christlichen Mehrheitsgesellschaft.

Es war das Jahr 1901 (Weibliche Fürsorge Ffm 1921; Schiebler 1994a: 193), als weibliche Mitglieder der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main mit dem anfänglichen Ziel, „der sozialen Not jüdischer Immigrantinnen entgegenzusteuern und sie vor dem Abstieg in die Prostitution zu bewahren“ (Klausmann 1997: 157), mit der Weiblichen Fürsorge ihr eigenes Hilfskomitee gründeten. Den Anstoß gab der Israelitische Hilfsverein, welcher sich bei seiner Sozialen Arbeit für antisemitisch verfolgte Pogromflüchtlinge aus Osteuropa zunehmend mit den erschütternden Auswirkungen von Armutsprostitution konfrontiert sah. Wie die Historikerin Christina Klausmann schreibt, entwickelte sich die Weibliche Fürsorge von einer Unterabteilung des Hilfsvereins „in den kommenden Jahren zur Initiatorin der jüdischen Frauenbewegung“ (Klausmann 1997: 157; s. auch Schröder 2001; Keller i.E.). Hierzu zählte die Mitgründung des 1904 errichteten Dachverbands Jüdischer Frauenbund, dem Bertha Pappenheim zwei Jahrzehnte lang vorstand. Vor Ort, in Frankfurt am Main, engagierte sich die Weibliche Fürsorge für eine moderne und zeitgemäße Armenpflege und trieb zugleich die Reformierung der gesamten Wohlfahrtspflege der Jüdischen Gemeinde voran. Anstelle der Vergabe von Almosen präferierte sie eine an der jeweiligen individuellen Notlage ausgerichtete Hilfe zur Selbsthilfe.

Zur „Förderung der gemeinnützigen Bestrebungen für die Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt“ (zit. n. Schiebler 1994a: 193) stellte sich die Weibliche Fürsorge bereits 1904 als selbständiger Verein auf; ihre Geschäftsstelle befand sich in der damaligen Lange Straße 30. Der Jurist Gerhard Schiebler hat ihr vielseitiges und herausforderndes Wirkungsfeld in Arno Lustigers Edition Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main zusammengefasst (ebd.):

„1. Arbeitsausschuß in Verbindung mit Frankfurter Unterstützungsvereinen; Familienpflege, Recherchen, Kleider- und Stiefelkontrolle.
2. Kommission für Kinderschutz, Kinderhaus.
3. Kommission für Stellenvermittlung, Arbeitsnachweis, Berufsberatung, Zimmernachweis (Lange Straße 30), gegründet 1906 (…).
4. Wohnräume für im Erwerb stehende Frauen und Mädchen, gegründet 1913 (…).
5. Kommission für Wohnungsfürsorge.
6. Gefängnis- und Krankenhaushilfe.
7. Bekämpfung des Mädchenhandels.“

(Schiebler 1994a: 193)

Nach dem Ersten Weltkrieg stand zudem die Tuberkulosebekämpfung bei Erwachsenen und Kindern im Fokus. 1928 errichtete die Weibliche Fürsorge den Frankfurter Dachverband Jüdische Wohlfahrtspflege e.V. mit, der seine Tätigkeit zum 1. April 1929 aufnahm (Schiebler 1994: 110-111), und war auch im Gründungsvorstand vertreten. Unter der NS-Verfolgung bestand die Weibliche Fürsorge noch bis in die späten 1930er Jahre. Den Vorstand bildeten um 1933 neben den Mitgründerinnen Clementine Cramer, Henriette Fürth, Schwester Oberin Minna Hirsch, Bertha Holzmann und Emma Strauß-Ellinger zudem Tilly Epstein, Therese Freimann, Flora Grünebaum, Lina Kander, Cecile Mayer, Seline Meyer, Paula Nassauer und Bertha Rosenblatt (Schiebler 1994a: 193).

Eine „Persönlichkeit von seltener Größe“: Oberin Minna Hirsch und die (gruppen-)biografische Spurensuche

Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins Weibliche Fürsorge e.V.: Oberin Minna Hirsch (Bildausschnitt), vermutlich 1904 – Nachweis: Center for Jewish History / Leo Baeck Institute F 3240, s. auch Wikimedia
Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins Weibliche Fürsorge e.V.: Oberin Minna Hirsch (Bildausschnitt), vermutlich 1904 – Nachweis: Center for Jewish History / Leo Baeck Institute F 3240, s. auch Wikimedia

„Die Säuglingskommission unter dem Vorsitz von Schwester Oberin Minna Hirsch und dem ärztlichen Beirat von Dr. Deutsch arbeitete mit 9 Damen und beaufsichtigte 40 Kinder (darunter 3 uneheliche), die größtenteils aus der Freiherrlich von Rothschild’schen Stiftung mit Milch versorgt wurden. Die regelmäßig im [Israelitischen] Gemeindehospital vorgenommene Wägung der Kinder ergab sehr befriedigende Resultate, und diese Kinderschau bildet zugleich auch einen Antrieb für die Mütter, die Kleinen besserer und sauberer zu halten, als sie es vielleicht sonst getan hätten (…).“

(Weibliche Fürsorge Ffm 1905: 3)

Die Säuglingskommission gehörte zu den ersten Einrichtungen der Weiblichen Fürsorge. Angeschlossen war eine Säuglings-Milchküche, untergebracht im Israelitischen Gemeindehospital (Königswarterstraße) und nach der Eröffnung des Klinikneubaus (Gagernstraße) im angrenzenden neuen Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen (Bornheimer Landwehr). Als „sozialfürsorgerische Initiative“ versorgte die Milchküche „vor allem die Säuglinge armer Mütter aller Konfessionen mit gesunder und hygienisch hergestellter Kleinkindnahrung“ (Steppe 1997: 209; s. auch Seemann 2021) – eine notwendige Maßnahme, die viele Kinderleben schützte und rettete. Der obige Bericht für das Jahr 1903/04 in der Allgemeinen Zeitung des Judentums hebt Oberin Minna Hirsch (1860-1938) als die Vorsitzende der Säuglingskommission hervor. Obgleich eine Pionierin der Professionalisierung der jüdischen Krankenpflege zum (Frauen-)Beruf – als „die erste jüdische Krankenschwester in Deutschland“ (Hirsch M. 1931) war sie 1893 Mitinitiatorin des ersten Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen sowie langjährige Oberin des Frankfurter jüdischen Gemeindehospitals und Schwesternhauses – ließ sich zu Minna Hirsch infolge der Zerstörungen der Shoah und des Zweiten Weltkriegs bislang kein geeignetes Bildmaterial auffinden. Trotz des herben Verlustes an Quellen und Dokumenten sind einige biografische Daten bekannt (Steppe 1997; Hirsch M. 2001): So entstammte sie nicht dem Frankfurter jüdischen Bürgertum, sondern wurde 1860 in die bedeutende jüdische Gemeinde von Halberstadt (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt) hineingeboren. Sie war die älteste Tochter von Clara geb. Fleischhauer und Fischl (Fischel) Hirsch, einem in der jüdischen Welt hochgeschätzten Verleger, Drucker, Buchhändler und Antiquar von hebräischen Publikationen, Manuskripten und Handschriften (Singer/ Straalen 1906). Nach Jahrzehnten der Pflegearbeit und -leitung trat Oberin Minna Hirsch 1926 in den Ruhestand und wohnte zuletzt im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus. Vermutlich war es ihr ehemaliger langjähriger Vorgesetzter und Förderer Sanitätsrat Dr. med. Adolf Deutsch (1868–1942) – praktischer Arzt, Leiter der Poliklinik des jüdischen Krankenhauses Gagernstraße, stellvertretender Vorsitzender des jüdischen Schwesternvereins und im Kriegsjahr 1917 zusammen mit Bertha Pappenheim sowie Max Wertheimer (Lebensdaten unbekannt) Vorstandsmitglied der Säuglings-Milchküche – welcher die 1938 verstorbene Oberin in einem Nachruf als eine „Persönlichkeit von seltener Größe“ würdigte (Hirsch M. 1938); die NS-Novemberpogrome im gleichen Jahr musste sie nicht mehr erleben.

Dr. Deutsch war zugleich Bruder der Hermann Cohen-Loge, einer der drei Frankfurter Logen des bereits eingangs erwähnten jüdischen Ordens B’nai B’rith (Söhne des Bundes [mit Gott]) (Gut 1928; Seidler 2016; Seemann i.E.; Bnai Brith Frankfurt Schönstädt Loge e.V.: https://bnaibrith-ffm.de/de). Mit Projekten der Zedaka, der Vermittlung jüdischer Bildung in Stadt und Land und der Selbstbehauptung gegen Antisemitismus und ,Assimilation‘ führte der Orden verschiedene Richtungen im deutschen Judentum zusammen. Langjähriger und letzter Präsident des Deutschen Distrikts (Unabhängiger Orden Bne Briss) des 1843 von deutsch-jüdischen Einwanderern in New York gegründeten internationalen Ordens war der bekannte Rabbiner Dr. Leo Baeck (1873-1956). Bis zum NS-Verbot 1937 und der Shoah wirkten in vielen deutschen Städten bis zu 103 Logen mit durchschnittlich 15.000 Brüdern. Dazu kam etwa die gleiche Zahl an Logenschwestern, zumeist die Ehepartnerinnen und weitere Angehörige. Sie engagierten sich in den den Einzellogen angeschlossenen, sozial überaus aktiven Frauenvereinigungen. Mit dem Periodikum Die Logenschwester gaben sie seit 1928 ihr eigenes Presseorgan heraus (Orden BB Logenschwester 1928–1936). Auch die Schwesternvereinigungen der drei Frankfurter Logen – außer der Hermann Cohen-Loge die Marcus Horovitz-Loge sowie die bereits 1888 gegründete Frankfurt-Loge, u.a. Mitgründerin und Förderin des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen – wirkten im Jüdischen Frauenbund und bewährten sich darüber hinaus als ein gestaltender Teil der Frankfurter Frauenbewegung. Mit Schwester Oberin Minna Hirsch waren sie ebenso eng verbunden wie mit Henriette Fürth, welche sie wiederholt als Vortragsrednerin in ihr Logenheim und Gesellschaftshaus Eschersheimer Landstraße 27 luden.

Nach dem oben erwähnten Bericht in der Allgemeinen Zeitung des Judentums für 1903/04 bestand der Vorstand der Weiblichen Fürsorge in diesem Zeitraum „aus den Damen: Bertha Pappenheim, I. Vorsitzende, Henriette Fürth, II. Vorsitzende, Cilly Epstein, I. Schriftführerin, Bertha Holzmann, II. Schriftführerin, Sidonie Dann, Schatzmeisterin, Fanny Blau, Clem.[entine] Cramer, Schwester Oberin Minna Hirsch, Elise Hochstädter, Johanna Lenné, Mathilde Pfeiffer, Therese Reiffenberg, Ella Seligmann, Johanna Stern, Emma Strauß-Ellinger“ (Weibliche Fürsorge Ffm 1905: 4). Mit Fanny Blau und Ella Seligmann wirkten bereits in diesem Gremium die beiden Gründungsvorsitzenden der Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge des B’nai B’rith: Fanny Blau geb. Hirschler (1870-1936) war verheiratet mit Logenpräsident Justizrat Dr. Julius Blau (1861-1939), von 1903 bis 1939 Vorsitzender des Vorstands der Frankfurter Israelitischen Gemeinde, Ella Seligmann geb. Kauffmann (1867 – 1953 im englischen Exil) mit dem Logenbruder und Frankfurter liberalen Rabbiner Dr. Caesar Seligmann (1860-1950). Stellvertretend für weitere Logenschwestern im Verein Weibliche Fürsorge seien als spätere Vorsitzende (sowie leitende Mitglieder der Frankfurter Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes) zudem die Arztgattin Paula Nassauer geb. Niedermayer (auch: Niedermeyer, 1877 – 1947 im englischen Exil, vgl. Entschädigungsakte HHStAW 518/ 9890) und die Rabbinertochter Ella Werner verw. Baer geb. Plaut (1880-1964) namentlich genannt. Ella Werner verfügte als Laborantin, Sekretärin bei der Frankfurter Israelitischen Gemeinde und später als Sozialarbeiterin im New Yorker Exil über eigene berufliche Erfahrung. Die Nationalsozialisten vertrieben sie zusammen mit ihrem Ehepartner, Gymnasialprofessor Dr. Moritz Werner (1873-1939) – Lehrer am Frankfurter Lessing-Gymnasium, Vorsitzender des Kuratoriums des Frankfurter Jüdischen Waisenhauses, zeitweiliger Präsident der Hermann Cohen-Loge – 1938 nach Amerika. In Ella Werners Nachlass, den sie bei ihrer Flucht retten konnte, sind zu dem von Bertha Pappenheim in Neu-Isenburg errichteten Heim des Jüdischen Frauenbundes Dokumente und Fotografien zu entdecken (CJH/LBI: Werner, Ella; s. auch Werner 1929, 1936, 1960 u. 1964).

Ella und Moritz Werner, gemalt von dem Impressionisten und Logenbruder Jakob Nussbaum, 1923 – Nachweis: Nussbaum, Jakob: Portrait of Ella and Moritz Werner, Leo Baeck Institute, 2019.24, The Edythe Griffinger Portal, https://www.lbi.org/artcatalog/record/5522801
Ella und Moritz Werner, gemalt von dem Impressionisten und Logenbruder Jakob Nussbaum, 1923 – Nachweis: Nussbaum, Jakob: Portrait of Ella and Moritz Werner, Leo Baeck Institute, 2019.24, The Edythe Griffinger Portal, https://www.lbi.org/artcatalog/record/5522801

Birgit Seemann, Juni 2023

Quellen- und Literaturverzeichnis

Ungedruckte und digitalisierte Quellen

CJH/LBI: Center for Jewish History – Leo Baeck Institute
• Photo Weibliche Fürsorge: Outdoor group portrait of the women on the first board of the Weibliche Fuersorge (Care for Women Society) in Frankfurt am Main, 1904, F 3240, Bertha Pappenheim Collection AR 331
• Werner, Ella: Ella Werner Collection AR 3079: https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/16758

HHStAW: Hessisches Hauptstaatsarchiv
• Bestand 518 Nr. 9890: Nassauer, Paula geb. Niedermeyer

ISG FFM: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
• Bestand A.02.01 Nr. R-1566-1: Versorgung der Pfleglinge, Kost- und Ziehkinder; Säuglingsfürsorge (Laufzeit: 1881 – 1910)
• Bestand A.02.01 Nr. S-1984: Verein Weibliche Fürsorge, Israelitischer Frauenverein zur Förderung gemeinnütziger Bestrebungen, in Frankfurt (Laufzeit: 1913 – 1921)
• Bestand S7P Nr. 4113: Foto von Tilly Epstein (1881-1971), ca. 1960 – Zusatzinformation: „Beruf/Funktion: Schwester von Paul Epstein, Dr. phil., Lehrerin am Philantropin, Schriftführerin „Weibliche Fürsorge“, 1941 Emigration

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
• Judaica Ffm: Judaica Frankfurt, Digitale Sammlung: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all

Literatur und Links (zuletzt abgerufen am 03.06.2023)

Brentzel Marianne 2004: Sigmund Freuds Anna O. Das Leben der Bertha Pappenheim. Leipzig

Epple, Angelika 1996: Henriette Fürth und die Frauenbewegung im deutschen Kaiserreich. Eine Sozialbiographie. Pfaffenweiler

Fassmann, Irmgard Maya 1996: Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung 1865–1919. Hildesheim u.a.

Frankfurt-Loge/ Frauenvereinigung 1909–1915: Jahresbericht der Frauen-Vereinigung der Frankfurt-Loge in Frankfurt a.M., online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, digitalisiert: 5. (1. April 1909/31. März 1911) – 6. (1. April 1911/31. März 1913); 11. (1914/1915 [Neue Zählung]):
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2155293
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/10700779
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/10698622

Fürth, Henriette 1918: Die jüdische Frau in der deutschen Frauenbewegung. In: NJM (1918) 20-22, S. 487-496, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2911121

Fürth, Henriette 2010: Streifzüge durch das Land eines Lebens. Autobiographie einer deutsch-jüdischen Soziologin, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin (1861-1938). Hg. v. Monika Graulich u.a. Wiesbaden

Gedenkbuch JB Neu-Isenburg: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907–1942). Hg.: Stadt Neu-Isenburg. Inhalte: Esther Erfert-Piel, https://gedenkbuch.neu-isenburg.de

Gut, Elias 1928: Geschichte der Frankfurt-Loge 1888–1928. Frankfurt a.M.

