Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Biographien der Krankenpflege
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Das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (1870–1941) Teil 4: biographische Wegweiser

Denn der Mensch ist keine Maschine,
es gibt auch kein Schema in der Medizin;
da jeder Mensch ein Individuum für sich ist,
so trägt er auch seine Bestimmung und sein Geschick für sich
.“
Dr. Willy Hofmann, Chirurg, zur Einweihung des Hospital-Umbaus (Hofmann 1932, S. 13)

[…] diese Anstalt ist mehr als ein gewöhnliches Krankenhaus,
hier sind die Patienten keine Nummern,
hier sind sie Hausgenossen bzw. Glieder einer grossen Familie
.“
Verwaltungskommission des Rothschild’schen Hospitals, Jahresbericht 1900(1901), S. 4

Einführung
Auch Teil 4 der Artikelserie über das Frankfurter Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung im Röderbergweg markiert wissenschaftliches Neuland: Während Teil 1, Teil 2 und Teil 3 erstmals die Geschichte des Rothschild’schen Hospitals nachzeichnen, folgt dieser Beitrag den biographischen Spuren seiner Krankenschwestern und Pfleger und ihrer ärztlichen Vorgesetzten. Den Patientenkreis, um den sie sich kümmerten, hatte das Stifterpaar Mathilde und Wilhelm von Rothschild in den Gründungsstatuten ausdrücklich festgelegt: bedürftige Glaubensgenossen beiderlei Geschlechts, „welchen ein Anspruch auf unentgeldliche Aufnahme in eine der anderen hiesigen jüdischen Heilanstalten laut deren Statuten nicht zusteht“ (RothHospStatut 1878: 5). Es war ihr erklärter „Wille, dass diese Anstalt für ewige Zeiten streng nach den religiösen Vorschriften des orthodoxen Judenthums gehandhabt werden soll“ (ebd.: 7). Hierzu gehören – neben der Einhaltung des Schabbat (‚Ruhetag‘ am Samstag), der jüdischen Feiertage und der rituellen Speisevorschriften (Kaschrut) – die Mitzwot (jüdisch-religiöse Pflichten) der medizinischen Betreuung (vgl. Hofmann 1932) und der Krankenpflege (hebr.: Bikkur Cholim).

Das Rothschild’sche Hospital zählte zum Krankenhausnetz der neo-orthodoxen Frankfurter Austrittsgemeinde ‚Israelitische Religionsgesellschaft‘ (IRG) (vgl. Teil 1). Zuständig für das Personal war die Verwaltungskommission, die dem aus IRG-Mitgliedern zusammengesetzten Hospital-Vorstand unterstand. Ärzte, Pflegekräfte und weitere Angestellte sollten – hierbei spielte möglicherweise die Abgrenzung der traditionell-jüdischen IRG zur größeren liberalen Israelitischen Gemeinde Frankfurt eine Rolle – die orthodox-jüdische Richtung vertreten. Doch konnte laut Satzung auch christliches Personal eingestellt werden, das der Rabbiner der IRG – Dr. Samson Raphael Hirsch und seine Nachfolger Dr. Salomon Breuer und Josef Jona Zwi Horovitz – in die religionsgesetzlichen Vorschriften einwies; es wurde vor allem am Schabbat und an den jüdischen Feiertagen tätig. Alle Rothschild’schen Angestellten hatten die humane und gewissenhafte Behandlung der Erkrankten zur Auflage – sogar „bei Androhung des Verlustes der Anstellung“ (RothHospStatut 1878: 22). Denn „diese Anstalt ist mehr als ein gewöhnliches Krankenhaus, hier sind die Patienten keine Nummern, hier sind sie Hausgenossen bzw. Glieder einer grossen Familie. […] Die hier geübte Wohlthätigkeit erstreckt sich häufig noch über den Aufenthalt im Hospital hinaus, indem Patienten, die es benöthigen, neu gekleidet und mit Reisegeld versehen werden“ (Jahres-Bericht der Verwaltungs-Commission der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung. Frankfurt a.M. 1900(1901), S. 4).

Die Ärzte

Dr. Marcus Hirsch, Portrait, undatiert (um 1873)
Dr. Marcus Hirsch, Portrait, undatiert (um 1873) Nachweis: [Nachruf:] Dr. med. Markus Hirsch [sel. A.] – Frankfurt a.M. In: Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenthum 34 (06.11.1893) 88, Beilag …

Weder die Biographien der Krankenschwestern und Pfleger des Rothschild’schen Hospitals noch die ihrer ärztlichen Vorgesetzten wurden bislang erforscht. Die folgenden Hinweise sollen zur Spurensuche und Erinnerungsarbeit anregen.

