Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Der jüdische Krankenbesuch (Bikkur Cholim)

Was bedeutet „Bikkur Cholim“?

Zeichung als Briefkopf: Logo des Bikur Cholim Hospital, Jerusalem
Briefkopf aus dem Jahre 1880

Wer nach den Ursprüngen jüdischer Krankenpflege forscht, stößt auf den hebräischen Begriff „Bikkur Cholim“ (deutsch: Krankenbesuch): Widmet sich ein Mitglied der jüdischen Gemeinde einem erkrankten Mitmenschen, erfüllt es gleich mehrere Gebote der Tora. Der Krankenbesuch ist von dem Gebot der Nächstenliebe (Lev. 19, 18, vgl. auch Lewkowitz 1987) nicht zu trennen und für alle jüdischen Gläubigen eine heilige Pflicht (Mitzwa). Sie „gilt nicht nur für Israeliten […], der Besuch ist auch bei Nicht-Israeliten auszuführen, um gute gesellschaftliche Beziehungen zu bewahren. Ein Erwachsener hat die Pflicht auch kranke Kinder zu besuchen, ein Gelehrter soll auch einfache Leute, ein Frommer auch Unfromme besuchen“ (Kottek 2010, S. 35). Es entsprach den Traditionen der jüdischen Sozialethik, dass sich die nach der Auflösung des Judenghettos gegründeten jüdischen Krankenhäuser zu Frankfurt am Main allen Heilung Suchenden öffneten.

In Deutschland existierte vor und neben der christlichen (künftig wohl auch islamischen und interkulturellen) stets auch eine jüdische Krankenpflege. In den beengten Verhältnissen der europäischen Ghettos Europas, in die die christliche Mehrheitsbevölkerung ihre jüdischen Nachbarn pferchte, waren gesundheitliche Selbsthilfe und Vorsorge gegen ansteckende Krankheiten unumgänglich. Mit der Errichtung des Judenghettos 1462 entstand in Frankfurt am Main das erste dort nachweisbare jüdische Spital. Jahrhunderte später endete Frankfurts jüdische Pflegegeschichte in der organisierten Vernichtung des Nationalsozialismus. Wie die Pflegeforscherin Hilde Steppe in ihrem Standardwerk zur jüdischen Pflegegeschichte hervorhebt, ergibt sich auch aus den „vielfältigen Erwähnungen des Krankenbesuchs in den talmudischen Schriften … die hohe Bedeutung, die dem Krankenbesuch im Judentum beigemessen wird“ (Steppe 1997: 82f.; siehe auch Probst (Hg.) 2017). Daher muss vor der Bikkur Cholim keine Bracha (deutsch: Segen) gesprochen werden (Ahren 2001).

Über den Ursprung des jüdischen Krankenbesuchs informierte der Sozialmediziner Dr. Wilhelm Hanauer 1914 anlässlich der Einweihung des neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main: „In vielen Städten befanden sich zur Zeit des Tempels [= altisraelitisches Heiligtum in Jerusalem, B.S.] fromme Brüderschaften, die Chaberim, die neben der Armenpflege und der Totenbestattung auch die Krankenpflege ausübten. Diese Brüderschaften sind vielleicht die Vorläufer der noch heute in fast allen jüdischen Gemeinden bestehenden Chewra Kadischa [= Beerdingungsgesellschaften, B.S.]“ (Hanauer 1914: 7). Während die Männervereinigungen sich um männliche Kranke kümmern, betreuen entsprechende Frauenvereinigungen die weiblichen Patienten. Die Bikkur Cholim bleibt dabei nicht auf die Körperpflege und Reinigung des Krankenzimmers beschränkt: „Man solle ferner den Kranken auch psychisch beeinflussen, ihn unterhalten und trösten, für seine Genesung beten. Es war ferner Sitte, dass auch Gebete für die Kranken in der Synagoge verrichtet wurden“ (ebd.). Dem einflussreichen „Schulchan Aruch“ zufolge – das erstmals 1565 in Venedig gedruckte Handbuch des Rabbiners Josef Karo überliefert und kommentiert das Gesetzeswerk (Halacha) des Judentums – gehört zu einer umfassenden Pflege auch die materielle Unterstützung bedürftiger Kranker.

Bikkur Cholim und die interkulturelle Pflege
Die Einhaltung jüdischer Feiertage und die koschere Speisezubereitung sind Teil der jüdischen Pflege. Nahezu jedes jüdische Krankenhaus verfügte und verfügt über eine eigene Haussynagoge. Größere Einrichtungen setzen am Sabbat nichtjüdisches Pflegepersonal ein. Den autobiographischen Aufzeichnungen der während der NS-Zeit nach Ägypten emigrierten Krankenschwester Thea Levinsohn-Wolf verdanken wir einen lebendigen Einblick in die Pflegeethik des Jüdischen Krankenhauses von Alexandria: „[…] wir nahmen uns vor, das Krankenhaus so zu führen, wie wir es vom Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main her gewohnt waren: hohes medizinisches Niveau, gute Pflege, menschliche Wärme und Verständnis den Patienten gegenüber, gegenseitige Hilfsbereitschaft und enge Zusammenarbeit des gesamten Personals zum Wohle der Kranken, Behandlung jedes Pflegebedürftigen, der an unsere Pforte klopfte, egal welcher Hautfarbe und Nationalität, sei er arm oder reich, Jude, Christ oder Araber. […] Wir hatten einen Hausrabbiner, dessen Hauptaufgabe u.a. darin bestand, neben den sterbenden Patienten zu sein, mit ihnen zu beten, auch bei den Toten bis zu deren Bestattung zu bleiben und die religiösen Waschungen der Verstorbenen zu begleiten. Selbstverständlich konnte jeder Kranke einen Priester seiner Religion zu sich bitten. So lernten wir Priester sämtlicher Religionen kennen. Sie alle wurden von uns immer mit der ihnen gebührenden Ehrerbietung empfangen“ (Levinsohn-Wolf 1996, S. 38, S. 40). Die jüdischen Diaspora- und Migrationserfahrungen formten die Bikkur Cholim zu einer Vorreiterin interkultureller Pflege. Bis heute kommen das Personal und die Patientinnen und Patienten aus den verschiedensten Ländern und Regionen; ihre religiösen und politischen Anschauungen sind vielfältig.

Zeichnung: Logo des Bikur Cholim Hospital, Jerusalem
Logo des Bikur Cholim Hospital, Jerusalem © www.bikurcholim.de (ursprüngliche Website nicht mehr aktiv)

Zur Aktualität von Bikkur Cholim und der jüdischen Krankenpflege in Deutschland
Während der sozioökonomischen Umbrüche in Osteuropa nahm dort seit Beginn der 1990er Jahre der Antisemitismus zu; etwa 100.000 Betroffene wanderten als Kontingentflüchtlinge in die Bundesrepublik ein. Mit den gewachsenen oder neu gegründeten jüdischen Gemeinden entstanden in vielen Städten und Gemeinden Chewra Kaddischa- und Bikkur Cholim-Initiativen. Zur Gründung neuer jüdischer Krankenhäuser kam es bislang (Stand: 2017) noch nicht. Einzig das Jüdische Krankenhaus Berlin hatte die NS-Zerstörung des jüdischen Pflegewesens überlebt und konnte 2006 sein 250-jähriges Bestehen feiern. Auch in Frankfurt am Main bleiben jüdische Kranke weiterhin auf städtische und christliche Kliniken angewiesen. Ansprechpartner/innen finden sie bei der Frankfurter „Bikkur Cholim“, einer Unterabteilung der hiesigen traditionellen Beerdigungsbrüderschaft Chewra Kadischa.

Außerhalb Deutschlands tragen jüdische Krankenhäuser wie das Bikur Cholim Hospital in Jerusalem den Namen Bikkur (oder: Bikur) Cholim. So findetdie Tradition des jüdischen Krankenbesuchs ihre aktuelle Fortsetzung.

Birgit Seemann, 2009, aktualisiert 2017

Literatur und Links (Aufruf v. 03.08.2017)


Ahren, Yizhak 2001: Bikkur Cholim. In: http://www.hagalil.com/archiv/2001/06/bikkur-cholim.htm

Berger, Noemi 2013: Bikur Cholim. In: Jüdische Allgemeine, 25.07.2013, http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16546

Epstein, Sharon Selib 1999: Visiting the sick. The mitzvah of bikur cholim. Northvale, N.J. (Jason Aronson)

Hanauer, Wilhelm 1914: Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main. In: Festschrift zur Einweihung des neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt. Frankfurt/M., S. 7

Herlitz, Georg/ Kirschner, Bruno (Begr.) 1987 [1927]: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden […] unter red. Mithilfe v. Ismar Elbogen […]. Frankfurt/M., Bd I: A-C, S. 1038

Kottek, Samuel S. 2010: Wohlfahrtspflege in der jüdischen Gemeinde: der Krankenbesuch. In: Heidel, Caris-Petra (Hg.) 2010: Jüdische Medizin – Jüdisches in der Medizin – Medizin der Juden? Frankfurt/M., S. 33-38 – [Siehe auch die Beiträge von Gerhard Baader und Caris-Petra Heidel in diesem Band]

Levine, Aaron 1987: Bikkur Cholim. How to perform the great mitzvah of visiting the sick, Toronto, Kanada (Zichron Meir Publications) 1987

Levinsohn-Wolf, Thea 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel. Frankfurt/M.

Lewkowitz, Julius 1987 [1927]: Nächstenliebe. In: Herlitz/ Kirschner, Bd IV/1, S. 374f.

Lewy, Wilhelm 1987 [1927]: Bikkur Cholim. In: Herlitz/ Kirschner, Bd I, S. 1038

Probst, Stephan M. (Hg.) 2017: Die Begleitung Kranker und Sterbender im Judentum. Bikkur Cholim, jüdische Seelsorge und das jüdische Verständnis von Medizin und Pflege. Berlin

Ryzhik, Arkady 2011: „Wie Er die Kranken besuchte, sollst auch du sie besuchen.“ Bikkur Cholim – Die Stunden eines Seminars. In: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V., Frankfurt am Main: ZWST informiert, Dez. 2011, Ausg. 4, S. 11 (online: http://www.zwst.org/de/home/)

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.

Zwebner, Bat Tova/ Shofnos, Chana 1989: The healing visit. Insights into the mitzvah of bikur cholim. Southfield, Mich., USA (Targum Press)

Weitere Quellen


Museum Judengasse Frankfurt am Main (Infobank): www.juedischesmuseum.de/judengasse

Käppeli, Silvia 2004: Die Anfänge der jüdischen Krankenpflege. In: dies.: Vom Glaubenswerk zur Pflegewissenschaft. Geschichte des Mit-Leidens in der christlichen, jüdischen und freiberuflichen Krankenpflege. Bern u.a., S. 117-126

Trabert, Brigitte 2005: Patienten jüdischen Glaubens und die Krankenpflege in deutschen Kliniken. Soziale Repräsentationen pflegerischen Handelns. Münster

Julie Glaser (1878 – 1941 deportiert) – Oberin des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main

… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“

– als langjährige Oberin des Frankfurter jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße setzte auch Julie Glaser diesen Leitspruch der jüdischen Pflege (vgl. Feldmann 1901) in die Tat um.

Herkunft
Julie Glaser kam am 7. Oktober 1878 (1877 nach Strätz 1989, S. 193) in der bayerisch-fränkischen Bischofsstadt Würzburg zur Welt. Sie gehörte der jüdischen Minderheit an, wurde aber auch von dem katholischen Milieu geprägt, in dem sie aufwuchs.
Ihre Eltern entstammten beide dem unter- und mittelfränkischen Judentum Bayerns. Der Vater Max (Marx) Glaser, ein Kaufmann, wurde am 4. April 1844 in Thüngen geboren. Der kleine Spessartort zählte wegen seines hohen jüdischen Bevölkerungsanteils zu den so genannten „Judendörfern“: In Thüngen lebte und wirkte bis zu ihrer Vernichtung 1942 die größte jüdische Synagogengemeinde des heutigen Landkreises Main-Spessart. Max Glaser zog mit seinen Eltern, Babette Glaser geb. Amson und dem Kaufmann Jakob Glaser, nach Würzburg, erhielt 1874 das Heimatrecht und 1892 das Bürgerrecht. Viele Jahre lang leitete er eine Weingroßhandlung und war zuletzt Inhaber einer Immobilienagentur. Wohnhaft im damaligen Haugerring 14 (heute etwa Haugerring 7), starb er am 3. oder 4. Juli 1909 in Würzburg (Strätz 1989, S. 193).
Julie Glasers Mutter Rosa Glaser geb. Regensburger wurde am 13. März 1851 in Feuchtwangen geboren. In der mittelfränkischen Kleinstadt waren seit dem 13. Jahrhundert Juden ansässig, darunter Vorfahren des bekannten Schriftstellers Lion Feuchtwanger. Mit ihren Eltern, Clara Regensburger geb. Cohn und dem Lederhändler Nathan Regensburger, wohnte Rosa Glaser später in Rothenburg ob der Tauber, das ebenfalls eine reichhaltige jüdische Geschichte hat. Dort heiratete sie 1874 Max Glaser und zog zu ihm nach Würzburg. Des Weiteren ist von Julie Glasers Mutter, seit 1909 Witwe, nur bekannt, dass sie 1930 verzogen oder verstorben ist (Strätz 1989, S. 193).

Familiengeschichte
Julie Glaser war das dritte Kind und die erste Tochter von Rosa und Max Glaser. Sie hatte zwei ältere und vier jüngere Geschwister. Der älteste Bruder, Adolf Glaser, wurde am 12. März 1875 in Würzburg geboren. Nach seinem Medizinstudium praktizierte er als Arzt in Mannheim und als Schiffsarzt. Er starb am 10. Juli 1914 in Straßburg (Elsass, Frankreich). Julie Glasers jüngerer Bruder Jakob Glaser wurde am 16. Oktober 1881 in Würzburg geboren. Er starb bereits im Oktober 1900 vermutlich in Neuendettelsau (Mittelfranken, Bayern).

Leo Glaser
Eine beachtliche Karriere machte Julie Glasers zweiter Bruder, der Chemiker, Apotheker, Unternehmer und Politiker Dr. phil. Leo Glaser, geboren am 28. Mai 1876 in Würzburg. Nach seinem Würzburger Studium promovierte er 1901 bei Prof. Wilhelm Conrad Röntgen, dem Entdecker der Röntgenstrahlen und ersten Nobelpreisträger für Physik. Leo Glaser verband wissenschaftliche Fähigkeiten mit unternehmerischem Geschick. Bald verschlug es ihn von Bayern in das heutige Bad Doberan bei Rostock (Mecklenburg-Vorpommern): Dort übertrug ihm der Unternehmer, Zeitungsverleger und Stadtrat a.D. Reinhold Rudloff die fachliche Leitung der Haliflor-Company GmbH, einer „florierenden chemischen Fabrik für Parfümerien und Kosmetika“ (Palme 2002, S. 147). Als Reinhold Rudloff 1904 starb, wurde Leo Glaser Betriebsleiter und 1906 durch die Heirat mit der Tochter Elsa Bitt geb. Rudloff (1873-1947) auch offiziell sein Nachfolger im Unternehmen. Elsa Glaser brachte zwei kleine Töchter mit in die Ehe: die spätere bekannte Rostocker Malerin Kate Diehn-Bitt (1900-1978) und ihre ältere Schwester Annemarie. Mit Leo Glaser bekam sie die Tochter Lili (geb. 29.11.1910 in Doberan), Julie Glasers Nichte. Leo Glaser steigerte das Know-how von Haliflor (zu dem auch ein Lager mit Cognac gehörte) und baute die internationalen Firmenbeziehungen weiter aus. Von 1924 bis 1928 amtierte er als Präsident der mecklenburgischen Handelskammer in Rostock, die Universität Rostock ernannte ihn zum Ehrenmitglied. Auch politisch engagiert, gehörte Leo Glaser 1919 zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei in Mecklenburg. In der NS-Zeit waren seine vielfältigen Verdienste vergessen (vgl. die lesenswerte Doktorarbeit Leimkugel 1999 über Lebenswege weiterer antisemitisch verfolgter Apotheker und Pharmazeuten). 1938 kam Julie Glasers Bruder zeitweise in Haft, sein Unternehmen fiel in die Hände der Nazis. Von 1935 bis zum Kriegsende 1945 hauste das Ehepaar Glaser in äußerst bescheidenen Verhältnissen, isoliert von seinen nichtjüdischen Verwandten und Freunden, ja selbst von Elsa Glasers Töchtern Annemarie und Käthe, um diese nicht zu gefährden. Den Deportationen konnte Leo Glaser nur entkommen, weil seine nichtjüdische Ehefrau zu ihm hielt. Seine als „Halbjüdin“ verfolgte Tochter Lili Hahn geb. Glaser emigrierte 1941 zusammen mit ihrem Ehemann in die USA. Die Demütigungen, Bedrohungen und Zerstörungen der NS-Zeit hielt ihre nichtjüdische Halbschwester, die Künstlerin Käthe Diehn-Bitt, in eindrucksvollen „KZ-Bildern“ (siehe Palme 2002) fest. Nach Kriegsende bestellten die Sowjetbehörden Leo Glaser zum Leiter des Finanzamtes, doch baute er zugleich die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) in Mecklenburg mit auf. Da er in der Sowjetischen Besatzungszone keine demokratische Zukunft sah, gab Leo Glaser sein 1946 für die LDPD angetretenes Amt als Rostocker Stadtrat für Finanzen wieder auf. Nach dem Tod seiner Frau Elsa wanderte er 1947 zu der Tochter Lili nach New York aus und starb dort am 27. oder 28. Juni 1950. Lili Hahn geb. Glaser, aus gutbürgerlichem Hause, bestritt ihren Lebensunterhalt im Exil zeitweise als Zahnarzthelferin. Sie war die letzte Überlebende der Familie Glaser.

Emma, Cilli und Ida Glaser
Eine besonders innige Beziehung verband Julie Glaser mit ihren jüngeren Schwestern Emma und Cilli Glaser. Entgegen dem konservativen Ehe- und Mutterschaftsmodell, das bis in die 1960er Jahren vorherrschte, blieben alle drei unverheiratet und berufstätig: Julie Glaser wurde Krankenschwester. Emma Glaser, geboren am 10. September 1880, praktizierte in Würzburg als Dentistin (Zahnärztin ohne Hochschulprüfung, mit staatlicher Ausbildung und Kassenzulassung). Die ausgebildete Sekretärin Cilli Glaser, geboren am 11. Februar 1883, arbeitete als Angestellte im christlichen Luitpold-Krankenhaus Würzburg sowie als Privatsekretärin. 1934 ging sie nach München. Die Jüngste der vier Schwestern, Ida Glaser, geboren am 25. September 1884, war als Buchhalterin und Bankangestellte tätig. Auch mit ihr gab es enge Verbindungen: Wie Julie Glaser leistete Ida Glaser im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst als Krankenschwester, seit 1927 lebte sie ebenfalls in Frankfurt am Main. Ihre Nichte Lili Hahn vermutete, dass sie ebenfalls unverheiratet blieb und noch vor den Deportationen verstarb.

Der Weg zur Oberin

Sozialisation
Schon in ihrer Kindheit und Jugend hatte Julie Glaser Prägungen erfahren, die sie auf die Führungsposition einer Pflegedienstleitung bzw. Oberin eines Krankenhauses biographisch vorbereiteten. So wuchs sie nicht wie die meisten Pflegenden in der unteren Mittelschicht auf, sondern kam aus dem sozial aufgestiegenen Bürgertum. Die Erfahrung als Angehörige der lange diskriminierten jüdischen Minderheit verstärkte zudem Anstrengungen, Besonderes zu leisten. Die beiden älteren Brüder studierten, alle vier Schwestern lernten Berufe, was für Frauen im Deutschen Kaiserreich keineswegs selbstverständlich war. In der Mitsorge um vier jüngere Geschwister, darunter den jung verstorbenen, offenbar kränkelnden Bruder Jakob Glaser, schulte Julie Glaser ihr Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent.

Werdegang
Julie Glaser ließ sich nicht an einem christlichen Krankenhaus ausbilden, sondern ging nach Frankfurt am Main. Dort war 1893 der im Deutschen Kaiserreich erste Verein für jüdische Krankenpflegerinnen gegründet worden. Eine Taufe, die die Aufnahme in eine katholische oder evangelische Schwesternvereinigung ermöglicht hätte, kam für sie nicht in Frage. Warum Julie Glaser 1900 (vgl. Steppe 1997, S. 227) am Hospital der Israelitischen Gemeinde in der Königswarterstraße 26 („Königswarter Hospital“) nur eine verkürzte Schwesternausbildung absolvierte, ist unbekannt. Danach arbeitete sie weiterhin im Hospital sowie in der Privatpflege. 1911 stieg Julie Glaser zur Oberin des Israelitischen Krankenhauses Straßburg im Elsass (heute: Clinique Adassa, Alsace/ Frankreich) auf, dessen Pflegedienst der Frankfurter jüdische Schwesternverein übernommen hatte; ihr anfängliches Team bestand aus Operationsschwester Bertha Schönfeld und Narkoseschwester Rosa Spiero. Gewiss hatte sie Kontakt zu ihrem ältesten Bruder, dem Schiffsarzt Adolf Glaser, der 1914 in Straßburg mit erst 39 Jahren starb.

Kriegskrankenpflege
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 verließen die Patientinnen und Patienten aus Furcht vor einer Besetzung durch französische Truppen das Israelitische Krankenhaus Straßburg. Anders Oberin Julie Glaser und ihr Schwesternteam – Blondine Brück, Jenny Cahn, Gertrud Glaser, Ricka Levy, Bella Peritz und Rahel (Recha) Wieseneck – die sich den Militärbehörden sofort für die Verwundetenpflege zur Verfügung stellten. Vom jüdischen Spital wechselte Julie Glaser als Lazarett-Oberin in das Festungslazarett XXII B, einem ehemaligen Lyzeum. Von dort aus organisierte sie die Kriegskrankenpflege: „Dieses Lazarett in Straßburg wird bald zum hauptsächlichen Gefangenenlazarett für Verwundete aus Frankreich, Russland, Italien, Rumänien, England und Amerika und besteht bis November 1918“ (Steppe 1997, S. 217). Hierzu notierte Julie Glaser: „Es wurde fieberhaft gearbeitet, operiert und verbunden, durchschnittlich blieben uns nur vier bis fünf Stunden Schlaf. […] Im Operationssaal konnte man beim Verbinden die interessantesten Völkerstudien machen […]“ (zit. n. Rechenschaftsbericht 1920, S. 39). Im November 1918 kehrte sie zusammen mit ihren getreuen Mitstreiterinnen in das Frankfurter jüdische Krankenhaus zurück.

Würdigung
Um 1925 folgte Julie Glaser der pensionierten Minna Hirsch als Oberin des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt (Wolff 2001, S. 100); ihre Kollegin Sara Adelsheimer wurde Oberin der Schwesternschaft des Frankfurter Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Nach Sara Adelsheimers Emigration während der NS-Zeit leitete Oberin Julie Glaser auch das Schwesternhaus. Am Frankfurter jüdischen Krankenhaus zählte sie zu den dienstältesten Pflegenden. Auch aufgrund ihrer leitenden Stellung und der damit verbundenen Mitgestaltung der Pflege sind ihre Biographie und die institutionelle Geschichte des Krankenhauses eng miteinander verbunden; dessen nationalsozialistische Zwangsschließung im Herbst 1942 erlebte sie nicht mehr. Zwei Jahre zuvor hatte Julie Glaser anlässlich ihres 40-jährigen Berufsjubiläums im Jüdischen Nachrichtenblatt noch folgende Würdigung erfahren: „Am 15. August 1900 begann „Schwester Julie“, jetzt seit vielen Jahren schon die verehrte Frau Oberin Julie Sara [sic!] Glaser des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde und Oberin des Schwesternhauses, aus dem sie selbst einst als junge Schwester hervorgegangen ist, ihren Dienst als Krankenschwester. Seit vierzig Jahren steht sie nun im Dienst, und in diesem seit vielen Jahren an führenden und leitenden Stellen. Sie hat im Schwesternhaus unzählige junge Schwestern in die Pflichten und Kenntnisse der Krankenschwester eingeführt und sie zu der gleichen hohen und ernsten Auffassung dieses Berufs hingeleitet, die in ihr selbst lebt“ (Wertheimer 1940). Der Beitrag stammt von der Frankfurter jüdischen Pädagogin und Autorin Dr. Martha Wertheimer (geb. 1890); sie wurde 1942 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.