Hirsch, Minna 1931: [Würdigung von D.] Schwester Oberin Minna Hirsch. Zum 70. Geburtstag. In: FIG 9 (1931) 5, S. 168, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/3094365

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Weibliche Fürsorge Ffm 1921: Jubiläumsfeier der Weiblichen Fürsorge. [Bericht o.Verf.]. In: NJP/FIF 19 (1921) 39, S. 2, Rubrik ,Frankfurter Berichte‘, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2693266

Werner, Ella 1929: [Bericht aus der Ortsgruppe Frankfurt a.M. des Jüdischen Frauenbundes]. In: BdJFB 5 (1929) 5, S. 10, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/6353676

Werner, Ella 1936: In der Heimkommission. [Erinnerungen an Bertha Pappenheim]. In: BdJFB 12 (1936) 7-8 [Gedenkheft zu Bertha Pappenheims Tod], S. 15, online: UB JCS Ffm: Judaica Ffm, Compact Memory, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/6359909

Werner, Ella 1960: Ella Werner – 80 Jahre. In: Aufbau, 01.04.1960, S. 15, online: Aufbau: https://archive.org/details/aufbau

Werner Ella 1964: Ella Werner – Nachruf. In: Aufbau, 07.02.1964, S. 8 (vgl. auch Todesanzeige [gest. 31.01.1964]), online: Aufbau: https://archive.org/details/aufbau

Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holoaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Periodika

AZJ: Allgemeine Zeitung des Judentums

BdJFB: Blätter des Jüdischen Frauenbundes für Frauenarbeit und Frauenbewegung. Organ des Jüdischen Frauenbundes von Deutschland

FIG: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt / Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main / Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt

It: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum

NJM: Neue Jüdische Monatshefte : Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West

NJP/FIF: Neue Jüdische Presse / Frankfurter Israelitisches Familienblatt

Das Clementine-Mädchenspital nach dem Umbau, 1899 (Wikimedia, letzter Aufruf März 2022)

In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick

Einführung

Dank der Förderung durch die Georg und Franziska Speyer‘schen Hochschulstiftung widmet
sich das Projekt Jüdische Pflegegeschichte neben der Krankenpflege sowie ergänzend der
Altenpflege und Altenhilfe einem dritten Baustein: der Kinderpflege. Das Forschungs- und
Lernmodul trägt den Titel Jüdische Kinder- und Säuglingspflege und ihre Netzwerke in
Frankfurt am Main, Teil 1 (1871–1918): Institutionen, Biografien, Themen und Medien
; der
Fokus liegt weiterhin auf der Krankenpflege.

Das Clementine-Mädchenspital nach dem Umbau, 1899

Insgesamt ist die Geschichte der Frankfurter Kinder- und Säuglingspflege inklusive ihres
jüdischen Anteils wenig aufgearbeitet (vgl. in Ansätzen Thomann-Honscha 1988; Steppe
1997; Seemann 2018). Wer sich auf diesen Forschungspfad begibt, ,entdeckt‘ ein
professionelles und ehrenamtliches Netzwerk aus Persönlichkeiten, Institutionen und Orten
(,Jewish Places‘, hierzu Seemann/ Bönisch 2019) der Frankfurter Stadtgeschichte im
gemeinsamen Einsatz für medizinische Behandlung, Krankenpflege, Rehabilitation und
Fürsorge – ein „in allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“ (Pappenheim 1920) Engagement,
das viele Kinderleben rettete. Noch für das Jahr 1911 hatte der Frankfurter Verband für
Säuglingsfürsorge
in seinem ersten Bericht alarmierende Zahlen vorgelegt:

Mehr wie [sic!] 400.000 Säuglinge sterben in ihrem ersten Lebensjahre in unserem
Vaterlande. 1.600 in Frankfurt a.M.! Darunter Hunderte gesunder Kinder, die ärztliche
Aufsicht und geeignete Fürsorge hätten am Leben erhalten können. Mangelhafte
Pflege legt den Keim zu langjährigem Siechtum in so manches Kind, dessen späteres
trauriges Dasein eine Folge von Verhältnissen ist, die zum großen Teil durch
frühzeitige ärztliche Beratung und soziale Fürsorge auszugleichen gewesen wären.

(FVfS 1911: 1)

Integraler Bestandteil des Netzwerkes war eine eine erprobte interkonfessionelle
Zusammenarbeit, welche – wenngleich nicht frei von Antisemitismus, „der uns bei angeblich
interkonfessionellen Fürsorgestellen unsicher, scheu und empfindlich macht“ (Pappenheim
1920: 3) – auf erfolgreichen jüdisch-christlichen Gründungen und Arbeitsteams basierte, in
die der Nationalsozialismus zerstörerisch eingriff. Der NS-Staat setzte alles daran, den
überproportional hohen jüdischen Anteil an der Frankfurter Kinder- und Säuglingspflege
auszumerzen. Kein Name, keine Straße sollte mehr an die Verdienste jüdischer
Sozialreformer/innen, Stifter/innen, Mediziner/innen und Krankenschwestern erinnern.

Kinderkliniken, Säuglingsheime und Kureinrichtungen

Die Gründerinnen und Gründer privater Frankfurter Einrichtungen der Kinder- und
Säuglingspflege des 19. Jahrhunderts waren in der Regel religiös motiviert; in Zeiten
mangelnder sozialer Sicherungssysteme setzten sie ihre Vorstellungen von Nächstenliebe,
Barmherzigkeit und Zedaka (soziale Gerechtigkeit durch Wohltätigkeit) in die Tat um. Mit
Sorge registrierten sie die nicht zuletzt durch beengte und unhygienische Wohnverhältnisse
verursachte erhöhte Kinder- und Säuglingssterblichkeit, hinzu kamen ansteckende
Krankheiten wie Scharlach, Diphtherie oder offene Lungentuberkulose, Heranwachsende
trugen teils bleibende Gesundheitsschäden davon. Die 1883 unter Reichskanzler Bismarck
eingeführte staatliche Krankenversicherung galt zunächst der organisierten Arbeiterschaft
(vgl. einführend Draheim 2014:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialgesetzgebung.html
[28.03.2022]); Erwerbslose, Berufsunfähige und kleine Selbständige blieben mit ihren
Familien weitgehend auf sich gestellt. Diese Bevölkerungsgruppe vergrößerte sich seit den
1880er Jahren durch die Ankunft jüdischer Flüchtlinge, die den zaristischen Pogromen
entkommen waren und völlig verarmt in Frankfurt am Main und im benachbarten Offenbach
eintrafen.

Der folgende Überblick lässt drei religiös-soziale Grundhaltungen privat gegründeter
Frankfurter Einrichtungen der Kinder- und Säuglingspflege mit jüdischer Beteiligung
erkennen:

  • Institutionen der reformorientierten Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main (Muttergemeinde);
  • Institutionen der Israelitischen Religionsgesellschaft (,Adass Jisroel‘, neo-orthodoxe Austrittsgemeinde);
  • Institutionen als jüdisch-christliche ,partnerships‘ (einschließlich jüdisch geborener, zum Christentum konvertierter Gründer/innen).

Beginnen wir mit dem von der Israelitischen Gemeinde aus privaten Mitteln errichteten, 1875
offiziell eröffneten Gemeindehospital in der Königswarterstraße (als ,Königswarter Hospital‘
bekannt). Leitender Arzt der Inneren Abteilung war der Chirurg Dr. med. Simon Kirchheim
(1843–1915), zugleich ein ausgewiesener Geburtshelfer. Bedürftige wurden unentgeltlich
versorgt. Am Beispiel des Königswarter Hospitals führt uns Sanitätsrat Prof. Dr. med.
Wilhelm Hanauer (1866–1940, vgl. Elsner 2017), selbst Kinderarzt, vor Augen, dass Kinder
in früheren Zeiten wie Erwachsene behandelt wurden. Hier galt es Abhilfe zu schaffen:

„Während bisher die Kinder in denselben Krankensälen wie die Erwachsenen lagen,
wurde 1899 im zweiten Stock des Hauses eine kleine Kinderabteilung, bestehend aus
drei Krankenzimmern und einem Tageraum, ferner eine besondere Abteilung für
ansteckende Krankheiten (Scharlach, Diphtherie) eingerichtet. Der Raum hierfür
wurde dadurch gewonnen, dass man die Verwalterwohnung in das Nebengebäude
verlegte.“

(Hanauer 1914: 45)

Noch vor dem Ersten Weltkrieg eröffnete die Israelitische Gemeinde dank des hohen
Spendenaufkommens aus der Frankfurter jüdischen Bevölkerung 1914 ihre neue und
hochmoderne Großklinik in der Gagernstraße 36 mit anfangs 200 Betten. Dort suchten und
fanden bis zur NS-Machtübernahme 1933 auch viele nichtjüdische Erkrankte Heilung (vgl.
Bönisch 2014; siehe auch Seemann 2020). Bei der Vorplanung hatte der Gründungsvorstand
bereits 1906 beschlossen,

„anlässlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares ein Kapital von 100.000 Mk. als
Grundstock zur Errichtung einer bis dahin fehlenden gynäkologischen Abteilung und
Entbindungsanstalt in dem zu erbauenden Hospital aus Gemeindemitteln zu stiften.“

(Hanauer 1914: 56)

Vermutlich im ersten Obergeschoss verfügte der Klinikneubau über

„Kindersaal und Säuglingszimmer, welchen eine Loggia vorgelagert ist. Im Kindersaal
werden ansteckungsverdächtige kleine Patienten zunächst in einer Box isoliert. Die
Säuglinge können durch Glaswände voneinander getrennt werden.“

(Ebd.: 63)

Wie zuvor im Königswarter Hospital leitete Minna Hirsch (1860–1938) als Oberin des
Krankenhauses Gagernstraße und des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt am
Main weiterhin den umfangreichen Pflegebetrieb, in dem auch einige christliche Schwestern
arbeiteten (vgl. Bönisch 2021; Seemann 2021). Oberin Hirsch genoss als eine der allerersten
ausgebildeten jüdischen Schwestern im Kaiserreich und Mitbegründerin des Frankfurter
jüdischen Schwesternvereins einen ausgezeichneten Ruf. Der Verein erhielt nahe des
Krankenhauses Gagernstraße 36 im der Straße Bornheimer Landwehr 85 ein eigenes
modernes Schwesternhaus (hierzu Bönisch 2015a). Den Vorsitz des Schwesternvereins führte
der als Diabetesforscher renommierte Prof. Dr. med. Simon Isaac (1881–1942), langjähriger
Chefarzt der Abteilung der Inneren Medizin und ärztlicher Direktor der Klinik. Unter
Anleitung von Oberin Hirsch richtete das Krankenhaus eine Säuglingsberatung für jüdische
wie nichtjüdische Mütter ein.

Während das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde liberal ausgerichtet war, gehörte das
Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (1886–1941) – bekannt als das ,Rothschild‘sche
Kinderhospital‘ – zu den Wohlfahrts- und Pflegeinstitutionen der neo-orthodoxen
Austrittsgemeinde ,Israelitische Religionsgesellschaft‘ im Frankfurter Röderbergweg (vgl.
Seemann 2016; dies./ Bönisch 2019; siehe auch Heuberger/ Krohn 1988; Schiebler 1994: 165-
166). Dort fanden bedürftige jüdische Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren
unentgeltliche medizinische Behandlung und Pflege. Über die von Mathilde von Rothschild
(1832–1924) zum Andenken an ihre jung verstorbene Tochter Georgine Sara (1851–1869)
gestiftete Klinik informiert ein eigener Beitrag.

An dieser Stelle sei auch an weitere private Initiativen aus dem Frankfurter Judentum erinnert
und beispielhaft die bereits 1866 von Mitgliedern der liberalen Israelitischen Gemeinde
gegründete „Stiftung für gebrechliche oder verwahrloste bedürftige israelitische Kinder“
(Hanauer 1914: 52 [Hervorhebungen im Original gesperrt]) genannt; sie kam u.a. für
medizinische Behandlungskosten auf. Eine weitere Initiative, die 1899 errichtete Achille
Alexandre‘sche Bikkur Cholim-Stiftung (Bikkur Cholim = Krankenbesuch / Krankenpflege,
vgl. Seemann 2017), „unterstützte kranke israelitische Kinder bis zum 13. Lebensjahr mit
Medikamenten und Barmitteln“ (Schiebler 1994: 158). Diesem Projekt stand 1917 mit dem
Bankier Lyon Seeligmann (1866–1948) ein langjähriger Bruder der Frankfurt-Loge des
Deutschen Ordens B’nai B’rith vor: Der bis heute in zahlreichen Ländern vertretene B’nai
B’rith (hebräisch: Söhne des Bundes [mit Gott]) gehört zu den ältesten jüdischen Wohlfahrts-,
Bildungs- und Menschenrechtsorganisationen. Bis zu seiner NS-Zerschlagung im Jahr 1937
bestand auch in Deutschland ein großer Distrikt (Unabhängiger Orden Bne Briss), langjährig
geleitet von dem bekannten Rabbiner Dr. Leo Baeck (1873–1956) als gewähltem
Großpräsidenten, mit über 100 Einzellogen. In Frankfurt am Main wirkten neben der bereits
1888 gegründeten Frankfurt-Loge die Hermann Cohen-Loge (gegr. 1919) und die Marcus
Horovitz-Loge (gegr. 1922) (vgl. Gut 1928); allen drei Logen waren sozial überaus engagierte
und mit der Frankfurter und deutschen Frauenbewegung gut vernetzte Schwesternschaften
angeschlossen. Der Frankfurter B’nai B’rith findet hier besondere Erwähnung, da er als
Vereinigung sowie durch einzelne Logenangehörige an nahezu allen Frankfurter jüdischen
Sozial- und Pflegeprojekten beteiligt war; des Weiteren hatte er die Professionalisierung der
jüdischen Krankenpflege vorangetrieben (vgl. Steppe 1997). Sowohl der oben erwähnte Prof.
Dr. med. Simon Isaac (Krankenhaus Gagernstraße) als auch Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul
Grosser (1880–1934, leitender Arzt der Kinderklinik Böttgerstraße mit Säuglingsheim, danach
Direktor des Clementine Kinderhospitals) waren beide Brüder des jüdischen Ordens. Michael
Moses Mainz (1842–1927), welcher als Finanzberater Mathilde von Rothschilds (kein
Logenmitglied) maßgeblich den Aufbau ihres beeindruckenden Zedaka-Netzwerks
organisierte, war Mitbegründer der Frankfurt-Loge – und Schwiegervater des oben genannten
Lyon Seeligmann. Von den in verschiedenen Kurorten angesiedelten Projekten sei hier
exemplarisch die von der Frankfurt-Loge initiierte und durch Mathilde von Rothschild
finanzierte Israelitische Kinderheilstätte in Bad Nauheim erwähnt (vgl. Bönisch 2015b; siehe
auch Gut 1928: 40; Schiebler 1994: 162). Das Kurheim diente der Rehabilitation bedürftiger
jüdischer Kinder und wurde von Frankfurt aus verwaltet; der Mitbegründer und Berater
Michael Moses Mainz war auch im Vorstand vertreten. Ein Logenpaar des Frankfurter B’nai
B’rith – Raphael (1852–1909) und Jeanette Ettlinger (um 1856 – 1919) – gründete 1910 in
Hofheim am Taunus das Raphael und Jeanette Ettlinger-Heim e.V. für erholungsbedürftige
jüdische Kinder (vgl. Hanauer 1914: 54; Gut 1928: 41; Schiebler 1994: 160); nur zwei Jahre
versorgte die Institution 83 Mädchen und 41 Jungen. Hierüber informiert uns einmal mehr
Sanitätsrat Prof. Dr. med. Wilhelm Hanauer – ein weiteren Bruder des Frankfurter B’nai
B’rith.

