Jüdische Pflegegeschichte / Jewish Nursing History

// Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Jüdische Krankenhäuser in Frankfurt am Main (1829 - 1942)

"Kranken zur Pflege, der Gemeinde zum Frommen, der Vaterstadt zur Zierde"

Die Öffnung des Frankfurter Judenghettos (1462-1796) und der am 1. September 1824 erkämpfte Status als "israelitische Bürger" (Heuberger/ Krohn 1988, S. 37) schufen den Rahmen für die Auflösung des beengten und überalterten Spitalwesens der Ghettozeit. Endlich konnten die beiden Frankfurter jüdischen Gemeinden – die mehrheitlich liberale Israelitische Gemeinde und die kleinere konservative Israelitische Religionsgesellschaft – ein modernes Medizin- und Pflegesystem aufbauen. Es entstanden sowohl jüdisch-religiös (mit Haussynagoge und koscherer Küche) als auch interkonfessionell angelegte Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen; auch die konservativ-jüdischen Institutionen nahmen gemäß der Bikkur-Cholim-Bestimmungen Nichtjuden auf.

Schon 1829, einige Jahrzehnte vor der Gleichstellung der Frankfurter jüdischen Bevölkerung am 8. Oktober 1864, öffnete in der Rechneigrabenstraße 28-20 (neben der heutigen Gedenkstätte Neuer Börneplatz) das Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen seine Pforten. Das Doppelgebäude ließ die Bankiersfamilie Rothschild errichten: "Die Freiherren Amschel, Salomon, Nathan, Carl, Jakob von Rothschild erbauten im Sinne ihres verewigten Vaters [Mayer Amschel Rothschild, d.V.] dieses Haus; Kranken zur Pflege, der Gemeinde zum Frommen, der Vaterstadt zur Zierde; ein Denkmal kindlicher Ehrfurcht und brüderlicher Eintracht" (zit. n. Arnsberg 1983, Bd. 2, S. 123). Das Krankenhaus entstand aus den beiden Israelitischen Männerkrankenkassen (1738 und 1758 gegründet) und der Israelitischen Frauenkrankenkasse (1761 gegründet) des Frankfurter Judenghettos. Alle drei Kassen waren soziale Unterstützungsvereine mit eigenen Krankenstationen, die Patientinnen und Patienten ambulant und stationär betreuten. Die Zusammenlegung der Kassen unter einem Dach hatte 1826 in einem organisatorischen Kraftakt Siegmund Geisenheimer, Prokurist des Bankhauses Rothschild M.A. und Mitglied der Krankenhausverwaltung, gemeistert. 1831 verfügte das Krankenhaus über bis zu 30 Betten (Israelitische Männerkrankenkasse: etwa 15 Betten; Israelitische Frauenkasse: etwa 12 Betten); ein alter Frankfurter Stadtführer (o.Verf. [1843], S. 48) lobte überdies dessen "kleine Synagoge" („Kippe-Stubb“). Oberin der Frauenkrankenkasse wurde 1917 Clara Simon ("Schwester Claire"). Spätestens im September 1942 nahm das Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen als Sammelort vor den Frankfurter Deportationen ein trauriges Ende; das Doppelhaus der Männerkasse und der Frauenkasse zerstörten alliierte Luftangriffe auf das nationalsozialistische Frankfurt (vgl. Unna 1965; Schiebler 1994, S. 136-141).

Das Dr. Christ´sche Kinderhospital (1845-1943/44) in der Theobaldstraße (heute Theobald-Christ-Straße), in Frankfurt liebevoll "Spitälchen" genannt, war das gemeinsame Projekt zweier eng befreundeter Ärzte und Stifter: des Nichtjuden Dr. Theobald Christ und des getauften Juden Dr. Salomo Friedrich (Salomon) Stiebel, beide evangelischen Glaubens. 30 Jahre später gründete die Frankfurter jüdische Stifterin Louise von Rothschild im Bornheimer Landwehr 10 das nach ihrer Tochter Clementine benannte Clementine Mädchen Spital. Diesen beiden angesehenen Einrichtungen der Frankfurter Kinderpflege, die Mädchen und Jungen unabhängig von Konfession und sozialer Herkunft aufnahmen, verdankt das heutige Clementine Kinderhospital in der Theobald-Christ-Straße 16 seine Entstehung (vgl. Hövels u.a. 1995; Reschke 2000).

