Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Institutionen der Krankenpflege
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Jüdische Orte der Pflege in Bad Nauheim

Bad Nauheims Bedeutung als Kurstadt
Die jüdische Gemeinde von Bad Nauheim wurde 1830 gegründet. 1854, eine Zeit in der die Bedeutung als Kurort enorm wuchs, erhielt Nauheim die Stadtrechte und ab 1869 den Namenszusatz „Bad“. 1910 hatte die jüdische Gemeinde eine Mitgliederanzahl von 164 Personen erreicht (vgl. Alemannia Judaicaa).
Die Entwicklung zur Kurstadt war durch das Vorkommen salzhaltiger Quellen und begünstigt, welches Angebote für Kuren ermöglichte. Zusätzlich konzessionierte die hessisch kurfürstliche Landesregierung eine Spielbank, mit deren Hilfe Kureinrichtungen finanziert werden konnten. Auf Veranlassung von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein enstanden weitere Einrichtungen, z. B. die beeindruckende Jugendstilkuranlage des „Sprudelhofs“ (Bauzeit 1905 bis 1912) (vgl. Stadt Bad Nauheim). Bevorzugt traf sich in Bad Nauheim die „bessere Gesellschaft“, unter ihnen Otto von Bismarck, die deutschen und österreichischen Kaiserpaare, das russische Zarenpaar, aber auch Schauspielerinnen und Schauspieler, Schriftsteller und Wissenschaftler (vgl. Alemannia Judaicaa).
In der Kursaison 1880 zählte man bereits rund 1.000 Gäste, zum Teil aus Rumänien, Russland oder Ägypten. Behandelt wurden sie u. a. von den damals sehr bekannten jüdischen Ärzten Dr. August Schott, Prof. Theodor Schott, Dr. Sigurd Benjamin Gräupner oder dem Geheimen Medizinalrat Prof. Dr. Isidor Groedel, der als Arzt der deutschen Kaiserin besondere Berühmtheit erlangt hatte.

Fotografie: Grab des Stoliner Rabbis, genannt "der Frankfurter", auf dem Jüdischen Friedhof in der Rat Beil Straße in Frankfurt am Main.
Grab des Stoliner Rabbis, genannt „der Frankfurter“, auf dem Jüdischen Friedhof in der Rat Beil Straße in Frankfurt am Main. © Edgar Bönisch 2014

Da es auch den einen oder anderen Todesfall unter den Kurgästen gab, findet man deren Gräber heute auf dem jüdischen Friedhof Bad Nauheim (Link) (vgl. Alemannia Judaicaa). Auch Israel Perlow aus Stolin starb während eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim. Der dem „Karliner“ Chadissmus angehörende Rabbi ist auf dem Friedhof in der Rat-Beil-Straße in Frankfurt beigesetzt (vgl. Kolb 1987: 110). Sein Grab wurde im Laufe der Jahre zu einer Pilgerstätte für orthodoxe Juden aus der ganzen Welt, die an das Grab des „Wunderrabbis“ Wunschzettel heften oder Gedenkkerzen anzünden.

Anfang der 1930er Jahre praktizierten etwa 50 jüdische Ärzte, oft spezialisiert auf Herzkrankheiten, und Zahnärzte in Bad Nauheim, die meist zum liberalen Judentum zählten. Insgesamt 17 jüdische Hotels und Pensionen sorgten, neben den weiteren Unterkünften, für die Kurgäste (vgl. Alemannia Judaicaa). Diese Konzentration jüdischer Einrichtungen führte dazu, dass Bad Nauheim im August und September 1914, nach Beginn des 1. Weltkriegs, ein zentraler Internierungsort für osteuropäische Juden, meist Russen, die zu den „feindlichen Ausländern“ zählten, wurde. Sie lebten, wegen des dort gepflegten orthodoxen Ritus, in den jüdischen Hotels und Pensionen, bevor sie über Schweden nach Russland ausgewiesen wurden (vgl. Kolb 1987: 107).