Dr. Marcus Hirsch: Gründungsarzt – Leiter einer Kurklinik – Mitbegründer des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins
Die Anfänge des Rothschild’schen Hospitals im Unterweg 20 (heute Schleidenstraße 20) seit 1870 und seine Expansion im neuen großen Klinikgebäude Röderbergweg 97 seit 1878 sind mit dem Namen seines Gründungs- und ersten Chefarztes Dr. Marcus Hirsch verbunden. Zuvor hatte der praktische Arzt in Würzburg promoviert und berufliche Erfahrungen an Frauenkliniken in Prag und vermutlich auch Bozen (Südtirol) gesammelt. Geboren wurde Dr. Marcus Hirsch 1838 in Oldenburg (Niedersachsen) als Sohn des 1850 von der Israelitischen Religionsgesellschaft nach Frankfurt am Main berufenen Rabbiners Dr. Salomon Raphael Hirsch – bekannt als Begründer der jüdischen Neo-Orthodoxie in Deutschland – und seiner Frau Johanna geb. Jüdel (vgl. Arnsberg 1983, Bd. 1: 659). Er wuchs mit zahlreichen Geschwistern auf, die erste Medizinprofessorin Preußens, Dr. Rahel Hirsch, war seine Nichte. Verheiratet war er mit Johanna geb. Schwabacher und nach deren Tod mit Clementine geb. Tedesco; seine Enkel Dr. Remy Hirsch und Dr. Therese Friedemann praktizierten als Hautärzte.

Anzeige von Dr. Hirsch's Kurklinik zu Falkenstein im Taunus, 1879
Anzeige von Dr. Hirsch’s Kurklinik zu Falkenstein im Taunus, 1879 Der Israelit, 26.11.1879, http://www.alemannia-judaica.de/falkenstein_synagoge.htm

Die Recherche ergab, dass Dr. Marcus Hirsch seit den 1870er Jahren – zusätzlich zu seiner leitenden Tätigkeit im Rothschild’schen Hospital – im Kurort Falkenstein (heute Stadtteil von Königstein im Taunus) bei Frankfurt mit großem Erfolg eine orthodox-jüdische Kurklinik betrieb: die Dr. Hirsch’s Klimatische Heilanstalt für Brustkranke, Blutarme und Nervenleidende. In dem Periodikum Der Israelit vom 20. Juli 1881 berichtete ein Kurgast: „Erst seit wenigen Jahren hat Herr Dr. med. Hirsch aus Frankfurt am Main hier eine Anstalt gegründet, die […] sich eines großen und in der Tat wohlverdienten Rufes erfreut. Dieselbe […] erfreut sich einer so lebhaften Frequenz, dass in diesem Jahre zwei weitere Häuser zur Unterbringung der Fremden gemietet wurden und der Besitzer genötigt ist, eine weitgehende bauliche Vergrößerung der Anstalt vorzunehmen. Deutsche, Russen, Engländer, Franzosen und Holländer verkehren hier in einer so herzlichen, ungezwungenen Weise, dass man sich in eine große, zusammengehörige Familie versetzt glaubt […]. Auch Nichtjuden zählt der gesellige Kreis. […] Dass sämtliche Speisen und Getränke den rigorosesten Anforderungen des Religionsgesetzes entsprechen, braucht nicht erst erwähnt zu werden. […] Einer der christlichen Gäste hielt mir dieser Tage einen ganzen Lobhymnus über die jüdische Küche, die er hier zum ersten Male kennen lernte. Dabei sind im Vergleich zu anderen Kurorten und der Reichlichkeit alles hier Gebotenen die Preise so außerordentlich billig, dass auch weniger bemittelte Leute in der Lage sind, einige Wochen hier zu leben. […] Es ist jedenfalls nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass die hiesige Pensions-Anstalt des Herrn Dr. Hirsch in ihrer Art einzig dasteht […]“ (Anonym. 1881: 730). In den 1880er Jahren wurde Dr. Hirschs Kurklinik in Falkenstein weiter ausgebaut und modernisiert.

Deckblatt: Marcus Hirsch, Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts.
Marcus Hirsch, Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1893, Cover

Derweil ruhte auch in Frankfurt am Main die Arbeit nicht, wo Dr. Marcus Hirsch zusätzlich im ebenfalls orthodox-jüdisch geleiteten Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen behandelte. 1889 bewegte ihn die Armut vieler Glaubensgenossen zur Gründung des Vereins zur Pflege und Unterstützung israelitischer Kranker ‚Bikkur Cholim‘, der bedürftige jüdische Kranke und Genesende nach ärztlicher Anweisung kostenlos mit Lebens-, Stärkungs- und Heilmitteln versorgte. Besondere Verdienste erwarb sich Dr. Marcus Hirsch bezüglich der Professionalisierung der Krankenpflege als jüdischem Frauenberuf: Er war Mitinitiator der ersten jüdischen Schwesternvereinigung des Kaiserreichs, dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Die Gründung im Oktober 1893 konnte er noch erleben, verstarb aber, keine 55 Jahre alt, in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1893. So verlor der Vorstand des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins „bereits im ersten Vereinsjahre […] einen trefflichen Arzt und hochgeschätzten Führer des gesetzestreuen Judentums“ (Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: 32f.). Auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße sprach auch Dr. Simon Kirchheim, Vorsitzender des Schwesternvereins und Chefarzt des Königswarter Hospitals der liberalen Israelitischen Gemeinde Frankfurt, am Grab seines orthodox-jüdischen Kollegen. Für wenige Stunden schlug die Beerdigungsfeier für Dr. Marcus Hirsch eine Brücke zwischen den beiden einander entfremdeten Frankfurter jüdischen Gemeinden.
Der Nachwelt hinterließ Dr. Marcus Hirsch das Buch Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts (vgl. Hirsch 1893, siehe auch ders. 1866 sowie 1890) als Vermächtnis, in dem er eindringlich vor dem Antisemitismus warnte – „anerkanntermaßen eines der hervorragendsten, eingehendsten, schlagendsten und populärsten Werke, die zur Abwehr der schmählichen Angriffe auf Juden und Judenthum verfasst worden sind“ (Hirsch [Nachruf] 1893: 1675).

