Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

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Karl Falkenstein

Bewohner des Henry und Emma Budge-Heims für alleinstehende alte Menschen

Dass Karl Falkensteins Name nicht vergessen ist und Teile seines Lebens rekonstruiert werden konnten, verdanken wir der Liste der ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner des ehemaligen Budge-Heims, die Volker Hütte im Namen der Budge-Stiftung wieder finden konnte (vgl. Hütte/Institut für Stadtgeschichte). Karl Falkenstein war einer von 23 Bewohnerinnen und Bewohner jüdischen Glaubens, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen und für die seit dem 9. November 2011 eine Gedenkstätte vor dem neuen Budge-Heim, Wilhelmshöher Straße 279, eingerichtet ist.

Fotografie: Karl Falkenstein (Datum unbekannt, vermutlich um 1920).
Falkenstein, Karl / Karl Falkenstein (Datum unbekannt, vermutlich um 1920) Mit freundlicher Genehmigung Yad Vashem Weitere Angaben

Karl Falkenstein wurde am 12. Februar 1857 als Sohn von Abraham und Betty Falkenstein in Frankfurt am Main geboren (vgl. Bundesarchiv und Yad Vashem).
Der Vater, Abraham Falkenstein, war um 1869 als „Cassendiener“ der Frankfurter Bank beschäftigt und wohnte in der Judengasse 11 . Nachweislich um 1880 war Abraham Falkenstein „Cassendiener“ der Israelitischen Frauenkrankenkasse und gleichzeitig „Leichencommissär“ der jüdischen Gemeinde. Die Aufgaben eines Leichencommissärs kann man mit denen des heutigen Bestattungsunternehmers vergleichen, wobei er vermutlich kein selbständiger Unternehmer, sondern ein Angestellter der Gemeinde war. Zu dieser Zeit, ca. 1880, wohnte er, sicherlich mit seiner Familie, am Judenmarkt 30 und später am Börneplatz 12. Ab 1890 war Abraham Falkenstein Privatier und wohnte im Parterre der Hanauer Landstraße 18, später im 2. Stock im Sandweg 10. Ab 1895 findet man ihn nicht mehr in den Frankfurter Adressbüchern verzeichnet, er war vermutlich verstorben.
1885 taucht in den Adressbüchern im Judenmarkt 30 zum ersten Mal auch sein Sohn Karl Falkenstein, um den es hier geht, auf. Verheiratet war Karl mit Lea Falkenstein, geb. Hermann, die am 14. April 1862 geboren wurde (vgl. Yad Vashem). Wir wissen allerdings nicht, wann genau sie heirateten. Über die Kinder des Paares ist z. Zt. nichts weiter bekannt. Die Enkelin von Lea und Karl Falkenstein hinterlegte ein Gedenkblatt für ihren Großvater in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Ebenfalls in Yad Vashem existiert ein Gedenkblatt für die Schwester der Enkelin, die 1943 bei einem U-Boot-Angriff auf ein Schiff mit jüdischen Jugendlichen ums Leben kam.

Signet: Signet der Fima Stern & Co. Markennamen waren „Erika“, „Kornblume“ oder „Rheingold“.
Signet der Fima Stern & Co. Markennamen waren „Erika“, „Kornblume“ oder „Rheingold“. Aus: Schmidt, Hans-Heinrich: Lexikon der deutschen Uhrenindustrie 1850-1980