1870 entstand im Unterweg 20 - zunächst als "Fremdenhospital" mit 6 Betten - das Hospital der Georgine Sara von Rothschild´schen Stiftung. Die auch als Rothschild´sches Hospital bekannte Klinik versorgte anfangs vor allem bedürftige jüdische Kranke, die in anderen jüdischen Heilstätten nicht unterkamen. Sie trug den Namen Georgine Sara von Rothschilds, der Tochter des Stifterpaares Hannah Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild und Cousine der ebenfalls früh verstorbenen Clementine von Rothschild, Namensgeberin des Clementine Kinderhospitals. Trägerin des Rothschild´schen Hospitals war die neo-orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft (IRG): 1850 gegründet, positionierte sie sich gegenüber der größeren liberalen Frankfurter Israelitischen Gemeinde, von der sie sich 1876 auch institutionell löste, als Bewahrerin jüdischer Tradition (vgl. Heuberger/ Krohn 1988, S. 74-77). 1878 wurde im Röderbergweg 97 ein von Mathilde und Wilhelm von Rothschild finanzierter Neubau mit zunächst 40 Betten eröffnet, hinzu kamen Gebäude im Röderbergweg 93 und in der Rhönstraße 50 (Personalwohnhaus). An diesen Entwicklungen beteiligte sich von Beginn an der leitende Arzt Dr. Marcus (Markus) Hirsch. Sieben Jahrzehnte später, im April 1941, schlossen die Nationalsozialisten auch diese Klinik und wiesen Personal und Patientinnen und Patienten in das nunmehr letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus (Gagernstraße 36, siehe unten) ein. Um 1943 zerstörten die Luftangriffe auf Frankfurt Gebäude und Grundstück des Rothschild´schen Hospitals. Der Chronist der Frankfurter jüdischen Geschichte, Dr. Paul Arnsberg, ein studierter Jurist, erreichte 1976 die Wiedererrichtung der Georgine Sara von Rothschild´schen Stiftung (vgl. Lustiger 1994; Krohn 2000).

"Jüdische Gemeinden waren – auch in Zeiten der größten Not – stets vorbildlich im Aufbau und in der Erhaltung einer Reihe von sozialen Hilfsanstalten (z.B. Spitäler, Waisenhäuser, Siechenhäuser, Altersheime, Armenküchen etc.). Grundlagen dafür sind die Verpflichtungen im Judentum, Armen und Kranken Hilfe zu leisten und die Stärkung und Wiederaufrichtung der materiellen Selbständigkeit jedes Notleidenden zu erreichen" (Werner, Klaus u.a.: Juden in Heddernheim. In: Heuberger 1990, S. 46). Dies galt auch für die einst selbständigen israelitischen Gemeinden früherer Vororte und heutiger Stadtteile von Frankfurt am Main. Trotz der schwierigen Quellenlage ist über das jüdische Pflegewesen in Bergen-Enkheim, Bockenheim, Fechenheim, Griesheim, Heddernheim, Höchst, Niederusel oder Rödelheim inzwischen manches bekannt (vgl. Arnsberg 1983, Bd. 2, S. 507-595; Heuberger 1990). In Rödelheim existierte seit 1874 das kleine jüdisch gestiftete Krankenhaus der "Joseph und Hannchen May´schen Stiftung für Kranke und Hülfsbedürftige" in der Alexanderstraße 96 (Sitz der Stiftung), unweit der heutigen Josef-May-Straße. Durch die Eingemeindung Rödelheims nach Frankfurt am 1. April 1910 fiel das Spital (bis 1937 mit jüdischem Betsaal) dem städtischen Krankenhaus zu und wurde später auch als Altenheim genutzt. Heute (Stand 2010) befindet dort das Sozial- und Rehazentrum West, zugleich ein (nichtjüdisches) Alten- und Pflegeheim.