Die Arztfamilie Groedel und das Sanatorium Dr. Groedel
Eine besonders bekannte Arztfamilie mit eigenem Sanatorium möchte ich hier als Beispiel für die Bad Nauheimer Ärzteschaft anführen: Geheimrat Dr. Isidor Groedel und sein Sohn Dr. Franz Groedel. Sicherlich kamen die Patienten aus aller Welt nicht allein wegen des jüdischen Glaubens der Mediziner. Bad Nauheim und seine Ärzte waren zu ihrer Zeit die Spezialisten für Herzkrankheiten und „Dr. Franz Groedel war unumstritten der bedeutendste Arzt der Bad Nauheimer Geschichte“ (Kolb 1987: 98f.).

Fotografie: Das Sanatorium Dr. Groedel in der Terrassenstraße 2 in Bad Nauheim.
Terrassenstraße 2 / Das Sanatorium Dr. Groedel in der Terrassenstraße 2 in Bad Nauheim. © Dr. U. Stamm, um 2010 Weitere Angaben

In der Terrassenstraße 2 ließ Isidor Groedel (1850-1921) in den Jahren 1907 und 1908 von dem Architekten Wilhelm Jost, der auch den Sprudelhof baute, ein eigenes Sanatorium errichten. Die Baubeschreibung beginnt mit den folgenden Worten: „Dem Architekten des Neubaues, Bauinspektor W. Jost in Nauheim, war vom Bauherrn eine reizvolle Aufgabe gestellt: An der von schönen Bäumen bestandenen und nur auf einer Seite bebauten Straße sollte er eine hohen Ansprüchen genügende Heilanstalt ohne ängstliche Kostenschonung in gediegener und ansprechender Durchbildung schaffen“ (Zentralblatt der Bauverwaltung: 210). Im Jahr 1912 war dann auch die Kaiserin Augusta Viktoria, Frau des deutschen Kaisers, zu Gast. Franz Groedel (1881-1951), sein Sohn, übernahm die Klinik im Jahr 1921, während er gleichzeitig seit 1909 die Röntgenabteilung am „Hospital zum heiligen Geist“ in Frankfurt leitet, sich 1920 an der Universität Frankfurt habilitierte und dort 1926 zum außerordentlichen Professor berufen wurde (vgl. Deutsche Biographie). 1931 übernahm er auf Wunsch der Stifterin Frau Louise E. Kerkhoff, das neu gegründete William-Groedel-Kerkhoff-Herzforschungsinstitut (vgl. Kolb 1987: 99). 1933 emigrierte Franz Groedel: Er kehrte von einer Vortragsreise in den USA nicht mehr nach Deutschland zurück (vgl. Zoske 1966: 109f). Das Kerkhoff-Institut wurde später zum Grundstein des heutigen Max-Planck-Instituts für Herz und Lungenforschung in Bad Nauheim.

Die jüdischen Kureinrichtungen für Arme
Neben den Kurstätten für die Reichen gab es in Bad Nauheim das Israelitische Männerheim, das Israelitische Frauenheim und die Israelitische Kinderheilstätte. Hier konnten arme Juden und Jüdinnen preisgünstig oder sogar kostenlos Kurbehandlungen genießen (vgl. The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust, zit. nach Alemannia Judaicaa).