Fotografie: Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild'schen Hospitals, undatiert (um 1910
Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Elieser Rosenbaum, Chefarzt des Rothschild’schen Hospitals, undatiert (um 1910) © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Paul Arnsberg Collection AR 7206

Die Chefärzte Geheimer Sanitätsrat Dr. Elieser Rosenbaum und Dr. Sally Rosenbaum (Vater und Sohn), weitere Ärzte
Dr. Marcus Hirschs Nachfolger als Chefarzt des Rothschild’schen Hospitals – die gleiche Position bekleidete er später auch im benachbarten Mathilde von Rothschild’schen Kinderhospital – wurde Geheimer Sanitätsrat Dr. Elieser Rosenbaum. Der praktische Arzt war langjähriger Vorsitzender der Israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt am Main. Dr. Elieser Rosenbaum wurde 1850 geboren. Die Angaben zu seinem Geburtsort sind widersprüchlich, sehr wahrscheinlich stammt er aus der bayerisch-fränkischen Rabbiner- und Gelehrtenfamilie Rosenbaum. Mit seiner Frau Ida hatte er mehrere Kinder; ein Enkel war Rabbiner Jehuda Leo Ansbacher (vgl. Arnsberg 1983, Bd. 3: 20). Im Januar 1922 verstarb Dr. Elieser Rosenbaum an seiner Wirkungsstätte, dem Rothschild’schen Hospital. Wie Dr. Marcus Hirsch liegt er auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße begraben. In die Fußstapfen als Chefarzt der beiden Rothschild’schen Spitäler trat 1922 sein Sohn Dr. Sally Rosenbaum, Jahrgang 1877 und ein gebürtiger Frankfurter. Ende 1939 musste der praktische Arzt und Kinderarzt die Klinikleitung wegen eines Augenleidens aufgeben. Am 20. Oktober 1941 wurde Dr. Sally Rosenbaum zusammen mit seiner Frau Lina, die aus der alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familie Schwarzschild stammte, in das Lager Litzmannstadt/Lodz (vgl. Löw 2006) deportiert; das Ehepaar gilt als verschollen.

Die Satzungen des von seinem Selbstverständnis her orthodox-jüdischen Rothschild’schen Hospitals hielt die Möglichkeit einer Einstellung nichtjüdischer und christlicher Ärzte ausdrücklich fest. So waren die Stellvertreter von Dr. Marcus Hirsch und Dr. Elieser Rosenbaum, Dr. Heinrich Schmidt (seit 1878) und sein Nachfolger Dr. (Carl?) Cassian (vermutlich seit 1890) sowie Hofarzt Dr. Heinrich Roth sehr wahrscheinlich nichtjüdisch. Zu den jüdischen Ärzten des Hospitals gehörte der Chirurg und Urologe Dr. Willy Hofmann, ein Schwiegersohn von Abraham Erlanger, dem Begründer und langjährigen Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Luzern (Schweiz). Anlässlich der feierlichen Einweihung des großen Hospital-Umbaus im September 1932 hielt er eine Rede über die Verbindungen von jüdischer Sozialethik und medizinischer Heilung (vgl. Hofmann 1932).

Publikation von Dr. med. Willy Hofmann (Deckblatt); Die Stellung der jüdischen Weltanschauung zu Krankheit, Arzt und Medizin. Rede zur Einweihungsfeier des Hospital-Umbaus der Georgine Sara von Rothschildschen Stiftung zu Frankfurt a. M. am 18. September 1932
Publikation von Dr. med. Willy Hofmann (Deckblatt) Nachweis: Hofmann, Willy 1932: Die Stellung der jüdischen Weltanschauung zu Krankheit, Arzt und Medizin. Rede zur Einweihungsfeier des Hospital-Umbaus der Georg …

Sein weit über Frankfurts Grenzen hinaus als Spezialist für Blinddarmoperationen gefragter Kollege Dr. Sidney Adolf Lilienfeld praktizierte zugleich auch im evangelischen Bethanien-Krankenhaus (vgl. Nördinger/Bauer 2008). In seiner Geburtsstadt Frankfurt war Dr. Lilienfeld, Bruder (Mitglied) der angesehenen Hermann-Cohen-Loge (B’nai B’rith, Frankfurt a.M.), überdies als Sammler von Francofurtensien und Förderer klassischer Musik bekannt, mitunter spielte er selbst Geige im Orchester der Frankfurter Oper. Als er infolge der rassistischen NS-Repressalien seine langjährige Arbeitsstätte, das Bethanien-Krankenhaus, nicht mehr betreten durfte, übernahm er bis zu seiner erzwungenen Emigration 1939 nach England die Leitung der Chirurgie des Rothschild’schen Hospitals. Ein weiterer renommierter Chirurg, tätig an beiden Rothschild’schen Spitälern sowie im Gumpertz’schen Siechenhaus, war Geheimer Sanitätsrat Dr. Oskar Pinner. Der praktische Arzt und Geburtshelfer Dr. Godchaux Schnerb entstammte mit hoher Wahrscheinlichkeit der Rabbiner- und Gelehrtenfamilie Schnerb aus Merzig (Saarland) und war vermutlich ein Sohn des Frankfurter Münzkaufmanns Moses Schnerb, Leiter des Synagogenchors der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt und 1937 im Rothschild’schen Hospital verstorben. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch Dr. Adolf Löwenthal (Urologie) und Dr. Arnold Merzbach (Neurologie).

