Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

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Joseph und Hannchen May’sche Stiftung für Kranke und Hilfsbedürftige – Baugeschichte und Personen

Baugeschichte

Die Schenkung der Geschwister May an die Gemeinde Rödelheim
Zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern Joseph Hirsch May und Hannchen May schenkten die Söhne Julius und Arthur May, unter Beteiligung der Tochter Rege, am 20. Mai 1874 der Gemeinde Rödelheim eine „Behausung nebst Zubehör, zur Unterbringung ihrer Kranken und Armen“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 1-3). Auf dem Grundstück, auf dem die Eltern ehemals selbst wohnten, war dafür ein Gebäude mit acht Zimmern und einem Betsaal für israelitische Gottesdienste, der nach Osten der Ortschaft Hausen zu ausgerichtet war, errichtet worden (vgl. Trümpert 1881: 39). (Siehe auch Beitrag „Stiftungsgeschichte“ und Datenbankeintrag „Institution“)

Im Besitz der Stadt Frankfurt am Main und erste Sanierungen
Als Rödelheim 1910 zu Frankfurt eingemeindet wurde, ging auch das Rödelheimer Krankenhaus in die Verwaltung des städtischen Krankenhauses über (vgl. Lustiger 1988: 147), welches im darauf folgenden Jahr eine Erweiterung von 26 auf 35 Betten begann. Im Rahmen des Umbaus wurde die Ent- und Bewässerungsanlage saniert, eine Warmwasseranlage und elektrische Beleuchtung wurden installiert. Hinzu kamen ein Licht- und Luftschacht, eine Badeanlage und eine neue Koch- und Heizungsanlage. Renoviert wurden auch die Krankenräume und das Schwesternzimmer. Die Kosten waren auf 6.850 Mark veranschlagt worden (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 10). In den folgenden Jahren wurden immer wieder Grundstücke hinzugekauft, und man erhielt vereinzelte Zustiftungen wie das Erbe von 150 M durch die Witwe Margarethe Kohlhoff geb. Melsoch von Friedrichsdorf i/T. im Jahr 1916 (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 13). Während des Ersten Weltkriegs wurde das Haus auch als Lazarett genutzt (Kraft 1960).

Zeichnung: Ein Grundriss aus der Planungsphase des Hauses im Jahr 1925.
Ein Grundriss aus der Planungsphase des Hauses im Jahr 1925 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Die Umwandlung zum Siechenhaus und Erweiterungsbauten
1922 erfolgte die Umwandlung in ein Siechenheim in welchem 32 Personen untergebracht waren, davon 12 Männer und 20 Frauen (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 35). 1925 bahnte sich ein Ausbau im größeren Umfang an: „Da es nicht mehr möglich ist, die dauernd siechen Personen geeignet unterzubringen, sind wir gezwungen, der Erweiterung des Siechenhauses, Rödelheim näherzutreten“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49). Geplant wurde die Unterbringung von 90 Patienten, die Aufstockung des Pflegepersonals um acht bis zehn Personen und eine Erweiterung der Wirtschafts-, Bade- und Aufenthaltsräume. Auch wurde eine Leichenhalle geplant, eine neue Waschküche sowie ein Hebekran in der Badezelle für „durch Gicht vollständig krumm und steif gewordene Patienten“ (ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49). Die Kosten schätzte man auf 250.000 M. Um für den Erweiterungsbau argumentieren zu können, errechnete das Rechneiamt die mögliche Einsparung. Ausgehend von ca. 200 pflegebedürftigen Personen, die zu der Zeit zu einem Tagessatz von 4,50 M in Krankenhäusern untergebracht waren, war das Ziel durch den Wegfall der medizinische Pflege im Siechenhaus einen täglichen Pflegesatz von 2,25 M in einem Siechenheim zu erreichen. Die errechnete Ersparnis betrug 48.453,75 M. Zudem würden Betten in den Krankenhäusern frei (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 49a).

Zeichnung: Ausschnitt des Grundrisses von 1925.
Ausschnitt des Grundrisses von 1925 © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

