Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Ein Beitrag aus Altenpflege und Altenhilfe
Verweise hervorheben

Joseph und Hannchen May’sche Stiftung für Kranke und Hilfsbedürftige – Die Stiftungsgeschichte

Die Schenkung von Grundstücken und einem Gebäude für Kranke und Arme

Dokument: Schenkungsvertrag Maysche Stifung, Rödelheim.
Schenkungsvertrag nach einer Kopie in der Magistratsakte V339
© Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Am 11. Oktober 1874 bewegte sich ein „stattlicher Zug“ von Rödelheimer Bürgerinnen und Bürgern vom Rathaus zum neuen Kranken- und Armenhaus. Das Haus lag „in der Fortsetzung der Alexanderstraße zur Rechten“ (Trümpert 1881: 39). Landrath Rath aus Wiesbaden und der Frankfurter Polizeipräsident Hergenhahn waren vor Ort. Der katholische Pfarrer Hungari und sein evangelischer Kollege Trümpert hielten Weihereden, wofür sie von den Stiftern des Hauses Julius und Arthur May bezahlt wurden (vgl. Trümpert 1881: 39). Die Brüder May sowie zu einem kleineren Teil Recha Seligstein, eine der Schwestern von Julius und Arthur, mit ihrem Mann Samuel hatten das Kranken- und Armenhaus im Wert von etwa 18.000 Gulden (vgl. Lustiger 1988: 147) der Gemeinde Rödelheim geschenkt.
Der Schenkungsvertrag ist auf den 20. Mai 1874 datiert und beginnt mit den Worten: „Nachdem sich für die Gemeinde Rödelheim schon häufig als Mangel fühlbar gemacht hat, dass sie kein Kranken- und Armenhaus besitzt, worin die zu Unterstützenden verpflegt werden, haben die Herren Julius May & Arthur May in Frankfurt a/M. zu diesem Zwecke und zugleich zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern, den Herrn Jos. Hirsch May und dessen Ehefrau Hannchen geb. Mayer, auf den ihnen zugeschriebenen Grundstücken der Rödelheimer Gemarkung Flur 7 No. 137.6 138.3 139.3 140.3 141.3 & 142 ein zur Krankenverpflegung und Armenversorgung geeignete Behausung, wovon in der Anlage ein Riss beiliegt, auf ihre Kosten erbauen lassen.“ Die einzelnen Vertragspunkte sind im nebenstehenden Rahmen aufgelistet.
Der Vertrag ist unterzeichnet von den Schenkenden, für die Gemeinde Rödelheim von Bürgermeister Müller und seinen Gemeinderäten und für den Vorstand der israelitischen Gemeinde von Josef Neumann, J. Lehrberger, B. J. Schott, M. Ehrmann und S. M. Mandelbaum (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3).

Für das Jahr 1897 ist es möglich, den Vorstand des Spitals aus dem Adressbuch Rödelheim zu rekonstruieren: Der christliche Vorstand setzte sich zusammen aus dem Bürgermeister Stubberg, dem Arzt Dr. Hermann Momberger, der das Rödelheimer Spital medizinisch betreute, dem Chemie-Fabrikanten Franz Schulz und Wilhelm Schmidt, der eine Bettfedernreinigung betrieb. Der jüdische Vorstand bestand aus dem Buchdruckereibesitzer Mayer Lehrberger, dem Kaufmann Simon Mandelbaum und dem Metzger Leopold Fleisch (vgl. Dippel 1995).

Eingemeindung Rödelheims zu Frankfurt
Im Zuge der Eingemeindung von Rödelheim zur Stadt Frankfurt am Main im Jahr 1910 ging das Krankenhaus an das städtische Krankenhaus über, während die israelitische Gemeinde weiterhin unabhängig blieb (siehe Lustiger 1988: 147). Den Vorsitz des Vorstands übernahm, gemäß eines Magistratsbeschlusses, der Vorsitzende der Anstaltsdeputation, der Verwaltung der Kranken- und Armenhäuser der Stadt Frankfurt am Main (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1).

