Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Sozialgeschichte der jüdischen Altenpflege und Altenhilfe – ein Forschungsdesiderat

Jüdische Sozialarbeit in Deutschland hat eine lange Geschichte […]. Die jüdische Altenarbeit wiederum war immer ein Teil der Sozialarbeit. […] Nach dem von der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) 1932 herausgegebenen ‚Führer durch die jüdische Wohlfahrtspflege‘ gab es zu dieser Zeit allein 58 jüdische Altenheime mit einer Kapazität von 2.489 Betten. Darüber hinaus existierten z.B. acht allgemeine Krankenhäuser mit 1.383, sechs Krankenhäuser in Verbindung mit Altenheimen mit 439 sowie 52 Sanatorien und Rekonvaleszensheime mit mehr als 3.000 Betten“ (vgl. Altenpflege 2001/11: Bloch/ Weitzel-Polzer, S. 38).

Während zur Krankenpflege in Deutschland inzwischen historische Gesamtdarstellungen (u.a. Hähner-Rombach 2008; Steppe 1997) vorliegen, ist die Sozialgeschichte der Altenpflege und Altenhilfe – abgesehen von Einzelstudien (wie Graber-Dünow 2013; Irmak 2002; Sostmann 2008; siehe auch IGM Bosch) – bislang noch nicht geschrieben (vgl. Blessing 2011). Dabei erscheint gerade die Rekonstruktion ihres jüdischen Anteils als besonders dringlich, da er in der Schoa (Holocaust) vernichtet wurde. Hier bedeutet die Spurensuche Erinnerungsarbeit: zu Persönlichkeiten wie den Betreuenden und den Betreuten, Stifterinnen und Verwaltern; zu Institutionen wie Altersheimen und Siechenhäusern, zu Baugeschichte und Innenarchitektur, Quellen und Medien, Diskursen und Ausbildungskonzepten.
Was aber ist eine jüdische Altenpflege und Altenhilfe? Diese Forschungsfrage führt zu den Selbstdefinitionen ihrer Akteure: Wie grenzte sich etwa die konservativ-jüdische Altenpflege von der liberal-jüdischen ab? Beide Richtungen bezogen sich auf die gleichen religiös-kulturellen Grundlagen: Bikkur Cholim (Krankenbesuch/Krankenpflege), Zedakah (soziale Gerechtigkeit mittels Wohlfahrt) und Gemilut Chasadim (Mildtätigkeit, Nächstenliebe). Diese zentralen Mitzwot (religiös-jüdische Pflichten) schlossen die Betreuung von kranken, gebrechlichen und pflegebedürftigen Nichtjuden und Nichtjüdinnen mit ein.

Andererseits beförderten christliche Judenfeindschaft und seit dem 19. Jahrhundert ein säkularisierter ‚politischer‘ Antisemitismus eine eigene jüdische Altenfürsorge. Es gab aber auch jüdisch-christliche Wohnprojekte wie das bis heute bestehende, von dem jüdischen Stifterpaar Henry und Emma Budge begründete Frankfurter Budge-Heim (vgl. Budge-Heim Ffm). Im Zuge der ‚Nürnberger Rassengesetze‘ trennten die Nationalsozialisten den von ihnen zur Vernichtung bestimmten ‚jüdischen‘ Teil der Altenpflege und Altenhilfe von dem ‚arischen‘ ab; die meisten jüdischen Seniorinnen und Senioren konnten Nazideutschland nicht mehr verlassen und wurden – selbst als Hochbetagte – in das ‚Altersghetto‘ und Durchgangslager Theresienstadt deportiert (vgl. Theresienstädter Initiative). Die jüdisch gestifteten Alters- und Pflegeheime wurden samt Inventar ‚arisiert‘.
Zu den wichtigsten Aufgaben einer historischen Forschung und Aufarbeitung gehört deshalb die Recherche der verschollenen Biographien der jüdischen Altenpflege und Altenhilfe: ihre Herkunft (Familien- und Regionalgeschichte), ihre Stellung zum Judentum, ihre Lebens- und Berufsstationen sowie gesellschaftlichen Aktivitäten, ihre Angehörigen und Nachkommen. Hier lohnen sich der Gang in das Stadt- oder Gemeindearchiv (vgl. Überblick über die deutsch-jüdischen Gemeinden bei Alicke 2008; Alemannia Judaica) und die Kontaktaufnahme zu lokalhistorischen Expertinnen und Experten vor Ort. Für den Frankfurter Raum hat das Projekt www.juedische-pflegegeschichte.de mit der Aufarbeitung begonnen (vgl. Überblick bei Seemann 2013).