Noch weiter zu erforschen ist auch die Institutionengeschichte der jüdisch gegründeten Privatkliniken in Frankfurt am Main, die auch stationär behandelten. Die erste Arztpraxis dieser Art war wohl die 1867 eröffnete, später um innere und Nervenerkrankungen erweiterte Privatklinik von Dr. Siegmund Theodor Stein. Die Klinik Hohe Mark, ein großes Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik mitten im Taunus (nahe Oberursel bei Frankfurt), begründete am 1. April 1904 der Frankfurter Nervenarzt Prof. Dr. Adolf Albrecht Friedlände, ein gebürtiger Wiener jüdischer Herkunft, als Privatklinik für den europäischen Hochadel (vgl. www.klinik-hohe-mark.com/allgemein/klinik/geschichte/index.htm, Abfrage v. 06.07.2010). Bekanntheit in Frankfurt erlangte vor allem die Herxheimer´sche Klinik und Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten, für die Paul Arnsberg (1983 Bd. 2, S. 271; Bd. 3, S. 187, S. 277) verschiedene Standorte angab: Friedberger Landstraße 57, Heiligkreuzgasse und Holzgraben (beide ohne Hausnummern) sowie Zeppelinallee 47 (Villa Herxheimer). Die angesehene Klinik, die auch unversicherten bedürftigen Hautkranken half, gründete 1876 Dr. Salomon Herxheimer, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder und Nachfolger Prof. Dr. Karl Herxheimer zu den deutschen Pionieren der Dermatologie zählte. Zum Andenken an ihren 1899 verstorbenen Ehemann gründete Fanny Herxheimer, zur weiteren Versorgung armer Hautkranker die "Sanitätsrat Dr. Salomon Herxheimer´sche Stiftung". Ihre Schwester Rose Livingston (Löwenstein), die sich 1891 taufen ließ, gründete 1913 in der Cronstettenstraße 57 den bis heute tätigen Nellinistift mit anfangs 25 Plätzen für allein stehende ältere Frauen evangelischen Glaubens (vgl. www.diakonisse.de/html/nellinistift.php, Abfrage v. 06.07.2010). Im Frankfurter Gallusviertel erinnert ein Straßenname an die Verdienste der Familie Herxheimer (Arnsberg 1983; Lachenmann 1995; vgl. auch Kallmorgen 1936).

Das von Betty Gumpertz begründete Gumpertz´sche Siechenhaus (1888-1941) im Röderbergweg 62-64 war ein ambitioniertes jüdisches Frauenprojekt im Umkreis der konservativen Israelitischen Religionsgesellschaft. Es half den Ärmsten der Armen im Frankfurter Ostend, deren Zahl durch die Migration antisemitisch verfolgter Pogromflüchtlinge aus Osteuropa weiter anwuchs. Als Siechenhäuser wurden bis in das 18. Jahrhundert hinein Pflegeeinrichtungen für Kranke mit ansteckenden und dazumal unheilbaren Leiden bezeichnet. Das Gumpertz´sche Siechenhaus war auf sozial benachteiligte Menschen mit chronischen Krankheiten spezialisiert. 1888 in der Rückertstraße eröffnet, bezog es 1892 einen Neubau mit 20 Plätzen in der Ostendstraße 75 und bereits um 1907 einen Neubau mit 60 Betten im Röderbergweg 62-64. Zu den Stifterinnen gehörten außer Betty Gumpertz und Träutchen (Thekla) Höchberg die Schwestern Minna Caroline (Minka) von Goldschmidt-Rothschild und Adelheid de Rothschild, weshalb das Gumpertz´sche Siechenhaus mitunter auch Rothschild´sches Siechenhaus geheißen wurde. Mitgestaltende Oberin war von den Anfängen bis zu ihrer Heirat Thekla Mandel; ihr folgte 1907 Rahel (Spiero) Seckbach. 1938 verkaufte das Gumpertz´sche Siechenhaus sein Vorderhaus unter NS-Bedingungen über die Stadt Frankfurt an das Hospital zum Heiligen Geist; 1939 wurde es aus seinem kleineres Hinterhaus in sein letztes Refugium am Danziger Platz 15 verdrängt. Am ehemaligen Hauptstandort des Siechenhauses befindet sich seit 1956 das August-Stunz-Zentrum (Röderbergweg 82), eine Altenpflegeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (vgl. die drei Beiträge zum Gumpertz´schen Siechenhaus sowie Lenarz 2003; Otto 1998; Schiebler 1994, S. 135, S. 282; vgl. auch Müller 2006, S. 97).