Der letzte Chefarzt: Dr. Franz Grossmann
Als Nachfolger des 1939 ausgeschiedenen Dr. Sally Rosenbaum beauftragte die Frankfurter jüdische Gemeinde einen Katholiken: den Chirurgen Dr. Franz Stefan Grossmann, der von dem kaufmännischen Leiter des Rothschild’schen Hospitals, Artur Rothschild, unterstützt wurde. Dr. Grossmann, 1904 in Berlin als Jude geboren, war vor seiner Trauung mit einer Christin 1931 zum katholischen Glauben konvertiert, galt aber nach den Nürnberger NS-Rassegesetzen dennoch als „Volljude“. Angeblich deshalb, weil er sich nicht als Mitglied der Frankfurter jüdischen Gemeinde gemeldet hatte, geriet er im Januar 1943 in Gestapohaft. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Frankfurter jüdischen Krankenhäuser längst zwangsaufgelöst und ‚arisiert‘. Dr. Franz Grossmann konnte das Vernichtungslager Auschwitz als Häftlingsarzt überleben und war zuletzt im KZ Mauthausen (Österreich) inhaftiert. Nach der Befreiung kehrte er zu seiner in Frankfurt zurückgebliebenen Familie zurück. Trotz gesundheitlicher Schäden setzte der angesehene Chirurg seine Laufbahn fort und wurde in der südhessischen Kurstadt Bad Homburg ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses Obertaunus. 1953 holten ihn die Spätfolgen der KZ-Haft ein: Dr. Franz Grossmann erlag mit 48 Jahren einem Herzinfarkt. „Am Todestag des Vaters erfuhr sein damals 17 Jahre alter Sohn Franz […], dass sein Vater, den er nur als sehr frommen Katholiken kannte, jüdischer Abstammung war“ (zit. n. Hirschmann 2011: 12). Auf den Namen des letzten Chefarztes des Rothschild’schen Hospitals stieß die Autorin dieses Artikels dank der biographischen Spurensuche des Sohnes Franz Grossmann.

Die Pflegenden

Fotografie: Zilli Heinrich, Krankenschwester, um 1939
Zilli Heinrich, um 1939 © Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Als schwierig erweist sich die Spurensuche nach Pflegenden sowie weiterem Personal auch im Hinblick auf das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung und das Mathilde von Rothschild’sche Kinderhospital; so sind Schwestern und Pfleger in Jahres- und Rechenschaftsberichten nicht namentlich erwähnt. Einige Personendaten enthalten die im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ISG Ffm) aufbewahrten Hausstandsbücher Bornheimer Landwehr 85 (jüdisches Schwesternhaus) und Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde). Zwischen dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main und dem Rothschild’schen Hospital können, wie Hilde Steppe 1997 in ihrer Doktorarbeit über die Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland konstatierte, „personelle Verbindungen erst in den 30er Jahren nachgewiesen werden, als 1932 drei Krankenschwestern des Vereins aus dem Schwesternhaus dorthin umziehen und in den folgenden Jahren einzelne Krankenschwestern sowohl von dort wieder in das Schwesternhaus zurückkommen als auch andere dorthin ziehen. Nach der Zwangsschließung […] ziehen sieben Krankenschwestern von dort in das Krankenhaus in der Gagernstraße 36 ein“ (Steppe 1997: 259f.). Die Autorin dieses Beitrags konnte im Institut für Stadtgeschichte zusätzlich das Hausstandsbuch Rhönstraße 47-55 – einem Gebäudekomplex nahe des Röderbergwegs, der sich teilweise im Besitz der Rothschild’schen Stiftung befand, die dort Personalwohnungen bereitstellte – recherchieren, das weitere verschollene Namen und Daten enthält. Dennoch bleibt die Quellenlage dürftig und der nun folgende Überblick über den Pflegepersonalbestand entsprechend lückenhaft. Vor allem fehlen bislang Informationen zu Rothschild’schen Pflegekräften der ersten Ausbildungsgeneration (1860er und 1870er Geburtsjahrgänge).

Jahrgänge 1886–1900

Fotografie: Ottilie Winter, Krankenschwester, o.J. (um 1930)
Ottilie Winter, o.J. (um 1930) © Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Ottilie Winter, genannt „Tille“, wurde 1886 in Kempen (Nordrhein-Westfalen) am Niederrhein geboren. 1915 erhielt sie ihre Ausbildung im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Die erfahrene Krankenschwester pflegte u.a. im jüdischen Krankenhaus Gagernstraße, in der hessischen Kurstadt Bad Nauheim und zuletzt im Rothschild’schen Hospital. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, ihr Leben endete vermutlich 1944 in Auschwitz.