Als in jüdisch-christlicher Zusammenarbeit gediehene Institutionen sind das Clementine
Kinderhospital
(vgl. Schiebler 1994: 159-160; Hövels u.a. 1995; Reschke 2012) und
das ,Böttgerheim‘ (Kinderklinik mit Säuglingsheim und Pflegeschule in der Böttgerstraße,
vgl. Gans/ Groening 2008) hervorzuheben; beide Einrichtungen werden wie das orthodox-jüdische
Rothschild‘sche Kinderhospital in Einzelbeiträgen vorgestellt. Das Böttgerheim,
errichtet durch das jüdisch geborene und evangelisch getaufte Ehepaar Auguste (1839–1909)
und Fritz Gans (1833–1920), hatte auch jüdische Unterstützer wie etwa den Frankfurter Notar
Dr. jur. Eduard Baerwald (1875–1934 (vgl. Schiebler 1994:158 sowie Eintrag bei Rotary und
NS: https://memorial-rotary.de/members/19 [28.03.2022]). Dass Louise von Rothschild
(1820–1894), Mitbegründerin des nach ihrer jung verstorbenen Tochter benannten Clementine
Kinderhospitals, die Schwägerin Mathilde von Rothschilds war, verweist einmal mehr auf
jüdische Familiennetze beim Aufbau Frankfurter Institutionen der Kinder- und
Säuglingspflege. Erwähnt sei in diesem Kontext auch das Angebot unentgeltlicher Zahn- und
Kieferbehandlung für bedürftige Kinder und Jugendliche durch die dazumal moderne
Heilanstalt (später Zahnklinik) Carolinum – 1890 gegründet von Louises Tochter und
Mathildes Nichte Hannah-Louise von Rothschild (1850–1892) und benannt nach Hannah-
Louises verstorbenem Vater Mayer Carl Freiherr von Rothschild (1820–1886) (vgl.
Windecker 1990 sowie einführend Carolinum Ffm 2021; siehe auch: Carolinum
Zahnärztliches Universitäts-Institut GGmbH: Poliklinik für Kieferorthopädie. Kinder und
Jugendliche: https://www.kgu.de/einrichtungen/kliniken/carolinum-zahnaerztlichesuniversitaets-
institut-ggmbh/poliklinik-fuer-kieferorthopaedie/leistungsspektrum/kinder-undjugendliche
[28.03.2022]). Das Carolinum stand ebenfalls allen Konfessionen offen. Im
Vorstand von Clementine Kinderhospital und Carolinum wirkten Mitglieder der angesehenen
calvinistisch-christlich geprägten Frankfurter Familie de Bary. Anders als die jüdischen
Krankenhäuser konnten alle drei Kliniken trotz nationalsozialistischer Repressionen und
Gebäudeverlusten durch alliierte Luftangriffe in der Bundesrepublik als Institutionen
fortbestehen.

Vereine und Verbände: Weibliche Fürsorge e.V. und Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge

Abbildung: Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins Weibliche Fürsorge e.V. mit Henriette Fürth (vordere Reihe, zweite von rechts) sowie vermutlich Oberin Minna Hirsch (hintere Reihe, zweite von links), 1904 – Herkunft: Center for Jewish History / Leo Baeck Institute F 3240, Nachweis: Wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Outdoor_group_portrait_of_the_women_on_the_first_board
of_the_Weibliche_Fuersorge(Care_for_Women_Society);Frankfurt_am_Main(3507968224).jpg?
uselang=de sowie https://www.flickr.com/commons [28.03.2022]

Im Jahr 1901 errichteten die Frankfurter jüdischen Sozialreformerinnen, Frauenrechtlerinnen
und Autorinnen Bertha Pappenheim (1859–1936, vgl. Gedenkbuch JB Neu-Isenburg:
https://gedenkbuch.neu-isenburg.de/bertha-pappenheim [28.03.2022]) und Henriette Fürth
(1861–1938, vgl. Fürth o.J. [28.03.2022]) einen israelitischen Frauenverein „zur Förderung
der gemeinnützigen Bestrebungen für die Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt“ (zit. n.
Schiebler 1994: 193; siehe auch Kaplan 1918; Klausmann 1997): den Verein Weibliche
Fürsorge e.V. mit Geschäftsstelle in der Langestraße 30. Dritte ,im Bunde‘ der Initiatorinnen
war sehr wahrscheinlich die bereits als Oberin des Krankenhauses Gagernstraße und
Frankfurter jüdischen Schwesternvereins vorgestellte Krankenschwester Minna Hirsch
(Jahrgang 1860 und damit aus der gleichen Generation stammend). Die Weibliche Fürsorge
gehörte zu den Abteilungen des Israelitischen Hilfsvereins. Im Rahmen ihres umfangreichen
sozialen Programms (vgl. Weibliche Fürsorge 1905; Pappenheim 1920) errichtete sie auch
Kommissionen für Säuglingsfürsorge und Kinderschutz. 1911 eröffnete sie im Frankfurter
Stadtteil Sachsenhausen ein eigenes jüdisches Kinderheim (Hauptstandort: Hans-Thoma-
Straße, vgl. Mahnkopp 2020; siehe auch Schiebler 1994: 163-165; Seemann 2018). Zuvor
hatte die Weibliche Fürsorge bereits 1907 das Fundament zur Gründung des Heims des
Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg
gelegt. Diese dank intensiver Erinnerungsarbeit
wieder bekannt gewordene Institution bot sozial benachteiligten minderjährigen Müttern und
ihren nichtehelichen Kindern Zuflucht, Ausbildung und orthodox-jüdische Anleitung (vgl.
Heubach 1986; Gedenkbuch JB Neu-Isenburg mit Literaturangaben).

Abbildung: Gebäude (restauriert) des ehemaligen Heims des jüdischen Frauenbundes in Neu-
Isenburg – Fotograf: Frank Murmann, 31.05.2008, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haus_Neu-Isenburg.jpg [28.03.2022]

Um 1903 arbeitete die Säuglingskommission der Weiblichen Fürsorge unter Oberin Minna
Hirschs Vorsitz „mit 9 Damen und beaufsichtigte 40 Kinder (darunter 3 uneheliche), die
größtenteils aus der Freiherrlich von Rothschild‘schen Stiftung mit Milch versorgt wurden“;
auch gab es das zusätzliche Angebot einer „Wägung der Kinder“ im Königswarter Hospital,
das „sehr befriedigende Resultate“ zeigte (Weibliche Fürsorge 1905: 3). Noch im alten
Schwesternhaus des Frankfurter Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen am Königswarter
Hospital hatte die Weibliche Fürsorge 1907 unter Oberin Hirschs Leitung eine Säuglings-
Milchküche
für Frankfurter Mütter und ihre Neugeborenen eingerichtet: „Zweck: a)
Verabreichung trinkfertiger Säuglingsnahrung nach ärztlicher Verordnung in solchen Fällen,
in denen nach ärztlicher Aussage nicht gestillt werden kann; b) Unterstützung Stillender“,
hieß es in der Satzung (zit. n. Schiebler 1994: 166). Diese „sozialfürsorgerische Initiative“
sollte „vor allem die Säuglinge armer Mütter aller Konfessionen mit gesunder und hygienisch
hergestellter Kleinkindnahrung“ versorgen“ (Steppe 1997: 209) – eine notwendige
Maßnahme, die Leben rettete und schützte: So waren im Zeitraum 1891–1900 von 100 in
Frankfurt am Main geborenen Säuglingen 16 Prozent bereits im ersten Lebensjahr verstorben
(vgl. Thomann-Honscha 1988: 83). Zum tragischen Säuglingssterben führten häufig
Krankheiten der Verdauungsorgane aufgrund armutsbedingter Mangel- und Fehlernährung,
gefolgt von Tuberkulose und Atemwegserkrankungen. Geleitet von der bewährten
Krankenschwester Johanna Beermann (1863–1942), zog die Säuglings-Milchküche in das im
Mai 1914 eingeweihte neue Schwesternhaus Bornheimer Landwehr 85 am Klinikneubau
Gagernstraße. Im Ersten Weltkrieg arbeitete die Milchküche unter erschwerten
Personalbedingungen. Wie Hilde Steppe betont, wurden vom Verein für jüdische
Krankenpflegerinnen trotz des hohen Einsatzes in Lazarett und Etappe

„vor allem die Tätigkeitsfelder in sozialfürsorgerischen Bereichen in Frankfurt die
ganze Kriegszeit hindurch aufrecht erhalten, wie die in der Säuglingsmilchküche, im
Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge und im Kinderhaus der Weiblichen
Fürsorge“.

(Steppe 1997: 218)

Im Kriegsjahr 1917 bildeten neben Schatzmeisterin Bertha Pappenheim der Vorsitzende
Sanitätsrat Dr. med. Adolf Deutsch (1868–1942) – praktischer Arzt, Leiter der Poliklinik des
Krankenhauses Gagernstraße, stellvertretender Vorsitzender des jüdischen Schwesternvereins
und ein Bruder des Frankfurter B’nai B’rith (Hermann Cohen-Loge) – sowie Max Wertheimer
(Lebensdaten unbekannt) den Vorstand der Säuglings-Milchküche. Bereits im Jahr 1902 hatte
der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen seiner Armenschwester Rosa Goldstein (1874–
1942, später verheiratete Fleischer) die Leitung der Kostkinderkommission übertragen – ein
weiteres Projekt der Weiblichen Fürsorge:

„Hier werden Kinder ab einem Alter von etwa zwei Jahren, die entweder Waisen sind
oder in ihren Familien zu verwahrlosen drohen, in Pflegefamilien in und um Frankfurt
vermittelt und regelmäßig besucht.

(Steppe 1997; s. auch Fürth 1898; Thomann-Honscha 1988)

Wie die Säuglingskommission arbeitete auch die Kostkinderkommission mit neun
ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen.

Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge leitete mit Oberin Frieda (Frida) Amram (1885–
1942, vgl. Seemann 2018) eine weitere Schwester aus dem Verein für jüdische
Krankenpflegerinnen. Durch den Erwerb des 1919 eröffneten Hauses Hans-Thoma-Straße 24
konnte die Institution 50 Kindern vom Säuglingsalter bis zum sechsten Lebensjahr eine
Zuflucht bieten:

„Zweck des Kinderhauses war es, bedürftigen isrealitischen [sic!] Kindern
unentgeltlich oder gegen mäßiges Entgelt Obhut, Verpflegung und Unterweisung zu
gewähren. Aufgenommen wurden Waisenkinder, Kinder[,] die durch missliche
Wohnungsverhältnisse nicht im Elternhause bleiben konnten, uneheliche Kinder und
solche, die keinen Menschen hatten, der sich ihrer annahm.“

(Schiebler 1994: 163)

Neben einem geregelten Alltagsablauf legte das Kinderhaus ganz im Sinne von Bertha
Pappenheim großen Wert auf eine jüdische Erziehung, Bildung und Gemeinschaft und bot
zudem einen Schutzraum gegen Antisemitismus. Die Geschichte des 1942 unter dem
Nationalsozialismus vernichteten Kinderhauses hat inzwischen Pfarrer Volker Mahnkopp mit
Unterstützung überlebender Bewohner/innen und ihrer Angehörigen umfassend erforscht (vgl.
Mahnkopp 2020; Frankfurter Kinderhaus). Dank dieses Engagements wurde am 26. April
2017 am Platz der vergessenen Kinder ein eigens entworfenes Mahnmal feierlich eingeweiht.
Eine Gedenktafel informiert die Besucherinnen und Besucher:

Die Skulptur ist angelehnt an die Form eines Dreidels. Das Spiel mit dem Dreidel ist
ein traditionsreiches Kinderspiel zum achttägigen Lichterfest Chanukka. Der Dreidel
ist ein kleiner Kreis mit vier Seiten, auf denen im Original jeweils ein hebräischer
Buchstabe zu sehen ist.“

Abbildung 3.: Fotografie vom Denkmal („Dreidel“) für das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge auf dem ,Platz der vergessenen Kinder‘, Hans-Thoma-Straße (Künstlerin: Filippa Pettersson) – © 2018 Dr. Edgar Bönisch

Der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge e.V. und der Verein für jüdische
Krankenpflegerinnen arbeiteten intensiv mit einer weiteren, für andere Städte wegweisenden
Institution zusammen: dem Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, der über seine
vielfältigen Aktivitäten eigene Jahresberichte vorlegte (vgl. UB JCS Ffm: FVfS 1911–1921).

Erste Seite (oberer Abschnitt) des 3. Jahresberichts des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge E.V., 1913 – Foto nach Kopievorlage: Dr. Birgit Seemann, 28.03.2022

Der von der Weiblichen Fürsorge neu gegründete ,Ausschuß für Säuglingsfürsorge‘, dem der
Verein für jüdische Krankenpflegerinnen im Herbst 1910 eine Schwester „kostenlos zur
Verfügung“ (Steppe 1997: 210) stellte, gehörte zu den Vorläufern des Frankfurter Verbands
für Säuglingsfürsorge. Der Verband erreichte durch sein vorbildhaftes Wirken später auch
überregional Bekanntheit (vgl. Rosenhaupt 1912; Thomann-Honscha 1988). Entstanden war
er am 8. Dezember 1910 als überkonfessioneller Zusammenschluss vieler engagierter
Einzelpersonen und Einrichtungen, verdankte aber seine Errichtung letztlich einigen
jüdischen Mitgliedern des Frankfurter Ärztlichen Vereins. Hier sei vor allem der Kinderarzt
Dr. med. Heinrich Rosenhaupt (1877–1944, vgl. Frost 1995 sowie Kallmorgen 1936: 388;
DGKJ Datenbank) gewürdigt, in Kooperation mit seinen bereits erwähnten Kollegen Dr. med.
Adolf Deutsch und Sanitätsrat Prof. Dr. Wilhelm Hanauer. Zwei der drei weiblichen Kollegen
in den am 1. Januar 1911 eröffneten neun Beratungsstellen des Verbands – namentlich Dr.
med. Käthe Neumark (1871–1939, vgl. JüdPflege), vor ihrem Medizinstudium
Krankenschwester des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins, und Dr. med. Paula
Philippson (1874–1949, vgl. DGJK Datenbank sowie Eintrag mit Foto bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Paula_Philippson [28.03.2022] – waren jüdisch, die dritte, Dr.
Käthe Kehr (1874–1926, vgl. Datenbank ,Ärztinnen im Kaiserreich‘), evangelisch. Um auch
Müttern und ihren Säuglingen zu helfen, die das Beratungsangebot nicht erreichte, setzte der
Verband in den Frankfurter Stadt- und Armenbezirken jüdische, katholische und evangelische
Krankenschwestern ein. Dabei stellte der im Vergleich zu den anderen größeren
konfessionellen Schwesternvereinigungen weitaus geringer ausgestattete Verein für jüdische
Krankenpflegerinnen bereits im ersten Berichtsjahr drei Schwestern zur Verfügung, der Verein
vom Roten Kreuz sowie der Vaterländische Frauenverein jeweils zwei Schwestern (vgl.
Jahresbericht FVfS 1911: 6; siehe zu den Biografien der jüdischen Pflegenden Seemann
2018). Dank der Beratungs- und Rettungsarbeit des Frankfurter Verbands für
Säuglingsfürsorge sank der statistische Anteil der in ihren ersten Lebenswochen verstorbenen
Säuglinge (von 100 in Frankfurt am Main Geborenen) im Zeitraum 1911–1914 von 14,5
Prozent (1901–1910) auf 10,6 Prozent, im Jahr 1923, nach einem traurigen Wiederanstieg
infolge des Ersten Weltkriegs, erstmals unter 10 Prozent (vgl. Thomann-Honscha 1988: 83).
Seit 1922 koordinierte das Stadtgesundheitsamt Frankfurts offene Säuglingsfürsorge, der
Verband für Säuglingsfürsorge erhielt den Status als „ausführendes Organ der Stadt“ (zit. n.
Steppe 1997: 259). 1925 übernahm die Stadt Frankfurt den Verband (vgl. Thomann-Honscha
1988: 127); dessen zuletzt 15 Beratungsstellen (vgl. Daub 2015: 78) gehörten fortan zum
Aufgabengebiet des Stadtgesundheitsamtes.

In die Arbeit der so verdienstvollen Vereinigungen ,Weibliche Fürsorge e.V.‘ und ,Frankfurter
Verband für Säuglingsfürsorge‘ und ihre Leistungen für die Frankfurter Stadtgesellschaft kann
hier nur ein kleiner Einblick gegeben werden. Beide Institutionen – ein Netzwerk von
Ärztinnen und Ärzten, Pflegenden, Wissenschaftlern und Förderinnen – verdienen eigene
Studien und biografische Erinnerungsarbeit.

Birgit Seemann, April 2023

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

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Sign. 686
– Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, Sign. S3 / P6056
– Sammlung Personengeschichte S2/ 15.495: Rosenhaupt, Heinrich
– Wohlfahrtsamt: Magistrat, Jugend-Amt Frankfurt am Main, Sign. 1.134: Ausbildung von
Lehrschwestern [im Kinderheim Böttgerstraße, Laufzeit 1921–1928]
– Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am
Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M. (gedr. Ms.), Sign. S 6a/411

Periodika

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– Rechenschaftsbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: Verein für jüdische
Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919
(Einundzwanzigster bis sechsundzwanzigster Jahresbericht). Frankfurt a.M.

UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
– Jahresberichte FVfS: Jahresberichte des Frankfurter Verbandes für Säuglingsfürsorge,
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Rotary und NS: Hg.: Forschungsgruppe „Rotary und Nationalsozialismus“, Projekt mit
Internetseite und digitalem Gedenkbuch, https://memorial-rotary.de
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Wikipedia:
Kinderkrankenpflege: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderkrankenpflege
Säuglingspflege: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4uglingspflege

Schwestern im Speisesaal, Kinderheim Frankfurt a. M. 1913

Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim

1. Einleitung

Eine der Bemühungen die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einzudämmen, war die Gründung der ersten reinen Kinder- und Säuglingskliniken (vgl.: Peiper 1965: 298). Diese Kliniken waren auf die speziellen Bedürfnisse dieser PatientInnen wie Wachstum, Kinderkrankheiten und soziales Umfeld eingestellt.

Beispiele sind ab 1829 die Kinderklinik der Berliner Charité und ab 1845 in Frankfurt Main das Dr. Christ’sche Kinderhospital für arme Kinder. Der Dresdner „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ gründete am 1. August 1898 das erste Säuglingskrankenhaus, weltweit. Geleitet wurde es vom Pädiater Arthur Schlossmann (1867-1932) (vgl.: Blessing 2013 und Bönisch 2022).

Im Berliner Kinderkrankenhaus wurde 1900 zusätzlich eine Säuglingspflegerinnenschule eingerichtet. Gelehrt wurde die Säuglingskrankenpflege, ein Beruf, der sich auch zur Säuglingspflege für zu Hause entwickelte sowohl für kranke als auch für gesunde Kinder (vgl.: Gellrich 2012: 74).

In Dresden hatte 1899 eine Schule für Säuglingspflegerinnen am Säuglingskrankenhaus eröffnet, die Trägerschaft hatte der „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ (vgl.: Gellrich 2012: 74).

In Frankfurt am Main konstituierte sich am 9. November 1901 der „Kinderheim e. V.“ mit den Zielen „Fürsorgebedürftige Kinder im zarten Alter zu verpflegen“ und der „Ausbildung von Kinderpflegerinnen“ (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 1).

Ab Januar 1903 konnte in einem angemieteten Haus in Frankfurt in der Feststraße 21 der Betrieb zur Pflege aufgenommen werden. Ein großer Neubau in der Böttgerstraße 20-22 nahm 1904 den Betrieb auf. In der Feststraße 21 arbeiteten zunächst vier Kinderpflegerinnen (siehe auch Bönisch 2022: 11f.). Woher die ersten ausgebildeten Schwestern kamen und wer sie waren, ließ sich bisher jedoch noch nicht klären.

Abbildung 1: Bestimmungen für die Anstellung von Kinderpflegerinnen, ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61, „Kinderheim“ Jahresbericht III für das Berichtsjahr 1904: 9 und 10

2. Über die Anstellung und die Vertragsbedingungen von Schwestern und Schwesternschülerinnen

In diesem Kapitel bespreche ich drei Dokumente zur Anstellung von bereits ausgebildeten Kinderpflegerinnen, zu den Aufnahmebedingungen auszubildender Schwesternschülerinnen und zur Pensionszusage für langjährig angestellte Schwestern. Ich folge dabei einem Sonderdruck von 1913, die ersten bekannten Ausführungen dieser Bestimmungen stammen aus dem Jahr 1904 (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1904).

2.1 Anstellungsbedingungen für bereits ausgebildete Kinderpflegerinnen

Die hier abgebildeten „Bestimmungen für die Anstellung von Kinderpflegerinnen in der Anstalt ‚Kinderheim‘ Frankfurt a. M.“ beziehen sich auf die von auswärts kommenden und bereits ausgebildeten Krankenpflegerinnen, hier einige Auszüge:

Zur Bewerbung mitzubringen waren der Geburtsschein, ein ärztliches Gesundheitsattest, Schul- und sonstige Zeugnisse, ein selbst geschriebener Lebenslauf und eine Fotografie. Der Anstaltsarzt hatte eine Einstellungsuntersuchung vorzunehmen.

In den Bestimmungen wurde eine Probezeit festgelegt. War die neue Schwester dann Mitglied der Schwesternschaft, konnte sie nach einem Jahr dem Schwesternverband beitreten. Das Dokument wies auf die Erwartung hin, dass die Kinderschwester „ihre ganze Zeit und Tätigkeit“ dem Verein widmete und den Anordnungen des Anstaltsarztes Gehorsam erbrachte. Außerhalb des Vereins zu leistende Pflegen ohne Vergütung konnten angeordnet werden. Im Gegenzug stellte der Vereine freies Wohnen, Kost und Reinigung der Wäsche wie auch die Anstaltskleidung und Anstaltsbrosche. Ärztliche Versorgung war zugesichert. Die Bezahlung war in den Bestimmungen festgelegt inkl. der jährlichen Gehaltssteigerung. An bezahltem Urlaub wurde zwei bis drei Wochen zugestanden. Besondere Erwähnung erfuhr die mögliche begründete Kündigung durch den Vorstand. Durch Heirat oder Eigenkündigung erlöschte die Zugehörigkeit zum Schwesternverband. Ein Zeugnis sollte auf Wunsch ausgestellt werden.

Zu klären bleiben hier jedoch genauere Angaben zum Schwesternverband. Von ihm wird bereits in den frühen Gründungsjahren des Vereins gesprochen. Eine andere Mitteilung aus dem Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1916: 6 besagt, dass der Verband im Jahr 1916 gegründet worden sei und dort „haben wir in früheren Jahren bei uns gründlich ausgebildeter, zuverlässiger Kinderschwestern, die sich im Außendienst, in der Privatpflege und in leitenden Stellungen sehr bewährt haben, aufgenommen…“

2.2 Ausbildung von Pflegeschülerinnen

Die Aufnahme zur Ausbildung von Pflegeschülerinnen sah ein Einstiegsalter zwischen 20 und 30 Jahren vor wobei eine gute Schulbildung Voraussetzung war. Auch sie mussten den Geburtsschein, ein ärztliches Gesundheitsattest, Schul- und sonstige Zeugnisse, einen selbstgeschriebenen Lebenslauf und eine Fotografie vorweisen, auch für Sie war die Untersuchung durch den Anstaltsarzt obligatorisch. Die Schülerinnen sollten mit Vornamen und mit Schwester angesprochen werden. Die Ausbildung enthielt theoretischen Unterricht durch den Anstaltsarzt und die einjährige praktische Ausbildung in Säuglings- und Kinderpflege sowie Kinderkrankenpflege. Der Abschluss erfolgte durch eine Prüfung und wurde mit einem Zeugnis bestätigt. Im Anschluss bestand die Möglichkeit, einen halbjährigen Kurs in einem Krankenhaus mit anerkannter Krankenpflegeschule zu belegen und in der „großen Krankenpflege“ ein Staatsexamen zu erlangen.

Weitere Ausbildungsbestimmung betrafen das Kostgeld, das freie Wohnen und die freie Verpflegung und die Reinigung der Wäsche. Die Schülerinnen mussten drei Anstaltskleider und neun weiße Schwesternschürzen selbst mitbringen und in Ordnung halten. Hauben und Vereinsabzeichen stellte der Verein. Außerhalb des Dienstes wurde Privatkleidung getragen. Die Schülerinnen mussten ein Kostgeld von 30 M für die ersten 6 Monate bezahlen, welches jedoch bei Abschluss der Ausbildung oder Verpflichtung von weiteren 6 Monaten, erlassen werden sollte – also ein Mittel, die jungen Frauen zur Ausbildungsbeendung zu motivieren. Die Option eines Taschengeldes (10 M pro Monat) bei gutem Fortschritt wird aufgelistet oder von 15 M bei einem halbjährigen Verbleiben nach der Ausbildung. Die Möglichkeiten der Entlassungen und der Kündigungen wurden vorgesehen. Während der Lehr- und Probezeit gab es gewöhnlich keinen Urlaub.

Die Dienstzeiten waren von 6.45 Uhr bis 19.15 Uhr. Eine Mittagspause von anderthalb Stunden sollte eingehalten werden. Jeden 9. Tag gab es „wenn angängig“ einen freien Nachmittag vom 14.00 bis 20.00 Uhr. Nachtdienst dauerte 14 Tage und wurde von Schwestern und Schülerinnen abwechselnd geleistet. Nachtdienstleistende hatten den Tag frei. Befreit waren die Schülerinnen von groben Arbeiten und Wäsche waschen, jedoch waren sie zuständig für jede Arbeit, die mit der „Wartung und Pflege gesunder und kranker Kinder“ zu tun hatte. Das Inventar der Kinder hatte ebenfalls die Schülerin zu pflegen, bei schuldig zerbrochenen Sachen, mussten diese ersetzt werden.

In ihrem Schlafzimmer war die Schülerin für Bettenbau ihres Bettes und die Ordnung ihres Waschtisches zuständig. Im Krankheitsfall versorgte der Verein die Schwester im Haus oder in einem Hospital in der 3. Klasse (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 Kinderheim e. V. 1913: 2f.).

2.3 Pensionsberechtigung

Abbildung 2: Pensionsberechtigung der Kinderschwestern. Aus: Kinderheim, IV. Jahresbericht für das Jahr 1905: 9

Für das Jahr 1905 (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“ Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 4f.) berichtet der Vorstand über die derzeitige Beschäftigung von neun Kinderschwestern aus eigener Ausbildung oder aus anderen Ausbildungsstätten, die jeweils sechs bis acht Kinder betreuten. Weiteres Pflegepersonal würde noch gesucht, um das eigene Personal zu entlasten, aber auch um durch Außendienste Einkünfte zu generieren. Um die Attraktivität des Arbeitsplatzes Kinderheim e. V. zu steigern, wurde beschlossen, eine Pensionsberechtigung einzuführen.

Diese Pensionsberechtigung beinhaltete, dass, wer dem Schwesternverband 15 Jahre angehörte und darüber hinaus nach dieser Zeit weiter dem Verband angehören würde, für die Pension berechtigt war. Wurde eine Schwester des Verbandes unverschuldet krank erhielt sie die Pension, gesundete sie, wurde das normale Arbeitsverhältnis fortgesetzt. Durch Altersschwachheit setzte die Pension ein. Bedingungen waren, dass die Schwester weiter ledig blieb und einen „sittlichen Lebenswandel“ führte. Der Bezug der Pension konnte an einem beliebigen Ort in Deutschland stattfinden und betrug 420,- Mark pro Jahr zuzüglich zu den Alters- und Invalidenversicherungsrechten. Ein früherer Bezug lag im Ermessen des Vorstands.

3. Was wir weiter über die Schwestern im Haus wissen

Abbildung 3: Schwestern im Speisesaal, Kinderheim Frankfurt a. M. 1913, ISG FFM – Magistratsakten V 568/70: 9

3.1 Schwesternbrosche

Abbildung 4: Abzeichen für den Kinderheim e. V. und die Brosche der Schwestern, ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61, Kinderheim e. V. 1909
Abbildung 5: Eines der Bambinos des Bildhauers Andrea della Robbia. © Eva-Maria Ulmer
Abbildung 6: Das Ospedale degli Innocenti
(Hospital der Unschuldigen) mit unterschiedlichen Skulpturen des Bambinos © Eva-Maria Ulmer

Nachgebildet ist auf der Brosche eines der Bambinos des Bildhauers Andrea della Robbia (vgl.: http://www.florentinermuseen.com/musei/ospedale_degli_innocenti.html 30.08.2022). In der Broschüre von 1913 (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 Kinderheim e. V. 1909: 9) wird die Kleidung der Schwestern bei der Arbeit beschrieben. Sie trugen hellblaue Waschkleidung und weiße Schürzen und das Vereinsabzeichen als Brosche.

Welche Bedeutung als Identitätsmerkmal das Abzeichen hatte, wird verständlich, wenn beschrieben wird, wie sehr sich ein Mitarbeiter des Hauses über den Missbrauch des Abzeichens durch andere Personen, die eventuell keine gründliche Ausbildung vorweisen können liest. Wohl aus diesem Grund sei die Schrift im Abzeichen inzwischen in Rot wiedergegeben (vgl. ebd.). [Meines Wissens nach wurde von der Dresdner Schwesternschaft dieses Zeichen ebenfalls getragen, die es mit Stolz aus Frankfurt übernommen hatten (vgl.: Schlossmann 1906: 53f.) Auch im Jahrbuch für 1908 ist zu lesen wie der Vereinsvorsitzende Christian Wilhelm Pfeiffer sich über das Kopieren ihres Abzeichens aufregt, zumal die Herkunft des Zeichens verschwiegen werde (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1908).

3.2 Die Schwestern im Haus

Eine ausführliche Beschreibung der Häuser der Böttgerklinik und der Belegung der Räumlichkeiten gibt es bereits im Artikel „Die überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße (Böttgerheim), eine Stiftung der Familie Gans“ (vgl.: Bönisch 2022/2023) Hier eine kurze Zusammenfassung soweit die Aussagen die Kinderschwestern betreffen.

Abbildung 7: Erdgeschoss des Kinderheims in der Böttgerstraße, Kinderheim 1913

Zu Beginn des Kapitels 3 befindet sich die Abbildung 3, sie zeigt die Schwestern vermutlich auf der „Veranda für Säuglinge“ im Erdgeschoss, ein geheizter Raum, in dem auch Versammlungen oder auch Prüfungen stattfanden, der auf dem Grundriss vorne eingezeichnet ist (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1909: 7). Weiter auf dem Plan des Erdgeschosses sieht man das Wohn- und Speisezimmer der Pflegerinnen, welches an die Veranda anschließt. Bilder aus dem Arbeitsleben zeigen zum einen den Säuglingssaal und zum anderen eine nach der Erstellung des Neubaus angebaute offene Veranda aus dem Jahr 1912:

Abbildung 8: Säuglingssaal im ersten Obergeschoss des Böttgerheims
Abbildung 9: Offene, gedeckte Veranda im Böttgerheim

Die Schlafräume der Schwestern lagen im 1. und 2. Stock, später auch im zugekauften Hinterhaus oder für Gäste, Schwestern und Seminaristinnen im Haus Hallgartenstraße 59.

Ein wenig über den Tagesablauf erfahren wir aus einem Eintrag in der Beschreibung von 1913:

„Die Pflege der Kinder wird durch die Schwestern des Vereins und die zur Erlernung der Kinderpflege in der Anstalt befindlichen Schülerinnen unter Aufsicht der Oberin besorgt. Durch den Anstaltsarzt findet täglich eine eingehende Visite statt. Jede der 14 Schwestern hat in der Regel 6 Säugling zu pflegen, in einem Saal finden sich gewöhnlich eine ausgebildete Pflegerin und eine Schülerin. Die Schwestern tragen hellbau- und weißgestreifte Waschkleider, weiße Schürzen, eine Haube und eine Brosche mit dem della Robbiaschen Bambino.“

ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1913: 10

3.3 Prüfungsszenarium

Überliefert ist das Szenarium des Ablaufs einer Prüfung im Haus um 1909:

„In der Veranda des Erdgeschosses waren die Prüfer und Prüflinge versammelt. Es handelte sich um die Prüfung von acht in der Anstalt ausgebildeten Schülerinnen und drei Schwestern eines anderen Verbandes, die den Ausbildungskursus mitgemacht und einige Monate praktisch in der Anstalt gearbeitet hatten. Wie bei jeder Prüfung waren die Leistungen verschieden. Es fiel mir aber auf, dass das Gebiet, über das geprüft wurde, ausserordentlich gross war, und die Fragen eine genaue Kenntnis desselben voraussetzten. Der Examinator streifte der Reihe nach den Aufbau des menschlichen Organismus, den Bau der einzelnen Organe, ihre Aufgabe und ihr Zusammenarbeiten, die Ernährung des Organismus, die Art der Nährmittel, ihre Verdauung und Verwertung, ferner Kapitel aus der Bakteriologie, die Begriffe der Infektion und Desinfektion, um schliesslich aufbauend auf diesen Fundamenten zu den Besonderheiten der Säuglingspflege und Säuglingsernährung überzugehen. Zum Schluss bewiesen uns die Prüflinge ihre Kenntnis und Geschicklichkeit im Anlegen von Verbänden.“

ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1909: 17

Dem Autoren oder der Autorin dieser Zeilen erscheint die ganze Prüfung doch sehr theorielastig und fragt den Anstaltsarzt Dr. Scholz nach dessen Meinung dazu: Ziel der Ausbildung sei kranke Kinder versorgen zu können, antwortet dieser, aber auch die moderne Kinderpflege zu vermitteln. In der Praxis sei es sehr gut möglich, dass die fertig ausgebildeten Schülerinnen sofort in den Außendienst gehen müssten und ohne Anleitung eines Arztes Entscheidungen treffen müssten.