Hannah Louise von Rothschild begründete am 16. Oktober 1890 mit der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum in der Bürgerstraße 7 (heute Wilhelm-Leuschner-Straße, zugleich existiert in Frankfurt weiterhin eine Bürgerstraße) ein hochmodernes Krankenhaus, das ebenfalls den Bedürftigen galt. Das nach ihrem verstorbenen Vater Mayer Carl von Rothschild benannte Carolinum entwickelte sich zu einer zentralen und bis heute angesehenen Einrichtung der Frankfurter Zahnheilkunde. Tatkräftige Unterstützung fand Hannah Louise von Rothschild bei dem (nichtjüdischen) leitenden Arzt Dr. Dr. Jakob de Bary – bis zu seinem Tod 1915 Vorsitzender des Carolinum-Stiftungsvorstands – und seiner Tochter, der langjährigen Oberin Luise de Bary. 1910 zog das Carolinum in die Ludwig-Rehn-Straße und gliederte sich gleich zu Beginn der am 26. Oktober 1914 offiziell eröffneten Frankfurter Stiftungsuniversität an. Durch das geschickte Agieren des von Jakob de Barys Sohn Dr. Dr. August de Bary geleiteten nichtjüdischen Vorstands überdauerte das Carolinum als einzige Frankfurter jüdische Stiftung den Nationalsozialismus. 1978 bezog die Zahnklinik einen Neubau auf dem Klinikumgelände Theodor-Stern-Kai 7, wo sie als Zahnärztliches Universitäts-Institut der Stiftung Carolinum - Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der J.W. Goethe-Universität Frankfurt (abgekürzt: „ZZMK (Carolinum)“) bis heute erfolgreich und im Sinne der Stifterin Hannah Louise von Rothschild auch sozial tätig ist.

Mit dem Mathilde von Rothschild´schen Kinderhospital (1903-1941) im Röderbergweg 109, auch als Rothschild´sches Kinderhospital bekannt, schuf Mathilde von Rothschild eine Institution, die bedürftige jüdische (und auf Wunsch gewiss auch nichtjüdische) Kinder kostenlos pflegte und ernährte. Anfangs erhielten 12, später pro Jahr bis zu 100 und 1932 140 Kinder eine unentgeltliche stationäre Versorgung. Über die konservativ-religiöse Institution und ihr gewiss größtenteils jüdisches Pflegepersonal gilt es weiter zu forschen. Im Juni 1941 schlossen die Nationalsozialisten das Kinderhospital. Sie wiesen die noch verbliebenen kleinen Patientinnen und Patienten samt den Pflegekräften in das nunmehr letzte jüdische Krankenhaus in Frankfurt (Gagernstraße 36, siehe unten) ein, das als Sammelort vor der Deportation missbraucht wurde.

1904 errichtete das (1895 evangelisch getaufte) jüdische Unternehmerehepaar Auguste und Fritz Gans 1904 in der Böttgerstraße 20-22 eine Böttgerheim genannte überkonfessionelle Klinik (vgl. Gans/ Groening 2006). Zu dieser ebenso modernen wie sozial fortschrittlichen Institution gehörten ein Säuglingsheim und eine staatlich anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern; das Schwesternhaus befand sich seit 1909 in der angrenzenden Hallgartenstraße. 1920 übernahm die Stadt Frankfurt am Main das nach dem Krieg in Finanznot geratene Böttgerheim und übergab es zwei Jahre später in die Trägerschaft des gerade gegründeten Stadtgesundheitsamtes. Von 1921 bis 1929 leitete der bekannte deutsch-jüdische Pädiater Prof. Dr. Paul Grosser die Kinderklinik. Unter dem NS-Regime hieß das Böttgerheim seit 1934 "Städtisches Kinderkrankenhaus". 1947 wurde der Klinik- und Heimbetrieb wieder eröffnet und bestand bis zur Schließung durch die Stadt Frankfurt im Jahre 1975. Heute (Stand 2010) befindet sich in dem alten Stiftungsgebäude und einem zusätzlichem Neubau ein Geburtshaus mit Beratungszentrum für die Eltern von Säuglingen und Kleinkindern (www.geburtshausfrankfurt.de) - ganz im Sinne des Stifterpaares Gans.

