Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Biographien der Krankenpflege
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Jüdische Pflege in Basel und Davos

Basel
Es war Isaac Dreyfus-Strauß (1852-1936), der 1903 den Israelitischen Spitalverein in Basel initiierte (vgl. Doepgen 2004). Er war Chef des Bankhauses Dreyfus, Sons and Company und hatte in Basel unterschiedliche Funktionen in der jüdischen Gemeinde inne. So war er ihr Präsident, leitete den Pflegefonds und hatte bereits das jüdische Waisenhaus ins Leben gerufen, welches er ebenfalls leitete (vgl. JTA 1932).
Das Waisenhaus wurde später für 10 Frankfurter Waisen vorübergehend ein Zuhause, als Isidor Marx [Link], der Leiter des Frankfurter Israelitischen Waisenhauses, viele „seiner“ Kinder in Sicherheit vor den Nazis brachte (vgl. Krohn 1995).
In der Nähe des Waisenhauses kaufte der Spitalverein, dessen 318 Mitglieder großzügig spendeten, ein ca. 1000 qm großes Grundstück. Unter der Leitung des Architekten Rudolf Sandreuter entstand das neue Spital, welches am 5. Dezember 1906 mit 15 Betten und einem Operationssaal eröffnet wurde (vgl. Doepgen 2004).

Fotografie: Israelitisches Spital Basel.
Israelitisches Spital Basel © Staatsarchiv Basel-Stadt Weitere Angaben

Dieses einzige jüdische Spital der Schweiz an der Buchenstraße 56 war bestimmt für kranke Juden, die die Möglichkeit zur rituellen Versorgung auch beim Krankenhausaufenthalt wünschten. So wurden die jüdischen Essensvorschriften ebenso berücksichtigt wie die jüdischen Feiertage. Unabhängig von Religion und finanziellen Möglichkeiten stand das Haus für alle Menschen offen. Die Pflege sollte gemäß den Statuten aufopfernd und menschlich sein, bei Bedarf konnte sie kostenlos geleistet werden. Unter der Leitung der Chefärzte Dr. Edmund Wormser und später Dr. Karl Mayer konnte man das Haus 1930/31 auf 24 Betten vergrößern. Eine weitere geplante Renovierung im Jahr 1940 konnte wegen zu knapper Mittel nicht mehr durchgeführt werden. 1953 musste man das Haus schließen, da inzwischen ausreichend staatliche Einrichtungen zur Verfügung standen. Heute erinnert an der Buchenstraße 56 nichts mehr an das Krankenhaus (vgl. Doepgen 2004: 6, Meier 1972: 11).
Nach Berichten einer Nachbarin von 2004, die das Krankenhaus noch kannte, haben sich Menschen unterschiedlichster Religionen und Schichten im jüdischen Spital behandeln lassen (vgl. Manta-Katz zit. nach Doepgen 2004). Die Patientenzahlen lagen 1911 bei 112 und 1914 bereits bei 174. Dr. Wormser zog zum 10jährigen Bestehen Bilanz und berichtete von insgesamt 1287 Patientinnen und Patienten. Bei der Renovierung von 1930/31 kam es zu der lange geplanten Erweiterung und einer Modernisierung, die neue Anstriche, neue Möbel und als Standard fließend kaltes und warmes Wasser in jedem Zimmer brachten. Eine separate Geburtenabteilung wurde eingerichtet. Die bisherigen Wohnräume des Personals wurden zu Krankenzimmern ausgebaut. Das Personal kam in einer nahe gelegenen Wohnung unter (vgl. Doepgen 2004).
Eine wichtige Rolle bei der Entstehung des jüdischen Gesundheitswesens in Basel spielte die Loge Bne Briss. Die Basel-Loge No 595 setzte sich auch für die Ausbildung jüdischer Krankenschwestern ein: „Unser Orden darf es sich ferner als ein Verdienst anrechnen, energisch für die Erziehung geeigneter jüdischer Mädchen zu dem Berufe von Krankpflegerinnen eingetreten zu sein. Die Grossloge für Deutschland z. B. lässt in jedem Jahr 6 jüdische Krankenschwestern für die Logen des VIII. Distrikts ausbilden“ (U.O.B.B. Basel-Loge No 595, zit. nach Foscube/7.10.2015).
Im Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt existieren viele Akten des Spitals und des Spitalvereins, deren Bearbeitung bisher noch nicht erfolgen konnte. Es handelt sich unter der Archivnummer „Privatarchiv 792“ um ein Meter achtzig Regalmeter Dokumente im Zeitraum 1903 bis 1953. Eventuell sind dort auch weitere Informationen über das „Kuratorium für jüdische Krankenschwestern“, dessen Präsident Dr. med. Edmund Wormser war, zu finden.
Detailliert zu untersuchen bleibt auch die Verbindung zwischen Basel und Davos: In dem Luftkurort Davos gründeten viele Schweizer Kantone und Orte, so auch Basel, eigene Sanatorien. Auch ein jüdisches Sanatorium, das Internationale Sanatorium Davos-Dorf unter dem Direktor A. Hirsch, wurde 1897 errichtet.