„Vornehmste Pflicht jeder Gemeinschaft ist es, für seine Alten und Kranken zu sorgen, und so gehörte es auch nach 1945 zu den dringendsten Verpflichtungen der neu entstehenden Jüdischen Gemeinde, ein Altersheim zu schaffen“ (Anonym. 1957). Anders als die jüdische Krankenpflege hat die jüdische Altenpflege und Altenhilfe nach der Schoa durch die Rückkehr betagter Überlebender aus den Lagern oder dem Exil in Deutschland wieder Fuß gefasst; sie blickt inzwischen auf mehrere Jahrzehnte einer ebenfalls noch weiter zu erforschenden Nachkriegsgeschichte zurück (vgl. z.B. Altenpflege 2001/11; Anonym. 1957). Interkulturell, mehrsprachig und sensibilisiert für Menschen mit (Extrem-)Traumatisierung, ist sie ‚geschult‘ im Umgang mit den tiefgreifenden Zäsuren im (Über-)Leben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner (vgl. Altenpflege 2001/11: Friedman/ Weitzel-Polzer; Altenzentrum JG Ffm). Inzwischen sind auch ‚Treffpunkte‘ für Schoa-Überlebende institutionalisierter Teil der jüdischen Altenhilfe in Deutschland (vgl. Rübel 2013; ZWST). Jetzt steht die nächste Generation – jene, die die Schoa als Kinder und Jugendliche überlebten (vgl. z.B. Child Survivors Deutschland) – vor den Anforderungen biographischer Trauma-Arbeit: „[…] nicht so wie bei denen, wo die Vergangenheit normal war im Sinne eines guten Starts, führen uns unsere Erinnerungen geradewegs zurück zum Alptraum, was das Leben damals war“ (Robert Krell, www.child-survivors-deutschland.de/das-geheimnis-und-die-wurde, Aufruf v. 13.05.2013). Geschichte und Gegenwart sind untrennbar miteinander verbunden.

Birgit Seemann, 2013

Literatur

Alicke, Klaus-Dieter 2008: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. 3 Bde. Gütersloh.

Altenpflege 2001/11: Altenpflege 26 (2001) 11 (November): Artikelserie „Jüdische Altenhilfe“, S. 38-47: Benjamin/ Weitzel-Polzer, Esther: Bewahrer der Tradition, S. 38-41; Kellersmann, Andreas: Zwischen Trauma und Aufbruch, S. 42-43; Müller-Erichsen, Maren: Viele reden gar nicht mehr! Interview: Holger Jenrich, S. 44; Friedman, Leo/ Weitzel-Polzer, Esther: Die Biografie als Ballast, S. 45-47.

Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945. Hg. von d. Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Anonym. 1957: Unsere Institutionen: II. Das Altersheim. In: Frankfurter Jüdisches Gemeindeblatt 3 (1957) 1 (Januar), S. 5-6.

Blessing, Bettina 2011: Die Geschichte des Alters in der Moderne: Stand der deutschen Forschung. In: Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung. Band 29. Berichtsjahr 2010. Hg. v. Robert Jütte. Stuttgart, S. 123-150.

Graber-Dünow, Michael 2013: Zur Geschichte der „Geschlossenen Altersfürsorge“ von 1919 bis 1945. In: Hilde Steppe (Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. 10., aktualis. u. erw. Aufl. Frankfurt/M., S. 245-255.

Hähner-Rombach, Sylvelyn (Hg.) 2008: Quellen zur Geschichte der Krankenpflege. Mit Einführungen und Kommentaren. Unter Mitarb. v. Christoph Schweikardt. Frankfurt/M.

Irmak, Kenan H. 2002: Der Sieche. Alte Menschen und die stationäre Altenhilfe in Deutschland 1924 – 1961. Essen [Diss. Univ. Bielefeld].

Rübel, Jan 2013: Man spricht deutsch. Holocaustüberlebende. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2013.