Dank hoher Spenden aus der Frankfurter jüdischen Bevölkerung nahm 1914 das in der Gagernstraße 36 errichtete große Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main mit anfangs 200 Betten seine Tätigkeit auf (vgl. Hanauer 1914). Die u.a. Jüdisches Krankenhaus genannte, hochmodern ausgestattete Klinik, bei der auch viele nichtjüdische Erkrankte Heilung suchten und fanden, bestand bis zur NS-Zwangsräumung 1942. Ihre Vorläuferinnen waren das im Frankfurter Judenghetto erbaute Alte israelitische Hospital für Fremde (1796-1875) sowie das Hospital der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Königswarterstraße (Königswarter Hospital, 1875-1914). Leitender Arzt des alten israelitischen Fremdenhospitals am Völckerschen Bleichgarten war seit 1817 Dr. Salomo Friedrich (Salomon) Stiebel, später Mitbegründer des oben erwähnten Dr. Christ´schen Kinderhospitals. Als Dr. Stiebel nach 40-jähriger Tätigkeit ausschied, rückte der praktische und Frauenarzt Dr. Heinrich Schwarzschild (1803-1878) zum zweiten Hospitalarzt auf. Nicht zuletzt seiner Beharrlichkeit ist die Gründung des Königswarter Hospitals 1875 im Grünen Weg (später Königswarterstraße) 26 mit 80 Betten zu verdanken; die großzügigen Stifter waren der Bankier Isaac Löw Königswarter und seine Frau Elisabeth. Deren Station für Innere Medizin leitete seit 1877 der Chirurg und Geburtshelfer Dr. Simon Kirchheim, zugleich tatkräftiger Förderer einer Professionalisierung der jüdischen Krankenpflege zum bezahlten Frauenberuf. Der am Königswarter Hospital wohl als erste jüdische Lehrschwester in Deutschland ausgebildeten Rosalie Jüttner folgte Minna Hirsch, erste Oberin des Königswarter Hospitals (1914 geschlossen) und des nachfolgenden Jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße wie auch des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. In der Königswarterstraße (16 statt 26) befindet sich heute mit der Klinik Rotes Kreuz eine christlich geprägte Einrichtung (Stand 2010).
Außer dem neuen Jüdischen Krankenhaus wurde 1914 auch das Schwesternhaus der Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main eröffnet. Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung der Inneren Medizin war bis zu seiner Emigration der international bekannte Diabetesforscher Prof. Dr. Simon Isaac. Als Chefärzte sind u.a. zu nennen: für die Polikliniken Sanitätsrat Dr. Adolf Deutsch, für die Frauenklinik Dr. Arnold Baerwald, für die Hals-Nasen-Ohren-Klinik Dr. Max Maier, für die Augenklinik Dr. Isaak Horowitz und für die Chirurgie Dr. Emil Altschüler, seit 1935 Leiter des bis heute in Jerusalem tätigen Bikur Cholim Hospital. Im April 1939 ,erwarb´ die Stadt Frankfurt am Main über die so genannten "Judenverträge" für 900.000 Reichsmark die gesamte Liegenschaft des Krankenhauses, um sie im Anschluss an die jüdische Gemeinde zurück zu vermieten (vgl. zusammenfassend Karpf 2003). Nach der Ankunft von Personal und Patienten der bereits geschlossenen Rothschild´schen Krankenhäuser im Röderbergweg verzeichnete ein Gestapobericht 1942 fast 400 Kranke, über 100 Angestellte (inklusive des medizinischen und Pflegepersonals) und 37 Lehrschwestern (Steppe 1997, S. 246). Im Oktober 1942 war auch das große Jüdische Krankenhaus geräumt, die zuvor darin befindlichen Menschen wurden nach Theresienstadt und in andere Todeslager deportiert. Seit dem 1. November 1942 gab es nur noch eine jüdische Krankenstation in einer "Gemeinschaftsunterkunft" (Sammel- und Durchgangslager vor der Deportation) im Hermesweg 5-7. Deren Schließung in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1943 bedeutete das Ende der institutionellen jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main. Nach dem Krieg entstand auf dem Gelände der Gagernstraße 36 das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Bis heute (Stand 2010) gibt es in Frankfurt am Main keine jüdische Klinik mehr (vgl. zur Situation des jüdischen Krankenhauswesens nach der NS-Zeit Arnsberg 1970).

