Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

image_pdf

Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen

Stiftungs- und Baugeschichte

Die Stiftungsgeschichte

Gemälde: Henry Budge.
Henry Budge © Henry und Emma Budge-Stiftung

Am 20.12.1920 schrieb Henry Budge anlässlich seines 80. Geburtstages an die Stadt Frankfurt am Main: „Aus Anlaß eines freudigen Ereignisses errichte ich zum Andenken an meine geliebten seligen Eltern Moritz und Henriette Budge in Frankfurt unter dem Namen ‚Henry und Emma Budge-Stiftung‘ eine Stiftung mit einem Kapital von einer Million Mark“ (Arnsberg 1972: 38). Zweck der Stiftung sollte die Fürsorge für Erholungsbedürftige nach einer Krankheit sein. Geplant waren Geldbeihilfen, die je zur Hälfte Juden und Christen zukommen sollten. Entscheidungsberechtigt sollten die Stiftung, der Almosenkasten der Israelitischen Gemeinde und das Städtische Fürsorgeamt sein (vgl. Arnsberg 1972: 43).

Ein halbes Jahr später konstituierte sich der Stiftungsvorstand mit Bürgermeister Eduard Gräf, Stadtrat Dr. Karl Schlosser und zwei Mitgliedern, die das Städtische Wohlfahrtsamt benannte. Jüdische Mitglieder des Vorstands waren Philipp Schiff und Eduard Stern für den Israelitischen Almosenkasten und Bernhard Simon, Dr. Albert Ettlinger und Stephanie Forchheimer als Vertreter der Israelitischen Gemeinde (vgl. Arnsberg 1972: 38).

Die überwiesene Million wurde jedoch unter dem Einfluss der Inflation nahezu vernichtet. Henry Budge schoss im März 1922 nochmals 500.000 und im Februar 1923 weitere 3 Millionen Mark nach. „Wie grotesk sich die Inflation für die Stiftung auswirkte, zeigt der Brief vom 7.8.1923 an den Magistrat, worin sich Henry Budge bereit erklärte, dem ‚jetzigen Kapital von 15 Millionen Reichsmark‘ einen weiteren Betrag von ‚Zweihundert Dollar hinzuzufügen (die Akten besagen, daß dies dem Wert von 800.000.000 Mark!! [sic] entsprochen habe)'“ (Arnsberg 1972: 39).

Mit der Währungsreform vom Oktober 1923 stabilisierte sich die Lage. Henry Budge hatte bis dahin 70.406 Goldmark in die Stiftung investiert, die zum größten Teil an Bedürftige ausgezahlt worden waren. 1928 änderte man den Zweck der Stiftung in den Bau eines Altersheims und begann mit Planungsarbeiten (vgl. Arnsberg 1972: 40).

Die Kosten für das Altersheim betrugen 1.012.410 RM, die die Stiftung und die Stadt Frankfurt gemeinsam aufbrachten (vgl. Magistratsakte V 691, zit. nach Picard 1997: 9). Die Verwaltung und der Betrieb des Heims gingen zu Lasten der Stadt (vgl. Arnsberg 1972: 44).
Henry Budge erlebte den Fortgang der Dinge nicht mehr, er starb im Oktober 1928. Seine Frau Emma Budge nahm bis zu ihrem Tod im Februar 1937 am Werdegang der Stiftung und des Altersheims teil, musste sich jedoch mehr und mehr mit dem Druck der nationalsozialistischen Regierung auseinandersetzen; so wurde etwa der „satzungsmäßige Anteil jüdischer Bewohner 1935 auf ein Drittel verkleinert“ (Picard 1997: 10). Seit 1938 gab es im Heim eine Trennung in eine jüdische und in eine „arische“ Abteilung (vgl. Hütte 2008). 1939 trat Max L. Cahn dem Stiftungsvorstand bei. Der Jurist Cahn blieb als jüdischer Konsulent in Deutschland und spielte nach dem Krieg bei der Neugründung der Frankfurter Jüdischen Gemeinde eine wichtige Rolle (vgl. Hütte 2012). Am 1.4.1939 musste das Heim an die Stadt abgetreten werden. Von nun an hieß das Haus „Heim am Dornbusch“ und sollte nur noch von „arischen Volksgenossen“ bewohnt werden (vgl. Lustiger 1994: 316).