Sara Jameson, 1887 in London geboren, war britische Staatsbürgerin. Am 29. Dezember 1934 meldeten britische Medien, dass Schwester Sara am 24. Dezember nach dem Verlassen eines Frankfurter jüdischen Schuhgeschäfts antisemitisch beleidigt wurde und sofort bei dem zuständigen Generalkonsul Beschwerde einlegte. Der Frankfurter Polizeipräsident musste sich daraufhin offiziell entschuldigen (vgl. http://search.findmypast.ie/search/british-newspapers?firstname=sarah&lastname=jameson, Aufruf v. 02.02.2015). Aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung kehrte Sara Jameson vermutlich nach England zurück.

Erna Sara Heimberg, 1889 in dem Dorf Madfeld (Nordrhein-Westfalen) im Sauerland geboren, wurde 1911 im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ausgebildet. Im Ersten Weltkrieg versorgte sie als OP-Schwester verwundete Soldaten. 1936 kehrte sie aus Mannheim nach Frankfurt in das jüdische Schwesternhaus zurück. Ihre Fluchtversuche in das britisch kontrollierte Mandatsgebiet Palästina scheiterten. Erna Sara Heimberg war vermutlich die letzte Oberin des im Frühjahr 1941 NS-liquidierten Rothschild’schen Hospitals und danach des letzten Frankfurter jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße. Sie wurde am 15. September 1942 mit Ottilie Winter und weiteren Kolleginnen nach Theresienstadt deportiert und 1944 mit hoher Wahrscheinlichkeit in Auschwitz ermordet.

Fotografie: Amalie Stutzmann, Krankenschwester, undatiert (um 1938)
Amalie Stutzmann, undatiert (um 1938) Nachweis: Markus Abraham Bar Ezer, Die Feuersäule, S. 2

Amalie Stutzmann, 1890 in Keskastel (Elsass, heute Frankreich) geboren und evangelisch getauft, trat 1931 zum Judentum über. Vermutlich hätte sie sich, nach den Nürnberger NS-Rassegesetzen als Nichtjüdin geltend, retten können, ging jedoch am 11. November 1941 gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen den Weg der Deportation. Er führte nach Minsk in Weißrussland, wo sich Amalie Stutzmanns Lebensspuren verlieren. Zu ihrem Gedenken wurde 2010 – in Anwesenheit ihres Sohnes Abraham Bar Ezer (Markus Stutzmann) und seiner Tochter Amalya – ein Stolperstein im Frankfurter Ostend (Sandweg 11) verlegt.

Ruth Kauders, 1894 in München geboren, wurde 1918 im Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ausgebildet. Sie befand sich im gleichen Deportationszug wie Ottilie Winter und Erna Sara Heimberg. Schwester Ruth wurde vermutlich in Theresienstadt ermordet (vgl. Gedenkbuch München). Emilia Schäfer, 1898 in Langsdorf bei Gießen (Hessen) geboren, war wie Amalie Stutzmann evangelisch. Weder von ihr noch von Jetti Ettlinger (geb. Diamant), 1900 in Szolnok (Ungarn) geboren, sind weitere biographische Daten bekannt. Ungefähr im gleichen Alter war Ruth (Retha) Kahn; sie ging nach ihrer Ausbildung im Rothschild’schen Hospital nach Nürnberg und wurde 1920 Mitglied des dortigen jüdischen Schwesternvereins.

Jahrgänge 1905 bis 1912

Selma Lorch, um 1930 Nachweis: Keim, Günter 1993: Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg. [Hg.: Magistrat der Stadt Dieburg]. Dieburg, S. 130  © Stadtarchiv Dieburg
Käthe Popper wurde 1905 im niedersächsischen Lingen, nahe der niederländischen Grenze, geboren. Sie war die Tochter des Lehrers und Kantors Ignatz Popper, der u.a. Sophie Landsberg (siehe unten) unterrichtete. Schwester Käthe arbeitete seit den späten 1930er Jahren im Rothschild’schen Hospital. 1941 wurde sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester Lea nach Kauen (Kowno, Litauen, vgl. Dieckmann 2011) deportiert; die Familie fiel am 25. November 1941 vermutlich den brutalen Massenerschießungen auf der Festung Fort IX zum Opfer.

Auch Selma Lorch, 1906 in Dieburg (Hessen) geboren, pflegte nur für kurze Zeit – als Lernschwester – im Rothschild’schen Hospital. Zuvor war sie als Hausangestellte gemeldet. Nach der Zwangsschließung des Hospitals musste sie in das jüdische Krankenhaus Gagernstraße umziehen und war dort bis zum 29. Juni 1942 gemeldet. Danach wurde sie „evakuiert“, was die Deportation in ein Vernichtungslager im Osten bedeutete. Zuvor hatten die Nationalsozialisten bereits Selma Lorchs Mutter und ihre beiden jüngeren Schwestern von Darmstadt in das Ghetto Piaski verschleppt. Alle vier Frauen gelten als verschollen, ihr Todestag wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Regine Goldsteen wurde 1907 in Bentheim (heute Bad Bentheim, Niedersachsen) nahe der niederländischen Grenze geboren. 1929 zog die junge Frau nach Frankfurt am Main in das jüdische Schwesternhaus. Seit 1935 wohnte und pflegte sie im Rothschild’schen Hospital. Mit ihren Eltern und beiden Schwestern flüchtete sie im November 1939 in die Niederlande, die jedoch nur wenige Monate später nationalsozialistisch besetzt wurde. Regine Goldsteen wurde 1943 im NS-Lager Vught/Herzogenbusch inhaftiert und danach über das Durchgangslager Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor (Polen) deportiert. Für die Familie Goldsteen wurden 2006 die ersten Stolpersteine in Bad Bentheim verlegt.