Das Israelitische Männerheim
1875 wurde der„Unterstützungsverein für arme israelitische Kurbedürftige in Bad Nauheim“ gegründet (vgl. Alemannia Judaicaa), andere Quellen sprechen von 1876 (Kingreen 1998c). Seine Aufgabe war die Verpflegung unbemittelter israelitischer Männer im eigenen Heim des Vereins zum Zwecke des Kurgebrauchs in Bad Nauheim (ebd.). 1909 kaufte der Verein, der inzwischen in Frankfurt residierte, eine Villa (erbaut 1896) in der Frankfurter Straße 58 (Link) in Bad Nauheim (ebd.).
Der Jahresbericht 1914 informiert, dass sich im Jahr 1912 37 Kurgäste im Heim aufhielten. Weiter berichtet er über die instabile finanzielle Lage, noch verzeichnete man Schulden von 43.000 Mark, weshalb Anträge auf kostenlose Unterbringung abgelehnt werden mussten. Durch Jahresbeiträge der Mitglieder hatte man Einnahmen von 1.534 Mark, Spendeneinnahmen brachten 3.943,85 Mark und Aufnahmegelder der Gäste, 5.902,50 Mark. Als besondere Förderer des Vereins werden die Ärzte Dr. Hirsch, Dr. Lilienstein, Dr. Emil May, Dr. Schönwald, Dr. Wolfheim und die Hotelbesitzer Loeb, Aderl und Flörsheim in Nauheim sowie Fräulein Klara Sandenell in Frankfurt am Main genannt (ebd.).
Um 1915, während das Haus im 1. Weltkrieg als Militärlazarett genutzt wurde, sprach man einfach vom „Israelitischen Männerverein“ (ebd.).
Aus dem Jahr 1925 liegen zwei Zeitungsartikel vor. Daraus wird der interessante und reizvolle religiöse Umgang miteinander gelobt, das liebevolle und sorgende Personal in der Verwaltung, die Oberin, die Schwester und die Zimmermädchen erwähnt, und die Zeitungsartikel äußern sich begeistert von der angenehmen Ausstattung des Hauses“ (Der Israelit 25.6. und 1.10. 1925, zit. nach Alemannia Judaica b).
Bis 1925 war die Kapazität von anfangs 10 auf 30 Plätze in der Villa mit ihren 15 Räumen gewachsen und bot besonders Bäderkuren für Herzkranke an. In diesem Jahr wurde seitlich des Speisesaals eine Glasveranda angebaut. Der Speisesaal selbst diente als Gotteshaus, in ihm befanden sich ein Thoraschrank, das Vorbeterpult und Gebet- und Lehrbücher (Kingreen 1998c).
Von der Generalversammlung des „Israelitischen Männerheim Bad Nauheim – Frankfurt-Main“ erfahren wir aus anderen Zeitungsberichten, dass der Vorsitzende Liebmann Bär war. Der Schriftführer Herr Leopold berichtet in den Artikeln über die schwierige Zeit und ihre Folgen für die Finanzierung des Hauses, und er teilt mit, dass er in das Israelitische Waisenhaus in Mannheim wechseln werde, sein Nachfolger würde Herr Dr. J. Gans, Bleichstraße 62, Frankfurt am Main (vgl. Der Israelit, 5.7.1928, zit. nach Alemannia Judaica b).
Die Kursaison ging gewöhnlich vom 1. Mai bis 1. Oktober eines Jahres, in dieser Zeit wurden die Kranken während der ganzen Zeit des Bestehens des Vereins durch Dr. Emil May versorgt (vgl. Kolb 1987: 102). Als Vorsitzende standen S. Salomon und viele Jahre lang Frau H. Grünbaum dem Verein vor, für 1932 ist Clara Bär in der Eschersheimer Landstr. 107 in Frankfurt als Vorsitzende eingetragen (vgl. Jüdisches Jahrbuch für Hessen Nassau 1933).
1933 brach der Kurbetrieb ein, die potenziellen Gäste konnten das Geld nicht mehr aufbringen. so musste im selben Jahr der Betrieb des Heims eingestellt werden. Es wurde jedoch die Möglichkeit geschaffen, dass auch Männer im gegenüberliegenden Israelitischen Frauenheim aufgenommen werden konnten, wo sie weiter durch Dr. May betreut wurden (vgl. Kingreen 1998c).

Die Geschichte des Hauses nach der Schließung des Männerheims
Die Adresse des Hauses während der Nazizeit war Hermann-Göring-Straße 58, es wurde nun für jüdische Privatwohnungen genutzt. Einige Familiennamen konnte Monika Kingreen (vgl. Kingreen 1998c) aufgrund eines Briefes eines ehemaligen Bewohners nennen: Familie Steinhardt, Familie Eckstein, Familie Kahn, Frl. Meyer mit Schwester. Ergänzen kann ich den Namen Samuel Schloss. Herr Schloss wohnte dort seit 1939, seine Familiengeschichte ist im Internet dokumentiert (vgl. Juden in Themar). Auch wohnten im Haus Angestellte des gegenüberliegenden ehemaligen Israelitischen Frauenheims, z. B. die Oberin der Bezirksschule Frieda Fröhlich. Am 15. September 1942 wurde ein Teil der Bewohner des Hauses, 16 Personen, mit allen Bewohnern des Altenheims (ehemaliges Frauenheim) verschleppt und vermutlich in Treblinka ermordet. 1943 wies die Gestapo Familien in das Haus ein, die als „Mischehen“ verfolgt wurden. Einige von ihnen wurden noch im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert (vgl. Kingreen 1998c und Krause-Schmitt 1995: 311).