Die Umwandlung zum Altenheim
1922 beantragte die Anstaltsdeputation beim Magistrat die Einrichtung des Krankenhauses Rödelheim als Siechenhaus. Der Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten von Siechen war stark gestiegen, und man sah das Rödelheimer Spital als sehr geeignet dafür an, da seine 31 Krankenbetten durch die Rödelheimer Bürgerinnen und Bürger nicht ausgelastet waren und der Stiftungszweck „zur Krankenverpflegung und Armen-Versorgung“ durch die Veränderung nicht beeinflusst würde. Der Antrag wurde genehmigt unter den Bedingungen, dass Einwohner des Stadtbezirks Rödelheim bei der Unterbringung bevorzugt würden, dass die Krankenhauspflege, falls notwendig, wieder hergestellt werden könne und, dass das Personal mit übernommen werden würde (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 17.3.1922).

Dass die Konsequenzen aus der Umwandlung zum Siechenhaus nicht ganz klar waren, zeigt ein Disput zwischen dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Rödelheim Heinrich Hammel und dem Magistrat. Heinrich Hammel hatte 1924 den erkrankten Synagogendiener Markus in das Israelitische Krankenhaus in der Gagernstraße einweisen lassen und war der Meinung, dass dies kostenlos erfolgen müsse, da durch die Umwandlung in ein Siechenheim keine Krankenbetten mehr zur Verfügung standen und diese durch die Stadt gestellt werden müssten. Vermutlich begründete er dies durch §4 des Schenkungsvertrags, der die Sondernutzung durch israelitische Arbeitsunfähige regelte. Der Magistrat teilte jedoch diese Meinung nicht, da es sich nicht um Arbeitsunfähigkeit, sondern um Krankheit handele, wollte in diesem Fall jedoch aus Kulanz nicht auf die Rückzahlung der Verpflegungskosten bestehen (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 36-37).

Die nationalsozialistische Einflussnahme

Fotografie: Siechenhaus Rödelheim, Hofansicht.
Siechenhaus Rödelheim, Hofansicht
Aus: Nosbisch 1930

Der §6 der Schenkungsurkunde von 1874 sah vor, dass im Kranken- und Armenhaus ein „Betsaal für den israelitischen Gottesdienst zu reservieren“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3) sei. Gemäß der Auskunft von Arthur Hammel, dem Sohn des letzten Gemeindevorstehers der jüdischen Gemeinde Rödelheim, Heinrich Hammel, bestand der Betsaal im Jahr 1933 noch: „Im Hospital verstorbene Juden wurden in diesem Raum aufgebahrt und von hier aus auf dem jüdischen Friedhof Rödelheim, Westhausen, beerdigt“ (Dippel 1995).

Im März 1937 beantragte der Frankfurter Verband für Altersfürsorge e.V. beim Rechtsamt in der Stiftungsabteilung den Betraum für „bessere Zwecke“ nutzen zu dürfen, d. h. für Pflegezwecke, da die Raumnot groß sei. Außerdem würde der Raum fast das ganze Jahr leerstehen und nur von wenigen Menschen genutzt, „es kommt hinzu, dass diese wenigen Menschen als Juden der deutschen Volksgemeinschaft nicht angehören, während das Heim ausschließlich mit deutschen Volksgenossen belegt ist“ (ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937). Die Genehmigung der Umwandlung des Betraums wurde damit begründet, dass die ursprüngliche Nutzung nur von den Erben der Schenkenden eingefordert werden dürfe, diese jedoch nicht mehr am Leben seien [was nicht richtig ist, siehe Beitrag: „Die Stifterfamilie May“ (in Vorbereitungt) d. A.]. Auch gäbe es kein öffentliches Interesse an der ursprünglichen Nutzung. Im Gutachten der Stiftungsabteilung des Rechtsamts vom 23.4.1937 heißt es: „Praktisch liegt der Fall so, dass der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde, Heinrich Hammel […] je einmal im Februar und August mit 8-9 Gemeindemitgliedern einen etwa ½-stündigen Gottesdienst in dem Zimmer abhält. Das ursprüngliche Gebetszimmer ist längst den Umbauten zum Opfer gefallen, dafür wurde ein Ersatzraum in einem Seitenflügel eingerichtet. […] Den Juden sei vorgeschlagen worden, die beiden Gedächtnisstunden in der Rödelheimer Synagoge abzuhalten, sie wollten aber darauf nicht eingehen.“ Weiter heißt es, dass auch andere durch die Stiftungsurkunde festgelegte Vergünstigungen für Juden (Belegung von mindestens vier Zimmern des Armenhauses mit Israeliten und Anspruch auf rituelle Verpflegung) wohl spätestens 1922 bei der Umwandlung in ein Altersheim aufgegeben worden seien. Es wird betont, dass inzwischen die früheren jüdischen Einflüsse auf das Heim bzw. seine Leitung und Verwaltung „vollkommen ausgeschaltet“ seien (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937).

Schenkung oder Stiftung und die Folgen

Fotografie: Burgfriedenstraße 5, Wohnhaus von Heinrich Hammel, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rödelheim.
Burgfriedenstraße 5, Wohnhaus von Heinrich Hammel, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rödelheim, und seiner Familie
© Edgar Bönisch

Da in den unterschiedlichen Papieren mal von Schenkung mal von Stiftung die Rede ist, versuchte das Rechtsamt der Stiftungsabteilung der Stadt Frankfurt 1941 Klarheit zu schaffen. Festgestellt wurde, dass die als Stiftung bezeichnete Joseph und Hannchen May Stiftung eine Schenkung der Brüder May war. Weiterhin stellte man klar, dass es sich bei zwei weiteren Transfers ebenfalls um Schenkungen handelte: zum einen 10.000 Mark im Mai 1886 durch Arthur May an die Israelitische Kultusgemeinde Rödelheim zur Osterspeisung armer Israeliten (Lustiger 1988: 28) und 12.000 Mark im Mai des Jahrs 1891 durch Julius May zur Unterstützung Armer an die Israelitische Gemeinde Rödelheim. Beide Beträge seien in den Unterlagen der Rödelheimer Gemeinde als Überweisung an die Josef und Hannchen May’sche Stiftung bezeichnet worden, da es sich jeweils um Schenkungen handele und es sich nicht um einen staatliche Beaufsichtigung handelte, könnte man jedoch nicht von einer Stiftung sprechen (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 12.3.1941). Durch die Einordnung als Schenkung wurde es einfacher mit dem Zweck der Schenkung willkürlich zu verfahren.

Nachkriegszeit
In den 1950er Jahren erfolgte ein weiterer Umbau. Dies war auch in den 1970er Jahren geplant, jedoch stellte man fest, dass das Gebäude inzwischen völlig veraltet war, worauf 1983 der Abriss folgte und ein anschließender Neubau im Jahr 1987 eingeweiht wurde (vgl. ISG Ffm: Fürsorgeamt 3.944).
Der heutige Eigentümer des Sozial- und Rehazentrums West in Rödelheim, der Frankfurter Verband e.V., macht auf die Ursprünge des Heims durch eine kleine Ausstellung aufmerksam (Stand 2012), die der ehemalige evangelische Pfarrer von Rödelheim Heinrich Dippel zusammengestellt hat und die bedingt zugänglich ist. Das Andenken an Joseph und Hannchen May im Sinne ihrer Kinder soll dieser Artikel unterstützen.

Edgar Bönisch 2013

Unveröffentlichte Quellen:
Abkürzung ISG Ffm = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

ISG Ffm: Fürsorgeamt 3.944

ISG Ffm: Magistratsakten V 339 1874, 1910-1941: Krankenhaus in Rödelheim (MAYsche Stiftung), ab 1922 Siechenhaus

ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312, vom 23.4.1937

 
Literatur

Lustiger, Arnold (Hg.) 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

Nosbisch, W. (Bearbeiter) 1930: Das Wohnungswesen der Stadt Frankfurt a. M. Herausgegeben im Auftrage des Magistrats aus Anlass der diesjährigen deutschen Tagung für Wohnungswesen vom Hochbauamt und Wirtschaftsamt. Frankfurt am Main

Trümpert, Rudolph 1881: „Chronik“ der Stadt Rödelheim von Rudolph Trümpert ev. Pfarrer daselbst. Rödelheim

 
 Ausstellungsdokumente

Dippel, Heinrich 1995: Ausstellung im Sozial- und Rehazentrum West, Alexanderstr. 96, Frankfurt am Main