Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

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„… immer treu zur Seite gestanden“ – Meta Conrath, Franziska Fleischer, Frieda Gauer: christliche Krankenschwestern in der Frankfurter jüdischen Pflege

Jüdische Pflegegeschichte - interkonfessionell - Meta Conrath
Schwesternfoto von Meta Conrath mit der Diensthaube des Deutschen Roten Kreuzes, undatiert um 1916) – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné

Dass in Deutschland bis zur Shoah langjährig gewachsene jüdisch-nichtjüdische Pflegeteams wirkten, ist bislang wenig bekannt. Als ein Glücksfall für unser Forschungsprojekt Jüdische Pflegegeschichte erwies sich hier die Kontaktaufnahme und Übermittlung seltener Dokumente und Fotografien durch den Neffen von Meta Conrath, einer evangelischen Schwester am Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main (Gagernstraße 36). Des Weiteren entdeckte Birgit Seemann bei Recherchen zum Buchprojekt Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main (Seemann/ Bönisch 2019) die Namen der Protestantin Frieda Gauer und der Katholikin Franziska Fleischer: Jahrzehntelang versorgten sie gemeinsam mit ihren jüdischen Oberinnen Thekla (Mandel) Isaacsohn und Rahel (Spiero) Seckbach die Bewohner/innen dieses orthodox-jüdischen Pflegeheims. Zu einer weiteren namentlich bekannten Schwester, Amalie Stutzmann, hat Edgar Bönisch geforscht. Auch in der NS-Zeit haben alle vier Pflegenden ihren Arbeitgebern, Kolleginnen und Patienten „immer treu zur Seite gestanden“ (zit. n. Arbeitszeugnis des Direktors des Krankenhauses Gagernstraße für Meta Conrath, 01.03.1939).

Nichtjüdisches Personal in Frankfurter jüdischen Pflegeinstitutionen

Die hier vorgestellten Frankfurter Krankenschwestern Meta Conrath, Franziska Fleischer und Frieda Gauer stehen stellvertretend für die bis heute zumeist ’namenlosen‘ nichtjüdischen Angestellten und Arbeiter/innen, die bis zur Shoah ihren Dienst in Frankfurter jüdischen Pflegeinstitutionen verrichteten; ihre genaue Zahl ist infolge des NS- und kriegsbedingten Aktenverlustes wohl kaum noch zu ermitteln. Vermutlich wurden sie durch Stellenannoncen auf ihre jüdischen Arbeitgeber aufmerksam, welche möglicherweise bessere Löhne und Bedingungen anboten als christliche und öffentliche Träger. Solche interkonfessionellen Beschäftigungsverhältnisse entwickelten sich in einer Zeit, als die Judenfeindschaft auf dem Rückzug und das nichtjüdisch-jüdische Zusammenleben alltäglich schienen. Bis zur NS-Zeit ließen sich nichtjüdische Erkrankte ganz selbstverständlich in jüdischen und jüdische Patientinnen und Patienten in nichtjüdischen Kliniken und Arztpraxen behandeln; das 1914 in einen modernen Neubau umgezogene große Frankfurter jüdische Krankenhaus Gagernstraße hatte in der gesamten Stadt einen hervorragenden Ruf. Zugleich war der Antisemitismus keineswegs besiegt und für die jüdische Minderheit weiterhin schmerzhaft spürbar, jüdische Gläubige in nichtjüdischen Kliniken vermissten die dort in der Regel nicht zu leistende koschere Versorgung, weshalb seit 1870 eigenständige jüdische Krankenhäuser und Pflegeheime entstanden. Vor allem orthodox-jüdische Institutionen wollten der wachsenden Säkularisierung und ‚Assimilation‘ innerhalb des Judentums entgegenwirken – mit dem Resultat einer auf den ersten Blick widersprüchlichen Personalpolitik: Bewerber/innen aus dem liberalen Reformjudentum waren nicht gern gesehen, nichtjüdisch-christliche hingegen willkommen. Letztere wurden vom zuständigen Rabbiner in die jüdischen Regeln der Pflege eingewiesen und durch die jüdische Oberin oder Wirtschafterin angeleitet.

Nichtjüdische Arbeitskräfte waren in Frankfurter Pflegeinstitutionen aller jüdischen Richtungen tätig und vor allem am Shabbat und an den jüdischen Feiertagen im Einsatz. Im liberal-jüdischen Krankenhaus Gagernstraße taten „etwa vier nichtjüdische Krankenschwestern“ (Steppe 1997: 236), darunter Meta Conrath, Dienst. Im Gumpertz’schen Siechenhaus, das dem kleineren orthodoxen Flügel der liberalen Israelitischen Gemeinde zuzuordnen ist, pflegten Franziska Fleischer und Frieda Gauer. Das von der oppositionellen neo-orthodoxen Austrittsgemeinde ‚Israelitische Religionsgesellschaft‘ verwaltete Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung stellte ebenfalls nichtjüdisches Personal ein – darunter die vom evangelischen zum jüdischen Glauben konvertierte Amalie Stutzmann.