Die Nachkriegszeit
Jüdische polnische Überlebende des Holocaust, die vor polnischen antisemitischen Übergriffen fliehen mussten, gründeten im ehemaligen Männerheim im März 1946 einen Kibbuz. Der Name „Chofez Chaim“ übernahm den Titel einer Hauptschrift des orthodoxen Rabbiners Israel Meier Kahan (1833-1933). Entsprechend religiös ausgerichtet war der Kibbuz und diente der Vorbereitung eines Lebens in Erez Israel. Unter der Leitung von Meier Bodener gab es Ausbildungsbetriebe für Schlosser und Feinmechaniker mit 29 Lehrlingen und eine Schneiderei mit 21 Lehrmädchen. In einer Druckerei waren zwei Personen beschäftigt, die auch eine Wandzeitung fertigten. Es gab Fachunterricht, Sprachunterricht und Talmudstunden sowie eine koschere Küche für die rituelle Ernährung. Nach der Auflösung des Kibbuz 1948 blieben einige der Bewohner hier wohnen. 1964 wurde das Haus abgerissen und nichts erinnert nun an das alte Männerheim (vgl. Kingreen 1998c).

Das Israelitische Frauenheim
Die älteste Nachricht zum Israelitischen Frauenheim stammt aus dem Jahr 1902 (vgl. Alemannia Judaica a). Vermutlich wurde in diesem Jahr zunächst ein Verein zur Förderung von Frauenkuren gegründet. 1904 wurde in der Frankfurter Straße Nr. 47 das Israelitische Frauenheim errichtet. Unterstützer waren die Freifrau Mathilde von Rothschild und der Bankier Moses Michael Mainz und weiterer Spender. Zweck war es, mittelosen jüdischen Frauen eine vollständige Badekur möglichst unentgeltlich zu gewähren (vgl. Der Israelit 16.6.1904), wobei es wohl hauptsächlich um herz- und rheumakranke Frauen und Mädchen ging, die im vereinseigenen Heim untergebracht werden sollten. Für 1917 ist bekannt, dass die Kurenden einen Beitrag von 5 Mark leisten mussten (vgl. Kingreen 1998a).
1905 kauften in der Frankfurter Straße 63-65, also gegenüber dem Männerheim, die Baronin Mathilde von Rothschild und ihrer Tochter Adelheid de Rothschild eine Villa für die Stiftung. Der Börsenmakler Moses Michael Mainz, der öfter als Gründer genannt wird, hatte zu dieser Zeit den Vorsitz der Stiftung inne (vgl. ebd.). Die Vorsitzende des Unterstützungsvereins für arme jüdische Kurbedürftige, also des Männerheims, Frau H. Grünbaum, spielte wohl auch eine wichtige Rolle bei der Initiierung des Frauenkurheims (vgl. Der Israelit 20.6.1904, zit. nach Alemannia Judaicab).
1912 wurde eine Nachbarvilla zugekauft, baulich mit dem Ursprungsgebäude verbunden und durch einen Speisesaal erweitert. Man konnte nun 30 Frauen unterbringen, die zudem einen 1.500 qm großen Garten nutzen konnten. Ein Stimmungsbild gibt ein Brief wieder, den Dr. Hertz an den Historiker Stefan Kolb geschrieben hatte. Dr. Siegfried Hertz war der Schwiegersohn und Nachfolger des Anstaltsarztes Dr. Hirsch. Die Zeilen beziehen sich ungefähr auf das Jahr 1914: „Die jüdischen Heime waren unter äußerst orthodoxer Leitung. Ich erinnere mich z. B. noch, wie ich in einem Jahr vor den hohen Feiertagen von den meisten sehr herzkranken Insassen gebeten wurde, ihnen zu erlauben, am Jom Kippur zu fasten“ (Kingreen 1998a).