NS-Zeit und Deportation
Die antisemitische Verfolgung in der NS-Zeit gefährdete zunehmend Emma Glasers freiberufliche Existenz als Dentistin in Würzburg. 1934 verließ sie ihre Geburtsstadt und zog zu Julie Glaser nach Frankfurt, deren Stellung zunächst gesichert war. Wann Cilli Glaser, die in München vermutlich von einer nichtjüdischen Arbeitsstelle vertrieben worden war, in Frankfurt eintraf, ist noch ungeklärt. Sie kam als Büroangestellte im Frankfurter jüdischen Krankenhaus unter. Die drei Schwestern waren wieder vereint und konnten einander beistehen; zu einer Emigration kam es nicht. 1941 – dem Jahr ihrer Deportation – wohnten Julie, Emma und Cilli Glaser im Gärtnerweg 55. Am 19./20. Oktober 1941 wurden sie laut Transportliste des Gestapobereiches Frankfurt am Main in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz, Polen) deportiert. Im gleichen Transport befanden sich auch Kolleginnen Julie Glasers wie Ilse Frohmann. In der Hölle von Lodz verlieren sich ihre Lebensspuren; vielleicht traten die drei Schwestern gemeinsam ihren letzten Weg in ein Vernichtungslager an. Außer ihnen wurden 16 weitere Verwandte der Familie Glaser ermordet (Palme 2002, S. 186, Fn 100). Zum Zeitpunkt ihrer Deportation waren Julie Glaser 63, Emma Glaser 61 und Cilli Glaser 58 Jahre alt. Sie gehören zu den Opfern der Schoah, die keine direkten Nachkommen hinterließen und heute vergessen sind.

Judentum und Erinnerungsarbeit in Würzburg
Spätestens seit dem 12. Jahrhundert lebten Jüdinnen und Juden in Würzburg. Eine traditionsreiche jüdische Gemeinde entstand, der Persönlichkeiten wie Rabbiner Seligmann Bär Bamberger (Urgroßvater des Sozialphilosophen Erich Fromm), der Psychoanalytiker William G. Niederland, der Lyriker Yehuda Amichai oder die junge Dichterin Marianne Dora Rein entstammten. Nach der Schoah konnte sich in Julie Glasers Geburtsstadt wieder eine vielfältig aktive jüdische Synagogengemeinde entwickeln. Sie wurde von 21 überlebenden Rückkehrern aus Theresienstadt und 38 Verschleppten aus anderen europäischen Ländern („Displaced Persons“) ins Leben gerufen. Dank der jüdischen Migration aus Osteuropa in den 1990er Jahren gehören ihr inzwischen etwa 1.100 Mitglieder an (Stand 2008). 1970 wurde die neue Würzburger Synagoge eröffnet. Ein weiterer Meilenstein bedeutete am 23. Oktober 2006 (1. Cheschwan 5767) die Einweihung des modernen Gemeinde- und Kulturzentrums „Shalom Europa“. Die Homepage www.shalomeuropa.de der Israelitischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken informiert umfassend über die Würzburger jüdische Geschichte; die Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken macht zahlreiche Namen, biografische Daten und auch Fotos zugänglich. Erinnerungsarbeit leisten auch die Gedenkinitiative „Stolpersteine“, die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken e.V.“ sowie auf publizistischem Gebiet der Journalist Roland Flade. In einem zweibändigen biographischen Handbuch des Stadtarchivs Würzburg (vgl. Strätz 1989) wurden viele Informationen zu jüdischen Würzburgerinnen und Würzburgern zusammengetragen. So ließ sich auch über Julie Glaser und ihre Familiengeschichte einiges in Erfahrung bringen.

Birgit Seemann, 2010, aktualisiert 2018

Ungedruckte Quellen


Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Entschädigungsakte Abt. 518 Nr. 8914

Literatur und Links (Abfrage v. 23.10.2017)


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. 3 Bde [Bd. 3 mit Würzburg] Gütersloh

Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945. Hg. von d. Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Daxelmüller, Christoph/ Flade, Roland 2005: Ruth hat auf einer schwarzen Flöte gespielt. Geschichte, Alltag und Kultur der Juden in Würzburg. Hg. v. Klaus M. Höynck. Würzburg

Feldmann, Gustav 1901: Jüdische Krankenpflegerinnen. Kassel

Kingreen, Monica 1999: Gewaltsam verschleppt aus Frankfurt. Die Deportationen der Juden in den Jahren 1941-1945. In: dies. (Hg.): „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938 – 1945. Frankfurt/M., S. 357-402

Leimkugel, Frank 1999: Wege jüdischer Apotheker. Emanzipation, Emigration, Restitution. Die Geschichte deutscher und österreichisch-ungarischer Pharmazeuten. 2., erw. Aufl. Eschborn

Löw, Andrea 2006: Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten. Göttingen = Schriftenreihe zur Lodzer Getto-Chronik

Loewy, Hanno/ Schoenberner, Gerhard (Red.) 1990: Das Getto in Lodz. 1940 – 1944. [Ausstellungskatalog in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem.] Hg.: Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main. Wien

Palme, Peter 2002: Kate Diehn-Bitt. 1900-1978. Leben und Werk. Berlin

Seemann, Birgit 2018: Glaser, Julie (1878–1941). In: Kolling, Hubert (Hg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Band 8. Nidda, S. 80-82

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.

Strätz, Reiner 1989: Biographisches Handbuch Würzburger Juden. 1900 – 1945. Mit einer wissenschaftlichen Einleitung von Herbert A. Strauss. Würzburg, 2 Teilbände

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919. Frankfurt/M. (zitiert als Rechenschaftsbericht).

Wertheimer, Martha 1940: 40 Jahre Krankenschwester. In: Jüdisches Nachrichtenblatt. Ausg. Berlin, 1940, Nr. 66 (16.08.1940), S. 4, Sp. c, online abrufbar unter: http://www.digitalisiertedrucke.de/record/84252

Wolff, Horst-Peter (Hg.) 2001: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history. Bd. 2. Unter Mitarb. v. Gabriele Dorffner [u.a.]. München

Links


Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken: Jüdisches Leben in Unterfranken – Biographische Datenbank e.V.: https://juedisches-unterfranken.de/

Bundesarchiv Koblenz: Online-Gedenkbuch: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945: www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Clinique Adassa (Israelitisches Krankenhaus Straßburg ): https://www.clinique-rhena.fr/fr (Rhéna Clinique de Strasbourg)

Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem: The Central Database of Shoah Victims´ Names: www.yadvashem.org

Ghetto Lodz / Litzmannstadt: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust/lodz

Israelitische Gemeinde Würzburg: www.shalomeuropa.de

Leo Glaser: www.juden-in-rostock.de

Museum Judengasse / Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz: http://juedischesmuseum.de [Datenbank nur im Museum abrufbar, Stand 09.01.2012]

„Stolpersteine“ (Gedenkinitiative): www.stolpersteine.com; www.stolpersteine-frankfurt.de; www.stolpersteine-wuerzburg.de

Feuchtwangen (Landkreis Ansbach) / Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge: www.alemannia-judaica.de/feuchtwangen_synagoge.htm

Rothenburg ob der Tauber (Landkreis Ansbach) – Jüdische Geschichte im 19./20. Jahrhundert / Synagoge: www.alemannia-judaica.de/rothenburg_synagoge_n.htm

Thüngen (Markt Thüngen, Main-Spessart-Kreis) – Jüdische Geschichte / Synagoge: www.alemannia-judaica.de/thuengen_synagoge.htm

Frankfurter jüdische Krankenschwestern und ihre Verbindungen nach Würzburg und Unterfranken

Fotografie: Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Speiseraum des Schwesternhauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main
Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Speiseraum des Schwesternhauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main Weitere Angaben

Die vorbildliche Pflegeausbildung im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main zog junge jüdische Frauen aus ganz Deutschland an. Im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus wurden unterschiedliche Dialekte gesprochen: So traf, etwa bei den gemeinsamen Mahlzeiten im Speiseraum, die Rheinländerin auf die Hanseatin, die Badenerin auf die Ostfriesin, die Ostpreußin auf die Bayerin.

Der Artikel widmet sich im ersten Teil Biographien von Krankenschwestern mit Bezügen zu Bayern, hier dem südlich an Hessen grenzenden Regierungsbezirk Unterfranken, der stark katholisch geprägt war. Dort lebten bis zu den Zerstörungen der Shoa zahlreiche alteingesessene jüdische Landgemeinden (vgl. Shalom Europa). Der zweite Teil enthält Hinweise auf die noch weiter zu erforschende jüdische Pflegegeschichte der unterfränkischen Metropole Würzburg.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row 0=““][vc_column 0=““][vc_column_text 0=““]Teil 1: Jüdische Pflegende zwischen Frankfurt am Main und Unterfranken

Ansicht: Franken - Würzburg, Ansicht / Würzburg (Herkunftsort Frankfurter jüdischer Krankenschwestern), Ansicht mit alter Mainbrücke, um 1890 bis 1900
Franken – Würzburg, Ansicht / Würzburg (Herkunftsort Frankfurter jüdischer Krankenschwestern), Ansicht mit alter Mainbrücke, um 1890 bis 1900 Weitere Angaben

Die genaue Zahl der aus Würzburg und Unterfranken stammenden Mitglieder des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main lässt sich nicht mehr ermitteln. Namentlich recherchiert werden konnten außer Julie Glaser – der 1900 im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildeten Oberin des Israelitischen Krankenhauses Straßburg und des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Frankfurt – unter anderem (geordnet nach dem Geburtsjahr):

Über ihre unterfränkisch-jüdische Familienherkunft mit dem Friedensnobelpreisträger und früheren US-Außenminister Henry Kissinger verwandt sind Beate Blaut (geb. 1909 als Berta Fromm in Nördlingen – emigriert nach Palästina/Israel) und ihre Cousine Luise Blättner (1920 Schwanfeld bei Schweinfurt – 1943 deportiert nach Auschwitz). Erwähnt sei, wenngleich kein Mitglied des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins, auch Sophie Sondhelm (1887 Kleinlangheim bei Kitzingen am Main, 1944 deportiert nach Auschwitz): Sie war die letzte Leiterin des von Bertha Pappenheim gegründeten Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (Kreis Offenbach am Main). Im Folgenden werden fünf Frankfurter jüdische Krankenschwestern mit Verbindungen nach Würzburg und Unterfranken vorgestellt, über die biographisch Näheres bekannt ist.

Selma Frank (Jahrgang 1880), eine Metzgerstochter aus Heidingsfeld
Obwohl sie aus einem gutsituierten Geschäftshaushalt stammte und berufstätige Frauen um die Jahrhundertwende noch längst nicht selbstverständlich waren, ging die junge Selma Frank von Würzburg nach Frankfurt am Main, um dort Krankenschwester zu lernen. 1899 schloss sie ihre Pflegeausbildung im Frankfurter jüdischen Schwesternverein erfolgreich ab. Eingesetzt wurde sie im „Königswarter Hospital„, dem Vorläufer des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße. Vermutlich war sie, wie es dem Konzept des Vorstands des Schwesternvereins entsprach, auch in der Privatpflege tätig, um möglichst vielseitige berufliche Erfahrungen zu sammeln (vgl. JüdSchwVerein Ffm 1900, Siebenter Jahresbericht, S. 5).
Selma (Sara) Frank entstammte der unterfränkisch-jüdischen Metzgersfamilie Frankenfelder, die Verwandtschafts- und vermutlich auch Geschäftsbeziehungen in die Messestadt Frankfurt unterhielt. Geboren wurde sie am 1. Januar 1880 in Heidingsfeld (heute Ortsteil von Würzburg). Das frühere Dorf kann auf eine beachtliche jüdische Geschichte zurückblicken, da sich dort das Oberrabbinat befand; infolge antisemitischer Vertreibungen aus größeren Städten war Heidingsfeld sogar für längere Zeit das jüdische Zentrum Unterfrankens (vgl. Alicke Bd. 2: 1805-1807; Alemannia Judaica Heidingsfeld). Die von der jüdischen Gemeinde erbaute „imposante Synagoge im Barockstil“ (Alicke Bd. 2: 1806) steckten 1938 die Täter des NS-Novemberpogroms in Brand. Ebenso wurde der jüdische Friedhof geschändet, wo auch viele jüdische Würzburgerinnen und Würzburger beerdigt lagen.

1905 heiratete Selma Frank den 1876 in Gestorf (Niedersachsen) geborenen Kaufmann Adolf Frank und gab den Pflegeberuf auf. Mit ihrem Ehemann zog sie zurück nach Würzburg, wo sich Adolf Frank, anfangs Geschäftsführer und Buchhalter, mit einem Warenagenturgeschäft für Getreide-, Mehl- und Futtermittel selbständig machte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er vereidigter Handelsmakler und Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer Würzburg. Das Ehepaar blieb kinderlos. Selma Franks fortdauernde Bindung an die Frankfurter jüdische Schwesternschaft zeigt sich darin, dass sie zu Beginn des Ersten Weltkriegs unverzüglich nach Frankfurt zurückkehrte und sich im Schwesternhaus freiwillig für die Verwundetenpflege meldete (vgl. JüdSchwVerein Ffm 1920: 34). Adolf Frank diente bis zu seiner Verwundung 1916 als Gefreiter, ebenso setzten Selma Franks Brüder Adolf, Alfred, Emil und Raphael Frankenfelder an der Front ihr Leben für Deutschland ein – patriotische Verdienste, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 nichts mehr galten.

Am 23. September 1942 wurde Selma Frank zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer älteren Schwester Rosa Freudenberger (geb. 1874) – der Witwe des jüdischen Sozialdemokraten und Buchhändlers Felix Freudenberger, nach ihm ist in Würzburg der Felix-Freudenberger-Platz benannt – nach Theresienstadt deportiert. Dort erlag Adolf Frank am 11. April 1943 den menschenfeindlichen Lagerbedingungen. Selma Frank und Rosa Freudenberger wurden am 18. Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Gleich nach der Ankunft wurden die beiden Schwestern – 64 und 70 Jahre alt – mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet. Zum Gedenken an die drei Opfer der Shoa wurden in Würzburg Stolpersteine verlegt (vgl. Würzburger Stolpersteine).

Sophie Landsberg (Jahrgang 1920) – zuletzt Schwester im Würzburger jüdischen Krankenhaus
Sophie Landsberg (auch: Sofie, Henni, Sonny) stammte aus Ostfriesland: Dort kam sie am 8. April 1920 in der Stadt Leer (Bundesland Niedersachsen) als Tochter des Viehhändlers und Arbeiters Siegfried Simon Landsberg (geb. 1883 in Lübeck) und seiner Frau Recha geb. Dreyfuss (geb. 1894 in Baden-Baden) zur Welt. Sie zog um 1939 nach Frankfurt und pflegte im Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung. Infolge der NS-Zwangsauflösung der orthodox-jüdischen Klinik musste sie am 7. Mai 1941 zusammen mit den Patienten und Patientinnen und ihren Kolleginnen und Kollegen in das letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus Gagernstraße umziehen. Am 3. Juni 1941 verließ sie Frankfurt in Richtung Würzburg: Auf Antrag der Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung sollte sie im Würzburger jüdischen Krankenhaus (Dürerstraße) als Kranken- und Operationsschwester die bis dahin dort tätigen katholischen Ordensschwestern ersetzen (vgl. Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken); die Nonnen hatten ihren Dienst auf Druck des NS-Regimes aufgegeben, das sie, sofern sie nicht jüdischer Herkunft waren, als ‚Arierinnen‘ einstufte, die keine Juden pflegen durften (vgl. Konrad 2011). Bei den bald folgenden Deportationen (vgl. http://wuerzburgwiki.de/wiki/Judendeportation, siehe auch Ries/ Schwinger 2015) wurde Sophie Landsberg am 23. September 1942 – im gleichen Transport wie ihre Frankfurter Kollegin Selma Frank – von der Dürerstraße 20 nach Theresienstadt verschleppt.

Dokument: Landsberg, Sophie (Dep.liste 1942) / Sophie Landsberg, Deportationsliste Würzburg – Regensburg nach Theresienstadt (Abfahrt: 23.09.1942, Deportierte: 681)
Landsberg, Sophie (Dep.liste 1942) / Sophie Landsberg, Deportationsliste Würzburg – Regensburg nach Theresienstadt (Abfahrt: 23.09.1942, Deportierte: 681 Weitere Angaben

In diesem Transport befanden sich außer Ärzten, Pflegenden, Angestellten, Patientinnen/Patienten und weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern des Würzburger jüdischen Krankenhauses viele ältere Menschen: „Am 23.9.42 wurden mit der Verschleppung von noch einmal 681 Menschen die Deportationen älterer Juden aus Bayern vorläufig zum Abschluss gebracht. In diesem Transport wurden die verbliebenen 562 Juden aus Mainfranken nach Theresienstadt verschickt, davon allein 491 aus Würzburg. Dazu kam eine Person aus Bamberg. Aus dem bisher von den sogenannten Alterstransporten verschonten Regensburg wurden dem Würzburger Zug bei einem Aufenthalt in Hof 117 Menschen angeschlossen“ (zit. n. Freier 2015). Der Transport (II/26, 681) erreichte Theresienstadt am 24. September 1942. Am 5. Oktober 1943 wurde Sophie Landsberg in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet, ebenso ihre aus Berlin deportierten Eltern und jüngeren Geschwister Friederike (geb. 1922) und Kurt Landsberg (geb. 1925).

Aus Liesel Schwab wurde Lee Marcus (Jahrgang 1920)
Liselotte „Liesel“ Schwab wurde am 7. August 1920 in Frankfurt am Main geboren. 1922 adoptierten entfernte Verwandte, das Kaufmannsehepaar Hilda geb. Glaser (geb. 1896 in Berlin) und Iwan Schwab (geb. 1889 in Neustadt a.d. Aisch) (vgl. Würzburger Stolpersteine) die kleine Liesel. Sie wuchs in Neustadt an der Aisch (Regierungsbezirk Mittelfranken, Bayern) und seit 1932 in Würzburg auf. Dort besuchte sie die Sophienschule, eine private höhere Lehranstalt für Mädchen, und schloss sich dem Jüdischen Jugendbund Würzburg an. Mit dem Ziel der Emigration und weil es in Würzburg keinen jüdischen Schwesternverein mehr gab, kehrte Liesel Schwab im Mai 1938 zur Pflegeausbildung in ihre Geburtsstadt Frankfurt zurück. Dort war sie bis zu ihrer Ausreise am 2. August 1939 nach London im jüdischen Schwesternhaus gemeldet. Ihre Adoptiveltern sah sie nie wieder: Hilda und Iwan Schwabs Flucht aus Nazideutschland scheiterte; beide wurden nach Auschwitz deportiert und am 1. September 1943 ermordet. Nach Kriegsende kehrte Liesel Schwab nicht mehr in das ‚Land der Täter‘ zurück. Sie verließ London, heiratete und baute sich im New Yorker Exil als Lee Marcus eine neue Existenz auf (vgl. Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken).

Fanny Ansbacher (Jahrgang 1921): aus orthodox-jüdischer Familie
Wie Liesel Schwab hoffte auch die am 11. Mai 1921 in Würzburg geborene Fanny Ansbacher, dass eine Pflegeausbildung Wege in die Emigration ermöglichte. Sie stammte aus einer sozial engagierten orthodox-jüdischen Würzburger Familie: Ihr Vater Simon Ansbacher (geb. 1885 in Würzburg), von Beruf Weinhändler, gehörte zu den Stützen der Würzburger jüdischen Gemeinde, unter anderem als langjähriges Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa (Israelitische Beerdigungsbruderschaft) und Verwaltungsmitglied der Stiftung des Israelitischen Kranken- und Pfründnerhauses. Ende der 1930er Jahre wurde er in den Vorstand der sich unter der NS-Verfolgung bereits auflösenden Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg gewählt. Die Mutter Selma Shulamit geb. Obermeyer (geb. 1892 in Neulengbach, Niederösterreich) betätigte sich in der ehrenamtlichen Krankenpflege (Bikkur Cholim und sorgte für jüdische Studenten und Seminaristen. Fanny Ansbachers Großvater Jakob Obermeyer war ein namhafter Orientalist, der als Professor für semitische Sprachen und Literatur in Wien lehrte und zuletzt in Würzburg lebte (vgl. Alemannia Judaica Steinhart).

Mit ihren drei Geschwistern Jonas (Jona) (geb. 1920), Rebekka (geb. 1922) und Nathan (geb. 1925) wuchs Fanny Ansbacher in Würzburg auf. Nach dem siebenjährigen Besuch der jüdischen Volksschule schrieb sie sich – wie ihr um ein Jahr älterer Bruder Jonas – zunächst in der angesehenen Israelitischen Lehrerbildungsanstalt ein. Der rassistisch-antisemitische NS-Staat grenzte Jugendliche jüdischer Herkunft systematisch aus den Ausbildungs- und Berufsgängen aus und separierte sie von ihren nichtjüdischen Altersgenossen. Die Hachschara-Bewegung, der sich Fanny Ansbacher anschloss, bereitete in eigenen Ausbildungsstätten antisemitisch verfolgte junge Menschen auf ihre Alija, die ‚Rückkehr‘ in das ‚Gelobte Land‘ Israel, vor. Dazu gehörten das Erlernen der hebräischen Sprache sowie handwerkliche und landwirtschaftliche Trainings. 1937/38 begab sich Fanny Ansbacher zur Hachschara nach Hamburg und Halberstadt, wo sie wieder mit ihrem Bruder Jonas zusammentraf. Mit einem Touristenvisum gelang Jonas Ansbacher im September 1938 die schwierige Einreise in das britisch kontrollierte Mandatsgebiet Palästina. Seine Schwester, die kein Zertifikat für Palästina erhielt, musste er in Nazideutschland zurücklassen.
Fanny Ansbachers nächste Station war Frankfurt, wohin verwandtschaftliche Beziehungen bestanden: Ihr Onkel Josef war mit Recha, der Tochter und Schwester der beiden langjährigen Chefärzte des orthodox-jüdischen Frankfurter Rothschild’schen Hospitals, Geheimer Sanitätsrat Dr. Elieser Rosenbaum und Dr. Sally Rosenbaum, verheiratet; der spätere Rabbiner Jehuda Leo Ansbacher war ihr Cousin. Von Mai 1940 bis Februar 1941 gehörte Fanny Ansbacher als Lehrschwester zum Personal des Rothschild’schen Hospitals (in dieser Zeit geleitet von Dr. Franz Grossmann). Danach finden sich ihre Spuren in Berlin wieder, wo sie Zwangsarbeit bei den Siemens-Werken leistete und mit anderen jungen Jüdinnen in einem Gemeinschaftslager hauste. Von Berlin wurde sie am 3. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort konnte Fanny Ansbacher zunächst als Krankenpflegerin im Krankenrevier Birkenau überleben, erlag jedoch noch im gleichen Jahr den Folgen von Typhus, Hunger und medizinischer Unterversorgung. Bereits 1942 waren ihr Vater Simon Ansbacher über das Sammellager Drancy (Frankreich) und ihre Mutter Selma Ansbacher mit den jüngeren Geschwistern Rebekka und Nathan Ansbacher über das SS-Sammellager Malines/Mechelen (Belgien) nach Auschwitz deportiert worden. Jonas Ansbacher, der gerade noch rechtzeitig das rettende Palästina erreicht hatte, überlebte als einziger seiner Familie die Shoa (vgl. Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken).

Fotografie: Neuberger, Erna / Erna Neuberger, undatiert (um 1940)
Neuberger, Erna / Erna Neuberger, undatiert (um 1940) © Credit of Yad Vashem, Jerusalem Weitere Angaben

Erna Neuberger (Jahrgang 1921), Kinderkrankenschwester
Für kurze Zeit gehörte auch die Kinderkrankenschwester Erna (Esther) Neuberger zum Pflegeteam des Rothschild’schen Hospitals und möglicherweise auch des angrenzenden Rothschild’schen Kinderhospitals. Sie kam am 6. Juli 1921 als Tochter von Meta geb. Fröhlich (geb. 1891) und Adolf Neuberger (geb. 1876) in Arnstein zur Welt; das unweit von Würzburg und Schweinfurt im bayerisch-unterfränkischen Main-Spessart-Kreis gelegene Städtchen gehörte zum Distriktsrabbinat der unterfränkischen Industriestadt Schweinfurt (vgl. Alicke 2008, Bd. 1: 149-151 u. Bd. 3: 3756-3762) sowie ders. 2014; Alemannia Judaica Arnstein und Schweinfurt; Förderkreis „Alte Synagoge Arnstein“ e.V.).
Erna Neuberger besuchte die Arnsteiner Volksschule und danach bis 1935 die Handelsschule in Schweinfurt. Dort wohnte sie bei der Familie des mit ihren Eltern befreundeten Bezirksrabbiners Dr. Max Köhler (1899 Kassel – 1987 Jerusalem) und seiner Frau Anna (gest. 1937). Spätestens nach dem Erlass (1935) der „Nürnberger Rassegesetze“ plante Erna Neuberger die Emigration nach Palästina. Von 1936 bis 1938 absolvierte sie die Hachschara in Darmstadt und Hamburg (Lehrlingsschule für jüdische Schülerinnen und Schüler), blieb aber zunächst in Deutschland. Noch vor dem Novemberpogrom traf sie 1938 in Frankfurt ein, wohin inzwischen ihre Eltern gezogen waren. Nach ihrer Tätigkeit in den Rothschild’schen Spitälern arbeitete Erna Neuberger seit 1939 als Kinderschwester im Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V., wo sie auch wohnte (vgl. Mahnkopp 2018). Das Kinderhaus leitete die im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildete Oberin Frieda Amram, bis sie 1942 verhaftet und in das Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen wurde. Zusammen mit Oberin Amrams betagter Mutter Julie Amram, deren zweiter Tochter Goldina und dem Schwiegersohn Seligmann Hirschberg, noch im Kinderhaus verbliebenen Kolleginnen, darunter Fanny Neugass, und ihren kleinen Schützlingen wurde Erna Neuberger am 15. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Am 5. Oktober 1943 wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet; das Todesdatum wurde behördlich auf den 31. Dezember 1945 festgesetzt. Erna Neubergers Eltern und ihre beiden jüngeren Geschwister Helma Leiner (geb. 1924) und Fritz (Fred) Neuberger (geb. 1926) überlebten die Shoa; der Vater Adolf Neuberger verstarb 1947 im US-amerikanischen Exil.

Teil 2: Blick auf Würzburg und seine jüdische Pflegegeschichte
Was die einzelnen Städte, Regionen und Bundesländer anbetrifft, harrt die vom Nationalsozialismus vernichtete berufliche jüdische Krankenpflege – mit Ausnahme von Frankfurt am Main – noch immer der systematischen Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit. Für Nordbayern liegt ein bereits 1996 veröffentlichter Aufsatz zur Geschichte jüdischer Pflegevereine im fränkischen Raum vor (vgl. Ledermann/ Wolff 1996). Nach den NS-Zerstörungen erweist sich die Quellenlage zu deutsch-jüdischen Schwesternvereinen und -stationen – so Hilde Steppes Befund in ihrem pflegehistorischen Standardwerk (vgl. Steppe 1997) – insgesamt als heterogen und lückenhaft (dies. 1997a: 102, Fn 112). Dieser Forschungsstand trifft auch auf Würzburgs jüdische Pflegegeschichte zu.

Institutionen der jüdischen Kranken- und Altenpflege in Würzburg
Bis zur Shoa befanden sich in Würzburg wichtige jüdische Institutionen der Pflege (vgl. Flade 1996: 149-156). Deren Einzugsbereich umfasste den Regierungsbezirk Unterfranken und teilweise ganz Bayern. Im April 1885 wurde in der Dürerstraße das Krankenhaus der Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung eröffnet, wo noch im gleichen Jahr 33 und 1897 bereits 117 Kranke betreut wurden. Der Klinik wurde 1891 ein Pfründnerhaus mit 32 Plätzen für Seniorinnen und Senioren ab dem 60. Lebensjahr, so genannten Pfründnerinnen und Pfründnern, angeschlossen, die sich mittels eines Legats eine dauernde Unterkunft und Pflege sicherten. Das Israelitische Kranken- und Pfründnerhaus Würzburg wurde als streng koschere Einrichtung geführt. Allerdings pflegten dort keine jüdischen Krankenschwestern, sondern von 1912 bis zum NS-Verbot 1942 die katholischen Ritaschwestern (vgl. Konrad 2011). Mit Krankenhaus und Altersheim eng verbunden war das im Mai 1930 eingeweihte Israelitische Landesheim für Kranke und Sieche (zwischen Dürerstraße und Valentin-Becker-Straße), getragen von der Würzburger Israelitischen Kranken- und Pfründnerstiftung und vom Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Das Landesheim nahm jüdische Betagte und Pflegebedürftige aus ganz Bayern auf. Als die NS-Machtübernahme jüngere Verfolgte in die Flucht trieb und viele ältere Menschen zurückblieben, gründete die Stiftung im November 1934 ein weiteres Israelitisches Altersheim (Konradstraße) mit 50 Plätzen.

Der Verein israelitischer Krankenschwestern Würzburg
Die raren Informationen über den am 1. April 1914 gegründeten Verein israelitischer Krankenschwestern Würzburg recherchierte der Historiker Roland Flade (vgl. ders. 1985). Initiatorin war von Berlin aus die kleine jüdische Schwesternvereine fördernde jüdische Organisation Großloge Bne Briss (heute: B’nai B’rith, siehe Eintrag Frankfurt-Loge) für Deutschland zusammen mit der Frankenloge Bne Briss zu Würzburg. Zahlreiche Spenden aus der Würzburger jüdischen Gemeinde ermöglichten die Anmietung einer Wohnung in der Amalienstraße 3, wo eine Oberschwester und zwei weitere Schwestern einzogen. Die Wohnung war Pflegestation für die in der Regel unentgeltliche Versorgung jüdischer Patientinnen und Patienten; auch christliche Kranke wurden behandelt, etwa bei der mobilen Pflege (Hausbesuche) in Würzburg und den ländlichen Gemeinden Unterfrankens.

Große Verdienste um die Professionalisierung der Würzburger jüdischen Krankenpflege erwarb sich als langjähriger ehrenamtlicher Leiter der Pflegeausbildung Sanitätsrat Dr. med. Nathan Riesenfeld (1867–1930), sozial engagierter Arzt, Kommunalpolitiker und Mitglied der Frankenloge Bne Briss. Da das Israelitische Kranken- und Pfründnerhaus Würzburg über keine eigene Krankenpflegeschule verfügte, schickte der Verein seine Schülerinnen in das jüdische Krankenhaus Berlin; für Ausbildung, Kost und Logis kam die Großloge Bne Briss Deutschland auf. Wohl deshalb wurden die ‚Würzburgerinnen‘ nicht im viel näheren Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildet. 1930 zog der Würzburger Schwesternverein in das Israelitische Landesheim für Kranke und Sieche. Zu diesem Zeitpunkt verfügte er offenbar nur noch über eine einzige Krankenschwester, vermutlich die langjährige Oberschwester Erna Jacobsohn (geb. 31.01.1900 in Osterode am Harz, Niedersachsen).

Die von Oded Zingher betreute Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken enthält weitere Namen jüdischer Krankenschwestern, von welchen sich allerdings bislang weder Verbindungen zum Verein israelitischer Krankenschwestern Würzburg noch zum Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Frankfurt am Main nachweisen lassen:

  • Fanny Hammelburger (geb. 1907 in Haßfurt, 1943 deportiert nach Auschwitz),
  • Karoline Keller, geb. Oppenheimer (1904 Würzburg – 1973 USA),
  • Edith Maier (1922 Würzburg – 1944 deportiert nach Auschwitz),
  • Hertha Mühlfelder (1914 Berlin – 1943 deportiert nach Auschwitz),
  • Susanne Schwab (1922 Würzburg – 1941 deportiert nach Riga/Lettland, ‚verschollen‘),
  • Hertha (Hella) Weil (1902 Ihringen/Baden – 1940 Flucht nach Montevideo/Uruguay).

Fanny Hammelburger, Edith Maier, Hertha Mühlfelder, Susanne Schwab, Hertha Weil und vermutlich auch Karoline Keller gehörten zeitweise zum Personal des 1942 NS-liquidierten Würzburger jüdischen Krankenhauses.

Die gut vernetzten Recherchen zum Judentum Würzburgs und Unterfrankens (vgl. Literatur/ Internetquellen) bilden eine hervorragende Basis für pflegehistorische Studien zu den Institutionen der Würzburger Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung und ihren Biographien: Ärzte, Pflegende, Angestellte, Bewohnerinnen und Bewohner, Patientinnen und Patienten, von denen ab September 1942 viele in die Vernichtung deportiert wurden. Eine von ihnen war die zuletzt im Würzburger jüdischen Krankenhaus tätige Frankfurter Schwester Sophie Landsberg.

Für wichtige Hinweise dankt die Autorin Pfarrer Volker Mahnkopp (Frankfurt a.M.), Dr. Ingrid Heeg-Engelhart (Staatsarchiv Würzburg), Ingrid Rack (Stadtarchiv Würzburg) und Dr. Rotraud Ries (Johanna-Stahl-Zentrum, Würzburg).

Birgit Seemann, 2015, updated 2018

Literatur


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, 3 Bände

Alicke, Klaus-Dieter 2014: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, http://www.jüdische-gemeinden.de [letzter Aufruf am 01.07.2015]

Daxelmüller, Christoph: Jüdisches Alltagsleben im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel Unterfrankens. In: Treml, Manfred/ Kirmeier, Josef (Hg.) 1988: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Aufsätze. Hg. unter Mitarbeit v. Evamaria Brockhoff. München: 287-298

Flade, Roland 1985: Schwesternheim. In: ders.: Juden in Würzburg 1918–1933. Würzburg: Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V., Schweinfurt: Historischer Verein Schweinfurt e.V.: 192-193

Flade, Roland 1996: Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Mit e. Beitrag v. Ursula Gehring-Münzel. 2., erw. Aufl. Würzburg

Freier, Thomas 2015: Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich: Würzburg – Regensburg nach Theresienstadt. Abfahrtsdatum: 23.09.42, Deportierte: 681, Ankunft: 24.09.42 (II/26, 681), http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_bay_420923.html [letzter Aufruf am 01.07.2015]

Hirsch, Josef 1919: Die Krankenschwesternorganisation und ihre Wandlung. In: UOBB (1919) 11/12: 138-140

JüdSchwVerein Ffm 1898-1911: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main (Eingetragener Verein). Jahresberichte 1898-1911, Frankfurt a.M.

JüdSchwVerein Ffm 1920: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919 des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Frankfurt a.M.

Konrad, Irene 2011: Ritaschwestern sind Paten für drei Stolpersteine. Stolpersteinverlegung am 28. Juni 2011 in Würzburg, http://www.josefs-stift.de [letzter Aufruf am 01.07.2015]

Landkreis Würzburg (Hg.) 2013: Spuren jüdischer Geschichte in Stadt und Landkreis Würzburg. Ein Wegweiser für junge Leute. Landkreis Würzburg in Zusammenarbeit mit dem Partnerlandkreis Mateh Yehuda (Israel) und dem Kooperationsprojekt Landjudentum in Unterfranken: http://www.landjudentum-unterfranken.de/publikationen

Ledermann, Marita/ Wolff, Horst-Peter 1996: Zur Geschichte jüdischer Pflegevereine im fränkischen Raum. In: Beiträge zur Pflegegeschichte in Deutschland (Teil I). Heft 5 der Schriften aus dem Institut für Pflegegeschichte. Qualzow: Eigenverlag: 48-62

Mahnkopp, Volker 2018: Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. Hans-Thoma-Straße 24, erw. Fassung 2018, http://www.platz-der-vergessenen-kinder.de [letzter Aufruf am 19.11.2018]

Ries, Rotraud/ Schwinger, Elmar (Hg.) 2015: Deportationen und Erinnerungsprozesse in Unterfranken und an den Zielorten der Transporte. Würzburg

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Steppe, Hilde 1997a: Organisationsformen und Institutionalisierung. In: dies. 1997: 90-127

Strätz, Reiner 1989: Biographisches Handbuch Würzburger Juden. 1900–1945. Mit e. wiss. Einleitung v. Herbert A. Strauss. 2 Teilbände. Würzburg

UOBB: Bericht der Großloge für Deutschland. Organ des 8. Distrikts U.O.B.B. Online-Ausg. 2014 [Teil-Digitalisierung der Jahrgänge]: Universitätsbibliothek J.C.R. Frankfurt a.M.: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30:1-138615

Internetquellen (letzter Aufruf am 01.07.2015)


Alemannia Judaica Arnstein: http://www.alemannia-judaica.de/arnstein_synagoge.htm

Alemannia Judaica Steinhart (Hainsfarth): http://www.alemannia-judaica.de/steinhart_synagoge.htm

Alemannia Judaica Schweinfurt: http://www.alemannia-judaica.de/schweinfurt_synagoge.htm (unter Mitarbeit v. Elisabeth Böhrer)

Alemannia Judaica Würzburg: http://www.alemannia-judaica.de/wuerzburg_synagoge_a.htm

Alemannia Judaica Würzburg-Heidingsfeld: http://www.alemannia-judaica.de/heidingsfeld_synagoge.htm

Bayerische Staatsbibliothek: http://www.bavarikon.de

Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken: https://juedisches-unterfranken.de

CAHJP: The Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem: http://cahjp.huji.ac.il

Geni: private genealogische Website: http://www.geni.com

Ellis Island: The Statue of Liberty – Ellis Island: http://www.libertyellisfoundation.org/passenger

Förderkreis Alte Synagoge Arnstein: http://www.alte-synagoge-arnstein.de

Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken e.V.: http://christlich-juedische-wuerzburg.de

Historisches Unterfranken: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte: Internetportal „Historisches Unterfranken“: http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de

Johanna-Stahl-Zentrum für für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken: http://www.johanna-stahl-zentrum.de

Platz der vergessenen Kinder. Das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V.: http://www.platz-der-vergessenen-kinder.de

Shalom Europa: Jüdische Gemeinde Würzburg und Unterfranken: Neues Jüdisches Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa“, http://www.shalomeuropa.de

Wir wollen uns erinnern!: http://www.wir-wollen-uns-erinnern.de

Würzburger Stolpersteine: http://www.stolpersteine-wuerzburg.de

Yad Vashem: Gedenkstätte Yad Vashem (mit Datenbank): http://www.yadvashem.org

Rothschild´sches Damenheim – ein Wohnprojekt für bedürftige Frankfurter Seniorinnen aller Konfessionen in Eschersheim

Noch kurz vor ihrem Tod verwirklichte die Frankfurter jüdische Stifterin Minka von Goldschmidt-Rothschild die Zedaka (jüdisches Gebot der sozialen Gerechtigkeit durch Wohltätigkeit), als sie 1903 die Errichtung eines größeren Mietkomplexes für materiell benachteiligte verwitwete oder ledige Frauen aller Konfessionen in die Wege leitete. Um das umfangreiche soziale Wohnprojekt kümmerten sich ihre Mutter Mathilde von Rothschild und ihre nach Paris verheiratete Schwester Adelheid de Rothschild, ebenso Minkas Ehemann Max von Goldschmidt-Rothschild und die gemeinsame Tochter Lili Schey von Koromla.

Gemälde: Minka von Goldschmidt-Rothschild (Fotografie von einem Gemälde, undatiert).
Minka von Goldschmidt-Rothschild (Fotografie von einem Gemälde, undatiert) – © Courtesy of the Leo Baeck Institute (Paul Arnsberg Collection)

Das ‚Damenheim‘ der Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild’schen Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke, Hügelstraße 142-146

Fotografie:Rothschild´sches Damenheim, Frontansicht, 17.04.2013.
Rothschild´sches Damenheim, Frontansicht, 17.04.2013 © Edgar Bönisch

Auch in Frankfurt am Main nahm der soziale Wohnungsbau erst in den 1920er Jahren Fahrt auf. Zuvor hatten insbesondere alleinstehende ältere Frankfurterinnen mit geringem Einkommen große Schwierigkeiten, ein günstiges und zugleich angemessenes Zuhause zu finden. Ihre Präsenz in der Mieterrechtsbewegung des Deutschen Kaiserreichs war in der Regel gering, was sie erhöhten Mietforderungen, fristlosen Kündigungen und den Schikanen mancher Vermieter/innen preisgab. Für diese Nöte hatten die Stifterinnen der Frankfurter Bankiersfamilie Rothschild, obwohl selbst im Wohlstand aufgewachsen, ein offenes Ohr: 1902 gründete Minka von Goldschmidt-Rothschild zum Andenken an ihren verstorbenen Vater die Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild’sche Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke u.a. mit dem Ziel, bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Frankfurter Bürgerinnen zu schaffen. Das Stiftungsstatut hat sie am 29. Oktober 1902 unterzeichnet und wohl auch selbst in großen Teilen formuliert: „Als Wahrzeichen der pietätvollen Erinnerung, welche ich, Frau Max Goldschmidt, geborene Freiin von Rothschild, der Stadt, in welcher das Stammhaus meiner Familie steht, immer bewahre, habe ich mich entschlossen, zum Andenken an meinen seligen Vater, Herrn Wilhelm Carl Freiherrn von Rothschild, eine Stiftung zu machen, welche dieser Gesinnung äusseren Ausdruck zu verleihen bestimmt ist. Um für diese Stiftung die Rechte einer juristischen Person zu erlangen, habe ich das nachstehende Statut festgestellt“ (zit. n. Statut Rothschild´sches Damenheim 1904, S. 1, Hervorhebung B.S.).

Ein erheblicher Teil der umfangreichen Stiftung galt dem Erwerb oder Neubau von Wohnhäusern mit preisgünstigen abgeschlossenen Kleinwohnungen für jüdische wie nichtjüdische „minderbegüterte Frauen oder Mädchen des Mittelstandes“ (ebd. S. 2). Ebenso war der Stiftungsvorstand „ohne Unterschied der Konfession“ (ebd., S. 4) zu besetzen, als dessen anfängliche Mitglieder Oberbürgermeister Dr. Adickes, Sanitätsrat Dr. de Bary, Leopold Hirschler, Sanitätsrat Dr. Marcus und Stadtrat Dr. Woell genannt wurden. Im Jahre 1910, sieben Jahre nach Minka von Goldschmidt-Rothschilds frühem Tod, war das Anliegen der Stifterin erfüllt und im Stadtteil Eschersheim in der Hügelstraße 142-146 ein großer Gebäudekomplex errichtet; zu der Liegenschaft des Damenheims gehörten die Häuser Fontanestraße 1-3 und Klaus-Groth-Straße 81-83. Entstanden war ein interkonfessionelles Wohnheim für nicht pflegebedürftige alleinstehende Seniorinnen, das zugleich die Funktion eines Kleinrentnerhauses erfüllte.

1911 konnte der Gebäudekomplex mit 23 unmöblierten Ein- und 12 Zweizimmerwohnungen, ausgestattet mit Mansarden, Keller, Küche, anfänglich einem Speisesaal sowie der Wohnung des Verwalters, bezogen werden (vgl. ISG Ffm, Magistratsakten V / 538 Bd. 3). Von den Mieterinnen, vorwiegend Witwen früherer Angehöriger des Mittelstands, ältere ledige Lehrerinnen und Sozialrentnerinnen, nutzten nicht wenige die in der Stadt angebotenen freien Mittagstische. Nach dem Ersten Weltkrieg traf die Inflation auch das Rothschild´sche Wohnprojekt (vgl. Meyerhof-Hildeck 1923), doch bot es seinen Bewohnerinnen weiterhin ein zuverlässiges Obdach, während in der Krisenzeit unter den auf sich selbst gestellten älteren Privatmieterinnen und -mietern die Furcht vor dem Verlust der eigenen vier Wände und ihrer Unabhängigkeit durch die Einweisung in ein Altersheim wuchs. Zu Beginn der 1920er Jahre stellte sich die Professorengattin Marie Wachsmuth dem Damenheim als ehrenamtliche Fürsorgerin und Kontaktperson zum Frankfurter Wohlfahrtsamt zur Verfügung. In dessen Akten (vgl. ISG Ffm: Wohlfahrtsamt Sign. 326) sind die Namen und Daten mancher Bewohnerin verzeichnet, etwa von Marie Demuth (geb. 1855 in Frankfurt/M.), Wilhelmine Schwarz (geb. 1854 in Frankfurt/M.), die aus ihrem früheren Dienstverhältnis eine Leibrente bezog, und die ebenfalls als bedürftig eingestufte Margarete Stolzenhain [Margarethe Stolzenhayn] (geb. 1865 in Berlin). Einen Hinweis auf jüdische Mieterinnen im Damenheim enthält das Jüdische Gemeindeblatt für Frankfurt am Main, das 1938 in seiner April-Ausgabe (S. 22) den 70. Geburtstag des jüdischen Gemeindemitglieds Rosette Goldschmidt, wohnhaft in der Hügelstraße 144, meldete. Gewiss musste die gebürtige Frankfurterin im Zuge des am 30. April 1939 erlassenen antisemitischen NS-„Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden“, das den Kündigungsschutz aufhob und die räumliche Trennung von den nichtjüdischen Nachbarn forcierte, aus dem größtenteils nichtjüdisch belegten Mietshaus ausziehen. Rosette Goldschmidts letzte Adresse war das Jüdische Altersheim Niedenau 25 (Sammellager). Von dort wurde die 74jährige Rentnerin am 18. August 1942 nach Theresienstadt und am 23. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert (vgl. JM Ffm: Datenbank).

Die Nationalsozialisten wollten jede Erinnerung an das umfangreiche philanthropische Engagement der Frankfurter jüdischen Stifterfamilie Rothschild auslöschen, weshalb sie die Trägerin des Heims 1939 in „Stiftung für mildtätige Zwecke (Wohnhilfe-Stiftung)“ umbenannten. 1940 ‚erwarb‘ die Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen den Gebäudekomplex, der vier Jahre nach dem Ende des NS-Regimes an die rechtmäßige Eigentümerfamilie zurückerstattet wurde (vgl. Lenarz 2003). Hierauf folgte 1950 die Wiedererrichtung der Stiftung als ‚Freiherrlich Wilhelm Carl von Rothschild’sche Stiftung für mildtätige Zwecke‘. Ganz im Sinne der Initiatorin Minka von Goldschmidt-Rothschild kommt das soziale Wohnprojekt bis heute bedürftigen Rentnerinnen zugute – und es ist, wie uns eine betagte Mieterin (sie stammt aus Odessa/Ukraine) mitteilte, ein ‚Damenheim‘ geblieben.

Birgit Seemann, 2013

Unveröffentlichte Quellen


ISG Ffm: Magistratsakten V / 538 Bde 1-3.

ISG Ffm: Wohlfahrtsamt Sign. 326.

Ausgewählte Literatur


Meyerhof-Hildeck, Leonie 1923: Das Damenstift in Eschersheim. In: Frankfurter Zeitung, 03.08.1923. Online-Ausg. Frankfurt/M.: Univ-Bibliothek: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/rothschild/image/view/4295220?w=1000.

Schiebler, Gerhard 1994: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargest. v. Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen, S. 11-288.

Statut Rothschild´sches Damenheim 1904: Statut der Wilhelm Carl von Rothschild´schen Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke zu Frankfurt a.M. Frankfurt/M.: Druck v. Voigt & Gleiber.

Internetquellen (Aufruf aller Links im Beitrag am 29.04.2013)


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (mit Datenbank): www.stadtgeschichte-ffm.de sowie http://www.ffmhist.de/

JM Ffm: Jüdisches Museum und Museum Judengasse Frankfurt am Main (mit der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz): www.juedischesmuseum.de.

Frankfurter jüdische Krankenschwestern und ihre Verbindungen nach Mittelfranken (Nürnberg, Fürth)

Fotografie: Jüdisches Krankenhaus Fürth / Gebäude des ehemaligen Jüdischen Krankenhauses (Israelitisches Hospital) Fürth
Jüdisches Krankenhaus Fürth / Gebäude des ehemaligen Jüdischen Krankenhauses (Israelitisches Hospital) Fürth Urheber: K. Salimi, 02.09.2007, http://www.fuerthwiki.de (Creative Commons-Lizenz) Weitere Angaben

Auch aus Bayern verlegten junge jüdische Frauen ihren Lebensmittelpunkt nach Frankfurt am Main, wo sie im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen eine fortschrittliche Ausbildung mit Karrierechancen erwartete. Der Artikel stellt im ersten Teil Krankenschwestern aus dem an Unterfranken grenzenden Regierungsbezirk Mittelfranken vor; er war nicht wie Unterfranken katholisch, sondern stark protestantisch geprägt. Der zweite Teil macht auf die bislang noch weitgehend unbekannte jüdische Pflegegeschichte der Stadt Nürnberg aufmerksam: Dort befand sich der einzige jüdische Schwesternverein Mittelfrankens, dem auch Pflegende aus Hessen angehörten.