„Dort haben sie recht häufig eine schwierige Stellung: auf der einen Seite eine Wöchnerin, die meistens nicht das Geringste von Kinderpflege versteht, auf der anderen Seite Grossmütter und Tanten, die sehr viel von Kinderpflege zu verstehen glauben und mit wichtigem Gesicht unter Hinweis auf ihre eigenen Erfolge alte, längst abgetane Ammenweisheit predigen.“

ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1909: 17

Weiter führt Dr. Scholz aus, dass da die Schwestern überzeugen können und klar sagen können müssten, warum der Säugling nur alle 3,5 bis 4 Stunden trinken soll, warum Muttermilch besser ist als Kuhmilch usw. und dafür müsste ein Wissen über den Organismus, die Ernährung etc. vorhanden sein. Wodurch auch das Ziel erfüllt würde, moderne Anschauungen über Säuglingspflege und Ernährung bekannt zu machen (vgl. ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1909: 17).

4 Namen und Biografien

Schwierig ist die Quellenlage für Biografien von Kinderpflegerinnen, die im Böttgerheim ausgebildet wurden bzw. dort arbeiteten, einige konnte ich ausfindig machen.

4.1 Oberin Bertha Trömper (Beiratsmitglied)

Oberin Bertha Trömper gehörte von Beginn an dem Beirat (vgl.: ISG FFM V 586 / 61 – „Kinderheim“ I. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1902) des Kinderheim e. V. an. Vermutlich hatte sie keine weiteren Funktionen im Kinderheim selbst. Jedoch leitete sie den 1896 gegründeten Bertha-Verein für öffentliche Krankenpflege (vgl.: Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 63). Sie selbst und der Verein residierten im 2. und 3. Stock im Bornwiesenweg 53 (vgl.: Adressbücher 1904). 1897 gehörten dem Verein 14 Krankenpflegerinnen an (vgl.: Aertzlicher Verein 1898:74). Das Diakonenkrankenhaus in Duisburg hatte 1887 eine Frauenstation eröffnet und Schwestern des Diakonievereins in Berlin-Zehlendorf eingestellt. Der Zehlendorfer Verein kündigte jedoch die Zusammenarbeit auf Grund von unzumutbaren Arbeitsbedingungen für die Schwestern 1901. Die Schwestern des Bertha-Vereins sprangen dafür ein (vgl.: Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 63). Die Informationen bezieht sich auf die Satzung des Bertha-Vereins, und auf Unterlagen zum Arbeitsverhältnis zwischen Krankenhaus und Bertha-Verein). Die Zusammenarbeit endete 1912:

„Von 1902 bis 1912 arbeite man mit dem ‚Bertha-Verein‘ in Frankfurt und dessen Oberin Bertha Trömper zusammen. Sie sandte in diesen Jahren Schwesternschülerinnen nach Duisburg, die zur eigenen Ausbildung und zur Pflege der Patienten ihren Dienst versahen. Bald kam es jedoch nach Meinung der Duisburger Anstaltsleitung zu Schwierigkeiten. Eine Schwester stahl, eine mußte gehen, weil ‚sie Liebelei mit einem jungen Bruder anfing umd [sic] ihm ein Gedicht übersandte‘. Als sich schließlich zwei Schwestern vor den Patienten stritten und handgreiflich gegeneinander wurden, nahm die Anstaltsleitung dies zum Anlaß, die Verbindung zum ‚Bertha-Verein‘ zu lösen.“

Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 121

Die darauffolgenden Diakonissen aus dem Berner Mutterhaus blieben in Duisburg bis 1919 und zogen sich dann aufgrund des langen erschöpfenden Kriegs und der klimatisch schlechten Verhältnisse aus Duisburg zurück (vgl.: Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 121)

Abbildung 10: Im Beirat: Oberin Trömper. Darunter wird Frl. Elisabeth Lippert als Vorsteherin der Anstalt aufgelistet. ISG – FFM Magistratsakte V 586 / 61 Kinderheim,
III. Jahresbericht für 1904

4.2 Angestellte Schwestern im Jahr 1920

Der Verein „Kinderheim e. V.“ musste aus finanziellen Gründen zum 1. Oktober 1920 aufgelöst werden und die Stadt Frankfurt führte das Böttgerheim weiter (vgl.: Thomann-Honscha 1988: 157). Auf den 11. Januar 1921 datiert liegt ein Schreiben des Jungend-Amtes an den Magistrats-Personaldezernenten vor. Darin geht es um die Übernahme und Besoldung von Personal des bisherigen Böttgerheims in Verträge der Stadt Frankfurt:

„Zufolge gemeinsamer Beschlüsse des Magistrats und der Stadtverordneten – Versammlung ist das „Kinderheim“ mit Wirkung vom 1.10.20 ab verstadtlicht worden. Gemäss § 6 des Uebernahme – Vertrags ist die Stadt verpflichtet, die weitere Beschäftigung und die Altersversorgung der im Heim beschäftigten Schwestern Elisabeth Lippert (Oberin) und Marie Lippert (Oberschwester) zu übernehmen. Billiger Weise werden wir auch die bisher im Heim tätigen Schwestern übernehmen müssen, zumal dies ja für den Weiterbetrieb dringend benötigt werden.“ (ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 Kinderheim: Blatt 136) Aus dieser Akte kennen wir einige Namen der Beschäftigten im Jahr 1920.

4.2.1 Elisabeth Lippert (1865-?) und Marie Lippert (1867-?)

Elisabeth Lippert wurde am 26. September 1865 in Mainz geboren. Oberin im Böttgerheim wurde sie am 1. April 1903. Im Heim war sie auch für die Verwaltung und Büroarbeit zuständig. Ihre Schwester Marie (auch Maria bzw. Maria Louise) war die jüngere von beiden. Sie war am 29. Juni 1867 in Frankfurt am Main geboren worden. Sie bekleidete seit dem 1. Januar 1904 die Funktion eine Oberschwester (vgl.: ebd. und ISG FFM Best. A.11.02 (Personalakten Nrn. 935 und 936 sowie 46.406 und 59.622). Es existiert die Meldekarte der Familie Carl Lippert (vgl.: ISG FFM Best. A.12.02 (Nullkartei) Nr. L06107), aus der zu sehen ist, dass Elisabeth Lippert am 1. Juli 1903 in der Falkstraße 21 gemeldet war und am 27. Juni 1904 in der Böttgerstraße 22. Ihre Schwester war ab dem 26. Juni 1916 in der Böttgerstraße gemeldet. Der Vater war Carl Conrad Lippert, geboren am 25. März 1830 in Frankfurt am Main, gestorben am 13. November 1902. Die Familie war katholisch. Carl Lippert war k. k. Major a. D. und seit 16. April 1873 verwitwet. Aus der Literatur ist zu sehen, dass er 1866 das Militär-Verdienst-Kreuz erhalten hatte, ein Orden gestiftet von Franz Joseph I von Österreich (vgl.: Kais. Königl. Militär-Schematismus). Vermutlich nahm Carl Lippert am zweiten deutsche Einigungskrieg gegen Preußen teil.

4.2.2 Margarete Kiehl

Kiehl, Margarete, geb. 05.101887 zu Königsberg, Schwester im Heim seit 01.01.1913

4.2.3 Helene Anthes

Anthes, Helene, geb. 08.05.1897 zu Frankfurt/Main, Schwester im Heim seit 01.04.1920

4.2.4 Margarete Kottmayer

Kottmayer, Margarete, geb. 22.04.1885 zu Nied, Schwester im Heim seit 01.10.1913

4.2.5 Agnes Kalytta

Kalytta, Agnes, geb. 08.01.1890, geb. 08.01.1890 zu Zaborze/Schles., Schwester im Heim seit 25.11.1919

4.2.6 Lina Burchardt

Burchardt, Lina, geb. 30.07. 1880 zu Frankfurt /Main, im Heim seit 01.11.1919

Weitere Spuren dieser Frauen müssen noch erforscht werden, berücksichtigt werden sollten ihre Personalakten der Stadt Frankfurt am Main im Institut für Stadtgeschichte.

5. Vernetzungen

Weiterer Namen, die ich entdeckt habe, sind die von Betty Behrendt und ihrer Tochter Annemarie. Deren bisher bekannten Lebenswege deuten an, welche Vernetzungen es unter den Frankfurter Kinder- und Säuglingspflegerinnen und den unterschiedlichen Institutionen zur Ausbildung und Ausübung des Berufs im pflegerischen und sozialen Bereich gab.

5.1 Betty Behrendt (1908-?) und das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg

Betty Behrendt, geboren am 6. Januar 1908 in Berlin, brachte 1927 ihre Tochter Annemarie in Frankfurt am Main zur Welt. „Vermutlich begab sie sich unmittelbar nach der Geburt gemeinsam mit ihrer Tochter in die Obhut des Heims ,Isenburg‘ und ließ sich dort zur Säuglingspflegerin ausbilden“ (Gedenkbuch Isenburg o. J.: Behrendt, Betty). Bis zum 30. Oktober 1936 arbeitete sie als Pflegerin im Heim. 1936 ging sie nach Frankfurt und arbeitete als Haushaltshilfe in der Aystettstraße 6, eine Villa die Frieda Philippsohn, geborene Rothschild, 1939 verkaufen musste (vgl.: Mahnkopp 2020: 32 und Philippson, David: Frieda Philippsohn war die Schwiegertochter von David Phillipsohn, der zu der Gruppe von 23 Holocaustopfern gehört, an die mit der Gedenkstätte der Henry und Emma Budge-Stiftung erinnert wird. 1939 floh sie ohne die Tochter nach Belgien und ging dort 1942 in den Untergrund, wo sie den Krieg überlebte (vgl.: Gedenkbuch Isenburg o. J.: Behrend. Betty).

Um mehr über die Ausbildung jüdischer Säuglingspflegerinnen zu erfahren, ob sie z. B. im Böttgerheim ausgebildet wurden, bleibt zu klären. Einen Hinweis gibt es in der Literatur über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg: „Diejenigen, die bei den Säuglingen und Kleinkindern beschäftigt werden, erhalten Kurse in den Grundlagen der Erziehungslehre. Bei Eignung kann eine Ausbildung in Frankfurt als Kinderpflegerin durchgeführt werden. Die meisten, die das Heim verlassen, verdienen ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte. Die Heimkommission vermittelt entsprechende Stellen in zuverlässigen jüdischen Familien.“ (Heubach 1986: 39)

5.2 Kurse im Böttgerheim für Externe (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main)

In dem oben beschriebenen Prüfungsszenarium (Kapitel 3.3) nahmen acht selbst ausgebildete Schwesternschülerinnen des Böttgerheims teil, aber auch „drei Schwestern eines anderen Verbandes, die den Ausbildungskursus mitgemacht und einige Monate praktisch in der Anstalt gearbeitet hatten“ (ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 Kinderheim 1909: 16). Im Jahresbericht des Kinderheims dokumentiert der Anstaltsarzt Dr. Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahmen sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61, „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3).

Die Schwestern des „Vereins für jüdische Krankenschwestern zu Frankfurt am Main“, arbeiteten im Jahr 1909 hauptsächlich noch im Hospital der Israelitischen Gemeinde in der Königswarterstr. und lebten seit 1902 im Neubau des Schwesternheims in der Königswarterstr. 20 (vgl.: Bönisch 2021).

5.3 Kurse im Böttgerheim für Externe (Seminaristinnen des Frauen-Seminars für soziale Berufsarbeit)

Unter der Leitung von Rosa Kempf hatte 1913 das Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit seine Arbeit aufgenommen, um „die Ausbildung, insbesondere weiblicher Personen in denjenigen Wissenschaften zu vermitteln, deren Kenntnis für die Betätigung in der Wohlfahrtspflege erforderlich ist“ (Eckhardt 2014: 25). Praktikantinnen des Seminars waren in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen: „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen, betraut“ (ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6).

Auch nach dem Werdegang der Personen aus dieser Gruppe und deren Vernetzung in den Institutionen wäre nachzuspüren.

5.4 Die Fritz-und-Auguste-Gans-Stiftung zugunsten erholungsbedürftiger Krankenpflegerinnen

Ein letzter Hinweis in diesem Artikel auf Institutionen, die für die jüdischen Kinder- und Säuglingspflegerinnen relevant waren, ist der auf die Fritz-und-Auguste-Gans-Stiftung zugunsten erholungsbedürftiger Krankenpflegerinnen, die 1909 errichtet wurde und 1939 aufgelöst wurde, das Restvermögen ging zu Hälften an das Hospital zum Heiligen Geist und an den Verein jüdischer Krankenpflegerinnen (vgl. Stiftungen jüdischer Bürger-nach 1933).

6 Quellen

6.1 Archivalien

ISG FFM – Institut für Stadtgeschichte Fankfurt am Main

Kartensammlung Hochbauamt S8-HBA, 657

Magistratsakten R / 23 Bd. 2 – Wilhelm- und Auguste-Victoria-Stiftung-für Säuglingsfürsorge

  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VIII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1909, Frankfurt 1913

Magistratsakten R / 23 Bd. 3 – Wilhelm und Auguste Victoria-Stiftung-für Säuglingsfürsorge

Magistratsakte V / 568 Kinderheim

  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: I. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1902, Frankfurt 1903
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: II. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1903, Frankfurt 1904 [nicht auffindbar EB]
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: III. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1904, Frankfurt 1905
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1905, Frankfurt 1906
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: V. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1906, Frankfurt 1907
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1907, Frankfurt 1908
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1908, Frankfurt 1909
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IX. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1910, Frankfurt 1911
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: X. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1911, Frankfurt 1912
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1912, Frankfurt 1913
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1913, Frankfurt 1914
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XIV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1915, Frankfurt 1916
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: 15. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1916, Frankfurt 1917
  • Kinderheim e. V. 1909: Kinderheim Frankfurt am Main
  • Kinderheim e. V. 1913: Kinderheim Frankfurt am Main, Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Teil: Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Nulldatei, ISG FFM Best. A.12.02

Personalakte, ISG FFM Best. A.11.02

Stiftungsabteilung 250 Verein Kinderheim Böttgerstraße 22

6.2 Literatur

Adressbücher 1904: Neues Adreßbuch [sic] für Frankfurt am Main und Umgebung. 1904. Unter Benutzung amtlicher Quellen, Frankfurt am Main

Aerztlicher Verein 1898: Jahresbericht über die Verwaltung des Medicinalwesesn die Kranken-Anstalten und die öffentlichen Gesundheitsverhältnisse der Stadt Frankfurt a. M. XLI. Jahrgang 1897, Frankfurt a. M.