Aus der Chronik des Heims ist weiter folgendes zu berichten:
Unterstützung erhielt das Frauenheim z. B. durch eine Wohltätigkeitsvorstellung im Promenadenhotel zu Gunsten des Frauen- und Kinderheims unter Teilnahme eines Komitees aus Kurgästen inkl. des Gouverneurs aus Kairo, Cattani Bei Pascha (Allgemeine Zeitung des Judentums 1913).
Für 1916 wird von 300 herzkranken Gästen gesprochen. Im Jahr 1920, in dem auch Winterkuren möglich waren, kamen 135 Frauen ins Kurheim (ebd.).
Während des 1. Weltkriegs fanden im Frauenheim auch Kuren für Kinder statt, da das Kinderheim als Lazarett genutzt wurde (vgl. Kingreen 1999: 13).
Für das Jahr 1925 wurden ca. 40 Kurplätze gemeldet, die Bäderkuren besonders für Herzkranke bieten, geöffnet war vom 1. Mai bis 1. Oktober. Vorsitzender war weiter Moses Michael Mainz, leitender Arzt Dr. Herz, Leiterin Rebekka Lehmann [vermutlich Regina Lehmann, E. B.] (vgl. Alemannia-Judaicab).
In einer Anzeige von 1930 wurde Herr J. F. Ettlinger, Bockenheimer Landstr. 25 in Frankfurt am Main, als Kontaktperson für Kurwillige genannt (vgl. Der Israelit 10.4.1930, zit. nach Alemannia Judaicab).
1930 feierte man gemeinsam mit Gästen aus dem Kinderheim und dem Männerheim, Vertretern der jüdischen Gemeinden aus Frankfurt und Bad Nauheim das 25-jährige Bestehen. Dabei dankte man dem Gründer Michael Moses Mainz, dem langjährigen ehrenamtlichen Anstaltsarzt Sanitätsrat Dr. Hirsch und den Rothschildhäusern Frankfurt und Paris, aber auch der „aufopferungsvollen Oberin, Frl. Regina Lehmann“ und den „ihr zur Hand stehenden Schwestern und Helferinnen“ (Der Israelit 3.7.1930, zit. nach Alemannia Judaicab). Auch den verschiedenen Logen in Frankfurt am Main, die sich mit dem Heim verbunden fühlen, wurde gedankt, jedoch bezeichnet der Zeitungsartikel nicht welche Logen gemeint sind (vgl. Der Israelit 3.7.1930, zit. nach Alemannia Judaicab).
1932 verzeichnet man rückläufige Besucherzahlen, 150 Kurbedürftige waren gekommen (vgl. Jüdische Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung 1933).
1934 fand im Heim die Vorstandssitzung des Jüdischen Frauenbunds Bad Nauheim statt, mit den prominenten Vortragenden Dr. Ernst Simon und Martin Buber, die verschiedene Bibelthemen aufgriffen.
Auf der im selben Jahr stattfindenden Mitgliederversammlung des Israelitischen Frauenheims freute man sich über die stabilen Patientenzahlen von 150 Personen. Es waren zum ersten Mal auch Männer aufgenommen worden, da das Männerheim geschlossen werden musste. Der Kostenbeitrag betrug 110 RM pro Monat. Reparaturen der Häuser wurden beschlossen (vgl. Der Israelit 11.4.1935, zit. nach Alemannia Judaicab).
1935 war die Adresse in Hermann Göring-Straße 63/65 umgenannt worden (vgl. Der Israelit 3.4.1935, zit. nach Alemannia Judaicab).
1937 wurde das Frauenkurheim aufgegeben, die antisemitische Verfolgung ließen keinen Kurbetrieb mehr zu (vgl. Kingreen 1998a) und es wurde als Altenheim weitergeführt.