Teil 1: Jüdische Krankenschwestern zwischen Hessen und Mittelfranken
Die genaue Zahl der aus Mittelfranken stammenden Mitglieder des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main lässt sich nicht mehr ermitteln. Namentlich recherchiert werden konnten unter anderem (geordnet nach Geburtsjahr bzw. Generationskohorte): Else Baumann (geb. 1903 in Nürnberg), Berta Hermann (geb. 1903 in Nürnberg), Marianne Joel (geb. 1920 in Ansbach) und Elisabeth Rosenthal (geb. 1920 in Fürth). Der Mitbegründerin des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins und Kölner Oberin Frieda (Brüll) Wollmann (geb. 1866 in Erlangen) ist ein eigener Beitrag gewidmet. Näheres ist auch über Berta Hahn und Betti Bilha Farntrog aus Fürth bekannt, deren Biographien im Folgenden vorgestellt werden – dies ist zugleich ein Stück Erinnerungsarbeit, da beide die Shoa nicht überlebten.

Fotografie: Berta Hahn, Portrait mit Schwesternhaube, ohne Jahr (um 1940) Memorbuch für die Fürther Opfer der Shoah.
Hahn, Berta / Berta Hahn, Portrait mit Schwesternhaube, ohne Jahr (um 1940) Memorbuch für die Fürther Opfer der Shoah, http://www.juedische-fuerther.de Weitere Angaben

Berta (Schuster) Hahn (Jahrgang 1911) – eine Bäckerstochter aus Fürth
Berta (Schuster) Hahn wurde am 24. Dezember 1911 im unterfränkischen Kitzingen geboren (vgl. Schneeberger 2011), wuchs aber in Fürth (Regierungsbezirk Mittelfranken, Bayern) auf. Fürth, einst ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und des hebräischen Buchdrucks, war in der jüdischen Welt als das ‚fränkische Jerusalem‘ bekannt; der jüdische Anteil an der Stadtbevölkerung war hoch und umfasste zeitweise fast ein Fünftel. Vor der Shoa war Fürth Standort eines der ältesten jüdischen Krankenhäuser Deutschlands. Zur jüdischen Pflege in Frankfurt am Main bestanden offenbar Querverbindungen: So sind in den Hausstandsbüchern (ISG Ffm) Fürther Aufenthalte der Frankfurter Schwestern Else Baumann, Berta David und Regine Goldsteen vermerkt.

Nach den Einträgen in der von Gisela Naomi Blume betreuten Website ‚Jüdische Fürther‘ (vgl. Blume 2010ff.) stammte Berta Hahns Mutter, die Bäckerstochter Recha Rachel geb. Oppenheimer (geb. 1887), aus Fürth, ihr Vater, der Bäckermeister Hugo Schuster (geb. 1879) aus der südhessischen Vogelsberg-Gemeinde Birstein im heutigen Main-Kinzig-Kreis. Bertas Großvater, der Lehrer und Kantor Israel Schuster (gest. 1909), unterrichtete viele Jahre lang an der Israelitischen Volksschule Birstein, über ihre Großmutter Nannchen, an deren Grab sich 1921 auch zahlreiche christliche Trauergäste versammelten, heißt es im Nachruf: „Vornehmes, bescheidenes Wesen und wahre Frömmigkeit waren ihr stets eigen“ (zit. n. Der Israelit, 03.02.1921, Alemannia Judaica Birstein). Das junge Ehepaar Schuster lebte zunächst in Kitzingen, bevor es 1914 mit der kleinen Berta nach Fürth zog. Dort arbeitete Hugo Schuster bei seinem Schwiegervater Bernhard Oppenheimer und trat 1921 in den Familienbetrieb ‚Neumann’sche Bäckerei, Konditorei u. Mehlhandel‘ ein. Berta Hahns jüngere Schwestern kamen in Fürth zur Welt: Martha Schuster (1914–1918), Ruth Hanna Goldmann (geb. 1918) und Nelly Schuster (geb. 1923).

Ob Berta Hahn bereits in Fürth als Krankenschwester tätig war, ist bislang unbekannt. 1940 zog sie, möglicherweise verfolgungsbedingt, nach Frankfurt am Main und pflegte im Rothschild’schen Hospital. Dort lernte sie den gleichaltrigen Krankenpfleger Alfred Hahn kennen, welcher aus Nordhessen stammte. Im Mai 1941 wechselten Personal und Patienten des Rothschild’schen Hospitals nach dessen Zwangsschließung in das von den NS-Behörden als Sammellager missbrauchte letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus, Gagernstraße 36. Trotz der widrigen Umstände entschlossen sich Berta Schuster und Alfred Hahn zur Heirat. Bereits am 24. September 1942 befand sich Berta Hahn „in dem Transport von Frankfurt über Berlin nach Raasiku in Estland, in dem sich Krankenschwestern, Ärzte und Heimleiterinnen und weitere Angestellte der aufgelösten jüdischen Gemeinde Frankfurt befanden. Mit demselben Transport und von derselben Adresse wurden auch ihr Ehemann (geb. 08.02.1911 Gudensberg Krs. Fritzlar) und Jenny Hahn (geb. 13.11.1908 Birstein Krs. Gelnhausen) deportiert, die vermutlich ihre Schwägerin war“ (zit. n. Blume 2010ff.: Memorbuch: Hahn, Berta). Von Berta Hahns Familie überlebte nur ihre 1939 noch rechtzeitig in die USA geflüchtete Schwester Ruth Goldmann. Ihre Eltern und die jüngste Schwester Nelly wurden mit dem Nürnberger Transport vom 29.11.1941 nach Riga (Lettland) deportiert, wo Hugo Schuster vermutlich am 1. März 1942 ermordet wurde, Nelly Schuster (zuletzt 09.10.1944 KZ Stutthof bei Danzig) und ihre Mutter Recha gelten als verschollen, ebenso Alfred Hahn (zuletzt um 1944 KZ Stutthof). Am 19. Januar 1945 wurde Berta Hahn im Alter von 33 Jahren in Stutthof ermordet.

Fotografie: Farntrog, Betti / Betti Bilha Farntrog, Portrait, undatiert (um 1941)
Farntrog, Betti / Betti Bilha Farntrog, Portrait, undatiert (um 1941) Quelle: Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt) Weitere Angaben

Betti Bilha Farntrog (Jahrgang 1920): aus einer frommen jüdischen Familie
Betti Bilha Farntrog wurde am 21. Oktober 1920 in Fürth geboren, ihre Familie war sehr wahrscheinlich mit der Bäckersfamilie Schuster-Oppenheimer bekannt, aus der ihre Kollegin Berta Hahn stammte. Bettis Vater Lazarus Elieser Farntrog (geb. 1886 in Fürth) war im Ersten Weltkrieg als Rotkreuz-Sanitäter im Einsatz. Um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern, führte er gegenüber dem Fürther Rathaus (Königstraße) ein Textilgeschäft. Außerhalb des Brotberufs engagierte sich Lazarus Farntrog als Mitglied der Fürther israelitischen ‚Beerdigungsbruderschaft‘ (Chewra Kadischa) für die ehrenamtliche jüdische Krankenpflege (Bikkur Cholim) und die rituelle Versorgung und Beerdigung Verstorbener, ein Beispiel jüdischer Frömmigkeit, dem seine beiden ältesten Töchter auf beruflichem Wege nachfolgten; sein einziger Sohn sollte an einer jüdischen Hochschule (Jeschiwa) in Frankreich Tora und Talmud studieren.

Der Zeitzeuge Ludwig Rothschild erinnert sich: „Es ist eine der größten Mizwot [religiöse jüdische Pflichten, B.S.], für unsere Toten immer da zu sein. […] Der allerletzte, der bis zum bitteren Ende noch diese Mizwa erfüllte, um dann selbst ein Opfer der ruchlosen Zeit zu werden, war Lazarus Farntrog selig“ (zit. n. Blume 2010ff.: Memorbuch: Farntrog, Lazarus Elieser). 1937 beantragte Lazarus Farntrog bei den NS-Behörden einen Ausweis, um als „Leichenbegleiter bei vorkommenden Fällen im In- und Ausland“ (zit. n. ebd.) das Fahrzeug der Fürther jüdischen Gemeinde nutzen zu können. Verheiratet war er mit Jettchen Jael geb. Nachmann, 1899 in Hamburg geboren, welche nach der möglicherweise arrangierten Eheschließung (in orthodox-jüdischen Familien dazumal nicht unüblich) nach Fürth zog; Betti Farntrog war vermutlich nach ihrer Hamburger Großmutter Betti Nachmann benannt. Jettchen Farntrog, eine selbstbewusste Frau, führte in der Königstraße 137 noch 1933 ein Grabsteingeschäft. Am 6. Mai 1942 verurteilte sie das Amtsgericht Hamburg wegen „fahrlässigen Nichtanzeigens der Führung des zusätzl.[ichen] Vornamens [in der Regel „Sara“, B.S.] als Jüdin“ (zit. n. ebd.: Farntrog, Jettchen Jael) zu einer Geldstrafe von 25 Reichsmark oder ersatzweise fünf Tagen Gefängnis.

Fotografie: Lazarus Farntrog, Vater der Krankenschwester Betti Farntrog, Rot-Kreuz-Sanitäter im Ersten Weltkrieg, undatiert (um 1916).
Farntrog, Lazarus / Lazarus Farntrog, Vater der Krankenschwester Betti Farntrog, Rot-Kreuz-Sanitäter im Ersten Weltkrieg, undatiert (um 1916) Credit of Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt) Weitere Angaben

Betti Farntrog wuchs zusammen mit ihrer älteren Schwester Rosi Rivka (geb. 1919), ebenfalls Krankenschwester, und den jüngeren Geschwistern Gerda (geb. 1922), Erwin Isaak (geb. 1923) und Emmy Esther (geb. 1925) in Fürth auf. Auch für diese jüdische Familie markierte der nationalsozialistische Machtantritt 1933 eine tiefe Zäsur. Die sich verschärfenden antisemitischen Selektionsmaßnahmen des NS-Staates engten das schulische und berufliche Fortkommen der jüdischen Kinder und Jugendlichen zunehmend ein. Immerhin konnte Betti Farntrog von 1935 bis 1936 das oberbayerische Mädchenheim Wolfratshausen besuchen, eine von der Ortsgruppe München des Jüdischen Frauenbundes gegründete ‚Wirtschaftliche Frauenschule‘: Dort sollten die jüdischen Schülerinnen die Führung eines koscheren Haushalts lernen und sich für Wirtschafts-, Sozial- und Erziehungsberufe qualifizieren (vgl. Alemannia Judaica Wolfratshausen; Jörgensen/Krafft 2009); in der NS-Zeit rückte die ‚Tauglichmachung‘ (Hachschara) für eine Auswanderung in das damalige britisch kontrollierte Palästina in den Fokus. Auch Betti Farntrog, inzwischen Lehrerin, plante die Alija (Rückkehr in das ‚Gelobte Land‘ Israel), weshalb sie 1939 eine Unbedenklichkeitsbescheinigung – die Bestätigung des Finanzamts, dass mit der Zahlung der Reichsfluchtsteuer (hier als antisemitische Zwangsabgabe) sowie weiterer Steuern eine ‚legale‘ Ausreise vorlag – beantragte. Ihr Vater bemühte sich weiterhin um die Auswanderung der gesamten Familie nach Palästina, doch verweigerten die Nazibehörden die erforderlichen Dokumente. Einem Eintrag in der Datenbank ‚Erinnern‘ des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands zufolge unterrichtete Betti Farntrog offenbar an der Jüdischen Konfessionsschule Nürnberg (vgl. BLLV 2015), besucht von Schülerinnen und Schülern, die mittels der ‚Nürnberger Rassegesetze‘ (1935) aus dem allgemeinen Schulbetrieb ausgeschlossen waren (vgl. Jochem 2015 sowie Wetzel 1992).

Wann sich Betti Farntrog für die Pflege entschied, ist unbekannt, vielleicht erhoffte sie sich als gelernte Krankenschwester bessere Aussichten auf die Emigration. Ihre ältere Schwester Rosi arbeitete im jüdischen Krankenhaus Fürth. Im Sommer 1941 traf Betti Farntrog in Frankfurt am Main ein und war seit dem 3. Juli 1941 (ISG Ffm: HB 687, Bl. 82) im Frankfurter jüdischen Krankenhaus Gagernstraße 36 gemeldet. Von dort wurde sie am 11. Juni 1942 „evakuiert“ (zit. n. ebd.) – die NS-Tarnbezeichung für den Transport in ein Vernichtungslager. Die junge Frau wurde möglicherweise nach Sobibor oder Majdanek deportiert. Seitdem gilt Betti Farntrog als verschollen, ebenso ihre 1942 nach Lublin verschleppte Schwester Rosi und ihre 1943 zusammen mit der jüngsten Schwester Emmi deportierten Eltern Jettchen und Lazarus Farntrog. In der Shoa blieb auch ihr Bruder Erwin Isaak, welcher von Frankreich (Lager Casseneuil) nach Auschwitz deportiert wurde. Nur die Schwester Gerda erreichte 1940 das rettende Palästina, wäre aber an Bord des Flüchtlingsschiffes ‚Patria‘ im Hafen von Haifa beinahe Opfer einer Explosion geworden, die 267 Menschen tötete und viele verletzte; sie lebte zuletzt mit ihrem Ehemann Benjamin Weinstein in den USA. Der Gedenkstätte Yad Vashem stellte Frau Weinstein Gedenkblätter mit biografischen Daten und Fotografien ihrer ermordeten Angehörigen zur Verfügung.

Teil 2: Blick auf Nürnberg und seine jüdische Pflegegeschichte: der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen und das Israelitische Schwesternheim

Anzeige: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Nürnberg - Annonce / Anzeige des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg.
Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Nürnberg – Annonce / Anzeige des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg, Der Israelit v. 31.10.1901 Weitere Angaben

Während jüdische Frauen aus Mittelfranken Mitglieder des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins wurden, fanden auf umgekehrtem Wege Pflegende aus Frankfurt und Hessen Aufnahme im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg. Namentlich bekannt sind Ruth Retha Kahn, Veronika Fränkel, Rosa Strauss und die beiden Schwestern Sara Levi und Johanna (Levi) Sämann. Der einzige jüdische Schwesternverein Mittelfrankens bestand (wie das Israelitische Schwesternheim in München) seit 1900 (vgl. StadtAN, Sign. E 6/157: Jahresberichte des Nürnberger Schwesternvereins 1906-1920; Freudenthal 1925: 138-139; Steppe 1997a: 107, 112, siehe auch Ledermann/ Wolff 1996: 55). Die Ausbildung finanzierte von Berlin aus die Großloge der humanitären jüdischen Organisation Unabhängiger Orden Bne Briss (UOBB). Die süddeutschen Schwesternvereine ordneten sich daher nicht dem Frankfurter, sondern als „externe ‚Filialanstalten‚“ (zit. n. ebd.: 107 [Hervorhebung im Original]) anfangs dem geographisch viel weiter entfernten Berliner jüdischen Schwesternverein (gegründet 1894) zu. Da es in Nürnberg kein israelitisches Krankenhaus und in der jüdischen Klinik im benachbarten Fürth keine eigene Krankenpflegeschule gab, schickte der Schwesternverein seine Schülerinnen zunächst nach Berlin und seit 1906 nach Breslau: Dort hatte die Israelitische Krankenverpflegungsanstalt (vgl. Reinke 1999) gerade eine (1908 staatlich anerkannte) Krankenpflegeschule eröffnet, bereits 1899 war das Breslauer ‚Jüdische Schwesternheim‘ gegründet worden.

Fotografie: Klara Hess, Oberin des Vereins der jüdischen Krankenpflegerinnen zu Nürnberg, o.J. [um 1935].
Hess, Klara / Klara Hess, Oberin des Vereins der jüdischen Krankenpflegerinnen zu Nürnberg, o.J. [um 1935] Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Nürnberg, Sign. C 21/VII Nr. 64 Weitere Angaben

1912 gehörten dem Nürnberger jüdischen Schwesternverein 9 Pflegende an, alle in der unentgeltlichen Privatpflege für Kranke aller Konfessionen tätig, „der höchste Stand im Schwesternheim war im Jahre 1918 mit 15 Schwestern außer der Oberin erreicht“ (Freudenthal 1925: 139). Seit 1913 war jeweils eine Schwester für die Armenpflege und für die Leitung eines von Nürnberg aus gestifteten israelitischen Kindererholungsheims im Büger Schloss zu Forth zuständig. Bis 1924 wurden insgesamt 33 Krankenschwestern ausgebildet. Die Pflegestation mit Schwesternwohnungen befand sich in der Feldstraße 3, erst 1931 konnte ein eigenes neues Schwesternhaus in der Wielandstraße 6 (vgl. Kolb 1946: 103) bezogen werden. Der Nürnberger jüdischen Schwesternschaft stand zuletzt Oberin Klara Hess (1875 Ermreuth bei Forchheim – 1941 deportiert nach Riga/ Lettland) vor; die biografischen Daten ihrer Vorgängerinnen Oberin Hedwig Thonn und Oberin Therese Markus sind bislang nicht bekannt.

Wie in Frankfurt unterstützte auch in Nürnberg die humanitäre jüdische Logenvereinigung Bne Briss die berufliche jüdische Krankenpflege, hier vertreten durch die Maimonides-Loge, 1903 gegründet und nach dem berühmten jüdischen Arzt, Rechtsgelehrten und Philosophen benannt, und die Jakob-Herz-Loge, 1921 gegründet und nach ersten jüdischen Professor Bayerns, ebenfalls Mediziner, benannt (vgl. Freudenthal 1925: 127-129). Eine tragende Kraft beider Logen war der Nürnberger Reformrabbiner Dr. Max Freudenthal (1868 Neuhaus a.d. Pegnitz – 1937 München), der dem Nürnberger jüdischen Schwesternverein lange Zeit vorstand. Zu den Vorsitzenden des Vereins gehörte auch Rechtsanwalt Fritz Josephthal (1890 Nürnberg – 1954 New York), ein couragierter Mann, welcher sich 1923 einmal sogar auf offener Straße mit Julius Streicher, dem späteren berüchtigten NS-Gauleiter Mittelfrankens und Verleger des Hetzblatts Der Stürmer, anlegte (vgl. Berliner 2001: 2). Über seine Mutter Auguste geb. Brüll war Fritz Josephthal möglicherweise mit der Frankfurter Krankenschwester und Kölner Oberin Frieda (Brüll) Wollmann verwandt. Sein Verwandter Ludwig C. Berlin erinnert sich: „Im jüdischen Leben Nürnbergs war der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, der sogenannte ‚Schwesternverein‘, dessen 1. Vorsitzender er war, eine Herzensangelegenheit für ihn. Es liegt nahe, daß die vier Monate, die er 1915/1916 als Schwerverwundeter in Lazaretten verbrachte, ihm eine besondere Einsicht in die Arbeit von Krankenschwestern vermittelt hatten. Die jüdischen Schwestern pflegten unentgeltlich Kranke aller Konfessionen. Der Verein mußte Mitte der dreißiger Jahre seine Tätigkeit einstellen[,] und Fritz Josephthal übernahm die Umwandlung des bisherigen Schwesternwohnheimes in der Wielandstraße in ein Altersheim. Als solches wurde es bis zur Deportation aller Nürnberger Juden, die im November 1941 begann, benützt“ (ebd.). Vermutlich setzten einige ehemalige Vereinsschwestern ihre Pflegetätigkeit im Altersheim fort.

Der nationalsozialistische Griff nach dem Nürnberger jüdischen Schwesternhaus erfolgte laut dem langjährigen Vorsitzenden der Nürnberger jüdischen Nachkriegsgemeinde, Arno Hamburger, bereits 1935 durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF): „[…] 1945 hatte ich mich aktiv eingeschaltet bei der Beschaffung des ersten Hauses für die jüdische Nachkriegsgemeinde in der Wielandstraße. Hier war ursprünglich einmal ein Haus für jüdische Krankenschwestern, das im Jahre 1935 von der DAF arisiert wurde. Es wurde der jüdischen Gemeinschaft auf meine Initiative hin noch im Mai 1945 zurückgegeben, von der Militärregierung“ (Hamburger 1995: 171). Arno Hamburger und andere Shoa-Überlebende konnten im Nachkriegsdeutschland wieder eine neue Nürnberger jüdische Gemeinde errichten und das frühere jüdische Schwesternhaus Wielandstr. 6 als Altenwohnheim, Gemeindeverwaltung und Gebetshaus nutzen. Seit dem 8. September 1984 verfügt die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN) in der Johann-Priem-Straße 20 wieder über ein eigenes jüdisches Gemeindezentrum. Hierzu gehört das nach Arno Hamburgers Vater Adolf Hamburger benannte Senioren- und Pflegeheim der IKGN mit 108 Plätzen (vgl. http://www.ikg-nuernberg.de/pflegeheim.html [letzter Aufruf am 19.10.2017]).

Die spannende Biografie- und Sozialgeschichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg gilt es im Kontext seiner städtischen und überregionalen Vernetzung weiter zu erforschen. Für wichtige Hinweise und Unterstützung dankt die Autorin Gisela Naomi Blume (Online-Gedenkprojekt „Jüdische Fürther“), Dr. Eckart Dietzfelbinger (Historiker, Nürnberg), Dr. Wiltrud Fischer-Pache und Gerhard Jochem (beide Stadtarchiv Nürnberg), Förderung zeitgeschichtlicher Forschung in Nürnberg und der Vermittlung ihrer Ergebnisse (FZFN), Leibl Rosenberg (Stadtbibliothek Nürnberg: Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde), Dr. Martina Switalski (Historikerin und Lehrerin, Melanchthon-Gymnasium Nürnberg) und Jim G. Tobias (Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V.).