Im Jahr 1885 ist Karl (Carl) als Miteigentümer der Firma Sigmund Stern & Co verzeichnet. Dieses Unternehmen war eine „Niederlassung der Schweizer Uhrenfabrik Stern in Solothurn und als Fabrikation für Schablonen- Taschenuhren und Uhrenhandel tätig“ (Schmidt 2005) Als Schablonenuhren bezeichnete man günstig zu produzierende Uhren, die aus genormten Teilen gefertigt wurden. Markennamen der Firma Stern waren „Erika“, „Kornblume“ oder „Rheingold“ (vgl. Schmidt 2005). Die Firma Stern & Co. residierte in der Zeil 69, 3. Stock, wo sich auch ihr Lager befand. Es gab neben Karl Falkenstein zwei weitere Eigentümer: Sigmund Stern und Michael Bamberger.
Karl Falkenstein zog privat mehrfach um: 1886 in die Schillerstraße 3, ab 1887 in die Fichardstraße 60, 3. Stock. 1892 zog er weiter in die Kaiserstraße 13, 2. Stock, hier eröffnete er seine eigene Uhrenhandlung: „Karl Falkenstein Taschenuhren, Taschenuhren en gros“. Ein Markenzeichen, das sich auf ihn zurückführen lässt, heißt„Zukunft Karl Falkenstein“. 1897 zogen Eigentümer und Geschäft in das Nachbarhaus, in die Kaiserstraße 11, 2. Stock, wo sie bis 1914 blieben.

Fotografie: Kaiserstraße 11, 13 / Frankfurt am Main: Blick vom Kaiserplatz in der Kaiserstraße nach Nordosten Richtung Roßmarkt (Junghändel 1898.)
Kaiserstraße 11, 13 / Frankfurt am Main: Blick vom Kaiserplatz in der Kaiserstraße nach Nordosten Richtung Roßmarkt (Junghändel 1898.) © Max Junghändel Weitere Angaben

1915 findet man einen Nachweis über Karl Falkenstein und seinen Uhrenhandel in der Oestlichen [sic] Fürstenbergerstraße 141. Spätestens ein Jahr später gab er sein Geschäft auf und wohnte ab 1916 als Privatier unter derselben Adresse. 1929 zog er in die Wöhlerstraße 12, Erdgeschoss, einem Mietshaus, in welchem auch andere Rentnerinnen und Rentner ihre Wohnung gefunden hatten. Einige Jahre später, nämlich 1936, organisierte in der Nachbarschaft, Wöhlerstraße 6, Hilde Meyerowitz für die Reichsvertretung und den Provinzialverband der Jüdischen Wohlfahrtspflege die Gründung eines Altersheims zu dem später noch die Hausnummern 8 und 13 hinzukamen.
1936 wechselte Karl Falkenstein in ein Hinterhaus in der Niddagaustraße. Nach einem Aufenthalt in der Rechneigrabenstraße 18, vermutlich lebte das Ehepaar hier im Altersheim, zogen Karl und Lea Falkenstein im Juli 1937 in das Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen im Edingerweg 9. Frau Falkenstein starb hier am 2. Juni 1938. Am 2. Februar 1939 verließ Herr Falkenstein das Budge-Heim, noch bevor am 1. April 1939 die letzten jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner das Heim verlassen mussten. Er kam nun im Schwesternheim des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main in der Bornheimer Landwehr 85 unter (vgl. Hausstandsbuch 655: 60). Danach muss er noch in der Beethovenstraße 11 gewohnt haben, was im Hausstandsbuch des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde verzeichnet ist, wo er dann, ab dem 31. Oktober 1941, wohnte (vgl. Hausstandsbuch 686/687). Über die Umstände im Krankenhaus, wie sie auch Karl Falkenstein, inzwischen 84jährig, erlebt haben muss, schrieb die Krankenschwester Thea Höchster in einem Brief Ende Oktober 1941: „Wir haben hier im Krankenhaus viel zu tun. Alle Betten sind belegt und zum Teil noch Betten eingeschoben. Unsere armen alten Leutchen sind den schweren Tagen nicht gewachsen. Wie viele Kinder ziehen jetzt hinaus und müssen ihre guten alten Eltern da lassen. Solange wir sie ja noch betreuen dürfen und können, werden sie leichter mit ihrem Schicksal fertig. Außer ihren körperlichen Gebrechen umgibt sie so viel seelisches Leid, daß es auch für uns ein trauriges Arbeitsfeld ist. Unsere Stimmung ist zur Zeit sehr gedrückt, da viele unserer besten Bekannten weggehen“ (Thea Höchster, zit. nach Kingreen 1999a: 147).
Aus dem Krankenhaus in der Gagernstraße 36 wurde Karl Falkenstein am 18. August 1942 durch die Stapo [sic] „evakuiert“ (vgl. Hausstandsbuch 687: 82). Er kam im Alter von 85 Jahren bei der siebten großen Deportation aus Frankfurt mit dem Transport XII/1, Zug Da 503, von Frankfurt am Main in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt (vgl. Yad Vashem; Kárný 2000).
Bei dieser Deportation, die 1.020 Menschen betraf, wurden 678 Personen aus den Frankfurter Altersheimen abtransportiert. Nach einer Liste der „Heimeinkaufsverträge wegen Wohnsitzverlegung am 18. August 1942“ handelte es sich bei den verschleppten Menschen dieses Transports um vorwiegend wohlhabende Personen. Der Staat konnte durch diese Verträge von 270 Personen 6 Millionen RM enteignete Gelder einnehmen (vgl. Kingreen 1999b: 376). Karl Falkenstein selbst musste gemäß der Entschädigungsakte Zwangsleistungen der „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 4.750,77 Reichsmark bezahlen und für den erzwungenen Abschluss eines „Heimeinkaufvertrags“ noch einmal 8.633 Reichsmark (vgl. Museum Judengasse Frankfurt am Main). In diesen Verträgen wurde den alten Menschen vorgegaukelt, dass ihr Lebensabend in einem Altersheim finanziert würde (vgl. Museum Judengasse Frankfurt am Main). Ein Muster eines solchen Heimeinkaufsvertrags ist hier abgebildet.