Während der NS-Zeit gehörten die standhaften christlichen Schwestern Meta Conrath, Franziska Fleischer und Frieda Gauer innerhalb der nichtjüdischen Krankenpflege zu einer kleinen Minderheit: Wie andere Berufsgruppen waren die „arischen“ Pflegekräfte – als Mitläufer/innen oder gar Mittäter/innen (vgl. Beiträge in Steppe/ Ulmer 2013; Betzien 2018) – und ihre Verbände weitgehend „gleichgeschaltet“ und in das nationalsozialistische Herrschaftssystem integriert. Doch rührte sich auch hier vereinzelt ein noch weiter zu erforschender „Rettungswiderstand“ (zit. n. Lustiger 2011): Für Frankfurt am Main recherchierten Ursula Kiel-Römer, Martina Süß und Hilde Steppe (dies. 2013) einige mutige NS-widerständige Pflegende. So wurde die evangelische Krankenschwester Eva Gleichmann (geb. Junk, geb. 1887 in Salzwedel) wegen „Heimtücke; Wehrkraftzersetzung (staatsfeindliche Äußerungen)“ (zit. n. Arcinsys: Eintrag zur Akte HHStAW 409/ 61) 1941 in das Frauenstrafgefängnis Frankfurt-Höchst und 1943 in ein KZ eingewiesen; das „Verfahren gegen Eva Gleichmann wurde an den Volksgerichtshof abgegeben“ (ebd.). 1944 wurde dem Oberpfleger Georg Löw (geb. 1899 in Weitengesäß) aus Frankfurt-Eschersheim der Prozess gemacht (vgl. Arcinsys; Entschädigungsakte HHStAW 518/ 6194). Ob sich Meta Conrath, Franziska Fleischer und Frieda Gauer, als „arische“ Angestellte einer jüdischen Institution, insbesondere nach den im September 1935 erlassenen „Nürnberger Rassegesetzen“ ohnehin gesellschaftlichem und vermutlich auch familiärem Legitimationsdruck ausgesetzt, ebenfalls im Frankfurter NS-Widerstand engagierten? Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die drei Krankenschwestern mit der Ausplünderung und Vernichtung aller jüdischen Institutionen, die für die Alterssicherung auch ihres nichtjüdischen Personals vorgesorgt hatten, von Altersarmut bedroht, sie mussten um ihre materielle Existenz kämpfen.

Gumpertz’sches Siechenhaus: Frieda Gauer und Franziska Fleischer

Geburtseintrag Frieda Gauer (mit nachträglichem Eintrag der Sterbedaten), 13.08.1878 – © Stadt Adelsheim (Standesamt)

Die evangelische Krankenschwester Frieda Karolina Gauer gehörte – zeitweilig als Oberschwester – fast vier Jahrzehnte lang zum Team des Gumpertz’schen Siechenhauses, einem in Frankfurt und Umgebung angesehenen orthodox-jüdischen Pflegeheim im Röderbergweg. Geboren wurde sie am 7. August 1878 im nordbadischen Sennfeld (heute Stadtteil von Adelsheim, Neckar-Odenwald-Kreis, Baden-Württemberg). In Sennfeld, wo Frieda Gauer sehr wahrscheinlich auch aufwuchs, war zeitweise jede/r zehnte/r Einwohner/in jüdisch (um 1895: 10,1 % von 1.144); die engagierte kleine Gemeinde verfügte über eine für dörfliche Verhältnisse stattliche Synagoge, eine Religionsschule, eine Mikwe sowie einen eigenen Friedhof.

Auf welchen Wegen – über persönliche Kontakte oder eine Stellenannonce – Frieda Gauer wohl nach Frankfurt am Main zum orthodox-jüdischen Gumpertz’schen Siechenhaus im Ostend auf dem Röderberg gefunden hat? Die bereits ausgebildete 23jährige Krankenschwester trat dort am 12. Januar 1902 (HHStAW 518/ 53914) ihren Dienst an. Zu diesem Zeitpunkt war das Heim für bedürftige israelitische Frauen, Männer und Kinder mit chronischen Erkrankungen in einer alten Villa, dem sog. ‚Hinterhaus‘, untergebracht. Infolge der großen Nachfrage handelte es sich wohl ausschließlich um jüdische Bewohner/innen, wobei die Statuten eine Aufnahme nichtjüdischer Leidender nicht ausschlossen. Vermutlich wohnte Frieda Gauer entweder im Siechenhaus selbst oder in einer räumlich nahen Personalwohnung ihres Arbeitgebers zur Untermiete; in den Frankfurter Adressbüchern ist ihr Name nicht zu finden.

Auf welchen Wegen – über persönliche Kontakte oder eine Stellenannonce – Frieda Gauer wohl nach Frankfurt am Main zum orthodox-jüdischen Gumpertz’schen Siechenhaus im Ostend auf dem Röderberg gefunden hat? Die bereits ausgebildete 23jährige Krankenschwester trat dort am 12. Januar 1902 (HHStAW 518/ 53914) ihren Dienst an. Zu diesem Zeitpunkt war das Heim für bedürftige israelitische Frauen, Männer und Kinder mit chronischen Erkrankungen in einer alten Villa, dem sog. ‚Hinterhaus‘, untergebracht. Infolge der großen Nachfrage handelte es sich wohl ausschließlich um jüdische Bewohner/innen, wobei die Statuten eine Aufnahme nichtjüdischer Leidender nicht ausschlossen. Vermutlich wohnte Frieda Gauer entweder im Siechenhaus selbst oder in einer räumlich nahen Personalwohnung ihres Arbeitgebers zur Untermiete; in den Frankfurter Adressbüchern ist ihr Name nicht zu finden.