1941 ging die Hälfte des Stiftungsvermögens für mildtätige Zwecke an die Stadt Frankfurt. Die fünf Mitglieder des jüdischen Gesamtvorstandes (Kauffmann, Marxheimer, Weil, Wolfskehl und Cahn) akzeptierten die Auflösung der anderen, der jüdischen Hälfte der Stiftung, sie ging an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zur Unterstützung der jüdischen Wohlfahrtspflege. Das Stiftungsvermögen betrug zu dieser Zeit noch 180.000 RM, von denen das Finanzamt 140.000 RM als Schenkungssteuernachzahlung forderte, einer Steuer, die nur von Juden erhoben wurde. Für die Reichsvereinigung der Juden blieben letztlich ca. 33.000 RM. Bereits im Dezember 1941 ging der größte Teil dieser Zahlungen auf ein Sperrkonto der Gestapo-Institution „Reichsvereinigung“ und trug dazu bei, die Rechnungen für die Transporte nach Auschwitz zu bezahlen (vgl. Lustiger 1994: 317; Picard 1997: 11).

1945 beschlagnahmten die Amerikaner das schwer beschädigte Gebäude am Edingerweg. Ab 1951 wurden Wiedergutmachungsansprüche nach dem Bundesentschädigungsgesetz geltend gemacht. Nach einer Vereinbarung der Stadt Frankfurt am Main, der Jüdischen Gemeinde und der Nachfolgeorganisation des Israelitischen Almosenkastens „ISRO“ wurde die Stiftung 1956 in ihre alten Rechte und Vermögenstitel wieder eingesetzt und die Weiterführung des Altenheims, gemäß Stiftungssatzung, wurde vorgesehen. Von nun an bezahlten die Amerikaner jährlich 94.000 DM an Miete.

1958 setzte sich der Vorstand aus folgenden Personen zusammen: Stadtrat Dr. Rudolf Prestel, Rechtsanwalt und Notar Max L. Cahn, Landgerichtsdirektor Dr. Kurt Bruck, Rechtsanwalt Martin Meyer, Kaufmann Max Meyer, Redakteur Hans Nassauer, Stadtrat Dr. Erich Zeitz, Obermagistratsrat Baldes und Magistratsrat Grossmann.

1964 übernahm die Bundesvermögensverwaltung das Haus und das Grundstück für 1,8 Millionen DM. Der Betrag bildete zusammen mit den Mieteinnahmen die Basis für den Bau eines neuen Altenheims durch die wieder aufgebaute Stiftung (vgl. Arnsberg 1972: 47-52).

 

Die Baugeschichte des Heims

Zeichnung: Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen, Entwurfszeichung.
Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen, Entwurfszeichung. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Im September 1928 hatten die Architekten Ferdinand Kramer, Erika Habermann, Mart Stam und Werner Moser den ausgeschriebenen Architekturwettbewerb, unter dem Vorsitz des Stadtbaurats Ernst May, gewonnen (vgl. Risse 1984: 225). Am 04.07.1929 wurde der Grundstein im Edingerweg 9 gelegt, man vergrub eine Urkunde, die bis heute nicht wieder aufgefunden werden konnte (vgl. Arnsberg 1972: 5). Die Einweihung des Heims fand im Juni 1930 statt.

Im Februar 1944 beschädigte ein Bombentreffer das Gebäude schwer, der zentrale Querbau wurde zerstört. Laut mündlicher Information aus dem Institut für Stadtgeschichte in Frankurt am Main gibt es alte Malerrechnungen, die besagen, dass das Gebäude in den letzten Kriegstagen einen Tarnanstrich erhalten hatte (Picard 2012). Die letzten Bewohner mussten das „Heim am Dornbusch“ 1945 verlassen, sie wurden zunächst auf andere Häuser im Stadtgebiet verteilt, bevor sie nach Bad Salzhausen gebracht wurden und weiter ins Schloss Wächtersbach. Nach der Nutzung von 1945 bis 1995 durch das V. Armeekorps der Amerikaner als Zahnklinik stand das Gebäude bis 1997 leer (vgl. Picard 1997: 11). Nach einem Ideenwettbewerb, initiiert durch das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a. M. und das Deutsche Museum für Architektur, folgte eine denkmalgeschützte Renovierung, und es zog wieder ein Altenheim unter neuer Leitung und dem Namen „Seniorenwohnanlage Grünhof“ ein.

Die baugeschichtliche Bedeutung
Der Bau des Budge-Heims fand im Rahmen des „Neuen Frankfurt“ statt. Oberbürgermeister Ludwig Landmann (1924-1933) hatte mit großer Tatkraft begonnen, die Wohnmissstände in Frankfurt zu beseitigen, wobei er sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit der Menschen im Auge hatte. Er schuf das Siedlungsamt und stellte ihm Ernst May vor, unterstützt durch den künstlerischen Direktor Martin Elsaesser. Ziel des „Neuen Frankfurt“ war es, die soziale und kulturelle Qualität des Massenwohnungsbaus zu heben, wobei es jedoch nie avantgardistisch, im Sinne der Modernität eines Le Corbusier, wurde, obwohl „man dazu durchaus die gestalterischen Qualitäten im Hochbauamt gehabt hätte, [was] […] solche hervorragenden Einzelbauten wie das Budge-Heim [und andere] [belegen]“ (Mohr 1984: 68).