Davos
Besonderen Bezug zwischen Frankfurt und Davos gab es durch den Frankfurter Arzt Dr. med. E. Rosenbusch, der im Zentralkomitee der Gründer des Internationalen Sanatoriums saß. Eine Geldgeberin war Frau Baronin Willy von Rothschild (d. i. Mathilde von Rothschild, die Frau des letzten Frankfurter Rothschilds) (vgl. Alemannia Judaica). Um 1919 war Rosa Spiero Oberschwester in Davos, sie gehörte dem Frankfurter jüdischen Krankenpflegerinnenverein an. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete die spätere Frankfurterin Trude Simonsohn von 1946 bis 1947 in der Heilstätte Höhenwald.

Fotografie: Davos, Switzerland, Medical staff of the "Ram Yaar" - "Hohwald" ("High Forest") sanatorium for "Chalutzim".
Davos, Switzerland, Medical staff of the „Ram Yaar“ – „Hohwald“ („High Forest“) sanatorium for „Chalutzim“. © Yad Vashem Photo Archive

Davos erlangte seit Mitte des 19. Jahrhunderts Bedeutung als Kurort für Lungenkranke. Das jüdische Leben fand seit 1918 in einer jüdischen Gemeinde statt. Ein jüdischer Friedhof wurde 1931 angelegt. Nach und nach entstanden rituell geleitete Heilstätten. 1896/97 gründete A. Hirsch das erste streng rituell geführte Haus, das „Internationale Sanatorium“, ein Haus mit Synagoge und Mikwe, das jedoch 1905, da zu unwirtschaftlich, wieder verkauft werden musste. Ein weiteres Haus entstand 1919, das jüdische Sanatorium „Ethania“, gegründet durch den Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz, die ihren Sitz in Zürich hatten. Geleitet wurde es von Dr. Oeri und war speziell für Arme eingerichtet. Die in Frankfurt ausgebildete und dem Frankfurter jüdischen Krankenpflegerinnenverein angehörende Rosa Spiero war um 1919 die Oberschwester im Haus „Ethania“ (vgl. Rechenschaftsbericht 1920). Trotz einer Lawinenkatastrophe im Jahr 1920 konnte das Sanatorium mit Synagoge weitergeführt werden. Erst seit 1991 steht es leer (vgl. Alemannia Judaica).

Die Heilstätte Höhenwald wurde von Josef Brumlik, dem Vater des Frankfurter Pädagogikprofessors Micha Brumlik, nach dem Krieg gegründet. Josef Brumlik war Leiter der Flüchtlingshilfe in Genf. Im Sanatorium Höhenwald sollten Tuberkulosekranke geheilt werden, bevor sie nach Palästina auswanderten. Berthold Simonsohn, der Mann von Trude Simonsohn, leitete die Heilstätte ein Jahr lang. Trude Simonsohn übernahm die Pflege.