Sostmann, Renate 2008: Die Alten in der Großstadt. Kommunale, kirchliche und weitere Initiativen und Institutionalisierungen in Köln im 19. Jahrhundert und in der Weimarer Republik. Siegburg [mit einem Kapitel zur Kölner jüdischen Altenhilfe und Altenpflege].

Seemann, Birgit 2013: Historische Institutionen der jüdischen Altenpflege und Altenhilfe in Frankfurt am Main, www.juedische-pflegegeschichte.de (Rubrik „Beiträge“).

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.

Links zum Weiterforschen (Aufruf am 13. Mai 2013)

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica –Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: www.alemannia-judaica.de.

Altenzentrum JG Ffm: Altenzentrum Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main: www.altenzentrum.jg-ffm.de.

Budge-Heim Ffm: Senioren-Wohnanlage und Pflegeheim der Henry und Emma-Budge-Stiftung: www.budge-stiftung.de.

Bezirksregierung Düsseldorf, Bundeszentralkartei [für Entschädigungs- und Rückerstattungsakten], Merkblatt 08/2008: www.brd.nrw.de/wiedergutmachung/bundeszentralkartei_und_archiv/service/BZK_Merkblatt_dt.pdf.

Child Survivors Deutschland: www.child-survivors-deutschland.de.

DZA: Deutsches Zentrum für Altersfragen: www.dza.de.

IGM Bosch: Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung: http://igm-bosch.de (Rubrik: Sozialgeschichte der Pflege).

JM Ffm: Jüdisches Museum und Museum Judengasse Frankfurt am Main: Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz: http://juedischesmuseum.de [unveröff., im Museum abrufbar].

Theresienstädter Initiative: Institut Theresienstädter Initiative [mit Internet-Portal Holocaust.cz]: www.holocaust.cz/de/main.

Zentralarchiv JG: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj.

ZWST: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: www.zwst.org.

„…sei er arm oder reich, Jude, Christ oder Araber“ – Jüdische Pflegegeschichte und ihre grenzüberschreitenden Perspektiven

Vortrag von Birgit Seemann und Edgar Bönisch, 9. Internationaler Kongress der Geschichte der Pflege in Wien, 15. Oktober 2010 (Kurzfassung)

Jüdische Pflegeschichte: Herkunft, Grenzen, Universalität

  • Hebräische Bibel und rabbinisches Judentum
  • Vorläuferin der christlichen und islamischen Krankenpflege
  • Jüdische Pflegegeschichte als Teil der globalen Pflegegeschichte

Äußere Grenzen zwischen jüdischer Minderheit und Mehrheitsgesellschaft

  • Christlicher Antijudaismus
  • Formen des Antisemitismus
  • Schoah / Holocaust

Innere Grenzen: Vielfalt im Judentum

  • Jüdische Orthodoxie
  • Zionistische Richtungen
  • Säkularisiertes Judentum
  • Jüdische Aufklärung

Das gemeinsame Band: jüdisch-religiöse Pflichten (Mizwot)

  • Zedakah („Gerechtigkeit“): soziale Arbeit, „rabbinischer Warenkorb“ (Maimonides)
  • Gemilut Chassadim: praktizierte Nächstenliebe mit Bikkur Cholim („Krankenbesuch“, Krankenpflege)
  • Zielgruppe des jüdischen Pflegeauftrags: jüdische und nichtjüdische Arme und Fremde

Zur Geschichte des deutsch-jüdischen Krankenhaus- und Pflegewesens

  • Vom Hekdesch zum Hightech
  • Pflegestandort Frankfurt am Main

Die Diskussion gesellschaftlicher Konventionen im Rahmen der Entstehung der berufsmäßigen jüdischen Krankenpflege

  • Pflegerische Versorgung: Stadt contra Land
  • Berufsmöglichkeit für alleinstehende Frauen
  • Hierarchisches christliches Mutterhausmodell contra dezentrales jüdisches Pflegemodell
  • Traditionelle Frauenrolle und ehrenamtliche Pflicht des Krankenbesuchs (Video: Thea Levinsohn über Ehe und Familie)
  • Repräsentation des Judentums und Anerkennung durch das deutsche Bürgertum

Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main zwischen religiöser Tradition und Anerkennung durch die deutsche Gesellschaft

  • Vereinsgründung im Kontext christlicher Schwesternvereinigungen
  • Optimierung der pflegerischen Leistung als Anerkennungskriterium für die nichtjüdische Gesellschaft
  • Überregionale Bedeutung des Frankfurter jüdischen Schwesternvereins
  • Patriotismus im Ersten Weltkrieg

Thea Wolf in Alexandria und das jüdische Krankenhaus als Brennpunkt einer multinationalen Gesellschaft

Die Henry und Emma Budge-Stiftung oder die Überwindung religiöser Grenzen durch Mildtätigkeit und Modernität

  • Neues Frankfurt und moderne Architektur des Altersheims
  • Konzept der kleinen Wohnung und des gemeinsamen Lebens
  • Das jüdisch-christliche Budge-Heim heute

Perspektiven

Zukunftsfähige Ressourcen jüdischer Pflege

  • Migrations- und kultursensible Pflege
  • Interkulturelle und Diversity-Kompetenz
  • Traumaarbeit, Pflege in Krisengebieten

Pflege und Gesellschaft: Der Antisemitismus globalisiert sich

„The Heart has no Borders“: Jüdische Sozialethik und Pflege

  • Interdependenz von Pflege (Bikkur Cholim) und sozialer Gerechtigkeit (Zedakah)
  • „Umkehr“ (Teschuwa) zur Pflege von Umwelt und Gesellschaft als Lebensform
  • Die „Reparatur“ (Heilung) der Welt (Tikkun Olam)

Die Ausbildung von Krankenpflegerinnen durch die Logenvereinigung Unabhängiger Orden Bnei Briss (UOBB)

Die Pflegewissenschaftlerin Hilde Steppe unterscheidet drei Wege, die zur professionellen jüdischen Ausbildung als Krankenpflegerin führten:

  • die Aktivitäten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes (DIGB)
  • die Tätigkeiten der eigenständigen jüdischen Krankenpflegerinnenvereine
  • die Aktivitäten der Logenvereinigungen Unabhängiger Orden Bne Briss (UOBB) (vgl. Steppe 1997: 90)

Der DIGB sorgte mit seinen Aktivitäten dafür, dass eine Institutionalisierung der Ausbildung zur jüdischen Krankenpflegerin überhaupt möglich wurde. Mehr oder weniger parallel zum darauf folgenden Entstehen der eigenständigen Krankenpflegerinnenvereine gab es auch Ausbildungsmöglichkeiten durch die Initiativen der Logenvereinigungen Unabhängiger Orden Bne Briss (UOBB).
Während die Tätigkeiten der Krankenpflegerinnenvereine in jeweils eigenen Artikeln beschrieben werden, besonders die des Frankfurter Vereins, möchte ich in diesem kurzen Beitrag auf die Ausbildung der Logenvereinigung eingehen. Durch diese parallel verlaufenden Ausbildungsmöglichkeiten kam es zu der Situation, dass Vereine wie der Heidelberger Verein oder die Mannheimer Krankenunterstützungsvereine ihr Personal in Berlin ausbilden ließen und nicht z. B. im viel näher gelegenen Frankfurt am Main.
Wohl auf Anregung seines Mitglieds Paul Jolowicz aus Posen initiierte der Deutsch-Israelitische Gemeindebund (DIGB) seit 1882 eine professionelle Krankenpflegerinnenausbildung durch die jüdischen Gemeinden (vgl. Steppe 1997: 91). Der DIGB finanzierte diese Ausbildung, im Gegenzug verpflichteten sich die Ausgebildeten für eine gewisse Zeit für den DIGB tätig zu sein und dazu, dass sie „nur nach dem Ort hingehen, diejenige Wohnung beziehen und diejenige Pflege übernehmen darf, die ihr durch Befehl oder Erlaubnis zugwiesen werde“ (DIGB 1883, zitiert nach Steppe 1997: 93). Der DIGB wehrte sich zunächst noch, die entstehenden selbstständigen Vereine der Krankenpflegerinnenausbildung zu unterstützen, um nicht den eigenen Ausbildungsbestrebungen entgegenzuwirken. Doch schlief diese eigene Ausbildung des DIGB zu Gunsten der Vereine ein, die er daraufhin ab 1893 (Frankfurt am Main, Berlin u.a.) finanziell förderte.
Im Jahr 1900 war es die Heidelberger Friedrich Loge, die sich an die Großloge in Berlin wandte, worauf diese sich wieder mit der planvollen Entwicklung des Ausbildungswesens in der jüdischen Krankenpflege befasste. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Frankfurter und Berliner Vereine ihre Tätigkeit bereits einige Jahre aufgenommen, ihre Schwestern arbeiteten schon in verschiedenen Orten und weitere Vereinsgründungen (z. B. Breslau und Köln) erfolgten oder waren geplant. Die Bestrebung der Großloge war nun, der dezentralen Entwicklung entgegenzuwirken, denn: „Wenn der gute Ruf, den sich unsere Schwestern erworben haben, nicht geschädigt werden soll, ist es erforderlich, dass dieselben eine sorgfältige, fach- und sachgemässe strenge Ausbildung erhalten, welche nur durch Anschluss an ein grosses und tüchtig geleitetes jüdisches Krankenhaus zu ermöglichen ist. Die Bildung kleinerer Vereine in allen möglichen Städten wäre ein Unglück, das Material der Schwestern würde dann nicht sorgfältig genug gewählt und geschult, es fehlte die Gelegenheit die Ausbildung gewissenhaft durchzuführen, eine Ausbildung, welche jetzt in Berlin 2 Jahre incl. des Kursus in der Entbindungs-Anstalt der Charité erfordert. In dem erklärlichen Bestreben, von der Thätigkeit Beweise zu erbringen, könnte es leicht kommen, dass scheinbare Erfolge gezüchtet werden, die dann dem ganzen grossen und edlen Werke zu dauerndem Schaden gereichen würden“ (UOBB 1900: 60).
Die zunächst angedachte Möglichkeit, einen deutschlandweiten zentralen Verein für die Ausbildung der Krankenschwestern zu schaffen, ließ man, ob der problematischen Realisierung, schnell wieder fallen. Stattdessen einigte man sich auf einen Organisationsplan, der vorsah, dass fünf Frauen pro Jahr in Berlin, beim Berliner jüdischen Krankenpflegerinnenverein, ausgebildet werden sollten. Die Großloge trug die Hälfte der Ausbildungskosten (500 RM bis maximal 3.000 RM), die andere Hälfte die jeweils entsendende Loge. Abgesehen von den schon bestehenden Ausbildungsplätzen Frankfurt, Berlin, Köln, München und Breslau wurden fünf geographische Kreise gebildet, aus denen Auszubildende entsandt werden konnten. 1901 wurde beschlossen, dass die Großloge die gesamten Kosten von 1.000 Reichsmark übernehmen soll (vgl. UOBB 1900).
Die Frage nach einer zentralen im Gegensatz zu einer dezentralen Ausbildung blieb zwischen der Großloge und den regionalen Logen weiterhin ein Thema. Insbesondere Dr. Feldmann aus Stuttgart argumentierte für eine flexiblere Handhabung der Ausbildung. Schwerpunkte der Diskussion waren die Verfügbarkeit von geeigneten Auszubildenden und die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Ausbildungsorte (vgl. UOBB 1903).
1900 wurden in Nürnberg und auch in München Schwesternvereine gegründet, die sich zunächst als „Filialanstalten“ (Steppe 1997: 107) des Berliner Vereins verstanden.
1903 war es das „Kuratorium für jüdische Krankenpflegerinnen“ in Dortmund, das durch die Märkische Loge gegründet wurde. Deren Ausbildung erfolgte sowohl in Breslau, in Köln und Berlin als auch in Hamburg. Als Schwesternheim diente eine angemietete Etagenwohnung, in der ein Dienstmädchen für die Mahlzeiten sorgte und ansonsten die Krankenschwestern den Haushalt selbst erledigten (vgl. UOBB Dortmund, zitiert nach Steppe 1997: 99). Diesem Beispiel folgten in den nächsten Jahren Worms (1906), Mannheim (1906), Heidelberg (1909), Würzburg (1914), Ratibor (1919) und Hannover (1921).
Letztlich setzte sich der Plan der Großloge, der die zentrale Ausbildung vorsah, durch und führte 1908 zur Krankenschwesternorganisation (KSO). 1913 richtete die KSO ein eigenes Mutterhaus in Berlin ein. Die Schwestern waren nun nicht mehr Mitglied des Berliner Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen, sondern „Schwestern der KSO“ und wurden in der Charité ausgebildet. In der Folgezeit kam es in Deutschland zu etlichen Gründungen von Vereinigungen für die berufliche jüdische Krankenpflege, die durch die jeweiligen örtlichen Logen initiiert wurden und nach den Bestimmungen der KSO arbeiteten.

Edgar Bönisch, 2015

Literatur

Hilde Steppe 1997:
„…den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main.

DIGB 1883: Mitteilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund. Entwurf eines Organisationsplans zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen. Oktober 1883, Stiftung Neue Synagoge Berlin-Zentrum Judaicum, Archiv Sign. 1, 75 C Ge 1967.

UOBB 1900: Bericht der Grossloge für Deutschland. U.O.B.B., No. 6 Mai 1900.

UOBB 1903: Bericht der Grossloge für Deutschland. U.O.B.B., No. 7 September 1903.

UOBB Dortmund 1911: Kuratorium für jüdische Krankenpflegerinnen der Märkischen Loge UOBB Dortmund. 7. Jahresbericht

Der Beginn der beruflich ausgeübten Pflege im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erfolgte eine Weichenstellung hin zur Bildung eines Berufs Krankenpflege. Die Verberuflichung der Krankenpflege ist nach Hilde Steppe (1997) gebunden an das Vorhandensein einer geplanten und organisiert durchgeführten Ausbildung verbunden mit einer Bezahlung für die Ausübung dieser Tätigkeit. Da in diesem Prozess der Ausformung spezifischer Qualifizierungsmuster externe Faktoren einen maßgeblichen Einfluss hatten, spricht sie konsequent von einer Berufskonstruktion.
Die Entwicklung der Krankenpflege zum Beruf im 19.Jahrhundert in deren Kontext auch die Gründung der jüdischen Krankenpflegevereine zu sehen ist, ist das Ergebnis unterschiedlicher Einflussfaktoren und Machtkonstellationen:

Die Industrialisierung
Durch die Industrialisierung kam es zu einer Trennung von Arbeit und familiärem Leben, zu einer Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum. Diese Trennung war zugleich geschlechtsspezifisch organisiert, im Bürgertum war die Frau zu Hause verantwortlich, der Mann war außer Haus und sorgte für die Ernährung der Familie. (Gilt manchmal heute noch). Dieses Modell ließ sich natürlich für Arbeiterhaushalte nicht aufrechterhalten, da dort auch die Frauen zur Sicherung der Existenz außerhalb des Hauses arbeiten mussten. Die Verelendung der proletarischen Schichten führte nicht zuletzt aufgrund der schlechten Wohnverhältnisse zum Auftreten von Epidemien (z. B. Cholera). Das hatte dann im Einzelfall eine Überfüllung und Überlastung der Krankenhäuser zur Folge.
Zurück zur bürgerlichen Familie: Dort war das Bild der Frau auf Haushalt und Familie festgelegt, als Gattin sollte sie ihren Mann unterstützen, als Mutter die Kinder pflegen und erziehen. Vor diesen eigentlichen „Beruf“ konnte nun ganz praktisch eine pflegerische Ausbildung geschaltet werden. Unterstützt wurde die Berufswahl Krankenpflege durch die Tatsache, dass interessierten gebildeten bürgerlichen Frauen im 19. Jahrhundert noch kein Zugang zur Universität gestattet war. Krankenpflege war die Alternative zum Studium der Medizin und zugleich eine Vorbereitung auf die „eigentliche Bestimmung“ der Frau.

Die Durchsetzung nationalstaatlicher Interessen durch Kriege

Lithographie: Florence Nightingale im Lazarett der Selimiye-Kaserne, Istanbul
Florence Nightingale im Lazarett der Selimiye-Kaserne, Istanbul Day & Son, 1856; Library of Congress Collection Washington D. C.

Die vielen Kriege im 19. Jahrhundert lösten jeweils einen Schub in der Entwicklung der Pflege aus. Durch diese Kriege wurde die Notwendigkeit der Organisation eines effektiven Sanitätswesens deutlich. Es wurde klar, dass die pflegerische Versorgung von entscheidender Bedeutung für Sieg oder Niederlage sein würde. Florence Nightingale war durch ihren Einsatz in Krimkrieg (1854) zutiefst beeindruckt und konnte, zurückgekehrt nach England, eine moderne Pflegeausbildung auf den Weg bringen. Auch der Schweizer Henri Dunant ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Unter dem Eindruck der Schlacht von Solferino initiierte er die Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Zu Friedenszeiten sollte Personal ausgebildet werden, das im Kriegsfalle die Verwundetenpflege übernehmen sollte. Die z. T. seit Beginn des Jahrhunderts bestehenden vaterländischen „[…] Frauenvereine stellten ihre Tätigkeit nun in den Dienst des Roten Kreuzes.“ (Hummel 1986, S. 18)

Die bürgerliche Frauenbewegung
Um die Jahrhundertmitte entstand fast zeitgleich in den meisten europäischen Ländern eine Frauenbewegung, die sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammensetzte. Es lassen sich die gemäßigten bürgerlichen, die radikalen bürgerlichen, die konfessionellen und die sozialdemokratisch-kommunistischen Frauenbewegungen unterscheiden. Sie verfolgten jeweils unterschiedliche Ziele: Recht auf Berufstätigkeit, Recht auf Bildung oder Recht auf innerkirchliche oder politische Mitbestimmung stand im Vordergrund, je nach politischer Selbstdefinition.
Die gemäßigten bürgerlichen Frauen waren zahlenmäßig die größte Gruppe und bei ihnen stand die Debatte um die Berufstätigkeit der bürgerlichen Frau im Mittelpunkt. Sie forderten die außerhäusliche Betätigung der Frauen allerdings in dem ihnen „natürlicherweise“ vorgegebenen Rahmen. Letztlich, so Hilde Steppe (1997), bedeutete dies die Übertragung familialer Strukturen auf das öffentliche Leben, es wurden also typisch weibliche Berufsfelder identifiziert, sodass die ehemals häuslichen Funktionen Pflege oder Erziehung nun im öffentlichen Leben als Beruf ausgeübt werden sollten. Die radikalen bürgerlichen Frauen hingegen vertraten das Recht auf gleiche Allgemeinbildung und Möglichkeit des Zugangs zu allen Berufen und Ausbildungsstätten, außerdem die politische Gleichberechtigung mittels des Frauenwahlrechts. Für die Krankenpflege war „[…] vor allem die gemäßigte bürgerliche Frauenbewegung von Bedeutung, da deren Vorstellungen von Frauen-berufen mit dem sich entwickelnden Selbstbild des Frauenberufs Pflege weit gehend übereinstimm(t)en“ (Steppe 1997, S. 42).

Die Entwicklung in der Medizin
Infolge des medizinischen Fortschritts entwickelte sich im 19. Jahrhundert das alte Hospital von einer Aufbewahrungsstätte für mittellose Kranke, Alte und Gebrechliche zu einem medizinischen Zentrum, in dem nur noch Kranke sein sollten. Durch diese rasant verlaufende Entwicklung, die mit der Selbstdefinition der Medizin als Naturwissenschaft einherging, wurde das Krankenhaus auch für begüterte Bevölkerungsgruppen attraktiv. Auch die Ärzte, die bisher in den alten Hospitälern wenig verloren hatten, sahen in den Krankenhäusern neuen Typs eine Möglichkeit der Forschung und Lehre. Sie verlangten nun nicht mehr nur religiös gebundene Schwestern oder „Wartepersonal“, proletarische, nicht ausgebildete Frauen und Männer, sondern gebildete Frauen, die die notwendige Betreuung während der Abwesenheit der Ärzte sicherstellen konnten. Die Medizin differenzierte sich aus, die Fächer, die für uns heute selbstverständlich sind, entstanden. Ausgehend vom naturwissenschaftlichen Paradigma kam es zu ungeheuren Fortschritten, z. B. bei der Erforschung der Infektionskrankheiten.