Luise Fleischmann kam 1908 im oberfränkischen Oberlangenstadt (heute Ortsteil von Küps, Bayern) zur Welt. 1931 zog sie nach Frankfurt am Main in das jüdische Schwesternhaus, 1932 als Lehrschwester in das Rothschild’sche Hospital. Luise Fleischmann kehrte Nazideutschland am 15. März 1933 den Rücken und emigrierte nach Paris. Ebenfalls aus Bayern stammte die 1909 in Würzburg (Unterfranken) geborene Rosa (Ruth) Goldschmidt. 1928 zog sie von Hanau (Hessen) nach Frankfurt in das jüdische Schwesternhaus und von dort 1932 in das Rothschild’sche Hospital. 1936 ging sie nach Bad Kissingen (Unterfranken, Bayern).

Bertha Klein (geb. Feldmann), 1910 in Frankfurts Nachbarstadt Offenbach am Main geboren, war eine jüdische Judenretterin (vgl. Bonavita 2009). Auch sie gehörte in den 1930er Jahren zum Pflegepersonal des Rothschild’schen Hospitals. Selbst antisemitisch gefährdet, unterstützten Schwester Bertha und ihr Ehemann, der Mathematiker, Physiker und Lehrer Emil Klein, jüdische NS-Verfolgte auf der Flucht. Emil Klein wurde verhaftet und in Auschwitz ermordet. Bertha Klein und ihre kleinen Söhne Ralph und Alex konnten überleben und wanderten 1950 nach Israel aus.

Fotografie: Selma Lorch mit ihren Eltern Rosa und Gustav Lorch II und ihrer Schwester Ilse im Garten des Elternhauses, 1933
Selma Lorch mit ihren Eltern Rosa und Gustav Lorch II und ihrer Schwester Ilse im Garten des Elternhauses, 1933 Nachweis: Keim, Günter 1993: Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg. [Hg.: Magistrat der Stadt Dieburg]. Dieburg, S. 130 – © Stadtarchiv Dieburg

Selma Lorch, 1940, Kennkarte Nr. 606
Selma Lorch, 1940, Kennkarte Nr. 606 Nachweis: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Sig. B 5.1., Abt. IV, 606

Auf eine weitere Krankenschwester sowie zwei Mitarbeiterinnen des Rothschild’schen Hospitals machte uns Amalie Stutzmanns Enkelin Amalya Shachal aufmerksam: Adele Nafschi (geb. Seligmann), 1911 in Hamburg geboren, zog 1930 von Berlin nach Frankfurt in das jüdische Schwesternhaus. Von 1931 bis 1933 pflegte sie im Rothschild’schen Hospital, wo auch Bella Flörsheim (geb. Posen) sowie in der Küche der Klinik Aranka Kreismann arbeiteten. Alle drei Frauen retteten sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Palästina (vgl. Shachal 2010).

Alfred Hahn gehörte zu den wenigen Männern in der Krankenpflege, wobei er diesen Beruf vermutlich deshalb ergriff, um emigrieren zu können. Er wurde 1911 in Gudensberg (Hessen) geboren und kam 1938 von Kassel nach Frankfurt am Main. Vermutlich lernte er seine Ehefrau, die 1911 in Kitzingen (Unterfranken, Bayern) geborene Krankenschwester Berta Hahn (geb. Schuster) – sie kam 1940 aus Fürth nach Frankfurt – im Rothschild’schen Hospital kennen. Nach der NS-Zwangsauflösung der Klinik zogen beide im Mai 1941 in das jüdische Krankenhaus Gagernstraße um. Am 24. September 1942 wurde das Ehepaar Hahn mit anderen Kolleginnen und Kollegen über Berlin nach Raasiku bei Reval (Estland) deportiert. Die 33jährige Berta Hahn wurde am 19. Januar 1945 im KZ Stutthof bei Danzig (Polen) ermordet, wohin vermutlich auch Alfred Hahn, der als verschollen gilt, verschleppt wurde. Ebenfalls in Stutthof ermordet wurde Juliane Wolff, zuletzt Stationsschwester im Rothschild’schen Hospital. Der 1912 in Bocholt (Nordrhein-Westfalen) geborenen Tochter der ersten jüdischen Bundestagsabgeordneten Jeanette Wolff ist ein eigener Artikel (Teil 5) gewidmet.