Architekturwettbewerb und grundlegende Ideen
Die dem Neubau zugrunde liegende Planungsidee wird im Wettbewerbstext erläutert: „1. Gib jedem Rentner möglichst viel Bewegungsfläche, sperr ihn nicht in ein Zimmer, eine Schachtel ein, sondern laß ihn, so lange es seine Kräfte ihm erlauben, seine Terrasse und den Garten als ihm gehörend betrachten […]. 2. Die Bewirtschaftung ist eine technisch-organisatorische Frage. Sie soll möglichst einfach und reibungslos, das heißt auf dem kürzesten Wege vor sich gehen. […] Wir haben die Wirtschaftsräume daher in die Mitte projektiert […]“ (Das neue Frankfurt 1928: 191f., zit. n. Mohr 1984: 270).
Eine detaillierte Beschreibung der innovativen Architektur der einzelnen Wohnungen findet sich ebenfalls in „Das neue Frankfurt“: Jede Wohnung bestand aus Vorraum, Abstellraum, Wohnzimmer und Balkon. Im Vorraum befand sich eine Kleiderablage mit Schirmständer, Waschtisch mit Spiegel und Glastablett, ein Schränkchen mit emaillierter Abdeckplatte als Kochschränkchen und ein großer Wandschrank für Kleider und Wäsche. Die Wand hinter dem Waschtisch war abwaschbar. Im Abstellraum gab es Platz für Koffer. Das eigentliche Zimmer war sowohl Wohn- als auch Schlafzimmer. Das große Fenster, fast von Wand zu Wand und über die gesamte Zimmerhöhe, schuf eine Beziehung nach draußen, was durch den direkten Zugang auf den Balkon verstärkt wurde und einen geräumigen Eindruck vermittelte. Obwohl alle Räume so klein wie nur möglich waren, wurde durch die offenen Raumbegrenzungen jeder bedrückende und beengende Eindruck von vornherein ausgeschlossen. Bemerkenswert war die konsequente Südausrichtung der Zimmer (vgl. „Das neue Frankfurt“ 1930: 172, zit. n. Mohr 1984: 270). Durch die H-Formation des Gebäudes wurden die Wohnungen mit den zentralen Gemeinschaftsräumen in Beziehung gebracht, es entstanden kurze Wege, eine zentrale Versorgung, die Öffnung ins Freie sowie Betriebs- und Baukosteneinsparungen (vgl. Mohr 1984: 271). „Die Ansprüche des Kollektivs und der Privatheit sind in idealer Weise ausgewogen. Das Henry und Emma Budge-Altersheim ist einer der intellektuellsten Sonderbauten des Neuen Frankfurt und im Hinblick auf rationelle Bebauungsweisen im Städtebau ein Experimentobjekt“ (Mohr 1984: 271).

Edgar Bönisch 2013

 

Literatur

Arnsberg, Paul 1972: Henry Budge. Der „geliebten Vaterstadt – Segen gestiftet“. Frankfurt am Main

Lustiger, Arno 1994: Wie die Budge-Stiftung von den Nazis ausgeraubt wurde. In: Schiebler, Gerhard; Lustiger, Arno (Hrsg.): Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Sigmaringen

Mohr, Christoph / Müller, Michel 1984: Funktionalität und Moderne. Das Neue Frankfurt und seine Bauten 1925-1933. Frankfurt am Main

Picard, Tobias 1997: Die Rückkehr des Stifters aus Amerika: das ehemalige Henry und Emma Budge-Altenwohnheim am Edinger Weg/Ecke Hansaallee im stadtgeschichtlichen Kontext. In: Möller, Werner (Konzeption)1997: Die Zukunft des ehemaligen Henry und Emma Budge-Heims. Frankfurt am Main

Risse, Heike 1984: Frühe Moderne in Frankfurt am Main 1920-1933. Architektur der zwanziger Jahre in Frankfurt a. M. Traditionalismus – Expressionismus – Neue Sachlichkeit. Frankfurt am Main

Zeitschrift

Das neue Frankfurt. Internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung

Internet

Hütte, Volker 2008: Historische Erkenntnisse auf Grundlage der gefundenen Bewohnerliste des ersten Henry und Emma Budge-Heims. http://www.budge-stiftung.de/uploads/Vortrag.doc (26.11.2008)

Hütte, Volker 2012: Vorträge zur Geschichte der Henry und Emma Budge-Stiftung: Johann Nathan und Max L. Cahn – zwei Männer in schwieriger Mission. http://budge-stiftung.de/news.php?category=3&id=1027 (26.4.2013)

Mündliche Auskunft

Picard, Tobias 2012: mündliche Auskunft durch Herrn Tobias Picard vom Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main