Dokument: Heimeinkaufsvertrag / Muster eines Heimeinkaufsvertrags für Theresienstadt Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden: Dokumente.
Heimeinkaufsvertrag / Muster eines Heimeinkaufsvertrags für Theresienstadt Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden: Dokumente Weitere Angaben

Die 78-jährige Rosa Natt-Fuchs, die aus dem Altersheim Niedenau 25 kam und im gleichen Zug wie Karl Falkenstein deportiert wurde, beschrieb den Ablauf in einem Abschiedsbrief am Donnerstag, den 13. August 1942. Darin schreibt sie, Sie müsse am Samstagabend reisefertig sein, um am Sonntag aufzubrechen. Nach einer Übernachtung im Rechneigraben [vermutlich das dortige Altersheim, das als Sammelstelle diente] sollte sie am Montag nach Theresienstadt fahren (vgl. Rosa Natt-Fuchs nach Kingreen 1999b: 376). Eine Beobachterin der Deportationsvorbereitungen war Tilly Cahn, die in ihrem Tagebuch am Sonntag, 16. August 1942, schrieb: „Sonntag war erst Max, dann ich noch zweimal bei ihr [vermutlich ist die Mutter von EhemannMax L. Cahn gemeint] im Altersheim [Feuerbachtstraße 14, Ecke Guiollettstraße], eine herzzerreißende Tragödie, all die alten, zum großen Teil hinfälligen Menschen, 3fach angezogen, 1 Koffer, 1 Brotbeutel… Sonntag Nachmittag ab 4 Uhr wurden die alten Menschen auf Last – oder Leiterwagen gesetzt, successive, und teils nach der Sammelstelle Hermesweg, teils Altersheim Rechneigraben gebracht, mit ihrem Gepäck. […] Dort schliefen sie 2 Nächte, wohl sehr eng, auf Matratzen und fand die Abfertigung durch die Gestapo statt. Wir durften nicht mehr zu ihnen, obwohl ich es gestern versuchte, mit dem Schupo am Tor sprach. […] Jetzt, Dienstag 18. August, zwischen 5-6 Uhr p.m. fährt der Zug nach Theresienstadt wohl ab. Es ist mir furchtbar und läßt mich nicht los… Auch von der Siechenabteilung des Krankenhauses sind schwer Leidende mitgekommen“ (Cahn 1999: 218f.) Einer derjenigen, die aus dem Krankenhaus mitkamen, war Karl Falkenstein.
Die Deportation vom 18. August 1942 erreichte Theresienstadt am 19. August 1942.
Zwei Jahre später, am 21. Juli 1944, erstellte der ebenfalls in Theresienstadt internierte Rabbiner Leopold Neuhaus eine Statistik dieser aus Frankfurt deportierten, danach lebten von den 1.020 Menschen noch 44 in Theresienstadt. „588 Menschen waren in den beiden zurückliegenden Jahren an Hunger, Entkräftung und Krankheit verstorben, 328 Menschen in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz verschleppt worden. Nur 18 Menschen von diesen mehr als 1.000 aus Frankfurt Deportierten erlebten die Befreiung.“ (Mitteilung der Theresienstädter Initiative in Prag, zit. nach Kingreen 1999b: 377).
Karl Falkenstein starb am 24. September 1942 in Theresienstadt (vgl. Gedenkbuch Bundesarchiv Koblenz).