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege. Der Beginn der professionellen Säuglingskrankenpflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege, 2. Jg., 1/2013: 25-34

Bönisch, Edgar 2021: Die Schwesternschülerinnen des Frankfurter Vereins, 1903-1913

Bönisch, Edgar 2022: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege, Frankfurt am Main

Bönisch, Edgar 2022/2023: Die überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße (Böttgerheim), eine Stiftung der Familie Gans, Frankfurt am Main

Eckhardt, Hanna/Eckhardt, Dieter 2014: Das „Frauenseminar für soziale Berufsarbeit“. Die „Wohlfahrtsschule für Hessen-Nassau und Hessen“ 1913-1933, in: Der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main: „Warum nur Frauen?“ 100 Jahre Ausbildung für soziale Berufe, Frankfurt am Main

Gedenkbuch Isenburg o. J.: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907-1942)

Gellrich, Dorothea 2012: Die Entstehung neuer Frauenberufe in der Säuglingsfürsorge 1898-1930. Zum Beruf der Säuglingspflegerin und Säuglingsfürsorgerin, Saarbrücken

Hildemann, Klaus D. / Kaminsky, Uwe / Magen, Ferdinand 1994: Pastoralgehilfenanstalt – Diakonenanstalt – Theodor Fliedner Werk. 150 Jahre Diakoniegeschichte, Köln

Kaisl. Königl. Militär-Schematismus 1878: Kais. Königl. Militär-Schematismus für 1879, Wien

Mahnkopp, Volker 2020: Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. Hans-Thoma-Straße 24, Frankfurt am Main

Peiper, Albrecht 1965 [1951:] Chronik der Kinderheilkunde, 4. erw. Auflage, Leipzig

Schlossmann, Arthur 1906: Über die Fürsorge für kranke Säuglinge unter besonderer
Berücksichtigung des neuen Dresdner Säuglingsheimes. In: Arbeiten aus dem Dresdner Säuglingsheim. Dresden Säuglingsheim 3: 1-94

Stiftungen jüdischer Bürger-nach 1933: Stiftungen jüdischer Bürger Frankfurts für die Wohlfahrtspflege – Übersicht und Geschichte nach 1933

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a. M., Manuskript, Frankfurt am Main

„Deine Dir gute Obeli“ – Frankfurter jüdische Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege

Der Beitrag erinnert an die in der Kinder- und Säuglingspflege aktiven Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen – zugleich ein vergessener Teil der Frankfurter Pflege- und Sozialgeschichte. Unter Anleitung von Oberin Minna Hirsch arbeiteten Johanna Beermann und Anna Ettlinger in der Säuglingsberatung des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde und in der Säuglings-Milchküche im benachbarten jüdischen Schwesternhaus. Rosa (Goldstein) Fleischer leitete die Kostkinderkommission. Alle drei Einrichtungen halfen jüdischen wie nichtjüdischen Müttern und Kindern. Zum Erfolg des überkonfessionell mit hoher jüdischer Beteiligung gegründeten Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge, dessen Einsatz viele Kinderleben rettete, trug auch der engagierte Pflegedienst von Betty Schlesinger, Doris Unger, Else Unger, Dina Wolf und Babette Zucker bei.

„Obeli“ – so nannten die kleinen Bewohnerinnen und Bewohner des Kinderhauses des jüdischen Frauenvereins ,Weibliche Fürsorge‘ ihre soziale Mutter: Oberin Frieda (Frida) Amram, ebenfalls Mitglied des Schwesternvereins und drei Jahrzehnte lang die Leiterin des Kinderheims. Am ehemaligen Standort Hans-Thoma-Straße 24 im Stadtteil Sachsenhausen ist der ,Platz der vergessenen Kinder‘ mit dem in Frankfurt einzigartigen ,Dreidel‘-Mahnmal heute ein eindrucksvoller Gedenkort.

Einführung

„Deine Dir gute Obeli“ trug Frieda Amram, die Leiterin des Kinderhauses des jüdischen Frauenvereins ,Weibliche Fürsorge e.V.‘ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, am 25. Dezember 1939 in das Poesiealbum von Inge Grünwald ein – zum Abschied, denn noch am gleichen Tag zwang die NS-Verfolgung die neunjährige Schülerin, nur von ihrem 16-jährigen Cousin begleitet, ihre Heimatstadt Frankfurt am Main zu verlassen und in das ferne Uruguay zu emigrieren (zit. nach Mahnkopp 2020: 26; siehe auch Maierhof 2004). Mit dem liebevollen Kosewort „Obeli“ für „Oberin“ bedachten die kleinen Bewohnerinnen und Bewohner des Kinderhauses ihre soziale Mutter Frieda Amram: Drei Jahrzehnte lang sorgte die ausgebildete Krankenschwester im Auftrag des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen für verwaiste, vernachlässigte und zuletzt NS-bedrohte jüdische Kinder und schuf ihnen einen Ort der Geborgenheit – eine Lebensaufgabe, die erst NS-Verhaftung und Deportation gewaltsam beendeten.

Der Artikel erinnert an Oberin Frieda (Frida) Amram (1885–1942) und ihre in der Frankfurter Kinder- und Säuglingspflege aktiven Kolleginnen vom Verein für jüdische Krankenpflegerinnen – zugleich ein vergessener Teil der Frankfurter Pflege- und Sozialgeschichte: Die Schwestern arbeiteten in der Geburtshilfestation und der Säuglingsberatung des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde (Königswarterstraße 26, seit 1914: Gagernstraße 36), in der Säuglings-Milchküche im benachbarten jüdischen Schwesternhaus (Königswarterstraße 20, seit 1914: Bornheimer Landwehr 85) für den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge und sehr wahrscheinlich auch im Rothschild‘schen Kinderhospital der neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft (vgl. Seemann 2016). Im „Böttgerheim“ leisteten sie vermutlich keinen Dienst, da diese von dem jüdisch geborenen und zum Christentum konvertierten Ehepaar Auguste (1839–1909) und Fritz Gans (1833–1920) errichtete Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße eigene Absolventinnen ausbildete (vgl. Gans/ Groening 2008; JüdPflege; ISG Ffm: Wohlfahrtsamt). Ähnlich verfuhr das von Bertha Pappenheim (1859–1936) geleitete Kinderheim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt (vgl. Gedenkbuch JB Neu-Isenburg). Im wie das Böttgerheim überkonfessionellen Clementine Kinderhospital, das die jüdische Stifterin Louise von Rothschild (1820–1894) mitbegründet hat, pflegten christliche Schwestern (vgl. Reschke 2012; JüdPflege).

Zum Forschungsstand

Die Kinder- und Säuglingskrankenpflege ist ein eigenständiger und vielseitiger Ausbildungsberuf (vgl. einführend Hoehl/ Kullick (Hg.) 2019; siehe auch Wikipedia: Kinderkrankenpflege). Gleichwohl liegen hierzulande noch immer zu wenige neuere Studien vor, die die Geschichte dieses Teilgebiets der Krankenpflege näher beleuchten (vgl. z.B. Blessing 2013; siehe auch Fontanel/ Harcourt 1998; Dill 1999; Chamberlain 2000; Frenken 2011). Sehen wir von Eduard Seidlers wegweisender Publikation (vgl. Seidler 2007;  DGKJ Datenbank; siehe auch Livnat/ Tobias 2012ff.; Ärztinnen im Kaiserreich 2015) zu NS-verfolgten jüdischen Kinderärztinnen und -ärzten ab, betrifft das Forschungsdesiderat auch Biografien aus der Kinder- und Säuglingskrankenpflege, insbesondere des Pflegepersonals und seinem in der Shoah vernichteten jüdischen Anteil. Im Folgenden wird in die noch weiter zu erforschende Kinder- und Säuglingskrankenpflege des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main eingeführt. Wegen der Querverbindungen in der Tätigkeit jüdischer Krankenschwestern zur Krankenfürsorge und Sozialen Arbeit wird hier der die Krankenpflege einschließende Oberbegriff der Kinder- und Säuglingspflege verwendet.

Für das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde (Gagernstraße) und die beiden Rothschild‘schen Spitäler (Röderbergweg) ist der Kenntnisstand zu den Kinder- und Säuglingsschwestern infolge der in der Shoah ,verschollenen‘ Personalakten höchst lückenhaft. Aus der Anonymität NS-ausgelöschter Erinnerung bekamen dank der Recherchen (vgl. die Internetseite ,Vor dem Holocaust, Rubrik: Arbeit/ Krankenschwestern, online erreichbar über das Netzwerk des Fritz Bauer Instituts: https://www.fritz-bauer-institut.de [01.11.2021]) der Historikerin Monica Kingreen Pflegende wie Schwester Selma und Schwester Gisela wieder ein ,Gesicht‘: Selma Sonnenberg (Lebensdaten unbekannt) wurde 1916 im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildet und arbeitete um 1920 im Krankenhaus Gagernstraße. Bei Gisela (Familienname und Lebensdaten unbekannt), dort 1933 Säuglingspflegerin, handelt es sich möglicherweise um Gisela Schwarz, geboren am 19. Juli 1895 in Berlin, am 10. Oktober 1928 nach Frankfurt a.M. in  das Krankenhaus Gagernstraße eingezogen, am 12. Juli 1939 von den Nationalsozialisten nach England vertrieben (ISG Ffm: HB 686, Bl. 56).

Der Frankfurter jüdische Schwesternverein im Rettungseinsatz für Kinder

„Gegründet 1907. Zweck: a) Verabreichung trinkfertiger Säuglingsnahrung nach ärztlicher Verordnung in solchen Fällen, in denen nach ärztlicher Aussage nicht gestillt werden kann; b) Unterstützung Stillender“, lautete satzungsgemäß das Aufgabengebiet der im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus am damaligen Standort Königswarterstraße 20 eingerichteten Säuglings-Milchküche (zit. n. Schiebler 1994: 166). Diese „sozialfürsorgerische Initiative“ kam jüdischen wie nichtjüdischen Hilfesuchenden zugute und sollte „vor allem die Säuglinge armer Mütter aller Konfessionen mit gesunder und hygienisch hergestellter Kleinkindnahrung“ versorgen (Steppe 1997: 209) – eine dringend notwendige Maßnahme, die zahlreiche Kinderleben rettete: So waren im Zeitraum 1891–1900 von 100 in Frankfurt am Main geborenen Säuglingen 16 Prozent bereits im ersten Lebensjahr verstorben (vgl. ISG Ffm: Thomann-Honscha 1988: 83). Die häufigste Todesursache resultierte aus Krankheiten der Verdauungsorgane wegen armutsbedingter Mangel- und Fehlernährung, gefolgt von Tuberkulose und Atemwegserkrankungen.

Oberin Minna Hirsch: Leiterin der Säuglingskommission der Weiblichen Fürsorge e.V.

Die Säuglings-Milchküche war ein Projekt der ,Säuglingskommission‘ des ,Verein[s] der Weiblichen Fürsorge – Israelitischer Frauenverein zur Förderung gemeinnütziger Bestrebungen‘. Die ,Weibliche Fürsorge‘ umfasste eine maßgeblich von den Frankfurter jüdischen Sozialreformerinnen und Frauenrechtlerinnen Bertha Pappenheim (1859–1936) und Henriette Fürth (1861–1938) errichtete Abteilung des Israelitischen Hilfsvereins, der die jüdische Armenpflege und Sozialarbeit koordinierte (vgl. Pappenheim 1920; siehe auch Fürth 2010). Den Vorsitz der Säuglingskommission übernahm mit Minna Hirsch (1860–1938) die erste Oberin des Frankfurter jüdischen Schwesternhauses und Krankenhauses. Hier deuten sich – insbesondere durch Oberin Minna Hirsch, zugleich Mitglied des Vorstands der ,Weiblichen Fürsorge‘ und vermutlich auch des Vorstands des Frankfurter Ortsvereins des Jüdischen Frauenbundes (vgl. Anonym. 1905: 4; Klausmann 1997: 160, 178; siehe auch Kaplan 1981; Schröder 2001) – Verbindungen der beruflichen jüdischen Krankenpflege zur bürgerlich-jüdischen Frauenbewegung im Kaiserreich an. Um 1903 arbeitete die Säuglingskommission unter Minna Hirschs Vorsitz „mit 9 Damen und beaufsichtigte 40 Kinder (darunter 3 uneheliche), die größtenteils aus der Freiherrlich von Rothschild‘schen Stiftung mit Milch versorgt wurden“; zudem ergab das Zusatzangebot der „Wägung der Kinder“ im israelitischen Gemeindehospital (Königswarterstraße, ab 1914 Gagernstraße) „sehr befriedigende Resultate“ (zit. n. Anonym. 1905: 3).

Rosa (Goldstein) Fleischer: Leiterin der Kostkinderkommission

Vermutlich im Jahr 1902 übertrug der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen seiner Armenschwester Rosa Goldstein die Leitung der Kostkinderkommission und unterstützte damit ein weiteres Projekt der ,Weiblichen Fürsorge‘: „Hier werden Kinder ab einem Alter von etwa zwei Jahren, die entweder Waisen sind oder in ihren Familien zu verwahrlosen drohen, in Pflegefamilien in und um Frankfurt vermittelt und regelmäßig besucht“ (vgl. Steppe 1997; siehe auch Fürth 1898; ISG Ffm: Thomann-Honscha 1988). Wie die Säuglingskommission arbeitete auch die Kostkinderkommission mit neun ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Für die Jahre 1903 und 1904 berichtet die Allgemeine Zeitung des Judentums:

„Sie [die Kostkinderkommission, B.S.] beaufsichtigte 19 Kinder (darunter 5 uneheliche), die teils in Frankfurt, teils auf dem Lande in Familienpflege untergebracht sind. Jedes Kind wird von der beaufsichtigten [sic!] Dame mindestens viermal im Jahre besucht. Die Kostkinderkommission arbeitet vielfach gemeinsam mit dem Almosenkasten der israelitischen Gemeinde und dem Armenamte, sofern es sich um die Bewilligung der Pflegegelder handelt“ (Anonym. 1905: 3).

Rosa (Goldstein) Fleischer, ohne Jahr (um 1925) – © Credit of Yad Vashem, Hall of Names, Page of Testimony for Rosa Fleischer

Der Leiterin der Kostkinderkommission selbst war die unsichere Existenz eines elternlosen Pflegekindes nur allzu bekannt: Geboren am 21. Januar 1874 in Göppingen (Baden-Württemberg), verlor Rosa Goldstein frühzeitig ihre Eltern sowie drei Geschwister, die „schon als Säuglinge starben“ (Maier-Rubner 2016). Der Vater Martin Goldstein (1847–1928, vgl. Geni), Textilkaufmann und bis 1881 Inhaber eines Herrenbekleidungsgeschäfts in Göppingen, verließ seine Familie und wanderte nach England aus. Ihre Mutter Sofie geb. Fleischer (1851–1888, vgl. Geni) starb unter ungeklärten Umständen in Karlsruhe, als Rosa 14 Jahre jung war. Vermutlich kam sie mit ihren Schwestern Julie, Emilie und Helene bei Verwandten unter. Um auf eigenen Füßen zu stehen, erkämpfte sich Rosa Goldstein einen der begehrten Ausbildungsplätze des Frankfurter Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Nach erfolgreichem Abschluss bewährte sie sich in der Privat- und Armenpflege, weshalb ihr der Schwesternverein um 1902 die Leitung der Kostkinderkommission übertrug. Doch schied Rosa Goldstein 1903 oder 1904 nach fast zehnjähriger Pflegetätigkeit wieder aus dem Frankfurter jüdischen Schwesternverein: Sie kehrte nach Göppingen zurück und heiratete im November 1904 ihren (entfernten) Verwandten Leopold „Moritz“ Fleischer (1869–1938, vgl. Geni). Rosa Fleischers neuer Lebensmittelpunkt wurde Cannstatt (heute Bad Cannstadt, Stadtbezirk von Stuttgart, vgl. zur jüdischen Geschichte Alemannia Judaica Bad Cannstadt), wo ihr Ehemann als Prokuristbei der ,Mechanischen Gurten- und Bandweberei Gutmann und Marx‘ angestellt war. In Cannstadt kamen 1906, 1909 und 1918 die drei gemeinsamen Kinder Edgar Siegfried, Sofie Gabriele und Elsbeth Beate zur Welt. Im Ersten Weltkrieg hielt sich Rosa Fleischer möglicherweise für einige Zeit in Frankfurt auf, um ihre früheren Kolleginnen zu unterstützen: So erwähnen zwei Jahresberichte des Frankfurter Vereins für Säuglingsfürsorge eine Schwester „Rosa“ (ohne Angabe des Familiennamens, vgl. Jahresbericht FVfS 1914 u. 1915: 3).

Rosa Fleischers von NS-Verfolgung und schweren Schicksalsschlägen belasteten letzten Lebensjahre führt uns der Göppinger Lokalhistoriker Klaus Maier-Rubner eindrucksvoll vor Augen. Die Familiengeschichte Goldstein/ Fleischer hat er mit Hilfe überlebender Nachkommen rekonstruiert (vgl. ders. 2016 u. 2017): So litt Rosa Fleischer noch zu Lebzeiten ihres Ehemannes Leopold (gest. 1938) an Diabetes, eine Erkrankung, die zu ihrer Erblindung führte. Zwei ihrer inzwischen erwachsenen Kinder, die sie im südamerikanischen Exil sicher glaubte, kamen durch tragische Unfälle ums Leben, nur die mittlere Tochter Sofie Gabriele erlebte in England das Ende des Naziherrschaft. Rosa Fleischer selbst, welche „nach außen hin erstaunlich gefasst blieb, wie mehrere Aussagen bekräftigen“ (Maier-Rubner 2016), wurde am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ihr tapferes Leben endete am 12. Dezember 1942 im Lager. Seit dem 25. November 2011 erinnert in Göppingen, Lutherstraße 11, ein ,Stolperstein‘ an Rosa Fleischer.