 

 

 

Jahrgänge 1915-1922

Fotografie: Regina Herz, o.J. (um 1940)
Regina Herz, o.J. (um 1940) Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

 

Dass das Rothschild’sche Hospital während der NS-Zeit antisemitisch Verfolgten Unterschlupf bot, zeigt das Beispiel von Regina Herz (geb. 1915 in Bengel an der Mosel, Rheinland-Pfalz): Nach der Verwüstung ihrer Offenbacher Wohnung während des Novemberpogroms 1938 war sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Johanna in das benachbarte Frankfurt geflüchtet. Sie war vermutlich nicht die einzige, die sich im Rothschild’schen Hospital ‚illegal‘ aufhielt. Dort beteiligte sie sich an der Versorgung der Kranken, war doch die Klinik angesichts des NS-bedingten fluktuierenden Personalbestands froh über jede tüchtige Pflegekraft, auch wenn Regina Herz vermutlich keine ausgebildete Krankenschwester war.
Hingegen lernte Johanna Herz, 1921 in Bengel geboren, Krankenschwester im Frankfurter jüdischen Schwesternhaus; sie pflegte im Krankenhaus Gagernstraße. Um 1941 verschlug es die Schwestern Herz nach Berlin, wo beide Zwangsarbeit leisten mussten. Während sich ihre Mutter noch rechtzeitig nach Argentinien retten konnte, wurden Regina und Johanna Herz im März 1943 mit zwei unterschiedlichen Transporten in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Das Datum der Ermordung der beiden jungen Frauen wurde auf den 31. Dezember 1945 festgesetzt.

Jonas Neuberger wurde 1916 in Berlin geboren, wo sein Vater Menachem Max Neuberger als Gemeindesekretär der dortigen orthodox-jüdischen Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) tätig war. Nach Abschluss seiner kaufmännischen Lehre in einem Berliner Metallbetrieb wurde er dort als Angestellter übernommen, verlor aber 1936 aufgrund der NS-Verfolgung seinen Arbeitsplatz. Jonas Neuberger strebte die Hachschara, die Vorbereitung auf eine Rückkehr aus der Galut (deutsch: Verbannung; jüdische Diaspora) in das Gelobte Land der Väter (Israel) an. Um seine Chancen auf eine Emigration aus Nazideutschland zu verbessern, ließ er sich von 1936 bis um 1939 im Berliner orthodox-jüdischen Israelitischen Krankenheim (Adass Jisroel), Elsässer Straße 85, zum Krankenpfleger ausbilden. Nach erfolgreicher Diplomprüfung ging er im Oktober 1940 nach Frankfurt am Main, wo er vermutlich sofort im Rothschild’schen Hospital arbeitete. Nach der Klinikauflösung im Mai 1941 wohnte er vorübergehend in einer Rothschild’schen Personalwohnung in der Rhönstraße und war danach im Krankenhaus Gagernstraße gemeldet. Die Umstände seiner Deportation sind bislang unbekannt. Noch keine 26 Jahre alt, wurde Jonas Neuberger am 25. Juli 1942 im Vernichtungslager Majdanek ermordet.

Fotografie: Johanna Herz, o.J. (um 1940)
Johanna Herz, o.J. (um 1940) Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Auch das junge Leben der 1920 in Leer (Niedersachsen) geborenen jüdischen Ostfriesin Sophie Landsberg endete in der Schoah. Schwester Sophie, auch Sonni oder Henny gerufen, pflegte vermutlich von 1939 bis zur Klinikauflösung im Mai 1941 im Rothschild’schen Hospital. Kurz darauf verließ sie Frankfurt in Richtung Würzburg; ihr Deportationsweg verlief ab Nürnberg über Theresienstadt nach Auschwitz. Zu der jüngsten und infolge der Schoah letzten Generation deutsch-jüdischer Krankenschwestern gehörte auch die 1921 in Würzburg (Unterfranken, Bayern) geborene Fanny Ansbacher. Sie lernte vom Mai 1940 bis Februar 1941 Krankenschwester am Rothschild´schen Hospital. Wie bei Jonas Neuberger scheiterte die von ihr beabsichtigte Hachschara. Am 3. März 1943 wurde sie von Berlin nach Auschwitz deportiert, wo sie zunächst als Krankenpflegerin auf der Krankenstation Birkenau überleben konnte. Noch im gleichen Jahr erkrankte sie an Typhus und erlag den Folgen von Aushungerung und Unterversorgung. Für Fanny Ansbacher und ihre Familie wurden 2006 in Würzburg Stolpersteine verlegt.

Zilli Heinrich, Jahrgang 1922, war eine der wenigen gebürtigen Frankfurterinnen im Rothschild’schen Hospital. Nach dem Besuch der Samson-Raphael-Hirsch-Schule lernte sie Krankenschwester im Rothschild’schen Hospital, auch ihre Mutter Emilie Hirsch war dort gemeldet. Vermutlich pflegte Zilli Heinrich auch im Rothschild’schen Kinderhospital. 1940 wurde sie aus ihrem beruflichen Werdegang gerissen, um Zwangsarbeit in einer Waffenfabrik zu leisten. Von Frankfurt (letzte Wohnadresse: Am Tiergarten 28) wurden Zilli und Emilie Heinrich am 22. November 1941 nach Kauen (Kowno, Litauen) deportiert. Dort fiel sie – wie ihre älteren Kolleginnen Käthe Popper (siehe oben) und Käthe Mariam – am 25. November 1941 mit ihrer Mutter gleich nach der Ankunft den Massenerschießungen im Fort IX zum Opfer.

Fotografie: Zilli Heinrich und ihre Mutter Emilie Heinrich, um 1939
Zilli Heinrich und ihre Mutter Emilie Heinrich, um 1939 © Yad Vashem, Jerusalem (Gedenkblatt)

Schlussbemerkung und Dank
Die hier vorgestellten biographischen Wegweiser führten zu 23 Pflegekräften des Rothschild’schen Hospitals. Von ihnen waren zwei männlich. Zwei waren evangelische Christinnen vermutlich nichtjüdischer Herkunft, von denen eine zum Judentum konvertierte. Jeweils drei Pflegende stammten aus den heutigen nördlichen Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, eine aus der heutigen Rheinland-Pfalz, eine aus Hamburg, einer aus Berlin, fünf aus Bayern, eine aus England, eine aus Ungarn, eine aus dem heute französischen Elsass, bei einer Pflegenden ist die Herkunft unbekannt. Fünf wurden in Hessen geboren, darunter als einzige Frankfurterin Zilli Heinrich. Nur wenigen gelang die Emigration, die meisten wurden in der Schoah ermordet.
An dieser Stelle sei auch an Emma Rothschild (geb. 1894 in Echzell, Hessen) erinnert. Aus schwierigen Verhältnissen – sie war zeitweise Heimkind im Frankfurter Israelitischen Waisenhaus im Röderbergweg – hatte sie sich zur langjährigen Oberin des Rothschild’schen Kinderhospitals hochgearbeitet. Oberin Emma war keine gelernte Krankenschwester, sondern Kindergärtnerin; das renommierte reformpädagogische Fröbel-Kindergärtnerinnen-Seminar verließ sie mit einem Examen erster Klasse. Nach der NS-Zwangsschließung des Rothschild’schen Kinderhospitals im Juni 1941 leitete sie die Mädchenabteilung der Israelitischen Waisenanstalt. Emma Rothschild wurde (wie ihre Schwestern Sophie und Dina Rothschild) am 8. Mai 1945 für tot erklärt; Deportationsdatum und Deportationsziel konnten bislang nicht herausgefunden werden.

Der besondere Dank der Autorin geht an Dr. Peter Honigmann (Zentralarchiv zur Erforschung der Juden in Deutschland, Heidelberg), Sandra Jahnke und Dr. Siegbert Wolf (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M.), Michael Simonson und Lottie Kestenbaum (Leo Baeck Institute), Gisela Marzin und Janine Wolfsdorff (Stadtarchiv Dinslaken), Monika Rohde-Reith (Stadtarchiv Dieburg), Michael Lenarz (Jüdisches Museum Frankfurt a.M.) und die Pflegehistorikerin Petra Betzien (Düsseldorf).

Birgit Seemann, 2017

Unveröffentlichte Quellen


CAHJP: The Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem:

Sammlung Familien Friedemann / Hirsch – P 59 (1828-1947), mit Dokumenten zur Dr. Marcus Hirsch und seiner Familie

 HHStAW Wiesbaden: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden:

Entschädigungs-, Rückerstattungs- und Devisenakten

 ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbuch Sig. 186/742: Rhönstraße 47-55 (Personalwohnungen der Rothschild’schen Stiftung)

Hausstandsbuch Sig. 655: Bornheimer Landwehr 85 (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Schwesternhaus)

Hausstandsbücher Sig. 686, Sig. 687: Gagernstraße 36 (Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a.M.) Magistratsakten V Sig. 707 (1922)

Hirsch, Marcus: Sammlung Personengeschichte S 2, Sig. 15.893 (mit Auszug aus dem Frankfurter Einwohnermelderegister)

Lilienfeld, Sidney Adolf, Sammlung Personengeschichte S 2, Sig. 390

Pinner, Oskar, Nachlass Sig. S 1-368 (Laufzeit 1926-1928)


Rosenbaum, Elieser, Sterbeurkunde, Personenstandsunterlagen, Sig. 1922/V/35

 StA Dinslaken: Stadtarchiv Dinslaken:

Sammlung Jeanette Wolff: Wolff, Juliane: Dokumente, Fotos

 Zentralarchiv Heidelberg: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Heidelberg:

Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939: http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm: Lorch, Selma (27.10.1906) Frankfurt, 606

Literatur


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Links (Aufruf v. 23.10.2017)

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Blume, Gisela Naomi o. J. [2010]: Jüdische Fürther, http://www.juedische-fuerther.de

Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945. Hg.: Landeshauptstadt München: Stadtarchiv: https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Stadtarchiv/Juedisches-Muenchen/Gedenkbuch.html

Compact Memory (Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt a.M.: Digitale Sammlungen: Judaica): http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/

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Klein, Hans-Peter/Pettelkau, Hans (Hg.) 2014: Juden in Nordhessen: http://jinh.lima-city.de/index.htm (Stand: 10.08.2017)

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Seckbach, Raziel Yohai 2014a: Eliezer [sic] Rosenbaum, http://www.geni.com/people/Eliezer-Rosenbaum/6000000002528345033 (private genealogische Website, Stand: 21.11.2014)

Seckbach, Raziel Yohai 2014b: Sally Rosenbaum, http://www.geni.com/people/Sally-Rosenbaum/6000000003674607604 (private genealogische Website, Stand: 29.11.2014)

Stolz, Benita/ Försch, Helmut: Würzburger Stolpersteine, http://www.stolpersteine-wuerzburg.de