Edgar Bönisch, 2013

Literatur

Bundesarchiv: Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945). Koblenz. http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ (27.6.2013)

Adressbücher, Frankfurt a. M.:
Adress-Buch von Frankfurt a. M., Bockenheim, Homburg v. d. H., Offenbach a. M., Cronberg, Eschersheim, Hausen, Heddernheim, Königstein, Neu-Isenburg, Niederrad, Oberrad und Rödelheim. Frankfurt am Main. 1887-1894
Neues Adressbuch für Frankfurt am Main und Umgebung. Frankfurt a. M. 1904
Adressbuch für Frankfurt am Main und Umgebung. Frankfurt a. M. 1905-1924
Amtliches Frankfurter Adressbuch. Frankfurt a. M. 1925-1939

Cahn, Peter 1999: Tagebuchaufzeichnungen und Briefe von Max L. Cahn und Tilly Cahn aus den Jahren 1933-1943. In: Dieter Rebentisch (Hg.): Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 65. S. 182-221

Hausstandsbuch 655: Bornheimer Landwehr 85. Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Hausstandsbuch 686/687: Gagernstraße 36, Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde. Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Hütte, Volker/Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Sondersammlung Einzelstücke S4c 329

Junghändel, Max: Frankfurt am Main. Aufnahmen nach der Natur von Max Junghändel. Frankfurt am Main. 1898. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurt_Am_Main-Max_Junghaendel-FFMANDN-16-Kaiserstrasse.jpg (3.7.2013)

Kárný, Miroslav (Hrsg.): Theresienstädter Gedenkbuch: die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942 – 1945 / Institut Theresienstädter Initiative. Prag. 2000

Kingreen, Monica 1999a: Zuflucht in Frankfurt. Zuzug hessischer Landjuden und städtische antijüdische Politik. In: Monica Kingreen (Hg.): „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945. Frankfurt am Main, New York. S. 119-155

Kingreen, Monica 1999b: Gewaltsam verschleppt aus Frankfurt. Die Deportationen der Juden in den Jahren 1941-1945. In: Monica Kingreen (Hg.): „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945. Frankfurt am Main, New York. S. 357-402

Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden (Hg.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Frankfurt am Main

Museum Judengasse Frankfurt am Main: Datenbank im Museum

Office Polytechnique d’Édition et de Publicité: Archives de l’Horlogerie, Marques de Fabrique. Volume III. Bern. 1902

Schmidt, Hans-Heinrich: Lexikon der deutschen Uhrenindustrie 1850 – 1980: Firmenadressen, Fertigungsprogramm, Firmenzeichen, Markennamen, Firmengeschichten. Villingen-Schwenningen. 2005

Yad Vashem: http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=1035608&language=de (1.7.2013)