Anna Ettlinger und Johanna Beermann: Leiterinnen der Säuglings-Milchküche

Zur ersten Leiterin der Säuglings-Milchküche bestimmte der Frankfurter jüdische Schwesternverein 1907 seine bewährte Pflegende Anna Ettlinger (vgl. Rechenschaftsbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: 60). Ihre biografischen Daten sind bislang nicht geklärt, doch hat Hilde Steppe (1997: 209) recherchiert, dass sie ihre Ausbildung 1894, im gleichen Jahr wie Rosa (Goldstein) Fleischer, abschloss und danach vorwiegend in der Privatpflege arbeitete. Im Zeitraum ihrer Leitungsfunktion in der Säuglings-Milchküche wurde Anna Etttlinger 1910 für ein Jahr Oberin des Genesungsheims der Eduard und Adelheid Kann-Stiftung zu Oberstedten (Oberursel). Ende 1914 wurde sie pensioniert und von ihren Vorgesetzten mit großem Lob bedacht: „Sie hat dem Verein 20 Jahre sehr gute Dienste geleistet. Besonders verdienstlich hat sie in den letzten acht Jahren die Säuglings-Milchküche geleitet und sich hierbei als außerordentlich tüchtig und pflichttreu bewährt“ (zit. n. Rechenschaftsbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm: 60).

Anna Ettlingers Nachfolgerin Johanna Beermann arbeitete vermutlich bereits 1913 in der Säuglings-Milchküche mit. Am 27. April 1914 zog sie vom alten Schwesternhaus Königswarterstraße 20 in das im Mai offiziell eröffnete Schwesternhaus Bornheimer Landwehr 85. Ob die Milchküche in das neue Schwesternhaus oder in den benachbarten Neubau des Krankenhauses Gagernstraße wechselte, lässt sich bislang nicht klären. Johanna Beermann – auch: Johanette/ Johannetta/ Janette/ Jeanette Bermann – gehörte wie ihre Oberin Minna Hirsch zu den jüdischen Krankenschwestern der ,ersten Stunde‘ und widmete ihr gesamtes Leben der Pflege. Geboren am 10. Juli 1863 in Wittlich (Rheinland-Pfalz), stammte sie aus der Südeifel. Nach ihrer Ausbildung (1895) am Jüdischen Krankenhaus Köln wurde sie 1896 Mitglied des Frankfurter Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Der Schwesternverein setzte sie im Israelitischen Krankenhaus Hamburg, im Israelitischen Spital zu Basel, in der Privat- und Armenpflege sowie zwischen 1910 und 1912 im Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge ein (vgl. Jahresberichte FVfS 1911: 6 u. 1912: 5). Die Säuglings-Milchküche leitete Johanna Beermann im Ersten Weltkrieg unter erschwerten Personalbedingungen: Trotz des hohen Einsatzes in Lazarett und Etappe wurden vom Frankfurter jüdischen Schwesternverein „vor allem die Tätigkeitsfelder in sozialfürsorgerischen Bereichen in Frankfurt die ganze Kriegszeit hindurch aufrecht erhalten, wie die in der Säuglingsmilchküche, im Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge und im Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge“ (Steppe 1997: 218). Zum Vorstand der Säuglings-Milchküche gehörten im Kriegsjahr 1917 als „Kassiererin“ (Schatzmeisterin) Bertha Pappenheim (vgl. Schiebler 1994: 166) und als Vorsitzender der praktische Arzt Dr. Adolf Deutsch (1868–1942, vgl. JüdPflege), Leiter der Poliklinik des jüdischen Krankenhauses Gagernstraße und stellvertretender Vorsitzenden des jüdischen Schwesternvereins. Am 1. November 1920 wurde Johanna Beermann pensioniert, sie nahm ihr Wohnrecht im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus wahr. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, dass sie zwanzig Jahre später, am 19. November 1940, ihren Alterssitz durch die nationalsozialistische Zwangsräumung des Schwesternhauses verlieren würde: Zusammen mit ihren Kolleginnen wurde sie in das Krankenhaus Gagernstraße einquartiert. Angesichts der drohenden Verschleppung in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager – ihre ältere Schwester Babette Bermann/ Beermann (geb. 15.10.1859 in Leiwen) und weitere Angehörige waren bereits deportiert worden (vgl. Bühler/ Bühler 1993; siehe auch Alemannia Judaica Wittlich) – nahm sich die 77jährige Johanna Beermann am 23. August 1942 das Leben. Beerdigt wurde sie als „Janette Bermann“ auf dem neueren Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße (Diamant 1983: 6).

Grabstein für Janette Bermann (d.i. Johanna Beermann) auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße – © Dr. Birgit Seemann, 2018

Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge – eine ,Erfolgsstory‘ auch für die jüdische Krankenpflege

Dem von der ,Weiblichen Fürsorge‘ neu eingerichteten ,Ausschuß für Säuglingsfürsorge‘ stellte der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen im Herbst 1910 eine Schwester „kostenlos zur Verfügung“ (Steppe 1997: 210). Der Ausschuss gehörte zu den Vorläufern des durch sein vorbildliches Wirken später auch überregional bekannten Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (vgl. Rosenhaupt 1912; Thomann-Honscha 1988). Am 8. Dezember 1910 gründete er sich als eine überkonfessionelle Vereinigung vieler Einzelpersonen und Institutionen. Seine Errichtung verdankte er primär jüdischen Mitgliedern des Frankfurter Ärztlichen Vereins, allen voran dem Kinderarzt Dr. Heinrich Rosenhaupt (1877–1944, vgl. Kallmorgen 1936: 388; DGKJ Datenbank) in Kooperation mit dem bereits erwähnten Dr. Adolf Deutsch sowie dem Sozialmediziner und Kommunalpolitiker Dr. Wilhelm Hanauer (1866–1940, vgl. Daub 2015; Elsner 2017). Zwei der drei weiblichen Kollegen in den am 1. Januar 1911 eröffneten neun Beratungsstellen des Verbands – namentlich Dr. Käthe Neumark (1871–1939, vgl. Seidler 2007; Ärztinnen im Kaiserreich 2015, DGJK Datenbank), vor ihrem Medizinstudium selbst Krankenschwester des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins, und Dr. Paula Philippson (1874–1949, vgl. ebd.) – waren ebenfalls jüdisch, die dritte, Dr. Käthe Kehr (1874–1926, vgl. Ärztinnen im Kaiserreich 2015), evangelisch. Um auch hilfsbedürftige Mütter und ihre Säuglinge zu unterstützen, die das Beratungsangebot nicht erreichte, wurden in den Stadt- und Armenbezirken (vgl. für den heutigen Stadtteil ,Gallus‘ Roos 2017) jüdische, katholische und evangelische Krankenschwestern eingesetzt. Der im Vergleich zu den anderen konfessionellen Schwesternvereinigungen personell weitaus geringer ausgestattete Verein für jüdische Krankenpflegerinnen stellte dabei bereits im ersten Berichtsjahr drei Schwestern zur Verfügung, der Verein vom Roten Kreuz sowie der Vaterländische Frauenverein jeweils zwei Schwestern (vgl. Jahresbericht FVfS 1911: 6. Dank der intensiven Beratungs- und Rettungsarbeit des Verbands für Säuglingsfürsorge sank der statistische Anteil der in ihren ersten Lebenswochen verstorbenen Säuglinge (von 100 in Frankfurt am Main Geborenen) im Zeitraum 1911–1914 von 14,5 Prozent (1901–1910) auf 10,6 Prozent, im Jahr 1923, nach einem traurigen Wiederanstieg als Folge des Ersten Weltkriegs, dann erstmals unter 10 Prozent (vgl. ISG Ffm: Thomann-Honscha 1988: 83). Seit 1922 koordinierte das Frankfurter Stadtgesundheitsamt die offene Säuglingsfürsorge, der Verband für Säuglingsfürsorge erhielt den Status als „ausführendes Organ der Stadt“ (zit. n. Steppe 1997: 259). 1925 übernahm die Stadt Frankfurt den Verband (ebd.: 127); seine zuletzt 15 Beratungsstellen (Angabe nach Daub 2015: 78) gehörten fortan zum Aufgabengebiet des Stadtgesundheitsamtes.

Betty Schlesinger (frühere Oberin des Israelitischen Spitals zu Basel)

Der erste Jahresbericht (FVfS 1911: 6) des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge erwähnt für 1910/11 als erste für den Verband tätige jüdische Schwestern „Betty, Doris, Johanna (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen)“. Obgleich in früheren Publikationen Pflegekräfte zumeist ohne ihren Familiennamen genannt wurden, was die biografische Spurensuche nicht eben erleichtert, konnten (außer der bereits im ersten Teil vorgestellten Johanna Beermann) auch Betty Schlesinger und Doris Unger (Kap. 4.3) recherchiert werden. Betty Schlesinger, geboren am 8. Oktober 1866 in Pforzheim (Baden-Württemberg), gehörte zu den ersten jüdischen Krankenschwestern im Kaiserreich. Sie wurde bereits 1893, im Gründungsjahr des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins, ausgebildet und arbeitete danach vorwiegend in der Privatpflege. Zu ihrem 10jährigen Dienstjubiläum erhielt sie 1903 die ,Goldene Brosche‘ des Schwesternvereins. In dessen Auftrag ging sie 1907 in die Schweiz und baute als Oberin die Krankenpflege des ein Jahr zuvor eröffneten Israelitischen Spitals zu Basel auf. 1908 kehrte sie nach Frankfurt zurück und betreute 1910/11 für den Verband für Säuglingsfürsorge drei Stadtbezirke (vgl. Steppe 1997: 258). 1912 schied sie vermutlich aus familiären Gründen aus dem Schwesternverein, beteiligte sich aber im Ersten Weltkrieg Seite an Seite mit ihren früheren Kolleginnen an der Verwundetenpflege im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus (Vereinslazarett 27) (ebd.: 225). Zuletzt wohnte Betty Schlesinger, die unverheiratet blieb, zusammen mit Ida Schlesinger (1875–1940) – Betty Schlesingers Familiengeschichte bleibt noch zu erforschen, so ist bislang ungeklärt, ob Ida Schlesinger ihre Schwester oder ihre Schwägerin war – in Pforzheim, Calwerstraße 53 (vgl. Brändle 1985: 105, 194; siehe auch Alemannia Judaica Pforzheim; Stadt Pforzheim Gedenkseite). Beide Frauen wurden am 22. Oktober 1940 durch die nach den beiden NS-Gauleitern und Haupttätern benannte ,Wagner-Bürckel-Aktion‘ in das Lager Gurs in Südfrankreich deportiert. Betty Schlesinger wurde in der Shoah ermordet – die Umstände sind nicht bekannt.

Babette Zucker (spätere stellvertretende Oberin des Israelitischen Altenheims zu Aachen)

Babette Zucker stammte wie Betty Schlesinger und Rosa (Goldstein) Fleischer aus dem heutigen Bundesland Baden-Württemberg. Geboren wurde sie am 11. Juni 1881 als Tochter des Handelsmanns Männlein (Max) Zucker (geb. 1851) und der Näherin Kela (Karoline) geb. Neumann (geb. 1856) im badisch-fränkischen Külsheim (Main-Tauber-Kreis). Das elterliche Wohn- und Geschäftshaus, in dem Babette Zucker mit vielen Geschwistern aufwuchs, ist auf einer Erinnerungswebsite über die jüdische Gemeinde Külsheim abgebildet (vgl. Spengler 2013 sowie ders. 2011; siehe auch Alemannia Judaica Külsheim). Aus dem Örtchen Külsheim zog die junge Frau in die Frankfurter Metropole und absolvierte 1909 ihre Pflegeausbildung im angesehenen Verein für jüdische Krankenpflegerinnen (vgl. Steppe 1997: 229; siehe auch Jahresbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1910: 5; Rechenschaftsbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm: 64). Im Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge setzte sie der jüdische Schwesternverein laut Jahresberichten während des gesamten Ersten Weltkriegs ein (vgl. FVfS 1914 u. 1915: 7; FVfS 1916, 1917, 1918: 9). 1919 unterstützte Babette Zucker im Auftrag des Schwesternvereins ihre Frankfurter Kollegin Sophie Meyer (1865–1940, vgl. JüdPflege, Rubrik ,Recherche‘) als stellvertretende Oberin des Israelitischen Altenheims Aachen. Danach verliert sich ihre biografische Spur.

Doris und Else Unger (spätere Oberschwestern am Krankenhaus der  Frankfurter Israelitischen Gemeinde)

Im Jahr 1908 beendete mit Doris (Lebensdaten unbekannt) und Else Unger (geb. 03.06.1880, Sterbedatum unbekannt) ein Schwesternpaar aus dem damals ostpreußischen Schildberg/ Posen erfolgreich die Ausbildung im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, darauf folgte für beide der Einsatz in der Privatpflege (vgl. Steppe 1997: 229; siehe auch Jahresbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1909: 5; Rechenschaftsbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: 62, 64). Im Auftrag des Schwesternvereins arbeitete Doris Unger von 1910/11 bis 1913 (vgl. Jahresberichte FVfS 1911: 6; FVfS 1912: 5; FVfS 1913: 3) im Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge – gemeinsam mit Johanna Beermann, Betty Schlesinger sowie Clara (Claire) Simon, der späteren Oberin des Krankenhauses der Israelitischen Krankenkassen in der Rechneigrabenstraße. Im Ersten Weltkrieg übernahmen die Unger-Schwestern Leitungsfunktionen in der Pflege des jüdischen Krankenhauses Gagernstraße: Doris Unger als Oberschwester der Chirurgischen Abteilung, Else Unger nach ihrem Dienst im Lazarett des Krankenhauses sowie im Lazarettzug P.I als Oberschwester der Poliklinik. Vermutlich arbeiteten beide Schwestern seit 1919 in der Säuglingspflege, doch ist nur Else Unger im Jahresbericht des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge namentlich erwähnt (vgl. FVfS 1919: 10), zusammen mit Ida Holz (1875–1942) und der Röntgenschwester Blanka Heymann [Blanca Heimann] (Lebensdaten unbekannt, 1899 ausgebildet). Während zu Doris Ungers weiterem Lebensweg keine Informationen vorliegen, ist Else Ungers Abmeldung am 23. März 1933 aus dem Frankfurter jüdischen Schwesternhaus, in dem sie seit dem 27. April 1914 fast zwei Jahrzehnte lang gelebt hatte, dokumentiert. Sie zog nach Berlin, kehrte am 2. Februar 1939 noch einmal in das Schwesternhaus zurück, verließ es dann aber am 1. November 1940 – möglicherweise wegen der NS-Verfolgung – wieder in Richtung Berlin (ISG Ffm: HB 655, Bll. 29, 60; siehe auch HHStAW 518/ 67483).

Dina Wolf (spätere Oberin des Jüdischen Krankenhauses zu Köln)

Auch Dina Wolf (geb. 05.06.1876) kam aus einem Dorf – Krudenburg (auch: Crudenburg), heute Ortsteil der Gemeinde Hünxe im Kreis Wesel, Nordrhein-Westfalen – nach Frankfurt am Main. Dort absolvierte sie 1904 ihre Ausbildung im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen und arbeitete danach in der Privatpflege, im Frankfurter jüdischen Krankenhaus Gagernstraße sowie im Israelischen Krankenhaus Hamburg. Im Ersten Weltkrieg organisierte sie als Oberschwester die Pflege in der Inneren Abteilung des Krankenhauses Gagernstraße, ihre Nachfolgerin in dieser Funktion wurde 1919 die aus Straßburg zurückgekehrte Oberin Julie Glaser. Dina Wolf ist in der Zeitschrift des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge nicht namentlich aufgeführt, soll aber seit 1919 in diesem Aufgabengebiet tätig gewesen sein (vgl. Steppe 1997: 228; siehe auch Jahresbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1905: 4; Rechenschaftsbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: 62). Später ging sie nach Köln und bekleidete dort vermutlich von 1924 bis 1932 das Amt der Oberin des jüdischen Krankenhauses (vgl. Becker-Jákli 2004: 234, 297, 412). Die Machtübergabe 1933 an die Nationalsozialisten zwang Dina Wolf zur Flucht nach Amsterdam. Von dort wurde sie am 28. September 1942 zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Willy Wolf (geb. 1882), ihrer Schwägerin Bettina Wolf-Oppenheimer (geb. 1888) und ihrer Nichte Charlotte Wolf (geb. 1922) in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert (vgl. Joods Monument: https://www.joodsmonument.nl/en/page/157246/dina-wolf; Gedenkbuch BAK; Yad Vashem Datenbank [12.08.2020]).

