Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Abbildung: Ein Baby wird gewogen. Säuglingsstation Gagernstr. 36

Die Kinder- und Säuglingspflege im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main, Gagernstr. 36

Prolog

Es gibt nur wenige Dokumente, die über die Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus an der Gagernstr. 36, das 1914 eröffnet wurde, berichten. Neben einigen Fragmenten ist es möglich, die Rechenschaftsberichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main zu befragen, um durch die Schwestern des Vereins und deren Arbeit im Krankenhaus mehr zu erfahren. Die Schwestern des Vereins stellten nahezu das gesamte Personal des Krankenhauses und damit auch für den Säuglings- und Pflegebereich im Haus. Die bekannten Berichte reichen jedoch nur bis 1920. Die Pflegehistorikerin Hilde Steppe weist darauf hin, dass für die Zeit nach 1920 für den Verein jüdischer Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main Rechenschaftsberichte „bislang nicht auffindbar“ (Steppe 1997: 232) sind. Für die Berichterstattung zum Zeitraum der Weimarer Republik referiert Steppe auf die Aussagen von Zeitzeuginnen, z. B. Thea Levinsohn-Wolf (Steppe 1997: 232). Sie können ein ungefähres Bild der Entwicklung des Vereins geben. (Mit Krankenhaus ist im Weiteren immer das Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36 gemeint, weiteres Synonym ist etwas das Gagernkrankenhaus. Das Vorgängerkrankenhaus in der Königswarterstraße wird auch als Königswarterhospital oder ‑krankenhaus bezeichnet).

Auch die Pflegehistorikerin Birgit Seemann weist darauf hin, dass es kaum Arbeiten allgemein zum Thema Säuglings- und Kinderpflege gibt, an Ausnahmen nennt sie die Werke von Eduard Seidler 1997 und Bettina Blessing 2013. Dieses Forschungsdesiderat betrifft auch das Pflegepersonal. Auch der Kenntnisstand zu den Frankfurter Kinderkrankenschwestern im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde (Gagernstraße) wie auch in den Rothschild’schen Krankenhäuser, so Seemann, sei höchst lückenhaft (Seemann 2021).

Es erwies sich im Lauf der Forschungen, dass das Krankenhaus zu einem großen Frankfurter Netzwerk im Bereich Säuglings- und Kinderpflege gezählt werden kann, ein Netzwerk, das sich die Aufgaben der Säuglings- und Kinderpflege teilte. Das Verständnis für die Rolle des Krankenhauses im Netzwerk konnte geschärft werden.

Im ersten Kapitel sollen Fakten in Form von Berichten und Fotografien zur Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36 angeführt werden.

In Kapitel zwei werden Dr. Adolf Deutsch und Schwester Minna Hirsch vorgestellt, die durch ein netzwerkübergreifendes persönliches Engagement Einblicke in die Strukturen des Zusammenspiels zeigen.

Kapitel drei versucht, weitere Protagonisten des Netzwerkes in der Schwesternschaft und bei den Ärzten des Krankenhauses zu finden.

Abschließend folgt der Bericht eines Zeitzeugen, der 1933 als 11-jähriger die Kinderpflege als Diphtheriepatient in der Isolationsstation des Krankenhauses erlebt hat.

Welche Hinweise auf die Säuglings- und Kinderpflege im Gagernkrankenhaus gibt es?

Bauliche Einrichtungen für Säuglinge und Kinder in der Gagernstr. 36

Wilhelm Hanauer (1866–1940, vgl. Elsner 2017), Kinderarzt und Medizinhistoriker beschreibt die Situation für Kinder im Königswarter Hospital, dem Vorgänger-Krankenhaus des israelitischen Krankenhauses in der Gagernstraße, welches 1914 eröffnet wurde:

Während bisher die Kinder in denselben Krankensälen wie die Erwachsenen lagen, wurde 1899 im zweiten Stock des Hauses [dem Königswarter Hospital] eine kleine Kinderabteilung, bestehend aus drei Krankenzimmern und einem Tageraum, ferner eine besondere Abteilung für ansteckende Krankheiten (Scharlach, Diphtherie) eingerichtet. Der Raum hierfür wurde dadurch gewonnen, dass man die Verwalterwohnung in das Nebengebäude verlegte.

Hanauer 1914: 45

Den letzten Anstoß zur Erbauung eines neuen Krankenhauses der israelitischen Gemeinde, welches das alte Krankenhaus in der Königswarter Straße ersetzen sollte, war die Androhung des Polizeipräsidenten das alte Hospital zu schließen, wenn keine weiteren Tageräume eingebaut würden.

Während der Planung für das neue Krankenhaus in der Gagernstr. 36 beschloss bereits 1906 der Vorstand der Gemeinde, dass:

anlässlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares ein Kapital von 100.000 Mk. als Grundstock zur Errichtung einer bis dahin fehlenden gynäkologischen Abteilung und Entbindungsanstalt in dem zu erbauenden Hospital aus Gemeindemitteln zu stiften.

Hanauer 1914: 56

In der Baubeschreibung des Krankenhauses heißt es schließlich, vermutlich bezogen auf das erste Obergeschoss:

Besondere Erwähnung verdienen Kindersaal und Säuglingszimmer, welchen eine Loggia vorgelagert ist. Im Kindersaal werden ansteckungsverdächtige kleine Patienten zunächst in einer Box isoliert. Die Säuglinge können durch Glaswände voneinander getrennt werden.

Hanauer 1914: 63

Die angesprochene Vorlagerung einer Loggia weist darauf hin, dass diese Räumlichkeiten eher an den Gebäudeenden oder etwa in den Seitenflügeln untergebracht waren, nur dort sind in der folgenden Abbildung Loggien im ersten Obergeschoss zu erkennen.

Abbildung: Hauptgebäude des israeltischen Kranknhauss in der Gagernstr. 36.
Abbildung: Hauptgebäude des israelitischen Krankenhauses in der Gagernstr. 36.
Aus: Hanauer 1914

Loggien sind für die Säuglings- und Kinderpflege sehr sinnvoll, damit die Kinder an der frischen Luft sein können, in der folgenden Abbildung ein Beispiel aus dem Frankfurter Böttgerheim, einem Kinderkrankenhaus des Kinderheim e. V.

Abbildung: Offene, gedeckte Veranda, Keller 1913
Abbildung: Offene, gedeckte Veranda im Kinderkrankenhaus in der Böttgerstr. Aus: Keller 1913

Eine ergänzende Information, allerdings nur ein schwacher Hinweis auf die Verortung des Kindersaals, ist die Existenz eines Kinder-Spiel und Standplatzes. Er befindet sich zwischen dem rechten Flügel des Hauptgebäudes und dem Wirtschaftsgebäude, im Bild oben rechts.

Fotografien aus dem Krankenhaus

Einige Fotografien aus dem Krankenhaus bestätigen die Anwesenheit von Säuglingen und Kindern im Krankenhaus. Beispielsweise eine Abbildung aus der Säuglingsstation im Jahr 1920.

Abbildung: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M. (Gagernstraße), Säuglingsstation mit Krankenschwestern (2. v. l. Jutta (Irma) Rehfeld, 1888, ermordet in der Shoah), 2. Reihe 1. v. r. möglicherweise Oberschwester Beate Berger, 1886–1940), 11.03.1920 – © Jüdisches Museum Frankfurt, Sign. F88-2-168, Foto: Privat
Abbildung: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M. (Gagernstraße), Säuglingsstation mit Krankenschwestern (2. v. l. Jutta (Irma) Rehfeld, 1888, ermordet in der Shoah), 2. Reihe 1. v. r. möglicherweise Oberschwester Beate Berger, 1886–1940), 11.03.1920 – © Jüdisches Museum Frankfurt, Sign. F88-2-168, Foto: Privat

Ein weiterer Einzelfund weist auf die Anwesenheit oder auch Unterbringung von Kindern im Krankenhaus hin. Margarete Katzenstein war Ärztin im Krankenhaus und hinterließ ein kleines Fotoalbum mit Abbildungen aus dem Krankenhaus, die allerdings nicht weiter beschriftet sind. Einige der Bilder aus dem Album, das Personal beim Frühstück oder bei Besprechungen, scheinen identisch zu sein mit Bildern, die Thea Levinsohn-Wolf im Jüdischen Museum Frankfurt hinterlassen hat, dies müsste noch genauer untersucht werden.

Exkurs: Margarete (Grete) Katzenstein (1904-?)

Margarete (Grete) Henriette Katzenstein wurde am 3. Mai 1904 in Frankfurt am Main geboren. Die Eltern waren vermutlich Moritz und Emma Katzenstein (ancestry.de). Sie studierte in Frankfurt und Heidelberg. 1926/27 famulierte sie bei Dr. Simon Isaac am israelitischen Krankenhaus und bei Dr. Sidney Lilienfeld am Bethanien-Krankenhaus. 1929 wurde sie Assistentin an der Universitätsklinik [vermutlich in Frankfurt am Main], die sie 1933 verlassen musste. Sie bekam eine Anstellung am Krankenhaus der israelitischen Gemeinde und wurde Assistentin von Chefarzt Professor Dr. Simon Isaac. Im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen gab sie Unterricht für die Krankenschwestern, was in der Bescheinigung unten (vgl. LBI AR 25067) bestätigt wird, unterzeichnet von der damaligen Oberin der Schwesternschaft Julie Glaser. Diese Bescheinigung ist damit gleichzeitig einer der wenigen Nachweise, dass der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main eine staatlich geprüfte Pflegeschule unterhielt. Margarete Katzenstein konnte 1940 in die USA emigrieren (vgl. LBI AR 25067).

Fotografien aus dem Krankenhaus von Margarete Katzenstein

Die Bildunterschriften beruhen auf Vermutungen, da die Originale nicht beschriftet sind.

Abbildung: Ein Baby wird gewogen. Säuglingsstation Gagernstr. 36
Abbildung: Ein Baby wird gewogen. Säuglingsstation Gagernstr. 36.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Zwei Kinder in ihren Bette. Vermutlich im Kindersaal des Gagernkrankenhauses. © Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Zwei Kinder in ihren Betten. Vermutlich im Kindersaal des Gagernkrankenhauses.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Kleiner Patient im Gagernkrankenhaus. © Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Kleiner Patient im Gagernkrankenhaus. Vermutlich handelt es sich bei dem Arzt um einen HNO-Arzt. Typisch für HNO-Ärzte war der am Kopf getragene Spiegel.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Ein kleines Mädchen im Krankenhaus in der Gagernstraße 36. © Courtesy of the Leo Baeck Institute
Abbildung: Ein kleines Mädchen im Krankenhaus in der Gagernstraße 36.
© Courtesy of the Leo Baeck Institute

Säuglinge im israelitischen Krankenhaus

In den Akten des Wohlfahrtamtes im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt befindet sich ein Schriftverkehr von 1921 zwischen dem Amt und dem Verwaltungsinspektor des israelitischen Krankenhauses, der nachweist, dass es im Krankenhaus Entbindungen gab, dass Wöchnerinnen untergebracht waren und auch Säuglinge, deren gesunde Mütter im Krankenhaus aufgenommen werden mussten, das sie ihre Kinder stillten (ISG A.51.01 952).

In dem Schriftverkehr ging es um die Vergütung der Anwendungen durch das Wohlfahrtsamt. Man stritt sich um unterschiedliche Beträge, 60 oder 30 Mk. pro Entbindung, die den städtischen Einrichtungen bzw. dem Krankenhaus bezahlt wurden. Welches die jeweiligen Argumente waren, sei hier vernachlässigt (ISG A.51.01 952: 47 ff.). Interessant ist ein Hinweis auf gesunde Frauen, die zum Stillen im Krankenhaus aufgenommen wurden und welche Vergütung dem Krankenhaus hierfür zustände:

Wir ersuchen um gefl. Umgehende Mitteilung, welchen Pflegesatz das Armenamt dem hiesigen Krankenhause bei der Aufnahme nichterkrankter Frauen, die nur zum Stillen ihrer Säuglinge dringend aufgenommen werden müssen, bewilligt. Es handelt sich hier um Säuglinge, die ebenfalls auf Kosten des Armenamtes verpflegt werden.

Schreiben vom 24. Februar 1916, Verwaltungsinspektor des israelitischen Krankenhauses an das Waisen- und Armenamt, ISG A. 51.01952: 43)

In all diesen Fundstücken zur Situation der Säuglinge und Kinder im Krankenhaus ist nichts zu finden, wie oder wie lange Säuglinge und Kinder im Krankenhaus aufgenommen wurden, wo genau sie untergebracht waren und welche Ärzte oder Schwestern für sie sorgten. Kinderabteilungen oder -Stationen wie sie etwa im Christ’schen Kinderkrankenhaus, im Böttgerheim oder auch im Roth’schildschen Kinderkrankenhaus sowie im Königswarter Hospital, dem Vorgänger des Gagernkrankenhauses zu finden waren, scheint es im israelitischen Krankenhaus ab 1914 nicht gegeben zu haben. Eventuell war die Situation für Säuglings- und Kinderpflege im Jahr des Neubaus, 1914, eine andere als noch einige Jahre zuvor, dass eventuell inzwischen mehr Erholungsstätten wie das Kinderheim in Bad Nauheim und Einrichtungen der Weiblichen Fürsorge und des Frankfurter Verbandes und anderer im Versorgungsnetzwerk für Säuglings- und Kinderpflege inzwischen besser organisiert und eingerichtet waren (vgl. Thomann 1988: 167). Vermutlich war das Krankenhaus inzwischen stärker für seine Kernaufgaben, wie Entbindungen und Krankenfürsorge, zuständig und die Bedeutung eines Netzwerkes um die Zuständigkeiten des Krankenhauses herum hatte stark zugenommen.

Das Netzwerk um die Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus

Persönliches Engegement im Netzwerk

Zwei Namen, die eng mit der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege verbunden sind, sind Dr. Adolf Deutsch und Oberin Minna Hirsch. Adolf Deutsch war leitender Arzt der Poliklinik sowohl im alten, wie auch im neuen Hospital der israelitischen Gemeinde, in der Königswarter Straße und in der Gagernstraße. Oberin Minna Hirsch war Oberin der Pflege im Königswarter Hospital und im Gagernkrankenhaus. Ab 1914 war sie zusätzlich Oberin der Schwesternschaft im Verein. Beide zeigen durch ihre vielfältige Arbeit in den unterschiedlichsten Einrichtungen den Zusammenhang innerhalb des Netzwerkes der Säuglings- und Kinderpflege um das Krankenhaus und den Verein der Schwesternschaft.

Adolf Deutsch(1868-1942)

Adolf Deutsch wurde am 21. Januar 1868 in Denver/USA geboren. Er starb am 5. September 1942 in Oxford/UK mit 74 Jahren (ancestry.de). Er studierte in Heidelberg, München und Kiel. Seine Eltern waren vermutlich Jonas Deutsch und Ida, geb. Gottschalk, vermutlich hatte er einen älteren Bruder Leopold Samuel, geboren am 10. Juni 1872 in Mainz. 1905 heiratete Adolf Deutsch Anna Mathilde Schwelm, zweite Ehefrau wurde 1921 Anna Schelastika Holter. (ancestry.de). Er emigrierte am 1. Main 1938.

1891 erhielt er seine Approbation, 1892 promovierte er über „kryptogene Sepsis“. Von 1891-1895 arbeitete er als Assistent am Krankenhaus der israelitischen Gemeinde. Bereits 1892 ließ er sich als praktischer Arzt in Frankfurt am Main nieder. In der jüdischen Gemeinde arbeitete er als Armenarzt. Von 1895 bis 1923 war er leitender Arzt der Poliklinik im alten und neuen Krankenhaus. Während des Ersten Weltkriegs leitete er das Lazarett 27 im Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. 1931 saß er dem Ärztebund vor. Zu seinen Publikationen gehörte 1894 „Über aseptisches Operieren“, 1895 „Behandlung der Oberschenkelbrüche kleiner Kinder“, 1910 „Tuberkulose und Stillen“. Aber er hielt auch zu ganz anderen Themen Vorträge, wie „Goethe und kein Ende“ im Jahr 1932. (Vgl. Kallmorgen 1936: 245 und https://www.juedische-pflegegeschichte.de/personen/adolf-deutsch/ und Seemann 2024a).

Bemerkenswert auch die Autorenschaft einer „genaue[n] Zusammenstellung und Einteilung des Lehrstoffes und des Ausbildungsganges für Krankenpflegerinnen“ (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920: 58) anlässlich der Übergabe seiner Lehrtätigkeit in der Schwesternausbildung an Jüngere, 1918. Diese Unterlage steht nicht zur Verfügung.

Er hatte scheinbar keine spezielle Ausbildung als Kinderarzt, doch hat er sich im Lauf der Zeit immer stark für die berufliche Ausbildung von Krankenschwestern und für die Säuglings- und Kinderpflege eingesetzt. Dies lässt sich anhand seiner Ämter und Beteiligungen dokumentieren:

Er nahm 1904 an der 1. Delegiertenversammlung der deutsch-jüdischen Ausbildungsvereine der Krankenpflege teil. Ab 1911 war er Mitglied im Verwaltungsausschuss des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge und tätig in den Beratungsstellen. Im Verein der jüdischen Krankenpflegerinnen war er ab 1917 im Vorstand des jüdischen Schwesternvereins, wie auch Vorstandsvorsitzender der Säuglingsmilchküche (vgl. https://www.juedische-pflegegeschichte.de/personen/adolf-deutsch/) . Als Lehrender in der Krankenschwesternausbildung war er intensiv beteiligt, wie Thea Levinsohn-Wolf berichtet (Levinsohn-Wolf 2000: 00:18:30).

Adolf Deutsch entspricht damit dem Bild der Förderer der Säuglings- und Kinderpflege:

Meist waren es Internisten, die durch Beobachtung der Kinder deren besondere Bedürfnisse erkannten. Zusammen mit praktischen Ärzten, die sich um Kinder und deren Krankheiten sorgten, erreichten sie gemeinsam eine zunehmende Spezialisierung der Säuglings- und Kinderpflege.

Bönisch 2024a

Die aufgezählten Tätigkeiten von Adolf Deutsch lassen vermuten, dass er sich auch innerhalb des Gagernkrankenhauses für Säuglinge und Kinder besonders einsetzte.

Minna Hirsch (1860-1938)

Minna Hirsch wurde am 1. Dezember 1860 in Halberstadt geboren. Sie starb am 27. April 1938 in Frankfurt am Main. Die Eltern waren der Buch- und Weinhändler Fischl Hirsch und Clara, geb. Fleischhauer. Sie hatte 6 Geschwister.

1889 begann sie ihre Ausbildung als Krankenpflegerin im Hospital der israelitischen Gemeinde in der Königswarter Straße bei Dr. Simon Kirchheim und dem Assistenten Dr. Theophil Jaffé. Von 1893 bis 1914 war sie Oberin der Pflege im Königswarter Krankenhaus. 1893 war sie Mitbegründerin und Oberin des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Um 1904 und weitere Jahre zählte sie zum Beirat der Weiblichen Fürsorge. Im selben Jahr nahm sie, wie Adolf Deutsch an der 1. Delegiertenversammlung der deutsch-jüdischen Ausbildungsvereine der Krankenpflege teil. 1914-1918 hatte sie die Pflegedienstleitung des Lazaretts im Schwesternhaus. Auch im neu erbauten Krankenhaus der Gemeinde in der Gagernstr. 36 war sie weiterhin die Oberin der Pflege, wie auch im Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen in der Landwehrstr. 85 die Oberin der Schwesternschaft.

Nach ihrer Pensionierung 1925 lebte sie weiter im Schwesternhaus, ab 1927 in der Saalburgallee 31 . Im Jahr 1926 besuchte sie ihren Bruder Harry in den USA für 3 bis 4 Monate. Sie segelte mit der Hamburg von Hamburg, die am 13. August 1926 in New York eintraf (ancestry.de Minna Hirsch).

Wie Adolf Deutsch ist Minna Hirsch ein Bindeglied zwischen Netzwerksteilen um das israelitischen Krankenhaus. Beide Namen werden im folgenden Text noch öfter auftauchen.

Institutionen der Säuglings- und Kinderpflege im jüdischen Frankfurt

Es sind im Text einige Bezeichnungen für Institutionen des Netzwerks gefallen, die etwas grundsätzlicher geklärt werden sollen. Öfter werden dabei die Namen Deutsch und Hirsch erwähnt, was die Bedeutung beider Protagonisten von Verein und Krankenhaus für die Anbindung an das Netzwerk verdeutlicht.

Hilde Steppe hebt hervor, dass die Begründer einer jüdischen Pflege und des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen von Beginn an die Pflege als Teil „wichtiger sozialpolitischer Maßnahmen“ (Steppe 1997: 257) sahen und als Zusammenarbeit mit anderen Institutionen verstanden. Einer der wichtigsten Kooperationspartner des Schwesternvereins war das Israelitische Krankenhaus. Die Ausbildung ihrer Schwestern, eines der Hauptaufgaben des Vereins, konnte dort stattfinden und das Krankenhaus profitierte, da der Verein im Lauf der Zeit den gesamten Pflegedienst übernahm (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920, nach Steppe 1997: 257).

Eingehen möchte ich hier zum einen auf den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge, mit starker jüdischer Beteiligung. Zum anderen auf den Israelitischen Hilfsverein mit seiner Abteilung der Weiblichen Fürsorge.

Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge

Gegründet wurde der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge am 8. Dezember 1910. Im ersten Jahresbericht heißt es:

Wissenschaftliche Vorträge der Herren Dr. Hanauer und Dr. Deutsch und anschließende Diskussionen im Frankfurter Ärztlichen Verein hatten die Aufmerksamkeit des Vereins auf eine empfindliche Lücke in der sozialen Fürsorge in unserer Stadt gelenkt. Wohl bestanden seit Jahren die vortrefflich geleiteten Anstalten: Kinderheim, Wöchnerinnen- und Säuglingsheim, Säuglingsmilchküchen, die Krippen verschiedener Vereine für die geschlossene Säuglingspflege. Aber diese Anstalten können insgesamt im Jahre einige hundert Säuglinge versorgen. Dies ist noch weit unter 1/10 der Säuglinge, denen ärztliche Beratung völlig fehlt. Für dies, […] bestanden bis dahin nur die 3 Versorgungsstellen des Israeltischen Gemeinde-Hospitals, unter Dr. Deutsch, des Dr. Christ‘schen Kinderhospitals unter Dr. Cuno und eine private Fürsorgestelle von Dr. Rosenhaupt. Die reichen Erfahrungen der letzten Jahre auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge ergeben die überwiegende Bedeutung der offenen Fürsorge für die Lösung dieses Problems, […]

1. Jahresbericht des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge, zitiert nach Thomann-Honscha 1988: 121

Mit der offenen Fürsorge war die Einrichtung von Beratungsstellen für Mütter und Kinder gemeint, für die sich ab 1911 70 Ärzte zur Verfügung stellten. Zu den 9 Säuglingsfürsorgestellen des Frankfurter Verbandes im Stadtgebiet kamen noch zwei weitere durch die Stadt finanzierte hinzu. Die Beratungsstellen waren jeweils ausgestattet mit einem leitenden Arzt unterstützt von einem weiteren Arzt, einer Schwester und freiwilligen Helferinnen. In den Beratungsstellen wurden, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation der zu Beratenden, die Kinder von den Ärzten untersucht und die Mütter beraten. Das Stillen wurde gefördert, indem jede Stillende ein halbes Jahr lang alle zwei Wochen bei jedem Besuch 50 Pfennig erhielten. Nichtstillende erhielten Säuglingsmilch ins Haus geliefert, den halben Liter für 14 Pfennig (vgl. Thomann-Honscha 1988: 121).

Auch die Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen engagierten sich im Verband für Säuglingsfürsorge. Für die Einrichtungen des Verbandes arbeiteten z. B. die Schwestern Betty Schlesinger, Doris Unger, Else Unger, Dina Wolf und Babette Zucker. Zudem ist bekannt, dass in der Säuglingsberatung des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde unter Anleitung der Oberin Minna Hirsch sowohl Johanna Beermann wie auch Anna Ettlinger arbeiteten (vgl. Seemann 2021). Die Angaben zu der Beratungstätigkeit der Schwestern bezieht sich vor allem auf den Beginn der Tätigkeiten des Frankfurter Verbandes im Jahr 1911. Ob eine Beratung auch lokal im Gagernkrankenhaus, eröffnet 1914, stattfand ist nicht belegt, doch wahrscheinlich (vgl. Seemann 2021).

Die Weibliche Fürsorge

Unter dem israelitischen Hilfsverein waren verschiedene Abteilungen organisiert, zu denen auch der von Bertha Pappenheim 1901 gegründete Verein der Weiblichen Fürsorge gehörte. Der Verein kümmerte sich zunächst um galizische jüdische Einwanderinnen, im Lauf der Zeit kamen weitere Aufgaben hinzu, wie die Bahnhofshilfe, Mädchenwohnheime, ein Kindergarten und eine Berufsvermittlung.

Der Verein für Weibliche Fürsorge unterhielt verschiedene Kommissionen. Eine war die Kostkinderkommission, die unter der Leitung der jüdischen Krankenschwester Rosa Goldstein bedürftige Kinder ab etwa zwei Jahren zu Pflegeeltern vermittelte und diese regelmäßig besuchte.

Eine andere war die Säuglingskommission unter Oberin Minna Hirsch, die Kommission war zuständig für die regelmäßige Betreuung von Säuglingen aus armen jüdischen Familien und deren Versorgung mit Milch und für die Beratung der Mütter. Die Kommission eröffnete 1907 eine Säuglingsmilchküche im israelitischen Gemeindehospital (Königswarterstraße) und sollte „Säuglinge armer Mütter aller Konfessionen mit gesunder und hygienisch hergestellter Kleinkindnahrung“ versorgen (Steppe 1997: 209). Ab 1914 war die Küche im neuen Schwesternhaus in der Bornheimer Landwehr 85 untergebracht, weiterhin geleitet von Schwester Anna Ettlinger (vgl. Seemann 2023a und Steppe 1997: 258). 1912 eröffnet die Weibliche Fürsorge ein Kinderhaus in gemieteten Räumen in der Schulstraße. Ab 1919 residiert man in einem eigenen Haus in der Hans Thoma Straße 21 mit ca. 40 Plätzen für bedürftige Kleinkinder und Säuglinge sowie Personal (Mahnkopp 2020: 5f.). Oberin war die jüdische Krankenschwester Frieda Amram. Im neuen Haus war Platz für eine weitere Krankenschwester, und es bestand die Möglichkeit, Lehrschwestern Kenntnisse in Säuglingspflege zu vermitteln (Steppe 1997: 259).

Abbildung: Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge
Abbildung: Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge. Bauaufsicht X-2002-23/5, aus: Mahnkopp 2020: 9

Der Hinweis von Hilde Steppe auf die „Möglichkeit, Lehrschwestern Kenntnisse in Säuglingspflege zu vermitteln“ ist zusammen mit einem Hinweis auf Prüfungen in Säuglingspflege im Böttgerheim (vgl. Bönisch 2023) noch einmal ein Verweis auf die gemeinsame netzwerkartige Zusammenarbeit unterschiedlicher Personen und Einrichtungen in der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege zu denen auch die Prüfer zählten, die aus Wiesbaden oder Kassel kamen:

Examina vor der staatlichen Prüfungskommission unter Vorsitz des Geheimrats Dr. von Hake-Wiesbaden, zuletzt des Geheimrats Dr. Röckwitz-Cassel fanden in der gesamten Zeit [Berichtszeitraum 1913-1919] siebenmal statt. Es unterzogen sich der Prüfung insgesamt 43 Lehrschwestern, die alle bestanden haben, 24 mit Note I, 19 mit Note II.

Verein für jüdische Krankenpflegerinnenn 1920: 56

Krankenschwestern und Ärzte im Gagernkrankenhaus

Die Forschung zur Säuglings- und Kinderpflege im israelitischen Krankenhaus Gagernstr. 36 soll noch eine weitere Quelle durchsuchen. Zunächst soll nach Informationen gesucht werden, ob sich einige Krankenschwestern des jüdischen Vereins, die ja engstens mit dem Krankenhaus zusammenarbeiteten, der Pflege von Säuglingen und Kindern zuordnen lassen. Das Gleiche wird darauf bei den Ärzten versucht.

Krankenschwestern

Grundlage für die Forschung nach dem Tätigkeitsfeld Säuglings- und Kinderpflege ist auch diesmal, aufgrund fehlender weiterer Unterlagen, der letzte Jahresbericht des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main für die Jahre 1913 bis 1919. Für die Jahre danach kann vorerst nur in Einzelfällen berichtet werden. In genanntem Jahresbericht gibt es eine Liste der aktuell aktiven Krankenschwestern des Vereins und deren Tätigkeit zum Stichtag 30. September 1919. Hier also die Fragen: Wer waren diese Schwestern und kämen sie als Kinderkrankenschwestern infrage?

Zunächst werden hier die Schwestern aufgeführt, die lt. Liste einen klaren Bezug zur Säuglingsarbeit aufweisen und vermutlich diese Aufgabe auch ab 1914 in der Gagernstraße fortsetzten (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: 63 ff.):

Name und Jahr des VereinsbeitrittsHaupttätigkeit 1918-1919Tätigkeit am 30. September 1919
Johanna Bermann (Beermann) (1890)Seit 1896 Leiterin der SäuglingsmilchkücheSäuglingsmilchküche
Dina Wolf (1905)Oberschwesterin der Inneren AbteilungSäuglingsfürsorge
Frieda Amram (1906)Im FeldOberin am Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge
Doris Unger (1909)Oberschwester der ChirurgieSäuglingsfürsorge
Babette Zucker (1909)SäuglingsfürsorgeVertretung im israelitischen Altenheim in Aachen
Fanny Schragenheim (1909)Krankenhaus, PrivatpflegeKinderhaus der Weiblichen Fürsorge
Henni Heilbronn (1909)Oberschwester des städtischen Vereinslazaretts „Kyffhäuser“. Oberschwester der gynäkologischen Abteilung am KrankenhausHebammen-Lehrkurs in Marburg
Hanna Catz (1916)KrankenhausHebammen-Lehrkurs in Marburg
Krankenschwestern mit Bezug zur Säuglingsarbeit im Gagernkrankenhaus

Die Schwestern Hanna (Catz) und Henni (Heilbronn) werden im Rechenschaftsbericht des Vereins für 1913 bis 1919 besonders aufgeführt, da sie an Hebammenkursen an der Universitätsklinik in Marburg teilnahmen. Hebammen sind in einem Krankenhaus mit Entbindungsstation natürlich von besonderer Bedeutung. Auf die Besonderheit der Weiterbildung zur Hebamme wird im Rechenschaftsbericht im Rahmen weiterer möglicher Ausbildungswege, den Sondergebieten wie Laboratorium, Röntgendienst, Operationsdienst, Hebammendienst, Säuglingspflege, Massage oder, eine Neuigkeit im Jahr 1920, sozialer Arbeit, hingewiesen. Und es wird betont, dass alle „außerhalb und nach der Lehrzeit, und nur nach vorliegendem Bedürfnis und persönlicher Eignung abgehalten wurden“. Weitere Angaben zur Ausbildung Säuglingspflegerin werden an dieser Stelle nicht gemacht (vgl. Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920: 59).

Ganz klar wird in der Aufzählung oben nicht, was mit „Säuglingsfürsorge“ gemeint ist. Vermutet kann werden, dass es sich um Dienste für den Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge und deren Beratungsstunden handelt, aber es könnten auch Schwestern sein, die in der Entbindungsabteilung arbeiten.

Ich nenne hier nicht alle aktiven Schwestern des Jahres 1919, sondern diejenigen, für die ein Bezug zur Säuglings- oder Kinderpflege angegeben wird. Darüber hinaus nenne ich im Folgenden noch einige Schwestern, deren Tätigkeitsfeld lediglich mit „Krankenhaus“ angegeben wird und untersuche, ob wir Informationen über diese Schwestern vorliegen haben, um eventuell einen Bezug zur Säuglings- und Kinderpflege feststellen zu können.

  • Trude Seidler (Ausbildungsbeginn: 1914) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Selma v. d. Walde (1914) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Jutta Rehfeld (19149 – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Paula Block (1916) – der Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de lautet: Geboren am 7. November 1888 in Elberfeld (heute Wuppertal) wurde sie ab 1915 zur Krankenschwester im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ausgebildet. Auch in Pforzheim pflegte sie. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert.
  • Carry Wolf (1916) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Toni Stern (1916) – eine vage Vermutung ist, es könnte sich um Toni Schneider, geb. Stern, der Mutter des Röntgenarztes am Frankfurt jüdischen Krankenhaus Günther Schneider (1906-1943) handeln, der in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de verzeichnet ist.
  • Ottilie Winter (1916) – Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte: Sie wurde ausgebildet im Frankfurter Schwesternverein und war im Krankenhaus Gagernstraße tätig, zog 1935 nach Bad Nauheim, wo sie in der jüdischen Kinderheilstätte als Oberin arbeitete (Bönisch 2015). Der Bezug zur Kinderheilstätte könnte ein Hinweis auf eine Ausbildung zur Kinderpflege oder als Mitarbeiterin in den Beratungsstellen sein. Im Schwesternhaus war sie beauftragt als Schulschwester, die die Aufgabe hatte, den gesamten Schulstoff der Schwestern mit diesen zu wiederholen (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen 1920: 58).
  • Lotte Löbenstein (1916) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Sittah Sonnenberg (1916) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Helen Schönbach (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Marga Reichenbach (1917) – Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de Margarethe Gottschalk, geborene Reichenbach, geboren am 9. Januar 1896 in Pattensen bei Hannover. Seit 1915 Mitglied im Frankfurter Verein für jüdische Krankenpflegerinnen und ab 1916 Krankenschwester am israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße. Sie war in den 1920er-Jahren Oberschwester der Chirurgie, Emigration nach England 1941.
  • Eva Rosenstock (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Olga Rosenberg (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Rachel Kremer (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Lisbeth Löwenthal (1917) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Hermine Goldberg (1918) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Fränze Marburger (1918) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Elfriede Rose (1918) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de
  • Ruth Kauders (1919) – Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de: Geboren am 31.08.1894 in München, gestorben am 23.08.1944 in Theresienstadt. 1918 Ausbildung in Frankfurt im jüdischen Schwesternverein. Zwischen 1919 und 1940 wohl oft Dienst im Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung. 1934 Ummeldung von München nach Frankfurt am Main. Am 7. März 1940 Umzug vom Röderbergweg 97 (Rothschild’sches Hospital) in die Gagernstraße 36, Krankenhaus der israelitischen Gemeinde. 1942 Deportation nach Theresienstadt.
  • Justine Berliner (1919) – kein Eintrag in der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de

Zusätzlich taucht der Hinweis auf, dass im Verein zu dieser Zeit siebe Lehrschwestern tätig waren.

Was besagt dieser Abgleich zwischen Schwesternnennungen im Rechenschaftsbericht und den Einträgen in unserer Forschungsdatenbank www.juedische-pflegegeschichte.de? Einerseits, dass noch längst nicht alle Krankenschwestern der jüdischen Pflege in Frankfurt am Main erfasst und gewürdigt wurden, auf der anderen Seite, da es sich bei der hier durchgeführten Suche nur um einen Bruchteil der in der Datenbank erfassten Personen handelt, dass es nach dem jetzigen Stand der Forschung schwierig ist nachzuweisen, wer im jüdischen Krankenhaus für Dienste im Bereich Entbindung, Säuglings- und Kinderpflege zuständig war. Und, es sagt, dass es sinnvoll ist das Krankenhaus, als ein Teil eines Pflegenetzwerkes für Kinder von der Geburt bis ins Kindesalter gesehen werden muss, da die Krankenschwestern des Vereins in unterschiedlichen Bereichen tätig sein konnten.

Auch die Zeitzeugin Thea Wolf gibt an, dass sie bei ihren Überlegungen zu ihrem beruflichen Fortkommen „vorhätte, nach Beendigung meiner fünf Pflicht-Jahre noch einiges dazuzulernen, entweder einen Hebammenkursus zu machen oder mich zusätzlich als Sozialarbeiterin ausbilden zu lassen.“ (Levinsohn-Wolf 1996: 28). Für sie war es klar, dass es möglich war, innerhalb des Netzwerkes sich weiterzubilden. Wolf hatte ihre Ausbildung im Verein und Krankenhaus 1927 begonnen.

Interessant auch der Hinweis von Thea Wolf auf die Ausbildung selbst, dass während der Schwesternausbildung im Verein alle Stationen im Krankenhaus durchlaufen werden. Der dazugehörige theoretische Unterricht meist abends im Schwesternhaus stattfände. Nach der Ausbildung beschreibt Thea Wolf: „Die Vereinsschwestern sind in den verschiedenen Abteilungen des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde oder außerhalb tätig, wobei der Dienst im Krankenhaus als der anspruchsvollste gilt und die Tätigkeit als Operationsschwester den höchsten Stellenwert hat.“ (Steppe 1997: 235f.).

  • Ergänzend noch ein Name, den Birgit Seemann gefunden hat: „Schwester Gisela (Familienname und Lebensdaten unbekannt), dort [im Gagernkrankenhaus] 1933 Säuglingspflegerin, handelt es sich möglicherweise um Gisela Schwarz, geboren am 19. Juli 1895 in Berlin, am 10. Oktober 1928 nach Frankfurt a. M. in das Krankenhaus Gagernstraße eingezogen, am 12. Juli 1939 von den Nationalsozialisten nach England vertrieben (ISG Ffm: HB 686, Ba. 56).“ (Seemann 2021).

Ärzte

Auch bei der Untersuchung der Arbeitsgebiete von Ärzten soll kurz die Situation im Übergang vom alten Gemeindehospital in der Königswarterstraße zum neuen Hospital in der Gagernstraße angesehen werden. Hier einige, die auch im neuen Krankenhaus vermutlich noch tätig waren.

  • Dr. Alfred Günzburg war gewählter Hospitalarzt im Königswarter Hospital seit 1908, auch noch im neuen Gagernkrankenhaus war er der Chefarzt.
  • Dr. Ernst Siegel war ab 1910 leitender chirurgischer Arzt.
  • Dr. Adolf Deutsch war 1891 bis 1895 Assistenzarzt, ab 1895 Armenarzt der Gemeinde und leitender Arzt der Poliklinik von 1906 bis 1923.
  • Dr. Löffler war zweiter Arzt der Poliklinik und Armenarzt, die Position Armenarzt und Arzt der Poliklinik wurde 1906 getrennt, Dr. Löffler übernahm den Teil des Armenarztes.

Ab 1910 fungierten als Assistenzärzte, die alle in weiteren Positionen im Gagernkrankenhaus weitergearbeitet haben könnten:

  • Dr. Schur und Dr. Kunz
  • Ab 1912 Dr. Michael Grünbaum und Dr. Siegmund Heilbronn, 1913 Dr. Philipp Frank und Dr. Max Jüngster (bis hier alle Zahlen in: Hanauer 1914: 48)

Für das Jahr 1936 zählt der Arzt und Medizinhistoriker Wilhelm Kallmorgen folgende Ärzte am israelitischen Krankenhaus auf:

  • Chefarzt Professor Dr. Simon Issac
  • Chefarzt Dr. Altschüler (Prof. Mannheim)
  • Augenabteilung: Dr. J. Horovitz,
  • Urologie: Dr. Rudolf Oppenheimer
  • Hals Nasen und Ohren: Dr. Max Maier
  • Röntgenabteilung: Dr. Robert Salomon
  • Gynäkologie und Entbindungsstation: Dr. Franz Cohn (Kallmorgen 1936: 135 und Bolzenius 1994: 39)

Der zuletzt genannt Franz Joseph Cohn, dessen Zuständigkeit die Gynäkologie und die Entbindungsstation waren, wurde am 14. Juli 1880 in Breslau, Niederschlesien, geboren. Er starb am 20. Oktober 1952 in Luzern, Schweiz. 1914 heiratete er Olga Emma Jaffé (1884-1961). Sie hatten die Kinder Hans Ludwig (1915-1984) und Therese Marie Cohn (1919-2014).

Abbildungen und mehr über Olga Emma Cohn, geb. Jaffé mehr auf den Seiten der Datenbank Geni.

Er studierte in München und Breslau. In Breslau promovierter er und wurde auch approbiert (1903). Der Titel seiner Dissertation ist „Histologie und Histogenese des Corpus luteum“. Als Assistent arbeitete er an der Universitätsfrauenklinik in München, Gießen und Kiel. Als Privatdozent arbeitete er in Kiel, weiter als Oberarzt, Privatdozent und Professor an der Universitätsfrauenklinik in Greifswald. In Frankfurt am Main ließ er sich 1913 als Frauenarzt nieder. Seit 1920 war er leitender Arzt der Gynäkologie im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt am Main. Im Krieg war er Lazarettarzt.

Seine Tochter Thea Reis, geborene Cohn gab 1996 für das Visual History Archiv der USC Shoah Foundation ein Interview (Reis 1996). Sie berichtet, dass ihr Vater in Frankfurt für zwei Kliniken arbeitete, außer dem jüdischen Krankenhaus auch für ein lutheranisches Krankenhaus, um seine nichtjüdischen Patientinnen und Patienten zu versorgen. Nach Thea Reis brach diese Einnahmequelle etwas 1935 zusammen. Der Vater wollte zunächst nicht weg aus Deutschland, er fühlte sich als Kriegsteilnehmer und mit der Stelle im Krankenhaus sicher. Doch emigrierte die Familie 1937/38 zu einem Bruder der Mutter in die Schweiz, nach Luzern und Umgebung. Besonders zu schaffen machte dem Vater, dass er in der Schweiz nicht arbeiten durfte. Er beschäftige sich intensiv in der Bibliothek mit Fachliteratur, bis ihm vorgeworfen wurde, er würde arbeiten. Ebenso hatte er im Luzerner Krankenhaus, dessen Ärzte zur Armee gingen, angeboten als Freiwilliger auszuhelfen, es kam wohl zu ein oder zwei Entbindungen, auch hier wurde ihm vorgeworfen zu arbeiten und es kam zu keiner weiteren Aushilfe. Bemerkenswert auch der Lebensweg von Sohn bzw. Bruder Hans Ludwig Cohn (Jaffé), der bereits 1933 nach Amsterdam gezogen war, und Kunstgeschichte studierte. Er schloss sich in Holland dem Widerstand an und emigrierte nach England. Ab 1945 arbeitete er für die Monuments, Fine Arts, and Archives Section der US Army als Kunstexperte. 1963-1976 war er der Direktor des Jüdischen Historischen Museums in Amsterdam (Joods Historisch Museum). Unter dem Mädchennamen seiner Mutter Jaffé publizierte er zahlreiche Bücher zur Kunstgeschichte (https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Ludwig_Cohn_Jaff%C3%A9 (25.03.2024)).

Die Ehefrau von Franz Cohn, Olga Emma Jaffé, war die Tochter von Theophile Jaffé (1850-1919), der gemeinsam mit Adolf Deutsch am Königswarter Hospital gearbeitet hatte. Er war Mitglied der Ärztekammer und Vorsitzender des Ärztlichen Unterstützungsvereins und machte sich besonders verdient im Rahmen des Neubaus des israelitischen Krankenhauses (Kallmorgen 1936: 311). Thea Reis meint (lächelnd), dass es vermutlich eine Hilfe war, diesen Schwiegervater zu haben, um eine Anstellung im israelitischen Krankenhaus zu bekommen.

Die Aufzählung der Ärzte und ihrer Abteilungen bestätigt erneut die Vermutung, dass das Gagernkrankenhaus für die Kernaufgaben einer Klinik zuständig war und sich wohl auf die Netzwerkpartner verlassen konnte. Ein wichtiges Ergebnis ist, dass es neben dem umtriebigen Dr. Deutsch in der Poliklinik mit seinen vielfältigen Aufgaben, meist zusammen mit dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, den Frauenarzt, Gynäkologen und Leiter der Entbindungsstation Dr. Franz Cohn gab, über den einiges Neues zu entdecken war.

Ein Zeitzeuge, Edgar Sarton-Saretzki

Nachdem die Erkenntnis, dass Kinder als Kinder und nicht als kleine Erwachsene, sowohl im sozialen Umfeld, als auch mit ihren Krankheiten zu behandeln seien, sich durchgesetzt hatte (vgl. Wegmann 2012 und Seidler 1983: 13ff.) und viele Verbesserungen für die Kinder umgesetzt werden konnten, soll hier einer der wenigen Zeitzeugen, ein „kleiner Patient“, zu Wort kommen, der durchaus kritischer an die Sache herangeht und von der Realität, seines Aufenthalts 1933, als 11-jähriger im Infektionshaus des Gagernkrankenhauses, berichtet.

Edgar Sarton-Saretzki, geboren am 10. Mai 1922, gestorben am 2. April 2017. Sein Vater war der Oberkantor, Tenor und Religionslehrer in Frankfurt Nathan Saretzki, Mutter war Emmy, geb. Ullmann. Er ging in Frankfurt zur Holzhausen-Volksschule und in das Lessing-Gymnasium und anschließend zum Philantropin, der Reformrealschule der jüdischen Gemeinde.

1933, mit 11 Jahren war er an Diphtherie erkrankt und musst sich in der Isolationsstation des israelitischen Krankenhauses aufhalten (dieser Bericht wurde zuerst in Bönisch 2011 publiziert). Das Infektionsgebäude war durchaus auch für Kinder vorgesehen:

Jede Abteilung hat neben dem Schwesternzimmer mit besonderem Bad die entsprechenden Nebenräume, wie Teeküche, Klosett, Kinderklosett[…].

Hanauer 1914: 65

Dennoch empfand Sarton-Saretzki die Situation als besonders schlimm, da er sich gesund fühlte und bei jedem Test die ersten beiden der drei notwendigen Abstriche negativ waren, der dritte aber wieder positiv. Er erinnert sich, wie er versuchte, sich die Zeit zu vertreiben:

Das war irgendwie an einer Mauer, auf die ich mal geklettert bin. – Wie ich das fertig gekriegt habe, weiß ich nicht mehr, denn es war alles abgeschirmt, und die Leute konnten auch nicht direkt ran. Als meine Eltern mich besucht haben, mussten sie z. B. hinter einem Stacheldraht stehen. – Ich bin also auf die Mauer geklettert, und hinter der Mauer – was war da? Da waren die Särge. Dort wurden die Leute, die gestorben sind, in die Särge verfrachtet. Und der Stationsarzt, ein gewisser Dr. Reiter, der hat mich erwischt. Er war wahnsinnig wütend, und ich musste noch eine Woche ins Bett, ich durfte nicht mehr aufstehen. Er war ganz, ganz böse darüber, dass ich das gesehen habe, das war doch ganz versteckt, hinten in der Ecke, und ich wurde schwer bestraft. Das war eben die Schwierigkeit mit der Diphtherie, dass man diese drei Abstriche machen musste. […] Ich weiß, dass ich dort wochenlang vollkommen isoliert war, total isoliert. Neben mir aber war ein Mädchen, die Marion David, mit der bin ich später ins Stadionbad zum Schwimmen gegangen, mit der habe ich mich unterhalten, das durfte ich auch nicht. Da war auch eine Barriere, aber man konnte sich abstützen und so rumgucken, aber man musste aufpassen, dass man nicht erwischt wurde.

Sarton-Saretzki 2010
Abbildung: Infektionsgebäude des Krankenhauses der israelitischen Gemeinde, 1914. Hanauer 1914: 42f.
Abbildung: Infektionsgebäude des Krankenhauses der israelitischen Gemeinde, 1914. Hanauer 1914: 42f.

Auf dem obenstehenden Foto erkennt Sarton-Saretzki die Isolationsstation wieder und deutet auf einzelne Teile des Bildes:

Ja, ja, da war man drin. Da war eine Veranda abgetrennt, und dann war hier ein Gang, der war auch abgetrennt; meine Eltern kamen mich besuchen, die mussten schreien, damit sie sich verständigen konnten. Die Mauer, auf die ich stieg – das weiß ich nicht mehr, wo die war. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie lange ich da war, aber es war eine ziemlich lange Zeit.

Sarton-Saretzki 2010

Eine weitere Szene, die ihm im Gedächtnis blieb, ist die Situation, als er eine Spritze bekam.

Das war damals ja auch keine einfache Sache, Diphtherie. Ich bekam so eine Spritze [zeigt ca. 25 cm, Anm. d. V.] – so eine Spritze! – das war ein großes Theater, denn Diphtherie war damals eine schwere Krankheit mit sehr hohem Fieber. Und ich erinnere mich heute, dass das ja Pferdeserum war, das war vom Pferd.

Sarton-Saretzki 2010

Die Empörung über die ausweglose Situation merkt man ihm heute noch an, wenn er sagt:

Also was für eine Psychologie, was die geglaubt haben, dass man vollkommen gelähmt sein musste, dass man überhaupt nichts machen durfte. Man durfte mit überhaupt niemandem sprechen. Das ist doch vollkommen unmöglich für ein Kind, aber das haben die praktiziert. Also die waren nur daran interessiert, dass man mit niemandem Kontakt hatte, die hatten Angst, dass sich die Diphtherie ausbreitet.

Sarton-Saretzki 2010

Auf eine Rückfrage zum Alltagsleben, z. B. der Verteilung des Essens, sagt er:

Ich weiß nicht mehr wie ich das Essen bekam, mir wurde das Essen geliefert, wie, weiß ich nicht mehr, ob sie mir das hingeschoben haben oder so, aber es gab nur wenige Leute, die Kontakt haben durften. Ich glaube, das waren nur Leute, die extra dafür bestellt wurden.

Sarton-Saretzki 2010

Resümierend fügt Herr Sarton-Saretzki noch hinzu:

Die haben alle gleichbehandelt, glaube ich, ob Kind oder Erwachsenen ist ganz egal.

Sarton-Saretzki 2010

Fazit

Wie ein Kinderkrankenhaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeitete, beschreibt der Medizinhistoriker Wilhelm Kallmorgen am Beispiel des Böttgerheims in Frankfurt am Main:

In der Anstalt gingen von Anfang an Säuglingspflege und Mutterschutz Hand in Hand. […] Auch befaßte man sich mit der gründlichen Ausbildung von Kinderpflegerinnen. […] aufgenommen werden außer gesunden Kindern aus sozialen Gründen kranke Kinder aller Art, mit Ausnahme von Scharlach, Diphtherie und Masern, […] Das Institut ist allen Anforderungen einer modernen Kinderklinik entsprechend eingerichtet, […]

Kallmorgen 1936: 96

So arbeitete das Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in der Gagernstr. 36 nicht. Doch der Hinweis auf Krankheiten wie Scharlach, Diphtherie und Masern zeigt die Stärken und die Zuständigkeit des Krankenhauses. Und das Krankenhaus hatte eine Gynäkologieabteilung, eine Entbindungsstation, einen Kindersaal und Säuglingszimmer. Und es waren ausgebildete Fachärzte (Internisten, Chirurgen) und Krankenschwestern, die Hebammen und Kinderpflegerinnen in ihren Reihen hatten und sich mit den medizinischen und sozialen Belangen der Säuglings- und Kinderpflege durch Beratungstätigkeit und Kinderpflege auskannten. Für schwere Fälle wie Diphtherie war das Krankenhaus allemal der Ort der Wahl.

Und zu betonen waren das persönliche Engagement von Personen wie Schwester Minna Hirsch, Dr. Adolf Deutsch und vieler anderer, die ein Netzwerk um das Krankenhaus formten und aus dem jüdischen Hospital einen Teil der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege machten.

Literatur und Quellen

Archivmaterial

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ISG FFM)

ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 Kinderheim 1909

ISG FFM, A.02.01, V-715
Frankfurter Schwesternverband e.V., 1913-1929

ISG FFM, A.51.01, 952
Israelitisches Gemeindehospital, [Königswarterstraße 26 bzw. ab 1914: Krankenhaus der israelitischen Gemeinde, Gagernstraße 36], 1865 – 1928

ISG FFM, A.63.04, 3997
Schwesternhaus Bornheimer Landwehr 85 / Bewässerungsplan, Grundriss, Schnitt, 1914 – 1915

ISG FFM, A.63.04, 7305
Krankenhaus Gagernstraße 36-38, Ecke Bornheimer Landwehr 81-83, Eigentümer: israelitische Gemeinde / Bewässerungsplan, Grundriss, Schnitt, 1911-1929

ISG FFM, S3, 875
Frankfurter Schwesternverband e.V. 1903

ISG FFM, S7A, 2002-555
Israelitisches Krankenhaus Gagernstraße, Mittelbau, ca. 1930

ISG FFM, S7Z, 1931-47
„Das Bildungswesen der Stadt Frankfurt am Main“ (Pädagogische Begleitausstellung zur Deutschen Lehrerversammlung): Ausbildung von Schwestern und Sanitätern, 26.05.1931 – 31.05.1931

ISG FFM Akte Magistratsakten R / 23 Bd. 3 – Wilhelm und Auguste Victoria-Stiftung-für Säuglingsfürsorge. „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XIII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1914, Frankfurt 1915

ISG FFM S7Z Nr. 1931-47
Schautafel zur pädagogischen Begleitausstellung der Deutschen Lehrerversammlung vom 26. Mai bis 31. Mai 1931 in Frankfurt

Jüdisches Museum Frankfurt

Sign. F88-2-168

Leo Baeck Institute New York / Center for Jewish History

LBI AR 25067
Margarete Katzenstein Collection, https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/6943

Datenbanken

Ancestry.de Adolf Deutsch
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/24706129:7579?tid=&pid=&queryId=f82492fd-5fcd-44be-99c1-5c183dee7fcb&_phsrc=PCM3&_phstart=successSource

Ancestry.de Minna Hirsch :
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/2002694258:7488

Ancestry.de Margarete Katzenstein
https://www.ancestry.de/search/?name=Margarete_Katzenstein&birth=1904

Literatur

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege – Der Beginn der professionellen Säuglingspflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe 2 (2013) 1: 25-34

Bönisch, Edgar 2011: Diphtherie und ihre Behandlung im 20. Jahrhundert

Bönisch, Edgar 2015: Bad Nauheimer jüdische Krankenschwestern

Bönisch, Edgar 2024a: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main

Bönisch, Edgar 2024b: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim

Bönisch, Edgar 2024c: Ausbildung zur Säuglingskrankenschwester nach
der staatlichen Anerkennung des Berufs 1917

Bönisch, Edgar 2024d: Interaktionen ausbildender jüdischer Institutionen in der Kinder- und Säuglingspflege in und um Frankfurt am Main

Bolzenius, Rupert 1994: Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland, Aachen

Bonavita, Petra 2009: Mit falschem Pass und Zyankali. Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit, Stuttgart

Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland

Gedenkbuch Neu Isenburg: https://gedenkbuch.neu-isenburg.de/

Hanauer, Wilhelm 1914: Festschrift zur Einweihung des neuen Krankenhauses der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

Heuberger, Rachel/Krohn, Helga 1988: Hinaus aus dem Ghetto … Juden in Frankfurt am Main 1800-1950, Frankfurt am Main

Hofacker, Andreas 1932: Die Anstalten des Verbandes Frankfurter Krankenanstalten zu Frankfurt am Main, Düsseldorf

Isaac, Simon 1938: Zum 70. Geburtstag von Sanitätsrat Dr. Adolf Deutsch, in: Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt 16 (1938) 5, S. 12-13)

JPG – Datenbank des Projekts www.juedische-pflegegeschichte.de

Kallmorgen, Wilhelm 1936: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

Keller, Arthur 1913: Kinderheim Frankfurt a. M., Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Levinsohn-Wolf 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel, Frankfurt am Main

Mahnkopp, Volker 2023: Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. Hans-Thoma-Straße 24. Frankfurt am
Main 2011, erweitert 2018/2023. Version: 29. Juli 2023, https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de/home (12.03.2024)

Reis, Thea 1996: Interview 19808. Interview by Wendy Lipsman. Visual History Archive, USC Shoah Foundation, September 1, 1996 March 23, 2024. https://vha.edu/testimony/190808
Auffindbar über: https://portal.dnb.de/opac/showFullRecord?currentResultId=Thea+and+Reis%26any&currentPosition=3 (21.03.2024)

Rohrbach, Katharina 2022. Die Hebammenausbildung an der Marburger Entbindungsanstalt um 1880 und der praktische Arbeitsalltag dort ausgebildeter Hebammen. https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2023/0155 (18.03.2024)

Sarton-Saretzki, Edgar 2010: Edgar Bönisch, Birgit Seemann, Interview am 18.02.2010 mit Edgar Sarton-Saretzki, Interviewerin und Interviewer: Birgit Seemann und Edgar Bönisch

Seidler, Eduard 1997: Frühe Kinderheilkunde. Wien 1785-1938, Alete wissenschaftlicher Dienst, München

Seidler, Eduard 1997: Jüdische Kinderärzte 1933-1945 entrechtet/geflohen/ermordet.

Seemann, Birgit 2021: „Deine Dir gute Obeli“ – Frankfurter jüdische Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege

Seemann, Birgit 2022: „Zeichen von Gesundheit und Lebenskraft“: Das Mathilde von Rothschild‘sche Kinderhospital (1886–1941), ein Pflegeprojekt der israelitischen Religionsgesellschaft (Neo-Orthodoxie)

Seemann, Birgit 2023a: Im Dienste der Kinderrettung: Oberin Minna Hirsch und der jüdische Frauenverein Weibliche Fürsorge

Seemann, Birgit 2023b: In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick

Seemann, Birgit 2024a: Der Frankfurter Verband für Säuglingsfürsorge (1910–1925) und seine jüdische Geschichte

Seemann, Birgit 2024b: „(…) denn dies Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Steppe, Hilde 1997: „…den Kranken zum Troste und dem Judethum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: Rechenschaftsbericht 1913 bis 1919, Frankfurt am Main

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahr 1914, Frankfurt am Main Wegmann, Hedwig 2012: Das Experiment „Das gesunde Kind“ unter kaiserlicher Protektion 1909-1929, Hamburg

Abbildung 18:Das Haus der Annie-Stiftung mit Schriftzug über der Eingangstür im Jahr 2023, © Edgar Bönisch

Interaktionen jüdischer Ausbildungsinstitutionen der Kinder- und Säuglingspflege in und um Frankfurt am Main

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Vorwort

Das Jahr 1917 war ein Wendepunkt für die Ausbildung zur Säuglingspflegerin in Preußen und somit auch in Frankfurt am Main. Die staatliche Anerkennung des Berufs war ministeriell festgelegt worden, wenn sie auch in der bestehenden Form stark kritisiert wurde. In der Folge war es für die auszubildenden Schwestern erstrebenswert diesen Abschluss zu erhalten, wobei viele private oder kleinere Ausbildungsbetriebe die Anforderungen an sie nicht mehr leisten konnten (vgl. Bönisch 2024c).

In diesem Artikel geht es insbesondere um die Ausbildung von Säuglingspflegerinnen. Ich klammere, der Übersichtlichkeit wegen, die Krankenpflegerinnen und weitere soziale Berufe im Säuglings- und Kinderpflegebereich weitestgehend aus. Einen allgemeinen Überblick zur Geschichte der Kinder- und Säuglingspflege ist unter www.juedische-pflegegeschichte.de zu finden.

Mithilfe von Spurensuchen in Lebensläufen von ausgebildeten Säuglingsschwestern und in Dokumenten der Ausbildungsbetriebe werden hier gegenseitige Bedeutungen für Frankfurt und nähere Umgebung beleuchtet.

Einleitung

Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte, mehr oder weniger, jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenpflegepersonal konnte ab 1907 staatlich geprüft werden und konnte sowohl in der Säuglings- als auch in der allgemeinen Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es erst ab der staatlichen Regelung 1917.

In dem Ministerialerlass M. 3626/16 vom 31. März 1917 wurden die Ausbildungsziele und der Abschluss für die staatliche Anerkennung zur Säuglingskrankenpflegerin festgelegt (vgl. Bönisch 2024c). Umstritten war jedoch insbesondere die Ausbildungsdauer, aber auch die fehlende Unterscheidung in Kinder- und Säuglingspflege für kranke und auch gesunde Kinder. Im Lauf der nächsten Jahre wurde nachgebessert.

Das Zentrum der Beratungen zur Vereinheitlichung der Ausbildung zur Säuglingspflege ab Mitte der 1920er Jahre war die Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz am Königin Auguste Viktoria Haus (KAVH), das für die Neuformulierung von Bestimmungen für die staatliche Prüfung nun ein breites Spektrum von Meinungen berücksichtigte und Fragebögen wurden in den Ausbildungsanstalten verteilt:

Die Vorschläge der Deutschen Vereinigung für Säuglingsschutz wurden dem Reichsgesundheitsamt und dem Reichsrat zum Beschluss vorgelegt. Am 1. Oktober 1930 trat der Beschluss vom 20. März 1930 über die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderpflegerin (für die Pflege in der Familie) in einjährigem Lehrgang und die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderschwester (-krankenpflegerin) in zweijährigem Lehrgang reichsweit in Kraft.

Eickemeyer 2015: 50

Was dieses für die Personen und Institutionen bedeutete, lässt sich, mangels Statistiken, schwer verallgemeinern. Über die Quellenlage zu Frankfurter jüdischen Spitäler beispielsweise sagt die Historikerin Birgit Seemann, dass die Personalakten des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde (Gagernstraße) und der beiden Rothschild’schen Spitäler (Röderbergweg) verschollen oder sehr lückenhaft seien. Vereinzelt tauchten in der Literatur Namen auf wie: Schwester Selma oder Schwester Gisela:

Selma Sonnenberg (Lebensdaten unbekannt) wurde 1916 im Frankfurter jüdischen Schwesternverein ausgebildet und arbeitete um 1920 im Krankenhaus Gagernstraße. Bei Gisela (Familienname und Lebensdaten unbekannt), dort 1933 Säuglingspflegerin, handelt es sich möglicherweise um Gisela Schwarz, geboren am 19. Juli 1895 in Berlin, am 10. Oktober 1928 nach Frankfurt a.M. in das Krankenhaus Gagernstraße eingezogen, am 12. Juli 1939 von den Nationalsozialisten nach England vertrieben.

Seemann 2021

Spuren der Interaktion

Verbindungen zwischen Ärzten

Bereits 1906, im Jahr der Gründung des Böttgerheims verwies der Vereinsvorstand des Kinderheim e.V., Christian Wilhelm Pfeiffer, auf das interessierte Netzwerk an der Arbeit im Böttgerheim hin. Es gab Besuche und Besichtigungen durch Ärzte und Fachleute des Froebel-Vereins, des Caritas-Verbandes. Prof. Dr. Klumker schickte Teilnehmer seines Fürsorge-Seminars. Der Nachlass von Professor Dr. Christian Jasper Klumker ist heute in der Bibliothek der Frankfurt University of Applied Sciences zu finden. Die Zentrale für private Fürsorge regte bei ihren Kursteilnehmern für soziale Arbeit die Besichtigung der Anstalt an.

Professoren und Aertze aus allen Teilen Deutschlands, sowie Vertreter von Städten und Korporationen aus Deutschland, England, der Schweiz und Dänemark beehrten uns mit ihrem Besuch und ernteten wir hier allseitige Anerkennung. Erwähnenswert ist auch der Besuch des Herrn v. Behr-Pinnow, Kammerherrn Ihrer Majestät der Kaiserin, der in deren speziellem Auftrag unsere Anstalt sehr eingehend besichtigte.

Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 4, Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568

Religionsunabhängig trafen sich die südwestdeutschen Kinderärzte auf Initiative von Dr. Heinrich von Mettenheimer im Haus des Kinderheims e.V. im Jahr 1904.

Die Vernetzung unter den Kinderärzten und den unterschiedlichen Anstalten sollen beispielhaft folgende Personen verdeutlichen:

Dr. Heinrich von Mettenheimer (später einfach: Mettenheim), war 1899-1910 leitender Arzt am Kinderhospital Sachsenhausen des Christ’schen Kinderhospitals, dem ältesten Frankfurter Kinderhospital, und Schularzt. Am Kinderhospital der Annie-Stiftung, siehe unten, war er ebenfalls Chefarzt (genannt: „Frankfurter Kinderprofessor“) und blieb dies, auch als die Annie-Stiftung zur Universitäts-Kinderklinik wurde (ab 1914) (vgl. Lechner 1988: 47f.).

Dr. Paul Grosser war 1908 Assistenzarzt von von Mettenheimer an der Annie-Stiftung, 1921 wurde er leitender Arzt der Kinderklinik in der Böttgerstraße, 1923 lehrte er als nichtbeamteter außerordentlicher Professor für Kinderheilkunde an der Universität Frankfurt. 1930 übernahm er die Leitung des Clementine Kinderkrankenhauses.

Im Clementine Kinderkrankenhaus arbeiteten unter vielen anderen z.B. auch Dr. Fritz Cuno und Dr. Carl Beck, die wiederum öfter zur Aushilfe oder als leitende Ärzte in der Böttgerklinik tätig waren (vgl. Hövels/Daub/Dippell 1995).

Kurse und Prüfungen für Interne und Externe im Kinderheim Böttgerstraße

Die Anstalt für Säuglings- und Kinderpflege mit angegliederter Pflegeschule für Säuglingsschwestern, im Kinderheim e.V., in der Böttgerstraße 20-22, konnte und durfte Abschlussprüfungen durchführen. Zur Prüfung im Jahr 1909 heißt es: An der Prüfung nahmen acht im Heim selbst ausgebildete Schwesternschülerinnen des Böttgerheims teil, aber auch „drei Schwestern eines anderen Verbandes, die den Ausbildungskursus mitgemacht und einige Monate praktisch in der Anstalt gearbeitet hatten“ (ISG Magistratsakte A.02.01, Nr. V 568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1909: 16). Im Jahresbericht des Kinderheims e.V. für 1910 dokumentiert der Anstaltsarzt Dr. Carl Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahmen sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl.: ISG Magistratsakte A.02.01, Nr. V 568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3).

Im Jahresbericht 1913 heißt es weiter, dass Praktikantinnen des Frauen-Seminars für soziale Berufsarbeit, in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen waren. „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen waren, betraut“ (ISG Magistratsakte A.02.01, Nr. V 568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6). Das Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit war gegründet worden, um „die Ausbildung, insbesondere weiblicher Personen in denjenigen Wissenschaften zu vermitteln, deren Kenntnis für die Betätigung in der Wohlfahrtspflege erforderlich ist“ (Eckhardt 2014: 25).

Antrag des Böttgerheims auf staatliche Anerkennung

Im Ministerialerlass von 1917 zur staatlichen Anerkennung des Berufs der Säuglingspflegerin gab es einige zentrale Punkte, so sollten in jedem Regierungsbezirk Säuglingsheime, Kinderkrankenhäuser oder ähnliche Anstalten als Säuglingspflegeschulen staatlich anerkennt werden:

in Frage sollen nur solche Anstalten kommen, die von tüchtigen Kinderärzten geleitet werden, über eine größere Anzahl von Betten für Säuglinge und Kleinkinder verfügen und deshalb sowie auf Grund ihrer gesamten Einrichtungen Gewähr für eine gediegene Ausbildung bieten. Diese staatlich anerkannten SäuglingspflegeschuIen werden im Allgemeinen gleichzeitig als Prüfungsstellen dienen.

(Schlossmann 1917)

Vermutlich hatte das Böttgerheim diese Anforderungen erfüllt und musste nach weiteren Erlassen 1923 die Anerkennung erneut beantragen. Im Antrag ist der Hinweis zu finden, dass die Pflegeschule der Universitäts-Kinderklinik einen gleichen Antrag gestellt hat und mit dem Böttgerheim eng zusammenarbeitete.

Gesuch um staatliche Anerkennung des städtischen Kinderheim Böttgerstraße 22 als Säuglingspflege-Schule, datiert auf den 8. Juni 1923:

Das städtische Kinderheim in der Böttgerstraße ist aufgrund des Erlasses vom 20.II.1923 nur noch bis zum 1. Oktober 1923 als ‚Säuglingspflegeschule anerkannt. Es wird beantragt, die staatliche Anerkennung auf Grund der neuen Bestimmungen gewähren zu wollen.

Es handelt sich um ein für Säuglinge und Kleinkinder bestimmtes Heim mit 85 Betten [Unterstreichung im Dokument per Hand hinzugefügt] und 17 angestellten Vollschwestern. Die Kinder sind zum kleineren Teil gesund, zum grösseren Teil leiden sie an Lebensschwäche, Ernährungsstörungen und dergl., Infektionskrankheiten sind ausgeschlossen. Die Leitung liegt in der Hand eines anerkannten Facharztes, des Privatdozenten Dr. Grosser, der auch der Unterricht der Schülerinnen übernimmt. Gemäss Erlass vom 20.2.1923 wird nun für die ersten 6 Monate ein angemessenes Lehr- und Verpflegungsgeld erhoben, während des 2. Halbjahres freie Ausbildung gewährt und während des 2. Jahres eine Entlohnung in der gleichen Weise gewährt werden, wie sie die Lehrschwestern des städt. Krankenhauses erhalten. Es ist in der Anstalt Gelegenheit geboten zu gründlicher praktischer Ausbildung in der Pflege des gesunden und kranken Säuglings und Kleinkindes; stillende Mütter bzw. Ammen stehen zur Verfügung; es ist den Schülerinnen Gelegenheit gegeben, ein genügendes Mass hauswirtschaftlicher Kenntnisse sich anzueignen. Ferner ist ihnen die Teilnahem an den Säuglingsfürsorgestellen ermöglicht. Zum Zweck der Ausbildung in der Erziehung des Kleinkindes wird eine Beschäftigung in städt. Kindergärten in den Lehrplan aufgenommen. Zur Ermöglichung einer Ausbildung auch in denjenigen Krankheiten, deren Kenntnis im Kinderheim Böttgerstrasse nicht ermöglicht werden kann, ist als Ergänzungsanstalt die Universitäts-Kinderklinik des städt. Krankenhauses vorgesehen, in der die Schülerinnen ½ Jahr im Verlauf ihrer Ausbildungszeit ausschliesslich beschäftig werden, und die auch ihrerseits bisher als Säuglingspflegeschule anerkannt war und auf Grund des Erlasses vom 30.II.1923 einen entsprechenden Antrag bereits gestellt hat. Die Möglichkeit zur Unterbringung sämtlicher Schülerinnen ist sowohl im Kinderheim Böttgerstrasse wie in der Universitäts-Kinderklinik sichergestellt. Z. Hd. dem Magistrat mit der Bitte um Absendung des vorstehenden Antrags an den Herrn Regierungspräsidenten. Frankfurt /M. 6. Juni 1923, Stadtgesundheitsamt [Unterschrift schwer lesbar, sehr wahrscheinlich: Grosser]

ISG A.51.01 1134: 156

Lebensläufe

Helene Anthes (1897-1970)

Helene Anthes erhielt ihre Ausbildung zur Säuglingspflegerin im Böttgerheim mit staatlicher Anerkennung im Jahr 1920. Nach Angaben aus ihrem Lebenslauf für eine Bewerbung beim Stadt-Gesundheitsamt im Jahr 1925 war Helene Anthes ledig und evangelisch. Der Bewerbung lag ein sehr gutes Zeugnis von Dr. Paul Grosser und anderen bei (vgl.: ISG A 11.02/135508). Unter dem hier angegebenen Archivzeichen befindet sich auch eine Abbildung von Helene Anthes.

Helene Anthes wurde am 8. Mai 1897 in Frankfurt a.M. geboren. Sie besuchte bis 1912 die Merianschule und anschließend als Schülerin und Praktikantin den Kindergarten in der Battonnstraße des Vereins für Volkskindergärten.

Sie arbeitet im Jahr 1913 im Kindererholungsheim Niederseelbach i.T. und pflegte von 1914 bis 1916 die drei Kinder einer Familie in Privatpflege.

Anfang 1917 fand sie eine Stelle in der Auskunftsstelle des Ausschusses für aufsichtlose Kinder und konnte nachmittags eine Vertretung von Schwestern in der Kinderkrippe, Hallgartenstraße ausüben. [An anderer Stelle gibt sie die Adresse Hallgartenstraße 58 an. Dort befand sich das Heim und die Krippe vom Volkskindergarten, in der Nachbarschaft zur Hallgartenstraße 59, dem Hinterhaus des Böttgerheims].

Im Kinderheim Böttgerstraße des Kinderheim e.V. kam sie ab 2. Januar 1919 als Schülerin unter und konnte am 30. März 1920 die Prüfung als staatlich anerkannte Säuglingspflegerin ablegen und wurde ab Oktober 1921 als Schwester angestellt.

Es gibt die zusätzliche Information, dass Helene Anthes bereits am 29. März 1918 eine Prüfung in der Säuglingspflege durch den Vorstand des Kinderheims unter dem Vorsitz des Herrn Dr. med. G. Schaub bestanden hatte (vgl.: ISG A.11.02/135508: 17).

Ihr Berufsweg führte sie dann in Richtung soziale Arbeit. 1922 und 23 war sie in der Zentrale für private Fürsorge, Stiftstraße 30 angestellt. 1923 und 1924 im Wohlfahrtsamt, Abteilung Verdrängtenfürsorge/Flüchtlingsfürsorge.

Seit 1. Januar 1925 vertrat sie die erkrankte Leiterin im Mädchenschutzhaus im Röderbergweg 93, der Gefährdetenfürsorge [Der Röderbergweg 93 ist die Adresse des ursprünglichen Ärztehauses des Hospitals der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung im Röderbergweg 93-97, vgl. Seemann/Bönisch 2019: 63 ff.].

1925 legte sie die staatliche Prüfung zur Fürsorgerin ab. Ab dem 1. Oktober 1937 war sie dem Jugendamt der Stadt Frankfurt in der Abteilung Stadt- und Landpflege wo sie zur Sozialinspektorin ernannt wurde.

Ihr Ausweis als staatlich geprüfte Säuglingspflegerin besagt:

Die vom Januar 1919 bis März 1920 in der Säuglings- und Kleinkinderpflege nach den Vorschriften des Ministerialerlasses vom 31. März 1917 ausgebildete Schwester Helene Anthes aus Frankfurt a.M., welche vor dem staatlichen Prüfungsausschuss in Frankfurt a.M. die Prüfung für Säuglingspflegerinnen mit der Zensur sehr gut bestanden hat und die zur Ausübung des Säuglingspflegeberufs erforderlichen Eigenschaften besitzt, erhält hiermit den Ausweis als staatlich geprüfte Säuglingspflegerin. Für den Fall, dass Tatsachen bekannt werden, welche den Mangel derjenigen Eigenschaften dartun, die zur Ausübung des Säuglingspflegeberufs erforderlich sind, oder dass die Pflegerin den in Ausübung der staatlichen Aufsicht erlassenen Vorschriften beharrlich zuwider handelt, bleibt die Zurücknahme der Anerkennung vorbehalten.
Cassel, den 6. April 1920.
Der Regierungspräsident
I.A.
Dr. Schmidt

ISG A.11.02/135508 [Schreibweise teilweise korrigiert, d.A.]

Anmerken möchte ich hier zwei Dinge, die die Intensität des Berufs verdeutlichen: In einem Zeugnis von Dr. Paul Grosser schreibt er über den Fleiß und die sehr guten Leistungen der Stationsschwester Helene Anthes und fügt an: „Den Schülerinnen war sie eine gewissenhafte und energische Lehrerin“ (ISG A. 11.02/25.032: 61). Und im weiteren Verlauf ihrer Tätigkeiten bekommt sie bereits 1921 die ärztliche Bescheinigung, dass sie „körperlich und nervös sehr heruntergekommen ist“ und ein Erholungsurlaub empfohlen sei. Warum genau ihre Kündigung zum 1. Oktober 1921 erfolgte lässt sich an dieser Stelle nicht klären. In ihrer Kündigung schreibt sie, dass sie „unter den derzeitigen Verhältnissen nicht weiter arbeiten möchte“ (ISG A. 11.03/135508: 28). Woraus vermutlich eine Verlängerung des Arbeitsverhältnisses entstand, sie dennoch kurze Zeit später zur sozialen Arbeit wechselte.

Die Schwestern Elisabeth und Maria Lippert

Die Schwestern Elisabeth und Maria Lippert waren lange Jahre Oberin und Oberschwester im Böttgerheim.

Elisabeth und Maria Lippert waren die Töchter von Carl Conrad Lippert, geboren am 25. März 1830 in Frankfurt a. M., gestorben am 13. November 1902. Die Mutter war Marie, geb. Zimmermann ebenfalls aus Frankfurt. Carl Lippert war k. und k. Major a. D. und seit 16. April 1873 verwitwet. Er war seit 1866 Träger des Militär-Verdienst-Kreuzes, ein Orden, gestiftet von Franz Joseph I von Österreich. Vermutlich nahm Carl Lippert am zweiten deutsche Einigungskrieg gegen Preußen teil (vgl.: Bönisch 2024b).

Elisabeth Lippert (1865-?)

Elisabeth Lippert wurde am 26. September 1865 in Mainz geboren und war evangelisch. Ab Ostern 1872 bis Herbst 1873 besuchte sie eine Höhere Töchterschule in Mainz. Nach dem Tod der Mutter ging die Familie nach Frankfurt, Elisabeth besuchte bis Februar 1878 die Höhere Töchterschule von Fräulein Sophie Hauzo, anschließend das Pensionat von Fr. Theyer in Oberursel und wurde 1881 konfirmiert. Bis April 1883 war sie im Institut von Frl. Math. Krebs. Bis 1902 dem Todesjahr ihres Vaters pflegte sie ihn in Frankfurt a. M. Sie wollte nun im sozialen Bereich tätig sein. Im Herbst 1902 arbeitete sie in der Zentrale für private Fürsorge und bildete sich mit einem Seminar für soziale Fürsorge weiter. Von Januar 1903 bis April 1903 arbeitete sie im Christ’schen Kinderhospital in der Theobaldstraße. Am 13. April trat sie in das Anfang des Jahres gegründete Kinderheim ein, das zu diesem Zeitpunkt noch in dem Vorgängerhaus in der Feststraße 21 untergebracht war. Nach längerer praktischer und theoretischer Ausbildung und abgelegter Probezeit wurde ihr am 1. Juli 1904 die Leitung des Kinderheims übertragen. Am 23. März 1918 erhielt sie von der Königlich Preußischen Regierung zu Wiesbaden den Ausweis als staatlich anerkannte Säuglingspflegerin. Elisabeth Lippert hatte die Stellung einer Oberin inne.

Mehrerer Zeugnisse ihrer Tätigkeit liegen ihrer Personalakte bei. Alle bestätigen ihr großes praktisches und theoretisches Wissen im Umgang mit den Schwestern, Angestellten und natürlich den Säuglingen und Kindern. Ein Ausschnitt aus dem Zeugnis, welches Dr. Gustav Löffler, der leitende Arzt in den Jahren 1915 und 1916 ausstellte:

Fräulein Elisabeth Lippert besitzt in vollem Umfange die praktischen und theoretischen Kenntnisse, die von einer neuzeitlichen Säuglingspflegerin und insbesondere der Vorsteherin einer Säuglingspflegerinnen-Schule gefordert werden müssen.

ISG A.11.02. /935 und 936

Dr. Schaub erklärte im Jahr 1918:

Ich halte Fräulein Lippert in jeder Hinsicht für ihren Beruf als Oberin des Kinderheims und Lehrerin in der Kinder- und Säuglingspflege geeignet.

ISG A.11.02. /935 und 936

Im Rahmen der „Verstadtlichung“ des Kinderheims – Böttgerstraße 20/22 wurde sie in den Dienst des Stadt-Jugendamt übernommen (Schwangeren- und Wöchnerinnen Fürsorge). Hier wurde sie 1926 zur Erzieherin ernannt.

Maria Lippert (1867-?)

Maria Lippert war am 29. Juni 1867 in Frankfurt am Main geboren worden. Ähnlich dem Lebenslauf ihrer älteren Schwester besuchte sie eine Höhere Töchterschule. Von Juni 1876 bis Dezember 1877 war sie auf einem thüringischen Rittergut, wo sie mit den Töchtern des Hauses von einer Erzieherin unterrichtet wurde. 1878 begleitete sie ihre Schwester in das Pensionat in Oberursel. Juni 1881 bis 1883 ging sie zur Humboldtschule. Bis zum Tod des Vaters, 1902, pflegte auch sie ihn. Danach ging sie für ein Jahr zur Arbeit in die Poliklinik von Prof. Dr. von Mettenheimer in der Theobaldstraße, im Dr. Christ’schen Kinderhospital. Im Juni 1904 bis 1906 war sie Schülerin im Kinderheim Böttgerstraße und wurde dort Oberschwester.

Auch Maria Lippert beantragte die staatliche Anerkennung, als Säuglingsschwester wobei sie der Verein unterstützte. Man bescheinigte ihr die Tätigkeiten in verschiedenen Abteilungen besonders in der Milchküche und die hervorragende Leistung auch bei der Vertretung der Oberin, also ihrer Schwester. Am 17. März 1918 erhielt sie den Ausweis als staatlich anerkannte Säuglingspflegerin vom Regierungspräsidenten in Wiesbaden.

Auch sie wurde von der Stadt in ein Arbeitsverhältnis übernommen (Abteilung III des Jugendamtes) – Jugendpflegerin. 1927 wird auch sie zur Erzieherin ernannt.

Margarete (Grete) Kiehl (1878-?)

Der Lebenslauf von Margarete Kiehl zeigt die Verbindung zwischen Böttgerheim und städtischer Klinik als Ort der Weiterbildung.

Margarete Kiehl wurde am 5. Oktober 1887 in Königsberg geboren, sie war evangelisch und ledig (vgl. ISG A 11.02/25.032). Im Zeugnis, das sie von Elisabeth Lippert, der Oberschwester der Böttgerklinik erhielt, wird bestätigt, dass sie vom Juli 1910 bis September 1911 im Kinderheim zur Säuglingsschwester ausgebildet wurde, um dann in die Privatpflege zu gehen. Im Januar 1913 war sie wieder in die Dienste des Vereins eingetreten und arbeitete auf der Entbindungsstation und den Säuglingsstationen und wurde am 15. März 1913 an das städtische Krankenhaus zur Weiterbildung als allgemeine Krankenpflegerin überwiesen. Schwester Grete Kiehl erhielt am 30. September 1913 ihr Diplom für das bestandene Staatsexamen durch die Medizinische Klinik des Städtischen Krankenhauses Sachsenhausen.

In einem Schreiben vom 10. März 1913 wird vom städtischen Krankenhaus bestätigt, dass Greta Kiehl ab dem 19. März 1913 sich zur Ausbildung im städtischen Krankenhaus befände. Sie solle sich bei Oberin von Mässenhausen im Schwesternhaus melden. Leider müsse sie zunächst sich selbst eine Unterkunft suchen, sobald etwas im Schwesternhaus zur Verfügung stünde, könne sie dort einziehen. Freie Verköstigung sei von Anfang an möglich. Gemäß dem Beschluss vom 20. September 1912 § 192 wird Greta Kiel vom Verein Kinderheim vom 19. März bis 18. April der chirurgischen Klinik und vom 19. April bis 18. September der medizinischen Klinik zur Ausbildung und zur Teilnahme an der Krankenpflegeschule überwiesen. Die zuständigen Ärzte sind der Geheime Medizinische Rat, Professor Dr. Rehn und Herr Professor Dr. Schwenkenbecher. Der Vorsitzenden des Frankfurter Schwesternverbandes Frau Oberin von Mässenhausen wird die Schwester zur Betreuung empfohlen.

Margarete Kiehls weiterer Berufsweg war (vgl. ISG A 1102/25.032):

  • 30. Oktober 1914-8. Januar 1919 im Dienst der freiwilligen Krankenpflege im Etappengebiet [unleserlich] Abt. 23.
  • Vom Mai 1921 bis Januar 1922 als Privatschwester im Krankenhaus der israelischen Gemeinde.
  • 26. März bis 2. November 1925 Dienst in der Abteilung für Geisteskranke in der Landes-Heil-u. Erziehungsanstalt Hadamar.
  • 28. Juli 1916 bis 1. Oktober 1926 zur Vertretung auf der Kinderstation im Verein Friedrichsheim e.V. der Orthopädie der Universitätsklinik, unterzeichnet vom damaligen Leiter Professor Ludloff.
  • Ab Januar 1927 war sie, wohl nur kurze Zeit, als Aushilfsschwester im städtischen Krankenhaus Sachsenhausen tätig.

Gesundheitlich war sie wohl angeschlagen.

Emma Haas (1886-1952)

Mit Emma Haas’ Werdegang führe ich über zum Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, die eine eigene Säuglingsabteilung hatten und zum Netzwerk der Säuglingspflege zählten. Emma Haas war die Leiterin der Säuglingsabteilung des Hauses II des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg. Die Angaben zu Emma Haas stammen aus ISG A.54.03/2278 und Gedenkbuch Neu-Isenburg o.J. sowie Mahnkopp 2023.

Eine Abbildung von Emma Haas befindet sich im Gedenkbuch der Stadt Neu-Isenburg.

Emma Haas wurde als Emma Gottlieb am 3. Juli 1886 in Ebernburg geboren. Ihr Ehemann Albert war am 31. Juli 1915 gefallen. Emma Haas kam am 1. August 1924 in das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg. Ihre Tochter Else (1913-1986) lebte ebenfalls dort.

Emma Haas war gelernte Hauswirtschafterin und übte den Beruf der Säuglingspflegerin aus. Sie wurde die Leiterin der Säuglingsabteilung im Haus II. Am 16. März 1942 zog sie wegen der zwangsweisen Auflösung des Heims nach Mainz, vermutlich in eines der „Judenhäuser“ Gonsenheimer Straße 13 oder 15. Von Darmstadt aus wurde sie am 10. Februar 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort war sie vom 22. Februar 1943 bis zum 7. Februar 1945 (vgl. Entschädigungsakte ISG A.54.03/2278) Sie gehörte zu den 1.200 Menschen, die aus Theresienstadt in die Schweiz gerettet werden konnten (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_Himmler%E2%80%93Musy)

Sie emigrierte nach New York, wo sie bei ihrer Tochter Else und deren Familie leben konnte. Verheiratet war Else Haas mit Jack Reinheimer aus Beerfelden.

Gemäß einem Eintrag in der Entschädigungsakte für Emma Haas starb sie Anfang März 1952.

Betty Behrendt (1908-?)

Betty Behrendt kam als Vollwaise mit Kind nach Neu-Isenburg und erhielt eine Ausbildung zur Säuglingspflegerin.

Betty Behrendt wurde am 6. Januar 1908 in Berlin geboren. 19-jährig brachte sie 1927 ihre Tochter Annemarie in Frankfurt a.M. zur Welt. Vermutlich begaben sich beide nach der Geburt in das Heim des Jüdischen Frauenbundes nach Neu-Isenburg. Die Mutter wurde ab 14. April 1929 zur Säuglingspflegerin ausgebildet und weiter bis zum 1. November 1936 beschäftigt. Ob sie einen staatlich anerkannten Abschluss zur Säuglingspflegerin erhielt, ist nicht geklärt. Ende des Jahres 1936 ging sie nach Frankfurt und war dort Haushaltshilfe bei Maendele, Aystettstraße 6. Eine Villa, die Frieda Philippsohn, geb. Rothschild 1939 verkaufen musste. Betty Behrens emigrierte offiziell 1939 nach Belgien wo sie 1942/44, im Untergrund lebend, die NS-Zeit überlebte. Später heiratete sie und hieß nun Betty Mulkens. Über eine Erwähnung von oder einen Kontakt zu ihrer Tochter Annemarie ist nichts überliefert, diese blieb unter der Vormundschaft des Jüdischen Wohlfahrtspflege in Neu-Isenburg und im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. in der Hans-Thoma-Straße 24 (vgl.: Mahnkopp 2023).

Eine Bemerkung zu Frieda Philippson: Frieda Philippsohn war die Schwiegertochter von David Philippsohn, der zu der Gruppe von 23 Holocaustopfern gehört, an die mit der Gedenkstätte der Henry und Emma Budge-Stiftung für ihre ehemaligen BewohnerInnen erinnert wird.

Eine Abbildung von Annemarie Behrendt befindet sich im Gedenkbuch der Stadt Neu-Isenburg.

Luise Rothschild (Liesel) (1917-1944)

Luise Rotschild kam nach Neu-Isenburg, um eine Weiterbildung zur Säuglingspflegerin zu erhalten, vermutlich als Vorbereitung für eine Auswanderung.

Luise Rothschild[1] wurde am 03. Juli 1917 in Karlsruhe geboren. Sie starb im Konzentrationslager Stutthof am 23. August 1944 (vgl. Gedenkbuch Neu-Isenburg und Gedenkbuch für die Karlsruher Juden).

Eine Abbildung von Luise Rothschild befindet sich im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden.

Die Eltern Sally und Fanny und ihr Bruder Max wohnten in der Herrenstraße in Karlsruhe. Im Erdgeschoss betrieben sie ein Kolonialwarengeschäft. Der Vater belieferte neben Privatkunden auch Hotels, Sanatorien und Kinderheime. Nach der Schulzeit in der Volksschule und einer Mädchenrealschule musste sie die Mutter im Geschäft unterstützen, der Vater war 1934 gestorben. Luise wollte Modezeichnerin werden. Sie absolvierte einen Nähkurs, arbeitete in einer Karlsruher Damenschneiderei und ging zu einer privaten Berufsfachschule für Mode, Grafik und Dekoration der Berliner Jüdischen Gemeinde. 1940 brach sie die Ausbildung ab und ging nach Neu-Isenburg, um ein Praktikum als Säuglings- und Kinderpflegerin zu absolvieren, vermutlich wollte sie eine im Ausland gesuchte Berufsausbildung erhalten. Luise entkam durch den Aufenthalt in Neu-Isenburg der Deportation der badischen Juden nach Gurs. Ihre Mutter Fanny Rothschild konnte nach Mexiko und 1944 in die USA entkommen.

Luise war fast ein Jahr in Neu-Isenburg im Heim des Jüdischen Frauenbundes. Etwa im August oder September 1941 verließ sie das Heim. Der letzte Aufenthaltsort war das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Gagernstraße wo sie bis in den Herbst 1942, als Krankenpflegerin arbeitete. Sie wurde am 24. September 1942 über Berlin nach Raasiku in Estland deportiert. Die bis in den Sommer 1944 Überlebenden, zu denen Luise Rothschild gehörte, wurden in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig gebracht, wo sie am 23. August 1944 ermordet wurde (vgl. Gedenkbuch Koblenz und juedische-pflegegeschichte.de)

Institutionen im Fokus

Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg

Bertha Pappenheim (1859-1936) gründete 1904 mit Sidonie Werner (1860-1932) den Jüdischen Frauenbund (vgl. Digitales Deusches Frauenarchiv). 1907 initiierte sie die Gründung des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg.

Im Laufe seines Bestehens entwickelte sich das Heim zur bedeutendsten jüdischen Einrichtung im damaligen Deutschen Reich. Das Haupthaus, Taunusstraße 9, wurde während der Pogromnacht am 10. November 1938 in Brand gesteckt und zerstört. Bis zu seiner Auflösung im März 1942 fanden insgesamt 1.750 Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, junge Mädchen und Frauen im Heim Hilfe und Unterstützung. Im ehemaligen Haus II, einem Erweiterungsbau auf dem früheren Heimgelände, 1914 speziell für Säuglinge und junge Mütter von Bertha Pappenheim eröffnet, befindet sich heute die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, Leben und Werk Bertha Pappenheims zu dokumentieren sowie auch die Geschichte des früheren Heims und seiner ehemaligen Bewohner.

Bertha Pappenheim Haus

Das Haus II, seit 1911 geplant, wurde am 29. März 1914 eröffnet. In der Zeppelinstraße 10 war das „Haus für Schwangere, Mütter, Säuglinge und Kleinkinder“ entstanden. Im gleichen Jahr, zu Kriegsbeginn, wurde das Haus I in der Taunusstraße 9 der Stadt Neu-Isenburg als Lazarett zur Verfügung gestellt und die Bewohner zogen ins Haus II. Nach einigen Monaten konnten die Kinder wieder einziehen (vgl. Heubach 1986: 49.

Nach dem Wiedereinzug berichtet Bertha Pappenheim im Jahresbericht 1914/1915. Es sind:

76 Neuaufnahmen zu verzeichnen: 36 Erziehungsfälle, 22 Mütter mit ihren Säuglingen und 18 Kinder die z.T. vorübergehend bei uns Aufnahme fanden den jugendlichen Müttern wurde in den meisten Fällen vor und nach der Entbindung Schutz und Aufenthalt gewährt. Vor der Entbindung sind es vorwiegend hygienische und erzieherische Gründe, die die Aufnahme der Schwangeren rechtfertigen. Nach der Niederkunft, die im Städt. Krankenhaus in Frankfurt stattfindet, kehrt die Mutter mit ihrem Kinde in’s Heim zurück, um den Säugling seine natürliche Nahrung zu gewährleisten, dessen richtige Pflege und Wartung zu erlernen, und Mut und Lust zu ehrbarer Arbeit und selbständigem Erwerb unter sachkundiger Leitung zu gewinnen.

Heubach 1994: 56

Ebenfalls im Bericht zu 1914/15 schreibt Pappenheim über die Aufgabenverteilung im Heim. Für Haus I und II ist die Hausmutter Frl. Katz zuständig, die Aufsicht im Haus II hat Frl. Cahn. Für die „Anforderungen und Vorschriften in der Säuglingspflege fachgemäß zu entsprechen“ sei im Haus II seit einigen Monaten eine geprüfte Krankenschwester beschäftigt, vermutlich die Stelle, die ab 1924 dann Emma Haas innehaben sollte. Es handelte sich um Emma Lewin, die die Leiterin des Säuglings- und Kleinkinderhauses von 1915 bis 1924 war. Sie wirkte „liebevoll besorgt für jedes einzelne der Kleinen, treu und angestrengt bei Tag und Nacht einem Dienst hingegeben, dem ihre Kraft endlich nicht mehr gewachsen war, so daß wir sie unter Bezug einer kleinen Pension in leichtere Arbeit eintreten sehen mußten.“ (Heubach 1994: 70).

Pappenheim weist auf Kontakte zum Frauenseminar für soziale Berufsarbeit (vgl. Bönisch 2024b) in Frankfurt hin, die einige ihrer Schülerinnen zur pflegerischen Ausbildung nach Neu-Isenburg überwiesen. Bereits die vierte Schülerin wurde zu diesem Zeitpunkt in Kinder- und Säuglingspflege ausgebildet (vgl. Heubauch 1994: 56).

Schon im Rückblick über die Jahre 1907 bis 1917 bemerkte Bertha Pappenheim:

Diejenigen, die bei den Säuglingen und Kleinkindern beschäftigt werden, erhalten Kurse in den Grundlagen der Erziehungslehre. Bei Eignung kann eine Ausbildung in Frankfurt als Kinderpflegerin durchgeführt werden. Die meisten, die das Heim verlassen, verdienen ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte. Die Heimkommission vermittelt entsprechende Stellen in zuverlässigen jüdischen Familien.

Heubach 1986: 39

In einem Rückblick auf die Jahre 1914-1924 schreibt Pappenheim (vgl. Heubach 1994: 62) über die Schwierigkeiten, ein Haus wie das Haus II zu etablieren: „‚Es gibt in der jüdischen Gemeinschaft keine entgleisten Elemente‘ hieß es damals, und sich mit ‚solchen Personen‘ beschäftigen, sie nicht ignorieren, ihnen sogar menschlich freundlich begegnen, kommt einer ‚Sanktion, einer Förderung des Lasters gleich‘“ (zitiert nach Heubach 1994: 61)

Froh berichtet Pappenheim, dass die Entbindungen heute (1924) durch die Zusammenarbeit mit dem jüdischen und mit dem städtischen Krankenhaus in Frankfurt a.M. geregelt seien. Seit Kurzem stünde auch das Isenburger Krankenauto Tag und Nacht zur Verfügung.

Den Säuglingen trachten wir, tunlichst lang die Muttermilch zu erhalten. Die meist schönen Zähnchen und geraden Beinchen der Laufkinder und Vorschulpflichtigen beweisen, die richtige Zusammensetzung ihrer Nahrung, den günstigen Einfluß der Waldluft und die gute Wirkung der Höhensonne, für die wir der Welthilfskonferenz unendlich dankbar sind.

Heubach 1994: 75

Bedauernd berichtet Pappenheim für 1924, dass Isenburg „trotz seiner Fülle von Lehrstoff und Lehrmittel nicht mehr Ausbildungsstätte ist.“ In Isenburg könne nur praktische Ausbildung, aber keine theoretische Belehrung stattfinden, so gäbe es keine staatlich anerkannten Abschlussprüfungen. Weitere Gründe seien wohl auch, dass die jungen Mädchen sich nicht für ein Lehrjahr binden möchten, der Dienst zu schwer sei. Und im Fall der Nichtstipendiatinnen möchten sie die Selbstkosten der Verpflegung nicht tragen. Dem Heim selbst sei es nicht möglich, über längere Zeit Gäste zu beherbergen (vgl. Heubach 1994: 76f.).

In ihrem Artikel „Ausbildung von Schülerinnen im Isenburger Heim“ von 1934 schreibt Gertrud Ehrenwerth (Ehrenwert 1934), dass in Isenburg immer auch Schülerinnen aufgenommen worden seien, die auch eine Berufsausbildung machen wollten. Dies betraf auf alle Bereiche der Kinderpflege und -erziehung zu, wie auch der Hauswirtschaft und Wirtschaftsführung. Dennoch wurden diese Möglichkeiten bis 1933 nicht ganz so genutzt, wie es möglich gewesen wäre. Es gab Alternativen für sie: allgemeine Bildungsstätten und Fachseminare, soziale und pädagogische Frauenschulen. Und es gab die Möglichkeit, Ausbildungen mit einer staatlichen Prüfung abzuschließen. Einige Schülerinnen kamen, um ein Praktikum in Isenburg zu machen, darunter Sozialbeamtinnen, Lehrerinnen und Hauspflegerinnen. Ab 1933 kamen ganz unterschiedliche Schülerinnen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Vorbildung und mit verschiedensten Wünschen und Zielen. Junge Zionistinnen für die Anerkennung als Hachscharah. Schülerinnen des Würzburger Lehrerseminars und des Berliner Kindergärtnerinnenseminars, angehende Haushaltspflegerinnen. Besonderen Zulauf hatte die Ausbildung zur Säuglingspflegerin als Berufswunsch oder als Nutzen für die eigene Familie gehabt. Im Heim habe man sich entschlossen seit Ostern 1934(?) einen Kursus zur Ausbildung von Säuglingspflegerinnen zu beginnen, der ein Jahr dauern und mit einem Hausexamen abschließen sollte.

Einen kleinen Einblick in das Leben der Schülerinnen gibt Ehrenwerths Artikel ebenso. Für alle Schülerinnen galt, dass sie Berufsschulunterricht von einem Lehrer im Haus in Rechnen, Deutsch und Bürgerkunde erhielten. Hauswirtschaftskunde und Ernährungslehre wurden gelehrt. Es gab einen Singabend mit den Heimkindern. Samstags gab es ein Beisammensein inklusive der Aussprache über Ereignisse der Woche. Sprachunterricht war in Frankfurt möglich. Die Schülerinnen des neuen Säuglingspflegeinnenkursus erhielten zusätzlich ihren fachärztlichen Unterricht in Kinderpsychologie, Erziehungslehre und Beschäftigungslehr (vgl. Ehrenwert in Heubach 1994: 133f.).

Das 1914 eröffnete Haus II für „Schwangere und junge Mütter, Säuglinge und Kleinkinder“ in der Zeppelinstr. 10 besteht noch heute und beheimatet die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim.

Eine Abbildung des Hauses in der Zeppelnstr. 10 ist auf der Homepage der Gedenkstätte zu sehen.

Annie-Stiftung (Städtische Klinik, Unversitäts-Kinderklinik)

Im Antrag auf Fortsetzung der Anerkennung des Böttgerheims als Ausbildungsschule für Säuglingspflegerinnen von 1923, siehe Kapitel „Antrag des Böttgerheims auf staatliche Anerkennung“, weist Dr. Paul Grosser auf die Kooperation zwischen Böttgerheim und Universitäts-Kinderklinik und deren Anerkennung als staatlich anerkannte Säuglingspflegeschule hin:

Zur Ermöglichung einer Ausbildung auch in denjenigen Krankheiten, deren Kenntnis im Kinderheim Böttgerstraße nicht ermöglicht werden kann, ist als Ergänzungsanstalt die Universitäts-Kinderklinik des städt. Krankenhauses vorgesehen, in der die Schülerinnen ½ Jahr im Verlauf ihrer Ausbildungszeit ausschliesslich beschäftig werden, und die auch ihrerseits bisher als Säuglingspflegeschule anerkannt war und auf Grund des Erlasses vom 30.II.1923 einen entsprechenden Antrag bereits gestellt hat. Die Möglichkeit zur Unterbringung sämtlicher Schülerinnen ist sowohl im Kinderheim Böttgerstrasse wie in der Universitäts-Kinderklinik sichergestellt.

ISG A.51.01 1134: 156

Die Universitäts-Kinderklinik hatte einen Vorläufer. Otto Braunfels stiftete 1904 die Annie-Stiftung. Annie war seine Stieftochter, die mit 10 Jahren starb. Die Stiftung betrug zunächst 150.000 Mark und später nochmals 65.000 Mark, damit konnte der Bau eines Kinderkrankenhauses („Annie-Stiftung“) finanziert werden. Dieses „Annie-Heim“ wurde am 9. Juli 1908 eröffnet und 1914 als Medizinische Klinik der Universität angegliedert (vgl. Hock 1994).

Otto Braunfels (1841-1917) war Geheimer Kommerzienrat, Kaufmann, Politiker und Philanthrop. Nach einer kaufmännischen Ausbildung in einer Brillanten-Firma in Paris gründete er für diese Firma eine Filiale in New York und kam als reicher Mann 1871 zurück nach Frankfurt und arbeitete im Bankhaus Jakob H.S. Stern. Er war Mitglied der Nationalliberalen Partei, Stadtverordneter in Frankfurt und Abgeordneter im Nassauischen Kommunallandtag.

Geboren wurde er am 9. September 1841 als Jesajas Otto Hochstäder, Sohn des Lehrers am Philantropin Jesaias Hochstädter (1805-1865) und Fanny, geb. Schreyer (1806-1865), beide Eltern waren jüdischen Glaubens. Der Vater starb vor der Geburt des Kindes. Seine Mutter heiratet 1852 Ludwig Braunfels, der Otto Braunfels 1861 adoptierte.

Ludwig Braunfels war einer der bedeutenden Unterstützer der Universitätsgründung von 1914. Er wohnte mit seiner Frau Ida, geb. Spohr (1846-1918) im Frankfurter Westend in der Villa Kissel (vgl.Wikipedia, Otto Braunfels).

Der Stiefvater war 1835 vom Judentum zum Protestantismus übergetreten (vgl. Hock 1994b). So handelte auch Otto Braunfels (vermutlich zur Zeit der Adoption 1861).

Im Südwesten der Anlage des städtischen Krankenhauses gab es ein 2.500 qm großes Grundstück mit Garten und Spielplatz, in welchem die Klinik lag. Es sollte 80 Kinder im Alter vom 1. Lebenstag bis zu 14 Jahren, die an einer inneren Krankheit litten, aufnehmen (vgl. Metttenheimer 1909). Infektionsfälle (Scharlach, Masern, Keuchhusten, Diphtherie, Wasserblattern), wie auch Haut- und Geschlechtskrankheiten wurden nicht aufgenommen. 6 der 7 Krankensäle waren Richtung Licht, nach Süden, ausgerichtet. Neben dem Kellergeschoss gab es ein Erd-, ein Ober und ein Dachgeschoss. Alle ähnlich aufgebaut, hier die Ansicht des Dachgeschosses mit dem Raum für die Ammen und das Erdgeschoss mit der Besonderheit des Hörsaals.

Abbildung: Dachgeschoss des Hauses der Annie-Stiftung, aus: Mettenheimer 1909
Erdgeschoss des Hauses der Annie-Stiftung,
aus: Mettenheimer 1909
Abbildung: Ergeschoss des Hauses der Annie-Stiftung, aus: Mettenheimer 1909
Dachgeschoss des Hauses der Annie-Stiftung,
aus: Mettenheimer 1909

Für die stationäre Versorgung von Säuglingen Standen 55 Betten zur Verfügung. Diese befanden sich im Obergeschoß der Kinderklinik. Die Aufteilung der Räume entsprach den neuesten Erkenntnissen der Krankenhaushygiene. Die Säuglingsbetten waren durch Scherwände voneinander getrennt, große Fenster sorgten für ausreichend Licht und Luft. Sämtliche Gegenstände, die für die Versorgung der Säuglinge benutzt wurden, wurden für jedes Kind getrennt aufbewahrt. Ein kleiner Raum diente als Wärmekammer für die Unterbringung von drei bis vier Frühgeborenen. Im Dachgeschoss befand sich ein Schlafraum für Ammen.

Thomann-Honscha 1988: 150
Abbildung: Haupteingang. Nordwestansicht, um 1909, aus Mettenheimer 1909
Haupteingang. Nordwestansicht um 1909,
aus Mettenheimer 1909
Abbildung: Säuglingssaal um 1909, aus Mettenheimer 1909
Säuglingssaal um 1909, aus Mettenheimer 1909

Bis 1914 hatte die städtische Kinderklinik einen Chefarzt, einen Oberarzt und drei Assistenzärzte (vgl.: Lechner 1988: 37). Ob zu dieser Zeit (1909) eine Ausbildung von Säuglingsschwestern in der Kinderklinik stattfand, ist mir nicht bekannt. Möglicherweise hatte man wie in der Christ’schen Kinderklinik Verträge mit Diakonissen abgeschlossen. Auf den Pflegedienst im Kinderkrankenhaus gibt es leider nur folgenden Hinweis:

Leider fehlen, selbst für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, Zahlen über die Ausstattung des Pflege- und medizinisch-technischen Dienstes. Ersteres liegt daran, daß die Universitätskliniken der Stadt Frankfurt am Main pflegerisch von einem selbstständigen Schwesternverband versorg wurden. Er löste sich später auf. Seine Unterlagen waren, trotz vielfältiger Bemühungen, nicht aufzufinden.

Lechner 1988: 106

Einen weiteren Hinweis auf das Pflegepersonal und dessen Organisation gibt es oben unter Kapitel 4.4 zur Schwester Margarete Kiehl. Sie war der Betreuung von Frau Oberin von Mässenhausen vom Frankfurter Schwesternverband für die Zeit ihrer Ausbildung im städtischen Krankenhaus im Jahr 1913 anempfohlen worden.

Eventuell konnte es auch ein Schwesternverband sein, wie ihn die Oberin Trömper leitete, die bei der Gründung des Kinderheim e.V. zum Beirat gehörte (vgl. Bönisch 2924d). Frau Bertha Trömper leitete den Bertha Verein, der Schwestern ausbildete, die dann an anderen Orten zum Einsatz kamen.

Abbildung: Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023,
© Edgar Bönisch
Abbildung: Das haus der Annie-Stiftung mit Schjriftzug über der Eingangstür im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Das Haus der Annie-Stiftung, Schriftzug über der Eingangstür im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Abbildung: Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023, © Edgar Bönisch
Das Haus der Annie-Stiftung im Jahr 2023, © Edgar Bönisch

Das Haus der Annie-Stiftung besteht auch heute (2023) noch. Darin befindet sich die Kita der Uni-Strolche. Im November 2023 öffnet ein Childhood-Haus, ein Haus der Childhood-Initiative zum Schutz von Kindern vor Gewalt.

Selbst während des Zweiten Weltkriegs gab es weitere Vernetzungen. Das Schwesternheim des Vereins Jüdischer Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main in der Bornheimer Landwehr 85 war zwangsgeräumt worden und als „Ausweichsquartier“ der Universitäts-Kinderklinik genutzt worden. „Das Kinderspital wurde in das vom Magistrat der Stadt Frankfurt ‚erworbene‘ ehemalige jüdische Schwesternheim verlegt“ (Benzenhöfer 2014: 141f.) Die städtische Freigabe für die Belegung erfolgte im Oktober 1940 und wurde ab da auch genutzt (vgl. Lechner 1988: 70).

Im ehemaligen Schwesternheim gab es 100 Kinderbetten für die Versorgung der PatientenInnen. Im ehemaligen Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Gagernstraße 36 wurden die Krankenschwestern untergebracht.

Zerstört wurde das Haus in der Bornheimer Landwehr 85 während eines Luftangriffs am 6. Oktober 1944. Es starben 112 Menschen, Personal und Kinder, 26 Kinder konnten gerettet werden (vgl. Lechner 1988: 70).

Das Böttgerheim des Kinderheim e.V.

Das Böttgerheim und seine Schwesternschule ist bereits an anderem Ort ausführlich vorgestellt worden (Bönisch 2023a, 2023b, 2023d). Dass dort viele Fäden der Ausbildung zusammenliefen, ist aus den weiter oben zitierten Jahresberichten ersichtlich sowohl für die Zeit des Heims durch den Kinderheim e.V. als auch nach dem Wechsel zur Verantwortlichkeit durch die Stadt ab 1920.

1920 war ein Jahr der Veränderungen, es gab die neuen Gesetze, es gab den neuen Leiter Dr. Paul Grosser. Über die Krankenschwestern wissen wir nicht viel, einiges wurde in diesem Artikel zusammengetragen.

Ein Auszug aus dem XI. Jahresbericht für 1912 berichtet zur Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims:

Im Verpflegungsdienst beschäftigen wir durchschnittlich 6 Pflegeschwestern und 8 Schülerinnen. Die Pflegeschwestern sind in der Regel in unserer Anstalt ausgebildet und geprüft. Prüfungen fanden im Mai und Oktober des Berichtsjahres statt und verliefen mit gutem Resultat. Haben die Schülerinnen die Prüfung bestanden, so bleiben sie meist als Probeschwestern in unserer Anstalt und können nach Absolvierung eines halbjährigen Kursus in einem Krankenhaus, sich zum Staatsexamen melden. Hierzu haben wir laut Erlaß des Königl. Ministeriums des Innern vom 29. Juli 1912 die Konzession erhalten. Das hiesige städtische Krankenhaus hat sich darauf bereit erklärt, die Pflegeschwestern, die bei uns 1 ½ Jahre beschäftigt waren zu den verlangten halbjährigen Kusus zuzulassen und in dankenswerter Weise hat uns die Anstaltsdeputation zugesagt, von unseren Pflegerinnen keine Verpflegungskosten zu erheben. Es ist also unseren Schülerinnen die Möglichkeit geboten, nach der vorgeschriebenen Zeit von zwei Jahren das Staatsexamen abzulegen und dann nicht nur Kinderpflege, sondern auch Krankenpflege, als staatlich geprüfte Krankenpflegerin auszuüben.

ISG V 568 Kinderheim. XI. Jahresbericht für das Jahr 1912

Jüdischer Krankenpflegerinnen Verein zu Frankfurt am Main

Die Schwestern des „Vereins für jüdische Krankenschwestern zu Frankfurt am Main“ tauchen in diesem Artikel an der einen oder anderen Stelle im Zusammenhang mit der Säuglingspflege auf. Zum Thema „Die Kinder- und Säuglingspflege im Krankenhaus der israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main in der Gagernstraße 36“ wird ein eigener Artikel auf www.juedische-pflegegeschichte.de erscheinen.

Quellen

Archivalien

ISG – Institut für Stadtgeschichte

Anthes, Helene: A.11.02, Nr. 23.896, 32.662, 80.948, 135.508 und 140.630

Kiehl, Margarete: A.11.02, Nr. 25.032

Lippert, Elisabeth (geb. am 26.09.1865): ISG A.11.02. /935 und 936

Lippert, Marie [= Maria bzw. Maria Louise] (geb. am 29.06.1867): ISG A.11.02 59622, A.11.02 46406 und Magistratsakte A.02.01, Nr. V-568

Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568

Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568, Jahresbericht 1913

Magistratsakte Kinderheim, A.02.01, Nr. V-568, Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906

Stiftungsabteilung Verein Kinderheim Böttgerstr. 22, A.30.02, Nr. 250

Haas, Emma: A.54.03 Nr. 2278

Hirsch, Alice: ISG HB 686: 89

Kinderheim Böttgerstr.: V 658: 156 – 1923

HHStAW – Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden

Behrendt, Betty: 518, 77061 und 519/3 22.279

Hirsch, Alice: Abt. 518 Nr. 15852 und 519/3 Nr. 27.914

Gedruckte Quellen und Online-Artikel

Benzenhöfer, Udo 2013: Das Städtische Krankenhaus in Frankfurt am Main von 1884 bis zur Eröffnung des Universitätsklinikums 1914. Münster / Ulm

Benzenhöfer, Udo 2014: Universitätsmedizin in Frankfurt am Main von 1914 bis 2014. Münster. Online: https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/57591 (23.08.2023)

Bönisch, Edgar 2015: Jüdische Pflege in Heidelberg https://www.juedische-pflegegeschichte.de/juedische-pflege-in-heidelberg/ (20.09.2023)

Bönisch, Edgar 2021: Die Schwesternschülerinnen des Frankfurter Vereins, 1903-1913

Bönisch, Edgar 2024a: Die überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße (Böttgerheim), eine Stiftung der Familie Gans, Frankfurt am Main (in Vorbereitung)

Bönisch, Edgar 2024b: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/die-pflegeschule-fuer-saeuglingsschwestern-im-boettgerheim/ (18.09.2023)

Bönisch, Edgar 2024c: Ausbildung zur Säuglingskrankenschwester nach der staatlichen Anerkennung des Berufs 1917. Der Ministerialerlass vom 31. März 1917 – M. 3626/16 – Vorschriften über die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen

Bönisch, Edgar 2024d: Die staatlich anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern. Eine Einrichtung des Böttgerheims

Bönisch, Edgar 2024e: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege

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Lechner, Josef 1988: Die Geschichte der Universitätskinderklinik Frankfurt/Main von ihrer Gründung bis zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Frankfurt am Main

Mahnkopp, Volker 2023: Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V. Hans-Thoma-Straße 24, Frankfurt am Main 2011, erweitert 2018/2023, Version 29. Juli 2023 https://www.platz-der-vergessenen-kinder.de/assets/de/1/Ff_Kinderhaus_HT24.pdf (18.09.2023)

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Schlossmann, Arthur 1917: Öffentliches Gesundheitswesen. Die staatliche geprüfte Säuglingspflegerin. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 14. Juni 1917, Nr. 24. https://zenodo.org/record/2492263/files/article.pdf (05.06.2023)

Seemann, Birgit 2010/2020: Jüdische Krankenhäuser in Frankfurt am Main (1829 – 1942), https://www.juedische-pflegegeschichte.de/juedische-krankenhaeuser-in-frankfurt-am-main-1829-1942/ (18.09.2023)

Seemann, Birgit 2021: „Deine Dir gute Obeli“ – Frankfurter jüdische Krankenschwestern in der Kinder- und Säuglingspflege, https://www.juedische-pflegegeschichte.de/deine-dir-gute-obeli-frankfurter-juedische-krankenschwestern-in-der-kinder-und-saeuglingspflege/ (18.09.2023)

Seemann, Birgit 2023: In „allen Stadien der Schutzbedürftigkeit“: Institutionen
der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege in Frankfurt am Main – ein historischer Überblick.
https://www.juedische-pflegegeschichte.de/in-allen-stadien-der-schutzbeduerftigkeit-institutionender-juedischen-kinder-und-saeuglingspflege-infrankfurt-am-main-ein-historischer-ueberblick/

Seemann, Birgit / Bönisch, Edgar: Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung, Frankfurt am Main

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Trost und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland, Frankfurt am Main

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a.M., Manuskript, Frankfurt am Main

Tugendreich, Gustav 1910: Die Mutter- und Säuglingsfürsorge, Stuttgart

Abbildung 1: Professor Dr. Arthur Schlossmann, Direktor der Klinik für Kinderheilkunde, 1907. Aus: Rhein und Düssel (No. 30), vom 28. Juli 1907, S. 3 ULB Düsseldorf http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ulbdzd/periodical/pageview/9174329

Die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen – Der Ministerialerlass vom 31. März 1917

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Situation vor 1917

Für die Ausbildung und Prüfung von Säuglingskrankenpflegerinnen bestehen im Deutsche Reich, außer in den Großherzogtümern Hessen und Sachsen-Weimar, wie auch in der Freien und Hansestadt Hamburg, keine speziellen gesetzlichen Bestimmungen.

Langstein 1915: 14

In Preußen galten vor 1917 die Vorschriften zur staatlichen Prüfung von Krankenpflegepersonen, erlassen am 10. Mai 1907 durch den Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten (Ministerial-Blatt für Medizinal-Angelegenheiten 1907: 185 und die Ausführungsanweisung vom 1. Mai 1907 siehe Ministerial-Blatt F. Medizinal-Angelegenheiten: 192, vgl. Langstein 1915: 4). Darunter fiel auch Frankfurt, das seit 1866 zu Preußen und seit 1868 zu dessen Bezirk Hessen-Nassau gehörte.

Aus den Vorschriften für Krankenpflegepersonal folgte, dass jede Krankenpflegerin sich auch als Säuglingskrankenpflegerin betätigen durfte. Pflegerinnen, die sich in privaten Familien mit Säuglingen beschäftigten, benötigten keinerlei Ausbildung:

Dieser Zustand ist mit Rücksicht auf die hohe Bedeutung der Säuglingspflege für das Volkswohl in einsichtigen Kreisen schon seit Jahren nicht nur als unzweckmäßig, sondern sogar als äußerst bedenklich empfunden worden, weil er jedermann, auch den ungeeignetsten Persönlichkeiten, den Zutritt zum Kinderzimmer gestattet.

(Langstein 1915: 14)

Auf Initiative aus dem Berliner „Auguste Victoria Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich“ trafen sich 1912 verschiedene Leiter von deutschen Säuglingspflegeanstalten in Preußen, um „Grundsätze für die einheitliche Ausbildung des Säuglingspflegepersonals für ‚Anstalten und Familien‘“ (Langstein 1915: 15) zu erstellen. Es sollten also zu den bestehenden Regelungen für Krankenpflegepersonal spezielle Bestimmung für den Säuglingspflegebereich geschaffen werden. Die eingesetzte Arbeitskommission beschäftigte sich insbesondere mit der Unterscheidung zwischen:

a) Säuglingskrankenpflegerinnen, die in Säuglingsheil- und Säuglingspflegeanstalten und der offenen Säuglingsfürsorge eingesetzt werden sollten, und:

b) Säuglingspflegerinnen, die die Pflege in den Familien übernehmen sollten.

In den dazu verfassten Leitsätzen heißt es, dass die Anforderungen, die an die Pflegerin kranker Säuglinge gestellt werden ungleich größer sind als diejenigen, die eine Pflegerin des gesunden Kindes in einer Familie zu erfüllen hat. Für die Säuglingskrankenpflegerin sah man entsprechend eine Ausbildung von 2 Jahren vor, von denen mindestens ein Jahr in der Säuglings- und Kinderpflege verbracht werden sollte. Für den Abschluss mit Diplom war eine Prüfung an einer staatlich anerkannten Anstalt vorgesehen, eine zusätzliche Ausbildung als allgemeine Krankenpflegerin war ebenso empfohlen. Ausbildungsorte und Prüfungsorte sollten nur Säuglingsheime, Kinderkrankenhäuser oder Kinderabteilungen sein, die nach den neuesten Fortschritten der Wissenschaft betrieben würden und einem Fachmann, einem Kinderarzt, unterstünden. Beschäftigungszeiten in der praktischen Säuglingspflege ohne Ausbildung sollten nicht als Ausbildungszeit anerkannt werden.

Die Säuglingspflegerin im Gegensatz zur -krankenpflegerin sollte mindestens ein halbes Jahr in den beschriebenen Anstalten ausgebildet werden. Sie wird ebenso geprüft und erhält ebenfalls ein Diplom.

Für die Ausarbeitung von Lehrplänen soll eine Kommission eingesetzt werden.

An dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden Überlegungen zu dem Beruf der Wärterin, eine Art Assistentin der Pflegerin, und die sich entwickelnden Berufe der Säuglingsfürsorgerin oder Säuglingsfürsorgeschwester (vgl. Langstein 1915: 17 und Konferenz zur Beratung von Grundsätzen, betreffend die einheitliche Ausbildung der Säuglingspflegerinnen: Stenographischer Bericht, Berlin 1912. Zitiert nach Fehlemann 2004: 252).

Leo Langstein (1876-1933) lässt seinem Text über den Beruf der Säuglingspflegerin (Langstein: 1915) einer Aufzählung von Pflegerinnenschulen Deutschlands zum Zeitpunkt des Erscheinens, 1915, folgen. In der Aufzählung ist auch das Böttgerheim in Frankfurt aufgelistet, das zu denjenigen gehört, die weitestgehend nach den oben genannten Grundsätzen arbeiten. Bewusst lässt er in seiner Liste Krankenanstalten weg, die auch Säuglingspflege lehren und auch Tageskrippen und Einrichtungen der offenen Säuglingsfürsorge, dort sieht er nicht die Möglichkeit einer gründlichen Ausbildung, es fehlt an der fortlaufenden Beobachtung und Pflege des Säuglings während Tag und Nacht. Für das Böttgerheim nennt er dann folgende Merkmale der Ausbildung:

Kinderheim, Frankfurt a. M., Böttgerstr. 22.

1. Säuglingspflegerinnen. Aufnahmebedingungen: Alter 20-30 Jahre, Gesundheitsattest und Untersuchung durch Anstaltsarzt, höhere Schulbildung. Lehrgang: Theoretischer und praktischer Unterricht erfolgt durch Arzt und Schwester beim gesunden und kranken Kinde bis zu 3 Jahren, und der Milchküche und Säuglingsfürsorgestelle. Dauer 1 Jahr. Mündliche und praktische Prüfung, Zeugnis. Kosten: In den ersten 6 Monaten 30 M. monatlich für Wohnung, Beköstigung und Wäsche; beim Abgang zu errichten. Das Kostgeld wird zur Hälfte erlassen, wenn das Ausbildungsjahr vollendet wird. Bleibt die Pflegerin nach Vollendung des Jahreskursus noch ein weiteres Halbjahr im Dienste der Anstalt, dann wird das fällige Kostgeld ganz erlassen und außerdem ein monatliches Taschengeld von 15 M. gewährt.

Bemerkung: Die staatliche Anerkennung als geprüfte Krankenpflegerin kann im Anschluß an den Kursus durch Absolvierung eines halbjährigen Kursus im Städtischen Krankenhaus in Frankfurt a. M. und Prüfung erworben werden.

2. Mutterschulkurs, 3 Monate lang. 2 theoretische Stunden wöchentlich. Kosten: 40 M. Nach Ablegung der Prüfung Erlaubnis zur praktischen Arbeit in der Anstalt (1-3 Monate).

Meldungen und Anfragen: Anstaltsleitung. Prospekt zur Verfügung.

(Langstein 1915: 26)

Gesetz von 1917, Kritik und Erweiterungen

Säugling zu sein, ist in unserer Zeit eine Lust.

Schlossmann 1917

Eine erstmals einheitliche Ausbildung für Säuglingspflege wurde in Deutschland 1917 geregelt. Sie bedeutete jedoch einen Rückschritt gegenüber der bisherigen Entwicklung, insofern als nicht zwischen Säuglingskrankenpflege und Säuglingspflege unterschieden wurde.

In einem Artikel in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (Nr. 24, 14. Juni 1917) fasst Arthur Schlossmann das Gesetz von 1917 zusammen und stellt die seiner Meinung nach kritischen Punkte heraus.

Der Kinderarzt Arthur Schlossmann (1867-1932) hatte in Freiburg, Leipzig, Breslau und München studiert und nach einer Assistenz am Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhaus in Berlin sich 1893 in Dresden als Kinderarzt niedergelassen. In den Räumen seiner Praxis führte er eine Poliklinik für Kinder und Säuglinge und wurde zum Mitbegründer und Leiter der Dresdner Kinderklinik einschließlich Säuglingsheim. Seit 1899 stand dort auch eine Schule für Säuglingspflegerinnen zur Verfügung. (Weitere Informationen in: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main (Bönisch 2024).

Abbildung 1: Professor Dr. Arthur Schlossmann, Direktor der Klinik für Kinderheilkunde, 1907. Aus: Rhein und Düssel (No. 30), vom 28. Juli 1907, S. 3 ULB Düsseldorf http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ulbdzd/periodical/pageview/9174329
Abb. 1: Professor Dr. Arthur Schlossmann, Direktor der Klinik für Kinderheilkunde, 1907. Aus: Rhein und Düssel (No. 30), vom 28. Juli 1907, S. 3, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ulbdzd/periodical/pageview/9174329

Schlossmann schreibt:

Säugling zu sein, ist in unserer Zeit eine Lust. Was auf dem Verordnungswege möglich ist, geschieht, um dem jungen Weltbürger sein Leben lebenswert zu machen und um ihm alle Steine des Anstoßes aus der Wiege zu räumen. Als Neustes auf diesem Gebiet der säuglingsfreundlichen Neuorientierung tritt jetzt die staatlich geprüfte Säuglingspflegerin in Erscheinung. Durch Ministerialerlaß vom 31. März 1917 – M. 3626/16 – sind Vorschriften über die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen, eine Ausführungsanweisung hierzu und ein Plan für die Ausbildung in der Säuglings-und Kleinkinderpflege bekanntgegeben worden.

Schlossmann 1917

Den Grund dafür, dass man sich in einer Zeit „da eigentlich die ganze ärztliche Tätigkeit direkt oder indirekt von Mars regiert wird […]“ also mit dem Krieg beschäftigt ist, um einen solchen Erlass bemühe, sieht Schlossmann darin, dass solche Erlasse bereits in den Großherzogtümern Hessen, und Sachsen -Weimar und in der Freien und Hansestadt Hamburg bestünden und eine allgemeine Regelung notwendig sei.

Schlossmann fasst die wichtigsten Vorschriften des Erlasses zusammen:

Die staatliche Anerkennung als Säuglingspflegeschulen sollen in jedem Regierungsbezirk, gewisse Säuglingsheime, Kinderkrankenhäuser oder ähnliche Anstalten erhalten, die über eine größere Anzahl von Betten für Säuglinge und Kleinkinder verfügten und eine Einrichtung hätten, die die Gewähr für eine „gediegene“ Ausbildung böten, die Leitung müssten „tüchtige“ Kinderärzte sein.

Die Ausbildung der Säuglingspflegerin solle ein Jahr dauern, die aufgeteilt sein sollte in einem halben Jahr zunächst in bestehenden Krankenpflegeschulen und darauffolgend einer Unterweisung in der eigentlichen Säuglings- und Kleinkinderpflege in einer der neuen Säuglingspflegeschulen. Prüfungen solle es 2mal jährlich geben, im März und September. Mindestens einer der drei Ärzte des Prüfungsausschusses solle ein Kinderarzt sein. Für die Zulassung müsse man 21 Jahre alt sein und einen Volksschulabschluss besitzen. Theoriestunden solle es 200 geben, mindestens die Hälfte davon in Säuglings- und Kleinkinderpflege. Bereits ausgebildete Hebammen (Ausbildung über neun Monaten in einer deutschen Hebammenlehranstalt), könnten die Prüfung nach Ablegung eines zusammenhängenden Lehrgangs von drei Monaten in einer staatlichen oder staatlich anerkannten Säuglingspflegeschule machen.

Nun beginnt er seine Kritik, die hier etwas ausführlicher wiedergegeben wird, sie zeigt die Situation in der Säuglings- und Kinderpflege der Zeit. Zunächst stellt Schlossmann fest, dass hier Säuglingskrankenpflegerinnen angesprochen seien und nicht Säuglingspflegerinnen. Er vermutet, dass „manche staatlich geprüfte Säuglingspflegerin unter Umständen überaus überrascht und erstaunt sein wird, wenn sie in ihrer späteren Tätigkeit das erste Mal wirklich ein gesundes Kind zu sehen bekommt.“ (Schlossmann 1917) Er bemängelt, dass der Ausbildungsplan weder die Pflege eines gesunden Säuglings, noch eine Entbindungsstation einer Säuglingsabteilung berücksichtige. Weiter verweist Schlossmann auf das Fehlen von Einblicken in die Infektionsabteilungen, besonders da die Säuglingspflegerin gleichzeitig geprüfte Kleinkinderpflegerin sei. Sie würde zwar geprüft im Wissen über Kleinkinderkrankheiten und Pflege von übertragbaren Krankheiten, doch fehle ihr der praktische Kontakt z. B. zu an Masern oder Diphterie Erkrankten. „Früher gab es eine sogenannte Säuglings- und Kinderpflegerin, die von diesen Dingen keine Ahnung hatte; auch in Zukunft wird es so sein, nur daß jetzt die geprüfte Säuglingspflegerin ein staatliches Zeugnis in der Hand hat. Und das ist das Bedenkliche!“ (Schlossmann 1917)

Schlossmann kritisiert weiter, dass die Ausbildung in zwei unterschiedlichen Anstalten stattfinden sollte, so dass die Auszubildenden mit einem unterschiedlichen Wissensstand zusammenkämen. Die Festlegung auf zwei Prüfungstermine pro Jahr sieht er ebenfalls kritisch. In Dresden, wo er die Pflegerinnenschule leitet, kommen jeden Monat zwei bis drei neue Schülerinnen, die je eine jeweils einer ausgebildeten Schwester zugeordnet werden. Sie lassen sich gut in den Alltagsbetrieb eingliedern und ein kontinuierlicher Betrieb ist möglich. Wenn alle halbe Jahre viele Auszubildenden ins Säuglingsheim kämen sei das eine Überlastung.

In der Bevorzugung der Hebammen durch eine verkürzte Ausbildung zur Säuglingsfürsorge sieht er den Versuch den Hebammen einen zusätzlichen Arbeitsbereich auf Kosten der Krankenpflegerinnen zu sichern. Es brächte eine Schieflage in der großen Kette von Zuständigkeiten, „die Mutter und Kind vor dem Abgrund schützen soll, der sie bedroht.“

Das Mindestalter auf 21 Jahre zu setzen hält er für falsch. Die Lücke zwischen Schulabschluss und Eintritt in eine Ausbildung mit dementsprechend 20 Jahren sei schwer zu füllen, selbst eine zwischenzeitliche sinnvolle hauswirtschaftliche Ausbildung fülle die Lücke nicht. Er habe keine Bedenken, das Eintrittsalter bei 18 Jahren zu sehen, die Prüfung also mit 19 anzusetzen, man könne dann immer noch die Auszubildenden bis 21 an ein Haus binden, wo sie ja unter einer entsprechenden Aufsicht stünden. „Ich glaube, wir müssen alles tun, um den jungen Mädchen möglichst früh zu einer wirtschaftlichen Selbständigkeit zu verhelfen.“ (Schlossmann 1917)

Schlossman betont, dass es mitten im Krieg sicherlich schwierig gewesen sei, die Fachleute, also Kinderärzte, von denen es nicht viele gäbe, zu befragen. Positiv sei, dass den angehenden Schwestern überhaupt Aufmerksamkeit gewidmet würde. Er findet es wichtig zu motivieren, denn: „Gut ausgebildete Kräfte tun uns in Säuglingspflege und Säuglingsfürsorge not. Man gehe also ans Werk und denke dabei des Goehteschen Wortes: ‚Man säe nur, man erntet mit der Zeit.‘“ (Schlossmann 1917)

Auch von anderen Seiten kam Kritik, insbesondere da der Unterschied zwischen Pflegerinnen gesunder Säuglinge in der Familie und Säuglingskrankenpflegerinnen in Anstalten verwischt worden ist (vgl. Jende-Radomski 1926: 79 und Eickemeyer 2015: 48).

Weitere Beratungen, diesmal unter Teilnahme von Arthur Schlossmann und anderen Sachverständigen, führten 1923 zu neuen Bestimmungen zur Prüfung von Säuglings- und Kleinkinderpflegerinnen. Die Ausbildungszeit wurde auf 2 Jahre festgesetzt und das Mindestalter auf 18 Jahre gesenkt. Einige Bundesstaaten folgten dem preußischen Beispiel. Ab Mitte der 1920er Jahre wurde wieder über die Vereinheitlichung der Ausbildung in der Säuglingspflege beraten. Beratungszentrum war die Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz am Königin Auguste Viktoria Haus (KAVH). Diesmal wurde ein breites Spektrum von Meinungen berücksichtigt. Ein Instrument waren Fragebögen, die an die Ausbildungsanstalten versandt und ausgewertet wurden.

Die Vorschläge der Deutschen Vereinigung für Säuglingsschutz wurden dem Reichsgesundheitsamt und dem Reichsrat zum Beschluss vorgelegt. Am 1. Oktober 1930 trat der Beschluss vom 20. März 1930 über die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderpflegerin (für die Pflege in der Familie) in einjährigem Lehrgang und die Ausbildung zur Säuglings- und Kleinkinderschwester
(-krankenpflegerin) in zweijährigem Lehrgang reichsweit in Kraft.

Eickemeyer 2015: 50

Das Böttgerheim 1916 bis 1923

Frankfurt am Main gehörte seit 1866 zu Preußen und unterlag der entsprechenden Gesetzgebung. Eingegliedert war Frankfurt seit 1868 in den Bezirk Hessen-Nassau mit den Provinzhauptstädten Kassel und Wiesbaden.

Die Lage während des 1. Weltkriegs für das Böttgerheim ist aus dem Jahresbericht des Vereins Kinderheim Nr. 15 für das Jahr 1916 ersichtlich.

Sowohl der langjährige Vorsitzende und Gründer Christian Wilhelm Pfeiffer-Belli (1843-1916) war am 31. Januar 1916 gestorben als auch sein Nachfolger im Amt Paul Sternberg am 31. Juli 1916. Der Anstaltsarzt Dr. Carl Beck (im Amt 1909-1914) verstarb am 6. März 1916. Der stellvertretende Anstaltsarzt, Dr. Gustav Löffler wurde Ende 1916 zum Militär berufen. Löffler hatte auch den Unterricht für die Schülerinnen erteilen können. Ab Januar 1917 übernahm Dr. Georg Schaub die ärztliche Leitung. Der 1916 gegründete Schwesternverband des Vereins Kinderheim konnte seinen Betrieb aufnehmen, es konnte „eine Anzahl in früheren Jahren bei uns gründlichst ausgebildeter, zuverlässiger Kinderschwestern, die sich im Außendienst, in der Privatpflege und in leitenden Stellungen sehr bewährt haben, aufgenommen [werden] und wir sind dauernd bestrebt, tüchtige Kinderpflegerinnen zum Wohl der Säuglingsfürsorge heran zu bilden.“ (Kinderheim, Jahresbericht 1917 für 1916: 6)

Die Betriebskosten sind in den Kriegsjahren stark gestiegen, es musste zunehmend auf die Vereinsfinanzen zurückgegriffen werden. Das Defizit war 1916 bei 12.806 M., um Spenden wurde ausdrücklich gebeten. Zuschüsse kamen durch Nachlässe und Schenkungen zusammen, mit 1.000,- M. bezuschusste die Stadt Frankfurt das Heim, die Augusta Viktoria-Stiftung für Säuglingsfürsorge gab 3.000,- M. Die Schwestern erhielten nach wie vor Freikarten für Bahnfahrten, Palmengarten und Zoo. 1916 hatte der Verein 373 eingetragene Mitglieder.

Preußens Gesetzgebung für Krankenpflegepersonal von 1907 scheint noch bis 1917 gültig gewesen zu sein, bis zum Ministerialerlass vom 31. März 1917 (M. 3626/16 – Vorschriften über die staatliche Prüfung von Säuglingspflegerinnen). Die davor gültigen Rahmenbedingungen für die Ausbildung in der Säuglingspflegerinnenschule scheinen die von 1904 zu sein, grob zusammengefasst sind es :

Aufnahme von jungen Frauen von 20 bis 30 Jahren mit einer guten Schulbildung. Aufnahmeuntersuchung durch den Anstaltsarzt. Die Ausbildung erfolgt theoretisch und praktisch, die Ausbildungsdauer ist ein Jahr, ausgebildet wird in Säuglings- und Krankenpflege sowie Kinderkrankenpflege. Der Abschluss erfolgt mit einer Prüfung und die Ausgebildete erhält ein Zeugnis (Kinderheim e.V. 1913). Mehr Details siehe Beitrag: Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim.

Zur Umsetzung des Erlasses von 1917 im Böttgerheim ist wenig überliefert. In einer Archivmappe fand ich zufällig eine auf offiziellem Heimpapier gedruckte Anweisung, die zeigt, dass der Erlass auch im Frankfurter Heim angekommen ist. Zufällig ist der Fund, da der Text dieser Seite per Hand durchgestrichen ist, und die leere Rückseite als Notizzettel genutzt wurde:

Kinderheim e.V. zu Frankfurt a.M., Böttgerstraße 20-22. Staatlich anerkannte Säuglingspflegeschule und Prüfungsstelle.

Durch Verordnung des Herrn Ministers des Innern, 31.3.1917, ist die Ausbildung der Säuglingspflege und die Ablegung der staatlichen Prüfung als Säuglingspfleger geordnet worden.

Die Ablegung der stattlichen Prüfung als Säuglingspflegerin setzt eine mindestens einjährige Ausbildung voraus:
Zunächst für 6 Monate in einer staatlich anerkannten Krankenpflegeschule.
Daran anschließend für weiter 6 Monate in einer staatlich anerkannten Säuglingspflegeschule.

Für Hospitantinnen, die auf Grund dieser Vorschriften den vorgeschriebenen ½-jährigen Kursus in der Säuglings- und Kleinkinderpflege durchmachen wollen, gelten folgende Bestimmungen.
Der Nachweis der Vollendung des 21. Lebensjahres, Eintritt in der Regel Anfang April und Anfang Oktober. Für Verpflegung sind pro Monat Mk. 75,- zu entrichten. Wohnung außerhalb der Anstalt.
Für den theoretischen Unterricht und die Unterweisung sind für das halbe Jahr Mk. 50,- zu zahlen. Der Abschluss erfolgt durch die staatliche Prüfung.

ISG A.51.01 1134: 103, Rückseite

Das Kinderheim Böttgerstraße 22 und seine Säuglingspflegerinnenschule hatten weiterhin finanzielle Schwierigkeiten, die Stadt gewährt in den Jahren 1918, 1919 und 1920 weitere Zuschüsse (ISG A.02.02 V 586: 96, 105, 111). 1920 kommt es zum Verkauf an die Stadt Frankfurt. Übernommen werden das Vermögen, bestehend aus den Grundstücken Böttgerstrasse 20/22 mit Inventar und Vorräten, das Grundstück Hallgartenstraße 59, Wertpapiere und Barvermögen in Höhe von etwa 70.000,- M. Die Stadt übernimmt die Belastungen der Grundstücke und Verpflichtungen des Vereins von etwa 100.000 M. und die Verpflichtungen aus der Schenkungsurkunde der Eheleute Gans. Beschäftigung und Altersvorsorge der Schwestern Elisabeth und Marie Lippert werden bestätigt.

Die Vereinbarungen gelten zwischen dem Verein Kinderheim und dem Jugend-Amt der Stadt Frankfurt (31.August 1920). Im Lauf von 1920 und 21 wird die Übernahme und Besoldung der Oberin Elisabeth Lippert, der Oberschwester Marie Lippert und der Schwestern Margarete Kiehl, Helen Anthes, Magarete Kottmayer, Agnes Kalytta bestätigt. Als leitender Arzt des Kinderheims Böttgerstrasse wird Dr. Paul Grosser berufen (vgl. ISG A.02.01 V 586). Paul Grosser (1880-1934) wurde am 4. Februar 1880 in Berlin geboren, er starb am 7. Februar 1934 in Saint-Germain-en-Laye. In Berlin hatte er verschiedene Assistenzstellen inne, u.a. bei Rudolf Virchow (1821-1902), bei Heinrich Finkelstein (1865-1942) im Städtischen Waisenhaus in Berlin-Kreuzberg. Ebenso an der Universitäts-Kinderklinik der Berliner Charité bei Otto Heubner (1843-1926). Dort war er Oberarzt in der Kinderklinik des Städtischen Krankenhauses. Während des gesamten 1. Weltkriegs war er als Stabsarzt an der Front. Nach dem Krieg eröffnete er als Kinderarzt eine Privatpraxis. 1919 habilitierte er sich als erster Kinderarzt an der Frankfurter Universität. 1921 heiratete der liberale Jude Grosser Lily Emilie Rosenthal (1894-1968). Einer der Trauzeugen war Karl Josephtal, der zuvor als Gremiumsmitglied der Versorgungsanstalt für Israeliten in Frankfurt wirkte. Die Kinder Margarethe und Alfred wurden 1922 bzw. 1925 geboren.

Abbildung 2: Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul Grosser, um 1930. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_grosser_1880-1934.jpg (21.06.2023) Aus: Seidler 2000: 258
Abb. 2: Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul Grosser,
um 1930.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_grosser_1880-1934.jpg (21.06.2023), aus: Seidler 2000: 258

Das Böttgerheim und die Pflegeschule leitete Grosser von 1921 bis 1929. Seine Assistenzärztin war Anna Ettlinger (1894-?), die sich ab 1924 als praktische Ärztin in Frankfurt niederließ. Später hieß sie Sondheimer, sie ging 1937 in die USA und in zweiter Ehe  hieß sie Sondheimer-Friedmann. 1923 wurde Grosser außerordentlicher Professor für Kinderheilkund an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Von 1930 bis 1933 war Grosser ärztlicher Leiter des Clementine Kinderhospitals (vgl. Seemann 2024), welches er sehr erfolgreich modernisierte.

Bedingt durch die Anfeindungen als Juden, emigrierte die Familie 1933 nach Frankreich. Im Februar 1934 starb er in Saint-Germain-en-Laye an einem Herzinfarkt (vgl. Wikipediartikel zu Paul Grosser 29.04.2024).

In den Akten findet sich ein Antrag des Böttgerheims auf Anerkennung als Säuglingspflegeschule aus dem Jahr 1923. Der Antrag wird mit dem Erlass vom 20. Februar 1923 begründet und es folgt eine Selbstdarstellung von Heim und Schule von der ich vermute, dass sie zeigen soll inwiefern die Vorschriften vom Februar erfüllt werden, gerichtet ist sie an den Herrn Regierungspräsidenten in Wiesbaden, datiert auf den 8. Juni 1923, vermutlicher Verfasser ist Dr. Grosser:

Gesuch um staatliche Anerkennung des städtischen Kinderheim Böttgerstraße 22 als Säuglingspflege-Schule, datiert auf den 8. Juni 1923:

Das städtische Kinderheim in der Böttgerstrasse ist auf Grund des Erlasses vom 20.II.1923 nur noch bis zum 1. Oktober 1923 als ‚Säuglingspflegeschule anerkannt. Es wird beantragt, die staatliche Anerkennung auf Grund der neuen Bestimmungen gewähren zu wollen.

Es handelt sich um ein für Säuglinge und Kleinkinder bestimmtes Heim mit 85 Betten [Unterstreichung im Dokument per Hand hinzugefügt] und 17 angestellten Vollschwestern. Die Kinder sind zum kleineren Teil gesund, zum grösseren Teil leiden sie an Lebensschwäche, Ernährungsstörungen und dergl., Infektionskrankheiten sind ausgeschlossen. Die Leitung liegt in der Hand eines anerkannten Facharztes, des Privatdozenten Dr. Grosser, der auch der Unterricht der Schülerinnen übernimmt. Gemäss Erlass vom 20.2.1923 wird nun für die ersten 6 Monate ein angemessenes Lehr- und Verpflegungsgeld erhoben, während des 2. Halbjahres freie Ausbildung gewährt und während des 2. Jahres eine Entlohnung in der gleichen Weise gewährt werden, wie sie die Lehrschwestern des städt. Krankenhauses erhalten. Es ist in der Anstalt Gelegenheit geboten zu gründlicher praktischer Ausbildung in der Pflege des gesunden und kranken Säuglings und Kleinkindes; stillende Mütter bzw. Ammen stehen zur Verfügung; es ist den Schülerinnen Gelegenheit gegeben, ein genügendes Mass hauswirtschaftlicher Kenntnisse sich anzueignen. Ferner ist ihnen die Teilnahem an der Säuglingsfürsorgestellen ermöglicht. Zum Zweck der Ausbildung in der Erziehung des Kleinkindes wird eine Beschäftigung [Unterstreichung im Dokument per Hand hinzugefügt] in städt. Kindergärten in den Lehrplan aufgenommen. Zur Ermöglichung einer Ausbildung auch in denjenigen Krankheiten, deren Kenntnis im Kinderheim Böttgerstrasse nicht ermöglicht werden kann, ist als Ergänzungsanstalt die Universitäts-Kinderklinik des städt. Krankenhauses vorgesehen, in der die Schülerinnen ½ Jahr im Verlauf ihrer Ausbildungszeit ausschliesslich beschäftig werden, und die auch ihrerseits bisher als Säuglingspflegeschule anerkannt war und auf Grund des Erlasses vom 30.II.1923 einen entsprechenden Antrag bereits gestellt hat. Die Möglichkeit zur Unterbringung sämtlicher Schülerinnen ist sowohl im Kinderheim Böttgerstrasse wie in der Universitäts-Kinderklinik sichergestellt.

Z. Hd. dem Magistrat mit der Bitte um Absendung des vorstehenden Antrags an den Herrn Regierungspräsidenten. Frankfurt /M. 6. Juni 1923, Stadtgesundheitsamt [Unterschrift schwer lesbar, sehr wahrscheinlich: Grosser]

ISG A.51.01 1134: 156

Damit war das Kinderheim Böttgerstraße mit seiner Säuglingspflegerinnenschule wohl auf dem neuesten Stand der Vorschiften.

Quellen

Archivalien

Institut für Stadtgeschichte (ISG)

A.02.01 V 586 Magistratsakte Kinderheim Böttgerstraße

„Kinderheim“ Eingetragener Verein: 15. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1916, Frankfurt 1917

A-51.01 1134 Ausbildung von Lehrschwestern

Literatur

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege. Der Beginn der professionellen Säuglingskrankenpflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege, 2. Jg., 1/2013: 25-34

Bönisch 2024: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main

Eickemeyer, Dorothea 2015: Neue Berufe in der Säuglingsfürsorge. Die Säuglingspflegerin und Säuglingskrankenpflegerin 1898-1930. In: Gudrun Loster-Schneider, Maria Häusl, Stefan Horlacher, Susanne Schötz, Hgg., GenderGraduateProjects I – Geschlecht, Fürsorge, Risiko. Leipzig, 39-55 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-848599 (29.04.2024)

Engel, Stefan/Behrendt, Holger 1927 „Säuglingsfürsorge (einschließlich Pflegekinderwesen und Mutterschutz)“, in: Gottstein, Adolf; Schlossmann, Arthur; Teleky, Ludwig (Hg.), Handbuch der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge, Bd. 4, Berlin 1927, S. 28-146 (zitiert nach Eickhttps://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwj9i_3a37P_AhXOM-wKHeMaD-4QFnoECAcQAQ&url=https%3A%2F%2Fdocserv.uni-duesseldorf.de%2Fservlets%2FDerivateServlet%2FDerivate-4462&usg=AOvVaw1mC6ww-GkyrzAsn2IsdjEnemeyer 2015: 42)

Fehlemann, Silke 2004: Armutsrisiko Mutterschaft. Mütter- und Säuglingsfürsorge im Deutschen Reich 1890-1924, Düsseldorf, https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwj9i_3a37P_AhXOM-wKHeMaD-4QFnoECAcQAQ&url=https%3A%2F%2Fdocserv.uni-duesseldorf.de%2Fservlets%2FDerivateServlet%2FDerivate-4462&usg=AOvVaw1mC6ww-GkyrzAsn2IsdjEn (29.04.2024)

Gellrich, Dorothea 2012: Die Entstehung neuer Frauenberufe in der Säuglingsfürsorge 1898-1930, Saarbrücken

Grosser Paul: https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Grosser (29.04.2024)

Jende-Radomski, Hilde 1926: Frauenberufe. Dünnhaupts Studien- und Berufsführer Band 5, Dessau, 2. vollständig umgearbeitete Auflage

Keller, Arthur 1913: Kinderheim Frankfurt a. M., Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Langstein, Leo/Rott, Fritz 1915: Der Beruf der Säuglingspflegerin. Deutsche und englische Säuglingspflege – Die Pflegerinnenschulen Deutschlands – Staatliche Vorschriften für die Ausbildung des Säuglingspflegepersonals – Dienstanweisungen, Berlin

Renner, Karl 1967: Die Geschichte der Düsseldorfer Universitätskinderklinik von ihrer Begründung im Jahre 1907 bis zum Jahre 1967, in: Wunderlich, Peter; Renner, Karl, Arthur Schloßmann und die Düsseldorfer Kinderklinik, Düsseldorf, S. 1-121

Schlossmann, Arthur 1917: Öffentliches Gesundheitswesen. Die staatliche geprüfte Säuglingspflegerin. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 14. Juni 1917, Nr. 24. https://zenodo.org/record/2492263/files/article.pdf (05.06.2023)

Seemann, Birgit 2024: „(…) denn diess Haus ist Allen geweihet“ – das Clementine-Mädchen-Spital (eröffnet 1875): liberal-jüdische Anfänge und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Seidler, Eduard 2000: Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet – geflohen – ermordet. Bonn

Zang, Stefanie 2012:  Adé Kinderkrankenschwester? Über die Zukunft der Pflegeausbildung in Deutschland. https://silo.tips/download/ade-kinderkrankenschwester (29.04.2024)

Abbildung 12: Ansicht – Südseite von Böttgerstraße, Kinderheim e. V. 1913

Das Böttgerheim: Eine überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Der Verein Kinderheim e. V.

Prolog

Christian Wilhelm Pfeiffer, der Vorstand des Kinderheim e. V., berichtete am 3. Dezember 1904 in einem Schreiben dem Magistrat der Stadt Frankfurt:

Wir sind in der angenehmen Lage hoch löblicher Magistrat ergebenst mitzuteilen, daß die von Herrn Fritz Gans und seiner Ehefrau Auguste Gans geb. Ettling erbaute und nun für unsere Zwecke geschenkte Säuglingsanstalt nun mehr fertig gestellt ist und in gutem Betrieb stehe. Es würde uns daher freuen, wenn die [unleserlich] Mitglieder hochlöblichen Magistrats die Anstalt gelegentlich besichtigen wünschen wozu wir hiermit höflichst und mit der ergebenen Bitte einladen und gefälligst [unleserlich] zu benachrichtigen damit der ergebenst unterzeichnete [unleserlich] Stand zu dem Empfang [unleserlich].
Hochachtungsvoll und ergebenst „Kinderheim“. Eingetragener Verein.
Der Vorstand C.W. Pfeiffer

Magistratsakte V / 568 Blatt 1

Und es folgte eine Einladung an den Magistrat zur Besichtigung des neuen Kinderheims (Böttgerstraße No. 8) für Montag den 12. Dezember 1904, nachmittags um 3 Uhr. Eine Anmerkung zu der Adressangabe ist, dass in den Adressbüchern der Stadt Frankfurt 1904 und 1905 die Adresse des Kinderheims mit No. 8 bzw. 6, 8 angegeben wird. Ab dem Adressbuch 1906 lautet der Eintrag: No. 20, 22. Wie zuvor ist der Kinderheim e.V. als Eigentümer, E. Lippert als Vorsteherin und als Hausmeister B. Oppelt eingetragen.

Um 1900 betrug die Säuglingssterblichkeit auf den Stationen der Kinderkliniken im Deutschen Reich bis zu 70 %. Auch der Versuch in Frankfurt über Koststellen für Pflegekinder, deren Überleben zu sichern, war gescheitert. So gab es verschiedene Initiativen von Ärzten und von privaten Menschen, Vereinen oder Stiftungen einzugreifen (vgl. Bönisch 2022). Die Erkenntnis, dass für eine solche spezialisierte Pflege ebenfalls speziell ausgebildetes Personal nötig war, führte zur Gründung von Schulen für Säuglingspflegerinnen.

Gründer und Mäzene

Hier seien drei von vielen Gründern und Mäzenen des Kinderheim e. V. vorgestellt. Der Initiator des Vereins Christian Wilhelm Pfeiffer und die beiden Vereinsmitglieder und Schenkenden des Haupthauses Auguste und Fritz Gans.

Christian Wilhelm Pfeiffer (1843-1916)

Initiator und einer der Mitbegründer des Kinderheim e. V. war der Kaufmann und Armenvorsteher Christian Wilhelm Pfeiffer, der seit Beginn bis zu seinem Tod im Jahr 1916 den Vereinsvorsitz inne hatte (vgl.: Pfeiffer-Belli 1986: 124). Der Autor des Buchs von 1986 ist Erich Pfeiffer-Belli, ein Enkel von Christian Wilhelm Pfeiffer und Vater der Frankfurter Schriftstellerin Sylvia Tennenbaum, über seinen Großvater schrieb er: „Sein Herz für Kinder zeigte er in späteren Jahren als Mitbegründer und Mäzen eines Frankfurter Kinderheims.“ (Pfeiffer-Belli 1986: 124).

Christian Wilhelm Pfeiffer „stammte […] aus dem einstmals bedeutenden Mainzer Kinderbuch-Verlag Scholz“[4], und war Direktor einer Schweizer Versicherungsanstalt in Frankfurt. Er lebte mit seiner Frau Caroline geborene Belli in der Neuen Mainzer Straße 55, ein Anwesen mit Wallgarten. Ein besonderes persönliches Interesse galt dem Alpenverein, in dessen Frankfurter Sektion er als Vorsitzender und Förderer tätig war.

Auguste Gans, geb. Ettling (1839-1909) und Friedrich Ludwig Gans, genannt Fritz (1833-1920),
seit 1912 von Gans

Angela von Gans berichtet über ihren Urgroßvater Friedrich Ludwig von Gans (1833-1920), genannt Fritz Gans (ab 1912 von Gans), dass er und seine Frau Auguste 1902 Mitglieder des von Christian Wilhelm Pfeiffer und anderen Initiatoren dem Kinderheim e. V. geworden waren. 1901 fand die Gründung des Vereins in der Rüsterstraße statt. 1903 kam ein Bruder von Fritz Gans, Dr. Leo Gans (1843-1835), dazu. „Um endlich eine konstruktive Basis zu schaffen“ (Gans 2006: 169), beschlossen Fritz und Auguste Gans die Schenkung eines Hauses als Säuglingsklinik an den Verein. Das Haus wurde 1904 unter der Leitung des Architekten Alfred Engelhardt (vgl.: Gans 2006: 169) Engelhardt auf einem Grundstück von 2.000 qm Fläche errichtet, die medizinische Beratung steuerte Dr. Emil Kirberger bei. Der Architekt Alfred Engelhardt baute später auch das Ganssche Mausoleum auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Im Januar 1895 waren Auguste und Fritz Gans gemeinsam zum Protestantismus konvertiert. Damit entsprachen sie dem Wunsch ihrer längst getauften Söhne Paul und Ludwig, die sich eine bessere Integration in das christlich geprägte Bürgertum erhofften. Ein weiteres Faktum war gewiss der Schutz vor Antisemitismus. Auch die ebenfalls evangelische Tochter Adela hatte sich von ihrer jüdischen Herkunft entfernt. Sie trat als Taufpatin ihrer Eltern auf (vgl.: Gans 2006: 157, 291).

Angela Gans führt weiter aus, dass soziales Engagement für jüdische und nichtjüdische Einwohner zur religiösen und sozialen Tradition des Judentums gehörten. Die jüdische Sozialethik zielt auf Wohltätigkeit und Gerechtigkeit, gefordert als Pflichtanteil des Wohlstandes der Reichen gegenüber den Bedürftigen, also nicht nur freiwillig (vgl.: Gans 2006: 165 und Seemann/Bönisch 2019: 75f).

Fritz von Gans im Haus Taunusanlage 15 mit einem Bild seiner verstorbenen Frau Caroline. © Angela von Gans
Abb. 1: Fritz von Gans im Haus Taunusanlage 15 mit einem Bild seiner verstorbenen Frau Caroline.
© Familie von Gans
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich_Ludwig_von_Gans.jpg CC BY-SA 3.0 DE

In der Schenkungsurkunde von 1904 (vgl.: Gans 2006: 169 Schenkungsurkunde vom 1.2.1904 und vom 8.10.1904 im Besitz von Angela Gans) legten Auguste und Fritz Gans deutlich fest, dass jeglicher religiöser Einfluss verboten sei:

Nach dem Glaubensbekenntnis darf nicht gefragt werden und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Konfession darf keinen Grund für die Verweigerung der Aufnahme [von Kindern im Heim] bilden. […] Die zur Verwaltung oder Aufsicht dieses Vereins berufenen Organe, Geistliche, Religionsdiener, Mitglieder von religiösen Orden und dergleichen nicht berufen oder auch nur vorübergehend mit Verwaltungs- oder Aufsichtshandlungen betraut werden dürfen.

Gans 2006: 169

Gründung, Satzung und erster Jahresbericht

Die Gründung des Vereins „Kinderheim e. V.“ wurde in der konstituierenden Sitzung am 9. November 1901 beschlossen. Die Eintragung beim Amtsgericht erfolgte am 3. Mai 1902.

Satzung und Zweck des Vereins

Initiatoren des Vereins waren der Armenvorsteher Christian Wilhelm Pfeiffer und andere im Bereich der Armenpflege Tätige (vgl.: Thomann-Honscha 1988: 152). Auf Basis der Jahresberichte des Vereins konnten einige der Mitgründer_innen ausfindig gemacht werden:

  • Dr. med. Emil Kirberger, Anstaltsarzt, gestorben 4. Juni 1905, Mitgründer
  • Frau Dr. O. Neubürger ist Hatty Neubürger geborene Hallgarten, gestorben im Juli 1914, Mitgründerin
  • Dr. A. Raab, hatte viel Erfahrung im Armen und Fürsorgewesen, gestorben im November 1911, Mitgründer

Zu Beginn nannte der Verein als Adresse für das Verwaltungsbüro den Großen Hirschgraben 11 mit Sprechstunde von 11 bis 12 Uhr und als Adresse der Anstalt des Vereins Kinderheim die Feststraße 21 (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 1). Der Sitz des Vereins war Frankfurt am Main. Die Satzungen des „Kinderheim e.V.“ wurde am 7. Dezember 1901 und am 17. Januar und 10. März, wie auch dem 25. Februar 1904 genehmigt. Als Zwecke werden in § 1 genannt:

  • Vorsorgebedürftige Kinder im zarten Alter zu verpflegen
  • Die Ausbildung von Kinderpflegerinnen

Die Mittel des Vereins sollten aus einmaligen Beiträgen und Jahresbeiträgen der Mitglieder stammen. Schenkungen, Vermächtnisse und außerordentliche Zuwendungen wie auch Einnahmen aus Pflegegeldern kamen hinzu. Als Mitglieder des Vereins waren ordentliche, ewige und Ehrenmitglieder vorgesehen. Als Jahresbeitrag war 3,- Mark pro Mitglied vorgesehen, die Mitglieder mussten großjährig sein. Ewige Mitglieder sollten diejenigen sein können, die einen einmaligen Beitrag von 300,- Mark bezahlten oder jährliche Beiträge von zusammen 300,- Mark gaben. Personen die 5.000,- oder mehr Mark bezahlten, wurden als ewige Mitglieder und als Stifter geführt. Ehrenmitglieder sollten ernannt werden. Organe des Vereins waren die Mitgliederversammlung, der Vorstand, der Beirat und die Sonderausschüsse. Als Sonderausschüsse waren Leitungen „der einzelnen Anstalten des Vereins“ vorgesehen.

An den 1. Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902 ist in den Magistratsunterlagen ein Beiblatt angeheftet, welches die Zwecke des Vereins nochmals kommentiert: In der Regel werden Kinder und Säuglinge unter 3 Jahren gegen Kostgeld aufgenommen, in Ausnahmefällen auch über 3-jährige. Eine Besonderheit ist, dass die Kinder dauernd, also auch zur Übernachtung aufgenommen sind. Säuglinge unter 6 Monaten werden mit ihren Müttern, falls diese am Leben sind, aufgenommen. Mädchen, vor der ersten Entbindung oder, die das erste Mal aus einer Entbindungsanstalt kommen, sind willkommen. Die, die zum ersten Mal ein Kind gebären, zahlen bis zur Entbindung ein geringes Kostgeld, nach der Geburt verpflichten sie sich, weitere 6 Monate in der Anstalt zu bleiben, mit zu arbeiten, aber hauptsächlich ihr Kind zu versorgen. In dieser Zeit wird kein Kostgeld verlangt. Für verheiratete Frauen gilt das gleiche, auch wenn es nicht ihre erste Geburt ist.

Auf die Ausbildung von Säuglingspflegerinnen in der angegliederten Schule wird im Beitrag: „Die staatlich anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern. Eine Einrichtung des Böttgerheims“ eingegangen.

In einem späteren Jahresbericht, dem für 1907, wird zusätzlich auf den Vereinszweck des Mutterschutzes hingewiesen:

In der Frauenabteilung verpflegten wir während des Berichtsjahrs 27 erwachsene Personen und am 1. Januar befanden sich in unserer Anstalt 1 ihre Niederkunft Erwartende und 6 Mütter. 14 Entbindungen wurden in der Anstalt vorgenommen. Die behördliche Genehmigung hierzu ist uns regierungsseitig erteilt worden. Wir halten nach wie vor an dem Grundsatz fest, die ihre Niederkunft Erwartenden schon einige Zeit vor der Entbindung aufzunehmen und die Entbundenen, wenn möglich, 6 Monate bei ihrem Säugling zu halten. Nicht nur, daß wir dadurch die Ernährung und Pflege des Säuglings durch die eigene Mutter ermöglichen, sondern weil dann gleichzeitig die zur Aufzucht mutterloser Säuglinge ganz unentbehrlichen Ammen im Hause sind. Wenn wir also mit der Aufnahme von schwangeren Frauen und deren Verpflegung Mutterschutz ausüben, so geschieht dies stets in Verbindung mit der Säuglingspflege, die für uns das Wichtigere ist. Unserer Meinung nach sollte Mutterschutz und Säuglingspflege stets Hand in Hand gehen, denn wenn der Mutter gleich nach der Entbindung wieder regelmäßig Verdienst verschafft wird und man sie dadurch an der Ernährung und Pflege des Säuglings hindert, so geschieht dies stets auf Kosten des letzteren, ganz abgesehen davon, daß man das Band zwischen Mutter und Kind lockert, statt es durch Zusammenhalten beider Teile zu festigen.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1907: 5f.

Weiter führt der Vorstand Christian Wilhelm Pfeiffer aus, dass diese Situation das gemeinsame Wohnen im Haus voraussetze, jedoch gingen hier die Bedürfnisse der Anstalt, das eigene Personal unterzubringen, vor. Eine größere Anzahl von Müttern zu beherbergen würde auch mehr Möglichkeiten zur Beschäftigung im Haus für die Mütter voraussetzen, was er gesundheitlich und moralisch als notwendig ansehe, dafür jedoch keine Möglichkeit besteht (Vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1907: 5f.).

Das Vereinszeichen

Nach dem Vorbild der Bambinos des Bildhauers Lucca della Robbia gab der Verein sich ein Vereinszeichen, das die Schwestern auch als Brosche trugen. Das Abzeichen wurde gerne von anderen Vereinen übernommen, z. B. von der Schwesternschaft des Säuglingskrankenhauses in Dresden. Der Kinderheim e. V. oder auch Christian Wilhelm Pfeiffer waren davon nicht begeistert, deshalb wurde es vermutlich als Markenzeichen gekennzeichnet „Eingetr. Zeichen“.

Brosche Kinderheim e.V. als eingetragenes Zeichen.
Abb. 2: Brosche Kinderheim e.V. als eingetragenes Zeichen.
Aus: Kinderheim e.V. 1909
Abbildung Florenz gewickeltes Kind
Abb. 3: Ein Bambino des Andrea della Robbia, fotografiert im Ospedale degli Innocenti (Hospital der Unschuldigen Kinder) in Florenz.
© Eva-Maria Ulmer

Der erste Jahresbericht

Der erste Jahresbericht des Vereins Kinderheim erschien 1903 unter dem Titel: I. Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902. Vermerkt ist das Verwaltungsbüro des Vereins im Großen Hirschgraben 11 und als Anstaltsadresse die Feststraße 21. Auf Seite 9 des Berichts beginnt das Mitgliederverzeichnis, das bereits 348 Personen umfasste.

Zu den Mitgliedern zählten so prominente Personen wie Henry Budge, Ludwig Belli, Fritz und Auguste Gans, Charles Hallgarten oder Frau Dr. O. Neubürger, das ist Hatty Neubürger, geborene Hallgarten. Ab 1903 gehörte auch Frau Georg Speyer, also Franziska Speyer, zu den ewigen Mitgliedern. Im Jahresbericht wird berichtet von Voruntersuchungen für die geplante Anstalt des Kinderheims. Die Stadträte Woell und Sabarth, der Vorsitzende Christian Wilhelm Pfeiffer und der spätere Anstaltsarzt Dr. Emil Kirberger besichtigten bereits bestehende Anstalten in Berlin und Leipzig. In Bonn begutachteten die Damen des Vorstandes Fräulein Johanna Kalb und Frau Reutlinger eine Anstalt. Als Vorbild für die „Prinzipien“ des Frankfurter Vereins wurden die Leipziger Prinzipien ausgewählt. Es wurde auch schnell klar, dass ein geeigneter Neubau für die Anstalt notwendig ist. Zunächst konnte man ein Haus in der Feststraße 21 vom Verein für Haushaltungsschulen anmieten. Ab Januar 1903 konnten dort drei Frauen und ca. 18 Kinder, betreut von vier Kinderpflegerinnen, untergebracht werden. Das Haus war von Anfang an voll belegt.

Abbildung: Haus in der Feststraße 21 © Edgar Bönisch
Abb. 4: Haus in der Feststraße 21
© Edgar Bönisch

Durch Mitgliedsbeiträge und Spenden hatte man bereits ein finanzielles Polster von 10.758,57 Mark geschaffen. Zum Zeitpunkt der Drucklegung des Jahresberichts hatte der Verein 348 Mitglieder. Bemerkenswert sind auch die in den jeweiligen Jahresberichten aufgeführten Geschenke wie Bücher, Bettvorlagen, Büchsen für Streupulver, Kinderwagen, Bilder, Spielsachen, Wäsche, Badewannen und vieles andere (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 8).

Eine Auflistung der häufigsten Krankheiten der aufgenommenen Kinder gibt der Anstaltsarzt Dr. B. Scholz, hier für 1905 als der Neubau in der Böttgerstraße 20-22 bereits bezogen war:

Von 128 neu aufgenommenen Kindern litten die meisten an Rachitis, chronischen Verdauungsstörungen, Anämie, Hautausschlägen, Katarrhen der Luftwege, einige an hochgradiger Atrophie. Auch Soor wurde in einige Fällen eingeschleppt, blieb aber stets auf diese Kinder beschränkt. Die meisten Kinder erholten sich in der Anstalt rasch und entwickelten sich in erfreulicher Weise […] In der Anstalt selbst sind schwere Darmerkrankungen (Brechdurchfall) nicht beobachtet worden. Das Hauptkontingent der Erkrankungen stellten Luftröhrenkatarrhe, Mittelohrentzündungen, Erkrankungen der Haut, der Bindehaut, Furunkulos […] Das vorhergehende Jahr schloß mit einer Influenza-Epidemie, die im Anfang dieses Jahres weiter um sich griff. Es erkrankten noch einige Kinder, von denen eins in der Anstalt, eins im Krankenhause starb […] im Dezember [wurde] Keuchhusten eingeschleppt.“ Und „Von 159 im Hause verpflegten Kindern starben demnach im Haus 12 =7,5%. Es beträgt die Gesamtmortalität (einschließlich der im Krankenhaus gestorbenen) 18 = 11%. (Die Sterblichkeit unter Pflegekindern beträgt in größeren Städten 60-70%)

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 7

Im Aufnahmeregister der Anstalt „Kinderheim“ findet man kurze Notizen zum Schicksal von Kindern und ihren Müttern. Vier kurze Beispiele (vgl.: Beilage zum 1. Jahresbericht des Vereins):

  • Martha, 6 Monate alt, aufgenommen, um der Mutter einen Verdients zu ermöglichen.
  • N.N., 1 Stunde alt, als Findling angebracht, Eltern nicht zu ermitteln.
  • Jacob und Anna, Zwillinge, 1 Tag alt, Tod der Mutter im Wochenbett.
  • Hans, 9 Monate alt, wegen schlechter Pflegestelle und halb verhungert.

In allen Jahresberichten wird kaum ein Name einer Krankenschwester erwähnt, an dieser Stelle jedoch die Hebamme, deshalb hier noch ein Zitat: „14 Mütter wurden verpflegt, 9 von ihnen entbanden in der Anstalt. Frau Daum, als Hebamme, half den reibungslos verlaufenden Entbindungen. Die von ihren Müttern gestillten Kinder entwickelten sich besonders gut.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 7)

Im ersten Jahresbericht für 1902 wird weiter beschrieben, dass an Pflegegeld für die aufgenommenen Kinder ein Kostgeld vom Waisen- und Armenamt bezahlt wurde, welches die Unkosten deckte. Doch für die aufgenommenen Frauen, die zumeist mittellos waren, reichte das zur Verfügung stehende Geld nicht aus. Für die Zeit nach der Geburt konnten diese Frauen im Haushalt und der Kinderpflege beschäftigt werden und so ihren Aufenthalt finanzieren. Für die Zeit danach müssen Vereinsmittel genutzt werden. Diese Gelder sollen durch Mitgliederwerbung erreicht werden.

Der Vorstand zum Zeitpunkt des ersten Jahresberichts bestand aus Christian Wilhelm Pfeiffer als Vorsitzendem, Fritz Happel als Schriftführer und Walter Melber als Rechnungsführer. Der Beirat, für den per Satzung (§24) 12 Personen, davon mindestens 6 weibliche, vorgeschrieben waren, bestand aus: Frau Professor Cuers, Frau Professor Freund, Fritz Gans, Charles Hallgarten, Fräulein Johanna Kalb, Dr. med. Emil Kirberger, Frau Dr. O. Neubürger, Frau Professor v. Noorden, Dr. A. Raab, Frau Jacob Reutlinger, A. Sabarth, Frau Rudolf Schmidt, Frau Stadtrat Seidel, Frau Oberin Trömper, Frau Robert Werner und Stadtrat Dr. Wöll (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 4).

Der Neubau

Der Neubau in der Böttgerstraße 20-22 (vormals 8)

Abbildung 12: Ansicht – Südseite von Böttgerstraße, Kinderheim e. V. 1913
Abb. 5: Ansicht – Südseite vom Kinderheim in der Böttgerstraße.
Aus: Keller 1913

Eine Broschüre aus dem Jahr 1909, deren Autor oder Autorin nicht genannt werden, mit dem Titel „Die Anstalt für Säuglings- und Kinderpflege Kinderheim in Frankfurt a. M.“, vermutlich vom Verein Kinderheim e. V. herausgegeben, beschreibt einen Rundgang durch das neue Haus (vgl.: Kinderheim 1909). Unabhängig davon, ob es sich um eine fiktive Darstellung handelt, erhält der Leser und die Leserin ein anschauliches Bild des Inneren und vom Alltagsleben der Menschen im Haus, deswegen möchte ich diesen Rundgang nachzeichnen.

Der Besucher oder die Besucherin kommt von der Eingangstür (links vom Haus in der Abbildung 5) in einem kleinen Vorraum, in welchem eine Marmortafel auf die Schenkung des Hauses durch Auguste und Fritz Gans im Jahr 1904 verweist.

Abbildung: Die Stiftertafel, 2022, im Treppenhaus, 
vermutlich an der selben Stelle wie im Jahr 1904. © Edgar Bönisch
Abb. 6: Die Stiftertafel, 2022, die sich heute im Treppenhaus, vermutlich an der selben Stelle wie im Jahr 1904 befindet. © Edgar Bönisch

Durch eine Glastür gelangt der Gast in das Verwaltungszimmer der Oberin Elisabeth Lippert. Hier befinden sich zur Begrüßung die Vorstandsmitglieder und der Anstaltsarzt Herr Dr. B. Scholz, die sich auf die Pflegerinnenprüfung, die im Anschuss stattfinden soll, vorbereiten. Der oder die führende Person des Rundgangs informiert, dass es noch an einem getrennt liegenden Aufnahmehaus fehle, um Neuankömmlinge zunächst isolieren zu können und Ansteckungen zu verhindern. Auf die Bedeutung von Schenkungen wird hingewiesen, so wie das Haus selbst geschenkt wurde. Viele Einrichtungsgegenstände und wissenschaftliche Geräte, die beim Rundgang auch auffallen sind aus Spenden finanziert. Dass man nicht an der Qualität der Einrichtung oder der Lebensmittel sparen möchte wird betont: Die Höhe der Räume triebe zwar die Heizungskosten in die Höhe, doch erlaube es auch viel Luft für die Patienten. Auch an Personal möchte man nicht sparen, da eine Mindestzahl für je 12 Pfleglinge pro Saal eine Schwester und eine ihr zugewiesene Schülerin seien. Die Schülerinnen würden in der eigenen Schule ausgebildet. Man käme auf einen Pflegesatz von 2,20 Mark pro Verpflegungstag und sei damit billiger als Barmen mit 3,- Mark und Berlin mit 2,50 bis 2,70 Mark, auch die anderen Frankfurter Anstalten wie das Christ’sche Kinderhospital seien alle teurer.

Weiter im Rundgang gelangt der Gast auf eine nach Süden ausgerichtete Veranda für Säuglinge, die komplett verglast und heizbar ist. Hier bekommen die Kinder in ihren Krippen Sonne und Licht. Die Veranda kann auch als Vortrags- oder Prüfungssaal genutzt werden, daran schließen die Säuglingssäle an.

Hinter der Veranda liegen das Wohn- und Speisezimmer der Pflegerinnen. Aus hygienischen Gründen hatte man in allen drei Säuglingssälen eigene Wickelkommoden und Bäder eingerichtet. So gab es inzwischen auch für jeden Pflegling ein eigenes Badetuch und andere eigene Dinge. Die Kinder wurden nicht gemeinsam gewickelt und gebadet.

Abbildung Böttgerheim Säuglingssaal
Abb. 7: Böttgerheim, Säuglingssaal, aus: Keller 1913

Im südlichsten Saal sind „Sorgenkinder“ nahe der Sonne untergebracht. Meist sind sie gesund geboren, jedoch durch schlechte Ernährung und Vernachlässigung sehr schwächlich. Falls verfügbar, werden diese Kinder auch von Ammen ernährt und nicht künstlich, was die Kindersterblichkeit stark gesenkt hat. Im dahinterliegenden Saal befinden sich Kinder, die im Haus geboren wurden und mit Muttermilch ernährt wurden, was auch sofort durch ihr gesundes Aussehen erkennbar sei. Die führende Begleitung kommentiert: „Es gibt ja immer Leute, die die Ansicht vertreten, man sollte schwächliche Kinder lieber eingehen lassen, da sie doch nur ein lebenslängliches Siechtum erwarte. Das ist eine Ansicht, die wir bekämpfen.“ Für die Kinder im dritten Saal gibt es Ankleide- und Bademöglichkeiten in einem Nebenraum in welchem Mütter ihre Kinder stillen können.

Gekleidet sind die Pflegenden in dunkelblaue Anstaltskleidung. Die Schwestern tragen hellblaue Waschkleider und weiße Schürzen. Als Brosche tragen sie das Vereinsabzeichen, die ein Bambino nach dem Bildhauer Lucca della Robbia zeigt. Die Begleitung des Rundgangs beschwert sich, dass dieses Abzeichen von anderen nachgemacht worden sei und nun auch Personen ohne gründliche Ausbildung sich damit schmückten.

Hinter dem Bade- und Ankleideraum liegt die Milchküche. Täglich werden hier nach individuellen Angaben Milchportionen aus Kuhmilch für die Kinder bereitet, die fünf Mahlzeiten jeden Tag erhalten.

Im ersten Stock halten sich die etwas älteren Kinder auf. Es gibt einen großen Spielsaal und eine weite, große und beheizbare Veranda.

Im Spielsaal geht es lustig zu. Die ca. 20 Kinder, die sich hier aufhalten, tummeln sich auf dem Boden, der, wie alle Fußböden im Hause, mit Linoleum belegt und staubfrei ist, oder sie sitzen spielend in ihren Kinderstühlchen um einen langen Tisch. Einig laufen uns entgegen, um uns die Hand zu geben, während sich andere scheu hinter die Schürze der aufsichtführenden Schwester verkriechen. Die kleine Schar macht einen durchaus vergnügten Eindruck, wenn sich darunter auch recht schwächliche und kümmerliche Gestalten bemerkbar machen.

Kinderheim e.V. 1909: 13

Es gibt zwei große Schlafsäle der Kinder, deren Badezimmer und eine kleine Teeküche zum Aufwärmen der Kinderspeisen. Weiter gibt es zwei Wannen- und zwei Brausebäder für das Personal und erwachsene Pfleglinge und zwei Schlafzimmer für Pflegeschwestern. Hier im Stockwerk hat die Oberin ihr Wohn- und ihr Schlafzimmer. Und es gibt zwei Isolierzimmer für neue Ankömmlinge und Krankheitsverdächtige. Der Isolierbereich im 1. Stock ist sehr klein bemessen. Für den Fall, dass eine Epidemie mit Masern oder Keuchhusten auftritt: „so sind wir ganz lahm gelegt, denn dann müssen wir monatelang auf alle Neuaufnahmen verzichten und außerdem ist unser Pflegepersonal über alle Massen angestrengt.“ (Kinderheim e.V. 1909)

Im zweiten Obergeschoss befindet sich die Wohnung des Hausmeisters, einige Schlafzimmer für Pflegerinnen und die Mütter der Kinder und für Dienstboten. Auch gibt es eine Wäsche- und Nähstube. Auf diesem Stockwerk befinden sich noch das Entbindungszimmer mit laufendem warmem und kaltem Wasser, plus ein Krankenzimmer. Unter dem Dach befindet sich reichlich Raum zum Trocknen von Wäsche, die per Aufzug aus der Waschküche im Untergeschoss gebracht wird.

Im Untergeschoss arbeitet die Frau des Hausmeisters als Köchin in der Küche mit Speisekammer. Ebenso gibt es hier ein Speisezimmer für das Personal und erwachsene Pfleglinge. Gegenüber liegt das Bügelzimmer. Daneben der Raum für die Niederdruckdampfheizung und der Kohlenkeller. Es gibt den Soxhlet-Apparat und gegenüber der Kühlkeller für die fertiggestellte Milch. Ein Soxhlet-Apparat ist nach seinem Erfinder Franz von Soxhlet benannt und dient der Analyse von Milchfett, mit ihm kann auch Milchpulver hergestellt werden (https://de.wikipedia.org/wiki/Soxhlet-Aufsatz (26.07.2022). Ein Sektionsraum, der auch als Totenkammer dient, befindet sich in der gleichen Ecke. „Nach der Gartenseite liegen dann noch die Waschküchen mit elektrischem Betrieb nebst Heissluftraum zum Trocknen der Wäsche und ein Gemüsekeller. Vom Untergeschoss führ eine Lauftreppe bis zum 2. Stockwerk, die die einzelnen Stockwerke unter sich verbindet.“ (Kinderheim e.V. 1909: 16)

Ein interessantes Detail ist, dass zwischen den Kellerräumen isolierende Glaswände angebracht waren, so, dass für gute Lichtverhältnisse gesorgt war.

Im Haus leben insgesamt außer der Oberin Elisabeth Lippert und deren Schwester Maria, die als Hausbeamtin angestellt ist, meist 26 bis 27 erwachsene Personen im Haus. Das sind 10 Schwestern und Schülerinnen für die Kinderpflege, eine Köchin, zwei Hausmädchen und der Hausmeister, der für die Heizung, die schwerere Hausarbeit und den Garten zuständig ist. Dazu kommen etwa 8 Mütter, die Hausarbeiten erledigen oder in der Bügelstube und in der Wäschekammer beschäftigt sind. Die Aufgabe dieser Mütter ist allerdings in erster Linie die Pflege ihrer Kinder. Zum Schluss seines Rundgangs begibt sich der Besucher, die Besucherin auf die Veranda des Erdgeschosses, um an der Prüfung von acht Schwestern teilzunehmen, hierzu mehr im Artikel Die staatliche anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern. Eine Einrichtung des Böttgerheims.

Abbildung: Offene, gedeckte Veranda, Keller 1913
Abb. 8: Offene, gedeckte Veranda. Aus: Keller 1913

1912 wurden die abgebildeten offenen Veranden, anschließend an die Kindersäle, angebaut, um den Kindern den Aufenthalt im Freien zu ermöglichen (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 4)

Das Hinterhaus und das Haus Hallgartenstraße 59

1906 hieß es in einer Versammlung des Ärztlichen Vereins:

Das Frankfurter Säuglingsheim ist keine Säuglingsheilstätte im Sinne Schloßmanns. Unseren Kinderärzten fehlt aber ein Säuglingskinderkrankenhaus, worin wir z. B. Kinder mit akuten Magendarmstörungen mit Muttermilch ernähren können. Ferner ist ein modernes Säuglingsheim eine Zentralstätte für Ammenvermittlung. Auch dieser Anforderung genügt die Frankfurter Anstalt bis jetzt noch nicht. Sollte sich dieselbe etwa durch Hinzuziehung einer Quarantänestation… allmählich zu einem Säuglingskrankenhaus umwandeln, so würden wir dies mit Freuden begrüßen.

Ärztlicher Verein, Jahresbericht 1906, Frankfurt am Main 1907:49. Zitiert nach Thomann-Honscha 1888: 156

Der erwähnte „Schlossmann“ war der Pädiater Arthur Schlossmann (1867-1932), er leitete ab 1898 das weltweit erste Säuglingskrankenhaus in Dresden (vgl. Blessing 2013 und Bönisch 2022).

Auch Dr. Scholz, der Anstaltsarzt der Böttgerklinik formulierte, nachdem er in seinem Bericht die Folgen von Influenza- und Keuchhustenepidemien im Haus geschildert hatte:

So greift die Seuche von Bett zu Bett, von Saal zu Saal und verbreitet sich im ganzen Hause. Wie können wir diese Gefahr beseitigen? Sie wäre gar nicht vorhanden, wenn wir eine Quarantänestation besäßen, die es uns ermöglichte, die Insassen eines ganzen Saales aus dem Haus zu entfernen und abgeschlossen für sich zu beobachten. Dann würden im schlimmsten Falle die Bewohner eines einzigen Saales eine Epidemie durchmachen. Die übrigen Hausinsassen blieben verschont […] Wer den Wunsch hat, daß unser Kinderheim auch in Zukunft den Ruf einer Musteranstalt behält, der helfe uns, den einzigen Mangel zu beseitigen, unter dem die Anstalt leidet, den Mangel einer Quarantänestation.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 6

1910 nahmen die Pläne für ein Isolierhaus konkrete Gestalt an. Der Verein kaufte Haus, Hinterhaus und Gelände in der Hallgartenstraße 59, das direkt an den Garten der Böttgerklinik anschloss. Das Haupthaus wurde zunächst mit seinen Mietswohnungen belassen. Das kleine Hinterhaus wurde für die Bedürfnisse eines Isolierhauses umgebaut und am 1. Oktober 1910 eröffnet.

Es dient uns seitdem als Aufnahmehaus für neu eingebrachte Kinder und Säuglinge, die dorten beobachtet werden, bis sich unser Anstaltsarzt überzeugt hat, daß sie mit keiner ansteckend Krankheit behaftet sind und ohne Bedenken in unser Haupthaus überführt werden könne. Im Erdgeschoss und im ersten Stock konnten je 2 Zimmer als Schlafräume und Badezimmer und 1 Schwesterzimmer geschaffen werden und im Dachgeschoß ist eine hübsche Wohnung für den Hausmeister eingerichtet, dessen Zimmer im Haupthause hierdurch frei wurde und nun als Schwesternzimmer dienen kann. […] Bereits im Verlauf des Oktobers war es möglich vier mit Keuchhusten erkrankte Kinder sofort in das Aufnahmehaus zu bringen und dadurch keine weiteren Krankheitsfälle im Haus zu haben.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 1f.

Das Isolier- und Aufnahmehaus stand im Garten des Haupthauses. Im Keller gab es eine Zentralheizung und verschieden Kellerräume. Im Erdgeschoß befanden sich 2 Säle mit 4 und 6 Betten mit Bad und Zubehör, dazwischen das Zimmer der Pflegeschwester. Im I. Obergeschoß wiederum 2 Säle zu 4 und 6 Betten plus Badezimmer und Teeküche. Im II. Obergeschoß lag die Wohnung des Hausmeisters.

Die neu aufgenommenen Kinder wurden hier 14 Tage isoliert, wie auch Kinder mit infektiösen Krankheiten wie Schnupfen, Angina, Bronchitis u.a., die von einer Schwester gepflegt wurden, bis sie gesund waren.

Hinter diesem Gartenhaus ist auf dem Bild zur Hallgartenstraße hin das Haus Hallgartenstraße 59 zu sehen (Abbildung 10).

3 Zimmer des Hauses Hallgartenstraße 59 wurden noch 1910 dem neu gegründeten Verband für Säuglingsfürsorge und seinen geplanten Beratungsstellen zur Verfügung gestellt. Ab Januar 1911 half hier eine der Pflegeschwestern bei der Beratung. Ein Zimmer des Hauses Hallgartenstraße 59 konnte der Stadt als Milchverteilungsstelle zur Verfügung gestellt werden (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3).

Im Jahr 1914 wurde der „breite Toreingang“ im Haus Hallgartenstraße 59 zugebaut, wodurch zwei neue Zimmer einer 3-Zimmerwohnung entstanden. Diese Zimmer wurden als Schwesternzimmer hergerichtet, mit dem Gedanken Seminaristinnen des neu gegründeten Frauen-Seminars für soziale Berufsarbeit einen Wohnplatz bieten zu können (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 4).

Abbildung Hinterhaus des Böttgerheims. Aus Keller 1913
Abb. 9: Hinterhaus des Böttgerheims.
Aus: Keller 1913
Abbildung Hinterhaus des Böttgerheims im Jahr 2022 © Edgar Bönisch
Abb. 10: Hinterhaus des Böttgerheims im Jahr 2022. © Edgar Bönisch

Menschen, Ereignisse und Netzwerke

Die Ärzte

Dr. med. Emil Kirberger (?-1905), praktischer Arzt und Kinderarzt, wohnte in der Humboldtstraße 18 (vgl.: Adressbuch Frankfurt am main 1904). Er war Mitbegründer des Vereins „Kinderheim“ (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 3) und der erste Anstaltsarzt bis zu seinem Tod am 4. Juni 1905. Die Bestattung fand im Krematorium in Offenbach statt, es sprach Sanitätsrat Dr. med. Cohn. Während seiner Krankheit hatte ihn Dr. med. Cuno vertreten.

Zum Nachfolger von Dr. Emil Kirberger als Anstaltsarzt wurde im Juni 1905 Herr Dr. med. B. Scholz. Dr. Scholz blieb bis 1908, danach wurde er Chefarzt des Bürgerhospitals.

Nachfolger von Dr. Scholz war Dr. Carl Beck, der Dr. Scholz bereits gelegentlich vertreten hatte. Dr. Beck wurde zu Beginn des Krieges zum Lazarettdienst eingezogen und an der russischen Grenze stationiert. Als Vertreter sprang, wie früher schon, Dr. Cuno ein, außerdem die Doktoren Gustav Simon und Max Plaut, bis Dr. med. Gustav Löffler stellvertretender Anstaltsarzt wurde, der selbst wiederum zum Militärdienst eingezogen wurde. Als Dr. Beck am 6. März 1916 nach „langem unheilbarem Leiden“ starb, übernahm Dr. Georg Schaub die ärztliche Leitung in Stellvertretung.

Zu den Aufgaben der Anstaltsärzte gehörte auch die Forschung. Sie forschten etwa im Bereich Muttermilch und Milchersatz und publizierten dazu. Besondere Krankheitsbilder wurden in Fachmagazinen und auf Kongressen vorgestellt. Beispielsweise trug Dr. Carl Beck auf dem 21. Kongress der südwestdeutschen Kinderärzte vor und publizierte in der Medizinischen Klinik (4/1914) über die erfolgreiche Anwendung von Caseincalciummilch als Ersatz für Eiweißmilch bei Magendarmerkranken bei Säuglingen.

Netzwerke

Eine enge Bindung an die Einrichtungen der Stadt war von Anfang an gegeben. Im Vorstand des Vereins gab es den Stadtrat Wöll und Frau Stadtrat Seidel. Das Armenamt der Stadt Frankfurt schickte Kinder und zahlte Kostgeld.

Ein besonderes Ereignis im Jahr 1904 war das Treffen der südwestdeutschen Kinderärzte in den Räumen der Anstalt. Ein Ergebnis der guten Vernetzung des Vereins Kinderheim e. V. und seine Ärzteschaft mit der Fachwelt: „[wir konnten] unseren Betrieb einem größeren Kreis von Fachmännern vorführen und [es] fand dieser allgemeine Anerkennung“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 5).

Die südwestdeutsche Gesellschaft für Kinderärzte, die sich heute Süddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. nennt, dient der Förderung der berufsübergreifenden Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland (heutige Satzung, vgl.: Süddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V.). Sie war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Spiegel guter religionsunabhängiger Zusammenarbeit von Kinderärzten. Der erste Vorsitzende im Jahr 1904 war Dr. Eugen Cahen-Brach (vgl.: vgl. Süddeutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e.V.) (1863-1942, Theresienstadt). Er studierte in Würzburg und München (Pädiater), war wissenschaftlicher Assistent am Dr. Senckenbergischen pathologischen Institut in Frankfurt und Hilfsarzt am Anna-Kinderspital in Graz. Ab 1891 praktizierter er in Frankfurt. Neben der Praxis führte er um 1900 eine Poliklinik für Kinderkrankheiten. Als Vorstand der Armenklinik übernahm er Aufbau und Leitung der Säuglingsberatungsstelle IV in Bornheim. 1915 bis 1922 leitete er das Dr. Christ’schen Kinderhospital und Ambulatorium in Sachsenhausen, Forsthausstraße 18-20 (seit 1919 Hans-Thoma-Straße). 1922 übernahm Dr. Friedrich Cuno, der bisherige Hospitalsarzt des Christ’schen Kinderhospitals im Ostend die Leitung in Sachsenhausen (vgl.: Frankfurter Personenlexikon). Auch der Nachfolger von Dr. Emil Kirberger als Anstaltsarztes in der Böttgerstraße, Dr. Scholz, gehörte der Vereinigung südwestdeutscher Kinderärzte an, deren Vorsitz er im Jahr 1905 innehatte (vgl. Süddeutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e.V.).

Auf weitere Vernetzungen weist der Vereinsvorstand Christian Wilhelm Pfeiffer hin:

Unsere Anstalt erfreue sich eines sehr regen Besuchs von Vereinen, Aerzten und Fachleuten, u. a. des Froebel-Vereins und Charitas-Verbandes, deren Mitglieder so zahlreich erschienen, daß wir sie nur abteilungsweise durch unser Haus führen konnten. Herr Professor Dr. Klumker [Der Nachlass von Professor Dr. Christian Jasper Klumker ist in der Bibliothek der Frankfurt University of Applied Sciences zu finden.] führte uns die Teilnehmer seines Fürsorge-Seminars zu und die Zentrale für private Fürsorge veranlaßte die Teilnehmer an den Kursen für soziale Arbeit, wie alljährlich, zur Besichtigung unserer Anstalt. Professoren und Aertze aus allen Teilen Deutschlands, sowie Vertreter von Städten und Korporationen aus Deutschland, England, der Schweiz und Dänemark beehrten uns mit ihrem Besuch und ernteten wir hier allseitige Anerkennung. Erwähnenswert ist auch der Besuch des Herrn v. Behr-Pinnow, Kammerherrn Ihrer Majestät der Kaiserin, der in Deren speziellem Auftrag unsere Anstalt sehr eingehend besichtigte.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 4

Am Netzwerk der Säuglings- und Kinderpflege in Frankfurt war auch die Frankfurter Wilhelm und Auguste Victoria-Stiftung beteiligt (Unterstützung für den Kinderheim e. V. 1911: 3.000 Mark, vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1912: 24 ). Die Stiftung war am 27. Februar1906 zur Erinnerung an die Silberhochzeit des Kaisers Wilhelm II und der Kaiserin Auguste von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern gegründet worden (vgl. https://frankfurt.de/themen/gesundheit/kinder-und-jugendgesundheit/fruehe-hilfen/wilhelm-und-auguste-viktoria-stiftung).

Im Jahresbericht für 1913 drückt der Vorsitzende Christian Wilhelm Pfeiffer-Belli seine Hoffnung auf Zuwachs von Schülerinnen und Pflegerinnen in der Säuglingspflegeausbildung durch das neu gegründete Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit aus (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 4).

Das Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit war ein Vorläufer des heutigen Fachbereichs Soziale Pflege und Gesundheit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Es firmierte zunächst unter der Adresse Röderbergweg 96 (vgl.: Eckhardt 2014: 34), dem kleinen Fachwerkhaus, auch „Hexenhäuschen“ genannt, in welchem heute das historische Archiv der Arbeiter Wohlfahrt untergebracht ist, unweit des ehemaligen Gumpertz’schen Siechenhauses, das an anderer Stelle unserer Webseite beschrieben wird (Vgl.: Seemann/Bönisch 2019).

Das Seminar hatte den Zweck: „die Ausbildung, insbesondere weiblicher Personen in denjenigen Wissenschaften zu vermitteln, deren Kenntnis für die Betätigung in der Wohlfahrtspflege erforderlich ist“ (Eckhardt 2014: 25). Rosa Kempf (1874-1848) leitete das Frauen-Seminar von 1913-1917. Am 1. Oktober 1913 traten die ersten sieben Praktikantinnen ihre Stellen an. Die erste theoretische Fachklasse begann am 1. Januar 1914 in der Großen Friedberger Straße 28 in angemieteten Räumen (Vgl.: Eckhardt 2014: 35).

Einige der Praktikantinnen waren in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen: „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen, betraut.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6) Über die Verbindungen zu anderen Frankfurter Institutionen sagt der Anstaltsarzt Dr. Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahem sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3). Über diese Verbindungen, speziell im Bereich der Ausbildung von Säuglings- und Krankenschwestern ist ein weiterer eigener Artikel in Vorbereitung.
Einige der Praktikantinnen waren in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen: „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen, betraut.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6) Über die Verbindungen zu anderen Frankfurter Institutionen sagt der Anstaltsarzt Dr. Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahem sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3). Über diese Verbindungen, speziell im Bereich der Ausbildung von Säuglings- und Krankenschwestern ist ein weiterer eigener Artikel in Vorbereitung.

Namensliste

Die hier vorgestellte kurze Namensliste ist eine unvollständige Sammlung, die andeutet wie viele Menschen am „Projekt Kinderheim“ beteiligt waren und deren Biografien noch zu erforschen wären. Es fließen nicht die Namen der vorliegenden Mitgliederlisten ein, aufgelistet habe ich lediglich einige Ehrenmitglieder, Vorstandsmitglieder und Beiratsmitglieder, die Hebamme Frau Daum, die Anstaltsvorsteherin und die Anstaltsärzte. Über einige Säuglingsschwestern, die hier aufgeführt sind, sind Forschungen in Planung.

NameFunktionQuelleBemerkung
Christian Wilhelm Pfeiffer (später Pfeiffer-Belli)VorsitzenderJahresbericht für 1902Auch Jahresbericht 1915, Pfeiffer-Belli am 28. Januar1916 gestorben
Fritz HappelSchriftführerJahresbericht für 1902
Walter MelberRechnungsführerJahresbericht für 1902
Fr. Professor CuersBeiratJahresbericht für 1902
Fr. Professor FreundBeiratJahresbericht für 1902
Fritz GansBeirat, EhrenvorsitzenderJahresbericht für 1902
Charles HallgartenBeiratJahresbericht für 1902
Fräulein Johanna KalbBeiratJahresbericht für 1902
Dr. Emil KirbergerBeiratJahresbericht für 1902Dr. med. Emil, Anstaltsarzt, gestorben am 4. Juni 1905, Mitgründer
Frau Dr. O. NeubürgerBeiratJahresbericht für 1902Gestorben im Juli 1914, Hatty Neubürger geb. Hallgarten. Vereinsmitgründerin
Frau Professor v. NoordenBeiratJahresbericht für 1902Vermutlich die Frau von Professor Carl von Noorden, der 1895 der Mitbegründer der ersten deutschen Diabetikerklinik, heute „Krankenhaus Sachsenhausen“ war.
Dr. A. RaabBeiratJahresbericht für 1902November 1911 verstorben, Gründungsmitglied, hatte viel Erfahrung im Armen und Fürsorgewesen.
Frau Jacob ReutlingerBeiratJahresbericht für 1902
A. SabarthBeiratJahresbericht für 1902
Frau Rudolf SchmidtBeiratJahresbericht für 1902
Frau Stadtrat SeidelBeiratJahresbericht für 1902
Frau Oberin TrömperBeiratJahresbericht für 1902
Frau Robert WernerBeiratJahresbericht für 1902
Stadtrat Dr. WöllBeiratJahresbericht für 1902
Julius EmmerlingKassenprüfer, BeiratJahresbericht für 1902Gestorben 1907
August WirsingKassenprüferJahresbericht für 1902
Rechtsanwalt AbtBeiratJahresbericht für 1904 
Dr. R. SternBeiratJahresbericht für 1904 
Fräulein Elisabeth LippertJahresbericht für 1904Vorsteherin der Anstalt „Kinderheim“, Wirtschafterin
Dr. med. B. ScholzBeiratJahresbericht für 1905Anstaltsarzt, Nachfolger von Dr. Kirberger und Anstaltsarzt bis 1908, er wurde Chefarzt des Bürgerhospitals. Nachfolger ist Dr. Carl Beck
Karl StiebelBeiratJahresbericht für 1905Kaufmann, Kunstsammler, Philantrop (1854-1928) Als Nachfolger seines verstorbenen Vaters wurde S. 1902 zum Administrator des Dr. Christ’schen Kinderhospitals und der angeschlossenen Entbindungsanstalt gewählt. Frankfurter Personenlexikon
Dr. C. SulzbachBeiratJahresbericht für 1905 
F. Leuchs-MackSchriftführerJahresbericht für 1905Gestorben am 15. März 1914
Frau Wilhelmine DaumHebammeJahresbericht für 1904 und 1914 
Dr. med. CunoVertretung des erkrankten Dr. KirbergJahresbericht für 1905Vertritt öfter den Anstaltsarzt, so auch 1914 als Dr. Beck zum Lazarettdienst eingezogen worden war.
Professor Dr. ReisserHilft bei der Diphteriepidemie ausJahresbericht für 1907:12
Herr Dr. SchnaudigelHalf in der medizinischen Abteilung ausJahresbericht für 1907: 13 
Herr Dr. Carl BeckVertrat öfter Dr ScholzJahresbericht für 1907: 13Nachfolger von Dr. Scholz als Anstaltsarzt ab 1908. Zuvor Vertretungen. Dr. Beck wurde zu Beginn des Krieges zum Lazarettdienst eingezogen. Zum Zeitpunkt des Jahresberichts für 1914 befindet er sich an der russischen Grenze. Im Feld erkrankt Dr. Beck erneut und nach langem unheilbarem Leiden stirbt er am 6. März 1916.
Dr. Hans FesterBeiratJahresbericht für 1908 
Generaldirektor A. HaeffnerBeiratJahresbericht für 1908 
Geheimrat OehlerBeiratJahresbericht für 1908 
Frau Ludwig GansBeiratJahresbericht für 1910 
Herr August SachßeBeiratJahresbericht für 1910 
Frau Pauline WeinbergBeiratJahresbericht für 1910 
Frau Dr. FesterBeiraatJahresbericht- für 1911 
Frau Dr. A. JassonBeiratJahresbericht- für 1911 
Frau Oskar Franklin OppenheimerBeiratJahresbericht- für 1911 
Herr Paul SternbergBeiratJahresbericht- für 1911Nach dem Tod des Vorsitzenden Pfeiffer-Belli übernimmt Paul Sternberg den Vorsitz 4. April 1916. Er stirbt jedoch berits am 31. Juli 1916 an einer Lungenentzündung.
Frau J. C. von KramerBeiratJahresbericht für 1914 
Dr. med. Gustav SimonArztvertretungJahresbericht für 1914Vertritt Dr. Beck während des Lazarettdienstes
Dr. med. Max PlautArztvertretungJahresbericht für 1914Vertritt Dr. Beck während des Lazarettdienstes
Frau Ludwig von GansBeiratJahresbericht für 1915 
Dr. med. Gustav Löffler Jahresbericht für 1915Stellvertretender Anstaltsarzt für Dr. Beck. Er wird Ende 1916 zum Militär eingezogen.
Frau Fritz Jaeger-ManskopfBeiratJahresbericht für 1916 
Herr Dr. Georg SchaubArztvertretungJahresbericht für 1916: 6Nach Dr. Löfflers Antritt beim Militär übernimmt Dr. Georg Schaub die ärztliche Leitung in Vertretung.
B. Oppelt Adressbuch 1905Hausmeister
Maria LippertOberschwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.6.1904, geb. 29.6.1867 in Frankfurt am Main
Margarete KiehlSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.1. 1913, geb. 5.10.1887 in Königsberg
Helene AnthesSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.4.1920, geb. 8.5.1897 in Frankfurt
Margarete KottmayerSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.10.1913, geb. 22.4.1885 in Nied
Agnes KalyttaSchwesterJugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 25.11.1915, geb. 8.1.1890 in Zaborze/Sches.
Lina, Burchardt Jugendamt wg. Besoldung 11.1.1921, V /568, Blatt 136Im Heim seit 1.11.1919, geb. 30.7.1880 in Frankfurt
Tabelle von Namen im Umkreis der Böttgerklinik

Kriegsauswirkungen 1914

Der Jahresbericht für 1914 gibt ein Beispiel zu den Auswirkungen des Kriegs für die Anstalt des Kinderheim e. V. Der Anstaltsarzt Dr. Beck, wird zum Lazarettdienst eingezogen, Dr. Cuno, Dr. Simon und Dr. Plaut vertreten ihn. „Ausgebildete Pflegeschwestern sind augenblicklich schwer zu beschaffen, da die verfügbaren Kräfte in den Kriegslazaretten tätig sind. An Anmeldungen von Schülerinnen fehlt es uns jedoch nicht.“ (Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 6)

1914 sagte der Verein zu, dass man 20 Kinder von „im Felde befindlichen Kriegern“ zu einem geringen Preis (30 Pfennig pro Tag) in der Anstalt verpflegen würde. Zeitweise waren so bis zu 95 Pfleglinge in den Häusern der Anstalt (ebd.).Gleichzeitig schrumpften die Mitgliederzahlen, sodass weniger Beiträge gesammelt werden konnten (Ende 1916 waren es 364 Mitglieder). (Vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1916: 6)

Das Kinderheim wird städtische Kinderklinik

Von Anfang an hatte der Verein das Problem der Finanzierung der Klinik und der Pflegerinnenschule. Hier ein Auszug aus dem Jahresbericht für 1906:

Die finanzielle Lage unseres Vereins […] nötigte uns, unser Hauptaugenmerk auf die Gewinnung neuer Mitglieder zu richten und durch Veranstaltung von Sammlungen einmalige Spenden zu erzielen. Unsere Bemühungen sind nicht ohne Erfolg geblieben. Die Zahl unserer Mitglieder hat sich um 30 vermehrt, was eine Vermehrung der Jahresbeiträge von M. 519,- zur Folge hatte. An einmaligen Spenden verzeichneten M. 7162, also fast so viel wie im Vorjahr.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906: 4

Hinzu kamen noch die Pflegegelder von ca. 16.000 Mark Es musste zur gänzlichen Deckung der Unkosten ein Kredit über 4.500 Mark aufgenommen werden. Auch wurde ein Antrag beim Magistrat der Stadt Frankfurt auf eine jährliche Subvention gestellt (vgl. Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1906).

Eine Anmerkung für das Jahr 1912 zeigt, welche Möglichkeiten für Einnahmen man darüber hinaus generierte:

Wir wollen bei dieser Gelegenheit an unsere Privatzimmer erinnern, die auch im Berichtsjahr [1912] mehrfach benutzt wurden. Wir können in diesen, Kindern vermögender Eltern eine wissenschaftliche Pflege angedeihen lassen, die im Elternhaus unmöglich geleistet werden kann und unter Umständen können wir Säuglinge am Leben erhalten, die sonst unrettbar dem Tode verfallen sind. Auch die Herren Aerzte möchten wir speziell auf diese Einrichtung aufmerksam machen.

Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1912: 5

Im Jahr 1919 erhöht die Stadt Frankfurt den zuletzt jährlichen Zuschuss für den Verein auf 15.000 Mark (vgl.: Magistratsbeschluss No. 1669 vom 28. August 1919. Magistratsakte V / 568). Recht regelmäßige Unterstützung kam von der Wilhelm und Auguste-Victoria-Stiftung, z. B. für 1914 3.000 Mark, die Stadt hatte 1.000 Mark gegeben (vgl.: Kinderheim, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1914: 22).

Nachdem die Finanzierung der Anstalt nach dem Krieg durch den Verein nicht mehr zu leisten war, wurde der Verein am 1. Oktober 1920 aufgelöst. Das Böttgerheim übernahm die Stadt Frankfurt, die es weiterführte (vgl.: Thomann-Honscha 1988: 157).

Bemerkenswert ist, dass der Kinderarzt Paul Grosser (1880-1934), Vater des Politikwissenschaftlers und Publizisten Alfred Grosser, vermutlich zur Jahreswende 1920/21 zum leitenden Arzt der Anstalt berufen wurde. Seine Anstellung wurde zunächst aus einer Stiftung des Rechtsanwalts Eduard Baerwald (1875-1934) finanziert. Grosser leitete das „Kinderheim Städtische Säuglingsheim“ bis zum 31. Dezember 1929 und baute die Anstalt zu einem modernen und hochqualifizierten Kinderkrankenhaus aus. Ab 1930 wurde er Leiter des Clementine-Kinderhospitals an der Bornheimer Landwehr 60 (Frankfurter Personenlexikon).

Quellen

Archivalien

Institut für Stadtgeschichte

Akte Kartensammlung Hochbauamt S8-HBA, 657

Akte Magistratsakte V / 568 Kinderheim

  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: I. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1902, Frankfurt 1903
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: II. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1903, Frankfurt 1904 [nicht auffindbar EB]
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: III. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1904, Frankfurt 1905
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1905, Frankfurt 1906
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: V. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1906, Frankfurt 1907
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1907, Frankfurt 1908
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1908, Frankfurt 1909
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IX. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1910, Frankfurt 1911
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: X. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1911, Frankfurt 1912
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1912, Frankfurt 1913
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1913, Frankfurt 1914
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XIV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1915, Frankfurt 1916
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: 15. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1916, Frankfurt 1917

Literatur

Adressbücher der Stadt Frankfurt 1904: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodikaffm/8688083
1905-1924: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/periodikaffm/8681432

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege. Der Beginn der professionellen Säuglingskrankenpflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege, 2. Jg., 1/2013: 25-34

Bönisch, Edgar 2022: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege, Frankfurt am Main, www.juedische-pflegegeschichte.de

Der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main 2014: „Warum nur Frauen?“ 100 Jahre Ausbildung für soziale Berufe

Eckhardt, Hanna/Eckhardt, Dieter 2014: Das „Frauenseminar für soziale Berufsarbeit“. Die „Wohlfahrtsschule für Hessen-Nassau und Hessen“ 1913-1933, in: Der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main: „Warum nur Frauen?“ 100 Jahre Ausbildung für soziale Berufe

Gans, Angela von/Groening, Monika 2006: Die Familie Gans 1350-1963. Ursprung und Schicksal einer wiederentdeckten Gelehrten- und Wirtschaftsdynastie, Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Base

Kinderheim e. V. 1909: Kinderheim Frankfurt a. Main (Sonderdruck)

Keller, Arthur 1913: Kinderheim Frankfurt a. M., Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a. M., Manuskript, Frankfurt am Main

Pfeiffer-Belli, Erich 1986: Junge Jahre im alten Frankfurt. Und eines langen Lebens Reise, Wiesbaden und München

Seemann, Birgit/Bönisch, Edgar 2019: Das Gumpertz’sche Siechenhaus. Frankfurt am Main. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung, Frankfurt am Main

Süddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugenmedizin e. V. Chronik SGKJ www.sgkj.de/ueber-uns/chronik 802.08.20229

Abb. 7: Die Milchküche. Aus: Schlossmann 1906: Tafel VI

Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Im erfolgreichen Kampf gegen die Säuglings- und Kindersterblichkeit wirkten viele Maßnahmen und Einrichtungen zusammen: Die Errichtung von Kinderkliniken und Kinderkrankenhäusern, die Entwicklung der Lehre und Forschung an den Hochschulen, die Ausbildung von Kinderärzten und Kinderkrankenschwestern, der Unterricht von Hebammen, Frauen und Mädchen in der Säuglingspflege, die Einrichtung der Säuglingsfürsorgestellen (Mütterberatungen), Säuglings-, Kinder- und Durchgangsheimen, Kindertagesstätten (Krippen für Säuglinge und Krabbelkinder), Kindergärten für Kleinkinder, Horte für Schulkinder und Tagesheime, soziale Fürsorge für die Schwangeren, für die Mütter im Wochenbett und während der Stillzeit durch die Sozialversicherung (Wochengeld, Stillgeld), Einrichtungen der Berufsvormundschaft, gesetzliche Regelung des Pflegekinderwesens (Reichsgesetz für Jungendwohlfahrt vom 9. Juli 1922) und des Kinderschutzes vom 30. März 1903, staatliche Aufsicht über die Seuchenabwehr, Impfungen, Tuberkulosefürsorge und Milchhygiene.

Albrecht Peiper (Peiper 1965: 298)

Einführung

Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in heißt heute der Beruf, um dessen Geschichte es hier geht. Die Bundesagentur für Arbeit definiert:

Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/innen betreuen und versorgen kranke und pflegebedürftige Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Sie führen ärztlich veranlasste Maßnahmen aus, assistieren bei Untersuchungen und Behandlungen, dokumentieren Patientendaten und wirken bei der Qualitätssicherung mit.

Bundesagentur für Arbeit

Die Ausbildung wird an Pflegeschulen vermittelt, dauert 3 Jahre und wird mit einer staatlichen Prüfung abgeschlossen. Die ersten beiden Jahre entsprechen der Ausbildung zum Pflegefachmann/-frau und spezialisiert sich im letzten Jahr auf die Pflege von Kindern. Eine Ausbildung im Rahmen eines Hochschulstudiums ist möglich (vgl. Bundesagentur für Arbeit).
Im Lauf der Herausbildung der verschiedenen Berufsbilder in der Säuglings- und Kinderpflege sind die Übergänge oft fließend. Entsprechend benutze ich im Text den von Birgit Seemann vorgeschlagenen Oberbegriff der Kinder- und Säuglingspflege (vgl. Seemann 2021). In der Literatur werden dabei meist Kinder bis zum Ende des ersten Lebensjahres als Säuglinge bezeichnet (vgl. Säuglingsdefinition). Zunächst folgen Informationen zum gesellschaftspolitischen Kontext.

Gesellschaftspolitische Situation im 19. Jahrhundert

Nach der napoleonischen Zeit mit seinen revolutionären Bestrebungen, aber auch verheerenden Vernichtungskriegen und den Freiheitskriegen zwischen 1813 und 1815 entstand nach dem Wiener Kongress 1815 der Deutsche Bund mit Preußen, Österreich, 35 Fürstentümern und 4 Städten (Deutschland im 19. Jahrhundert). Nach dem Scheitern der Bestrebungen nach einem deutschen Nationalstaat sowohl in der Revolution von 1848 und der Nationalversammlung in der Paulskirche 1848/1849 und nach den Einigungskriegen (1864-1871) manifestierte sich das Deutsch Kaiserreich 1871 (Deutschland m 19. Jahrhundert).
Die Industrialisierung setzte in England Ende des 18. Jahrhunderts ein. Maßgeblicher Faktor war die Erfindung der Dampfmaschine (James Watt 1769) und die Nutzung einer wirtschaftlichen, weltweiten Vernetzung als Kolonialmacht. In deutschen Gebieten, geprägt durch Landwirtschaft, setzte die Industrialisierung erst durch die Einführung des Deutschen Zollvereins im Jahr 1834 ein, wodurch die Durchlässigkeit durch die kleinen deutschen Staaten wuchs. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlangte das Deutsche Reich eine starke wirtschaftliche Position (vgl. Kinderzeitmaschine).
Pauperismus, in etwa mit Massenarmut zu übersetzen, setzte seit etwa 1825, von England kommend, ein. Pauperismus bedeutet Armut aufgrund des Zusammentreffens von agrarischer Überbevölkerung und konjunkturellen Störungen (vgl. Hardtwig 1985).

Wie viele andere Teile des europäischen Kontinents, so war auch Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem heute schwer nachvollziehbaren Maße ein Land der Massenarmut.“

Osterhammel 2012

Nach einem extremen Verfall der Preise für Agrarprodukte mussten Menschen, die von der Landwirtschaft lebten, ihren Lebensunterhalt im Handel, dem Handwerk und in der Industrie bestreiten, fanden dort meist nur schlecht bezahlte Stellen und lebten unter dem Existenzminimum. Eine Folge war eine massenweise Auswanderung aus dem Gebiet des späteren Deutschen Reichs, für 1850 waren dies 83.220 Personen. Ebenso nahm seit 1815 auch die Binnenwanderung in die Städte zu, Leipzig als Beispiel hatte 1830 38.000 Einwohner und im Jahr 1852 bereits 67.000.
Über die Situation der Frauen, als Mütter, im beginnenden 19. Jahrhundert schreibt Johann Peter Frank:

Durch die Leibeigenschaft sind die Männer gezwungen, den Herren Dienst zu leisten und daher die Besorgung der Äcker und Wiesen – in jenen Gegenden nur allzu schwer und häufig – den Frauen bis in die letzten Monate der Schwangerschaft zu überlassen. Während man die schwangeren Haustiere schont, muß das schwangere menschliche Weib entweder unbarmherzig Hungers sterben oder den fruchtbaren Leib unter das Sklavenjoch beugen. […] Vielfältige Gefahren stehen der Wöchnerin bevor, wenn man nicht besser für sie sorgt. Der Geburt folgen oft: Retention der Nachgeburt, kühner Versuch der Hebamme, sie gewaltsam herauszuholen, Atonie des Fruchtträgers, Blutstürze, Ohnmachten und Kindbettfieber […].

(Frank 1790)

Christa Berg beschreibt die Situation der Mütter für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts:

Die Mütter aus der Arbeiterklasse kapitulierten häufig vor der Doppelbelastung in Haushalt und Erwerbsleben. Durch die Zuerwerbsarbeit standen die Frauen oft unter physischen und psychischen Belastungen, die sich in Müdigkeit und Überreizung auswirkten. Für soziale Kontakte war nur selten Zeit. Eine Zielsetzung in der Erziehung der Kinder, wie wir sie heute kennen und fordern, gab es nicht. Die Kinder blieben oft sich selbst überlassen oder wurden in die Obhut ihrer Geschwister, Verwandten oder Nachbarn gegeben. Eine Hof- und Straßensozialisation mit selbstgewählten Freunden ohne Aufsicht von Erwachsenen war Ersatz für das, was Eltern an Erziehung nicht leisten konnten. Den Müttern blieb auch in der Regel keine Zeit für eine Auswahl von preisgünstigen Nahrungsmitteln, weshalb sich Menschen der Arbeiterklasse häufig mehr oder weniger zufällig ernährten. Die daraus resultierende oft mangelhafte Ernährung führte zu gesundheitlichen Schäden. Besonders betroffen waren schwangere Frauen und kleine Kinder. Die am meisten vorkommenden Erkrankungen waren Tuberkulose, Magen-Darm-Erkrankungen und die Englische Krankheit (Rachitis). Die Hausarbeit wurde mehr schlecht als recht verrichtet. Für planendes und somit sparsames Wirtschaften wie z. B. Vorräte anlegen fehlten Zeit und Bildung. Wo die Belastung zu groß war, griff man zum Alkohol.“ (Berg 1991) Und weiter: „Im gehobenen Bürgertum und in Adelsfamilien war die Frau von den Sorgen der Existenzsicherung und unmittelbarem Arbeitseinsatz im Haushalt entlastet. […] Durch karitative Tätigkeiten und gesellschaftliche Verpflichtungen war aber auch hier die Mutter für die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht präsent. Für die Pflege, Betreuung und Erziehung der Kinder wurde Personal engagiert: Ammen, Kindermädchen, Erzieherinnen. Das Familienleben beschränkte sich auf das Wochenende, auf Feierabende und allenfalls auf die Mahlzeiten.

Berg 1991

Die Entwicklung der Säuglingspflege

Die medizinische Entwicklung

Die Entwicklung der Medizin schritt im 19. Jahrhundert schnell voran, detailliertere Angaben hierzu im Artikel: Schwesternschülerinnen im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main (Bönisch 2021). Stellvertretend sei hier auf die Arbeiten des Bakteriologen Robert Koch (1843-1910) und des Mikrobiologen Louis Pasteur (1822-1895) verwiesen (vgl. Wegmann 2012: 15) Für die Entwicklung hin zur professionellen Krankenpflege in Verbindung mit der Entwicklung von allgemeinen Krankenhäusern verweise ich auf einen Artikel der Datenbank www.juedische-pflegegeschichte.de zur beruflich ausgeübten Pflege im 19. Jahrhundert (Ulmer 2009).

Zeitraum 1801-1870 Preußen/ ab 1870 Deutsches Reich und Weimarer Republik.
Todesfälle in Prozent im ersten Lebensjahr der lebend Geborenen:
1811-182016,9
1821-183017,4
1831-184018,3
1841-185018,6
1851-186019,7
1861-187021,1
1871-188023,4
1881-189022,5
1891-190021,7
1901-190519,9
1906-191017,4
1911-191516,0
1916-192014,5
1921-192512,2
1926-19289,6
19308,5
19356,8
19406,4
20193-4
Tabelle 1: Von 100 Lebendgeborenen starben im 1. Lebensjahr, nach: Peiper 1965: 406, Peiper bezieht sich auf: Prinzing 1931. Ergänzungen nach Charbonneau 2019. Vgl. auch Thomann-Honscha 1988: 23

Die allermeisten Kinder wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Hause geboren. In den Kliniken starben ca. 30 % der entbindenden Frauen an Kindbett (Infektion der Geburtswunde) und so waren es Mütter der städtischen Unterschicht und ledige Frauen, die diese Möglichkeit der Entbindung nutzten (vgl. Wegmann 2012: 17). Ignatz P. Semmelweis (1812-1865) konnte in Wien am „Allgemeinen Krankenhaus“ nachweisen, dass die hohe Sterblichkeit der Mütter im Kindbettfieber nichts mit der Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahr zu tun hatte. Durch die Anweisung an das Krankenhauspersonal, die Hände zu desinfizieren, bewirkte, dass die Sterblichkeitsrate bei den Frauen um die Hälfte sank (vgl. Wegmann 2012: 17).

Die Hauptursachen der Säuglingssterblichkeit waren einerseits die Ernährung. Eine Untersuchung in Berlin aus dem Jahr 1906 zeigte, dass „Flaschenkinder“ 7-mal häufiger starben als „Brustkinder“. Über die „künstliche“ Ernährung mit Kuh-, Esels- oder Ziegenmilch wusste man zu dieser Zeit wenig, oft kam es zu Magen-Darmproblemen durch Infektionen bedingt durch unsaubere Milch oder Stoffwechselkrankheiten (z. B. durch zu hohen Eiweißgehalt der Milch) (vgl. Wegmann 2012: 18). Andererseits spielte das Unwissen über die korrekte „Wartung und Pflege“ der Säuglinge sowohl in Arbeiterkreisen als auch in Kreisen Adliger und Bürger eine große Rolle. Für die Arbeiterfamilien kamen die Lebensbedingungen dazu, die Wohnsituation, mangelndes Licht und fehlende Luft (vgl. Wegmann 2012: 18 und Straßburg o. J. sowie Blessing 2013: 25).

Probleme der Säuglings- und Kinderpflege waren zusammenfassend: die Ernährung der Kinder, die Hygiene im Umgang mit den Kindern, die nicht ausreichende Pflege von gesunden und kranken Kindern, wie auch die soziale Fürsorge für Kinder und Eltern.

Albrecht Peiper weist in seiner Chronik der Kinderheilkunde auf das komplexe Zusammenwirken unterschiedlichster Institutionen und Anstrengungen von Einzelpersonen und Gruppen hin, durch die es möglich war, in der Säuglings- und Kinderpflege etwas zu verändern. Ich wiederhole das Artikelmotto:

Im erfolgreichen Kampf gegen die Säuglings- und Kindersterblichkeit wirkten viele Maßnahmen und Einrichtungen zusammen: Die Errichtung von Kinderkliniken und Kinderkrankenhäusern, die Entwicklung der Lehre und Forschung an den Hochschulen, die Ausbildung von Kinderärzten und Kinderkrankenschwestern, der Unterricht von Hebammen, Frauen und Mädchen in der Säuglingspflege, die Einrichtung der Säuglingsfürsorgestellen (Mütterberatungen), Säuglings-, Kinder- und Durchgangsheimen, Kindertagesstätten (Krippen für Säuglinge und Krabbelkinder), Kindergärten für Kleinkinder, Horte für Schulkinder und Tagesheim, soziale Fürsorge für die Schwangeren, für die Mütter im Wochenbett und während der Stillzeit durch die Sozialversicherung (Wochengeld, Stillgelt), Einrichtungen der Berufsvormundschaft, gesetzliche Regelung des Pflegekinderwesens (Reichsgesetz für Jungendwohlfahrt vom 9. Juli 1922) und des Kinderschutzes vom 30. März 1903, staatliche Aufsicht über die Seuchenabwehr, Impfungen, Tuberkulosefürsorge und Milchhygiene.“

(Peiper 1965: 298)

Besonders hervorheben möchte ich die Rolle der Kinderärzte in der Entwicklung einer Säuglings- und Kinderpflege, die Einrichtung von Säuglings- und Kinderkrankenhäusern und die Entstehung von sozialer Pädiatrie.

Die „Kinderärzte“

Meist waren es Internisten, die durch Beobachtung der Kinder deren besondere Bedürfnisse erkannten. Zusammen mit praktischen Ärzten, die sich um Kinder und deren Krankheiten sorgten, erreichten sie gemeinsam eine zunehmende Spezialisierung der Säuglings- und Kinderpflege. Als Beispiel sei Arthur Schlossmann (1865-1942) genannt, der in Freiburg, Leipzig, Breslau und München studierte und nach einer Assistenz am Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhaus in Berlin sich 1893 in Dresden als „Kinderarzt“ niederließ. In den Räumen seiner Praxis führte er eine Poliklinik für Kinder und Säuglinge und wurde zum Mitbegründer und Leiter der Dresdner Kinderklinik einschließlich Säuglingsheim. Seit 1899 stand dort auch eine Schule für Säuglingspflegerinnen zur Verfügung.
1822 war die Deutsche Gesellschaft für Naturforscher und Ärzte gegründet worden, „eines der maßgeblichen wissenschaftlichen Foren im 19. Jahrhundert“ (Fehlemann 2004: 208). 1868 formierte sich innerhalb der Gesellschaft die „Section für Pädiatrik“ (vgl. Fehlemann 2004: 208 und Seidler 1997). Aus der Section wiederum entstand 1883 die „Gesellschaft für Kinderheilkunde“ (vgl. Fehlemann 2004: 208 und Seidler 1997), ein Forum für Themen der Säuglings- und Kinderpflege wie Impfpflicht, Hygiene, Ernährung und Pflege sowie Säuglingssterblichkeit. Leo Langstein und Max Pescatore, Ärzte dieses Kreises, publizierten 1906 das Lehrbuch Pflege und Ernährung des Säuglings. Ein Leitfaden für Pflegerinnen und Mütter.

Der Kinderarzt und Historiker Albrecht Peiper betont:

Die krankhaften Prozesse im Kindesalter sind ihrem Wesen nach dieselben wie beim Erwachsenen, allein der Boden, auf dem sie vor sich gehen, ist erheblich anders, weil sie sich nicht an einem in ruhigem labilem Zustande befindlichen, sondern in raschem Wechsel und Wachstum begriffenen Organismus abspielen, weil der ganze Stoffumsatz und die physiologische Tätigkeit und Bedeutung einzelner Organe für das Ganze wesentlich anders ist als später. Die erheblichen anatomischen Unterschiede zwischen Kind und Erwachsenem beziehen sich auch auf den feineren Aufbau der Gewebe und Organe. […]. Die dem Kinde eigentümliche allgemeine Krankheitsanlage tritt umso mehr hervor, je jünger es ist.

(Peiper 1965: 283f.)

Allgemein lässt sich sagen, dass viele der angehenden Kinderärzte sich zur Forschung einige Zeit im Ausland aufhielten, etwa in Wien, Paris, Zürich oder Prag. Viele hatten Kontakt zur Würzburger Universität, wo sich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Kooperation mit der Stiftung Juliusspital eine Kinderklinik gegründet hatte. Trotz Bemühungen durch Professor Franz von Rinecker gelang es jedoch nicht, einen eigenen Lehrstuhl zu installieren (vgl. Tomasevic 2002). Als wichtige Wegbereiter der Kinderheilkunde nennt die Historikerin Hedwig Wegmann: Adolf Baginsky (1843-1918), Theodor Escherich (1857-1911), Carl A. J. C. Gerhardt (1833-1902), Eduard Henoch (1820-1910), Otto J. H. Soltmann (1844-1912) und August Steffen (1825-1910) (vgl. Wegmann 2012: 20).

Die ersten Lehrstuhlinhaber für Kinderheilkunde an Universitäten waren:

1894, BerlinOtto Heubner
1896, LeipzigOtto Soltmann
1906, BreslauAdalbert Czerny
1907, DüsseldorfArthur Schlossmann
1912, MünchenMeinhard v. Pfaundler
Tabelle 2: Erste universitäre Ausbildungsstätten für Kinderheilkunde (Wegmann 2012: 34)

Otto Heubner (1843-1926)
Abb. 1: Otto Heubner (1843-1926) 1898,
erster Lehrstuhlinhaber für Kinderheilkunde (ab 1894).

© Public Domain.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Otto_Heubner_2.jpg (11.04.2022)

Kinderkrankenhäuser

Das erste reine Kinderkrankenhaus wurde 1802 in Paris gegründet, das Hôpital des enfants malades (vgl. Peiper: 17).

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden Kinder gemeinsam mit kranken Erwachsenen untergebracht. Oft lagen 8-9 Kinder im selben Bett oder mit Erwachsenen im Bett. Ansteckende Krankheiten wurden nicht isoliert. In der Mitte des 19. Jahrhunderts reifte die Erkenntnis, dass Kinder als Kinder und nicht als kleine Erwachsene zu behandeln sein, sowohl im sozialen Umfeld, als auch in Bezug auf ihre Krankheiten (vgl. Wegmann 2012 und Seidler 1983: 13 ff.). Das heutige Clementine Kinderhospital, das seine Wurzeln 1845 in Frankfurt am Main hat, berichtet auf seiner Internetseite zu seiner Geschichte: „Die Stiftungen von Dr. Johann Theobald Christ (1777–1841) und von Louise Freifrau von Rothschild (1820–1894). Beide Gründerpersönlichkeiten hatten früh die Notwendigkeit eigenständiger Kinderkrankenhäuser erkannt: Kinder sollten nicht wie kleine Erwachsene behandelt werden, sondern altersgerecht entsprechend ihren spezifischen seelischen und körperlichen Bedürfnissen.“ (Clementine Kinderhospital).

1829Kinderklinik der Berliner Charité
1836Wilhelm-Agusta-Hospital, Breslau
1840Kinderabteilung im Juliusspital, Würzburg, 1847 Separatanstalt für Kinder, 1850 Uni-Kinderklinik
1841Kinderspital zu Sankt Georg im Amalienstift, Hamburg
1842Heilanstalt für arme, kranke Kinder, Stuttgart
1843Elisabeth-Kinderhospital, Berlin
1844Luisen-Kinderheilanstalt, Berlin
1845Kinderkrankenhaus, Frankfurt am Main. Dr. Chritst’sches Kinderhospital für arme Kinder
1846Dr. von Haunersches Kinderspital, München, Kinderspital, Kassel, Kinderspital, Ludwigsburg
1856Kinderheil- und Diakonissenanstalt zu Stettin, Stettin
1860Kinderheilanstalt, Luisenheilanstalt, Heidelberg
1898Säuglingskrankenhaus Dresden
Tabelle 3: Frühe Einrichtungen für Säuglings- und Kinderpflege. Tabelle nach Wegmann 2012: 21, mit Ergänzung aus: Clementine Kinderhospital/Geschichte, Peiper 1965: 271 und Blessing 2013)

Soziale Pädiatrie

Die Etablierung eines akademischen Faches „Kinderheilkunde“ gestaltete sich langwierig. Ein Grund dafür mag sein, dass die Entwicklung des Faches nicht aus der Hochschulmedizin kam. Nicht die Betrachtung und Untersuchung bestimmter Krankheiten führte zu einer Spezialisierung wie z. B. der Hals-, Nasen- und Ohrenkunde oder anderer bestimmter Organe. „Die Kinderheilkunde [fokussierte] das Individuum, nämlich das Kind in seiner Gesamtheit, mit allen organischen, infektiösen und psychischen Erkrankungen“ (Fehlemann 2004: 210).

Um die Gesamtheit eines Kindes zu erfassen, bildete sich die soziale Pädiatrie heraus. Ab Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten sich vor allem jüdische oder jüdischstämmige Kinderärzte für den Auf- und Ausbau sozialpädiatrischer Einrichtungen verdient. Genannt seien Arthur Schlossmann in Dresden, Hugo Neumann und Heinrich Finkelstein in Berlin sowie Max Taube in Leipzig. Man begann kranke Neugeborene zu behandeln und zu betreuen und richtete Mütterberatungsstellen ein. Literatur zum Thema wurde publiziert, z. B. ein Handbuchartikel von Gustav Tugendreich und Max Mosse (Mosse/Tugendreich 1994 [1977]), die den Zusammenhang kindlicher Tuberkulose mit der sozialen Lage nachweisen (vgl. Straßburg o. J.).

1909 gründete sich in Berlin die „Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz“. Ihre Hauptaufgabe war die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und der Aufbau von Säuglingseinrichtungen in Deutschland. Gründungsvorsitzender war der Direktor des neugegründeten „Kaiserin Auguste Victoria Hauses“ in Berlin, Arthur Keller (1868-1934). Während und nach dem Ersten Weltkrieg erkannte man, dass soziale Probleme der Grund für Krankheiten und Entwicklungsstörungen sein konnten. Die Vereinigung nannte sich 1920 in „Deutsche Vereinigung für Säuglings- und Kleinkinderschutz“ um. Die Mitglieder, meist Direktoren von Kinderkliniken und Gesundheitseinrichtungen, veröffentlichten Bücher und Artikel zu den Themen Ernährungs- und Gesundheitsberatungen, empfahlen Maßnahmen zur Prävention von Krankheiten und forderten zur allgemeinen Verbesserung der Lebensumstände von Kindern auf. Publikationen hießen z. B.: „Die 10 Gebote für die junge Mutter“, „Licht, Luft und Sonne dienen deinem Kind“ oder „Der Arzt als Erzieher des Kindes“ (vgl. Straßburg o. J.).

Institutionen der Säuglings- und Kinderpflege, drei Beispiele

Die Kinderabteilung in der Charité

1793 gründete der praktische Arzt Dr. Friedrich Zirtzow (?-1813) (vgl. Ebert/David 2021) das „Institut für arme kranke Kinder zu Breslau“ eine poliklinische Anstalt, bis wann sie existierte ist nicht bekannt. Die erste deutsche Universitätskinderklinik und damit das erst deutsche Kinderkrankenhaus, war die 1829 eröffnete Kinderabteilung der Berliner Charité mit 30-45 Betten (vgl. Peiper 1965: 266).

Der dritte Leiter der Kinderklinik, Eduard Henoch (1820-1910), stand der Klinik von 1872-1893 vor und zählte zu den Größen der Berliner Ärzteschaft. Er war bereits 1868 zum außerordentlichen Professor ernannt worden, eine ordentliche Professur jedoch war ihm als konvertiertem Juden versagt. 1888 eröffnete der von Henoch geplante Neubau für Kinder mit ansteckenden Krankheiten vgl. Fabert o. J.). Bedeutende Publikationen von ihm waren die Übersetzung der Pathologie und Therapie der Kinderkrankheiten des Engländers Christian West 1864 und 1881 die Herausgabe vom Lehrbuch der Kinderkrankheiten (vgl. Peiper 1965: 266). Otto Heubner (1843-1941), 1894 zum ersten Ordinarius für Kinderheilkunde in Deutschland berufen, leitete die Klinik von 1894-1910 und setzte seine Vorstellungen einer modernen Kinderheilkunde auch in einem erneuten Neubau der Kinderklinik von 1903 um. Adalbert Czerny (1863-1954) trat Heubners Nachfolge in der Klinik an (vgl. Fabert o. J.).

Otto Heubner schreibt um 1900:

Sie [die Klinik] war in einem Seitenflügel des alten Charité-Krankenhauses in aneinanderstoßenden, nur auf einer Seite mit Fenstern versehenen, halbdunklen Sälen und einigen kleinen Zimmern untergebracht, die Säuglinge lagen zusammengepfercht in einem kaum lüftbaren Durchgangszimmer […]. Das Pflegepersonal bestand aus Wörther Diakonissen, guten, willigen, immer dienstbereiten Mädchen, die aber von Krankenhaushygiene und Säuglingspflege noch wenig klare Begriffe hatten […]. Mein Vorgänger Henoch hatte mir geraten, die Säuglingsabteilung ganz eingehen zu lassen, da sie nur dazu führte, die Klinik zu diskreditieren.

(Peiper: 278)

Wobei offensichtlich die Verhältnisse in der Charité längst nicht die schlechtesten waren im Vergleich zu „andern Säuglingspflegestätten mit künstlicher Ernährung“ (Epstein, zitiert in Peiper: 278).

Einen Kommentar von Florence Nightingale (1820-1910) zum Verhältnis Arzt-Pflegerin erscheint mir hier passend auch wenn er schon über 40 Jahre vorher gegeben wurde. 1863 äußert sich Nightingale über Kinderspitäler und die Pflegerinnen, eine Zeit in der es noch keine ausgebildeten Säuglingsschwestern gab. Kinder selbst könnten keine Beschwerde führen bemerkt sie. Auch wenn Ärzte ihre Partei ergreifen wollten, sollten diese vorsichtig mit den Pflegerinnen, die ja ständig mit den Kindern zusammen sein, umgehen. Die Pflegerinnen sollen ja Autorität für die Kinder sein und werden sich, wenn diese untergraben wird, an den Kindern rächen. Auch setzte sie sich vehement für einen liebevollen Umgang mit den Kindern ein, der öfter eher von den Frauen im nebenan stehenden Bett geleistet werden könne als von den Betreuerinnen (vgl. Peiper: 272f.). So viel hier zur Kinderklinik in der Charité. Ein besseres Verständnis für das Leben in der Klinik vermittelt der folgende Abschnitt über die Dresdner Klinik, die Vorbild für viele Säuglings- und Kinderinstitutionen wurde.

Das Säuglingskrankenhaus Dresden

Durch fehlende Hygiene, Mangelernährung und Unkenntnisse in der Pflege war die Säuglingssterblichkeit um 1900 sehr hoch, auf den Stationen der Kinderkliniken betrug sie bis zu 70 %. Der Dresdner „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ gründete deshalb am 1. August 1898 das erste Säuglingskrankenhaus, weltweit, Leiter war der Pädiater Arthur Schlossmann (1867-1932) (vgl. Blessing 2013).

Schlossmann war zuvor Assistent bei Adolf Baginsky (1853-1918), der gemeinsam mit Rudolf Virchow 1890 in Berlin das Kaiser-und-Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus gegründet hatte. Baginsky, der ehemalige Chef von Schlossmann, war einer der ersten, der sich für gut ausgebildetes und gewissenhaftes Pflegepersonal einsetzte (vgl. Tugendreich 1910: 189). Im Berliner Kinderkrankenhaus wurde 1900 eine Säuglingspflegerinnenschule eingerichtet und bald entwickelte sich der Beruf neben der Säuglingskrankenpflege auch zur Säuglingspflege für zu Hause, auch für gesunde Kinder (vgl. Gellrich 2012: 74). Aus Schlossmanns privater Kinderpoliklinik entstand mithilfe des Vereins in Dresden das weltweit erste Säuglingskrankenhaus (vgl. Blessing 2013). Bereits 1899 eröffnete eine Schule für Säuglingspflegerinnen am Säuglingskrankenhaus, die Trägerschaft hatte der „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ (vgl. Gellrich 2012: 74).

Arthur-Schlossmann-Denkmal
Abb. 2: Arthur-Schlossmann-Denkmal auf dem Gelände der Universitätsklinik Düsseldorf „Dem Retter der Kinder“.
© https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Arthur_Schlossmann_Denkmal_Uniklinik_D%C3%BCsseldorf.jpg CC-BY-SA-3.0

Erklärte Ziele des Vereins waren arme und kranke Kinder kostenfrei zu behandeln, Säuglinge mit guter, reiner Milch zu versorgen sowie Säuglingspflegerinnen auszubilden. Die Zustände im Heim waren jedoch schwierig, da, durch die ständige Überbelegung in der Anfangszeit, die geforderten Hygienebedingungen nicht eingehalten werden konnten, Bettbelegungen von 2-3 Kindern war normal. Das Heim musste vergrößert werden. Die Stadt stellte 1903 ein Grundstück für einen Neubau zur Verfügung, 1905 kam eine Waldbaracke für Säuglinge in der Dresdner Heide dazu. Um die weitere Finanzierung zu sichern, wurde die Klinik 1907 unter die Verwaltung der Stadt genommen. Schlossmann selbst war 1906 nach Düsseldorf als Leiter der dortigen Kinderklinik berufen worden (vgl. Blessing 2013).

Abbildung Dresdner Säugligsheim. Aus: Schlossmann 1906, Tafel I
Abbildung 3: Das Dresdner Säuglingsheim.
Aus: Schlossmann 1906, Tafel I
Abb. 5: Die Waldbaracke für Säuglinge in der Dresdner Heide. Aus: Schlossmann 1906, Tafel X
Abb. 4: Die Waldbaracke für Säuglinge in der Dresdner Heide.
Aus: Schlossmann 1906, Tafel X

Die Ausbildung zur Säuglingspflegerin und Säuglingskrankenpflegerin (Säuglingsschwester)

(Falls nicht anders vermerkt, stammen die Informationen in diesem Kapitel aus Gellrich 2012: 72-80 und Blessing 2013).

Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Bevor es eine staatliche Prüfung für Schwestern gab, bestimmte mehr oder weniger jede Ausbildungsstätte eigene Ausbildungsordnungen. Krankenschwestern wurden ab 1906 staatlich geprüft und konnten auch in der Säuglings- und Krankenpflege arbeiten. Die eigene Berufsbezeichnung der Säuglingspflegerin gab es ab der staatlichen Regelung 1917 (vgl. Langstein 1915). Auch das Dresdner Säuglingsheim bildete sein Pflegepersonal selbst aus. Beabsichtigt war, dass jedes gesunde Kind von Anfang gepflegt werden konnte und bei kranken Kindern die Arbeit des Arztes unterstützt werden sollte.
Zur Ausbildung bevorzugt wurden Mädchen aus gutem Haus. Schlossmann:

Warum soll die Pflege eines Kindes einer ungebildeten alten Person anvertraut werden, und warum soll es nicht ein gebildetes junges Mädchen sein, das sich auf diesem Gebiet ihr Brot erwirbt?

Schlossmann1902

Bis 1899 gab es fünf Mädchen zur Ausbildung und zwei Damen aus Dresden, die am Unterricht teilnahmen. In den folgenden Jahren war die Ausbildung aus ganz Deutschland stark nachgefragt. Die Bewerbung einer Interessentin musste persönlich oder schriftlich an die Oberin gehen. Der Besuch einer höheren Töchterschule war erwünscht. Die Bewerberin musste mindestens 18 Jahre alt und gesund sein, einen Lebenslauf vorlegen mit Foto und Pass, ein Empfehlungsschreiben sollte beigebracht werden. Eine Kaution von 100 Mark musste hinterlegt werden (vgl. Schlossmann 1906: 53f.).
Die Schülerinnen konnten kostenlos wohnen, wurden verpflegt und bekamen ihre Wäsche gewaschen. Nach einem halben Jahr erhielten sie ein Taschengeld von zunächst 10 Mark. Die Schwestern trugen Anstaltskleidung in blau-weiß gestreift, dazu ein Namensschild. Sie trugen eine Brosche mit dem „Bambino des Lucca della Robbia“, die dem Vereinszeichen des Frankfurter Kinderheims nachgebildet war. Außerhalb trugen die Schülerinnen eigene Kleidung.

Abb. 6: Vereinszeichen des Kinderheim e. V. Frankfurt am Main. Aus: Thomann-Honscha 1988: 152
Abb. 5: Vereinszeichen des Kinderheim e. V. Frankfurt am Main.
Aus: Thomann-Honscha 1988: 152

Zu Beginn dauerte die Ausbildungszeit ein Jahr, von 1907 bis 1912 dann zwei Jahre. Inhalte waren Pflege, Hygiene und Ernährung von kranken, aber auch von gesunden Kindern. Zwei bis drei Mal pro Woche gab es theoretischen Unterricht durch die Ärzte des Heims. Die notwendigen Bücher mussten die Schülerinnen selbst kaufen (8 Mark). Die Oberin führte die Schülerinnen in die praktische Arbeit ein. Zur Ausbildung gehörte auch Wäschewaschen, Zimmerreinigen und Zubereitung von Säuglingskost (vgl. Schlossmann 1906: 53f.). Seit 1902 gab es Bestrebungen die Ausbildung in einen Bereich für Pflegerinnen in der Anstalt und einen Bereich für Pflegerinnen im privaten Bereich zu teilen.

Im Säuglingsheim mussten die Pflegerinnen zweimal täglich den Kindern Fieber messen, gegebenenfalls öfter, die Ergebnisse waren schriftlich einzutragen. Das Gewicht wurde gemessen, aufgezeichnet wurde die getrunkene Menge, jedes Ausleeren, Erbrechen und andere Besonderheiten. Die Pflegerinnen machten Darmspülungen, Campherinjektionen und hielten die Säuglinge trocken. Besondere Hygiene mit häufigem Händewaschen war vorausgesetzt. Beim Stillen mussten immer die Flasche gehalten werden, das Stillen durch Ammen musste beaufsichtigt werden. Wichtig war, dass jede Pflegerin eine maximale Anzahl Kinder betreute, in der Realität waren das sechs. Für 1902 berichtet Schlossmann von einer Belegzahl von 42 Säuglingen, 13 Pflegerinnen, 12 Ammen und zwei Wärterinnen.

Die Ausbildung schloss mit einer theoretischen und einer praktischen Prüfung ab. Ab 1912 konnte man nach dem ersten Lehrjahr zum Krankenhaus Johannstadt wechseln und dort dann als staatlich anerkannte „Krankenpflegeperson“ sich prüfen lassen. Eine Arbeitsplatzgarantie gab es nicht, es wurde jedoch bei der Weitervermittlung geholfen (z. B. in Waisenhäuser oder Krippen).

Ab 1907 waren die Schwestern bei der städtischen Betriebskrankenkasse versichert. Urlaub erhielten die Schülerinnen ab dem zweiten Lehrjahr, es stand ihnen bis zu drei Wochen Urlaub zu. Für die Pflegerinnen wurde gut gesorgt, sie wurden als Basis jeder erfolgreichen Arbeit gesehen. Die Säuglingsschwestern hatten ihren eigenen Speisesaal, je ein Schlafraum war mit zwei bis drei Schwestern belegt, die Oberin hatte eine kleine Wohnung. Morgens reinigten die Schwestern ihren Waschtisch, machten ihr Bett, den Rest erledigte ein Zimmermädchen. Mahlzeiten gab es um 6.00 Uhr, 10, 13, 16 und 19.00 Uhr. Sie hatten auch Nachtdienste zu leisten. Jeden Tag sollte jede Schwester eine Stunde Freizeit erhalten, hin und wieder ein freier Nachmittag und Abend, die sie frei verbringen konnten, jedoch wurde dokumentiert mit wem und wo, Besucher waren bei der Oberin anzumelden.

Als ideale Betreuung der Säuglinge sah man es, wenn eine Schwester bei Tag vier Säuglinge und bei Nacht acht versorgen konnte. Für 1907 waren eine Oberschwester, acht Schwestern und zehn Lehrschwestern angestellt. Ein Oberarzt, zwei Hilfsärzte, ein Kanzleibeamter, sieben bis neun Ammen, eine Köchin und fünf Haus- und Küchenmädchen gab es im Haus. Pensionsberechtigt waren seit der Übernahme durch die Stadt die Oberschwester und die ständigen Schwestern.

Um die Asepsis bei den Säuglingen zu wahren, musste nach jeder Berührung der Säuglinge die Hände gewaschen werden, Nichtbeachtung führte zur direkten Entlassung. Jeder Säugling hatte seine eigene Puderdose. Alle Inventarstücke hatten eingravierte Nummern, sodass sie eindeutig den Kindern zugeordnet werden konnten, bei Neuzuordnung wurden sie gründlich desinfiziert.

Um genügend Muttermilch zur Verfügung zu haben, wurden Ammen beschäftigt, die ebenfalls im Säuglingsheim wohnten. Für ausnahmsweise genutzte Flaschenmilch hielt man eine eigene Kuh. Deren Milch wurde unter Aufsicht weiterverarbeitet. Überschüssige Milch wurde verkauft.

Abb. 7: Die Milchküche. Aus: Schlossmann 1906: Tafel VI
Abb. 6: Die Milchküche. Aus: Schlossmann 1906: Tafel VI

Seit 1907 gab es Kurse für „Mütter und Mädchen unbemittelter Stände“ mit acht bis zehn Wochenstunden, die zwischen sieben und acht Uhr abends stattfanden. Auf dem Lehrplan stand richtiges Wickeln, Baden und Ernähren. Ein Jahr nach dem Start der Kurse wurden sie auch für Frauen der bemittelten Schichten angeboten.

Die Dresdner arbeiteten so erfolgreich, dass immer mehr Eltern aus vermögenden und aus armen Haushalten ihre Säuglinge bei Krankheit in die Klinik brachten. So wurde die Dresdner Kinderklinik zum Vorbild vieler Anstalten. Und es kamen viele Ärzte aus internationalen Gebieten, um sich selbst ein Bild zu machen, und schickten Oberinnen und Schwestern zur Ausbildung nach Dresden. Dora Naumann berichtet auch, dass Dresden als Vorbild für das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus in Berlin diente (vgl. Naumann 1932, nach Blessing 2013).

1912 existierten 40 Anstalten, an denen auch Säuglingspflegerinnenschulen eingerichtet waren. Die Entwicklung nach der Einführung einheitlicher staatlicher Regelungen ab 1917 wird Thema eines späteren Artikels sein.

Kaiserin Auguste Victoria Haus (KAVH) – Reichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit

Die Idee einer eigenen Forschungsanstalt zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit stammte von Philipp Biedert aus dem Jahr 1899. In einer solchen Anstalt sollten auch gesunde Säuglinge aufgenommen werden, um etwa die Wirkung künstlicher Ernährungsformen, also Nicht-Muttermilch, prüfen zu können. Zwar gab es auch Widerstand, z. B. von Otto Heubner, der eine solche Anstalt nur in Verbindung mit universitärer Forschung sah, doch für die Umsetzung des Plans war die Befürwortung der Kaiserin Auguste Victoria, Gattin von Wilhelm II. und selbst Mutter von sieben Kindern ausschlaggebend (vgl. Wegmann 2012: 49ff., Wegmann 1992: 36ff.).

Um die Öffentlichkeit einzubinden und zu informieren fand 1906 in Berlin die Ausstellung für Säuglingspflege statt, auf der unter der Beteiligung vieler Kinderärzte der Charité, alle Forschungsergebnisse und Maßnahmen rund um die Säuglingssterblichkeit vorgestellt wurden.

Architekten der Forschungsanstalt waren Ludwig Hoffmann, Erbauer des Virchow-Krankenhauses und Alfred Messel, Architekt des Kaufhauses Wertheim. Eröffnung war am 4. Juni 1909. Direktor wurde Prof. Dr. Arthur Keller, ein Schüler des Pädiaters Adalbert Czerny, sein Vertreter und Oberarzt, kam aus der „Heubner-Schule“, Leo Langstein. Für die Innenausstattung, Mobiliar, Wäsche und Laborausstattung, reiste Arthur Keller nach Stockholm und London, um das Geeignetste zu finden. Für die Auswahl der Dienstkleidung und der Schwesterntracht war Kaiserin Viktoria zuständig. Eine Schwesternbrosche wurde vom königlichen Hofgraveur gestaltet. Für die Wäschebestellung war die Konsulin Elisabeth Staudt maßgeblich zuständig. Das KAVH beherbergte zunächst 60 Kinder, 1928 waren es 148 (vgl. Wegmann 1992: 36f.).

Eine Abbildung des Kaiserin Auguste Victoria Hauses zur Bekämpfung der Säuglingsterblichkeit im Deutsch Reich ist unter folgendem Link zu sehen: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v1013287

Die Anstalt hatte folgende Aufgaben (vgl. Kaiserin Auguste Victoria Haus 1921):

  1. Die Psychologie und Pathologie des Neugeborenen, des Säuglings und des Kleinkindes wissenschaftlich zu erforschen.
  2. Die Pflege der Neugeborenen, Säuglinge und Kleinkinder zu fördern, Frauen und Mädchen für den Beruf der Kinderpflegerin und Kinderfürsorge vorzubereiten und auszubilden.
  3. Sich mit ihrer Schwesternschaft der Säuglings- und Kinderpflege sowie der öffentlichen Krankenpflege, namentlich der Säuglings- und Kleinkinderkrankenpflege in Ausübung freier Liebestätigkeit zu widmen.

Die Anstalt umfasste 1921 folgende Einrichtungen (vgl. Kaiserin Auguste Victoria Haus 1921 und Wegmann 2012: 63ff.):

  1. Geburtshilfliche Abteilung (erste, zweite u. dritte Klasse),
    hier waren hochschwangere Frauen, die auch im Haus entbanden wodurch die Forschenden sie beobachten konnten.
  2. Die Abteilung für gesunde Neugeborene und Säuglinge waren nach „Brustkindern“ und „künstlich ernährten Kindern“ getrennt.
  3. Frühgeborene-Abteilung, die aufgeteilt war in einem Raum mit Inkubatoren und einen anderen Raum mit Wärmewannen.
  4. Abteilung für kranke Säuglinge
  5. Abteilung für kranke Kleinkinder
  6. Beobachtungsstation
  7. Infektionshaus (ab 1927)
  8. Mütterabteilung
  9. Ammenabgabe
  10. Abteilung für gesunde Kinder
  11. Abteilung für kranke Kinder (erste, zweite u. dritte Klasse)
  12. Poliklinik für kranke Kinder
  13. Poliklinik für nervöse und schwer erziehbare Kinder (ab 1918)
  14. Mütterberatungsstelle (Säuglings- und Kleinkinderfürsorgestelle VI der Stadt Charlottenburg)
  15. Staatliche Säuglingspflegeschule
  16. Schwesternschaft
  17. Laboratorien für experimentelle und klinische Arbeiten
  18. Bibliothek
  19. Museum für Säuglingskunde (ab 1914)
  20. Organisationsamt für Säuglings- und Kleinkinderschutz
  21. Versammlungssaal (200 Sitzplätze für Vorträge und Weitre Veranstaltungen)
  22. Drei Besucherräume, für den Kontakt zu Gästen
  23. Milchtierstall (Kühe, Ziegen und Eselinnen), Weidegelände gegenüber, überschüssige Milch, die nicht für die Kinder genutzt wurde, wurde in der angeschlossenen Fürsorgeanstalt verkauft.
  24. Die Milchküche, hier wurden die Behältnisse sterilisiert und für jedes Kind die benötigte Milchmischung hergestellt.
  25. Ammen: Aus der Umgebung des Hauses wurden Schwangere angeworben, die hier auch entbanden und sich verpflichteten ein weiteres Kind zu stillen. Die Milch bekamen besonders schwache oder kranke Säuglinge. Die Ammen erhielten ein Taschengeld über 6 Monate lang (3 Mark im ersten Monat, 6 Mark von Monat 2-6). Die im Haus entbundenen Mütter konnten auf Wunsch auch durch das KAVH als Amme weitervermittelt werden. Per Arbeitsvertrag wurden medizinische Betreuung, Krankenversicherung für Amme und ihr Kind, wie auch Pflegekosten von Amme und Kind wie auch Bezahlung und Kündigungsregelung. Gebühren für das KAVH waren 100 Mark, die Amme erhielt 50 Mark monatlich.
  26. Liegehallen entlang der Längsseiten der Gebäude ermöglichten den Aufenthalt der Säuglinge in ihren Körben im Freien, so wurde der Rachitis vorgebeugt. Der Rücken konnte mithilfe der Epsteinschen Schaukelstühle geschult werden, und soziale Kontakte wurden im Spiel gefördert.
  27. Fürsorgehaus und -arbeit

Für das Thema der jüdischen Kinder- und Säuglingspflege interessant ist die Bemerkung von Priv. Doz. Th. Lennert in einer Pressemitteilung zur 80-Jahr-Feier des Hauses „Wie auch in der übrigen Kinderheilkunde Berlins waren am KAVH zahlreiche jüdische Ärzte und Schwestern tätig, die 1933 das Haus verlassen mußten.“  (Wegmann 1992: 38)

Antonie Zerwer und ihre Säuglingspflegefibel

Antonie Zerwer (1873-1956), selbst Pflegerin und Oberin am KAVH, erwähnt in ihren Erinnerungen ein englisches Lehrbuch, nach dem sie sich richtete (Wegmann 1992: 22f.). Leo Langstein und Max Pescatore schrieben das 1906 publizierte Buch Pflege und Ernährung des Säuglings. Ein Leitfaden für Pflegerinnen und Mütter (vgl. Wegmann 1992: 164). So gab und gibt es eine große Auswahl an Büchern, die der Beratung im privaten Bereich dienten und auch den angehenden Säuglingsschwestern als Lehrbücher. Für Schulkinder im Unterricht schrieb Antonie Zerwer selbst eine bedeutende Anleitung, die Säuglingspflegefibel.

Antonie Zerwer am 17. März 1873 in Riesenwalde, Kreis Rosenberg, Westpreußen (heute Polen) geboren, hatte eine Schwester und zwei Brüder. Ihr Vater Christian war Gestütswärter, ihre Mutter Luise, geb. Brock. Die Familie kaufte um 1880 eine Gastwirtschaft in Kaffzig (Hinterpommern), die vor allem die Mutter bewirtschaftete. Antonie wuchs bei der Großmutter, einer sehr gläubigen Frau, auf. Nach der Schule erhielt sie eine Ausbildung als Schneiderin und Weißnäherin, Sticken und Handarbeiten kam ebenso dazu (vgl. Wegmann 1992: 21). Sie fühlte sich zu „etwas berufen“, sie wollte „für eine größere Gruppe etwas, schaffen“ (Wegmann 1992: 22).

Im April 1890 bewarb sich Antonie Zerwer auf die Anzeige einer Familie in Schivelbein Villa Hackert. Sie erhielt die Stelle und betreute nun unter „Anleitung der Mutter“ ein vierjähriges Mädchen und einen anderthalb jährigen Jungen. Hedwig Wegmann fasst hier aus den „Betrachtungen und Gedanken über meine Lebensarbeit am Karfreitag“ von 1950 zusammen. Vermutlich stammt diese scheinbar unveröffentlichte Schrift aus dem Nachlass von Antonie Zerwer, der im Universitätsarchiv der Humboldt Universität zu Berlin liegt (vgl. Wegmann 2012: 14):

An Wissen und Können brachte ich in diese meine erste Privatpflege, außer Liebe und Lust zur Sache, nichts weiter mit, als das, was gute Mütter aus dem Schatz ihrer eigenen Erfahrungen ihren Töchtern für das Berufsleben mitgeben können. […] Es war nicht leicht mit dieser, zunächst unsichtbaren Rüstung in das Feld zu ziehen. Der Alltag mit seinen Anforderungen: 5 Uhr aufstehen – Mädchen wecken – Zimmer säubern – Kaffeetisch decken – Flaschen für den Kleinen -Frühstück für die 4-jährige vorbereiten. Dann die nach genauesten Vorschriften eines englischen Kinderpflegbuches durchgeführte Baderei. Hinterher Fütterei und Spielerei mit den Kindern. […] Immer wieder vergaß ich das ,Wichtigste‘, die ,Hygiene‘. Auch das Wort ,Pädagogik’ kannte ich nicht – das große und kleine Kind zu beschäftigen war aber meine Hauptaufgabe. Zum Glück wußte ich von meiner Mutter viel kleine Verse und Fingerspiele, und auch Beschäftigungsmethoden wurden erfunden, frei nach Fröbel – (den Namen kannte ich auch nicht); mit Bauklötzchen, Papier usw. kann man so viel beginnen und Kindern frohe Stunden schaffen. […] Wenn jemand krank war – und der Arzt kam, dann hörte man zu und lernte: Umschlag machen, Temperatur messen, Puls zählen und Kurve schreiben. Für den Arzt Waschwasser hinsetzten, Handtuch bringen, Schreibzeug und Löscher hinstellen usw. die Mutter und der Arzt – beide waren gute Lehrmeister.

Wegmann 1992: 22f.

Die Säuglingspflegefibel von Antonie Zerwer (1912) wurde millionenfach verkauft und war für den Schulunterricht gedacht:

Abbildung: Titelblatt Säuglingspflegefibel, Abb. 14: Seite 9. Beispiel des Frage- zweite, unveränderte Auflage. Berlin 1912
Abb. 7: Titelblatt der Säuglingspflegefibel von Schwester Antonie Zerwer
Zweite, unveränderte Auflage. Berlin 1912

Im Vorwort der zweiten Auflage von 1912 äußert sich Professor Dr. Leo Langstein:

Die Belehrung, die die Frau als Mutter empfängt, kommt meist zu spät; die Mutter, die für die Mutterschaft nicht festgefügtes Wissen über Kinderpflege mitbringt, wird ein Spielball von Aberglauben, Überlieferung unrichtiger und schädlicher Gebräuche. […] Dem kann meines Erachtens nur gesteuert werden, wenn im Schulalter bereits dieser wichtige Zweig der Volksgesundheit gelehrt wird, dessen Vernachlässigung das Deutsche Reich jährlich fast eine halbe Million Menschen kostet.

Zerwer 1912: 5

Und auch Schwester Antonie Zerwer richtet sich mit einem Vorwort an ihr Zielpublikum:

Und wenn ihr dazu beitragen könnt, durch aufmerksame Pflege und Wartung eure Brüderchen und Schwesterchen gesund zu erhalten, so werden auch ihre roten frischen Wangen und ihr herzliches Lachen für manche kleine Mühe und Entsagung entschädigen. An der Hand verschiedener Fragen will ich euch zeigen, wie man Säuglinge bettet, badet, kleidet, ernährt, sie vor Krankheit zu schützen versucht.

Zerwer 1912: 8

Kurz hinweisen möchte ich auf ein anderes Lehrbuch. Friederike Bolzer eine Kranken- und Kinderpflegerin, schrieb bereits 1909 einen Leitfaden für junge Mütter und Pflegerinnen.

Abbildung: Titelblatt: Friederike Bolzer,Kinderpflege und -Ernährung
Abb. 8: Titelblatt,
Friederike Bolzer, Kinderpflege und -ernährung
.
Stuttgart, 1909
Abbildung Inhaltsverzeichnis Friederike Bolzer, Kinderpflege und -ernährung
Abb. 9: Inhaltsverzeichnis,
Friederike Bolzer,
Kinderpflege und -ernährung
Stuttgart 1909

Die Versorgung von Säuglingen und Kindern
in Frankfurt am Main

Die Entwicklung in Frankfurt stellt Cornelia Thomann-Honscha in ihrer 1988 erschienenen Dissertation Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914 sehr ausführlich dar. Ich möchte in diesem Abschnitt ihrem Textaufbau folgen.

Hebammen

Es waren zunächst Hebammen, denen die Pflege und Fürsorge von Säuglingen oblag. Bereits 1526 schrieb der Frankfurter Stadtarzt Eucharius Rößlin ein Hebammenlehrbuch. Die erste Hebammenordnung stammte vom Stadtarzt Adam Lonicerus (1528-1586) mit Anweisungen für Prüfungsvorschriften der Eignung als Hebamme durch ältere Hebammen, Angaben zur Bezahlung, die dann teilweise auch durch den „Almosenkasten“ getätigt wurde, einer öffentlichen Stiftung von 1531 zur Unterstützung von Armen und Kranken (vgl. Thomann-Honscha 1988: 86). Ab 1749 gab es einen Stadtgeburtshelfer, der die Hebammen beaufsichtigte. Die Aufgaben der Hebammen waren damals weiter gefasst als heute, sie schlossen z. B. kleinere Operationen mit ein (vgl. Thomann-Honscha 1988: 85). Um 1800 und einer immer stärkeren medizinischen Entwicklung verloren die Hebammen Teile ihrer Zuständigkeit. Die Medizinalordnung von 1817 unterstellte die Hebammen dem Sanitätsamt, bestehend aus dem jüngeren Bürgermeister und den drei angestellten Stadtärzten. Hinzugezogen zu den Sitzungen wurde nun auch der Stadtgeburtshelfer, der Stadtaccoucheur. Ab 1847 wurde er als Mitglied des Sanitätsamts anerkannt und er unterrichtete Hebammen in Theorie und Praxis. Um diese Zeit wurde die Anzahl der städtischen Hebammen, um deren Einkünfte zu sichern, reduziert. Es gab dann 12 christliche und zwei jüdische städtisch angestellte Hebammen. 1857 wurde die städtische Entbindungsanstalt eröffnet, dort wurden die städtischen Hebammen in einen dreimonatigen praktischen Kurs ausgebildet, sowohl im Hebammenwesen als auch in der Pflege von Wöchnerinnen und Kindern. Ab 1866 gehörte das Hebammenwesen zum „Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“. In den Verpflichtungen von 1883 wurden die Hebammen angewiesen bei Start ihres Berufes Zeugnisse, Adresse und Zustand ihrer Instrumente, Geräte und eines Tagebuchs vorzuweisen. Weiterhin hatten sie sich an das Hebammenlehrbuch zu halten und das Tagebuch zu führen sowie die korrekten Desinfektionsmittel zu haben. Zu ihren Pflichten gehörte es auch Fälle des Kindbettfiebers und Todesfälle anzuzeigen. Verpflichtet wurden sie, alle drei Jahre eine Nachprüfung ihres Wissens abzulegen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 90).

Frankfurter Geburtshilfeeinrichtungen im 19. Jahrhundert

Die ärztliche Geburtshilfe gewann im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Folgende Einrichtungen gab es in Frankfurt am Main:

  • Die Städtischen Entbindungsanstalten (1857)
  • Die Entbindungsanstalt der Christ’schen Stiftung (nach 1845)
  • Die Dr. Neubürgersche Entbindungsanstalt
  • Die Entbindungsanstalt von Dr. Kammorgen
  • Die Frauenklinik im städtischen Krankenhaus (1908)
  • Die Universitätsklinik (1914)

Für die jüdischen Einrichtungen verweise ich auf den Artikel von Birgit Seemann: https://www.juedische-pflegegeschichte.de/in-allen-stadien-der-schutzbeduerftigkeit-institutionender-juedischen-kinder-und-saeuglingspflege-infrankfurt-am-main-ein-historischer-ueberblick/

Ammen

Als Ammen arbeiteten meist Frauen, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienten. Zur Gesundheitsuntersuchung der Ammen wurden ab 1764 Ärzte bestimmt. Ab 1811 gab es eine Medizinalordnung für ärztliche Untersuchungen von Ammen, eine Aktualisierung der Medizinalordnung im Jahr 1841 regelte die Zuständigkeit des Sanitätsamts, es gab feste Gebühren, die die Ammen erhielten. Ein Ammenregister und ein Ammen-Gesundheitszeugnis wurden eingeführt. Ab 1866 unterstand die Aufsicht des Ammenwesens dem königlichen Polizeipräsidenten (vgl. Thomann-Honscha 1988: 92f.).

Kinderfürsorge, Kost- und Haltekinder

Findelkinder mussten von der Stadt versorgt werden. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurden Pflegefamilien und mildtätig Stiftungen dafür genutzt. 1679 eröffnete das „Armen-, Weisen- und Arbeitshaus“. Um 1700 gab es die Stiftungen des „Almosenkasten“, des „Heilig-Geist-Spital“ und des „Armen- und Waisenhauses“ denen die Stadt Findelkinder zuwies. Ab 1833 war die Stadt finanziell selbst zuständig. Waisenkinder wurden ab 1866 nur noch in Pflegefamilien gegeben (vgl. Thomann-Honscha 1988: 95f.). Das sich durch die Vergabe von Waisenkindern an Pflegefamilien entwickelnde Kost- und Haltekinderwesen wurde jedoch oft zu Ungunsten der Kinder ausgenutzt und viele der Kinder mussten unter schlimmen Umständen leben. Fritz Stiebel (1824-1902), Arzt am Christ’schen Kinderkrankenhaus, der viele der in schlimmem Zustand vorgefundenen Kostkinder behandelte, startete 1870 einen Aufruf zum Schutz der Kinder, 1871 konnte mit der Unterstützung vieler Bürger Frankfurts der „Verein zum Schutze der Haltekinder“ gegründet werden. Der Verein suchte nach zuverlässigen Kostfrauen, kontrollierte diese und half ihnen. Die medizinische Betreuung erfolgte kostenlos über die Ärzte des Kinderkrankenhauses. Auf längere Sicht war der Verein jedoch finanziell und personell überfordert und musst 1875 wieder aufgelöst werden. Von den 240 vom Verein betreuten Kindern waren 111 vor dem zweiten Lebensjahr gestorben. Als einen Grund dafür sah Stiebel in der fehlenden staatlichen Unterstützung bei der Kontrolle der Pflegeeltern und bei möglichen Sanktionen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 97f.).

Ab 1881 galt eine ministerielle Verordnung für den Polizeibezirk der Stadt Frankfurt am Main. Die angehenden Pflegeeltern benötigten nun eine Erlaubnis pflegen zu dürfen und mussten entsprechende Möglichkeiten nachweisen. Die Kinder und Eltern wurden registriert, die Eltern mussten sich verpflichten, das Kind nicht verwahrlosen oder verhungern zu lassen. Der Zutritt von Personen zur Kontrolle musste gestattet werden. Die Kinder wurden monatlich im Christ’schen Kinderkrankenhaus von einem Arzt untersucht. Für Kontrollen in den Familien wurde 1882 ein „Ausschuss zur Beaufsichtigung des Kostkinderwesens“ gegründet. Beteiligt waren: Armenverein, Frauenverein, Vaterländischer Frauenverein, Allgemeiner Frauenverein zu Wohltätigkeit, Elisabethen-Verein, Vincenz-Verein, Frauenverein der freireligiösen Gemeinde, der israelitische Frauenverein und der Frauenverein zu Bornheim (vgl. Thomann-Honscha 1988: 101). Die Mitglieder des Ausschusses prüften die Kostmutter und besuchten diese regelmäßig. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verbesserte sich zwar so die Aufsicht, doch die Lage der Kinder verbesserte sich nicht. Henriette Fürth (1861-1938) gab 1898 ein vernichtendes Urteil besonders für die Situation auf dem Lande ab. „Die Gegend von Frankfurt. Dort leben in elenden Hütten merkwürdig viele kleine Kinder […]. Bei einer anderen Frau waren gleichzeitig vier Kindern unter einem Jahr. Sie starben in einem Zeitraum von sieben bis acht Monaten“ (Fürth 1898). 1900 wurde das Waisen- und Armen-Amt gegründet und fasste verschiedene Institutionen zusammen. 1905 wurden zum ersten Mal Stellen für Kinderpflegerinnen geschaffen und fünf von ihnen angestellt und bezahlt. Ab 1901 gab es einen zuständigen, angestellten Kinderarzt zur Betreuung der städtischen Pflegekinder (vgl. Thomann-Honscha 1988: 104).

Die Stiftung für Säuglingsfürsorge

Nachdem Kaiserin Victoria aufgefordert hatte reichsweit Organisationen zum Schutz der Säuglinge zu gründen, konstituierte sich 1905 in Frankfurt ein Komitee zur Errichtung einer Stiftung für Säuglingsfürsorge. Den Vorsitz hatte Oberbürgermeister Franz Adickes (1846-1915). Geld wurde gesammelt und Christian Klumker (1868-1942) der Vorsitzende der Centrale für private Fürsorge bat den Oberbürgermeister, ärztliche Beratungsstellen für Säuglingsernährung einzurichten. 1908 konnte die „Wilhelm- und Auguste-Victoria-Stiftung für Säuglingsfürsorge“ gegründet werden. Ein erstes Ergebnis waren die Zuschüsse zu Stillprämien im Kinderheim Böttgerstraße, dem Krippenverein, dem Wöchnerinnenheim und der Stiftungskommission des Waisen- und Armenamtes.

Große Unterstützung zur Verbesserung der Säuglingsfürsorge kam auch von den Frankfurter Ärzten, die sich im Ärztlichen Verein trafen und 1910 Mitinitiatoren bei der Gründung des Frankfurter Verbands für Säuglingsfürsorge waren. Besonders seien hier die jüdischen Ärzte Dr. Hanauer und Dr. Deutsch erwähnt. Am 1. Januar 1911 begannen die ersten neun ärztlichen Beratungsstellen mit ihrer Arbeit, jeweils unter der Leitung eines Arztes, unterstützt durch einen zweiten Arzt, eine Schwester und freiwillige Helferinnen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 121).

Nach Konfessionen aufgeteilt stellte sich die Sterblichkeit der Säuglinge und Kinder um 1900 in Frankfurt folgendermaßen dar:

  • Evangelische Kinder 1896-1900: 16,2 %
  • Katholische Kinder 1896-1900: 17,9 %
  • Israelitische Kinder 1896-1900: 7,9 %
  • Evangelische Säuglinge 1891-1900: 14,5 %
  • Katholische Säuglinge 1891-1900: 14,1 %
  • Israelitische Säuglinge 1891-1900: 7,5 %

Die niedrigere Rate bei den israelitischen Säuglingen und Kinder erklärt Wilhelm Hanauer, ein in Frankfurt praktizierender Arzt und Kinderarzt sowie engagiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde, aufgrund der geringeren Geburtenziffer, also der absoluten Anzahl an Kindern und durch die Wohlstandsverhältnisse (vgl. Hanauer 1910: 30f., nach Thomann-Honscha 1988: 80).

Überblick der Einrichtungen der Mütter- und Säuglingsfürsorge in Frankfurt

Thomann-Honscha gibt in Ihrer Arbeit eine Einführung zu Institutionen der Mütter- und Säuglingsfürsorge in Frankfurt, die ich hier wiedergebe, um einen Überblick über die gesamte Situation Frankfurts zu bekommen (vgl. Thomann-Honscha 1988: 128-190). Die eine oder andere Einrichtung werden wir im Rahmen des Forschungsprojekts www.juedisch-pflegegeschichte.de näher betrachten.

  • Das Christ’sche Kinderhospital
  • Die Kinderklinik im Städtischen Krankenhaus in Frankfurt am Main (Annie-Stiftung)
  • Verein Kinderheim mit Böttgerklinik und Säuglingspflegerinnenschule
  • Krippen
    Verein zur Errichtung und Erhaltung von Krippen
    Krippe des Vaterländischen Frauenvereins
    Der Krippen-Verein
    Weitere wie: Krippe der Luthergemeinde, Krippe des Bockenheimer Frauenvereins, Kinderkrippe von Frau Generalkonsul v. Weinberg
  • Milchversorgung
    Frankfurter Milchkuranstalt
    Städtische Milchküche
  • Säuglingsfürsorge der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt
    Verein Weibliche Fürsorge mit:
  • Säuglinsberatungsstelle am israelitischen Hospital
  • Milchküche am israelitischen Hospital
  • Kinderschutzkommission
  • Verein Kinderhaus
  • Die städtische Entbindungsanstalt
  • Die Dr. Christ’sche Entbindungsanstalt und von Mühlen’sche Stiftung
  • Verein Wöchnerinnen- und Säuglingsheim
  • Verein Frankfurter Mutterschutz
  • Hauspflegeverein

Der jüdische Anteil an der Frankfurter Säuglings- und Kinderpflege

Im hier vorliegenden Text zur Einführung in die Säuglings- und Kinderpflege im Deutschen Reich und in Frankfurt am Main tauchen bereits des Öfteren Hinweise auf jüdische Einrichtungen und jüdische oder jüdischstämmige Ärzte, Pflegerinnen, Stifter und Förderer auf. Diesen Aspekt der Forschung wollen wir im Projekt www.juedische-pflegegeschichte.de in weiteren Beiträgen verfolgen.

Quellen

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Bundesagentur für Arbeit: Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in. https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index?path=null/kurzbeschreibung&dkz=27357 (03.03.2022)

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Wegmann, Hedwig 2012: Das Experiment „Das gesunde Kind“ unter kaiserlicher Protektion 1909-1929, Hamburg

Zerwer, Antonie 1912: Säuglingspflegefibel, 2. unveränderte Auflage

Zerwer, Antonie 1922: Säuglingspflegefibel, 6. ergänzte Auflage

Zerwer, Antonie 1950: Betrachtungen und Gedanken über meine Lebensarbeit am Karfreitag. Zitiert nach Wegmann 1992

Abbildung Böttgerheim Säuglingssaal

Die Pflegeschule für Säuglingsschwestern im Böttgerheim

Ein Beitrag von Edgar Bönisch, 2024

Einleitung

Eine der Bemühungen die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einzudämmen, war die Gründung der ersten reinen Kinder- und Säuglingskliniken (vgl.: Peiper 1965: 298). Diese Kliniken waren auf die speziellen Bedürfnisse dieser PatientInnen wie Wachstum, Kinderkrankheiten und soziales Umfeld eingestellt.

Beispiele sind ab 1829 die Kinderklinik der Berliner Charité und ab 1845 in Frankfurt Main das Dr. Christ’sche Kinderhospital für arme Kinder. Der Dresdner „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ gründete am 1. August 1898 das erste Säuglingskrankenhaus, weltweit. Geleitet wurde es vom Pädiater Arthur Schlossmann (1867-1932) (vgl.: Blessing 2013 und Bönisch 2022).

Im Berliner Kinderkrankenhaus wurde 1900 zusätzlich eine Säuglingspflegerinnenschule eingerichtet. Gelehrt wurde die Säuglingskrankenpflege, ein Beruf, der sich auch zur Säuglingspflege für zu Hause entwickelte sowohl für kranke als auch für gesunde Kinder (vgl.: Gellrich 2012: 74).

In Dresden hatte 1899 eine Schule für Säuglingspflegerinnen am Säuglingskrankenhaus eröffnet, die Trägerschaft hatte der „Verein Kinderpoliklinik mit Säuglingsheim in der Johannstadt“ (vgl.: Gellrich 2012: 74).

In Frankfurt am Main konstituierte sich am 9. November 1901 der „Kinderheim e. V.“ mit den Zielen „Fürsorgebedürftige Kinder im zarten Alter zu verpflegen“ und der „Ausbildung von Kinderpflegerinnen“ (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1902: 1).

Ab Januar 1903 konnte in einem angemieteten Haus in Frankfurt in der Feststraße 21 der Betrieb zur Pflege aufgenommen werden. Ein großer Neubau in der Böttgerstraße 20-22 nahm 1904 den Betrieb auf. In der Feststraße 21 arbeiteten zunächst vier Kinderpflegerinnen (siehe auch Bönisch 2022: 11f.). Woher die ersten ausgebildeten Schwestern kamen und wer sie waren, ließ sich bisher jedoch noch nicht klären.

Über die Anstellung und die Vertragsbedingungen von Schwestern und Schwesternschülerinnen

In diesem Kapitel bespreche ich drei Dokumente zur Anstellung von bereits ausgebildeten Kinderpflegerinnen, zu den Aufnahmebedingungen auszubildender Schwesternschülerinnen und zur Pensionszusage für langjährig angestellte Schwestern. Ich folge dabei einem Sonderdruck von 1913, die ersten bekannten Ausführungen dieser Bestimmungen stammen aus dem Jahr 1904 (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1904).

Anstellungsbedingungen für bereits ausgebildete Kinderpflegerinnen

Die „Bestimmungen für die Anstellung von Kinderpflegerinnen in der Anstalt ‚Kinderheim‘ Frankfurt a. M.“ beziehen sich auf die von auswärts kommenden und bereits ausgebildeten Krankenpflegerinnen, hier einige Auszüge:

Zur Bewerbung mitzubringen waren der Geburtsschein, ein ärztliches Gesundheitsattest, Schul- und sonstige Zeugnisse, ein selbst geschriebener Lebenslauf und eine Fotografie. Der Anstaltsarzt hatte eine Einstellungsuntersuchung vorzunehmen.

In den Bestimmungen wurde eine Probezeit festgelegt. War die neue Schwester dann Mitglied der Schwesternschaft, konnte sie nach einem Jahr dem Schwesternverband beitreten. Das Dokument wies auf die Erwartung hin, dass die Kinderschwester „ihre ganze Zeit und Tätigkeit“ dem Verein widmete und den Anordnungen des Anstaltsarztes Gehorsam erbrachte. Außerhalb des Vereins zu leistende Pflegen ohne Vergütung konnten angeordnet werden. Im Gegenzug stellte der Vereine freies Wohnen, Kost und Reinigung der Wäsche wie auch die Anstaltskleidung und Anstaltsbrosche. Ärztliche Versorgung war zugesichert. Die Bezahlung war in den Bestimmungen festgelegt inkl. der jährlichen Gehaltssteigerung. An bezahltem Urlaub wurde zwei bis drei Wochen zugestanden. Besondere Erwähnung erfuhr die mögliche begründete Kündigung durch den Vorstand. Durch Heirat oder Eigenkündigung erlöschte die Zugehörigkeit zum Schwesternverband. Ein Zeugnis sollte auf Wunsch ausgestellt werden.

Zu klären bleiben hier jedoch genauere Angaben zum Schwesternverband. Von ihm wird bereits in den frühen Gründungsjahren des Vereins gesprochen. Eine andere Mitteilung aus dem Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1916: 6 besagt, dass der Verband im Jahr 1916 gegründet worden sei und dort „haben wir in früheren Jahren bei uns gründlich ausgebildeter, zuverlässiger Kinderschwestern, die sich im Außendienst, in der Privatpflege und in leitenden Stellungen sehr bewährt haben, aufgenommen…“

Ausbildung von Pflegeschülerinnen

Die Aufnahme zur Ausbildung von Pflegeschülerinnen sah ein Einstiegsalter zwischen 20 und 30 Jahren vor wobei eine gute Schulbildung Voraussetzung war. Auch sie mussten den Geburtsschein, ein ärztliches Gesundheitsattest, Schul- und sonstige Zeugnisse, einen selbstgeschriebenen Lebenslauf und eine Fotografie vorweisen, auch für Sie war die Untersuchung durch den Anstaltsarzt obligatorisch. Die Schülerinnen sollten mit Vornamen und mit Schwester angesprochen werden. Die Ausbildung enthielt theoretischen Unterricht durch den Anstaltsarzt und die einjährige praktische Ausbildung in Säuglings- und Kinderpflege sowie Kinderkrankenpflege. Der Abschluss erfolgte durch eine Prüfung und wurde mit einem Zeugnis bestätigt. Im Anschluss bestand die Möglichkeit, einen halbjährigen Kurs in einem Krankenhaus mit anerkannter Krankenpflegeschule zu belegen und in der „großen Krankenpflege“ ein Staatsexamen zu erlangen.

Weitere Ausbildungsbestimmung betrafen das Kostgeld, das freie Wohnen und die freie Verpflegung und die Reinigung der Wäsche. Die Schülerinnen mussten drei Anstaltskleider und neun weiße Schwesternschürzen selbst mitbringen und in Ordnung halten. Hauben und Vereinsabzeichen stellte der Verein. Außerhalb des Dienstes wurde Privatkleidung getragen. Die Schülerinnen mussten ein Kostgeld von 30 M für die ersten 6 Monate bezahlen, welches jedoch bei Abschluss der Ausbildung oder Verpflichtung von weiteren 6 Monaten, erlassen werden sollte – also ein Mittel, die jungen Frauen zur Ausbildungsbeendung zu motivieren. Die Option eines Taschengeldes (10 M pro Monat) bei gutem Fortschritt wird aufgelistet oder von 15 M bei einem halbjährigen Verbleiben nach der Ausbildung. Die Möglichkeiten der Entlassungen und der Kündigungen wurden vorgesehen. Während der Lehr- und Probezeit gab es gewöhnlich keinen Urlaub.

Die Dienstzeiten waren von 6.45 Uhr bis 19.15 Uhr. Eine Mittagspause von anderthalb Stunden sollte eingehalten werden. Jeden 9. Tag gab es „wenn angängig“ einen freien Nachmittag vom 14.00 bis 20.00 Uhr. Nachtdienst dauerte 14 Tage und wurde von Schwestern und Schülerinnen abwechselnd geleistet. Nachtdienstleistende hatten den Tag frei. Befreit waren die Schülerinnen von groben Arbeiten und Wäsche waschen, jedoch waren sie zuständig für jede Arbeit, die mit der „Wartung und Pflege gesunder und kranker Kinder“ zu tun hatte. Das Inventar der Kinder hatte ebenfalls die Schülerin zu pflegen, bei schuldig zerbrochenen Sachen, mussten diese ersetzt werden.

In ihrem Schlafzimmer war die Schülerin für Bettenbau ihres Bettes und die Ordnung ihres Waschtisches zuständig. Im Krankheitsfall versorgte der Verein die Schwester im Haus oder in einem Hospital in der 3. Klasse (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 Kinderheim e. V. 1913: 2f.).

Pensionsberechtigung

Für das Jahr 1905 (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“ Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1905: 4f.) berichtet der Vorstand über die derzeitige Beschäftigung von neun Kinderschwestern aus eigener Ausbildung oder aus anderen Ausbildungsstätten, die jeweils sechs bis acht Kinder betreuten. Weiteres Pflegepersonal würde noch gesucht, um das eigene Personal zu entlasten, aber auch um durch Außendienste Einkünfte zu generieren. Um die Attraktivität des Arbeitsplatzes Kinderheim e. V. zu steigern, wurde beschlossen, eine Pensionsberechtigung einzuführen.

Diese Pensionsberechtigung beinhaltete, dass, wer dem Schwesternverband 15 Jahre angehörte und darüber hinaus nach dieser Zeit weiter dem Verband angehören würde, für die Pension berechtigt war. Wurde eine Schwester des Verbandes unverschuldet krank erhielt sie die Pension, gesundete sie, wurde das normale Arbeitsverhältnis fortgesetzt. Durch Altersschwachheit setzte die Pension ein. Bedingungen waren, dass die Schwester weiter ledig blieb und einen „sittlichen Lebenswandel“ führte. Der Bezug der Pension konnte an einem beliebigen Ort in Deutschland stattfinden und betrug 420,- Mark pro Jahr zuzüglich zu den Alters- und Invalidenversicherungsrechten. Ein früherer Bezug lag im Ermessen des Vorstands.

Was wir weiter über die Schwestern im Haus wissen

Abb. 1: Schwestern im Speisesaal, aus: Keller 1913

Schwesternbrosche

Abb. 2: Abzeichen für den Kinderheim e. V. und die Brosche der Schwestern.
Aus: Kinderheim e. V. 1909
Abb. 3: Eines der Bambinos des Bildhauers Andrea della Robbia © Eva-Maria Ulmer
Abb. 4: Das Ospedale degli Innocenti
(Hospital der Unschuldigen) mit unterschiedlichen Skulpturen des Bambinos

© Eva-Maria Ulmer

Nachgebildet ist auf der Brosche eines der Bambinos des Bildhauers Andrea della Robbia (vgl.: http://www.florentinermuseen.com/musei/ospedale_degli_innocenti.html (30.08.2022). In der Broschüre von 1913 (vgl.: Kinderheim e. V. 1909: 9) wird die Kleidung der Schwestern bei der Arbeit beschrieben. Sie trugen hellblaue Waschkleidung und weiße Schürzen und das Vereinsabzeichen als Brosche.

Welche Bedeutung als Identitätsmerkmal das Abzeichen hatte, wird verständlich, wenn beschrieben wird, wie sehr sich ein Mitarbeiter des Hauses über den Missbrauch des Abzeichens durch andere Personen, die eventuell keine gründliche Ausbildung vorweisen können liest. Wohl aus diesem Grund sei die Schrift im Abzeichen inzwischen in Rot wiedergegeben (vgl. ebd.). [Meines Wissens nach wurde von der Dresdner Schwesternschaft dieses Zeichen ebenfalls getragen, die es mit Stolz aus Frankfurt übernommen hatten (vgl.: Schlossmann 1906: 53f.) Auch im Jahrbuch für 1908 ist zu lesen wie der Vereinsvorsitzende Christian Wilhelm Pfeiffer sich über das Kopieren ihres Abzeichens aufregt, zumal die Herkunft des Zeichens verschwiegen werde (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1908).

Die Schwestern im Haus

Eine ausführliche Beschreibung der Häuser der Böttgerklinik und der Belegung der Räumlichkeiten gibt es bereits im Artikel „Das Böttgerheim: Eine überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße“ (vgl.: Bönisch 2024) Hier eine kurze Zusammenfassung soweit die Aussagen die Kinderschwestern betreffen.

Im Erdgeschoss des Böttgerheims befand sich die „Veranda für Säuglinge“, ein geheizter Raum in welchem auch Versammlungn oder z.B. Prüfungen der Kinderschwestern stattfanden (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1909: 7). Weiter im Erdgeschoss, anschließend an die Veranda befand sich ein Wohn- und Speisezimmer der Pflegerinnen. Die Abblidungen 5 und 6 sind Bilder aus dem Arbeitsleben, zum einen erhält man einen Einblick in den Säuglingssaal und zum anderen eine nach der Erstellung des Neubaus angebaute offene Veranda aus dem Jahr 1912:

Abb. 5: Säuglingssaal im ersten Obergeschoss des Böttgerheims, aus: Keller 1913
Abb. 6: Offene, gedeckte Veranda im Böttgerheim, aus: Keller 1913

Die Schlafräume der Schwestern lagen im 1. und 2. Stock, später auch im zugekauften Hinterhaus oder für Gäste, Schwestern und Seminaristinnen im Haus Hallgartenstraße 59.

Ein wenig über den Tagesablauf erfahren wir aus einem Eintrag in der Beschreibung von 1913:

Die Pflege der Kinder wird durch die Schwestern des Vereins und die zur Erlernung der Kinderpflege in der Anstalt befindlichen Schülerinnen unter Aufsicht der Oberin besorgt. Durch den Anstaltsarzt findet täglich eine eingehende Visite statt. Jede der 14 Schwestern hat in der Regel 6 Säugling zu pflegen, in einem Saal finden sich gewöhnlich eine ausgebildete Pflegerin und eine Schülerin. Die Schwestern tragen hellbau- und weißgestreifte Waschkleider, weiße Schürzen, eine Haube und eine Brosche mit dem della Robbiaschen Bambino.

Keller 1913: 10

Prüfungsszenarium

Überliefert ist das Szenarium des Ablaufs einer Prüfung im Haus um 1909:

In der Veranda des Erdgeschosses waren die Prüfer und Prüflinge versammelt. Es handelte sich um die Prüfung von acht in der Anstalt ausgebildeten Schülerinnen und drei Schwestern eines anderen Verbandes, die den Ausbildungskursus mitgemacht und einige Monate praktisch in der Anstalt gearbeitet hatten. Wie bei jeder Prüfung waren die Leistungen verschieden. Es fiel mir aber auf, dass das Gebiet, über das geprüft wurde, ausserordentlich gross war, und die Fragen eine genaue Kenntnis desselben voraussetzten. Der Examinator streifte der Reihe nach den Aufbau des menschlichen Organismus, den Bau der einzelnen Organe, ihre Aufgabe und ihr Zusammenarbeiten, die Ernährung des Organismus, die Art der Nährmittel, ihre Verdauung und Verwertung, ferner Kapitel aus der Bakteriologie, die Begriffe der Infektion und Desinfektion, um schliesslich aufbauend auf diesen Fundamenten zu den Besonderheiten der Säuglingspflege und Säuglingsernährung überzugehen. Zum Schluss bewiesen uns die Prüflinge ihre Kenntnis und Geschicklichkeit im Anlegen von Verbänden.

ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1909: 17

Dem Autoren oder der Autorin dieser Zeilen erscheint die ganze Prüfung doch sehr theorielastig und fragt den Anstaltsarzt Dr. Scholz nach dessen Meinung dazu: Ziel der Ausbildung sei kranke Kinder versorgen zu können, antwortet dieser, aber auch die moderne Kinderpflege zu vermitteln. In der Praxis sei es sehr gut möglich, dass die fertig ausgebildeten Schülerinnen sofort in den Außendienst gehen müssten und ohne Anleitung eines Arztes Entscheidungen treffen müssten.

Dort haben sie recht häufig eine schwierige Stellung: auf der einen Seite eine Wöchnerin, die meistens nicht das Geringste von Kinderpflege versteht, auf der anderen Seite Grossmütter und Tanten, die sehr viel von Kinderpflege zu verstehen glauben und mit wichtigem Gesicht unter Hinweis auf ihre eigenen Erfolge alte, längst abgetane Ammenweisheit predigen.

ISG FFM – Magistratsakte V 568 /61, Kinderheim e. V. 1909: 17

Weiter führt Dr. Scholz aus, dass da die Schwestern überzeugen können und klar sagen können müssten, warum der Säugling nur alle 3,5 bis 4 Stunden trinken soll, warum Muttermilch besser ist als Kuhmilch usw. und dafür müsste ein Wissen über den Organismus, die Ernährung etc. vorhanden sein. Wodurch auch das Ziel erfüllt würde, moderne Anschauungen über Säuglingspflege und Ernährung bekannt zu machen (vgl. Kinderheim e. V. 1909: 17).

Namen und Biografien

Schwierig ist die Quellenlage für Biografien von Kinderpflegerinnen, die im Böttgerheim ausgebildet wurden bzw. dort arbeiteten, einige konnte ich ausfindig machen.

Oberin Bertha Trömper (Beiratsmitglied)

Oberin Bertha Trömper gehörte von Beginn an dem Beirat (vgl.: ISG FFM V 586 / 61 – „Kinderheim“ I. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1902) des Kinderheim e. V. an. Vermutlich hatte sie keine weiteren Funktionen im Kinderheim selbst. Jedoch leitete sie den 1896 gegründeten Bertha-Verein für öffentliche Krankenpflege (vgl.: Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 63). Sie selbst und der Verein residierten im 2. und 3. Stock im Bornwiesenweg 53 (vgl.: Adressbücher 1904). 1897 gehörten dem Verein 14 Krankenpflegerinnen an (vgl.: Aertzlicher Verein 1898:74). Das Diakonenkrankenhaus in Duisburg hatte 1887 eine Frauenstation eröffnet und Schwestern des Diakonievereins in Berlin-Zehlendorf eingestellt. Der Zehlendorfer Verein kündigte jedoch die Zusammenarbeit auf Grund von unzumutbaren Arbeitsbedingungen für die Schwestern 1901. Die Schwestern des Bertha-Vereins sprangen dafür ein (vgl.: Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 63). Die Informationen bezieht sich auf die Satzung des Bertha-Vereins, und auf Unterlagen zum Arbeitsverhältnis zwischen Krankenhaus und Bertha-Verein). Die Zusammenarbeit endete 1912:

Von 1902 bis 1912 arbeite man mit dem ‚Bertha-Verein‘ in Frankfurt und dessen Oberin Bertha Trömper zusammen. Sie sandte in diesen Jahren Schwesternschülerinnen nach Duisburg, die zur eigenen Ausbildung und zur Pflege der Patienten ihren Dienst versahen. Bald kam es jedoch nach Meinung der Duisburger Anstaltsleitung zu Schwierigkeiten. Eine Schwester stahl, eine mußte gehen, weil ‚sie Liebelei mit einem jungen Bruder anfing umd [sic] ihm ein Gedicht übersandte‘. Als sich schließlich zwei Schwestern vor den Patienten stritten und handgreiflich gegeneinander wurden, nahm die Anstaltsleitung dies zum Anlaß, die Verbindung zum ‚Bertha-Verein‘ zu lösen.

Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 121

Die darauffolgenden Diakonissen aus dem Berner Mutterhaus blieben in Duisburg bis 1919 und zogen sich dann aufgrund des langen erschöpfenden Kriegs und der klimatisch schlechten Verhältnisse aus Duisburg zurück (vgl.: Hildemann / Kaminsky / Magen 1994: 121)

Angestellte Schwestern im Jahr 1920

Der Verein „Kinderheim e. V.“ musste aus finanziellen Gründen zum 1. Oktober 1920 aufgelöst werden und die Stadt Frankfurt führte das Böttgerheim weiter (vgl.: Thomann-Honscha 1988: 157). Auf den 11. Januar 1921 datiert liegt ein Schreiben des Jungend-Amtes an den Magistrats-Personaldezernenten vor. Darin geht es um die Übernahme und Besoldung von Personal des bisherigen Böttgerheims in Verträge der Stadt Frankfurt:

„Zufolge gemeinsamer Beschlüsse des Magistrats und der Stadtverordneten – Versammlung ist das „Kinderheim“ mit Wirkung vom 1.10.20 ab verstadtlicht worden. Gemäss § 6 des Uebernahme – Vertrags ist die Stadt verpflichtet, die weitere Beschäftigung und die Altersversorgung der im Heim beschäftigten Schwestern Elisabeth Lippert (Oberin) und Marie Lippert (Oberschwester) zu übernehmen. Billiger Weise werden wir auch die bisher im Heim tätigen Schwestern übernehmen müssen, zumal dies ja für den Weiterbetrieb dringend benötigt werden.“ (ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 Kinderheim: Blatt 136) Aus dieser Akte kennen wir einige Namen der Beschäftigten im Jahr 1920.

Elisabeth Lippert (1865-?) und Marie Lippert (1867-?)

Elisabeth Lippert wurde am 26. September 1865 in Mainz geboren. Oberin im Böttgerheim wurde sie am 1. April 1903. Im Heim war sie auch für die Verwaltung und Büroarbeit zuständig. Ihre Schwester Marie (auch Maria bzw. Maria Louise) war die jüngere von beiden. Sie war am 29. Juni 1867 in Frankfurt am Main geboren worden. Sie bekleidete seit dem 1. Januar 1904 die Funktion eine Oberschwester (vgl.: ebd. und ISG FFM Best. A.11.02 (Personalakten Nrn. 935 und 936 sowie 46.406 und 59.622). Es existiert die Meldekarte der Familie Carl Lippert (vgl.: ISG FFM Best. A.12.02 (Nullkartei) Nr. L06107), aus der zu sehen ist, dass Elisabeth Lippert am 1. Juli 1903 in der Falkstraße 21 gemeldet war und am 27. Juni 1904 in der Böttgerstraße 22. Ihre Schwester war ab dem 26. Juni 1916 in der Böttgerstraße gemeldet. Der Vater war Carl Conrad Lippert, geboren am 25. März 1830 in Frankfurt am Main, gestorben am 13. November 1902. Die Familie war katholisch. Carl Lippert war k. k. Major a. D. und seit 16. April 1873 verwitwet. Aus der Literatur ist zu sehen, dass er 1866 das Militär-Verdienst-Kreuz erhalten hatte, ein Orden gestiftet von Franz Joseph I von Österreich (vgl.: Kais. Königl. Militär-Schematismus). Vermutlich nahm Carl Lippert am zweiten deutsche Einigungskrieg gegen Preußen teil.

Margarete Kiehl

Kiehl, Margarete, geb. 05.101887 zu Königsberg, Schwester im Heim seit 01.01.1913

Helene Anthes

Anthes, Helene, geb. 08.05.1897 zu Frankfurt/Main, Schwester im Heim seit 01.04.1920

Margarete Kottmayer

Kottmayer, Margarete, geb. 22.04.1885 zu Nied, Schwester im Heim seit 01.10.1913

Agnes Kalytta

Kalytta, Agnes, geb. 08.01.1890, geb. 08.01.1890 zu Zaborze/Schles., Schwester im Heim seit 25.11.1919

Lina Burchardt

Burchardt, Lina, geb. 30.07. 1880 zu Frankfurt /Main, im Heim seit 01.11.1919

Weitere Spuren dieser Frauen müssen noch erforscht werden, berücksichtigt werden sollten ihre Personalakten der Stadt Frankfurt am Main im Institut für Stadtgeschichte.

Vernetzungen

Weiterer Namen, die ich entdeckt habe, sind die von Betty Behrendt und ihrer Tochter Annemarie. Deren bisher bekannten Lebenswege deuten an, welche Vernetzungen es unter den Frankfurter Kinder- und Säuglingspflegerinnen und den unterschiedlichen Institutionen zur Ausbildung und Ausübung des Berufs im pflegerischen und sozialen Bereich gab.

Betty Behrendt (1908-?) und das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg

Betty Behrendt, geboren am 6. Januar 1908 in Berlin, brachte 1927 ihre Tochter Annemarie in Frankfurt am Main zur Welt. „Vermutlich begab sie sich unmittelbar nach der Geburt gemeinsam mit ihrer Tochter in die Obhut des Heims ,Isenburg‘ und ließ sich dort zur Säuglingspflegerin ausbilden“ (Gedenkbuch Isenburg o. J.: Behrendt, Betty). Bis zum 30. Oktober 1936 arbeitete sie als Pflegerin im Heim. 1936 ging sie nach Frankfurt und arbeitete als Haushaltshilfe in der Aystettstraße 6, eine Villa die Frieda Philippsohn, geborene Rothschild, 1939 verkaufen musste (vgl.: Mahnkopp 2020: 32 und Philippson, David: Frieda Philippsohn war die Schwiegertochter von David Phillipsohn, der zu der Gruppe von 23 Holocaustopfern gehört, an die mit der Gedenkstätte der Henry und Emma Budge-Stiftung erinnert wird. 1939 floh sie ohne die Tochter nach Belgien und ging dort 1942 in den Untergrund, wo sie den Krieg überlebte (vgl.: Gedenkbuch Isenburg o. J.: Behrend. Betty).

Um mehr über die Ausbildung jüdischer Säuglingspflegerinnen zu erfahren, ob sie z. B. im Böttgerheim ausgebildet wurden, bleibt zu klären. Einen Hinweis gibt es in der Literatur über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg: „Diejenigen, die bei den Säuglingen und Kleinkindern beschäftigt werden, erhalten Kurse in den Grundlagen der Erziehungslehre. Bei Eignung kann eine Ausbildung in Frankfurt als Kinderpflegerin durchgeführt werden. Die meisten, die das Heim verlassen, verdienen ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte. Die Heimkommission vermittelt entsprechende Stellen in zuverlässigen jüdischen Familien.“ (Heubach 1986: 39)

Kurse im Böttgerheim für Externe (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main)

In dem oben beschriebenen Prüfungsszenarium (Kapitel 3.3) nahmen acht selbst ausgebildete Schwesternschülerinnen des Böttgerheims teil, aber auch „drei Schwestern eines anderen Verbandes, die den Ausbildungskursus mitgemacht und einige Monate praktisch in der Anstalt gearbeitet hatten“ (ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 Kinderheim 1909: 16). Im Jahresbericht des Kinderheims dokumentiert der Anstaltsarzt Dr. Beck, dass an den theoretischen und praktischen Kursen für die Kinderpflegerinnen auch Externe teilnahmen, so drei Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und weitere Externe, die alle ihre Prüfungen im Kinderheim ablegen konnten. Weiter nahmen sechs interessierte junge Frauen an den theoretischen Kursen teil (vgl.: ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61, „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1910: 3).

Die Schwestern des „Vereins für jüdische Krankenschwestern zu Frankfurt am Main“, arbeiteten im Jahr 1909 hauptsächlich noch im Hospital der Israelitischen Gemeinde in der Königswarterstr. und lebten seit 1902 im Neubau des Schwesternheims in der Königswarterstr. 20 (vgl.: Bönisch 2021).

Kurse im Böttgerheim für Externe (Seminaristinnen des Frauen-Seminars für soziale Berufsarbeit)

Unter der Leitung von Rosa Kempf hatte 1913 das Frauen-Seminar für soziale Berufsarbeit seine Arbeit aufgenommen, um „die Ausbildung, insbesondere weiblicher Personen in denjenigen Wissenschaften zu vermitteln, deren Kenntnis für die Betätigung in der Wohlfahrtspflege erforderlich ist“ (Eckhardt 2014: 25). Praktikantinnen des Seminars waren in der Säuglingspflegerinnenschule des Böttgerheims untergekommen: „Mit der Pflege waren 6 Kinderschwestern und 14 Schülerinnen, worunter 2 Seminaristinnen, betraut“ (ISG FFM – Magistratsakte V 568 / 61 „Kinderheim“, Jahresbericht für das Verwaltungsjahr 1913: 6).

Auch nach dem Werdegang der Personen aus dieser Gruppe und deren Vernetzung in den Institutionen wäre nachzuspüren.

Die Fritz-und-Auguste-Gans-Stiftung zugunsten erholungsbedürftiger Krankenpflegerinnen

Ein letzter Hinweis in diesem Artikel auf Institutionen, die für die jüdischen Kinder- und Säuglingspflegerinnen relevant waren, ist der auf die Fritz-und-Auguste-Gans-Stiftung zugunsten erholungsbedürftiger Krankenpflegerinnen, die 1909 errichtet wurde und 1939 aufgelöst wurde, das Restvermögen ging zu Hälften an das Hospital zum Heiligen Geist und an den Verein jüdischer Krankenpflegerinnen (vgl. Stiftungen jüdischer Bürger-nach 1933).

Quellen

Archivalien

ISG FFM – Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Kartensammlung Hochbauamt S8-HBA, 657

Magistratsakten R / 23 Bd. 2 – Wilhelm- und Auguste-Victoria-Stiftung-für Säuglingsfürsorge

  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VIII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1909, Frankfurt 1913

Magistratsakten R / 23 Bd. 3 – Wilhelm und Auguste Victoria-Stiftung-für Säuglingsfürsorge

Magistratsakte V / 568 Kinderheim

  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: I. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1902, Frankfurt 1903
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: II. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1903, Frankfurt 1904 [nicht auffindbar EB]
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: III. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1904, Frankfurt 1905
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1905, Frankfurt 1906
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: V. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1906, Frankfurt 1907
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1907, Frankfurt 1908
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: VII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1908, Frankfurt 1909
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: IX. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1910, Frankfurt 1911
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: X. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1911, Frankfurt 1912
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XI. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1912, Frankfurt 1913
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XII. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1913, Frankfurt 1914
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: XIV. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1915, Frankfurt 1916
  • „Kinderheim“ Eingetragener Verein: 15. Jahresbericht für Verwaltungsjahr 1916, Frankfurt 1917

Nulldatei, ISG FFM Best. A.12.02

Personalakte, ISG FFM Best. A.11.02

Stiftungsabteilung 250 Verein Kinderheim Böttgerstraße 22

Literatur

Adressbücher 1904: Neues Adreßbuch [sic] für Frankfurt am Main und Umgebung. 1904. Unter Benutzung amtlicher Quellen, Frankfurt am Main

Aerztlicher Verein 1898: Jahresbericht über die Verwaltung des Medicinalwesesn die Kranken-Anstalten und die öffentlichen Gesundheitsverhältnisse der Stadt Frankfurt a. M. XLI. Jahrgang 1897, Frankfurt a. M.

Blessing, Bettina 2013: Kleine Patienten und ihre Pflege. Der Beginn der professionellen Säuglingskrankenpflege in Dresden. In: Geschichte der Pflege, 2. Jg., 1/2013: 25-34

Bönisch, Edgar 2021: Die Schwesternschülerinnen des Frankfurter Vereins, 1903-1913

Bönisch, Edgar 2022: Entwicklung einer professionellen Kinder- und Säuglingspflege, Frankfurt am Main

Bönisch, Edgar 2022/2023: Die überkonfessionelle Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße (Böttgerheim), eine Stiftung der Familie Gans, Frankfurt am Main

Eckhardt, Hanna/Eckhardt, Dieter 2014: Das „Frauenseminar für soziale Berufsarbeit“. Die „Wohlfahrtsschule für Hessen-Nassau und Hessen“ 1913-1933, in: Der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main: „Warum nur Frauen?“ 100 Jahre Ausbildung für soziale Berufe, Frankfurt am Main

Gedenkbuch Isenburg o. J.: Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907-1942)

Gellrich, Dorothea 2012: Die Entstehung neuer Frauenberufe in der Säuglingsfürsorge 1898-1930. Zum Beruf der Säuglingspflegerin und Säuglingsfürsorgerin, Saarbrücken

Hildemann, Klaus D. / Kaminsky, Uwe / Magen, Ferdinand 1994: Pastoralgehilfenanstalt – Diakonenanstalt – Theodor Fliedner Werk. 150 Jahre Diakoniegeschichte, Köln

Kaisl. Königl. Militär-Schematismus 1878: Kais. Königl. Militär-Schematismus für 1879, Wien

Kinderheim e. V. 1909: Kinderheim Frankfurt a. Main (Sonderdruck)

Keller, Arthur 1913: Kinderheim Frankfurt a. M.: Sonderdruck aus: Heim-, Heil- und Erholungsanstalten für Kinder in Deutschland in Wort und Bild, Bd. 1. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung in Halle a. S.

Mahnkopp, Volker 2020: Dokumentation zu vom NS-Staat verfolgten Personen im Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V. Hans-Thoma-Straße 24, Frankfurt am Main

Peiper, Albrecht 1965 [1951:] Chronik der Kinderheilkunde, 4. erw. Auflage, Leipzig

Schlossmann, Arthur 1906: Über die Fürsorge für kranke Säuglinge unter besonderer
Berücksichtigung des neuen Dresdner Säuglingsheimes. In: Arbeiten aus dem Dresdner Säuglingsheim. Dresden Säuglingsheim 3: 1-94

Stiftungen jüdischer Bürger-nach 1933: Stiftungen jüdischer Bürger Frankfurts für die Wohlfahrtspflege – Übersicht und Geschichte nach 1933

Thomann-Honscha, Cornelia 1988: Die Entstehung der Säuglingsfürsorge in Frankfurt am Main bis zum Jahre 1914, Diss. med. Univ. Frankfurt a. M., Manuskript, Frankfurt am Main

B’nai B’rith Logen in Deutschland

Die B’nai B’rith Logen, von denen es mehr als 100 bis 1937 in Deutschland gab, waren bedeutende Initiator_innen und Förderer_innen der jüdischen Pflege. Die von Birgit Seemann und Edgar Bönisch im Frankfurter Logengebäude gehaltenen Vorträge sind seit März 2023 auf den Internetseiten der B’nai B’rith Loge Frankfurt Schönstädt e. V. nachzulesen. Zu den Beiträgen von Dr. Birgit Seemann, Dr. Edgar Bönisch.

Stolpersteinverlegung für Karl und Lea Falkenstein im Juni 2022

Karl Falkenstein und seine Frau Lea waren Bewohner_innen des Henry und Emma Budge-Heims für alleinstehende alte Menschen, dem Heim der ursprünglichen Stiftung von Hennry und Emma Budge. Das heutige Henry und Emma Budge-Heim hatte dort seine Wurzeln. Unseren Artikel über das ursprüngliche Heim finden Sie hier. Weitere Informationen zum aktuellen Budge-Heim einschließlich einer Gedenkstätte für die verschleppten Bewohner_innen des alten Heims sind ebenfalls in unserer Datenbank aufgeführt.

Lea Falkenstein verstarb im Juni 1938 im Budge-Heim. Für Karl Falkenstein war die Beethovenstr. 11, dem Ort der Stolpersteinverlegung, die letzte frei gewählte Wohnung. Einen Artikel über Karl Falkenstein gibt es hier.

Das Redaktionsteam von juedische-pflegegeschichte.de konnte einen Urenkel des Ehepaares anlässlich der Stolpersteinverlegung in Frankfur treffen. Vielen Dank dafür und an die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V.

Foto Bertil Oppenheimer
Bertil Oppenheimer, ein Urenkel von Karl und Lea Falkenstein am 10. Juni 2022
Stolpersteine Karl und Lea Falkenstein
Stolpersteine für Karl und Lea Falkenstein, Beethovenstr. 11

Ausstellung „In Justice and from a Pure Heart“ – St. Petersburg

Die Ausstellung „In Justice and from a Pure Heart“ vom 25. November 2021 bis 17. Februar 2022 fand im Museum of the History of Religion in St. Petersburg statt.
Wir waren mit einem Beitrag zum Gumpertz’schen Siechenhaus beteiligt.

Der Text der Ausstellungsseite hier maschinell übersetzt:

Die Ausstellung zeigte eine „Sabbatbrotplatte“ aus dem Jahr 1936 zu Ehren des 25-jährigen Bestehens des Gumpertz’schen Siechenhauses in Frankfurt am Main.

Der Name des Pflege-, Kranken- und Altenheims verewigt den Namen seiner Gründerin Betty Gumpertz, die 1823 in Worms in der Familie des jüdischen Kaufmanns Karl Kahn geboren wurde. Am 20. August 1848 heiratete Betty Kahn einen wohlhabenden Kaufmann und Inhaber einer Kreditgesellschaft, Leopold Gumpertz, der aus einer alten und angesehenen jüdischen Familie in Frankfurt am Main stammte. Nach dem Tod ihres sechsjährigen Sohnes Heinrich im Jahr 1871 beschloss Betty, ihm zu gedenken, im Ostteil der Stadt, wo die Mehrheit der Armen lebte, eine jüdische öffentliche medizinische Anstalt zu gründen. 1888 spendete Betty einen bedeutenden Betrag für die Errichtung eines Krankenhauses für Behinderte, Alte und chronisch Kranke und gewann auch eine Reihe bekannter Frankfurter Philanthropen zur Finanzierung, allen voran Mathilde Rothschild, die Witwe von Wilhelm Karl, as sowie ihre Töchter Minka und Adelheid. Ihr Beitrag war so bedeutend, dass das Krankenhaus als Rothschild-Krankenhaus bezeichnet wurde.

Das Krankenhaus befand sich zunächst in einer kleinen gemieteten Halle in der Rückertstraße, ab 1892 in einem größeren Gebäude in der Ostendstraße und ab 1907, nach einer Spende von einer Million Mark von Mathilde Rothschild, in zwei Häusern mit sechzig Betten, die am Röderbergweg 62-62 errichtet wurden.

Im Krankenhaus arbeiteten qualifizierte Ärzte, und es gab moderne Geräte – Röntgengeräte, ein Labor, elektrische Bäder. Dank dessen entsprach die Behandlung den höchsten Standards der damaligen Zeit. Gleichzeitig wurde im Krankenhaus ein Raum „zum Beten nach dem strengen jüdischen Ritus“ eingerichtet.

Das Gumpertz-Krankenhaus hat sich darauf spezialisiert, sozial schwachen Menschen mit chronischen Erkrankungen zu helfen. Die Krankenpflege war in der Regel kostenlos. Auf Beschluss des Krankenhausvorstandes wurden dort nicht nur Juden aufgenommen, sondern auch Patienten anderer Religionszugehörigkeit, wenn auf den Krankenstationen Leerplätze vorhanden waren. Bewerberinnen und Bewerber mussten „good standing“ sein und seit mindestens zwei Jahren in Frankfurt leben.

Das Krankenhaus wurde 1940 vom NS-Regime liquidiert; eines der Gebäude wurde 1944 zerstört. Am 25. Juni 2015 wurde an seiner Stelle (Röderbergwege 82) eine Gedenktafel mit einem Porträt von Minka Rothschild, der Gründerin der gemeinnützigen Stiftung zur Finanzierung des Gumpertz-Krankenhauses, aufgestellt.

Die Bildunterschrift bedeutet:

Foto von Prof. Eva-Maria Ulmer, entstanden 2017 für das Projekt „Geschichte jüdischer Pflegekräfte – Biografien und Institutionen in Frankfurt am Main“.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von E.-M. Ulmer

Beiträge zur Rödelheimer Geschichte 7

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Lebensbilder Rödelheimer Persönlichkeiten
Artikel_May_in_Rödelheimer
Joseph und Hannchen May, in: Beiräge zur Rödelheimer Geschichte 7, Seiten 197 bis 207

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