Das jüdische Altenheim in den Räumen des Frauenkurheims
Zunehmend verließen junge jüdische Menschen Deutschland, und viele alte Menschen blieben, alleine zurück. Entsprechend funktionierte man das Frauenkurheim im Juli 1937 zu einem Altenheim um. Initiatoren waren die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der Provinzialverband und der Lehrer Bettmann (vgl. Kingreen 1998a). Pflegebedürftige ältere Juden aus Gießen wurden bis 1942 ebenfalls dort untergebracht (vgl. Kolb 1987: 176).
Während des Novemberpogroms 1938 kam es zu Ausschreitungen im Heim, und auch danach gab es Überfälle mit eingeschlagenen Fenstern, wohl meist von Jugendlichen ausgeführt. Zwischenzeitlich war das Haus mit 120 Bewohnern stark überbelegt.
Alle 88 Bewohnerinnen und Bewohner des jüdischen Altersheims wurden am 15. September 1942 gewaltsam in das Ghetto Theresienstadt oder in ein Vernichtungslager nach Polen verschleppt.
Im Dezember 1942 „verkaufte“ die Reichsvereinigung der Juden das Haus an die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt Gauverwaltung Hessen-Nassau“. Wie das Haus danach genutzt wurde, ist nicht bekannt (vgl. Kingreen 1998a).

Die Nachkriegszeit
Im April 1945 war die Hermann-Göring-Straße wieder in Frankfurter Straße umbenannt worden. Im August ließen die Amerikaner das Haus von Bad Nauheimer Bürgern in Stand setzen. Das ehemalige Frauenheim wurde Bestandteil des in Bad Nauheim eingerichteten „Jewish camp for displaced persons“. Nach Schließung des Camps kamen ab 1950 wieder Kurgäste, die auch in diesem Haus, das eine koschere Küche beherbergte, untergebracht wurden. David Keller hieß der Wirt, der das Haus ab 1952 bis 1977 als jüdisches Kurhotel Bad Nauheim unter Aufsicht des Landesrabbiners Hessen führte. 1980 wurde es, unter der Auflage, die Außenfassade nicht zu verändern, verkauft. Heute erinnert nichts mehr an seine jüdische Geschichte (ebd.).

Postkarte: Israelitische Kinderheilanstalt Bad Nauheim / Postkarte der Israelitischen Kinderheilstätte. Sie wurde im Jahre 1898 eröffnet.
Israelitische Kinderheilanstalt Bad Nauheim / Postkarte der Israelitischen Kinderheilstätte. Sie wurde im Jahre 1898 eröffnet. © Sammlung Monica Kingreen Weitere Angaben

Die Israelitische Kinderheilstätte
Die Jüdische Kinderheilstätte möchte ich hier nur in kurzen Worten skizzieren. Zu Umfangreich ist die Geschichte und sind die Ereignisse, die zu schildern einer eigenen Forschung und einem eigenen Bericht vorbehalten bleiben sollen.
Die Kinderheilstätte wurde 1891 von den Logenbrüdern Ferdinand Gamburg und Michael Moses Mainz der Frankfurt Loge gegründet (vgl. Frankfurt Loge 1928: 40). 1899 konnte ein modernes großes Kurheim in der Frankfurter Straße 103 eröffnet werden, finanziert durch die Baronin Mathilde von Rothschild (Kingreen 1997a). Es gab ca. 50 bis 70 Plätze, Jungen- und Mädchenmonate wechselten sich ab. Betreuender Arzt war zunächst Prof. Dr. Theodor Schott und später Dr. Hirsch [vermutlich Sanitätsrat Dr. Emanuel Hirsch, E. B.], geleitet wurde das Heim von Helene Kopp (vgl. Alemannia Judaica a) [vermutlich Helene Koppel, E. B.]. 1936 musste das Heim geschlossen werden, die Leiterin war zu diesem Zeitpunkt Frieda Fröhlich, die auch das im Jahr darauf im selben Haus entstehende Internat der jüdischen Bezirksschule Bad Nauheim leitete. Während des Novemberpogroms 1938 wurden die Schüler und Lehrer bedroht und die Schule stark verwüstet. Im Mai 1939 musste sie schließen. Es folgten im Rahmen der Kinderlandverschickung ein Lager der Pimpfe der HJ im Haus. Nach dem Krieg entstand ein Ernährungszentrum für jüdische Kinder (vgl. Kingreen 1997d), gefolgt von verschiedenen Schulen. Heute ist dort die Sophie-Scholl-Schule untergebracht (Faatz).