Welche Organisationsformen entstanden nun aufgrund dieser Machtkonstellationen?
Grob gesprochen lassen sich vier große Gruppen an Pflegeverbänden unterscheiden. Die katholische Ordenspflege, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts über Frankreich und die besetzten linksrheinischen Gebiete nach Deutschland kam und sich bald im ganzen Reichsgebiet ausbreitete.
Die nächste große Gruppe stellen die Organisationen der evangelischen Diakonie dar. Die Diskussionen hatten schon in den 20er Jahren begonnen, aber erst 1836 kam es zur Gründung der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth. Ihr Gründer Theodor Fliedner übernahm Teile des katholischen Modells, die Abgeschiedenheit und die karitativ-christliche Auffassung der Krankenpflege. Andererseits springt die Orientierung am bürgerlichen Modell der Familie ins Auge, der Theologe und die Oberin an der Spitze, darunter die „Kinder“ (Diakonissen), für die gesorgt wird, alle in einem Haus. Dieses als Mutterhaus beschriebene System ist eine typisch deutsche Entwicklung, in der persönliche Unfreiheit mit sozialer Absicherung verbunden war. Es wurde auch von den Schwesternschaften vom Roten Kreuz übernommen, die die dritte große Gruppe darstellten. Auch die jüdischen Krankenpflegevereine organisierten sich als Mutterhäuser (Steppe 1997). Als vierte Gruppe sind die freien, ungebundenen Schwestern zu nennen, die nicht mehr an das Mutterhaus gebunden arbeiten wollten. Agnes Karll, eine ehemalige Rot Kreuz Schwester gründete 1903 die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (B.O.K. D.). Dieser Schritt geschah in engem Kontakt und mit Unterstützung der bürgerlichen Frauenbewegung. Ende der neunziger Jahre des 19.Jahrhunderts bildeten sich die ersten freigewerkschaftlichen Pflegeorganisationen (vgl. Wolff/Wolff 1994).
Einen Überblick über die zahlenmäßige Entwicklung in der Krankenpflege bietet die folgende Tabelle:

Jahr: 1876 / 1898:

Gesamtzahl: 8.681 / 26.427
in katholischen Mütterhäusern: 5.763 / 12.427
in evangelischen Mütterhäusern: 1.760 / 7.576
Andere: 525 / 3.613
freie Schwestern: 655 / 2.398
Quelle: Jutta Helmerichs

Wie und durch wen wurden die pflegerischen Inhalte definiert?
Nicht Krankenschwestern definierten, was im Krankenhaus zu passieren hatte, die enorm expansive Medizin hatte Bedarf an guten Krankenschwestern, die sie während ihrer Abwesenheit vom Krankenbett dort vertreten konnten. Die Forderungen nach einer von Orden unabhängigen Krankenpflegeausbildung unter Einbezug der Erkenntnis der Medizin mehrten sich. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch die Einführung des Krankenversicherungsgesetzes im Rahmen der Sozialgesetzgebung im Jahre 1883, die mit einer Zunahme der Krankenhausbetten und der Patientenzahlen einherging. Auch aus der Frauenbewegung heraus kamen Forderungen nach einer Ausbildung. Sie sollte über die „natürliche Bestimmung“ der Frauen hinausgehen. Die Bedingung für einen Beruf, der neben der Bezahlung eine Ausbildung mit Vermittlung spezieller Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen voraussetzt, war im 19. Jahrhundert noch nicht gegeben, erst im beginnenden 20.Jahrhundert wurde mit dem ersten Krankenpflegegesetz 1907 ein wichtiger Schritt in diese Richtung unternommen. Vorher hatte es lediglich in einzelnen Mutterhäusern Festlegungen für bestimmte Ausbildungsinhalte gegeben (Hummel 1986).

Alle die oben beschriebenen Kräfte beeinflussten auch die Bildung der jüdischen Krankenpflegevereine und führten zu deren spezifischer Ausprägung.

Eva-Maria Ulmer, 2009

Literatur

Helmerichs, Jutta 1992: Krankenpflege im Wandel (1890 bis 1933). Dissertation Universität Göttingen

Hummel, Eva 1986: Krankenpflege im Umbruch (1876-1914). Freiburg i. Br.

Steppe, Hilde 1997: „…den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.

Steppe, Hilde 2003: „Die Vielfalt sehen, statt das Chaos zu befürchten.“ Ausgewählte Werke.

BernWolff, Horst-Peter; Wolff, Jutta 1994: Geschichte der Krankenpflege. Basel