1927 gab auch der Stiftungsvorstand sein Einverständnis zur Umwandlung, da, seiner Meinung nach, der Stiftungszweck Kranke und Arme unterzubringen erhalten blieb (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 79). Die Planer ergänzten weitere Details, so etwa Spuckbecken mit Wasserspülung auf den Fluren, um die TBC-Ansteckungsgefahr zu minimieren (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 106). Anlässlich der Einweihungsfeier des Anbaus im April 1930 wurden sowohl der Architekt Max Cetto aus der Gruppe um den Siedlungsdezernenten Ernst May als auch der Magistratsbaurat Weber gelobt, ihrer Arbeit sei es zu verdanken, dass Alt- und Neubau sich „zu einem einheitlichen Baukörper von größter Klarheit und Uebersichtlichkeit [sic] […] in der Anlage und vollendeter Zweckmäßigkeit zusammen[fügen]. Der Bau ist in lichten, freundlichen Farben gehalten und wohlgegliedert durch breite Fensterbänder“ (Frankfurter Nachrichten 29.4.1930). Auch berichtete die Zeitung von 101 Betten in 18 Krankensälen und -zimmern mit zwei bis sieben Betten, von Tagesräumen für Männer wie für Frauen für je 45 Personen. Sechs große Liegehallen waren entstanden, zahlreiche Bäder, Küche und Waschküche ergänzten die Anlagen. Es gab Entlüftungsanlagen, Radio im ganzen Haus mit Lautsprechern in den Tagesräumen und Kopfhörern an jedem Bett. Und das Heim war bereits voll belegt, zu einem Pflegesatz von 2 RM pro Tag (vgl. Frankfurter Nachrichten 29.4.1930).

Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und der Abriss 1983
Am 17.4.1944 schrieb der Fürsorgeleiter Herr Bales: „Am bedauerlichsten ist es, dass wir unser schönes Pflegeheim Rödelheim räumen mussten. Die unmittelbare Nähe der Industrieanlagen hat zu Bombenschäden geführt, sodass es letzten Endes nicht mehr möglich war, den Mitarbeiterinnen zuzumuten, die schwere Pflegearbeit hier in Frankfurt a. M. durchzuhalten“ (ISG Ffm: Luftschutz 88).
Nach dem Krieg wurde das Haus wieder in Betrieb genommen, in den 1950er Jahren erweitert und im Jahr 1983 wegen Überalterung abgerissen. Im Jahr 1987 eröffnete man das neu erbaute Sozial- und Rehazentrum West des Frankfurter Verbandes an derselben Stelle (vgl. www.frankfurt.de).

Fotografie: Siechenhaus Rödelheim, Blick in eine Glasveranda, 1930.
Siechenhaus Rödelheim, Blick in eine Glasveranda, 1930; aus: Nosbisch 1930

 

Personengeschichte

Krankenversicherungen für das Rödelheimer Kranken- und Armenhaus
Mitglieder der drei Rödelheimer Krankenkassen hatten Anspruch auf eine kostenlose Behandlung im Krankenhaus. Es gab seit 1820 die „Rödelheimer Krankenkasse lediger Israeliten“, die 1895 ca. 50 Mitglieder zählte und ein Vermögen von ca. 15.000 Gulden besaß. Vorsitzender war zu dieser Zeit Leopold Fleisch, ein Metzger, der auch zum Vorstand des Krankenhauses gehörte (vgl. Dippel 1995). Ebenfalls von 1820 war die „Israeltische Beerdigungs- und Krankenunterstützungskasse“ und von 1871 die „Israeltische Krankenunterstützungskasse zur Wohltätigkeit“ (vgl. Dippel 1995). Eine weitere Möglichkeit, kostengünstig im Rödelheimer Spital behandelt zu werden, war die Versicherung per Abonnementsheft über den Arbeitgeber. Ein solches erhaltenes Heft, gedruckt 1875 von der Rödelheimer Druckerei J. Lehrberg u. Comp., ist betitelt als „Abonnement zur Aufnahme in das Spital zu Rödelheim für Gesinde, Handwerksgesellen und Fabrikarbeiter – genehmigt Wiesbaden den 10. März 1875, der Königlich Landrath Rath“. In den darin abgedruckten Statuten zur Aufnahme in das Spital zu Rödelheim der Joseph & Hannchen May’schen Stiftung wird in §1 angeführt: „Durch das Abonnement wird bezweckt, den Abonnenten im Krankheitsfalle die sofortige Aufnahme in das Spital zu erwirken, wo ihnen bis zur vollständigen Heilung Hilfe und Pflege gewährt wird.“ Das Abonnementheftchen konnten Arbeitgeber bestellen und für 10 Pfennig an ihre Arbeiter verkaufen, deren wöchentlicher Beitrag von 10 Pfennig wurde im Heft quittiert (vgl. ISG Ffm: Stiftungsabteilung 312).

ÄrztInnen, PatientInnen, BewohnerInnen
Vom ersten Verwalter des Kranken- und Armenhauses ist lediglich der Name P. Wagner überliefert (vgl. Trümpert 1881: 39). Wohl eine der ersten Bewohnerinnen war Katharina Schaub, von der Pfarrer Trümpert 1881 berichtet: „Der Merkwürdigkeit wegen führe ich an, daß in dem Spitale seit mehreren Jahren eine an Körper und Geist noch gesunde Frau im Alter von 97 Jahren eine Zuflucht gefunden hat; es ist das die Wittwe [sic] Katharina Schaub, geb. den 1. Jan. 1784“ (vgl. Trümpert 1881: 39).
1910 schied der bisherige im Haus praktizierende Arzt Sanitätsrat Dr. Momberger aus Altersgründen aus, und Dr. Theodor Katz übernahm seine Aufgabe. Dr. Katz wurde am 16. Januar 1882 in Kaiserslautern geboren, hatte in Würzburg studiert, 1908 seinen Militärdienst absolviert und im selben Jahr ein längere Reise nach Brasilien unternommen. Nach einer Anstellung in Hamburg/Eppendorf war er nun Assistenzarzt an der städtischen Klinik (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 5). In einem Dokument von 1925 wird seine Stelle in Rödelheim als nebenamtliche Fürsorgestelle bezeichnet, wodurch er verpflichtet war, dreimal wöchentlich das Haus zu besuchen und dafür eine Grundvergütung von 50 M monatlich zzgl. einer örtlichen Sonderzuschlages erhält (vgl. ISG Ffm: Magistratsakten V 339: 51).

Fotografie: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des May'schen Siechenhauses, um 1930.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des May’schen Siechenhauses, um 1930; aus: Ausstellung Dippel, 1995

Überliefert ist ein Foto der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „alten Pflegeheims“. Das Jahr der Aufnahme ist unbekannt, vermutlich handelt es sich um die Belegschaft des Altenheims, das in den Räumen ab 1922 existierte. Zumindest einige von ihnen haben wohl im Heim gewohnt, was sich aus den Grundrisszeichnungen schließen lässt.

Um 1930 war Frau Direktor Julie Roger die Leiterin des Heims, die auch den Vorsitz des Frankfurter Verbands für Altersfürsorge e. V. inne hatte (vgl. ISG Ffm: Magistratsakte 339, 30.4.1930). Ärztlicher Leiter war Sanitätsrat Dr. Pfannmüller (vgl. Frankfurter Nachrichten 29. April 1930).

Bis zu welchem Zeitpunkt und in welcher Zahl jüdische Bewohner im Heim lebten ließ sich bisher nicht ermitteln. Ein Hinweis stammt aus dem März 1937 als der Frankfurter Verband für Altersfürsorge e.V. in einem Antrag an den Magistrat davon spricht, dass das Heim ausschließlich mit deutschen Volksgenossen belegt“ sei (ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312: 23.4.1937). Im Krieg kamen „fliegergeschädigte Obdachlose“ als Bewohner hinzu. Sowohl einige Pflegerinnen als auch Bewohner des Heims wurden auf Grund der Bombenangriffe im Krieg nach Rheinhöhe im Rheingau verlegt (vgl. ISG Ffm: Magistratsakte 3813: 81). Als Schwestern namentlich Erwähnung finden in der Literatur die Oberschwestern Anni Bohne und Frau Satzinger. Von Oberschwester Satzinger berichtet der Fürsorgeleiter Direktor Bales im April 1944, dass sie einige Pensionshäuser in Bad Salzhausen übernommen habe, nachdem sie das zerstörte Dornbuschheim [siehe Budge-Heim] verlassen hatte und auch in Räumen des Gärtnerwegs 50 bzw. Leerbachstrasse ausgebombt worden war (ISG Ffm: Luftschutz 88).

Edgar Bönisch 2013

 

Unveröffentlichte Quellen
Abkürzung ISG Ffm = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Kraft 1960: Stadtkanzlei G. Kraft in ISG Ffm: Stiftungsabteilung 311-312, 30.5.1960

ISG Ffm: Luftschutz 88: Die Fürsorgeleitung, Ziehen-Oberschule, Frankfurt am Main, Dir. Bales an Julie Roger, Villa Roger, Jugenheim an der Bergstraße 17.4.1944.

ISG Ffm: Magistratsakten V 339 1874, 1910-1941: Krankenhaus in Rödelheim (MAYsche Stiftung), ab 1922 Siechenhaus

ISG Ffm: Magistratsakte 3813: 81, vom 1.2.1944

ISG Ffm: Stiftungsabteilung 312

 

Literatur

Trümpert, Rudolph 1881: „Chronik“ der Stadt Rödelheim von Rudolph Trümpert ev. Pfarrer daselbst. Rödelheim

Lustiger, Arnold (Hg.) 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main

Frankfurter Nachrichten 118, vom 29.4.1930

Nosbisch, W. (Bearbeiter) 1930: Das Wohnungswesen der Stadt Frankfurt a. M. Herausgegeben im Auftrage des Magistrats aus Anlass der diesjährigen deutschen Tagung für Wohnungswesen vom Hochbauamt und Wirtschaftsamt. Frankfurt am Main

 

Internetquelle

www.frankfurt.de: http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835&_ffmpar[_id_inhalt]=61774, 15.4.2013

 

Ausstellungsdokumente

Dippel, Heinrich 1995: Ausstellung im Sozial- und Rehazentrum West, Alexanderstr. 96, Frankfurt am Main