Basler jüdische Krankenschwestern
Es folgt eine Aufzählung von Krankenschwestern, die gemäß dem Hausstandsbuch des Schwesternhauses des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main entweder in Basel oder Davos geboren wurden oder nach Basel oder Davos gingen.

Johanna Beermann wurde am 10. Juli 1863 in Wittlich geboren. Sie hatte u. a. in Hamburg und Basel in der Privat- und Armenpflege gearbeitet, bevor sie 1913 nach Frankfurt am Main kam und in der Säuglingsmilchküche tätig wurde. Am 27. April 1914 zog sie von der Königswarter Straße 20, dem alten Schwesternwohnhaus, in die Bornheimer Landwehr 85, von wo sie am 19. November 1940 in die Gagernstraße 36 in das Israelitische Krankenhaus umziehen musste. Am 23. August 1942 nahm sie sich dort das Leben.

Rita Jacobstamm wurde am 4. August 1911 in Posen geboren und kam am 7. Januar 1932 aus Berlin als Lehrschwester in die Bornheimer Landwehr 85 in Frankfurt am Main. Am 18. Januar 1938 meldete sie sich nach Basel ab (ISG HB 655).

Betty Schlesinger wurde am 8. Oktober 1866 in Pforzheim geboren. Als eine der Ersten absolvierte sie eine Krankenschwesternausbildung im Frankfurter Verein für jüdische Krankenpflegerinnen. Danach war sie viele Jahre lang in der Privatpflege tätig. 1903 erhielt Betty Schlesinger für ihr 10jähriges Dienstjubiläum als Krankenschwester die „Goldene Brosche“ des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins. 1907 entsandte sie der Frankfurter jüdische Schwesternverein in die Schweiz, wo sie als Oberin die Pflege des im Dezember 1906 eröffneten Israelitischen Spitals zu Basel aufbaute. 1908 kehrte sie nach Frankfurt zurück und wirkte u. a. im Verband für Säuglingsfürsorge der Stadt Frankfurt. Sie betreute, durch den Verein für Krankenpflegerinnen finanziert, drei Stadtbezirke (vgl. Steppe 1997: 258). 1912 schied sie aus dem Verein aus. Im Ersten Weltkrieg beteiligte sich Betty Schlesinger an der Verwundetenpflege des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins im Vereinslazarett 27 (vgl. Steppe 1997: 225). Am 22. Oktober 1940 wurde Betty Schlesinger nach Gurs deportiert.

Trude Simonsohn war keine Schwester des Frankfurter Vereins. Sie wurde am 25. März 1921 in Ölmütz geboren. Sie überlebte Auschwitz und arbeitete als Sozialarbeiterin. Sie hatte eine Ausbildung als Krankenschwester begonnen, hospitierte nach dem Krieg in der Baseler Heilstätte in Davos, um in der Heilstätte Höhenwald in Davos mit ihrem Mann zusammen zu arbeiten. Die Baseler Heilstätte (1886-1985) wurde von Baseler Ärzten initiiert, die der armen Baseler Bevölkerung eine Möglichkeit zur Heilung der „Schwindsucht“ im Luftkurort Davos schaffen wollten (vgl. Staatsarchiv Basel-Stadt). Trude Simonsohn nimmt auch heute noch rege am Frankfurter Stadtgeschehen teil.