An der im Gumpertz’schen Siechenhaus geleisteten professionellen Kranken-, Schwerbehinderten-, Alten- und Armenpflege beteiligte sich Schwester Frieda zunächst unter Anleitung der ersten Gumpertz’schen Oberin Thekla (Mandel) Isaacsohn (1867–1941). 1907 erlebte sie die feierliche Einweihung eines Gumpertz’schen Neubaus: dem als modernes Krankenheim mit Operationssaal ausgestatteten, anfangs für weibliche Bewohner eingerichteten, so genannten ‚Vorderhaus‘. Nach Oberin Theklas Heirat und Wegzug noch im gleichen Jahr bekam Frieda Gauer mit Rahel (Spiero) Seckbach (1876–1949 eine neue Oberin, welche 1919 den Gumpertz’schen Verwalter Hermann Seckbach (1880–1951) heiratete. Am 13. Juli 1911 (HHStAW 518/ 75113) stellte die Gumpertz’sche Verwaltung mit der 33-jährigen Labor- und Krankenschwester Anna Theresia Franziska Fleischer (geb. 19.12.1877 in Frankfurt a.M.) eine weitere christliche Pflegekraft ein. Ungeachtet aller Differenzen innerhalb des Christentums sowie zwischen Christentum und Judentum bildeten die evangelische Schwester Frieda und die katholische Schwester Franziska gemeinsam mit dem orthodox-jüdischen Gumpertz’schen Verwalterpaar Rahel und Hermann Seckbach drei Jahrzehnte lang ein funktionierendes und eingespieltes Team im Dienst für die „Aermsten der Armen“ (Neuhaus 1949) der jüdischen Gemeinschaft.

Im Dienst für die Pflegebedürftigen: ein interkonfessionelles Team als eingeschworene Gemeinschaft

„Weihnukka“-Feier von Personal und Patienten im Wintergarten des Gumpertz’schen Lazaretts, 1918 – Nachweis: Cohn-Neßler, Fanny: Das Frankfurter Siechenhaus. Die Minka-von-Goldschmidt-Rothschild-Stiftung. In: Allgemeine Zeitung des Judentums 84 (16.04.1920) 16, S. 174, online: UB JCS Ffm, Judaica, CM, http://sammlungen.ub.unifrankfurt.
de/cm/periodical/pageview/3288197

Der Erste Weltkrieg schweißte die interkonfessionelle Gumpertz’sche Pflegegemeinschaft, unterstützt von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus der jüdischen Gemeinde, noch enger zusammen: In seiner großen Vorderhaus-Villa richtete das Siechenhaus gleich zu Kriegsbeginn ein Lazarett ein, wo jüdische wie nichtjüdische Verwundete behandelt und operiert wurden. Neben der Organisation des Lazaretts, einer Schwerkrankenstation für Offiziere und Mannschaften mit zuletzt 40 Betten, musste zugleich der laufende Pflegebetrieb aufrechterhalten werden. Im Rechenschaftsbericht für die Jahre 1914 und 1915 dankte der Gumpertz’sche Vorstand bei der Würdigung seines Personals auch der „Laborantin Fräulein Franziska Fleischer und ganz besonders der im Wirtschaftsbetrieb so überaus verdienstvollen Schwester Frieda“ (GumpRechenschaftsbericht 1916: 9). Vermutlich wirkten die christlichen Schwestern Franziska Fleischer und Frieda Gauer auch an den Vorbereitungen zur „Weihnukka“ (Kugelmann 2005; Loewy 2011) mit: Im Dezember wurde zusammen mit den jüdischen und christlichen Verwundeten im Gumpertz’schen Lazarett neben dem Chanukka-Fest Weihnachten gefeiert und ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Auf der obigen Gruppenfotografie sind möglicherweise auch Oberin Rahel (Spiero) Seckbach, Verwalter Hermann Seckbach, Schwester Frieda und Schwester Franziska abgebildet.

Nach dem für Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg hielt das interkonfessionelle Gumpertz’sche Team auch den Inflationsjahren gemeinsam stand, die zudem von einem erstarkten Antisemitismus geprägt waren. Mit Elisabeth Gontrum (Lebensdaten unbekannt, vgl. JüdPflege) trat 1921 eine weitere christliche Schwester in den Dienst des jüdischen Pflegeheims. 1929 musste die Gumpertz’sche Stiftung 1929 ihr Vorderhaus aus Kostengründen an die Stadt Frankfurt vermieten. So waren Gepflegte, Pflegende und weiteres Personal wieder im älteren Hinterhaus vereint, das bis 1932 einen neuen Anbau erhielt; auch im Gebäude selbst wurde modernisiert.