Birgit Seemann, 2013, updated 2020

 

Archivalische Quellen


FRA UAS Bibl.: Frankfurt University of Applied Sciences, Bibliothek: Historische Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege:

Rechenschaftsberichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main

  ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbuch HB 655: Bornheimer Landwehr 85 (Schwesternhaus)

Hausstandsbuch HB 686 und 687: Gagernstraße 36 (Krankenhaus)

  StadtAN: Stadtarchiv Nürnberg:

GSI 133: Quellen des Stadtarchivs zum jüdischen Leben in Nürnberg, Neufassung 1997, bearb. v. Gerhard Jochem: http://www.nuernberg.de/imperia/md/stadtarchiv/dokumente/gsi133_quellen_juedischen_lebens.pdf

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg: Bestand C 7/I Generalregistratur: Sign. C 7/I Nr. 9262 (Laufzeit 1900–1938)

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg: estand E 6 Vereinsarchive: Sign. E 6/157 (Laufzeit 1906–1920): Jahresberichte des Schwesternvereins

Fränkel, Veronika: Einwohnermeldekartei: Sign. C 21/X Nr. 3; Passkarteikarte: C21/VII Nr. 42)

Sämann, Johanna: Einwohnermeldekartei: Sign. C 21/X Nr. 8, Nr. 10)

 UB JCR Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main:

Spezialsammlungen: Digitale Sammlungen: Judaica: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/

Ausgewählte Literatur


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Gütersloh, 3 Bände

Alicke, Klaus-Dieter 2014: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, http://www.jüdische-gemeinden.de (Aufruf vom 21.09.2015)

Berlin, Ludwig C. 2001: Fritz Josephthal, Nürnberg (9.7.1890 in Nürnberg – 14.2.1954 in New York), http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_joseph2d.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Bielefeldt, Katrin 2005: Jüdisches Krankenhaus: Vom „Judenheckisch“ zum modernen Hospital. In: dies.: Geschichte der Juden in Fürth. Jahrhundertelang eine Heimat. Hg.: Geschichte für Alle e.V. – Institut für Regionalgeschichte. Nürnberg: 48-51

BLLV 2015: Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband: Das BLLV-Geschichtsprojekt Erinnern. Jüdische Lehrer und Schulen in Bayern, https://www.bllv.de (Rubrik ‚Initiativen‘) [Stand bzw. letzter Aufruf v. 21.09.2015]

Blume, Gisela Naomi 2010ff.: Memorbuch für die Fürther Opfer der Shoah, http://www.juedische-fuerther.de (Einträge zu Betti Bilha Farntrog, Berta (Schuster) Hahn und ihren Familien) [letzter Aufruf vom 21.09.2015]

Brenner, Michael/ Eisenstein, Daniela F. (Hg.) 2012: Die Juden in Franken. München

Freier, Thomas 2015: Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich: http://www.statistik-des-holocaust.de [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Freudenthal, Max 1925: Die israelitische Kultusgemeinde Nürnberg. 1874–1924. Von Dr. Max Freudenthal, Rabbiner. Nürnberg. – Online-Ausg.: Frankfurt a.M.: Univ.-Bibliothek, 2009, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30-180014736001 [letzter Aufruf am 21.09.2015

Gedenkbuch Nürnberg 1998: Jochem, Gerhard/ Kettner, Ulrike (Bearb.) 1998: Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoa. Hg. v. Michael Diefenbacher u. Wiltrud Fischer-Pache [für das Stadtarchiv Nürnberg]. Mit e. Essay v. Leibl Rosenberg. Nürnberg

Gedenkbuch Nürnberg 2002: Jochem, Gerhard/ Kettner, Ulrike (Bearb.) 2002: Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoa. [Ergänzungsband] Hg. v. Michael Diefenbacher u. Wiltrud Fischer-Pache [für das Stadtarchiv Nürnberg]. Mit e. Beitrag v. Kurt Kellermann. Nürnberg

Glaser, Willie o.J. [2007]: The history of the Jewish hospital in Fürth until 1942. Edited by Gerhard Jochem, http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/EN_FU_JU_hospital.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Hamburger, Arno 1995: Heimkehr in der Uniform der Jüdischen Brigade. In: Brenner, Michael: Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945–1950. München: 169-173

Jochem, Gerhard (Bearb.) 1998: Mitten in Nürnberg. Jüdische Firmen, Freiberufler und Institutionen am Vorabend des Nationalsozialismus / Stadtarchiv Nürnberg. Hrsg. von Michael Diefenbacher und Wiltrud Fischer-Pache [für das Stadtarchiv Nürnberg]. Nürnberg

Jochem, Gerhard 2006a: Chronologie der jüdischen Gemeinde in Fürth bis 1945, 25.05.2006, http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_FU_JU_fuerth4.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Jochem, Gerhard 2006b: Chronologie zur jüdischen Geschichte Nürnbergs 1146–1945, 04.06.2006, http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_nuechron.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Jochem, Gerhard (Bearb.) 2015: Blutvergiftung. Rassistische NS-Propaganda und ihre Konsequenzen für jüdische Kinder und Jugendliche in Nürnberg. Nürnberg 2015: Stadtarchiv Nürnberg

Jörgensen, Kirsten/ Krafft, Sybille (Hg.) 2009: „Wir lebten in einer Oase des Friedens…“. Die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule 1926–1938. Hamburg, München

Kluxen, Andrea M./ Krieger, Julia (Hg.) 2011: Juden in Franken. 1806 bis heute. Hg. v. Bezirk Mittelfranken durch Andrea M. Kluxen und Julia Krieger. 3., teilw. überarb. Aufl. Würzburg

Kolb, Bernhard 1946: Die Juden in Nürnberg 1839–1945. Bearb. v. Gerhard Jochem. Online-Ausg. v. Juni 2007: http://www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_NU_JU_kolb_text.pdf [letzter Aufruf am 21.09.2015]

Ledermann, Marita/ Wolff, Horst-Peter 1996: Zur Geschichte jüdischer Pflegevereine im fränkischen Raum. In: Beiträge zur Pflegegeschichte in Deutschland (Teil I). Heft 5 der Schriften aus dem Institut für Pflegegeschichte. Qualzow: Eigenverlag: 48-62

Reinke, Andreas 1999: Judentum und Wohlfahrtspflege in Deutschland. Das jüdische Krankenhaus in Breslau 1726–1944. Hannover (insbes. S. 216-223: Das Krankenhaus als Lehr- und Ausbildungsstätte)

Schneeberger, Michael 2011: Berta Hahn geb. Schuster. In: ders. (Hg., Bearb.): Gedenkbuch Kitzingen – yiskor. Zum Gedenken an die in der Shoah ermordeten Kitzinger Juden. Recherchiert u. zsgest. v. Michael Schneeberger unter Mitarb. v. Christian Reuther u. Elmar Schwinger. Mit e. Beitrag v. Elmar Schwinger: Schicksalswege der ehemaligen Israelitischen Kultusgemeinde Kitzingen. Kitzingen: Förderverein Ehemalige Synagoge Kitzingen: 187-189

Seemann, Birgit 2019: „Die jüdische Schwester ist längst heimisch geworden in unserer Stadt‟. Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Nürnberg (1900–1938). In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 106 (2019), S. 165-206

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Steppe 1997a: Organisationsformen und Institutionalisierung. In: dies. 1997: 90-127

Wetzel, Juliane 1992: Ausgrenzung und Verlust des sozialen Umfeldes. Jüdische Schüler im NS-Staat. In: Benz, Ute/ Benz Wolfgang (Hg.) 1992: Sozialisation und Traumatisierung. Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.: 92-102

Internetquellen (letzter Aufruf am 11.10.2017)

Alemannia Judaica Birstein: http://www.alemannia-judaica.de/birstein_synagoge.htm

Alemannia Judaica Ermreuth: http://www.alemannia-judaica.de/ermreuth_synagoge.htm

Alemannia Judaica Fürth: http://www.alemannia-judaica.de/fuerth_synagoge.htm

Alemannia Judaica Fürth (Israelitisches Hospital): http://www.alemannia-judaica.de/fuerth_hospital.htm

Alemannia Judaica Kitzingen: http://www.alemannia-judaica.de/kitzingen_synagoge.htm

Alemannia Judaica Nürnberg: Nürnberg – Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt:http://www.alemannia-judaica.de/nuernberg_texte.htm

Alemannia Judaica Wolfratshausen: http://www.alemannia-judaica.de/wolfratshausen_erholungsheime.htm

Bayerische Staatsbibliothek: http://www.bavarikon.de

BA Koblenz Gedenkbuch: Bundesarchiv Koblenz: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/intro.html.de

Deportation und Flucht von Juden aus Fürth: https://www.wikipedia.de

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Nürnberg: https://www.museen.nuernberg.de/dokuzentrum

FZFN: Förderung zeitgeschichtlicher Forschung in Nürnberg und der Vermittlung ihrer Ergebnisse, Nürnberg: http://www.rijo.homepage.t-online.de/testimon/index.html

Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg: http://www.ikg-nuernberg.de

Jüdisches Krankenhaus (Israelitisches Spital) Fürth: http://www.fuerthwiki.de

Jüdisches Museum Franken: http://www.juedisches-museum.org

Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V.: Nuremberg Institute for Holocaust Studies: http://www.nurinst.org

RIJO RESEARCH: Hg. v. Susanne Rieger u. Gerhard Jochem, http://www.rijo.homepage.t-online.de/index-d.html

Stadtbibliothek Nürnberg: Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde: http://www.nuernberg.de/internet/stadtbibliothek/sammlungikg.html

Synagoge (Nürnberg): https://www.wikipedia.de

Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkstätte mit Datenbank): http://www.yadvashem.org

Rothschild´sches Altersheim – ein Wohnprojekt für Frankfurter jüdische Seniorinnen im Zeil-Palais

In den Jahren 1902 und 1903 legten die Stifterinnen Mathilde von Rothschild und Minka von Goldschmidt-Rothschild den finanziellen und rechtlichen Grundstein für zwei Alterswohnheime, die den Bedürfnissen alleinstehender älterer Frankfurterinnen entsprachen. Diese ‚Frauenprojekte‘ betrafen unterschiedliche Zielgruppen: Die Witwe Mathilde von Rothschild, dem konservativ-religiösen Zweig der Frankfurter Rothschilds verpflichtet, öffnete ihr vormaliges Wohnpalais in der Innenstadt frommen Glaubensgenossinnen gutbürgerlicher Herkunft, die wie sie selbst zumeist alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familien entstammten. Ihre Tochter Minka gründete das Rothschild´sche Damenheim für einkommensschwache ältere Mieterinnen aller Konfessionen. Für beide Projekte sorgte als dritte Stifterin Minkas nach Paris verheiratete Schwester Adelheid de Rothschild. Die Stiftungen widmeten Mathilde von Rothschild und ihre Töchter dem Andenken an den verstorbenen Ehemann und Vater Wilhelm Carl von Rothschild.

Fotografie: Hannah Mathilde von Rothschild, Frankfurter Stifterin, ohne Jahr.
Hannah Mathilde von Rothschild, Frankfurter Stifterin, ohne Jahr – © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Das Freiherrlich Wilhelm u. Freifrau Mathilde von Rothschild’sches Altersheim für Israelitische Frauen und Jungfrauen besserer Stände, Zeil 92

Mathilde und Wilhelm von Rothschild wohnten nach ihrer Heirat im Jahre 1849 zunächst im Familienpalais auf der damaligen Prachtstraße Zeil 92 (alte Hausnummer: 34), bezogen dann aber ein neues Palais im Grüneburgpark. Aus dem Rothschild-Palais auf der Zeil, „[…] in welchem der hochselige Freiherr Anselm von Rothschild sein frommes Leben vollbracht und der hochselige Freiherr Wilhelm von Rothschild viele Jahre hindurch seinen frommen Studien obgelegen hat“ (zit. n. Statut Rothschild´sches Altersheim 1907, S. 3) wurde ein jüdisches Frauenaltersheim. Die Stiftung errichtete Mathilde von Rothschild unter Mitwirkung ihrer Töchter Adelheid de Rothschild und Minka von Goldschmidt-Rothschild am 27. März 1903, letztere verstarb kurz vor der bereits am 13. Mai 1903 erteilten behördlichen Genehmigung. Das im gleichen Jahr eröffnete Heim, zu dem auch das Haus Liebigstraße 24 gehörte, bot 25 Plätze. „Zweck der Stiftung war die Gewährung eines gesicherten Heimes gegen eine die Selbstkosten nicht übersteigende Vergütung für alleinstehende israelitische Frauen besserer Stände mit makellosem Lebenswandel“ (Schiebler 1994: 119). Wie die Stifterinnen selbst stammten die meisten Bewohnerinnen aus alteingesessenen jüdischen Familien der Frankfurter Ghettozeit.

Trotz ihrer Tatkraft und ihres organisatorischen Talents gehörte Mathilde von Rothschild (möglicherweise eingeschränkt durch das erst am 15. Mai 1908 aufgehobene Preußische Vereinsgesetz, das Frauen seit 1850 die Mitgliedschaft in Parteien und Organisationen verbot) dem ausschließlich männlich besetzten Stiftungsvorstand nicht an. Sie sicherte sich aber als Ehrenpräsidentin weitreichende Befugnisse, etwa die letzte Entscheidung in Vereinsfragen und die Bestimmung ihrer Nachfolge, sollte doch laut Statut „ein Mitglied der Familie des Freiherrn Wilhelm Carl von Rothschild stets das Ehrenpräsidium der Stiftung führen, wobei die weiblichen Mitglieder stets den Vorzug vor den männlichen Mitgliedern haben sollten“ (zit. n. Statut Rothschild´sches Altersheim, S. 7). Die verwitwete Gründerin, wie die Bewohnerinnen alleinstehend, nahm dort nach Eröffnung des Altersheims wieder ihren Wohnsitz: „Freifrau Mathilde von Rothschild hat sich für ihre Person vorbehalten, die drei Zimmer nach der Vorderseite des Parterres, das Hinterhaus sowie eine Kellerabteilung für sich zu verwenden“ (ebd., S. 6). Aufgrund der dürftigen Quellenlage ist nicht überliefert, wie sich die Kommunikation zwischen der Stifterin und den Bewohnerinnen gestaltete; auch über das Personal und die Innenausstattung ist wenig bekannt. Dass sich die Seniorinnen im Rothschild´schen Zeil-Palais gut aufgehoben fühlten, dokumentiert eine Notiz in der Dezember-Ausgabe 1933 (Heft 4) des Frankfurter Jüdischen Gemeindeblatts (S. 152): „Am 1. Dezember konnte Fräulein Adelheid Stiebel […] in Gesundheit und geistiger Frische ihren 80. Geburtstag begehen.“ Seit 1930 lebte die Witwe Johanna Herzberg, deren Töchter außerhalb Frankfurts wohnten, im Rothschild´schen Altersheim. Eine weitere Bewohnerin, Karoline Bing, konnte 1939 aus Nazideutschland flüchten.

Wenig zu erfahren ist bislang auch über die Angestellten des Rothschild´schen Altersheims, zu denen etwa die dort 1936/37 tätige Köchin Judith Allmeyer zählte. Seit 1917 arbeitete Jenny Hahn (geb. 1898), Tochter eines Viehhändlers im hessischen Birstein, im Seniorinnenheim. Ihre Biographie verband sich mit der Geschichte der Institution, in der sie selbst wohnte und deren Verwalterin sie 1930 wurde. Nachdem ihr Emigrationsversuch 1939 wegen des Kriegsbeginns gescheitert war, hatte sie diese Leitungsfunktion bis zur nationalsozialistischen Zwangsauflösung des Heims inne. Jenny Hahn wurde am 24. September 1942 von Frankfurt nach Raasiku (Estland) deportiert und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet. An ihrem langjährigen Wirkungsort Zeil 92 verlegte der Künstler Gunter Demnig auf Initiative ihrer Nichte Marianne Ockenga am 4. Juni 2011 einen „Stolperstein“ (vgl. http://www.stolpersteine-frankfurt.de/dokumentation.html, mit Foto von Jenny Hahn, aufgerufen am 29.04.2013). Nach dem Tod ihrer Mutter Mathilde im Jahre 1924 unterstützte ihre einzige noch lebende Tochter Adelheid de Rothschild die jüdische Seniorinnenresidenz im ehemaligen Frankfurter Familienpalais von Paris aus und half ihr durch die wirtschaftliche Krisenzeit, u.a. leistete sie eine Großspende von 500.000 Reichsmark. Als die getreue Stifterin 1935 starb, kümmerten sich ihre drei Kinder und Erben Miriam Caroline Alexandrine von Goldschmidt-Rothschild, Maurice Edmond Karl de Rothschild (beide Paris) und James Armand Edmond de Rothschild (London) um den Fortbestand des Altersheims in der NS-Zeit. Über dessen Geschicke ließen sie sich regelmäßig Bericht erstatten. Dem Stiftungsvorstand gehörten 1938 Dr. Salomon Goldschmidt, Leon Mainz, Manfred Schames, Moritz Wallerstein und Max Wimpfheimer an, im Oktober 1939 Ludwig Hainebach, Leon Mainz, Martin Moses, Moritz Wallerstein (inzwischen Amsterdam) und Gustav Zuntz (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten Sign. 9.621). Am 27. September 1940 wurde das Rothschild´sche Altersheim in die von den NS-Behörden eingerichtete Reichsvereinigung der deutschen Juden zwangseingegliedert.

Die Räumung des Rothschild´schen Altersheims erfolgte laut Bericht des Gestapo-Beauftragten bei der Jüdischen Wohlfahrt, Ernst Holland, zwischen dem 1. Juli und dem 30. September 1941. „Die Insassen wurden in verschiedene Altersheime verlegt, überwiegend in das Pflegheim des Jüdischen Krankenhauses […]. Um die Belegungsmöglichkeiten in diesem zu erhöhen, wurde der Betsaal geschlossen und zur Benutzung als Schlafraum eingerichtet“ (zit. n. Andernacht/ Sterling 1963: 471). Die Verwalterin Jenny Hahn begleitete die gebrechlichen Seniorinnen in das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in der Gagenstraße; die hierfür nicht ausgestattete letzte Frankfurter jüdische Klinik musste auf NS-Geheiß eine Altenpflegestation unterhalten. Was aber geschah unterdessen mit dem jetzt ‚arisierten‘ Rothschild-Palais auf der Zeil? „Von 1942 bis zu seiner Zerstörung [durch Luftangriffe, B.S.] 1944 befand sich in dem Haus die Hauptbefehlsstelle und Wache der Obdachlosenpolizei“ (Nordmeyer 1997, Teil II, S. 5). 1949, vier Jahre nach Kriegsende, übergab die Stadt Frankfurt am Main das Grundstück Zeil 92 an die zuständige jüdische Organisation JRSO (Jewish Restitution Successor Organization Inc.); es wurde 1952 an das Kaufhaus Hansa (danach Hertie, Karstadt) verkauft. Bislang (Stand April 2013) erinnert keine Gedenktafel an das frühere Rothschild´sche Altersheim für jüdische Frauen.

Recherchen in der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz des Jüdischen Museums Frankfurt am Main ergaben, dass mindestens 20 betagte Menschen, die im Rothschild´schen Altersheim gewohnt hatten, nach Theresienstadt und andere Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Einige dieser Bewohner/innen, darunter auch Männer, hatten die NS-Behörden dort provisorisch untergebracht und danach an andere Frankfurter ‚Altersheime‘ (Ghettohäuser) oder das Krankenhaus Gagernstraße (vgl. ISG Ffm: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Teil 2): Sign. 687) ‚verteilt‘. Von ihnen blieben Bella Ackermann, Rosa Cahn, Sara Gordon, Sophie Gruenbaum, Flora Heidingsfelder, Esther E. Heilbut, Auguste Hertzfeld, Emma Hirschberg, Eugen Siegfried Jacobson, Helene Kaufmann, Helene Liberles, Julia Mayer, Bertha Moses, Rosalie Nachmann, Johanna Nussbaum, Dorette Roos, das Ehepaar Jenny und Leopold Seliger, Karoline Strauss und Selma Strauss in der Schoa.

Birgit Seemann, 2013

Unveröffentlichte Quellen


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Teil 2): Sign. 687
Magistratsakten Sign. 9.621

Ausgewählte Literatur


Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 Bände.

Karpf, Ernst 2004: Judendeportationen von August 1942 bis März 1945, http://www.ffmhist.de/

Kingreen, Monica (Hg.) 1999: „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945. Frankfurt/M., New York.

Lenarz, Michael 2003: Stiftungen jüdischer Bürger Frankfurts für die Wohlfahrtspflege – Übersicht und Geschichte nach 1933, ISG Ffm: http://www.ffmhist.de/

Nordmeyer, Helmut 1997: Die Zeil. Bilder einer Straße vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. [Bearb. u. hg. für das Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt/M.]. Frankfurt/M.

Schiebler, Gerhard 1994: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargest. v. Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen, S. 11-288.

Seide, Adam 1987: Rebecca oder ein Haus für Jungfrauen jüdischen Glaubens besserer Stände in Frankfurt am Main. Roman. Frankfurt/M.

Statut Rothschild´sches Altersheim 1907: Statut der Stiftung: Freiherrlich Wilhelm u. Freifrau Mathilde von Rothschild’sches Altersheim für Israelitische Frauen und Jungfrauen besserer Stände [um 1907]. Online-Ausg. Frankfurt/M.: Univ.-Bibl., 2011, http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/urn/urn:nbn:de:hebis:30:1-307739.

Internetquellen (Aufruf aller Links im Beitrag am 29.04.2013)


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (mit Datenbank): www.stadtgeschichte-ffm.de sowie http://www.ffmhist.de/

JM Ffm: Jüdisches Museum und Museum Judengasse Frankfurt am Main (mit der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz): www.juedischesmuseum.de.

Stolpersteine Ffm: Initiative „Stolpersteine“ Frankfurt am Main: www.stolpersteine-frankfurt.de.

Joseph und Hannchen May’sche Stiftung für Kranke und Hilfsbedürftige – Baugeschichte und Personen

Baugeschichte

Die Schenkung der Geschwister May an die Gemeinde Rödelheim
Zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern Joseph Hirsch May und Hannchen May schenkten die Söhne Julius und Arthur May, unter Beteiligung der Tochter Rege, am 20. Mai 1874 der Gemeinde Rödelheim eine „Behausung nebst Zubehör, zur Unterbringung ihrer Kranken und Armen“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3). Auf dem Grundstück, auf dem die Eltern ehemals selbst wohnten, war dafür ein Gebäude mit acht Zimmern und einem Betsaal für israelitische Gottesdienste, der nach Osten der Ortschaft Hausen zu ausgerichtet war, errichtet worden (vgl. Trümpert 1881: 39). (Siehe auch Beitrag „Stiftungsgeschichte“ und Datenbankeintrag „Institution“)

Im Besitz der Stadt Frankfurt am Main und erste Sanierungen
Als Rödelheim 1910 zu Frankfurt eingemeindet wurde, ging auch das Rödelheimer Krankenhaus in die Verwaltung des städtischen Krankenhauses über (vgl. Lustiger 1988: 147), welches im darauf folgenden Jahr eine Erweiterung von 26 auf 35 Betten begann. Im Rahmen des Umbaus wurde die Ent- und Bewässerungsanlage saniert, eine Warmwasseranlage und elektrische Beleuchtung wurden installiert. Hinzu kamen ein Licht- und Luftschacht, eine Badeanlage und eine neue Koch- und Heizungsanlage. Renoviert wurden auch die Krankenräume und das Schwesternzimmer. Die Kosten waren auf 6.850 Mark veranschlagt worden (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 10). In den folgenden Jahren wurden immer wieder Grundstücke hinzugekauft, und man erhielt vereinzelte Zustiftungen wie das Erbe von 150 M durch die Witwe Margarethe Kohlhoff geb. Melsoch von Friedrichsdorf i/T. im Jahr 1916 (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 13). Während des Ersten Weltkriegs wurde das Haus auch als Lazarett genutzt (Kraft 1960).

Zeichnung: Ein Grundriss aus der Planungsphase des Hauses im Jahr 1925.
Ein Grundriss aus der Planungsphase des Hauses im Jahr 1925 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Die Umwandlung zum Siechenhaus und Erweiterungsbauten
1922 erfolgte die Umwandlung in ein Siechenheim in welchem 32 Personen untergebracht waren, davon 12 Männer und 20 Frauen (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 35). 1925 bahnte sich ein Ausbau im größeren Umfang an: „Da es nicht mehr möglich ist, die dauernd siechen Personen geeignet unterzubringen, sind wir gezwungen, der Erweiterung des Siechenhauses, Rödelheim näherzutreten“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49). Geplant wurde die Unterbringung von 90 Patienten, die Aufstockung des Pflegepersonals um acht bis zehn Personen und eine Erweiterung der Wirtschafts-, Bade- und Aufenthaltsräume. Auch wurde eine Leichenhalle geplant, eine neue Waschküche sowie ein Hebekran in der Badezelle für „durch Gicht vollständig krumm und steif gewordene Patienten“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49). Die Kosten schätzte man auf 250.000 M. Um für den Erweiterungsbau argumentieren zu können, errechnete das Rechneiamt die mögliche Einsparung. Ausgehend von ca. 200 pflegebedürftigen Personen, die zu der Zeit zu einem Tagessatz von 4,50 M in Krankenhäusern untergebracht waren, war das Ziel durch den Wegfall der medizinische Pflege im Siechenhaus einen täglichen Pflegesatz von 2,25 M in einem Siechenheim zu erreichen. Die errechnete Ersparnis betrug 48.453,75 M. Zudem würden Betten in den Krankenhäusern frei (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49a).

Zeichnung: Ausschnitt des Grundrisses von 1925.
Ausschnitt des Grundrisses von 1925 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

1927 gab auch der Stiftungsvorstand sein Einverständnis zur Umwandlung, da, seiner Meinung nach, der Stiftungszweck Kranke und Arme unterzubringen erhalten blieb (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 79). Die Planer ergänzten weitere Details, so etwa Spuckbecken mit Wasserspülung auf den Fluren, um die TBC-Ansteckungsgefahr zu minimieren (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 106). Anlässlich der Einweihungsfeier des Anbaus im April 1930 wurden sowohl der Architekt Max Cetto aus der Gruppe um den Siedlungsdezernenten Ernst May als auch der Magistratsbaurat Weber gelobt, ihrer Arbeit sei es zu verdanken, dass Alt- und Neubau sich „zu einem einheitlichen Baukörper von größter Klarheit und Uebersichtlichkeit [sic] […] in der Anlage und vollendeter Zweckmäßigkeit zusammen[fügen]. Der Bau ist in lichten, freundlichen Farben gehalten und wohlgegliedert durch breite Fensterbänder“ (Frankfurter Nachrichten 29.4.1930). Auch berichtete die Zeitung von 101 Betten in 18 Krankensälen und -zimmern mit zwei bis sieben Betten, von Tagesräumen für Männer wie für Frauen für je 45 Personen. Sechs große Liegehallen waren entstanden, zahlreiche Bäder, Küche und Waschküche ergänzten die Anlagen. Es gab Entlüftungsanlagen, Radio im ganzen Haus mit Lautsprechern in den Tagesräumen und Kopfhörern an jedem Bett. Und das Heim war bereits voll belegt, zu einem Pflegesatz von 2 RM pro Tag (vgl. Frankfurter Nachrichten 29.4.1930).

Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und der Abriss 1983
Am 17.4.1944 schrieb der Fürsorgeleiter Herr Bales: „Am bedauerlichsten ist es, dass wir unser schönes Pflegeheim Rödelheim räumen mussten. Die unmittelbare Nähe der Industrieanlagen hat zu Bombenschäden geführt, sodass es letzten Endes nicht mehr möglich war, den Mitarbeiterinnen zuzumuten, die schwere Pflegearbeit hier in Frankfurt a. M. durchzuhalten“ (ISG Ffm: Luftschutz 88).
Nach dem Krieg wurde das Haus wieder in Betrieb genommen, in den 1950er Jahren erweitert und im Jahr 1983 wegen Überalterung abgerissen. Im Jahr 1987 eröffnete man das neu erbaute Sozial- und Rehazentrum West des Frankfurter Verbandes an derselben Stelle (vgl. www.frankfurt.de).

Fotografie: Siechenhaus Rödelheim, Blick in eine Glasveranda, 1930.
Siechenhaus Rödelheim, Blick in eine Glasveranda, 1930; aus: Nosbisch 1930

Personengeschichte

Krankenversicherungen für das Rödelheimer Kranken- und Armenhaus
Mitglieder der drei Rödelheimer Krankenkassen hatten Anspruch auf eine kostenlose Behandlung im Krankenhaus. Es gab seit 1820 die „Rödelheimer Krankenkasse lediger Israeliten“, die 1895 ca. 50 Mitglieder zählte und ein Vermögen von ca. 15.000 Gulden besaß. Vorsitzender war zu dieser Zeit Leopold Fleisch, ein Metzger, der auch zum Vorstand des Krankenhauses gehörte (vgl. Dippel 1995). Ebenfalls von 1820 war die „Israeltische Beerdigungs- und Krankenunterstützungskasse“ und von 1871 die „Israeltische Krankenunterstützungskasse zur Wohltätigkeit“ (vgl. Dippel 1995). Eine weitere Möglichkeit, kostengünstig im Rödelheimer Spital behandelt zu werden, war die Versicherung per Abonnementsheft über den Arbeitgeber. Ein solches erhaltenes Heft, gedruckt 1875 von der Rödelheimer Druckerei J. Lehrberg u. Comp., ist betitelt als „Abonnement zur Aufnahme in das Spital zu Rödelheim für Gesinde, Handwerksgesellen und Fabrikarbeiter – genehmigt Wiesbaden den 10. März 1875, der Königlich Landrath Rath“. In den darin abgedruckten Statuten zur Aufnahme in das Spital zu Rödelheim der Joseph & Hannchen May’schen Stiftung wird in §1 angeführt: „Durch das Abonnement wird bezweckt, den Abonnenten im Krankheitsfalle die sofortige Aufnahme in das Spital zu erwirken, wo ihnen bis zur vollständigen Heilung Hilfe und Pflege gewährt wird.“ Das Abonnementheftchen konnten Arbeitgeber bestellen und für 10 Pfennig an ihre Arbeiter verkaufen, deren wöchentlicher Beitrag von 10 Pfennig wurde im Heft quittiert (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 312).

ÄrztInnen, PatientInnen, BewohnerInnen
Vom ersten Verwalter des Kranken- und Armenhauses ist lediglich der Name P. Wagner überliefert (vgl. Trümpert 1881: 39). Wohl eine der ersten Bewohnerinnen war Katharina Schaub, von der Pfarrer Trümpert 1881 berichtet: „Der Merkwürdigkeit wegen führe ich an, daß in dem Spitale seit mehreren Jahren eine an Körper und Geist noch gesunde Frau im Alter von 97 Jahren eine Zuflucht gefunden hat; es ist das die Wittwe [sic] Katharina Schaub, geb. den 1. Jan. 1784“ (vgl. Trümpert 1881: 39).
1910 schied der bisherige im Haus praktizierende Arzt Sanitätsrat Dr. Momberger aus Altersgründen aus, und Dr. Theodor Katz übernahm seine Aufgabe. Dr. Katz wurde am 16. Januar 1882 in Kaiserslautern geboren, hatte in Würzburg studiert, 1908 seinen Militärdienst absolviert und im selben Jahr ein längere Reise nach Brasilien unternommen. Nach einer Anstellung in Hamburg/Eppendorf war er nun Assistenzarzt an der städtischen Klinik (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 5). In einem Dokument von 1925 wird seine Stelle in Rödelheim als nebenamtliche Fürsorgestelle bezeichnet, wodurch er verpflichtet war, dreimal wöchentlich das Haus zu besuchen und dafür eine Grundvergütung von 50 M monatlich zzgl. einer örtlichen Sonderzuschlages erhält (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 51).

Fotografie: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des May'schen Siechenhauses, um 1930.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des May’schen Siechenhauses, um 1930; aus: Ausstellung Dippel, 1995

Überliefert ist ein Foto der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „alten Pflegeheims“. Das Jahr der Aufnahme ist unbekannt, vermutlich handelt es sich um die Belegschaft des Altenheims, das in den Räumen ab 1922 existierte. Zumindest einige von ihnen haben wohl im Heim gewohnt, was sich aus den Grundrisszeichnungen schließen lässt.

Um 1930 war Frau Direktor Julie Roger die Leiterin des Heims, die auch den Vorsitz des Frankfurter Verbands für Altersfürsorge e. V. inne hatte (vgl. ISG Ffm: Magistratsakte 339, 30.4.1930). Ärztlicher Leiter war Sanitätsrat Dr. Pfannmüller (vgl. Frankfurter Nachrichten 29. April 1930).

Bis zu welchem Zeitpunkt und in welcher Zahl jüdische Bewohner im Heim lebten ließ sich bisher nicht ermitteln. Ein Hinweis stammt aus dem März 1937 als der Frankfurter Verband für Altersfürsorge e.V. in einem Antrag an den Magistrat davon spricht, dass das Heim ausschließlich mit deutschen Volksgenossen belegt“ sei (ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937). Im Krieg kamen „fliegergeschädigte Obdachlose“ als Bewohner hinzu. Sowohl einige Pflegerinnen als auch Bewohner des Heims wurden auf Grund der Bombenangriffe im Krieg nach Rheinhöhe im Rheingau verlegt (vgl. ISG Ffm: Magistratsakte 3813: 81). Als Schwestern namentlich Erwähnung finden in der Literatur die Oberschwestern Anni Bohne und Frau Satzinger. Von Oberschwester Satzinger berichtet der Fürsorgeleiter Direktor Bales im April 1944, dass sie einige Pensionshäuser in Bad Salzhausen übernommen habe, nachdem sie das zerstörte Dornbuschheim [siehe Budge-Heim] verlassen hatte und auch in Räumen des Gärtnerwegs 50 bzw. Leerbachstrasse ausgebombt worden war (ISG Ffm: Luftschutz 88).

Edgar Bönisch 2013

Unveröffentlichte Quellen
Abkürzung ISG Ffm = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Kraft 1960: Stadtkanzlei G. Kraft in ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312, 30.5.1960

ISG Ffm: Luftschutz 88: Die Fürsorgeleitung, Ziehen-Oberschule, Frankfurt am Main, Dir. Bales an Julie Roger, Villa Roger, Jugenheim an der Bergstraße 17.4.1944.

ISG Ffm: Magistratsakten V 339 1874, 1910-1941: Krankenhaus in Rödelheim (MAYsche Stiftung), ab 1922 Siechenhaus

ISG Ffm: Magistratsakte 3813: 81, vom 1.2.1944

ISG Ffm: Stiftungsabteilung 312

Literatur

Trümpert, Rudolph 1881: „Chronik“ der Stadt Rödelheim von Rudolph Trümpert ev. Pfarrer daselbst. Rödelheim

Lustiger, Arnold (Hg.) 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main

Frankfurter Nachrichten 118, vom 29.4.1930

Nosbisch, W. (Bearbeiter) 1930: Das Wohnungswesen der Stadt Frankfurt a. M. Herausgegeben im Auftrage des Magistrats aus Anlass der diesjährigen deutschen Tagung für Wohnungswesen vom Hochbauamt und Wirtschaftsamt. Frankfurt am Main

Internetquelle

www.frankfurt.de: http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835&_ffmpar[_id_inhalt]=61774, 15.4.2013

Ausstellungsdokumente

Dippel, Heinrich 1995: Ausstellung im Sozial- und Rehazentrum West, Alexanderstr. 96, Frankfurt am Main

Krankenhaus Strassburg

Frankfurter jüdische Krankenpflege in Straßburg (Elsass)

Zeichnung: Strassburg - Adassa / Israelitisches Krankenhaus Straßburg, Hagenauer Platz (Place de Haguenau), um 1894.
Strassburg – Adassa / Israelitisches Krankenhaus Straßburg, Hagenauer Platz (Place de Haguenau), um 1894 Aus: Architekten- und Ingenieur-Verein für Elsass-Lothringen (Hg.): Strassburg und seine Bauten, Strassburg 1894, S. 523 Weitere Angaben

Die deutsch-jüdische Pflegegeschichte in Straßburg (Elsass), heute Strasbourg, im Osten Frankreichs ist ein bislang unerforschtes pflegehistorisches Thema. Der Artikel beleuchtet erstmals einen Ausschnitt, der zugleich die überregionale Vernetzung und Bedeutung des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main dokumentiert. Von 1911 bis zum Ersten Weltkrieg pflegten im Israelitischen Krankenhaus (Clinique Adassa) Frankfurter jüdische Schwestern unter der Leitung ihrer Oberin Julie Glaser. Auch danach blieben die Schwestern auf ihrem Posten und versorgten in einem großen Straßburger Festungslazarett Schwerverwundete aller Nationen.

Das Israelitische Krankenhaus zu Straßburg (Elsass) / Clinique Adassa de Strasbourg
Am 17. September 1878 errichtete die jüdische Gemeinde zu Straßburg (Strasbourg/ Elsass) das Israelitische Krankenhaus (La Maison de Santé Israélite, später Clinique Adassa) in der Rue de Couples (Kuppelhof). Dort suchten nicht nur jüdische Straßburger/innen Heilung, sondern auch viele Angehörige des elsässischen Landjudentums. „Viele Straßburger sind in der 1878 gegründeten Klinik Adassa geboren“ (Lorey 2014). Wegen des erhöhten Bedarfs zog das Krankenhaus 1885 in einen von Stadtbauinspektor Edouard Roederer konzipierten Neubau am Hagenauer Platz (Place de Haguenau), die feierliche Einweihung fand am 20. Januar 1886 statt. „Die Zahl der Betten für Kranke und Pensionäre beträgt 65. Allen hygienischen Anforderungen ist in ausreichendster Weise Rechnung getragen“ (zit. n. Strassburg 1894: 523).

Das Krankenhaus, die heutige Clinique Adassa (vgl. https://www.clinique-rhena.fr/fr) überlebte als Institution beide Weltkriege und die Shoa; sie ist die einzige jüdische Klinik Frankreichs (Stand 2017) wird der traditionelle Standort in der Rue de Haguenau als eine Stätte jüdischen Lebens vermutlich der Vergangenheit angehören: Im Straßburger Osten entsteht aus Kostengründen das interkonfessionelle Klinikzentrum ‚Rhéna‘, getragen von Adassa (jüdisch), Diaconat (evangelisch) und Sainte Odile (katholisch). „Abstriche müssen die drei Krankenhäuser an der konfessionellen Ausrichtung machen: ‚Wir werden in den Türpfosten keine jüdische Mesusa-Schriftkapsel anbringen und im Krankenzimmer auch kein Kreuz aufhängen‘, so Guillaume Lohr, Generaldirektor der ‚Rhéna-Klinik‘. ‚Die konfessionelle Seite bei der Pflege wird völlig verschwinden.‘ Im Zentrum des Klinikums werde es einen multikonfessionellen Andachtsraum ohne religiöse Symbole geben, der für Christen, Juden und auch Muslime offen sei“ (zit. n. Lorey 2014).

Rosa Spiero / In New York. Aus: Thea Levinsohn-Wolf 1996: Stationen einer Krankenschwester. Frankfurt a.M.: 139 Weitere Angaben

Frankfurter jüdische Krankenschwestern in Straßburg
Um 1910 fanden im Israelitischen Krankenhaus zu Straßburg umfangreiche Modernisierungen statt, die auch die Etablierung einer professionellen Krankenpflege betrafen. Zu der Gründung eines eigenen jüdischen Schwesternvereins kam es indes nicht. Dass sich die dringlichen Anfragen aus Straßburg nach gut ausgebildeten und zugleich deutschsprachigen jüdischen Pflegekräfte an den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main richteten, dokumentiert dessen Ansehen und Bedeutung in der überregionalen jüdischen Pflege (vgl. auch den Beitrag zu Basel und Davos).

Für die anspruchsvolle Aufgabe des Aufbaus einer modernen Pflege entsandte der Verein am 1. Juli 1911 drei bewährte und tatkräftige Schwestern: Operationsschwester Bertha Schönfeld, Narkoseschwester Rosa Spiero und als Oberin Julie Glaser. Für Bertha Schönfeld und Rosa Spiero – nach der Erinnerung ihrer Frankfurter Kollegin Thea Levinsohn-Wolf zwei „starke Charaktere“, die manchen Disput austrugen (Levinsohn-Wolf 1996: 27) – endete die Straßburger Episode bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Seit Beginn der 1920er Jahre oblag den beiden „Kampfhähnen“ (ebd.) die gemeinsame Verantwortung für den pflegerischen Bereich der Chirurgie des Frankfurter jüdischen Krankenhauses Gagernstraße, Rosa Spiero wurde als Oberschwester Bertha Schönfelds direkte Vorgesetzte.

Fotografie: Bertha Schönfeld / Schwester Bertha im Operationssaal des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36.
Bertha Schönfeld / Schwester Bertha im Operationssaal des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36. Thea Levinsohn-Wolf, Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel, Frankfurt am Main 1996, S. 28 Weitere Angaben

Das Straßburger Team verstärkten zudem Blondine Brück und Rahel (Recha) Wieseneck. 1909 waren sie zusammen mit zwei weiteren Schülerinnen nach ihrer „Lehrzeit“ von anderthalb Jahren „auf Grund des Reifezeugnisses der ausbildenden Aerzte mit Zustimmung des Schwesternrats in den Schwesterverband [sic] aufgenommen“ worden (JüdSchwVereinFfm 1910: 5). Nach dem Konzept des Verwaltungsausschusses des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins abwechselnd im stationären Dienst des „Königswarter Hospitals“ und in der Privatpflege tätig, verfügten Schwester Blondine und Schwester Recha über reichhaltige berufliche Erfahrung. Weitere ‚Frankfurterinnen‘ im Israelitischen Krankenhaus Straßburg waren die zwischen 1911 und 1914 ausgebildeten Jenny Cahn, Gertrud Glaser, Ricka Levy und Bella Peritz. Als die politischen Verhältnisse sie im November 1918 aus Straßburg vertrieben, kehrten alle Schwestern mit ihrer Oberin Julie Glaser in das Frankfurter jüdische Schwesternhaus zurück, aus dem Ricka Levy kurz darauf ausschied. Bis auf Gertrud Glaser (Privatpflege) pflegten sie im 1914 eingeweihten neuen Krankenhaus Gagernstraße, Blondine Brück stieg zur Oberschwester der Privatabteilung auf. Mitte der 1920er Jahre folgte Julie Glaser der pensionierten Minna Hirsch in das Amt der Oberin des Großkrankenhauses.

„… den Posten, auf dem man uns gestellt“ – Berichte Frankfurter jüdischer Schwestern aus Straßburg im Ersten Weltkrieg
Infolge politischer Umbrüche waren der Frankfurter jüdischen Pflege in Straßburg nur wenige Jahre (1911–1918) beschieden. Zum Zeitpunkt des Aufenthalts der Frankfurter Schwestern gehörte Elsass-Lothringen, nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 durch das neu gegründete Deutschen Kaiserreich annektiert, noch zu Deutschland. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 leerte sich das Israelitische Krankenhaus Straßburg, aus dem die Patientinnen und Patienten wegen der befürchteten französischen Rückeroberung in Panik flüchteten. Hingegen blieben Oberin Julie Glaser und die Schwestern Blandine Brück, Jenny Cahn, Gertrud Glaser, Ricka Levy, Bella Peritz und Rahel (Recha) Wieseneck auf ihrem ‚Posten‘: Sie kehrten nicht nach Frankfurt zurück, sondern stellten sich unverzüglich der Kriegskrankenpflege vor Ort zur Verfügung (vgl. Beitrag zu Frankfurter jüdischen Pflegenden im Ersten Weltkrieg; Seemann 2014). Neben Einsätzen in der Etappe organisierten die Schwestern mit Julie Glaser als Lazarett-Oberin die Verwundetenpflege im Festungslazarett XXII B, eingerichtet in einem ehemaligen Lyzeum. „Dieses Lazarett in Straßburg wird bald zum hauptsächlichen Gefangenenlazarett für Verwundete aus Frankreich, Russland, Italien, Rumänien, England und Amerika und besteht bis November 1918“ (Steppe 1997c: 217). Nach dem für Deutschland verlorenen Krieg fiel Elsass-Lothringen wieder an Frankreich. Eine vorausgegangene kurze Episode als unabhängige Republik – verbunden mit Angriffen nationalistischer Elsässer gegen noch verbliebene ‚Reichsdeutsche‘ – endete mit dem Einmarsch französischer Truppen. Als sie am 21. November 1918 Straßburg erreichten, hatten die Frankfurter jüdischen Schwestern die Stadt bereits verlassen. Doch lassen wir sie selbst erzählen.

Schwesternbericht (Verfasserin unbekannt, zit. n. JüdSchwVereinFfm 1920: 38-39)

Uns Schwestern traf die Nachricht vom Krieg überraschend und niederschmetternd. Schwester Oberin war noch auf Urlaub. In Straßburg herrschte die größte Erregung. Niemand dort zweifelte, daß die Stadt in den nächsten Tagen von den Franzosen besetzt oder mindestens eingeschlossen und belagert würde. Das bis auf das letzte Bett besetzte Krankenhaus entleerte sich in wenigen Stunden. Die meist aus der Umgebung stammenden Kranken wurden, selbst in schwersten Zuständen, von den kopflosen Angehörigen nach Hause abgeholt. Uns Schwestern fragte der Krankenhausarzt, Herr Dr. Bloch, ob wir nicht nach Frankfurt abreisen wollten, oder was wir sonst beabsichtigten. Aber wir erklärten ihm einstimmig, daß wir den Posten, auf dem man uns gestellt, nicht verlassen würden. Bald darauf kam noch die Depesche aus Frankfurt, die uns die gleichlautende Anordnung des Mutterhauses brachte. Dann waren wir von Frankfurt abgeschlossen. Von unserem Verein wie von unseren Angehörigen hörten wir lange nichts mehr.

Unser Krankenhaus war inzwischen von seinem Vorstande der Militärbehörde zur Verfügung gestellt worden. Die nächsten Tage verbrachten wir voller Ungeduld damit, das Haus zum Lazarett herzurichten, es durch Aufstellung neuer Betten in den Korridoren und allen sonst verwendbaren Räumen zu vergrößern, Wäsche und Verbandzeug herzustellen und andere Vorbereitungen zur Aufnahme der Verwundeten zu treffen. Als aber die Belegung immer wieder ausblieb (wie wir hörten, weil das Haus der Behörde zu klein war), konnten wir das Nichtstun, wo andere überlastet waren, nicht länger ertragen und meldeten uns mit Zustimmung des Krankenhaus-Vorstandes persönlich beim Roten Kreuz. Wir wurden freundlich aufgenommen und schon am nächsten Tag von Dr. Ducroix, dem Chirurgen unseres Krankenhauses, angefragt, ob wir mit in die Vogesen fahren wollten, um bei Verwundetentransporten zu helfen. Dann sollten wir in dem ihm als Chefarzt übertragenen Festungslazarett im Lyzeum die Pflege übernehmen. Wir sagten freudig zu.

Am 17. August fuhren wir mit zwei Autos vom Krankenhaus ab. In einem der Stabsarzt, ein Chirurg, ein Apotheker, das Sanitätspersonal und die Schwestern; im anderen Verbandmaterial und Instrumente. In rasender Fahrt ging es nach dem Verbandplatz Hohwald bei Saarburg. Dort hatte am Tage ein Gefecht stattgefunden. Die Verwundeten mußten von der Höhe herunter nach dem Verbandplatz gebracht werden, einem Gasthaus mit vielen geräumigen Zimmern. Da der Wirt sich geweigert hatte, die Türen zu öffnen und Wasser und Seife herzugeben, wurde mit Gewalt vorgegangen. Deutsche und Franzosen harrten der ersten Hilfe, viele starben bereits auf dem Transport. Mit Mühe wurden die Schwerverwundeten in Zimmern und Gängen geborgen. Die Verbundenen wurden auf Leiterwagen nach der ersten Bahnstation gefahren, in den bereitstehenden Güterzug eingeladen und nach Straßburg verbracht. Leider war es nicht möglich, alle Verwundeten mitzunehmen, da morgens um fünf Uhr der Wiederanmarsch der Franzosen gemeldet wurde und das Feld geräumt werden mußte. Am 18. und 19. August waren wieder zwei von uns in den Vogesen und brachten 200 Schwerverwundete mit.“

Bericht von Oberin Julie Glaser (zit. n. JüdSchwVereinFfm 1920: 39-40)

Als ich, nachts um zwei Uhr angekommen, nach dem Lyzeum kam, war alles eifrig beschäftigt, 500 Verwundete in dem halbfertig eingerichteten Gebäude unterzubringen. Unser Chefarzt mußte mit einem Hilfsarzt für diese alle sorgen. Es wurde fieberhaft gearbeitet, operiert und verbunden, durchschnittlich blieben uns nur vier bis fünf Stunden Schlaf. Trotzdem kamen wir über diese schwerste Zeit mit ihrer aufreibenden Tätigkeit gut hinweg. Die Schwestern gaben überall ihr Bestes; an den vielen Helferinnen hatten wir nur geringe Stütze. Anfangs waren im Lazarett nur Deutsche und Franzosen, bald wurde es ein Gefangenenlazarett. Wir hatten durchschnittlich 250 Deutsche und 300 Gefangene, die sich aus Franzosen, Russen, Italienern, Rumänen, Engländern und Amerikanern zusammensetzten. Im Operationssaal konnte man beim Verbinden die interessantesten Völkerstudien machen; am besten schnitten unstreitig die Amerikaner ab.
Und so verging Jahr um Jahr, das uns viel Arbeit, aber auch viel Befriedigung brachte. Wir lebten im schönsten Einvernehmen mit unseren Ärzten; unsere Verwundeten, besonders auch die Elsässer, waren des Lobes und Dankes voll.

Wie rasch kam der Umschwung! Schon im August 1918 brachten uns die Amerikaner die traurige Kunde, daß wir verlieren würden. Wir lachten sie aus und blieben voller Zuversicht. Sie behielten recht. Es kam die fürchterliche Zeit der Revolution und mit ihr zeigte sich der ungeheure Haß im Elsaß gegen alles, was deutsch war. Wir durften uns nicht mehr auf der Straße blicken lassen, wir waren verfehmt. Im Lazarett herrschte keine Disziplin mehr, der Chefarzt wurde abgesetzt und ein Schreiber rückte an seine Stelle. Die Kleiderkammer wurde von den elässischen Verwundeten ausgeplündert; für die Deutschen blieb ein Rest. Wir sahen ein, daß unseres Bleibens nicht mehr war. In der Nacht vom 15. bis 16. November erging der Befehl, alle deutschen Verwundeten aus Straßburg nach Baden zu schaffen; das deutsche Sanitätspersonal schloß sich an. Am 16. November schnürten wir traurigen Herzens unser Bündel; Amerikaner und Engländer erwiesen uns den Liebesdienst, unser Gepäck an die Bahn zu bringen! Als Vertriebene zogen wir zum großen Tor hinaus, aus dem Hause, in dem wir 4 1/2 Jahre unser Bestes gegeben hatten. Wir erreichten noch den letzten Zug, der von Straßburg nach Frankfurt fuhr, unser treuer Stabsarzt gab uns das Geleite.
Bald lag die wunderschöne Stadt hinter uns. Noch ein letzter Gruß des unvergeßlichen Münsters, und hinein ging’s in den dichten Novembernebel, des Vaterlandes grauer Zukunft entgegen.“

Ausblick

Zeichnung: Standortkarte / Institutionen und Organisationen der jüdischen Krankenpflege im Deutschen Reich 1914.
Standortkarte / Institutionen und Organisationen der jüdischen Krankenpflege im Deutschen Reich 1914 Aus: Hilde Steppe, „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“, S. 115 Weitere Angaben

Wie bereits Hilde Steppes Standardwerk über die deutsch-jüdische Krankenpflege (vgl. Steppe 1997) dokumentiert hat, ist die Quellenlage für einzelne jüdische Schwesternvereine und -stationen lückenhaft. Dieser Befund trifft auch auf Metz in Lothringen zu, wo anders als in Straßburg sogar ein deutsch-jüdischer Schwesternverein bestand, der vermutlich vor 1908 gegründet wurde (vgl. ebd.: 113). Wie die Standortkarte zeigt, gilt es noch manche Forschungslücken jüdischer Pflegegeschichte zu schließen und dabei Biografien, Institutionen und Stätten jüdischen Lebens und Wirkens zu entdecken. Die Spurensuche geht weiter.

Birgit Seemann, 2015, updated 2017

 

Primärquellen


Archives départementales du Bas-Rhin, Strasbourg: http://archives.bas-rhin.fr

Bestandsübersicht zu Spitälern mit jüdischer Geschichte im damaligen Elsaß

 Centrum Judaicum Berlin: Stiftung Neue Synagoge Berlin ‒ Centrum Judaicum

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main (Eingetragener Verein). Jahresberichte 1898-1911, Frankfurt a.M.: Akte CJA, 1, 75 A und C

 FRA UAS Bibl.: Frankfurt University of Applied Sciences, Bibliothek, Historische Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege:

Jahres- und Rechenschaftsberichte des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins

 ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbuch HB 655: Bornheimer Landwehr 85 (Frankfurter jüdisches Schwesternhaus)

Hausstandsbuch HB 686 und 687: Gagernstraße 36 (Frankfurter jüdisches Krankenhaus)

 UB JCR Ffm: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main:

Spezialsammlungen: Digitale Sammlungen: Judaica (mit Compact Memory): http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/

Literatur und Links (aufgerufen am 20.10.2017)


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Straßburg (Elsass). In: ders.: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 3: Ochtrup – Zwittau. Gütersloh: 3982-3988

Alicke, Klaus-Dieter 2014: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, http://www.jüdische-gemeinden.de: Straßburg (Elsass)

Assall, Paul 1984: Juden im Elsass. Moos: Elster

Clinique Adassa: https://www.clinique-rhena.fr/fr

Ginsburger, Moses 1911: Die Medizin und Hygiene der Juden in Elsass-Lothringen. Vortrag. Gebweiler: Dreyfus. – Online-Ausg.: Universitätsbibliothek JCS Frankfurt a.M., 2009, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30-180010731118

JüdSchwVereinFfm 1898–1911: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Rechenschaftsberichte, Frankfurt a.M. 1898–1911

JüdSchwVereinFfm 1920: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919. Frankfurt a.M.

Levinsohn-Wolf, Thea 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel. Frankfurt a.M.

Lorey, Jürgen 2014: Interkonfessionell gesunden. In Straßburg entsteht aus dem Zusammenschluss dreier konfessioneller Krankenhäuser eine neue Klinik. In: Mittelbadische Presse, Zeitungen der Ortenau, 03.10.2014, http://www.bo.de/nachrichten/nachrichten-regional/interkonfessionell-gesunden

Seemann, Birgit 2014: „Wir wollen sein ein einig Volk von Schwestern“. Jüdische Krankenpflege und der Erste Weltkrieg. In: Tobias, Jim G./ Schlichting, Nicola (Hg.) 2014: nurinst – Jahrbuch 2014. Beiträge zur deutschen und jüdischen Geschichte. Schwerpunktthema: Davidstern und Eisernes Kreuz – Juden im Ersten Weltkrieg. Im Auftrag des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts hg. Nürnberg: 87-101

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Steppe, Hilde 1997a: Organisationsformen und Institutionalisierung. In: dies. 1997: 90-127

Steppe, Hilde 1997b: Jüdische Krankenpflege im ersten Weltkrieg. In: ebd.: 128-131

Steppe, Hilde 1997c: Der erste Weltkrieg und das Jahr 1919. In: ebd.: 215-220

Strassburg 1894: Architekten- und Ingenieur-Verein für Elsass-Lothringen (Hg.) 1894: Strassburg und seine Bauten. Mit 655 Abb. im Text, 11 Tafeln u. e. Plan der Stadt Strassburg. Strassburg, online: https://archive.org/stream/strassburgundsei00arch/strassburgundsei00arch_djvu.txt

Wallach, Peter 2006: Jüdisches Leben in der Europahauptstadt Straßburg. In: Freiburger Rundbrief. Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung 13 (2006) 4: 289, online: http://www.freiburger-rundbrief.de/de/?item=1133

Joseph und Hannchen May’sche Stiftung für Kranke und Hilfsbedürftige – Die Stiftungsgeschichte

Die Schenkung von Grundstücken und einem Gebäude für Kranke und Arme

Dokument: Schenkungsvertrag Maysche Stifung, Rödelheim.
Schenkungsvertrag nach einer Kopie in der Magistratsakte V339 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Am 11. Oktober 1874 bewegte sich ein „stattlicher Zug“ von Rödelheimer Bürgerinnen und Bürgern vom Rathaus zum neuen Kranken- und Armenhaus. Das Haus lag „in der Fortsetzung der Alexanderstraße zur Rechten“ (Trümpert 1881: 39). Landrath Rath aus Wiesbaden und der Frankfurter Polizeipräsident Hergenhahn waren vor Ort. Der katholische Pfarrer Hungari und sein evangelischer Kollege Trümpert hielten Weihereden, wofür sie von den Stiftern des Hauses Julius und Arthur May bezahlt wurden (vgl. Trümpert 1881: 39). Die Brüder May sowie zu einem kleineren Teil Recha Seligstein, eine der Schwestern von Julius und Arthur, mit ihrem Mann Samuel hatten das Kranken- und Armenhaus im Wert von etwa 18.000 Gulden (vgl. Lustiger 1988: 147) der Gemeinde Rödelheim geschenkt.
Der Schenkungsvertrag ist auf den 20. Mai 1874 datiert und beginnt mit den Worten: „Nachdem sich für die Gemeinde Rödelheim schon häufig als Mangel fühlbar gemacht hat, dass sie kein Kranken- und Armenhaus besitzt, worin die zu Unterstützenden verpflegt werden, haben die Herren Julius May & Arthur May in Frankfurt a/M. zu diesem Zwecke und zugleich zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern, den Herrn Jos. Hirsch May und dessen Ehefrau Hannchen geb. Mayer, auf den ihnen zugeschriebenen Grundstücken der Rödelheimer Gemarkung Flur 7 No. 137.6 138.3 139.3 140.3 141.3 & 142 ein zur Krankenverpflegung und Armenversorgung geeignete Behausung, wovon in der Anlage ein Riss beiliegt, auf ihre Kosten erbauen lassen.“ Die einzelnen Vertragspunkte sind im nebenstehenden Rahmen aufgelistet.
Der Vertrag ist unterzeichnet von den Schenkenden, für die Gemeinde Rödelheim von Bürgermeister Müller und seinen Gemeinderäten und für den Vorstand der israelitischen Gemeinde von Josef Neumann, J. Lehrberger, B. J. Schott, M. Ehrmann und S. M. Mandelbaum (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3).

Für das Jahr 1897 ist es möglich, den Vorstand des Spitals aus dem Adressbuch Rödelheim zu rekonstruieren: Der christliche Vorstand setzte sich zusammen aus dem Bürgermeister Stubberg, dem Arzt Dr. Hermann Momberger, der das Rödelheimer Spital medizinisch betreute, dem Chemie-Fabrikanten Franz Schulz und Wilhelm Schmidt, der eine Bettfedernreinigung betrieb. Der jüdische Vorstand bestand aus dem Buchdruckereibesitzer Mayer Lehrberger, dem Kaufmann Simon Mandelbaum und dem Metzger Leopold Fleisch (vgl. Dippel 1995).

Eingemeindung Rödelheims zu Frankfurt
Im Zuge der Eingemeindung von Rödelheim zur Stadt Frankfurt am Main im Jahr 1910 ging das Krankenhaus an das städtische Krankenhaus über, während die israelitische Gemeinde weiterhin unabhängig blieb (siehe Lustiger 1988: 147). Den Vorsitz des Vorstands übernahm, gemäß eines Magistratsbeschlusses, der Vorsitzende der Anstaltsdeputation, der Verwaltung der Kranken- und Armenhäuser der Stadt Frankfurt am Main (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1).

Die Umwandlung zum Altenheim
1922 beantragte die Anstaltsdeputation beim Magistrat die Einrichtung des Krankenhauses Rödelheim als Siechenhaus. Der Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten von Siechen war stark gestiegen, und man sah das Rödelheimer Spital als sehr geeignet dafür an, da seine 31 Krankenbetten durch die Rödelheimer Bürgerinnen und Bürger nicht ausgelastet waren und der Stiftungszweck „zur Krankenverpflegung und Armen-Versorgung“ durch die Veränderung nicht beeinflusst würde. Der Antrag wurde genehmigt unter den Bedingungen, dass Einwohner des Stadtbezirks Rödelheim bei der Unterbringung bevorzugt würden, dass die Krankenhauspflege, falls notwendig, wieder hergestellt werden könne und, dass das Personal mit übernommen werden würde (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 17.3.1922).

Dass die Konsequenzen aus der Umwandlung zum Siechenhaus nicht ganz klar waren, zeigt ein Disput zwischen dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Rödelheim Heinrich Hammel und dem Magistrat. Heinrich Hammel hatte 1924 den erkrankten Synagogendiener Markus in das Israelitische Krankenhaus in der Gagernstraße einweisen lassen und war der Meinung, dass dies kostenlos erfolgen müsse, da durch die Umwandlung in ein Siechenheim keine Krankenbetten mehr zur Verfügung standen und diese durch die Stadt gestellt werden müssten. Vermutlich begründete er dies durch §4 des Schenkungsvertrags, der die Sondernutzung durch israelitische Arbeitsunfähige regelte. Der Magistrat teilte jedoch diese Meinung nicht, da es sich nicht um Arbeitsunfähigkeit, sondern um Krankheit handele, wollte in diesem Fall jedoch aus Kulanz nicht auf die Rückzahlung der Verpflegungskosten bestehen (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 36-37).

Die nationalsozialistische Einflussnahme

Fotografie: Siechenhaus Rödelheim, Hofansicht.
Siechenhaus Rödelheim, Hofansicht; aus: Nosbisch 1930

Der §6 der Schenkungsurkunde von 1874 sah vor, dass im Kranken- und Armenhaus ein „Betsaal für den israelitischen Gottesdienst zu reservieren“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3) sei. Gemäß der Auskunft von Arthur Hammel, dem Sohn des letzten Gemeindevorstehers der jüdischen Gemeinde Rödelheim, Heinrich Hammel, bestand der Betsaal im Jahr 1933 noch: „Im Hospital verstorbene Juden wurden in diesem Raum aufgebahrt und von hier aus auf dem jüdischen Friedhof Rödelheim, Westhausen, beerdigt“ (Dippel 1995).

Im März 1937 beantragte der Frankfurter Verband für Altersfürsorge e.V. beim Rechtsamt in der Stiftungsabteilung den Betraum für „bessere Zwecke“ nutzen zu dürfen, d. h. für Pflegezwecke, da die Raumnot groß sei. Außerdem würde der Raum fast das ganze Jahr leerstehen und nur von wenigen Menschen genutzt, „es kommt hinzu, dass diese wenigen Menschen als Juden der deutschen Volksgemeinschaft nicht angehören, während das Heim ausschließlich mit deutschen Volksgenossen belegt ist“ (ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937). Die Genehmigung der Umwandlung des Betraums wurde damit begründet, dass die ursprüngliche Nutzung nur von den Erben der Schenkenden eingefordert werden dürfe, diese jedoch nicht mehr am Leben seien [was nicht richtig ist, siehe Beitrag: „Die Stifterfamilie May“ (in Vorbereitungt) d. A.]. Auch gäbe es kein öffentliches Interesse an der ursprünglichen Nutzung. Im Gutachten der Stiftungsabteilung des Rechtsamts vom 23.4.1937 heißt es: „Praktisch liegt der Fall so, dass der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde, Heinrich Hammel […] je einmal im Februar und August mit 8-9 Gemeindemitgliedern einen etwa ½-stündigen Gottesdienst in dem Zimmer abhält. Das ursprüngliche Gebetszimmer ist längst den Umbauten zum Opfer gefallen, dafür wurde ein Ersatzraum in einem Seitenflügel eingerichtet. […] Den Juden sei vorgeschlagen worden, die beiden Gedächtnisstunden in der Rödelheimer Synagoge abzuhalten, sie wollten aber darauf nicht eingehen.“ Weiter heißt es, dass auch andere durch die Stiftungsurkunde festgelegte Vergünstigungen für Juden (Belegung von mindestens vier Zimmern des Armenhauses mit Israeliten und Anspruch auf rituelle Verpflegung) wohl spätestens 1922 bei der Umwandlung in ein Altersheim aufgegeben worden seien. Es wird betont, dass inzwischen die früheren jüdischen Einflüsse auf das Heim bzw. seine Leitung und Verwaltung „vollkommen ausgeschaltet“ seien (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937).

Schenkung oder Stiftung und die Folgen

Fotografie: Burgfriedenstraße 5, Wohnhaus von Heinrich Hammel, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rödelheim.
Burgfriedenstraße 5, Wohnhaus von Heinrich Hammel, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rödelheim, und seiner Familie © Edgar Bönisch

Da in den unterschiedlichen Papieren mal von Schenkung mal von Stiftung die Rede ist, versuchte das Rechtsamt der Stiftungsabteilung der Stadt Frankfurt 1941 Klarheit zu schaffen. Festgestellt wurde, dass die als Stiftung bezeichnete Joseph und Hannchen May Stiftung eine Schenkung der Brüder May war. Weiterhin stellte man klar, dass es sich bei zwei weiteren Transfers ebenfalls um Schenkungen handelte: zum einen 10.000 Mark im Mai 1886 durch Arthur May an die Israelitische Kultusgemeinde Rödelheim zur Osterspeisung armer Israeliten (Lustiger 1988: 28) und 12.000 Mark im Mai des Jahrs 1891 durch Julius May zur Unterstützung Armer an die Israelitische Gemeinde Rödelheim. Beide Beträge seien in den Unterlagen der Rödelheimer Gemeinde als Überweisung an die Josef und Hannchen May’sche Stiftung bezeichnet worden, da es sich jeweils um Schenkungen handele und es sich nicht um einen staatliche Beaufsichtigung handelte, könnte man jedoch nicht von einer Stiftung sprechen (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 12.3.1941). Durch die Einordnung als Schenkung wurde es einfacher mit dem Zweck der Schenkung willkürlich zu verfahren.

Nachkriegszeit
In den 1950er Jahren erfolgte ein weiterer Umbau. Dies war auch in den 1970er Jahren geplant, jedoch stellte man fest, dass das Gebäude inzwischen völlig veraltet war, worauf 1983 der Abriss folgte und ein anschließender Neubau im Jahr 1987 eingeweiht wurde (vgl. ISG Ffm: Fürsorgeamt 3.944).
Der heutige Eigentümer des Sozial- und Rehazentrums West in Rödelheim, der Frankfurter Verband e.V., macht auf die Ursprünge des Heims durch eine kleine Ausstellung aufmerksam (Stand 2012), die der ehemalige evangelische Pfarrer von Rödelheim Heinrich Dippel zusammengestellt hat und die bedingt zugänglich ist. Das Andenken an Joseph und Hannchen May im Sinne ihrer Kinder soll dieser Artikel unterstützen.

Edgar Bönisch 2013

Unveröffentlichte Quellen:
Abkürzung ISG Ffm = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

ISG Ffm: Fürsorgeamt 3.944

ISG Ffm: Magistratsakten V 339 1874, 1910-1941: Krankenhaus in Rödelheim (MAYsche Stiftung), ab 1922 Siechenhaus

ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312, vom 23.4.1937

 
Literatur

Lustiger, Arnold (Hg.) 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

Nosbisch, W. (Bearbeiter) 1930: Das Wohnungswesen der Stadt Frankfurt a. M. Herausgegeben im Auftrage des Magistrats aus Anlass der diesjährigen deutschen Tagung für Wohnungswesen vom Hochbauamt und Wirtschaftsamt. Frankfurt am Main

Trümpert, Rudolph 1881: „Chronik“ der Stadt Rödelheim von Rudolph Trümpert ev. Pfarrer daselbst. Rödelheim

 
 Ausstellungsdokumente

Dippel, Heinrich 1995: Ausstellung im Sozial- und Rehazentrum West, Alexanderstr. 96, Frankfurt am Main

Frankfurter Grabsteine als letzte Zeugen – die Krankenschwestern Bertha Schönfeld und Thekla Dinkelspühler

Durchgang vom Eingangshof zum Friedhof, Jüdischer Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2010 © Edgar Bönisch

Auf dem neueren Friedhof der Jüdischen Gemeinde Frankfurt in der Eckenheimer Landstraße zeugen etwa 800 Grabsteine von antisemitisch Verfolgten, die sich in den Jahren 1938 bis 1943 der nationalsozialistischen Verfolgung und Deportation durch Freitod entzogen haben. Sie bieten ein eindrucksvolles Zeugnis dieser tragischen historischen Ereignisse (http://www.jg-ffm.de/de/religioeses-leben/juedische-friedhoefe, letzter Aufruf dieses und aller folgenden Links am 19.10.2017). Ihre Namen trug in mühevoller Kleinarbeit der Chronist und Schoah-Überlebende Adolf Diamant (1924-2008) zusammen (vgl. ders. 1983). Auch zwei Krankenschwestern des früheren jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße sind darunter: Bertha Schönfeld und Thekla Dinkelspühler, beide gebürtige Hessinnen. Woher kamen sie, wie haben sie gelebt?

Schwester Bertha Schönfeld (1883 Kesselbach/Rabenau – 1941 Frankfurt a.M.)

Schwester Bertha Schönfeld im OP, 1931 Thea Levinsohn-Wolf, Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel, Frankfurt am Main 1996, S. 28

Herkunft
Schwester Bertha entstammte dem Landjudentum im mittleren Hessen (nördlich von Frankfurt am Main). Geboren am 13. September 1883 um 8.00 Uhr in der elterlichen Wohnung in dem Dorf Kesselbach (heute Ortsteil von Rabenau, Landkreis Gießen), war sie, wie damals auf dem Land üblich, eine ‚Hausgeburt‘ (OuSt Rabenau). In Kesselbach lebten um diese Zeit sieben jüdische Familien (etwa 30 Personen), die der Synagogengemeinde im größeren Nachbarort Londorf angehörten. Die jüdischen Kesselbacherinnen waren für ihre besonderes Engagement in der ehrenamtlichen Krankenpflege bekannt; sie versorgten Glaubensgenossen in angrenzenden Dörfern und möglicherweise ebenso christliche Nachbarn: „[…] so haben sich die hiesigen Frauen zusammengefunden und eine Frauen-Chebra gegründet, deren Tätigkeit darin bestehen soll, den Armen bei Krankheit und Trauerfällen hilfreich beizustehen“ („Der Israelit“ v. 01.04.1889, zit. n. http://www.alemannia-judaica.de/londorf_synagoge.htm). Von handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen in der Regel ausgeschlossen, arbeiteten auch die Kesselbacher Juden hauptsächlich „als Viehhändler, als Metzger oder als Kleinkaufleute“; sie lebten wie ihre christlichen Nachbarn „in durchweg einfachen Verhältnissen“ (zit. n. ebd.). Die Eltern Bertha Schönfelds waren:

  • Zimmel „gen.[annt] Emilie“ Schönfeld geb. Wallenstein (geb. 24.07.1859) aus Alten-Buseck (vgl. http://www.alemannia-judaica.de/alten-buseck_synagoge.htm) im Landkreis Gießen, Tochter des Handelsmanns Abraham Wallenstein und der Hannchen geb. Stern (OuSt Rabenau);
  • Simon Schönfeld (geb. 20.07.1850) aus Kesselbach, von Beruf Kaufmann, Sohn des Handelsmanns Moses Schönfeld und der Rebekka geb. Maas.

Bertha Schönfeld war die Zweitgeborene von sechs Geschwistern, deren Lebensdaten zum Teil ebenfalls rekonstruiert werden konnten:

  • Rebekka (Rebeka, Rivka) Fuld (01.11.1881 Kesselbach – 05.02.1939 Frankfurt a.M.), die Älteste, welche als einzige noch einen jüdischem Vornamen trug;
  • Gertrud Schönfeld (21.05.1886 Kesselbach – 05.03.1889 Kesselbach), bereits als Kleinkind verstorben;
  • Adolph Friedrich Schönfeld (27.07.1888 Kesselbach – 17.12.1915), der einzige Bruder, gefallen im Ersten Weltkrieg;
  • Amalie Schönfeld (geb. 09.07.1890 in Kesselbach);
  • Johanna Senger geb. Schönfeld (22.06.1894 Kesselbach – [1942 deportiert]).

Bertha Schönfeld und ihre Geschwister besuchten wahrscheinlich die jüdische Schule in Londorf, wo sich auch eine Synagoge und der jüdische Friedhof befanden. Für jüdische Mädchen auf dem Lande mangelte es an beruflichen Aussichten ebenso wie an geeigneten Heiratskandidaten. Was Bertha Schönfeld betraf, legte sie zeitlebens großen Wert auf ihre persönliche Unabhängigkeit (vgl. Levinsohn-Wolf 1996: 27). Im September 1904 mit 21 Jahren volljährig geworden, verließ sie ihr Heimatdorf und nahm Kurs auf die Großstadt Frankfurt am Main, um bei dem überregional angesehenen Verein für jüdische Krankenpflegerinnen Krankenschwester zu lernen.

Stationen einer Krankenschwester: Privatpflege – Israelitisches Krankenhaus Straßburg – OP-Schwester in der Chirurgie des Jüdischen Krankenhauses Frankfurt a.M.
Als tatkräftige junge Frau Anfang Zwanzig startete Bertha Schönfeld noch in der ‚alten‘ Klinik („Königswarter Hospital„) der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main und dem ebenfalls in der Königswarterstraße gelegenen Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen (im Folgenden bezeichnet als: Frankfurter jüdischer Schwesternverein) ihre Ausbildung. Wie alle Bewerberinnen hatte sie den Richtlinien des Deutschen Verbandes Jüdischer Krankenpflegerinnenvereine von 1905 zufolge „einen ihrem künftigem Beruf entsprechenden Bildungsgrad, Gesundheitszustand und moralischen Lebenswandel“ (zit. n. Steppe 1997: 374) nachzuweisen. 1906 (vgl. ebd: 228) schloss sie ihre Ausbildung erfolgreich ab und war im Anschluss laut Satzungen des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins zu einer dreijährigen Dienstzeit verpflichtet. Der Verein hielt Bertha Schönfeld, wohl infolge ihrer Eigenständigkeit, für die ambulante häusliche Pflege befähigt: Die in Privathaushalten eingesetzten Schwestern hatten die Weisungen des Hausarztes zu befolgen, waren aber in keine Krankenhaushierarchie eingebunden, sondern bei pflegerischen Entscheidungen und im Umgang mit Kranken und deren Angehörigen auf sich gestellt. Hierzu waren „Schlüsselqualifikationen“ (siehe Palesch (Hg.) u.a. 2012: 9) wie selbständige Arbeitsweise, Organisationsvermögen, Belastbarkeit, Zuverlässigkeit und Einfühlungsvermögen unerlässlich. Nicht selten oblag der Schwester neben der eigentlichen Krankenpflege die gesamte Haushaltsführung inklusive Kinderbetreuung, Verköstigung und Wäschereinigung. Zum Schutz der Pflegekräfte vor beständiger Verfügbarkeit und Überlastung stellte der Frankfurter jüdische Schwesternverein ein eigenes Regelwerk auf, beaufsichtigt von Oberin Minna Hirsch: So sollte die in der Privatpflege tätige Schwester „täglich 1 bis 2 Stunden das Haus, in welchem sie pflegt, verlassen, um sich in frischer Luft zu erholen. Die Zeit des Ausgangs ist je nach der Lage des Krankheitsfalls in Uebereinstimmung mit dem behandelnden Arzte und der Familie festzusetzen“ (zit. n. Steppe 1997: 384). Auch war es ihr „im Interesse ihrer eigenen Gesundheit streng untersagt, mehr als zwei aufeinanderfolgende Nachtwachen zu leisten. Die zweite Nachtwache darf nur unter Zustimmung der Oberin oder deren Stellvertreterin geleistet werden“ (ebd.). Grundsätzlich konnte die Privatpflege auch in nichtjüdischen Haushalten stattfinden, doch waren gerade jüdische Haushalte wegen der gesicherten rituellen Versorgung an einer jüdischen Pflegekraft interessiert. Damit ihr eigenes religiöses Leben nicht zu kurz kam, konnte die Pflegende beim Schwesternverein eine Hilfskraft anfordern.
1911 stand Bertha Schönfeld vor einer neuen beruflichen Herausforderung: Ihr Arbeitsplatz verlagerte sich von Frankfurt in das Elsass (bis 1918 Verwaltungsgebiet des Deutschen Reiches), wo der Frankfurter jüdische Schwesternverein unter der Leitung von Oberin Julie Glaser die Pflege am Israelitischen Krankenhaus Straßburg (Clinique Adassa) übernommen hatte. Noch vor dem Ersten Weltkrieg kehrte Schwester Bertha wieder zurück, da das im Mai 1914 neu eröffnete große Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Gagernstraße (im Folgenden bezeichnet als: Krankenhaus Gagernstraße) weiteres qualifiziertes Pflegepersonal benötigte; sie wohnte im neuen modernen jüdischen Schwesternhaus in der angrenzenden Bornheimer Landwehr. Als nur wenig später, im August 1914, die Völkerschlacht des Ersten Weltkriegs begann, wurde Schwester Bertha zunächst nicht in den in Krankenhaus und Schwesternhaus eingerichteten Lazaretten eingesetzt. Stattdessen leistete sie zusammen mit Oberschwester Ida (vermutlich Ida Elise Holz) und einer weiteren (namentlich unbekannten) Kollegin Verwundetenpflege im Städtischen Lazarett „Krankenhaus Ost“ (vgl. Rechenschaftsbericht 1920: 37, 63); dort arbeiteten die drei Jüdinnen mit hauptsächlich nichtjüdischen/christlichen Pflegekräften und Ärzten zusammen.
Mitten im Krieg, am 1. Februar 1917, erhielt Bertha Schönfeld, inzwischen Operationsschwester in der Chirurgischen Abteilung des Krankenhauses Gagernstraße, für zehnjährige „treue Tätigkeit“ die goldene Brosche des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins (Rechenschaftsbericht 1920: 62). Gewiss erlebte sie die Kapitulation 1918 des so siegesgewiss angetretenen wilhelminischen Kaiserreichs wie die großen Mehrheit der Deutschen, ob jüdisch oder nichtjüdisch, als Schmach. Wie mochte sie zugleich die antisemitischen Hetzkampagnen, die ‚die Juden‘ sowie ‚die Linken‘ als Schuldige der Niederlage darstellten, empfunden haben, zumal sich unter den insgesamt etwa 12.000 gefallenen deutsch-jüdischen Soldaten auch ihr einziger Bruder Friedrich befand?
Wohl aus organisatorischen Gründen zog Bertha Schönfeld am 30. Dezember 1925 vom Schwesternhaus in das Krankenhaus um (ISG Ffm: HB 686: 56). Sie war eine tüchtige und erfahrene Pflegekraft, galt aber im persönlichen Umgang als schwierig (vgl. Levinsohn-Wolf 1996: 26-28). Sah sich die unverheiratet und kinderlos gebliebene über Vierzigjährige als ’spätes Mädchen‘ und ‚alte Jungfer‘, wie es zu dieser Zeit abschätzig hieß? Wurde sie bei anstehenden Beförderungen, etwa zur Oberschwester, übergangen? Mangels veröffentlichter Selbstzeugnisse ist über die Kommunikation zwischen Pflegenden und ihren ärztlichen Vorgesetzten sowie untereinander wenig bekannt. Umso wertvoller sind die Einblicke in den Großbetrieb des Krankenhauses Gagernstraße, die uns Thea Levinsohn-Wolf, eine jüngere Kollegin Bertha Schönfelds, durch ihre Autobiographie gewährt. Wie an nahezu jeder Arbeitsstätte gab es dort neben Teamsolidarität auch zwischenmenschliche Konflikte. Im Operationssaal der Chirurgie, so berichtet Schwester Thea, „herrschte seit vielen Jahren Schwester Bertha. Sie behielt ihre vielen jeweiligen Hilfen allerhöchstens für ein Jahr. Böse Zungen sagten von ihr, daß sie fürchterlich eifersüchtig auf jede junge Schwester sei, auf deren eventuelle Tüchtigkeit und eine möglicherweise wachsende Vorliebe des Chirurgen für sie als instrumentierende Schwester. Die Ärzte hätten allerdings niemals gewagt, einen Finger zu rühren – ohne Schwester Berthas vorherige Einwilligung“ (Levinsohn-Wolf 1996: 26f.). Chefarzt der Chirurgie war Dr. Emil Altschüler, sein Stellvertreter Dr. Fritz Katz. Zusammen mit ihrer Kollegin Rosa Spiero (der jüngsten Schwester von Rahel Seckbach, Oberin des Gumpertz´schen Siechenhauses) oblag Bertha Schönfeld nicht nur die Assistenz bei den Operationen, sondern die pflegerische Verantwortung für die gesamte chirurgische Abteilung. Oberschwester war allerdings die etwas jüngere Rosa Spiero und damit Bertha Schönfelds direkte Vorgesetzte und zudem Anästhesieschwester. Ihre beruflichen Wege hatten sich immer wieder gekreuzt: Sie waren der gleiche Abschlussjahrgang (1906) im jüdischen Schwesternhaus und hatten beide vor dem Ersten Weltkrieg im Israelitischen Krankenhaus Straßburg gepflegt. Freundinnen wurden sie nicht. Thea Levinsohn-Wolf erinnert sich: „[…] wir jungen Schwestern hatten einen Heidenspaß an diesen beiden Kampfhähnen, denn sie konnten sich ganz schön laut anschreien, was für Abwechslung und Luftbereinigung sorgte“ (ebd., 27). Und sie fügt hinzu: „Beide Schwestern waren starke Charaktere“ (ebd.).

NS-Zeit

Grab der Bertha Schönfeld auf dem Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2011 © Birgit Seemann

Seit dem 3. Februar 1934 war Bertha Schönfeld in der Waldschmidtstraße 82 gemeldet (ISG Ffm: HB 686: 56). Weshalb sie während der NS-Zeit für einige Jahre außerhalb von Krankenhaus und Schwesternhaus wohnte, ist unbekannt. Leistete sie trotz eigener gesundheitlicher Beschwerden wieder Privatpflege? Unterstützte sie Verwandte? Vielleicht war sie bereits Rentnerin und hatte eine eigene Wohnung bezogen, obwohl ihr ein Alterssitz im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus zustand. Später wohnte sie in der Hanauer Landstraße 27. Als Bertha Schönfeld, möglicherweise unter dem Eindruck des Novemberpogroms und seiner Nachwirkungen, am 5. Dezember 1938 wieder in das Schwesternhaus zurückkehrte, war sie in den Akten als ‚Schwester in Rente‘ vermerkt (ISG Ffm: HB 655: 59). Seit dem 1. Januar 1939 musste sie gemäß der von den Nationalsozialisten zwangsverordneten Änderung von Familiennamen und Vornamen den Zusatznamen „Sara“ (bei Männern: „Israel“) tragen. Am 5. Februar 1939 traf sie ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag: Ihre ältere Schwester Rebekka Fuld nahm sich in Frankfurt am Main mit 57 Jahren das Leben (Yad Vashem: Datenbank, Gedenkblatt). Bertha Schönfelds Schwager August Fuld (geb. 11.01.1882 in Wolfenhausen) – Dekorateur, Tapezierer und Inhaber der bei dem Novemberpogrom 1938 zerstörten Polsterwerkstatt „A. Fuld“ (Jüdisches Museum Frankfurt a.M.: interne Datenbank) – war zuvor aus dem KZ Buchenwald zurückgekehrt und schlug sich fortan als Hilfsarbeiter durch; am 11. November 1941 wurde er von Frankfurt in das Ghetto Minsk (Weißrussland) deportiert und später für tot erklärt. Berthas jüngste Schwester Johanna Senger – sie hatte nach Sachsen-Anhalt geheiratet – wurde am 14. April 1942 ab Magdeburg, zusammen mit Felix Senger (geb. 23.07.1882 in Ueckermünde/Pommern) und Friedrich Senger (geb. 14.07.1925 in Bernburg), vermutlich Ehemann und Sohn, in das Ghetto Warschau verschleppt, wo sich ihre Spuren verlieren.
Am 19. November 1940 vertrieb die NS-Zwangsräumung des Schwesternhauses Bertha Schönfeld von ihrem Alterssitz, sie musste zusammen mit ihren Kolleginnen in das Krankenhaus Gagernstraße umziehen (ISG Ffm: HB 655: 59). Wie die letzten Monate ihres Lebens verliefen, ist unbekannt. Doch war sie sich angesichts der starken Fluktuation des medizinischen und Pflegepersonals durch Emigration (etwa von Oberschwester Rosa Spiero, ihrer früheren Kontrahentin, am 24. März 1941) und der Räumung (1941) des Gumpertz’schen Siechenhauses und der Rothschild’schen Spitäler im Röderbergweg darüber im Klaren, dass sich auch das Krankenhaus Gagernstraße in Auflösung befand. Die letzte Frankfurter jüdische Klinik, Zuflucht für kranke, alte und und weitere Hilfe suchende antisemitisch Verfolgte, war völlig überfüllt und wurde als NS-Sammelstelle vor den Deportationen missbraucht. Am 29. Juni 1941 schied Bertha Schönfeld durch Gift aus dem Leben (ISG Ffm: HB 687: 326) – mit 57 Jahren, wie ihre Schwester Rebekka. Thea Levinsohn-Wolf (1996: 27) schreibt: „Schwester Bertha hatte beschlossen, ihr Leben auf ihre Art zu leben und gegebenenfalls auch zu beenden. Um nicht die Schmach der Deportation erdulden zu müssen, nahm sie sich das Leben.“
Der Suizid Verfolgter unter dem NS-Regime wird in der Forschung unterschiedlich gedeutet (vgl. etwa Fischer (Hg.) 2007; Goeschel 2011): War es ein „Akt der Verzweiflung“, ein letzter „Fluchtweg“, eine bewusste „Entziehung, die gar eine aktive Widerstandshandlung implizieren kann“ (Ohnhäuser 2010: 23)? Für die NS-Täter bedeutete der Suizid eines Opfers offenbar eine Art Niederlage, entzogen sich doch die Betroffenen durch einen eigenständigen Akt ihrer totalitären Kontrolle; „so dominierte in der zweiten Hälfte der NS-Herrschaft der Anspruch der Machthaber auf die Entscheidungsgewalt über Leben und Tod ihrer ausgesuchten ‚Gegner'“ (ebd.: 24). Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig verzeichnet für 1942 zwei Dissertationen an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien: ‚Der Selbstmord, unter besonderer Berücksichtigung der Juden‘ (Wolfgang Damus) und – im NS-Jargon – ‚Der Selbstmord bei Juden und Judenmischlingen‘ (Hans Kallenbach).
In seiner Studie zu dem Berliner Internisten a.o. Prof. Dr. med. Arthur Nicolaier (geb. 1862), welcher sich 1942 das Leben nahm, verweist Tim Ohnhäuser zudem darauf, dass dieser schon längst den ’sozialen Tod‘ der aus dem NS-Alltag selektierten jüdischen Deutschen erlitten hatte. Den zweiten ’sozialen Tod‘ ereilte Dr. Nicolaier dann nach der NS-Zeit durch „Vergessen als Teil der Vernichtung“ (Ohnhäuser 2010: 31): Lange Zeit erinnerte sich kaum jemand an den Entdecker des Tetanuserregers, der wesentlich dazu beitrug, den Wundstarrkrampf zu besiegen.

Auch Bertha Schönfeld, deren Pflege so vielen jüdischen wie nichtjüdischen Kranken zugutekam, ist heute vergessen. Wie ihre Schwester Rebekka Fuld wurde sie auf dem Jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße beerdigt; der Eintrag im Gräberverzeichnis und auf dem Grabstein lautet „Berta Schonfeld“.

Schwester Thekla Dinkelspühler (1901 [Bad] Homburg v.d.H. – 1942 Frankfurt a.M.)

Geburtsurkunde von Thekla Dinkelspühler © Stadtarchiv Bad Homburg

Anders als Bertha Schönfeld war Thekla Dinkelspühler wohl keine Krankenschwester aus Berufung, sondern aus Not: Mit 38 Jahren trat sie unter den repressiven Bedingungen der NS-Zeit als Lernschwester in das Krankenhaus Gagernstraße ein. Während Schwester Bertha aus einem kleinen hessischen Dorf stammte und „echten Frankfurter Dialekt“ (Levinsohn-Wolf 1996: 28) sprach, war Schwester Thekla städtisch geprägt und in einem mittelständischen Geschäftshaushalt aufgewachsen.
Geboren wurde Thekla Dinkelspühler am 4. Juni 1904 zusammen mit ihrer kurz nach ihr auf die Welt gekommenen Zwillingsschwester Luise (auch: Louise; urkundlich: Louisa) in der Wohnung ihrer Eltern, Louisenstraße 34, in der südhessischen Kurstadt Homburg vor der Höhe (seit 1912 Bad Homburg). Sie waren die jüngsten Töchter des Kaufmanns Moritz Dinkelspühler (01.11.1856 Fürth – 01.05.1917 [Bad Homburg v.d.H.]) und seiner Frau Klara (Clara) geb. Eichenberg (20.10.1867 Bad Homburg – 30.05.1934 [Bad Homburg v.d.H.]); der Familienname Dinkelspühler leitet sich vermutlich von der bayerisch-mittelfränkischen Reichsstadt Dinkelsbühl her. Thekla und Luise hatten drei Schwestern:

  • Minna (Mina) Dörnberg (09.07.1888 Homburg v.d.H. – 23.01.1943 Ghetto Theresienstadt [Suizid]) (vgl. auch Daume u.a. (Hg.) 2013, 413);
  • Hedwig Sandberg (1890 Homburg v.d.H. – 1940 oder 1941);
  • Frieda Sandberg (11.10.1892 Homburg v.d.H. – [12.10.1944 deportiert nach Auschwitz]).
  • Die Zwillingsschwester Luise Dinkelspühler, bis zu ihrer NS-bedingten Entlassung als Stenotypistin und Büroangestellte in Bad Homburg sowie in einer Zwieback-Fabrik im nahgelegenen Friedrichsdorf/Ts. tätig, konnte im April 1937 in die USA flüchten. In New York arbeitete sie als Krankenschwester: seit 1941 im Krankenhaus, seit 1946 als Privatschwester (HHStA Wiesbaden).

Moritz Dinkelspühler hatte in das Manufakturwarengeschäft Lehmann & Eichenberg in der Louisenstraße 23 eingeheiratet, er war Mitglied des angesehenen Talmud-Thora-Vereins (vgl. Grosche 1991: 29). Nach seinem Tod (1917) führte die Witwe Klara Dinkelspühler das Geschäft für Textilien, Stoffe, Garne und Damen- und Herrenwäsche fort (ebd.: 44); sie selbst verstarb 1934. Ein Jahr zuvor hatte sie am 1. April noch den staatlich organisierten NS-Boykott jüdischer Unternehmen miterlebt. Ob das Haus Louisenstraße 23 vor oder erst nach der ‚Arisierung‘ einem nichtjüdischen Kohlenhändler gehörte, bleibt noch näher zu prüfen. In den 1930er Jahren wohnte Thekla Dinkelspühler zusammen mit einer ihrer Schwestern im 2. Stock zur Miete (ebd.: 79). Geschäft und Erbe waren verloren. Als 1938 der Novemberpogrom in Bad Homburg tagsüber, vor aller Augen, stattfand, blieb ihre Wohnung nicht verschont. Anlässlich eines nach dem Krieg angestrengten Gerichtsverfahrens berichtete ein Tatbeteiligter: „Auf der ersten Treppe nach oben begegnete ich den Geschwistern Dinkelspühler. Ich ging sodann in den II. Stock […]. Dort waren mehrere Leute […] mit der Demolierung der Wohnungseinrichtung beschäftigt. […] Ich will bekunden, daß ich einen der Männer daran gehindert habe, einige Toilettenseifen einzustecken“ (zit. n. Grosche 1991: 79). Zeugen warfen dem NS-Täter vor, er habe sich sehr wohl „in der Wohnung der Geschwister Dinkelspühler an der Zerstörung der Wohnungseinrichtung aktiv beteiligt“, wo er sogar „auch das Bad zerschlagen“ wollte (Tätervernehmung, zit. n. ebd.: 80).
Am 30. April 1939 hob das NS-Regime den Mieterschutz für alle von ihm als Juden Klassifizierte auf. Auch Thekla Dinkelspühler drohte nun die Zwangseinweisung in ein Ghettohaus (‚Judenhaus‘). Möglicherweise bemühte sie sich vergeblich um eine Ausreise aus Nazideutschland. Sie nutzte die noch verbliebenen wenigen Handlungsoptionen und verließ ihre Geburtsstadt Richtung Frankfurt am Main. Am 14. August 1939 nahm sie der Frankfurter jüdische Schwesternverein als Lernschwester auf (ISG Ffm: HB 655: 64); nicht bekannt ist, ob sie bereits über Pflegeerfahrung verfügte. Sie wohnte wie Bertha Schönfeld im Schwesternhaus und war am 19. November 1940 ebenfalls vom Zwangsumzug in das Krankenhaus Gagernstraße betroffen (vgl. ebd.). Dort beteiligte sie sich vermutlich an der Kranken- und Altenpflege, die infolge der zunehmenden NS-Repressionen unter immer schwierigeren Bedingungen stattfand. Von Schwester Berthas Suizid im Juni 1941 erhielt sie gewiss Kenntnis.

Fotografie: Grab von Thekla Dinkelspühler, Jüdischer Friedhof Eckenheimer Landstraße, Frankfurt a.M., 2011
Grab von Thekla Dinkelspühler, Jüdischer Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2011 © Birgit Seemann
Fotografie: Gebetstext am Eingang zum Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße, Frankfurt a.M., 2011
Gebetstext am Eingang zum Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße, 2011 © Birgit Seemann

Auch Thekla Dinkelspühler nahm sich am 22. Mai 1942 im Krankenhaus Gagernstraße das Leben (ISG Ffm: HB 687, S. 48). Sie wurde 40 Jahre alt. Nur zwei Tage später fand eine weitere große Deportation von Frankfurt nach Polen, diesmal nach Majdanek oder in das Durchgangslager Izbica, statt, von der niemand zurückkehrte. Anders als die in der Schoah Ermordeten erhielt Schwester Thekla auf dem Jüdischen Friedhof Eckenheimer Landstraße ein eigenes Grab. Weder von Thekla Dinkelspühler noch von Bertha Schönfeld sind bislang autobiographische Quellen, etwa Briefe und Tagebücher, überliefert, sie gelten als verschollen. So kann auch dieser Artikel nur eine Annäherung an ihre Biographien sein.

Die Autorin dankt Frau Mira Schneider (Ordnungs- und Standesamt Rabenau), Frau Dr. Krüger und Herrn Mengl (Stadtarchiv Bad Homburg) sowie Dr. Siegbert Wolf (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M.) für ihre Unterstützung und wertvollen Hinweise. Ohne Adolf Diamants, Thea Levinsohn-Wolfs, Allan Hirshs oder Hilde Steppes Erinnerungsarbeit wären Bertha Schönfeld und Thekla Dinkelspühler heute wohl völlig vergessen.

Birgit Seemann, 2014, updated 2017

Ungedruckte Quellen

ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main Hausstandsbücher:

HB 655: Hausstandsbuch Bornheimer Landwehr 85 (Verein der jüdischen Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M.), Sign. 655

HB 686: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M.), Sign. 686, Teil 1

HB 687: Hausstandsbücher Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M.), Sign. 687, Teil 2

 OuSt Rabenau: Ordnungs- und Standesamt Rabenau:

Personenstandsunterlagen Familie Schönfeld

 HHStA Wiesbaden: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden:

Entschädigungsakte Luise Dinkelspühler, Sign. 518/10299.

 StAHG: Stadtarchiv Bad Homburg, Personenstandsunterlagen:

Geburtsurkunde Nr. 129 Dinkelspühler, Thekla

Geburtsurkunde Nr. 130 Dinkelspühler, Louisa

Literatur


Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Gütersloh, 3 Bde.

Améry, Jean 2012: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod. 14. Aufl. Stuttgart.

Daume, Heinz u.a. (Hg.) 2013: Getauft, ausgestoßen – und vergessen? Zum Umgang der evangelischen Kirchen in Hessen mit den Christen jüdischer Herkunft im Nationalsozialismus. Ein Arbeits-, Lese- und Gedenkbuch. Red.: Renate Hebauf u. Hartmut Schmidt. Hanau.

Diamant, Adolf 1983: Durch Freitod aus dem Leben geschiedene Frankfurter Juden. 1933–1943. Frankfurt a.M. [Selbstverlag].

Fischer, Anna (Hg.) 2007: Erzwungener Freitod. Spuren und Zeugnisse in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938–1945 in Berlin. Berlin.

Goeschel, Christian 2011: Selbstmord im Dritten Reich. Berlin.

Grosche, Heinz 1991: Geschichte der Juden in Bad Homburg vor der Höhe. 1866 bis 1945. Hg. v. Magistrat der Stadt Bad Homburg vor der Höhe. In Zsarb. mit Klaus Rohde. Mit e. Beitr. v. Oberbürgermeister Wolfgang R. Assmann. Frankfurt a.M.

Herz, Yitzhak Sophoni 1981: Meine Erinnerung an Bad Homburg und seine 600jährige jüdische Gemeinde. (1335–1942). Rechovoth (Israel): Y. S. Herz; Bad Homburg v.d.H. – 2. Aufl. 1983.

Kieser, Harro o. J.: Jüdische Erinnerungsstätten in Bad Homburg. In: Gemeinschaftskreis UNSER HOMBURG: http://www.gemeinschaftskreis-unser-homburg.de/wp-content/uploads/2010/03/Jüdische-Erinnerungsstätten-in-Bad-Homburg.pdf.

Kingreen, Monica (Hg.) 1999: „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945. Frankfurt a.M., New York.

Levinsohn-Wolf, Thea 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel. Frankfurt a.M.

Ohnhäuser, Tim 2010: Der Arzt und Hochschullehrer Arthur Nicolaier (1862–1942). Eine Annäherung an die Suizide der als „nicht arisch“ verfolgten Ärzte im Nationalsozialismus. In: Kühl, Richard u.a. (Hg.): Verfolger und Verfolgte. Bilder ärztlichen Handelns im Nationalsozialismus. Münster, 15-38.

Palesch, Anja u.a. (Hg.) 2012: Leitfaden Ambulante Pflege. Unter Mitarb. v. Anne Ewering u. Tengü Topuzoglu. 3. Aufl. München.

Rechenschaftsbericht 1920: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919, Frankfurt a.M., 1920.

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Internetquellen (aufgerufen am 19.10.2017)


Alemannia Judaica (Alten-Buseck/ Buseck, Kreis Gießen): http://www.alemannia-judaica.de/alten-buseck_synagoge.htm

Alemannia Judaica (Bad Homburg): http://www.alemannia-judaica.de/bad_homburg_vdh_synagoge.htm

Alemannia Judaica (Kesselbach/ Rabenau): http://www.alemannia-judaica.de/londorf_synagoge.htm

Gedenkbuch BA Koblenz: Bundesarchiv Koblenz: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945. Gedenkbuch: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de

Hirsh, Allan o.J.: Bamberger/Wassermann Family Tree [private genealogische Website]: http://www.ahirsh.com/pdfs/BAMBERGER-WASSERMANN_TREE.pdf

Jüdische Friedhöfe in Frankfurt: http://www.jg-ffm.de/de/religioeses-leben/juedische-friedhoefe

Jüdisches Museum Frankfurt am Main (mit interner Datenbank der aus Frankfurt Deportierten): http://www.juedischesmuseum.de

Spurensuche. Jüdische Friedhöfe in Deutschland. Eine Einführung für Lehrer und Schüler. Website des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen, Duisburg: http://spurensuche.steinheim-institut.org/index.html

Yad Vashem (Jerusalem): Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer: http://www.yadvashem.org