Birgit Seemann, 2010, aktualis. 2016

Ausgewählte Literatur und Links (Abfrage v. 09.01.2012)Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.Arnsberg, Paul 1970: Die jüdische Diaspora. (Referat des Vortrags). In: Zur Geschichte der jüdischen Krankenhäuser in Europa, S. 20-27Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 BändeBolzenius, Rupert 1994: Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland. Das Hekdesch der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und seine Nachfolgeeinrichtungen. Das israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache in Köln. Das Jüdische Krankenhaus in Gailingen. Das Israelitische Altersheim in Aachen. Unveröff. Diss. med., Technische Hochschule AachenDeutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte e.V. 1970: Zur Geschichte der jüdischen Krankenhäuser in Europa. 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Frankfurt/M.Hövels, Otto/ Dippel, Jürgen/ Daub, Ute 1995: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals - Dr. Christ´sche Stiftung 1845 - 1995. Hg.: Clementine Kinderhospital - Dr. Christ´sche Stiftung. GießenJenss, Harro [u.a.] (Hg.): Israelitisches Krankenhaus in Hamburg – 175 Jahre. Berlin 2016Jetter, Dieter 1970: Zur Geschichte der jüdischen Krankenhäuser. In: Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte e.V. 1970, S. 29-59 (Wiederabdruck in: Der Krankenhausarzt. Fachzeitschrift für das Krankenhauswesen, 45 (1972) 1 (Januar), S. 23-40)Kallmorgen, Wilhelm 1936: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main. Frankfurt/M. - [Zahlreiche Einträge zu jüdischen Ärztinnen und Ärzten und Institutionen der Frankfurter Pflege und Medizin.]Karpf, Ernst 2003: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde an der Gagernstraße. www.frankfurt1933-1945.de Krohn, Helga 2000: „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt, auf dem Röderberge, sind die jüdischen Spitäler.“ Soziale Einrichtungen auf dem Röderbergweg. In: dies. (Red.): Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel. Mit Beitr. v. Helga Krohn [u.a.] u. e. Einl. v. Georg Heuberger. Erinnerungen v. Wilhelm Herzfeld [...]. Frankfurt/M., S. 128-143Lachenmann, Hanna (Red.) [u.a.] 1995: Getrost und freudig. 125 Jahre Frankfurter Diakonissenhaus 1870-1995 [Festschrift]. Blätter aus dem Frankfurter Diakonissenhaus Nr. 386 (1995/2)Lenarz, Michael 2003: Stiftungen jüdischer Bürger Frankfurts für die Wohlfahrtspflege. Übersicht und Geschichte nach 1933. www.frankfurt1933-1945.de (Abfrage v. 09.01.2012)Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargestellt von Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim'schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen 1994Müller, Bruno 2006: Stiftungen in Frankfurt am Main. Geschichte und Wirkung. Neubearb. u. fortgesetzt durch Hans-Otto Schembs. Frankfurt/M.Murken, Axel Hinrich 1993/94: Vom Hekdesch zum Allgemeinen Krankenhaus. Jüdische Krankenhäuser im Wandel ihrer 800jährigen Geschichte vom 13. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. In: Historia Hospitalium 19 (1993/94), S. 115-142o.Verf. o.J. [1843]: Die freie Stadt Frankfurt am Main nebst ihren Umgebungen. Ein Wegweiser für Fremde und Einheimische. Mit Stahlstichen. Frankfurt/M.Otto, Arnim 1998: Juden im Frankfurter Osten 1796 bis 1945. 3. bearb. u. Veränd. Aufl. Offenbach/M.Reschke, Barbara [Red.] 2011: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845-1865. Zum 125-jährigen Bestehen des Clementine Kinderhospitals. Hg. v. Vorstand der Clementine Kinderhospital - Dr. Christ´schen Stiftung. [2. erg. Aufl.] Frankfurt/M.Schiebler, Gerhard 1994: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger 1994, S. 9-288Seemann, Birgit 2010: Jüdische Krankenpflege in Frankfurt am Main. Ein Forschungsprojekt. In: TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums 49 (2010) 193, S. 124-134Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar 2010: Die Geschichte der jüdischen Krankenpflege am Beispiel Frankfurt am Main und ihre Präsentation im Internet. In: Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte (Hg.: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geschichte) 2010/1 (Heft 19). Schwerpunkt: Pflegegeschichte. Focus: Nursing History. Mit Beiträgen v. Wendy Gagen [u.a.], S. 55-86Steppe, Hilde 1997: „... den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre ...“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am MainTauber, Alon 2008: Zwischen Kontinuität und Neuanfang. Die Entstehung der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Frankfurt am Main 1945-1949. WiesbadenUnna, Josef 1965: Die israelitische Männer- und Frauen-Krankenkasse ("Kippestub") in Frankfurt a.M. In: Bulletin des Leo-Baeck-Instituts 8 (1965) 31, S. 227-239Windecker, Dieter 1990: 100 Jahre Freiherr-Carl-von-Rothschild'sche Stiftung Carolinum. 100 Jahre Stiftung Carolinum. Die Geschichte der Stiftung und die Entwicklung der Zahnklinik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main. BerlinLinksClementine Kinderhospital, Frankfurt am Main: www.clementine-kinderhospital.de Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Frankfurt am Main 1933-1945, www.frankfurt1933-1945.deMuseum Judengasse Frankfurt am Main: www.juedischesmuseum.de/judengasseZahnärztliches Universitäts-Institut der Stiftung Carolinum, Frankfurt am Main: http://www.med.uni-frankfurt.de/zahnklinik/Home/index.html