Herzlichen Dank an die Bad Nauheimer Stadtarchivarin Brigitte Faatz.

Edgar Bönisch 2015

Unveröffentlicht

Faatz, Brigitte 2014: Auskunft der Stadtarchivarin von Bad Nauheim Brigitte Faatz, Telefonat im Mai

Literatur

 Allgemeine Zeitung des Judentums: 05.09.1913, 01.10.1920 (zit. nach Alemannia Judaica b

Der Israelit: 16.06.1904, 20.06.1904, 25.06.1925, 01.10.1925, 05.07.1928, 10.04.1930, 03.07.1930, 03.04.1935, 11.4.1935 (alle zitiert nach: Alemannia Judaica b).

Frankfurt-Loge 1928: Geschichte der Frankfurt-Loge 1888-1928. Im Selbstverlag der Frankfurt-Loge.

Unterstützungsverein für arme israelitische Kurbedürftige in Bad Nauheim 1914: Jahresbericht des Unterstützungsvereins für unbemittelte israelitische Kurbedürftige. In: Allgemeine Zeitung des Judentums, 20.30.1914, zit. nach Alemannia Judaica b.

Jüdische Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung 07.04.1933.

Kingreen, Monica 1997a: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte I. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 29.10.1997: 2

Kingreen 1997b: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte II, Bezirksschule (Frankfurter Straße 103). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 01.11.1997: 6

Kingreen 1997c: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte 3, Bezirksschule. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 27.11.1997: 4

Kingreen 1997d: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte 4, HJ, Ernährungszentrum, Schule. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 17.12.1997: 2

Kingreen 1998a: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Frauenkurheim 1, Altenheim (Frankfurter Straße 63-65). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 14.01.1998:2

Kingreen 1998b: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Frauenkurheim 2, Altenheim, Deportationen, DPs, Kurhotel. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 17.01.1998: 4

Kingreen 1998c: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Männerkurheim, jüdische Wohnungen, Kibbutz mit Ausbildungsplätzen, Wohnungen (Frankfurter Straße 58). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 23.01.1998: 5

Kingreen, Monica 1999: Israelitische Kinderheilstätte und Jüdische Berzirksschule. In: Frankfurter Straße 103. Festschrift aus Anlass der 100-jährigen Nutzung des Gebäudes Frankfurter Straße 103. Bad Nauheim: 7-33

Kolb, Stephan 1987: Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden. Bad Nauheim.

Krause-Schmitt, Ursula/Freyberg, Jutta von 1995: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. Frankfurt am Main

Zentralblatt der Bauverwaltung: 17.04.1909

Links

Alemannia Judaica a [Alemannia Judaica Bad Nauheim/Synagoge]: Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Nauheim (Wetteraukreis) Jüdische Geschichte/Synagoge. http://www.alemannia-judaica.de/bad_nauheim_synagoge.htm. (29.08.2014)

Alemannia Judaica b [Alemannia Judaica Bad Nauheim/Texte]:
Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Nauheim (Wetteraukreis) Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt. http://www.alemannia-judaica.de/bad_nauheim_texte.htm. (29.08.2014)

The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust
Siehe Alemannia Judaica a

Juden in Themar
http://www.judeninthemar.org/deutsch/?page_id=79 (29.08.2014)

Jüdisches Jahrbuch für Hessen-Nassau und Adressbuch der Gemeindebehörden Organisationen und Vereine 1932/33. Ausgabe Frankfurt/Main, Wiesbaden. Frankfurt am Main. https://www.yumpu.com/de/document/view/22239156/hes5-n-55u/49 08.08.2014)

Stadt Bad Nauheim
https://www.bad-nauheim.de/leben-in-bad-nauheim/politik-stadt/geschichte.html (12.02.2015)

Zoske, Horst 1996: „Groedel, Franz Maximilian“. In: Neue Deutsche Biographie [Onlinefassung]; URL://www.deutsche-biographie.de/ppn131530712.html (12.02.2015)