Fotografie: Rosa Spiero / In New York.
Rosa Spiero / In New York. Aus: Thea Levinsohn-Wolf 1996: Stationen einer Krankenschwester. Frankfurt a.M.: 139 Weitere Angaben

Rosa Spiero wurde am 12. März 1885 in Prostken geboren. Ab 1906 erhielt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester in Frankfurt im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen. Danach war sie in der Privatpflege in Hamburg beschäftigt und im Israelitischen Spital in Straßburg. Während des Ersten Weltkriegs war Rosa Spiero als Operations- und Narkoseschwester in der Etappe. Um 1919 war sie in der Israelitischen Lungenheilanstalt in Davos beschäftigt. 1920 pflegte sie in der Kann-Stiftung in Oberstedten bei Frankfurt am Main. Dann kehrte sie ins jüdische Krankenhaus und ins Schwesternhaus in Frankfurt zurück. Am 24. März 1941 konnte sie nach New York entkommen. Sie arbeitete in den USA bis ins hohe Alter als Krankenschwester und starb 1977.

Hildegard Vogelsang wurde am 31. Dezember 1916 in Norden geboren, sie kam am 30. April 1936 aus Norden nach Frankfurt in den Krankenpflegerinnenverein als Lehrschwester. Am 23. März 1939 ging sie nach Davos (vgl. ISG HB 655). Im „Niedersächsischen Landesamt für Bezüge und Versorgung/Wiedergutmachung“, liegen unter dem Aktenzeichen Hannover 228662b weitere Dokumente, die vermutlich Aufschluss über ihren Lebensverlauf geben können, jedoch noch gesichtet werden müssen.

Margarete Wolf wurde am 26.10.1901 in Basel geboren. Ihre Staatsangehörigkeit wird als Badenerin angegeben. Die Krankenschwester verbrachte ein Jahr, vom 7. Februar 1931 bis zum 6. Februar 1932, im Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36, wo sie vermutlich auch wohnte (vgl. ISG HB 686: 58).

Edgar Bönisch, 2015

Quellen und Literatur
Primärquellen

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Hausstandsbuch 655: Bornheimer Landwehr 85

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Hausstandsbuch 686: Gagernstraße 36

Literatur

Baumann, Christoph Peter 2010: Judentum in Basel. Basel.

Doepgen, Valerie 2004: 100 Jahre Israelitisches Spital. Eine segensreiche Institution. In: tachles. Das jüdische Wochenmagazin Nr. 52/53 (4), 24. Dezember 2004, S. 6f.

Krohn, Helga 1995: Vor den Nazis gerettet. Eine Hilfsaktion für Frankfurter Kinder 1939/40. Sigmaringen.

Meier, Eugen A. 1972: Basel in der guten alten Zeit. Basel.

Simonsohn, Trude mit Elisabet Abendroth 2013: Noch ein Glück. Erinnerungen. Göttingen.

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a. M.

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919 des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Frankfurt a. M.

Internetquellen

Alemannia Judaica. Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Basel (Kanton Basel-Stadt, CH) Jüdische Geschichte / Betsäle/Synagogen http://www.alemannia-judaica.de/basel_synagoge.htm (8.10.2015)

Alemannia Judaica. Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Davos (Kanton Graubünden, Schweiz) Jüdische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis um 1920: Jüdische Kureinrichtungen / Gründung einer jüdischen Gemeinde http://www.alemannia-judaica.de/davos_juedgeschichte.htm (8.10.2015)

Dokumentation der zwischen 1919 und 1945 in Pforzheim geborenen bzw. ansässigen jüdischen Bürgerinnen und Bürger und deren Schicksale https://www.pforzheim.de/kultur-freizeit/stadtgeschichte/juedische-buerger.html (8.10.2015)

Foscube: http://www.fschuppisser.ch/looslizion/beneberithbasel.pdf (7.10.2015)

JTA (Jewish Telegraphic Agency) 1932: 80th. Birthday of Isaac Dreyfus-Strauss Leading Figure in Swiss Jewry. March 23. www.jta.org/1932/03/23/archive/80th-birthday-of-isaac-dreyfus-strauss-leading-figure-in-swiss-jewry (17.8.15)

Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt http://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?id=132567 (8.10.2015)