Zum Zeitpunkt der NS-Machtübernahme 1933 standen Frieda Gauer bereits über 30 Jahre, ihre Kolleginnen Franziska Fleischer und Elisabeth Gontrum fast 22 bzw. 12 Jahre im Dienst des nun unmittelbar in seiner Existenz bedrohten Gumpertz’schen Siechenhauses. Als die fortan von einem nationalsozialistischen Oberbürgermeister und Magistrat regierte Stadt Frankfurt den Mietvertrag für das Vorderhaus – das nacheinander verschiedene NS-Gruppierungen belegten – kurzerhand kündigte, sorgte sich der Gumpertz’sche Präsident Richard Merzbach (1873–1945) auch um die berufliche Zukunft und materielle Absicherung „unserer christlichen Schwesternschaft“ (ISG Ffm: Magistratsakten, Sign. 8957, Bl. 154). Trotz – oder gerade wegen? – der aggressiven öffentlichen Hetzpropaganda und zunehmenden antisemitischen Schikanen hielten Frieda Gauer und Franziska Fleischer dem jüdischen Heim die Treue; der Arbeitsplatzwechsel an eine nichtjüdische Pflegeeinrichtung kam für sie nicht in Frage. Zum Zeitpunkt des Erlasses der Nürnberger Gesetze im September 1935 längst über 45 Jahre alt, fielen beide nicht unter die Auflage für jüdische Arbeitgeber, weibliche nichtjüdische Hausangestellte unter 45 Jahren zwecks Vermeidung von „Rassenschande“ zu entlassen. Dennoch musste der fast 60jährige Hermann Seckbach, Oberin Rahels Ehemann und seit 35 Jahren Verwalter des Siechenhauses, im März 1939 nach England flüchten – nicht nur im Zuge des Novemberpogroms 1938, sondern auch wegen einer Haftandrohung der NS-Behörden, da im Siechenhaus „arisches“ weibliches Personal arbeite und er deshalb gegen das Paragraph 3 des „Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verstoße (Angaben nach HHStAW 518/ 59144). Nach Kräften unterstützten Schwester Frieda und Schwester Franziska ihre nun auf sich allein gestellte Oberin und wurden wiederholt Zeuginnen von Hausdurchsuchungen der Gestapo, die nach versteckten antisemitisch Verfolgten und angeblich gehorteten Lebensmitteln fahndeten. Doch verstärkte sich der nationalsozialistische Druck auf nichtjüdisches Personal, da es der Umrüstung der jüdischen Institutionen in Ghettohäuser und Sammellager vor der Deportation im Wege stand. Zum 1. Januar 1941 gingen Frieda Gauer und Franziska Fleischer deshalb in den unfreiwilligen Ruhestand. Ihre Pensionen zahlte bis zu ihrer eigenen NS-Zwangsauflösung die Frankfurter Jüdische Gemeinde. Bereits im April 1941 fiel Schwester Friedas und Schwester Franziskas ehemalige Arbeits- und Wirkungsstätte, das Gumpertz’sche Siechenhaus, der NS-Zwangsräumung zum Opfer. Ihre zumeist bettlägerigen jüdischen Schützlinge, die sie so lange Zeit liebevoll betreut hatten, wurden in das letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus Gagernstraße zwangsverlegt – die letzte Station vor ihrer Deportation 1942 zusammen mit Oberin Rahel Seckbach in das KZ Theresienstadt. Die Oberin überlebte Theresienstadt nur knapp und mit schweren gesundheitlichen Schäden; gemeinsam mit ihrer Schwester Minna Spiero konnte sie später zu Ehemann Hermann und Tochter Ruth nach England ausreisen.

Nach der NS-Zeit: Kampf gegen die Altersarmut

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten Frieda Gauer und Franziska Fleischer infolge der nationalsozialistischen Vernichtung ihres jüdischen Arbeitgebers und der Frankfurter Jüdischen Gemeinde alle privatrechtlichen Versorgungsansprüche verloren. Franziska Fleischer besuchte um 1950 Hermann Seckbach, seine Tochter Ruth und seine Schwägerin Minna Spiero im englischen Exil. Sie fand die NS-vertriebene und zuvor ausgeplünderte Familie gesundheitlich angeschlagen und in bitterer Armut vor, die orthodox-jüdischen Gemeinde zu Manchester leistete Unterstützung. Ihre ehemalige Oberin Rahel Seckbach traf die Besucherin aus Deutschland nicht mehr an, da diese bereits am 4. September 1949 mit 72 Jahren verstorben war. Die interkonfessionelle ehemalige Gumpertz’sche Pflegegemeinschaft endete erst mit Hermann Seckbachs Krebstod am 14.12.1951, zuvor bewährte sie sich noch einmal in der gegenseitigen Zeugenschaft bei den so genannten ‚Wiedergutmachungsanträgen‘. Hier galten nichtjüdische Angestellte jüdischer Institutionen wie Frieda Gauer und Franziska Fleischer nicht als NS-verfolgt, so dass die Nachkriegsbehörden ihre 1951 gestellten Entschädigungsanträge zunächst abwiesen. Beide kämpften jahrelang um ihre Rentenbezüge kämpfen und lebten sehr wahrscheinlich am Existenzminimum. Notfallhilfe leistete ein vom Hessischen Landtag eingerichteter Härtefonds für frühere Bedienstete von jüdischen Gemeinden. Die Versorgungsansprüche übernahm ab dem 1. Oktober 1952 die Bundesstelle für Entschädigung der Bediensteten jüdischer Gemeinden mit Sitz in Köln-Deutz.

Sterbeurkunde (Ausschnitt) von Franziska Fleischer – © ISG Ffm, Personenstandsunterlagen

Frieda Gauer wohnte als Sozialrentnerin in Wiesbaden (Platterstraße 55, seit 1956 Galileistraße 24), wo sie am 28. Dezember 1960 mit 82 Jahren verstarb. Ihre ebenfalls in Altersarmut lebende katholische Kollegin Franziska Fleischer verstarb am 21. April 1969 mit 91 Jahren in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main (letzte Anschrift: Senckenberganlage 16). Beide Krankenschwestern waren unverheiratet und blieben kinderlos.

Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde: Meta Conrath

Die evangelische Schwester Meta Conrath pflegte fast zwei Jahrzehnte lang im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Gagernstraße 36, wo sie auch wohnte. Geboren wurde sie als Meta Alma Martha Kahl am 6. Februar 1888 (ISG Ffm: Personenstandsunterlagen; E-Mail v. Klaus-J. Penné v. 26.04.2019. Siehe auch PA Penné: Familientafel Conrath/ Kahl, Taufdokument; ISG Ffm: HB 687 T. 2, Bl. 32: Geburtsjahr 1888, letzte Ziffer mit „9“ überschrieben; Arbeitszeugnis der Augenklinik des Krankenhauses Gagernstraße, 23.01.1939: Geburtsjahr-Angabe 1889) im westpreußischen Wintersdorf (Kreis Schwetz (Regierungsbezirk Marienwerder), heute: Przechówko, Polen). Meta verlor früh ihren Vater. Mit ihrem Bruder Bruno Kahl (1889–1938) und einer jüngeren Schwester (1896–1986) wuchs die Halbwaise in der damals westpreußischen Hafen- und Handelsstadt Thorn (heute Toruń, Polen) an der Weichsel auf. Sehr wahrscheinlich ging sie mit jüdischen Kindern zur Schule, welche in Thorn zumeist christliche Schulen besuchten (vgl. Alicke 2014).

Berufliche Anfänge: Rotkreuz- und Lazarettschwester

Im Jahr 1909 heiratete Meta Kahl in Thorn Richard Paul Conrath (geb. 1878), welcher als Sergeant (Dienstgrad eines Unterfeldwebels) beim Ulanenregiment von Schmidt (1. Pommersches) Nr. 4 diente. Nur ein Jahr nach der Trauung verstarb ihr Ehemann am 28. Dezember 1910 in Thorn nach langem, schweren Leiden (vgl. Todesanzeige zu Richard Paul Conrath in: Die Presse – Ostmärkische Tageszeitung, 01.01.1911, übermittelt von Klaus-J. Penné per E-Mail v. 04.01.2020). Früh verwitwet und auf sich allein gestellt, hat Meta Conrath vermutlich bald darauf ihre Schwesternausbildung begonnen.

Die Rotkreuzschwester Meta Conrath in Schwesterntracht, ohne Jahr (vor 1919) – © Klaus-J. Penné
Abzeichen des Deutschen Roten Kreuzes (Vaterländischer Frauenverein) von Meta Conrath, vor 1919 – © Klaus-J. Penné
Rotkreuzschwester Meta Conrath (vorne rechts) im Lazarett, ohne Jahr (um 1918) – © Klaus-J. Penné

Während des Ersten Weltkriegs pflegte Meta Conrath als Rotkreuzschwester vermutlich in westpreußischen Lazaretten. Die Fotografie zeigt Schwester Meta (rechts) zusammen mit einer Kollegin und den Patienten.

Polnischer Pass von Meta Conrath (für die Ausreise nach Deutschland), 1919 – © Klaus-J. Penné

Unter den Deutschen, die infolge des Versailler Vertrags mit der Angliederung westpreußischer Gebiete an die Zweite Polnische Republik in den Westen übersiedelten, befand sich auch Meta Conrath, zusammen mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern. Vermutlich 1920 traf die Familie im südosthessischen Dörnigheim, heute ein Stadtteil von Maintal im Main-Kinzig-Kreis, ein. Bei der Suche nach einer neuen Anstellung orientierte sich Meta Conrath in Richtung Frankfurt am Main.

Beliebt und geachtet: als christliche Schwester im jüdischen Krankenhaus

Vermutlich wurde Meta Conrath durch eine Stellenanzeige auf das Frankfurter jüdische Krankenhaus Gagernstraße aufmerksam, wo bis zur NS-Zäsur auch viele nichtjüdische Patientinnen und Patienten Heilung fanden. Die Bewerbung der erfahrenen Krankenschwester war erfolgreich, zumal es nach dem Ersten Weltkrieg an Fachkräften mangelte. Ihren Dienst in der Klinik trat sie am 22. September 1921 an, wo sie seit dem 28. September 1921 auch wohnte (ISG Ffm: HB 687, T. 2, Bl. 32). Hilde Steppe erwähnt in ihrem Standardwerk zur deutsch-jüdischen Krankenpflege „etwa vier nichtjüdische Krankenschwestern“ (dies. 1997: 236), von welchen bislang nur Meta Conrath namentlich bekannt ist. Ihre erste Oberin war eine Pionierin der beruflichen deutsch-jüdischen Pflege: Minna Hirsch (1860–1938, vgl. JüdPflege), Mitbegründerin des ersten Schwesternverbands Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt a.M. und als Oberin von Krankenhaus und Schwesternschaft auch für die christlichen Pflegekräfte zuständig. Nach Minna Hirschs Pensionierung folgte um 1925 Oberin Julie Glaser (1878 – 1941 deportiert).

Die evangelische Schwester Meta gehört zu den wenigen Angestellten NS-vernichteter deutsch-jüdischer Kliniken und Pflegeheime, deren Arbeitszeugnisse noch aufgefunden wurden; sie dokumentieren neben ihrem erfolgreichen Werdegang im Krankenhaus Gagernstraße auch die hohe Wertschätzung und Zuneigung ihrer Vorgesetzten, Kolleginnen und Gepflegten. Meta Conraths erster Einsatz erfolgte 1921 in der Infektionsabteilung, die sie später zeitweise als Oberschwester leitete. Seit 1923 pflegte sie in der Privatabteilung und bewährte sich dort in allen Zweigen der Krankenpflege. So versorgte sie viele Patientinnen und Patienten mit stationären gynäkologischen, urologischen und Augenkrankheiten, bei letzteren auch Star-Operierte, sowie nach schweren OPs. Ihre ärztlichen Vorgesetzten schildern sie als äußerst gewissenhaft, sicher und belastbar.

Gratulationsschreiben des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins zu Meta Conraths 10-jährigem Dienstjubiläum im Krankenhaus Gagernstraße, 22.09.1931 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).

Zudem wurde sie erfolgreich in der Ausbildung und Anleitung der Lehrschwestern eingesetzt. „Sehr geehrte, liebe Schwester Meta!“ heißt es denn auch im Gratulationsschreiben des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins aus Anlass ihres zehnjährigem Dienstjubiläums am 22. September 1931.

Meta Conraths Bewährung in der NS-Zeit: Dokumente und mündliche Überlieferung

Wie ihre christlichen Kolleginnen Frieda Gauer und Franziska Fleischer am Gumpertz’schen Siechenhaus – leider liegen bislang keine Quellen zu möglichen Verbindungen zwischen nichtjüdischen Pflegenden an Frankfurter jüdischen Einrichtungen vor – stand auch Meta Conrath nach der NS-Machtübernahme weiterhin zu ihrem jüdischen Arbeitgeber. Möglicherweise kooperierte sie mit einer NS-widerständigen nichtjüdischen Kollegin: Die Frankfurter Krankenschwester Luise (Louise) Zorn (1880–1968) betreute „jüdische Patienten, als diese keine ärztliche Versorgung mehr fanden und kein Krankenhaus sie mehr aufnahm. Als ihr das Betreten des jüdischen Krankenhauses verboten wurde, kletterte sie nachts heimlich über die Mauer und assistierte unter Mitbringen ihres eigenen Verbandszeuges bei Operationen“ (Kiel-Römer/ Süß/ Steppe 2013: 202f. Siehe auch K.H. 1945 sowie Eintrag bei JüdPflege).

Zum Zeitpunkt des Erlasses der Nürnberger Gesetze im September 1935 46 Jahre alt, entging Schwester Meta gerade noch dem NS-Verbot für weibliches „arisches“ Personal unter 45 Jahren, mit männlichen jüdischen Vorgesetzten zu arbeiten. Angesichts der weiter eskalierenden antisemitischen NS-Segregationspolitik stellt sich hier die Frage, ob Meta Conraths weitgehend nationalsozialistisches privates Umfeld sie dazu drängte, die jüdische Klinik zu verlassen und in eine „arische“ Einrichtung zu wechseln. Wie mochten ihre Verwandten darauf reagiert haben, die sie um Lebensmittelkarten für die Gepflegten, Kolleginnen und Ärzte des Krankenhauses Gagernstraße gebeten haben soll (Angabe nach PA Penné)? 1938 erschütterte die Familie der Suizid von Metas Bruder Bruno Kahl (geb. 1889), eines überzeugten Nationalsozialisten, der als Lehrer in Dörnigheim unterrichtete. Dort gründete und leitete er die Dörnigheimer NSDAP-Ortsgruppe und wurde 1933 NSDAP-Abgeordneter im Kreistag Hanau-Land. Im Juni 1938 erhängte sich Bruno Kahl während eines Lehrgangs in der NS-Schulungsburg (Gauführerschule) zu Kronberg (Taunus) (vgl. Salzmann/ Voigt 1991: 40, 130-132); er soll einen Abschiedsbrief verfasst und sich darin von Hitler und der NSDAP distanziert haben. Der Suizid wurde als Unglücksfall getarnt. Ob Meta Conrath an der nationalsozialistischen Trauerfeier mit NS-Totenwache teilnahm, ist unbekannt. Bruno Kahls Witwe, ebenfalls NSDAP-Mitglied, soll ihre nationalsozialistische Gesinnung auch nach 1945 beibehalten und sich einer Gruppe Freier Deutscher Christen angeschlossen haben, ihr Verhältnis zu Meta Conrath blieb „angespannt“ (Angabe nach PA Penné). NSDAP-Mitglied war seit 1932 auch der Ehemann von Metas Schwester; er fungierte als NS-Gauwalter für Körperbehinderte und Kreiswalter in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

Spätestens 1939, vermutlich schon früher, pflegte Meta Conrath im Krankenhaus Gagernstraße ausschließlich jüdische Patientinnen und Patienten; ihre 1938 NS-behördlich zu „Krankenbehandlern“ degradierten ärztlichen Vorgesetzten durften nur noch als jüdisch eingestufte Kranke behandeln, die Versorgung von „arischen“ Kranken war strikt verboten. Aus den nachfolgend chronologisch dargestellten Dokumenten wird deutlich, dass die bis 1939 für Schwester Meta ausgestellten Arbeitszeugnisse von Ärzten stammen, die nach dem Novemberpogrom 1938 aus Nazideutschland flüchten mussten. Während der ebenfalls verfolgungsbedingten Fluktuation des jüdischen Pflegepersonals (hierzu Steppe 1997) hielt Meta Conrath, seit Sommer 1939 u.a. als leitende Oberschwester der Privatabteilung, weiterhin die Stellung und wurde zu einer wichtigen Stütze des unter den NS-Angriffen leidenden Klinikbetriebs. Am 4. November 1940 – sie selbst hatte zum 31. Dezember 1940 offiziell gekündigt – musste sie ihre jüdischen Gepflegten dann doch verlassen und verlor zudem ihre langjährige Arbeits- und Wohnstätte. Nur zwei Wochen später, am 19. November, trafen ihre Kolleginnen aus dem NS-zwangsgeräumten jüdischen Schwesternhaus in der Klinik ein. Mit dem unfreiwilligen Auszug der vermutlich letzten nichtjüdischen Schwester Meta Conrath war die NS-Umrüstung des Krankenhauses Gagernstraße zum Ghettohaus und Sammellager vor den Deportationen vollzogen.

„[…] durch ihr ruhiges und sicheres Wesen ist sie fähig, eine Station zu führen und die ihr unterstellten Schwestern anzuleiten“, trug der Chefarzt der Chirurgie des Krankenhauses Gagernstraße in sein am 31. Oktober 1940 für Meta Conrath ausgestelltes Arbeitszeugnis ein. Die nachfolgenden Quellen vermitteln seltene Einblicke in den Werdegang einer evangelischen Schwester am Frankfurter jüdischen Krankenhaus Gagernstraße. Zahlreiche Personalunterlagen sind durch die Shoah und durch Kriegseinwirkung ,verschollen‘.

Arbeitszeugnis für Meta Conrath (Urologie des Krankenhauses Gagernstraße), 18.09.1938 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).
Arbeitszeugnis für Meta Conrath (ausgestellt vom Facharzt für Innere Krankheiten am Krankenhaus Gagernstraße), 30.09.1938 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).
Arbeitszeugnis für Meta Conrath (Augenklinik des Krankenhauses Gagernstraße), 23.01.1939 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).
Arbeitszeugnis für Meta Conrath, ausgestellt von Prof. Dr. Simon Isaac, Direktor des Krankenhauses Gagernstraße, 01.03.1939 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné
Arbeitszeugnis für Meta Conrath (Leiter des Krankenhauses Gagernstraße), 22.10.1940 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).
Zwischenzeugnis für Meta Conrath (Krankenhaus Gagernstraße), 28.10.1940 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).
Arbeitszeugnis für Meta Conrath (ausgestellt vom Leiter der Chirurgie des Krankenhauses Gagernstraße), 31.10.1940 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).
Letztes Arbeitszeugnis für Meta Conrath (Krankenhaus Gagernstraße), 31.12.1940 – Mit freundlicher Genehmigung von Klaus-J. Penné (der Name des ärztlichen Verfassers dieses Dokuments wurde aus urheberrechtlichen Gründen geschwärzt).

Vom Krankenhaus Gagernstraße zog Meta Conrath am 4. November 1940 in den Frankfurter Stadtteil Eschersheim, Neumannstraße 9 (ISG Ffm: HB 687, T. 2, Bl. 32); danach arbeitete die inzwischen über Fünfzigjährige als Privatpflegerin. Familieninformationen zufolge soll sie für längere Zeit auf Schloss Jettingen (Bayerisch-Schwaben) eine Verwandte des Hitler-Gegners Claus Schenk Graf von Stauffenberg gepflegt und die beiden später hingerichteten Brüder Claus und Berthold noch persönlich kennengelernt haben. Als die Stauffenberg-Familie nach dem gescheiterten Staatsstreich ab dem 20. Juli 1944 verhaftet wurde, befand sich Meta Conrath gerade auf Heimaturlaub in Frankfurt am Main. Hatte ein Bruder ihres verstorbenen Ehemannes, Wehrmachtsgeneral Paul Conrath (1896–1979), mit dem sie auch nach 1945 noch in gutem Kontakt stand, die Pflegestelle bei den Stauffenbergs vermittelt? Es ist nicht auszuschließen, dass dieser Schwager Meta Conraths trotz seiner engen Verbindungen zu Göring zum Umfeld der Widerstandsbewegung „20. Juli“ gehörte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohnte Meta Conrath weiterhin in der Neumannstraße 9 und versorgte ihre Mutter. Laut Auskunft der Frankfurter Meldebehörde verstarb sie aber nicht in Frankfurt, sondern am 19. August 1960 in Köppern (heute Stadtteil von Friedrichsdorf). Den Angaben (per Mail v. 04.01.2020) ihres Neffen Klaus-J. Penné zufolge „hat Meta Conrath nach Kriegsende mehrfach Carepakete von ehemaligen Patienten und Ärzten aus Amerika erhalten“ – ihre engagierte Fürsorge im jüdischen Krankenhaus und das vorbildliche Standhalten gegen die antisemitische Hetze des NS-Regimes waren unvergessen.

Resümee und Dank

Von den hier vorgestellten christlichen Schwestern wurden bislang keine Ego-Dokumente wie Briefe oder Tagebücher aufgefunden. Ihre Motive, weshalb sie so viele Jahre in jüdischen Institutionen pflegten und auch dem Nationalsozialismus widerstanden, lassen sich deshalb nur vermuten. Mangels Fotografien aus diesem Zeitraum ist zudem unbekannt, welche Schwesterntracht sie in der jüdischen Klinik anlegen, gehörten sie doch den jüdischen Pflegeorganisationen nicht an. Weitere Fragen bleiben zu klären: Wie war Meta Conraths, Franziska Fleischers und Frieda Gauers Verhältnis zur eigenen Kirchengemeinde? Gehörten sie NS-kritischen Kirchenkreisen oder – wie etwa die an Rettungsaktionen beteiligten Frankfurter Quäker/innen (vgl. Bonavita 2014) – einer der innerchristlichen Minderheiten an, die mitunter in Opposition zur Amtskirche standen?

Für wichtige Quellen und Hinweise dankt die Autorin ganz besonders Meta Conraths Neffen Klaus-J. Penné, des Weiteren Sigrid Kämpfer und Janica Kuhr (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main) und Carmen Killian (Standesamt Adelsheim). Weitere Informationen zu diesem offenen Forschungsfeld sind willkommen.

Birgit Seemann, Stand November 2021

Quellen- und Literaturverzeichnis

Unveröffentlichte Quellen

HHStAW: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Bestand 409 Nr. 61: Häftlingsakte Gleichmann, Eva
Bestand 518 Nr. 6194: Entschädigungsakte Löw, Georg
Bestand 518 Nr. 53914: Entschädigungsakte Gauer, Frieda
Bestand 518 Nr. 59139: Entschädigungsakte Seckbach, Rahel geb. Spiero
Bestand 518 Nr. 59144: Entschädigungsakte Seckbach, Hirsch Hermann
Bestand 518 Nr. 75113: Entschädigungsakte Fleischer, Franziska
ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
Magistratsakten Sign. 8957: Städtische Krankenanstalten: Ermietung des Gumpertz´schen Siechenhauses zur Unterbringung von Kranken und Weiterverpachtung an die Feldjägerei (1930–1938), Bl. 154
HB 655: Hausstandsbuch Bornheimer Landwehr 85 (Frankfurter Jüdisches Schwesternhaus): Sign. 655
HB 686: Hausstandsbuch Gagernstraße 36 (Frankfurter Jüdisches Krankenhaus), Teil 1, Sign. 686
Personenstandsunterlagen: Sterbeurkunde Fleischer, Franziska
Standesamt Adelsheim
Geburtseintrag Gauer, Frieda (mit Sterbedaten)
UB JCS Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.
Frankfurter Adressbücher (Digitalisate, bis 1943): https://www.ub.uni-frankfurt.de/wertvoll/adressbuch.html
Judaica Frankfurt (Digitalisate): http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all
PA Penné: Privatarchiv Klaus-J. Penné
Korrespondenz des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen und des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main mit Meta Conrath (18.09.1938 – 31.12.1940)
Familientafel Conrath / Kahl, undatiert (Stand 21.01.2019)
Tauf- und Heiratsdokumente, polnischer Pass (Ausreisedokument) Fotografien

Sekundärliteratur

Alicke, Klaus-Dieter o.J. [2014]: Thorn/Weichsel (Westpreußen). In: ders.: Aus der Geschichte jüdischer Gemeinden im deutschen Sprachraum, https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/home [04.11.2021, Link inaktiv]
Betzien, Petra 2018: Krankenschwestern im System der nationalsozialistischen
Konzentrationslager. Selbstverständnis, Berufsethos und Dienst an den Patienten im Häftlingsrevier und SS-Lazarett. Frankfurt a.M.
Bonavita, Petra 2014: Quäker als Retter … im Frankfurt am Main der NS-Zeit. Stuttgart
GumpRechenschaftsbericht 1916: Rechenschaftsbericht des Vereins Gumpertz’sches Siechenhaus und der Minka von Rothschild-Goldschmidt-Stiftung in Frankfurt am Main für die Jahre 1914 und 1915. Frankfurt a.M. 1916, online: UB JCS Ffm, Judaica Ffm: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-306391
K.H. 1945: Die Schwester. In: Frankfurter Rundschau, 05.09.1945, online: RettungsWiderstand, Artikel: Folgen der Hungerpolitik 1942: „Elend wohin man blickt“,  https://rettungs-widerstand-frankfurt.de/ [04.11.2021}
Kiel-Römer, Ursula/ Süß, Martina/ Steppe, Hilde 2013: Widerstand des Pflegepersonals. Ein Fragment. In: Steppe/ Ulmer (Hg.): 195-211
Kugelmann, Cilly (Hg.) 2005: Weihnukka. Geschichten von Weihnachten und Chanukka. [Ausstellungskatalog des Jüdischen Museums Berlin]. Berlin
Levinsohn-Wolf, Thea 1996: Am Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main. In: dies.: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel. Frankfurt a.M.: 21-32
Loewy, Hanno (Red.) 2011: „Solls der Chanukkabaum heißen“. Chanukka, Weihnachten, Weihnukka. Jüdische Geschichten vom Fest der Feste. Gesammelt v. Hanno Loewy. 3., durchges. u. verb. Aufl. Berlin
Lustiger, Arno (Hg.) 2011: Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit. Göttingen
Neuhaus, Leopold 1949: Nachruf auf Rahel Seckbach. In: AUFBAU 15 (23.09.1949) 38, S. 41
Salzmann, Bernd/ Voigt, Wilfried 1991: „Keiner will es gewesen sein“. Dörnigheim im Nationalsozialismus. Hg.: Magistrat der Stadt Maintal. Maintal
Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar 2013: Jüdische Pflegegeschichte im Nationalsozialismus am Beispiel Frankfurt am Main. In: Steppe/ Ulmer (Hg.): 257-265
Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar 2019: Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung. Hg.: Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung. Frankfurt a.M.
Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.
Steppe, Hilde/ Ulmer, Eva-Maria (Hg.) 2013: Krankenpflege im Nationalsozialismus. 10. aktualis. u. erw. Aufl. Frankfurt a.M.

Online-Datenbanken und Links

(zuletzt aufgerufen am 04.11.2021)

Alemannia Judaica Sennfeld: https://www.alemannia-judaica.de/sennfeld_synagoge.htm
Arcinsys: Archivinformationssystem Hessen, https://arcinsys.hessen.de
JüdPflege: Jüdische Pflegegeschichte – Biographien und Institutionen in Frankfurt Main. Forschungsprojekt an der Frankfurt University of Applied Sciences, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/
RettungsWiderstand: RettungsWiderstand in Frankfurt am Main während der Herrschaft der Nationalsozialisten. Hg.: Petra Bonavita. URL: https://rettungs-widerstand-frankfurt.de/