„… die keinen Menschen hatten, der sich ihrer annahm“ – Frieda Amram und das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V.

Oberin Frieda Amram mit einem Schützling, Frankfurter Kinderhaus der ,Weiblichen Fürsorge‘, um 1939 – Nachweis: Aus dem Poesiealbum von Inge Grünewald (Ines Ariel), Bl. 32R, in: Volker Mahnkopp, Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. Hans-Thoma-Straße 24. Frankfurt a.M., Stand: 01.09.2020, https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de [01.11.2021]

Kehren wir zurück zu Oberin Frieda Amram und dem 1911 gegründeten ,Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V.‘ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, anfangs Schulstraße 7 (vgl. zur Geschichte umfassend Mahnkopp 2020). Dank einer Großspende der Kaufmannswitwe Bertha (Berta) Schwarzschild (geb. 1850) eröffnete die ,Weibliche Fürsorge‘ am 23. März 1919 ein eigenes Haus in der Hans-Thoma-Straße 24 mit 50 dringend benötigten Plätzen für Kinder vom Säuglingsalter bis zum sechsten Lebensjahr:

„Zweck des Kinderhauses war es, bedürftigen isrealitischen [sic!] Kindern unentgeltlich oder gegen mäßiges Entgelt Obhut, Verpflegung und Unterweisung zu gewähren. Aufgenommen wurden Waisenkinder, Kinder[,] die durch mißliche Wohnungsverhältnisse nicht im Elternhause bleiben konnten, uneheliche Kinder und solche, die keinen Menschen hatten, der sich ihrer annahm“ (Schiebler 1994: 163).

Neben dem geregelten Alltagsablauf legte das Kinderhaus ganz im Sinne von Bertha Pappenheim großen Wert auf eine jüdische Erziehung, Bildung und Gemeinschaft und bot zudem einen geschützten Raum vor Antisemitismus. Im Jahr 1932 hob der Trägerverein ,Weibliche Fürsorge‘ die Altersbeschränkung auf sechs Jahre trotz des drohenden Verlustes öffentlicher Pflegegelder auf: Zuvor mussten die kleinen Bewohner/innen das Kinderhaus bei Eintritt in das Schulalter verlassen und wurden mangels jüdischer Pflegestellen vom Frankfurter Jugendamt nichtjüdischen Einrichtungen zugewiesen (vgl. Mahnkopp 2020: 7). Erstmals richtete das Kinderhaus eine Gruppe für 6-14jährige Mädchen ein, welche das Philanthropin, die Samson-Raphael-Hirsch-Realschule oder auch die Synagoge der neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft in der Friedberger Anlage besuchten. 1942, zehn Jahre später, führten die nationalsozialistischen Zwangsschließungen der Frankfurter Israelitischen Waisenanstalt im Röderbergweg und des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg erstmals zur Aufnahme von 6–14jährige Jungen, so dass die Zahl der Bewohner/innen zeitweise auf 70 Kinder anstieg. Am 15. September 1942 trafen die menschenfeindlichen Räumungen von Gestapo und NS-Behörden auch das Kinderhaus: Zusammen mit ihren Betreuerinnen und weiterem Personal wurden die Mädchen und Jungen – darunter Kleinkinder! – in das KZ Theresienstadt deportiert: „Von den am 11.09.1942 im Kinderhaus lebenden 74 Personen erlebten elf Minderjährige sowie eine Erwachsene das Ende des Zweiten Weltkrieges“ (ebd: 3, siehe auch S. 17). Jahrzehntelang wurde die Existenz dieser wichtigen Institution der Frankfurter jüdischen Kinder- und Säuglingspflege und -fürsorge vergessen und ,verdrängt‘. Reichhaltige Informationen mit geretteten seltenen Dokumenten und Fotografien zu der Geschichte des Kinderhauses und seiner Biografien bietet dank der engagierten Recherche des Frankfurter Pfarrers Volker Mahnkopp – unterstützt von überlebenden ehemaligen Heimkindern und ihren Angehörigen – inzwischen die Website https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de (vgl. Frankfurter Kinderhaus [01.11.2021]).

Für das Kinderhaus der ,Weiblichen Fürsorge‘ erwies sich Oberin Frieda Amram als ein Glücksfall: Drei Jahrzehnte lang leitete sie das Heim mit großer Kompetenz, Belastbarkeit und Warmherzigkeit für ihre aus schwierigen sozialen Verhältnissen geretteten Schützlinge. Am 6. Oktober 1885 wurde sie als Tochter des Lehrers Wolf Amram (1854–1909, vgl. Geni) und seiner Ehefrau Julie geb. Lomnitz (1857–1942) im nordhessischen Zwesten (heute der Kurort Bad Zwesten im Schwalm-Eder-Kreis) geboren (vgl. zu Biografie und Werdegang Lutz-Saal 2017; Mahnkopp 2020; JüdPflege; siehe auch Steppe 1997: 228, 259). Der Frankfurter Verein für jüdische Krankenpflegerinnen bildete sie im Jahr 1905 aus. Danach bewährte sie sich im Auftrag des Schwesternvereins in der Privatpflege, im Israelitischen Krankenhaus Hamburg und in der Krankenpflege für die jüdische Gemeinde zu Heilbronn (Baden-Württemberg), einer Außenstelle des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins. Den Dienst als leitende Oberschwester des Kinderhauses trat Frieda Amram vermutlich 1912 an – lediglich unterbrochen durch einen Pflegeeinsatz „im Felde“ (Steppe 1997: 228) während des Ersten Weltkriegs. Möglicherweise half in dieser Zeit ihre jüngere Schwester Goldine Hirschberg (1894–[1944]) in der Heimleitung aus.

Von den ebenfalls im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildeten Mitarbeiterinnen in Oberin Amrams Team konnte Fanny Schragenheim namentlich recherchiert werden (vgl. Geni; Rechenschaftsbericht Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: 57, 64; Steppe 1997: 229, 230): Nach bisherigem Wissensstand wurde sie am 1. März 1891 als Tochter von Elise Esther geb. Gotthelf (1860–1937) und Samuel Schragenheim (1855–1935), Bankier und Ziegeleibesitzer, in Verden a.d. Aller (Niedersachsen) geboren; die 1908 ebenfalls im Schwesternverein ausgebildete Sara (Sitta, Sita) Schragenheim (1888–1957) war ihre Schwester. Fanny Schragenheim arbeitete nach ihrer Ausbildung (1914) in der Privatpflege und im jüdischen Krankenhaus Gagernstraße. Seit 1919 tat sie Dienst als Schwester im Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge. Später emigrierte sie – vermutlich unter der NS-Verfolgung – nach Amerika, wo sie im November 1984 mit 93 Jahren in Encino, einem Stadtteil von Los Angeles in Kalifornien, verstarb.

Stellvertretend für die vermutlich nicht im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildeten Säuglingspflegerinnen im Kinderhaus sei Paula Adelsheimer genannt: Sie wurde am 3. September 1914 als Tochter von Ida geb. Götz (1878 – Sterbedatum unbekannt) und des Kaufmanns Leopold Adelsheimer (1874–1940) in Göppingen (Baden-Württemberg) geboren. Sara Adelsheimer (1877 – um 1965), in den 1920er Jahren die Oberin des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins, war ihre Tante. Als Säuglingskrankenschwester im Kinderhaus arbeitete Paula Adelsheimer um 1939. Später zog sie nach Stuttgart und wurde von dort am 22. August 1942 nach Theresienstadt und danach am 19. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert (vgl. Geni; Mahnkopp 2020; Alemannia Judaica Jebenhausen; Theresienstadt Opferdatenbank [12.08.2020]). Erinnert sei auch an Luise Löwenfels (geb. 05.07.1915 in Trabelsdorf, heute Ortsteil der Gemeinde Lisberg, Landkreis Bamberg, Bundesland Bayern) und ihren recht ungewöhnlichen Werdegang: Aus einer frommen oberfränkisch-jüdischen Viehhändler-und Metzgerfamilie stammend, wurde sie später bekannt als die katholische Ordensschwester Maria Aloysia (vgl. Haas/ Humpert 2015; Humpert/ Ramb 2019; Lehnen 2019; Alemannia Judaica Trabelsdorf; siehe auch Eintrag bei Wikipedia [12.08.2020]). Die ausgebildete Kindergärtnerin arbeitete 1935 für einige Monate im Kinderhaus und konvertierte danach noch im gleichen Jahr im Kloster der Armen Dienstmägde Jesu Christi (Dernbacher Schwestern) zum Katholizismus. Die Taufe konnte sie ebenso wenig vor der rassistisch-antisemitischen NS-Verfolgung bewahren wie ihre vormaligen jüdischen Glaubensgenossen und -genossinnen: Sie flüchtete in die Niederlande, wurde aber nach der nationalsozialistischen Besetzung gleich der jüdisch geborenen Philosophin und katholischen Nonne Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) nach Auschwitz deportiert und vermutlich am 9. August 1942 ermordet. Seit 2007 trägt in ihrem zeitweiligen früheren Wohnort Ingolstadt eine Straße ihren Geburtsnamen Luise Löwenfels. Weitere Ehrungen erfuhr Schwester Aloysia posthum durch die Aufnahme als Glaubenszeugin in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts und die Eröffnung eines kirchlichen Seligsprechungsverfahrens.

Letzte Schwester im Kinderhaus war Bertha (Berta, Berti, Betty) Heilbrunn, geboren am 27. Mai 1918 in Borken (Hessen), nach anderen Quellen (Geni) in Wichmannshausen (heute Stadtteil von Sontra), woher vermutlich beide Eltern – Selma geb. Rosenbusch (geb. 1885) und Siegmund Heilbrunn (geb. 1877) – stammten. Vor ihrem um 1938 angetretenen Dienst im Kinderhaus hatte Bertha Heilbrunn vermutlich eine kurze Pflegeausbildung absolviert – ob im Frankfurter jüdischen Schwesternverein, ist bislang ungeklärt. Mit der Oberin des Kinderhauses war „Schwester Berti“ gut bekannt, hatten doch ihre Mutter Selma und Frieda Amram im nordhessischen Borken die gleiche Schule besucht. Zuletzt versorgte Bertha Heilbrunn etwa 15 Kinder, die dem Transport der Bewohner/innen des Kinderhauses am 15. September 1942 nach Theresienstadt nicht zugeteilt worden waren, bevor sie selbst am 24. September 1942 nach Raasiku bei Reval (heute: Tallinn, Estland) deportiert wurde. Im August 1944 traf die junge Frau im KZ Stutthof bei Danzig ein und wurde dort sehr wahrscheinlich ermordet (vgl. Mahnkopp 2020; Geni; zur Herkunftsfamilie Heilbrunn (auch: Heilbronn): Alemannia Judaica Sontra [12.08.2020]).

Für das Kinderhaus war es ein großer Schock, als die Gestapo Oberin Frieda Amram am 25. Juli 1942 verhaftete und in das Frauen-KZ Ravensbrück deportierte; in den Ravensbrücker Archivakten hat die Historikerin Petra Betzien (Düsseldorf) den Eintrag: „politische Jüdin“ recherchiert (Mitteilung an die Autorin). Bereits im Oktober 1942 wurde Frieda Amram einem Todestransport nach Auschwitz zugeteilt. Weitere Informationen verdanken wir ihrem Neffen Jechiel Hirschberg: „1942 wurde Frieda Amram beschuldigt, Essen für die Kinder gehamstert zu haben. Wurde verhaftet und [war] verschollen“ (zit. n. Beykirch 2006: 126 (Fußnote 262). Für ihre Schützlinge im Kinderhaus tat die „Obeli“ alles.

„Stolpersteine“ für Frieda Amram, ihre Mutter Julie Amram, ihre Schwester Goldine Hirschberg (letzte kommissarische Leiterin des Kinderhauses) und ihren Schwager, dem Lehrer Seligmann Hirschberg, am Standort des ehemaligen Kinderhauses der ,Weiblichen Fürsorge‘ in Frankfurt am Main, Hans-Thoma-Straße 24 – © Dr. Edgar Bönisch, 2018

In den 1970er Jahren besuchte die Autorin vorliegenden Artikels ein Gymnasium gegenüber dem früheren jüdischen Kinderheim, ohne je von dessen Existenz zu erfahren. Am 26. April 2017 wurde dank Pfarrer Mahnkopps Bemühungen feierlich ein Mahnmal an der Hans-Thoma-Straße 24 eröffnet – dem eindrucksvollen Gedenkort ,Platz der vergessenen Kinder‘ sind weiterhin viele große und kleine Besucherinnen und Besucher zu wünschen.

Fotografie vom „Dreidel“-Denkmal für das Kinderhaus der ,Weiblichen Fürsorge‘ am ,Platz der vergessenen Kinder‘, Hans-Thoma-Straße (Künstlerin: Filippa Pettersson) – © Dr. Edgar Bönisch, 2018

Über das in Frankfurt einzigartige Mahnmal informiert eine Gedenktafel: „Die Skulptur ist angelehnt an die Form eines Dreidels. Das Spiel mit dem Dreidel ist ein traditionsreiches Kinderspiel zum achttägigen Lichterfest Chanukka. Der Dreidel ist ein kleiner Kreis mit vier Seiten, auf denen im Original jeweils ein hebräischer Buchstabe zu sehen ist.“

Im Frankfurter Stadtteil Kalbach gibt es zudem inzwischen einen ,Frida-Amram-Weg‘, doch bleibt die Sozialgeschichte der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main wie auch in anderen Städten und Regionen weiter zu erforschen. Für wichtige Hinweise und Anregungen zu diesem Beitrag dankt die Autorin Dr. Petra Betzien, Dr. Bettina Blessing, Martina Hartmann-Menz M.A., Eduard Kaesling, Dr. Monica Kingreen (†), Pfarrer Volker Mahnkopp und Prof. Dr. Gudrun Maierhof, ebenso Dr. Edgar Bönisch für seine schönen Fotografien vom ,Platz der vergessenen Kinder‘.

Birgit Seemann, Stand November 2021

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

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Bestand 518 Nr. 53055: Sara Adelsheimer (Oberin und Tante von Paula Adelsheimer): Fallakte (Entschädigungsakte)
Bestand 518 Nr. 67483: Else Unger: Fallakte (Entschädigungsakte)
ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
HB 655: Hausstandsbuch Bornheimer Landwehr 85 (Jüdisches Schwesternhaus, Frankfurt a.M.), Sign. 655
HB 686: Hausstandsbuch Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M.), Teil 1, Sign. 686
Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge: Sign. S 3/ P6056
Wohlfahrtsamt: Magistrat, Jugend-Amt Frankfurt am Main, Sign. 1.134: Ausbildung von Lehrschwestern [im Kinderheim Böttgerstraße, Laufzeit 1921–1928]
Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M. (gedr. Ms.) Sign.. S 6a/411

Periodika

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Gedenkbuch BAK: Bundesarchiv Koblenz: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945, Website: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
Gedenkbuch JB Neu-Isenburg: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907–1942). Hg.: Stadt Neu-Isenburg. Red.: Heidi Fogel, Website: https://gedenkbuch.neuisenburg.de
Geni: Geni – A MyHeritage company [genealogische Website mit noch weiter zu prüfenden Angaben], https://www.geni.com/
Joods Monument: Joods Monument [Online-Datenbank für aus den Niederlanden deportierte Shoah-Opfer]. Hg.: Joods cultureel kwartier, https://www.joodsmonument.nl
JüdPflege: Jüdische Pflegegeschichte – Biographien und Institutionen in Frankfurt Main. Forschungsprojekt an der Frankfurt University of Applied Sciences, https://www.juedischepflegegeschichte.de
Stadt Pforzheim Gedenkseite: Stadt Pforzheim: Gedenkseite an ehemalige jüdische Mitbürger/innen. Dokumentation der zwischen 1919 und 1945 in Pforzheim geborenen bzw. ansässigen jüdischen Bürgerinnen und Bürger und deren Schicksale, https://www.pforzheim.de/stadt/stadtgeschichte/gedenken-friedenskultur/juedische-buerger.html
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Yad Vashem Datenbank: Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer der Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, Website: https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
Wikipedia: Kinderkrankenpflege: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderkrankenpflege