Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Spitäler im Frankfurter Judenghetto

Die Errichtung des Ghettos
In Frankfurt am Main wurden jüdische Einwohner/innen bereits im Jahre 1074 urkundlich erwähnt (Mayer 1966, S. 9). Die Pogrome von 1241 und 1349 vernichteten die ersten Frankfurter jüdischen Gemeinden. Nach ihrer Wiederansiedlung lebten die Jüdinnen und Juden weiterhin ungesichert, rechtlich diskriminiert und ständig bedroht von einem auf Vertreibung abzielenden christlichen Antijudaismus. Es gab jedoch kein Verbot für Juden, in christliche Stadtviertel zu ziehen, ebenso wohnten christliche Frankfurter/innen auch im Judenviertel. Wie sich das jüdische Pflegewesen in dieser Zeit gestaltete, ist weitgehend unbekannt, doch gab es wohl keine strikte Trennung, so dass bei Bedarf gewiss Juden von Christen und Christen von Juden versorgt werden konnten. Schon im 14. Jahrhundert betreuten jüdische Ärzte auch christliche Patienten. Solche Formen der Koexistenz (vgl. aber Grebner 2009) endeten abrupt, als der Frankfurter Rat 1460 – über ein Jahrhundert nach dem letzten Pogrom – die Errichtung eines Judenghettos beschloss (vgl. zu den Gründen Backhaus u.a. 2006). Zwei Jahre später mussten die jüdischen Familien ihre Wohnungen verlassen und wurden dorthin umgesiedelt. Näheres erfahren wir aus der online zugänglichen Informationsdatenbank des Museums Judengasse in Frankfurt am Main: „Die Judengasse, das Frankfurter Judenghetto, lag in der heutigen östlichen Innenstadt. Sie begann an der Konstablerwache, lief entlang der Staufenmauer und führte über die heutige Kurt-Schumacher-Straße bis zu dem Gelände, auf dem jetzt das Gebäude der Stadtwerke steht. Die Judengasse war ganz von Mauern umgeben und so von der übrigen Stadt abgetrennt. Am Nord- und am Südende sowie in der Mitte der zur Innenstadt hin gelegenen Westseite, am so genannten Judenbrückchen, gab es Tore. Diese wurden jede Nacht sowie an Sonn- und Feiertagen abgeschlossen; die Juden konnten ihre enge Gasse also nur werktags verlassen.“ Die Frankfurter Judengasse, das „erste Ghetto in Deutschland und eines der ersten in Europa“ (Einleitung in Backhaus u.a. 2006, S. 10), schloss die jüdische Minderheit von der christlichen Mehrheitsbevölkerung räumlich ab. Zugleich boten die Ghettomauern keinen Schutz: Während des Fettmilch-Aufstands (1614) drangen antisemitische Angreifer in die Judengasse ein, vertrieben die Bewohner/innen und plünderten deren Häuser.

Fotografie: Frankfurter Judengasse, Teilansicht, um 1868.
Frankfurter Judengasse, Teilansicht, um 1868 — Foto: Theodor Creifelds (Quelle: Wikimedia)

Die Spitäler
Erst die Zwangsmaßnahme der Ghettoisierung förderte ein eigenes jüdisches Spital- und Krankenhauswesen, das mehrere Jahrhunderte überdauern sollte. Das erste jüdische Spital, „Hekdesch“ (oder „Hakdesch“, neuhebräisch: ein den Armen und Kranken „geweihtes“ Haus), auch „Heckhaus“ genannt, zählte zu den ältesten Häusern des Frankfurter Judenghettos; es wurde 1462 auf dem Gelände der Konstablerwache errichtet. Als so genanntes Fremdenhospital beherbergte es Arme und Kranke, die von auswärts kamen und – anders als die Bewohner/innen der Judengasse – in Frankfurt kein Aufenthaltsrecht (Judenstättigkeit) besaßen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versorgte ein Ehepaar, das mit seinem Kind selbst im Hekdesch wohnte, etwa 15 Patientinnen und Patienten. Nach einem Großbrand wurde die Einrichtung 1711 von der Judengasse auf das Gelände des Jüdischen Friedhofs (Battonnstraße) und des angrenzenden Völkerschen Bleichgartens verlegt, ebenso das Spital für einheimische Kranke (Haus 102 des Ghettos, genaues Eröffnungsdatum ungeklärt). Dort befand sich bereits seit 1535 die dritte Pflegeeinrichtung, das so genannte Blatternhaus (Blattern = Pocken) für ansteckende Krankheiten, auch „Hotser“ genannt. Das Spital für einheimische Juden und das Blatternhaus wurden vermutlich noch im gleichen Jahrhundert baulich vereint; das einstöckige Gebäude mit kleiner Synagoge und einer Wohnung für den „Krankenwärter“ befand sich auf dem Areal der später (1882) errichteten Börneplatz-Synagoge. Das einstige Fremdenhospital, das Hekdesch, erhielt 1718 eine neue Anlage mit 6 kleinen Häusern, die bis zu ihrer Zerstörung durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg erhalten blieben.

Die Pflege
Um die Kranken und Pflegebedürftigen in den Einrichtungen des Judenghettos kümmerten sich so genannte Krankenwärter; durch die geschlechtsspezifische Aufteilung der Pflege waren auch weibliche Krankenwärter tätig. Als niedere Angestellte der Jüdischen Gemeinde erhielten sie nur geringen Lohn und wohnten überwiegend in einfachen Häusern nahe der Spitäler. Die Verwaltung der Pflegeeinrichtungen oblag als unbesoldetes Ehrenamt den „Hospitalmeistern“, die innerhalb der jüdischen Gemeindeverwaltung einen hohen Rang inne hatten. Aus wohlhabenden Familien stammend, übten sie auf diesem Wege die jüdisch-religiöse Verpflichtung zum sozialen Ausgleich durch Wohltätigkeit („Zedaka“) aus. Unter anderem durch Bevölkerungswachstum stieg während des 16. Jahrhunderts im Frankfurter Judenghetto der Pflegebedarf. Seitdem war für die unmittelbare Pflege neben den Krankenwärterinnen und -wärtern zusätzlich ein „Hekdeschverwalter“ (auch: „Hekdeschmann“) zuständig. In der Funktion eines Oberpflegers leitete er das Spital, in dem er zusammen mit seiner Familie auch selbst wohnte. Seit dem 17. Jahrhundert hatte die jüdische Gemeinde durchgängig zwei Gemeindeärzte angestellt, denen sie folgende Auflagen machte: Für die Behandlung wohlhabender Kranker waren die Honorarsätze genau festgelegt, Arme wurden unentgeltlich behandelt. Jüdische Ärzte und Ärztinnen genossen seit dem Hochmittelalter ein so hohes Ansehen, dass über die Ghettoschranken hinweg auch Christen bei ihnen Heilung suchten. Von 1631 bis um 1640 war der namhafte Arzt und Gelehrte Dr. Josef Salomo del Medigo (auch: Joseph Solomon Delmedigo) (1591 – 1655) als Gemeindearzt im Frankfurter Judenghetto tätig; ihm folgte um 1640 sein Schüler und Schwiegersohn Zalmann Bingen (Lebensdaten unbekannt).

„Hinaus aus dem Ghetto…“
1796 brannte das Judenghetto – diesmal durch Beschuss französischer Truppen – ein weiteres Mal nieder. Die obdachlos gewordenen Bewohner/innen wurden außerhalb des Ghettos untergebracht. Obwohl die Frankfurter Stadtregierung den Wiederaufbau nicht mehr durchsetzen konnte, hob sie den Ghettozwang erst 1811 formal auf. Nach weiteren Auseinandersetzungen mit dem Frankfurter Rat konnten jüdische Frankfurter/innen – nach mehr als drei Jahrhunderten! – seit September 1824 wieder uneingeschränkt im gesamten Stadtgebiet wohnen. Wohlhabende Familien zogen seit Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt ins Frankfurter Westend, während die ärmeren auf dem Gelände des Ende der 1880er Jahre abgerissenen Judenghettos zurück blieben. Im Jahre 1885 wurde die Judengasse nach dem als Juda Löw Baruch noch im Ghetto geborenen politischen Autor und Journalisten Ludwig Börne (1786 – 1837) in Börnestraße umbenannt. Die lange Gefangenschaft war zu Ende, der Weg für die Emanzipation frei. Der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen mit den christlichen Frankfurter Stadtbürgern im Jahre 1864 (1871 folgte die Egalisierung im gerade gegründeten Deutschen Kaiserreich) gab zugleich den Anstoß für die Gründung moderner jüdischer Krankenhäuser in Frankfurt am Main, die ihre Pforten für Kranke aller Konfessionen öffneten. Diese Einrichtungen traten die Nachfolge des unter Ghettobedingungen organisierten jüdischen Pflegewesens an.

Birgit Seemann, 2009, aktualis. 2017

Literatur


Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 Bände

Backhaus, Fritz 2000: „Im Heckhuß die Lahmen, Blinden und Hungerleider…“. Die sozialen Institutionen in der Frankfurter Judengasse. In: Jersch-Wenzel, Stefi (Hg.) 2000: Juden und Armut in Mittel- und Osteuropa. Hg. in Verbindung mit François Guesnet [u.a.] im Auftrag des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur e.V. Köln [u.a.], S. 31-54

Backhaus, Fritz u.a. (Hg.) 2006: Die Frankfurter Judengasse. Jüdisches Leben in der frühen Neuzeit. Frankfurt/M.

Backhaus, Fritz/ Gross, Raphael/ Kößling, Sabine/ Wenzel, Mirjam (Hg.) 2016: Die Frankfurter Judengasse. Katalog zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. Geschichte, Politik, Kultur. München


Bolzenius, Rupert 1994: Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland. Das Hekdesch der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und seine Nachfolgeeinrichtungen. Das israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache in Köln. Das Jüdische Krankenhaus in Gailingen. Das Israelitische Altersheim in Aachen. Unveröff. Diss. med., Techn. Hochsch. Aachen

Burger, Thorsten 2013: Frankfurt am Main als jüdisches Migrationsziel zu Beginn der Frühen Neuzeit. Rechtliche, wirtschaftliche und soziale Bedingungen für das Leben in der Judengasse. Wiesbaden.

Grebner, Gundula 2009: Gewalt im Alltag. Frankfurt am Main. In: Kalonymos. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut 12 (2009) 2, S. 1-6

Heuberger, Georg [Hg.] 1992: Stationen des Vergessens – der Börneplatzkonflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung / Museum Judengasse. [Hg. i. A. … der Stadt Frankfurt am Main; Jüdisches Museum. Red.: Roswitha Nees, Dieter Bartetzko]. Frankfurt/M.

Heuberger, Rachel/ Krohn, Helga (Hg.) 1988: Hinaus aus dem Ghetto… Juden in Frankfurt am Main. 1800 – 1950. Begleitbuch zur ständigen Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt am Main. Mit Beitr. v. Cilly Kugelmann [u.a.]. Frankfurt/M., S. 13-38

Kasper-Holtkotte, Cilli 2010: Die jüdische Gemeinde von Frankfurt/Main in der Frühen Neuzeit. Familien, Netzwerke und Konflikte eines jüdischen Zentrums. Berlin; New York, NY

Mayer, Eugen 1966: Die Frankfurter Juden. Blicke in die Vergangenheit. Frankfurt/M.

Murken, Axel Hinrich 1993/94: Vom Hekdesch zum Allgemeinen Krankenhaus. Jüdische Krankenhäuser im Wandel ihrer 800jährigen Geschichte vom 13. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg, in: Historia Hospitalium 19 (1993/94), S. 115-142

Schembs, Hans-Otto (Bearb.) 1978: Bibliographie zur Geschichte der Frankfurter Juden. 1781-1945. Hg. v. d. Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Bearb. v. Hans-Otto Schembs mit Verwendung d. Vorarbeiten v. Ernst Loewy u. Rosel Andernacht. Frankfurt/M.

Wolf, Siegbert (Hg.) 1996: Frankfurt am Main. Jüdisches Städtebild. Mit 21 Fotografien. Frankfurt/M. [Mit Beiträgen u.a. von Goethe zur Judengasse]

Weitere Quellen


Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (Hg.) 1996: Orte der Erinnerung. Juden in Frankfurt am Main. [Topographische Stadtkarte]. Frankfurt/M.

Museum Judengasse Frankfurt am Main: Infobank des Jüdischen Museums: http://www.museumjudengasse.de/de/home/, 20.10.2017

Wamers, Egon/ Grossbach, Markus 2000: Die Judengasse in Frankfurt am Main. Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen am Börneplatz. Unter Mitarb. v. Jens Lorenz Franzen [u.a.]. [Hg. … vom Museum für Vor- und Frühgeschichte, Archäologisches Museum, der Stadt Frankfurt am Main]. Stuttgart

Jüdische Orte der Pflege in Bad Nauheim

Bad Nauheims Bedeutung als Kurstadt
Die jüdische Gemeinde von Bad Nauheim wurde 1830 gegründet. 1854, eine Zeit in der die Bedeutung als Kurort enorm wuchs, erhielt Nauheim die Stadtrechte und ab 1869 den Namenszusatz „Bad“. 1910 hatte die jüdische Gemeinde eine Mitgliederanzahl von 164 Personen erreicht (vgl. Alemannia Judaicaa).
Die Entwicklung zur Kurstadt war durch das Vorkommen salzhaltiger Quellen und begünstigt, welches Angebote für Kuren ermöglichte. Zusätzlich konzessionierte die hessisch kurfürstliche Landesregierung eine Spielbank, mit deren Hilfe Kureinrichtungen finanziert werden konnten. Auf Veranlassung von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein enstanden weitere Einrichtungen, z. B. die beeindruckende Jugendstilkuranlage des „Sprudelhofs“ (Bauzeit 1905 bis 1912) (vgl. Stadt Bad Nauheim). Bevorzugt traf sich in Bad Nauheim die „bessere Gesellschaft“, unter ihnen Otto von Bismarck, die deutschen und österreichischen Kaiserpaare, das russische Zarenpaar, aber auch Schauspielerinnen und Schauspieler, Schriftsteller und Wissenschaftler (vgl. Alemannia Judaicaa).
In der Kursaison 1880 zählte man bereits rund 1.000 Gäste, zum Teil aus Rumänien, Russland oder Ägypten. Behandelt wurden sie u. a. von den damals sehr bekannten jüdischen Ärzten Dr. August Schott, Prof. Theodor Schott, Dr. Sigurd Benjamin Gräupner oder dem Geheimen Medizinalrat Prof. Dr. Isidor Groedel, der als Arzt der deutschen Kaiserin besondere Berühmtheit erlangt hatte.

Fotografie: Grab des Stoliner Rabbis, genannt "der Frankfurter", auf dem Jüdischen Friedhof in der Rat Beil Straße in Frankfurt am Main.
Grab des Stoliner Rabbis, genannt „der Frankfurter“, auf dem Jüdischen Friedhof in der Rat Beil Straße in Frankfurt am Main. © Edgar Bönisch 2014

Da es auch den einen oder anderen Todesfall unter den Kurgästen gab, findet man deren Gräber heute auf dem jüdischen Friedhof Bad Nauheim (Link) (vgl. Alemannia Judaicaa). Auch Israel Perlow aus Stolin starb während eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim. Der dem „Karliner“ Chadissmus angehörende Rabbi ist auf dem Friedhof in der Rat-Beil-Straße in Frankfurt beigesetzt (vgl. Kolb 1987: 110). Sein Grab wurde im Laufe der Jahre zu einer Pilgerstätte für orthodoxe Juden aus der ganzen Welt, die an das Grab des „Wunderrabbis“ Wunschzettel heften oder Gedenkkerzen anzünden.

Anfang der 1930er Jahre praktizierten etwa 50 jüdische Ärzte, oft spezialisiert auf Herzkrankheiten, und Zahnärzte in Bad Nauheim, die meist zum liberalen Judentum zählten. Insgesamt 17 jüdische Hotels und Pensionen sorgten, neben den weiteren Unterkünften, für die Kurgäste (vgl. Alemannia Judaicaa). Diese Konzentration jüdischer Einrichtungen führte dazu, dass Bad Nauheim im August und September 1914, nach Beginn des 1. Weltkriegs, ein zentraler Internierungsort für osteuropäische Juden, meist Russen, die zu den „feindlichen Ausländern“ zählten, wurde. Sie lebten, wegen des dort gepflegten orthodoxen Ritus, in den jüdischen Hotels und Pensionen, bevor sie über Schweden nach Russland ausgewiesen wurden (vgl. Kolb 1987: 107).

Die Arztfamilie Groedel und das Sanatorium Dr. Groedel
Eine besonders bekannte Arztfamilie mit eigenem Sanatorium möchte ich hier als Beispiel für die Bad Nauheimer Ärzteschaft anführen: Geheimrat Dr. Isidor Groedel und sein Sohn Dr. Franz Groedel. Sicherlich kamen die Patienten aus aller Welt nicht allein wegen des jüdischen Glaubens der Mediziner. Bad Nauheim und seine Ärzte waren zu ihrer Zeit die Spezialisten für Herzkrankheiten und „Dr. Franz Groedel war unumstritten der bedeutendste Arzt der Bad Nauheimer Geschichte“ (Kolb 1987: 98f.).

Fotografie: Das Sanatorium Dr. Groedel in der Terrassenstraße 2 in Bad Nauheim.
Terrassenstraße 2 / Das Sanatorium Dr. Groedel in der Terrassenstraße 2 in Bad Nauheim. © Dr. U. Stamm, um 2010 Weitere Angaben

In der Terrassenstraße 2 ließ Isidor Groedel (1850-1921) in den Jahren 1907 und 1908 von dem Architekten Wilhelm Jost, der auch den Sprudelhof baute, ein eigenes Sanatorium errichten. Die Baubeschreibung beginnt mit den folgenden Worten: „Dem Architekten des Neubaues, Bauinspektor W. Jost in Nauheim, war vom Bauherrn eine reizvolle Aufgabe gestellt: An der von schönen Bäumen bestandenen und nur auf einer Seite bebauten Straße sollte er eine hohen Ansprüchen genügende Heilanstalt ohne ängstliche Kostenschonung in gediegener und ansprechender Durchbildung schaffen“ (Zentralblatt der Bauverwaltung: 210). Im Jahr 1912 war dann auch die Kaiserin Augusta Viktoria, Frau des deutschen Kaisers, zu Gast. Franz Groedel (1881-1951), sein Sohn, übernahm die Klinik im Jahr 1921, während er gleichzeitig seit 1909 die Röntgenabteilung am „Hospital zum heiligen Geist“ in Frankfurt leitet, sich 1920 an der Universität Frankfurt habilitierte und dort 1926 zum außerordentlichen Professor berufen wurde (vgl. Deutsche Biographie). 1931 übernahm er auf Wunsch der Stifterin Frau Louise E. Kerkhoff, das neu gegründete William-Groedel-Kerkhoff-Herzforschungsinstitut (vgl. Kolb 1987: 99). 1933 emigrierte Franz Groedel: Er kehrte von einer Vortragsreise in den USA nicht mehr nach Deutschland zurück (vgl. Zoske 1966: 109f). Das Kerkhoff-Institut wurde später zum Grundstein des heutigen Max-Planck-Instituts für Herz und Lungenforschung in Bad Nauheim.

Die jüdischen Kureinrichtungen für Arme
Neben den Kurstätten für die Reichen gab es in Bad Nauheim das Israelitische Männerheim, das Israelitische Frauenheim und die Israelitische Kinderheilstätte. Hier konnten arme Juden und Jüdinnen preisgünstig oder sogar kostenlos Kurbehandlungen genießen (vgl. The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust, zit. nach Alemannia Judaicaa).

Das Israelitische Männerheim
1875 wurde der„Unterstützungsverein für arme israelitische Kurbedürftige in Bad Nauheim“ gegründet (vgl. Alemannia Judaicaa), andere Quellen sprechen von 1876 (Kingreen 1998c). Seine Aufgabe war die Verpflegung unbemittelter israelitischer Männer im eigenen Heim des Vereins zum Zwecke des Kurgebrauchs in Bad Nauheim (ebd.). 1909 kaufte der Verein, der inzwischen in Frankfurt residierte, eine Villa (erbaut 1896) in der Frankfurter Straße 58 (Link) in Bad Nauheim (ebd.).
Der Jahresbericht 1914 informiert, dass sich im Jahr 1912 37 Kurgäste im Heim aufhielten. Weiter berichtet er über die instabile finanzielle Lage, noch verzeichnete man Schulden von 43.000 Mark, weshalb Anträge auf kostenlose Unterbringung abgelehnt werden mussten. Durch Jahresbeiträge der Mitglieder hatte man Einnahmen von 1.534 Mark, Spendeneinnahmen brachten 3.943,85 Mark und Aufnahmegelder der Gäste, 5.902,50 Mark. Als besondere Förderer des Vereins werden die Ärzte Dr. Hirsch, Dr. Lilienstein, Dr. Emil May, Dr. Schönwald, Dr. Wolfheim und die Hotelbesitzer Loeb, Aderl und Flörsheim in Nauheim sowie Fräulein Klara Sandenell in Frankfurt am Main genannt (ebd.).
Um 1915, während das Haus im 1. Weltkrieg als Militärlazarett genutzt wurde, sprach man einfach vom „Israelitischen Männerverein“ (ebd.).
Aus dem Jahr 1925 liegen zwei Zeitungsartikel vor. Daraus wird der interessante und reizvolle religiöse Umgang miteinander gelobt, das liebevolle und sorgende Personal in der Verwaltung, die Oberin, die Schwester und die Zimmermädchen erwähnt, und die Zeitungsartikel äußern sich begeistert von der angenehmen Ausstattung des Hauses“ (Der Israelit 25.6. und 1.10. 1925, zit. nach Alemannia Judaica b).
Bis 1925 war die Kapazität von anfangs 10 auf 30 Plätze in der Villa mit ihren 15 Räumen gewachsen und bot besonders Bäderkuren für Herzkranke an. In diesem Jahr wurde seitlich des Speisesaals eine Glasveranda angebaut. Der Speisesaal selbst diente als Gotteshaus, in ihm befanden sich ein Thoraschrank, das Vorbeterpult und Gebet- und Lehrbücher (Kingreen 1998c).
Von der Generalversammlung des „Israelitischen Männerheim Bad Nauheim – Frankfurt-Main“ erfahren wir aus anderen Zeitungsberichten, dass der Vorsitzende Liebmann Bär war. Der Schriftführer Herr Leopold berichtet in den Artikeln über die schwierige Zeit und ihre Folgen für die Finanzierung des Hauses, und er teilt mit, dass er in das Israelitische Waisenhaus in Mannheim wechseln werde, sein Nachfolger würde Herr Dr. J. Gans, Bleichstraße 62, Frankfurt am Main (vgl. Der Israelit, 5.7.1928, zit. nach Alemannia Judaica b).
Die Kursaison ging gewöhnlich vom 1. Mai bis 1. Oktober eines Jahres, in dieser Zeit wurden die Kranken während der ganzen Zeit des Bestehens des Vereins durch Dr. Emil May versorgt (vgl. Kolb 1987: 102). Als Vorsitzende standen S. Salomon und viele Jahre lang Frau H. Grünbaum dem Verein vor, für 1932 ist Clara Bär in der Eschersheimer Landstr. 107 in Frankfurt als Vorsitzende eingetragen (vgl. Jüdisches Jahrbuch für Hessen Nassau 1933).
1933 brach der Kurbetrieb ein, die potenziellen Gäste konnten das Geld nicht mehr aufbringen. so musste im selben Jahr der Betrieb des Heims eingestellt werden. Es wurde jedoch die Möglichkeit geschaffen, dass auch Männer im gegenüberliegenden Israelitischen Frauenheim aufgenommen werden konnten, wo sie weiter durch Dr. May betreut wurden (vgl. Kingreen 1998c).

Die Geschichte des Hauses nach der Schließung des Männerheims
Die Adresse des Hauses während der Nazizeit war Hermann-Göring-Straße 58, es wurde nun für jüdische Privatwohnungen genutzt. Einige Familiennamen konnte Monika Kingreen (vgl. Kingreen 1998c) aufgrund eines Briefes eines ehemaligen Bewohners nennen: Familie Steinhardt, Familie Eckstein, Familie Kahn, Frl. Meyer mit Schwester. Ergänzen kann ich den Namen Samuel Schloss. Herr Schloss wohnte dort seit 1939, seine Familiengeschichte ist im Internet dokumentiert (vgl. Juden in Themar). Auch wohnten im Haus Angestellte des gegenüberliegenden ehemaligen Israelitischen Frauenheims, z. B. die Oberin der Bezirksschule Frieda Fröhlich. Am 15. September 1942 wurde ein Teil der Bewohner des Hauses, 16 Personen, mit allen Bewohnern des Altenheims (ehemaliges Frauenheim) verschleppt und vermutlich in Treblinka ermordet. 1943 wies die Gestapo Familien in das Haus ein, die als „Mischehen“ verfolgt wurden. Einige von ihnen wurden noch im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert (vgl. Kingreen 1998c und Krause-Schmitt 1995: 311).

Die Nachkriegszeit
Jüdische polnische Überlebende des Holocaust, die vor polnischen antisemitischen Übergriffen fliehen mussten, gründeten im ehemaligen Männerheim im März 1946 einen Kibbuz. Der Name „Chofez Chaim“ übernahm den Titel einer Hauptschrift des orthodoxen Rabbiners Israel Meier Kahan (1833-1933). Entsprechend religiös ausgerichtet war der Kibbuz und diente der Vorbereitung eines Lebens in Erez Israel. Unter der Leitung von Meier Bodener gab es Ausbildungsbetriebe für Schlosser und Feinmechaniker mit 29 Lehrlingen und eine Schneiderei mit 21 Lehrmädchen. In einer Druckerei waren zwei Personen beschäftigt, die auch eine Wandzeitung fertigten. Es gab Fachunterricht, Sprachunterricht und Talmudstunden sowie eine koschere Küche für die rituelle Ernährung. Nach der Auflösung des Kibbuz 1948 blieben einige der Bewohner hier wohnen. 1964 wurde das Haus abgerissen und nichts erinnert nun an das alte Männerheim (vgl. Kingreen 1998c).

Das Israelitische Frauenheim
Die älteste Nachricht zum Israelitischen Frauenheim stammt aus dem Jahr 1902 (vgl. Alemannia Judaica a). Vermutlich wurde in diesem Jahr zunächst ein Verein zur Förderung von Frauenkuren gegründet. 1904 wurde in der Frankfurter Straße Nr. 47 das Israelitische Frauenheim errichtet. Unterstützer waren die Freifrau Mathilde von Rothschild und der Bankier Moses Michael Mainz und weiterer Spender. Zweck war es, mittelosen jüdischen Frauen eine vollständige Badekur möglichst unentgeltlich zu gewähren (vgl. Der Israelit 16.6.1904), wobei es wohl hauptsächlich um herz- und rheumakranke Frauen und Mädchen ging, die im vereinseigenen Heim untergebracht werden sollten. Für 1917 ist bekannt, dass die Kurenden einen Beitrag von 5 Mark leisten mussten (vgl. Kingreen 1998a).
1905 kauften in der Frankfurter Straße 63-65, also gegenüber dem Männerheim, die Baronin Mathilde von Rothschild und ihrer Tochter Adelheid de Rothschild eine Villa für die Stiftung. Der Börsenmakler Moses Michael Mainz, der öfter als Gründer genannt wird, hatte zu dieser Zeit den Vorsitz der Stiftung inne (vgl. ebd.). Die Vorsitzende des Unterstützungsvereins für arme jüdische Kurbedürftige, also des Männerheims, Frau H. Grünbaum, spielte wohl auch eine wichtige Rolle bei der Initiierung des Frauenkurheims (vgl. Der Israelit 20.6.1904, zit. nach Alemannia Judaicab).
1912 wurde eine Nachbarvilla zugekauft, baulich mit dem Ursprungsgebäude verbunden und durch einen Speisesaal erweitert. Man konnte nun 30 Frauen unterbringen, die zudem einen 1.500 qm großen Garten nutzen konnten. Ein Stimmungsbild gibt ein Brief wieder, den Dr. Hertz an den Historiker Stefan Kolb geschrieben hatte. Dr. Siegfried Hertz war der Schwiegersohn und Nachfolger des Anstaltsarztes Dr. Hirsch. Die Zeilen beziehen sich ungefähr auf das Jahr 1914: „Die jüdischen Heime waren unter äußerst orthodoxer Leitung. Ich erinnere mich z. B. noch, wie ich in einem Jahr vor den hohen Feiertagen von den meisten sehr herzkranken Insassen gebeten wurde, ihnen zu erlauben, am Jom Kippur zu fasten“ (Kingreen 1998a).
Aus der Chronik des Heims ist weiter folgendes zu berichten:
Unterstützung erhielt das Frauenheim z. B. durch eine Wohltätigkeitsvorstellung im Promenadenhotel zu Gunsten des Frauen- und Kinderheims unter Teilnahme eines Komitees aus Kurgästen inkl. des Gouverneurs aus Kairo, Cattani Bei Pascha (Allgemeine Zeitung des Judentums 1913).
Für 1916 wird von 300 herzkranken Gästen gesprochen. Im Jahr 1920, in dem auch Winterkuren möglich waren, kamen 135 Frauen ins Kurheim (ebd.).
Während des 1. Weltkriegs fanden im Frauenheim auch Kuren für Kinder statt, da das Kinderheim als Lazarett genutzt wurde (vgl. Kingreen 1999: 13).
Für das Jahr 1925 wurden ca. 40 Kurplätze gemeldet, die Bäderkuren besonders für Herzkranke bieten, geöffnet war vom 1. Mai bis 1. Oktober. Vorsitzender war weiter Moses Michael Mainz, leitender Arzt Dr. Herz, Leiterin Rebekka Lehmann [vermutlich Regina Lehmann, E. B.] (vgl. Alemannia-Judaicab).
In einer Anzeige von 1930 wurde Herr J. F. Ettlinger, Bockenheimer Landstr. 25 in Frankfurt am Main, als Kontaktperson für Kurwillige genannt (vgl. Der Israelit 10.4.1930, zit. nach Alemannia Judaicab).
1930 feierte man gemeinsam mit Gästen aus dem Kinderheim und dem Männerheim, Vertretern der jüdischen Gemeinden aus Frankfurt und Bad Nauheim das 25-jährige Bestehen. Dabei dankte man dem Gründer Michael Moses Mainz, dem langjährigen ehrenamtlichen Anstaltsarzt Sanitätsrat Dr. Hirsch und den Rothschildhäusern Frankfurt und Paris, aber auch der „aufopferungsvollen Oberin, Frl. Regina Lehmann“ und den „ihr zur Hand stehenden Schwestern und Helferinnen“ (Der Israelit 3.7.1930, zit. nach Alemannia Judaicab). Auch den verschiedenen Logen in Frankfurt am Main, die sich mit dem Heim verbunden fühlen, wurde gedankt, jedoch bezeichnet der Zeitungsartikel nicht welche Logen gemeint sind (vgl. Der Israelit 3.7.1930, zit. nach Alemannia Judaicab).
1932 verzeichnet man rückläufige Besucherzahlen, 150 Kurbedürftige waren gekommen (vgl. Jüdische Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung 1933).
1934 fand im Heim die Vorstandssitzung des Jüdischen Frauenbunds Bad Nauheim statt, mit den prominenten Vortragenden Dr. Ernst Simon und Martin Buber, die verschiedene Bibelthemen aufgriffen.
Auf der im selben Jahr stattfindenden Mitgliederversammlung des Israelitischen Frauenheims freute man sich über die stabilen Patientenzahlen von 150 Personen. Es waren zum ersten Mal auch Männer aufgenommen worden, da das Männerheim geschlossen werden musste. Der Kostenbeitrag betrug 110 RM pro Monat. Reparaturen der Häuser wurden beschlossen (vgl. Der Israelit 11.4.1935, zit. nach Alemannia Judaicab).
1935 war die Adresse in Hermann Göring-Straße 63/65 umgenannt worden (vgl. Der Israelit 3.4.1935, zit. nach Alemannia Judaicab).
1937 wurde das Frauenkurheim aufgegeben, die antisemitische Verfolgung ließen keinen Kurbetrieb mehr zu (vgl. Kingreen 1998a) und es wurde als Altenheim weitergeführt.

Das jüdische Altenheim in den Räumen des Frauenkurheims
Zunehmend verließen junge jüdische Menschen Deutschland, und viele alte Menschen blieben, alleine zurück. Entsprechend funktionierte man das Frauenkurheim im Juli 1937 zu einem Altenheim um. Initiatoren waren die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der Provinzialverband und der Lehrer Bettmann (vgl. Kingreen 1998a). Pflegebedürftige ältere Juden aus Gießen wurden bis 1942 ebenfalls dort untergebracht (vgl. Kolb 1987: 176).
Während des Novemberpogroms 1938 kam es zu Ausschreitungen im Heim, und auch danach gab es Überfälle mit eingeschlagenen Fenstern, wohl meist von Jugendlichen ausgeführt. Zwischenzeitlich war das Haus mit 120 Bewohnern stark überbelegt.
Alle 88 Bewohnerinnen und Bewohner des jüdischen Altersheims wurden am 15. September 1942 gewaltsam in das Ghetto Theresienstadt oder in ein Vernichtungslager nach Polen verschleppt.
Im Dezember 1942 „verkaufte“ die Reichsvereinigung der Juden das Haus an die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt Gauverwaltung Hessen-Nassau“. Wie das Haus danach genutzt wurde, ist nicht bekannt (vgl. Kingreen 1998a).

Die Nachkriegszeit
Im April 1945 war die Hermann-Göring-Straße wieder in Frankfurter Straße umbenannt worden. Im August ließen die Amerikaner das Haus von Bad Nauheimer Bürgern in Stand setzen. Das ehemalige Frauenheim wurde Bestandteil des in Bad Nauheim eingerichteten „Jewish camp for displaced persons“. Nach Schließung des Camps kamen ab 1950 wieder Kurgäste, die auch in diesem Haus, das eine koschere Küche beherbergte, untergebracht wurden. David Keller hieß der Wirt, der das Haus ab 1952 bis 1977 als jüdisches Kurhotel Bad Nauheim unter Aufsicht des Landesrabbiners Hessen führte. 1980 wurde es, unter der Auflage, die Außenfassade nicht zu verändern, verkauft. Heute erinnert nichts mehr an seine jüdische Geschichte (ebd.).

Postkarte: Israelitische Kinderheilanstalt Bad Nauheim / Postkarte der Israelitischen Kinderheilstätte. Sie wurde im Jahre 1898 eröffnet.
Israelitische Kinderheilanstalt Bad Nauheim / Postkarte der Israelitischen Kinderheilstätte. Sie wurde im Jahre 1898 eröffnet. © Sammlung Monica Kingreen Weitere Angaben

Die Israelitische Kinderheilstätte
Die Jüdische Kinderheilstätte möchte ich hier nur in kurzen Worten skizzieren. Zu Umfangreich ist die Geschichte und sind die Ereignisse, die zu schildern einer eigenen Forschung und einem eigenen Bericht vorbehalten bleiben sollen.
Die Kinderheilstätte wurde 1891 von den Logenbrüdern Ferdinand Gamburg und Michael Moses Mainz der Frankfurt Loge gegründet (vgl. Frankfurt Loge 1928: 40). 1899 konnte ein modernes großes Kurheim in der Frankfurter Straße 103 eröffnet werden, finanziert durch die Baronin Mathilde von Rothschild (Kingreen 1997a). Es gab ca. 50 bis 70 Plätze, Jungen- und Mädchenmonate wechselten sich ab. Betreuender Arzt war zunächst Prof. Dr. Theodor Schott und später Dr. Hirsch [vermutlich Sanitätsrat Dr. Emanuel Hirsch, E. B.], geleitet wurde das Heim von Helene Kopp (vgl. Alemannia Judaica a) [vermutlich Helene Koppel, E. B.]. 1936 musste das Heim geschlossen werden, die Leiterin war zu diesem Zeitpunkt Frieda Fröhlich, die auch das im Jahr darauf im selben Haus entstehende Internat der jüdischen Bezirksschule Bad Nauheim leitete. Während des Novemberpogroms 1938 wurden die Schüler und Lehrer bedroht und die Schule stark verwüstet. Im Mai 1939 musste sie schließen. Es folgten im Rahmen der Kinderlandverschickung ein Lager der Pimpfe der HJ im Haus. Nach dem Krieg entstand ein Ernährungszentrum für jüdische Kinder (vgl. Kingreen 1997d), gefolgt von verschiedenen Schulen. Heute ist dort die Sophie-Scholl-Schule untergebracht (Faatz).

Herzlichen Dank an die Bad Nauheimer Stadtarchivarin Brigitte Faatz.

Edgar Bönisch 2015

Unveröffentlicht

Faatz, Brigitte 2014: Auskunft der Stadtarchivarin von Bad Nauheim Brigitte Faatz, Telefonat im Mai

Literatur

 Allgemeine Zeitung des Judentums: 05.09.1913, 01.10.1920 (zit. nach Alemannia Judaica b

Der Israelit: 16.06.1904, 20.06.1904, 25.06.1925, 01.10.1925, 05.07.1928, 10.04.1930, 03.07.1930, 03.04.1935, 11.4.1935 (alle zitiert nach: Alemannia Judaica b).

Frankfurt-Loge 1928: Geschichte der Frankfurt-Loge 1888-1928. Im Selbstverlag der Frankfurt-Loge.

Unterstützungsverein für arme israelitische Kurbedürftige in Bad Nauheim 1914: Jahresbericht des Unterstützungsvereins für unbemittelte israelitische Kurbedürftige. In: Allgemeine Zeitung des Judentums, 20.30.1914, zit. nach Alemannia Judaica b.

Jüdische Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung 07.04.1933.

Kingreen, Monica 1997a: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte I. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 29.10.1997: 2

Kingreen 1997b: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte II, Bezirksschule (Frankfurter Straße 103). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 01.11.1997: 6

Kingreen 1997c: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte 3, Bezirksschule. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 27.11.1997: 4

Kingreen 1997d: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Kinderheilstätte 4, HJ, Ernährungszentrum, Schule. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 17.12.1997: 2

Kingreen 1998a: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Frauenkurheim 1, Altenheim (Frankfurter Straße 63-65). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 14.01.1998:2

Kingreen 1998b: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Frauenkurheim 2, Altenheim, Deportationen, DPs, Kurhotel. In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 17.01.1998: 4

Kingreen 1998c: Die jüdischen Kurheime in Bad Nauheim. Männerkurheim, jüdische Wohnungen, Kibbutz mit Ausbildungsplätzen, Wohnungen (Frankfurter Straße 58). In: Frankfurter Rundschau, Lokalrundschau, Ausgabe: Wetteraukreis, 23.01.1998: 5

Kingreen, Monica 1999: Israelitische Kinderheilstätte und Jüdische Berzirksschule. In: Frankfurter Straße 103. Festschrift aus Anlass der 100-jährigen Nutzung des Gebäudes Frankfurter Straße 103. Bad Nauheim: 7-33

Kolb, Stephan 1987: Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden. Bad Nauheim.

Krause-Schmitt, Ursula/Freyberg, Jutta von 1995: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. Frankfurt am Main

Zentralblatt der Bauverwaltung: 17.04.1909

Links

Alemannia Judaica a [Alemannia Judaica Bad Nauheim/Synagoge]: Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Nauheim (Wetteraukreis) Jüdische Geschichte/Synagoge. http://www.alemannia-judaica.de/bad_nauheim_synagoge.htm. (29.08.2014)

Alemannia Judaica b [Alemannia Judaica Bad Nauheim/Texte]:
Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Nauheim (Wetteraukreis) Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt. http://www.alemannia-judaica.de/bad_nauheim_texte.htm. (29.08.2014)

The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust
Siehe Alemannia Judaica a

Juden in Themar
http://www.judeninthemar.org/deutsch/?page_id=79 (29.08.2014)

Jüdisches Jahrbuch für Hessen-Nassau und Adressbuch der Gemeindebehörden Organisationen und Vereine 1932/33. Ausgabe Frankfurt/Main, Wiesbaden. Frankfurt am Main. https://www.yumpu.com/de/document/view/22239156/hes5-n-55u/49 08.08.2014)

Stadt Bad Nauheim
https://www.bad-nauheim.de/leben-in-bad-nauheim/politik-stadt/geschichte.html (12.02.2015)

Zoske, Horst 1996: „Groedel, Franz Maximilian“. In: Neue Deutsche Biographie [Onlinefassung]; URL://www.deutsche-biographie.de/ppn131530712.html (12.02.2015)

 

Jüdische Orte der Kur – die Sanatorien Dr. Pariser, Dr. Rosenthal und Dr. Goldschmidt in Bad Homburg

Fotografie: Kurstadt Bad Homburg: Blick auf den Taunus, 16.10.2013
Kurstadt Bad Homburg: Blick auf den Taunus, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann, 2013

Die Sozialgeschichte der jüdischen Kranken-, Alten- und Kinderpflege umfasst auch die Sanatorien und Erholungsheime. Viele jüdische Frankfurterinnen und Frankfurter begaben sich in die benachbarten Kurorte Südhessens: nach Bad Homburg, Bad Nauheim, Bad Soden, Oberursel/Oberstedten oder auch Königstein mit dem bekannten Sanatorium Dr. Kohnstamm. Die jüdische Medizin-, Pflege- und Patientengeschichte ist Teil der lokalen Erfolgsstory dieser bekannten Kurstätten, die aber trotzdem nicht frei von von „Bäder-Antisemitismus“ (Bajohr 2003) waren. Vorgestellt werden drei Sanatorien als einstige Stätten jüdischen Lebens in Bad Homburg, einer Stadt im Taunus, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem international bekannten Kurort aufstieg (vgl. Baeumerth 1982; Schweiblmeier 2014).

Die Anfänge: Bad Homburg als Ort der Begegnung des west- und osteuropäischen Judentums

Fotografie: Agnonweg, benannt nach dem hebräischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Joseph Agnon (1888-1970, Angabe des Geburtsjahres auf dem Straßenschild: 1887)
Agnonweg, benannt nach dem hebräischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Joseph Agnon (1888-1970, Angabe des Geburtsjahres auf dem Straßenschild: 1887) © Dr. Birgit Seemann, 2013

In Bad Homburg vor der Höhe (bis 1912: Homburg) lebte bis zur Schoah eine jüdische Gemeinde, von deren vielfältigem kulturellen und sozialen Engagement auch die ehrenamtlichen Institutionen der Krankenpflege zeugen (vgl. Alemannia Judaica (Bad Homburg)):
– die 1774 (vgl. Grosche 1991: 27) gegründete Israelitische Männerkrankenkasse, auch Männer-Kranken-Institut genannt, welche noch 1932 mit 52 Mitgliedern bestand;
– die 1792 (vgl. ebd.) als Israelitischer Frauenverein (Chewrat Naschim, 1864: 97 Mitglieder) gegründete Israelitische Frauenkrankenkasse, auch Frauen-Kranken-Institut genannt, dessen langjährige Vorsitzende Jakobine Wiesenthal (gest. 1921) war;
– der Wohltätigkeitsverein Chewrat Gemillus Chassodim (1864: 27, 1932: 40 Mitglieder), der sich ebenfalls um Krankenpflege und Bestattungswesen kümmerte;
– der Krankenhilfsverein Chewrat Bikkur Cholim (1864: 49 Mitglieder).

Hinzu kamen jüdische Kurgäste aus aller Welt. Am 15. August 1853 meldete die Allgemeine Zeitung des Judentums: „Die hiesige Badesäson reicht auch dieses Jahr wieder glänzende Früchte, und ist die Zahl der Kurgäste in der Kurliste schon über 4500 gestiegen. […] fast noch nie hat man so viel Israeliten, und das sämmtlich sehr reiche Familien, hier bemerkt, der größte Theil kommt aus der Pfalz, dem Elsaß und Holland. Man kann behaupten, daß immer unter den Anwesenden der dritte Theil Juden sind“ (Anonym. 1853: 421 [Hervorheb.i.Orig.]). Vor der NS-Zeit war Bad Homburg – als international bekannter Kurort und als Zuflucht für antisemitisch verfolgte Flüchtlinge – auch eine Wirkungsstätte des osteuropäischen Judentums. Unter den prominenten ostjüdisch geprägten Kurgästen befanden sich, um nur einige zu nennen, der Bildhauer Markus Antokolsky, der Elektrophysiker Hermann Aron, David Wolffsohn (Nachfolger von Theodor Herzl als Präsident der Zionistischen Weltorganisation) und der Religions- und Sozialphilosoph Martin Buber. Letzterer hatte Kontakt zu dem Bad Homburger jüdischen Gelehrtenkreis (1921–1925) um die Verlegerin Shoshana Persitz und den hebräischen Schriftsteller und späteren Nobelpreisträger Samuel Agnon.

Die traditionsreiche Geschichte der Bad Homburger jüdischen Gemeinde, der angesehene Rabbiner wie Seligmann Fromm (Großvater des Sozialphilosophen Erich Fromm) und Dr. Heymann Kottek vorstanden, lässt sich bei Yitzhak Sophoni Herz (1981), dem Enkel des letzten Bad Homburger Kantors, dem Lokalhistoriker Heinz Grosche (1991) sowie auf der Website Alemannia Judaica (Bad Homburg) nachlesen. Die Vielfalt im Judentum spiegelt sich in den Biographien der Begründer der drei Sanatorien Dr. Pariser, Dr. Goldschmidt und Dr. Rosenthal wider: So steht Dr. Curt Pariser für das vorwiegend säkularisiert-liberale westliche Judentum und soll darüber hinaus nur selten die Bad Homburger Synagoge besucht haben; als langjähriges tragendes Mitglied des ‚Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ bekämpfte er den Judenhass. Seine Arztkollegen Dr. Siegfried Goldschmidt und Dr. Abraham Rosenthal, die gutnachbarliche Beziehungen pflegten, blieben hingegen dem orthodoxen Judentum verbunden, das ihnen die Kraft zur Selbstbehauptung gegen antisemitische Anfeindungen gab.

Vom Sanatorium Dr. Pariser (Clara Emilia) zur Paul-Ehrlich-Klinik

Fotografie: Bad Homburg, Dr. Sanatorium Pariser / Paul-Ehrlich-Klinik, Denkmal für Professor Ehrlich, 16.10.2013
Bad Homburg, Dr. Sanatorium Pariser / Paul-Ehrlich-Klinik, Denkmal für Professor Ehrlich, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Um 1900 gab der Gastroenterologe und Diätarzt Dr. Curt Pariser seine Praxis in Berlin auf und eröffnete in der Kurmetropole Bad Homburg, Landgrafenstraße 6, ein Sanatorium, das er nach seiner Mutter ‚Clara Emilia‘ benannte. Um 1919 bestand das Sanatorium Dr. Pariser „aus zwei Häuserkomplexen, dem ‚Haupthaus‘, der ‚kleinen Villa‘, dem ‚Aerztehaus‘ und dem ‚Neubau 1914‘ einerseits und dem in den Jahren 1904 und 1906 erstellten ‚Weißen Haus‘. Ein 20 Meter langer, gefälliger gedeckter Wandelgang verbindet beide Gebäudegruppen zu einem harmonischen Ganzen“ (StA HG: Sanatorium Dr. Pariser, Kurprospekt). Die mit einem eigenen Laboratorium für Röntgendiagnostik ausgestattete Kurklinik war auf Magen-Darm-Erkrankungen sowie Ess- und Stoffwechselstörungen spezialisiert. Darunter fiel die Behandlung von Zivilisationskrankheiten wie Adipositas (umgangssprachlich: Fettsucht), Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht): „[…] außer lokalen Magen-, Darm-, Leber- und Gallengangsleiden […]: Allgemeine Unterernährung (Mastkuren), Blutarmut, nervöse Abspannung, Fettsucht (Entfettungskuren), Diabetes, Gicht, Affektionen des Herzens und des Gefäßsystems“ (zit. n. ebd. [Hervorheb. im Orig.]).Viele Kurgäste reisten nicht nur aus Berlin und dem nahen Frankfurt an, sondern auch aus dem Zarenreich, weshalb Dr. Pariser und sein Co-Direktor Dr. Benno Latz zwei russischsprachige Assistenzärzte beschäftigten; möglicherweise sprachen einige Pflegekräfte (über die bislang keine Informationen vorliegen) ebenfalls Russisch. Zum Renommee seines Hauses wie der Stadt Bad Homburg trug bei, dass sich Curt Pariser als Mitschöpfer der überregional bekannten ‚Homburger Diät‘ einen Namen machte (vgl. Pariser 1931; ders./Roemheld 1933; siehe auch Pariser 1927). 1914 war er als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten wesentlich daran beteiligt, dass deren erste Jahrestagung in Bad Homburg stattfand (vgl. Jenss u.a. 2013: 24; siehe auch Rieber 2016).

Fotografie: Bad Homburg, Paul-Ehrlich-Weg, 16.10.2013
Bad Homburg, Paul-Ehrlich-Weg, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Curt Parisers Verdienste um Bad Homburg verloren nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg offenbar an Bedeutung, zumal der Judenhass wieder aufflammte. Zwar wurde er am 2. März 1919 als Mitglied der linksliberalen DDP (Deutsche Demokratische Partei, von Antisemiten als ‚Judenpartei‘ diffamiert) zum Bad Homburger Stadtverordneten gewählt, geriet aber bald in Schwierigkeiten: In seinem Sanatorium beschlagnahmte der vorübergehend einflussreiche ‚Revolutionäre Arbeiterrat‘ Nahrungsmittel, die Dr. Pariser angeblich für seine Kurgäste ‚gehortet‘ hatte – was in diesen Tagen als „illegaler Schleichhandel“ (Grosche 1991: 36) galt. Wiederholt warnte der geachtete und bekannte Kurarzt vor antisemitischen Hetzkampagnen, die sich auch gegen osteuropäisch-jüdische Flüchtlinge richteten. Zudem machte ihm die Nachkriegsinflation finanziell zu schaffen. Im April 1920 legte er sein Mandat nieder, im Herbst 1920 schloss er sein vom Konkurs bedrohtes Lebenswerk, das Sanatorium. Dr. Pariser verließ Bad Homburg und wurde leitender Arzt am Sanatorium Woltersdorfer Schleuse bei Berlin. Von 1926 bis 1929 praktizierte er in Bad Harzburg (Niedersachsen) in der dem Hotel Kaiserhof angeschlossenen ‚Diätetischen Kurabteilung für Magen-, Darm-, Herz-, Nieren-, Zucker- und Stoffwechselkranke‘ (Auskunft von Dr. med. Harro Jenss, Email v. 25.09.2014). 1931 verstarb Dr. Curt Pariser mit 78 Jahren in Berlin, seine Grabstätte ist bislang unbekannt. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass sich seine geschiedene Frau zehn Jahre später, am 20. November 1941, unter der nationalsozialistischen Verfolgung das Leben nahm; das Grab von Else Pariser, den Gästen des Sanatoriums Dr. Pariser wohlbekannt, befindet sich auf dem Frankfurter jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße (vgl. Grosche 1991: 91).

Fotografie: Bad Homburg, Sanatorium Pariser / die heutige Paul-Ehrlich-Klinik, 16.10.2013
Bad Homburg, Sanatorium Pariser / die heutige Paul-Ehrlich-Klinik, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

1921 wurde das Anwesen Landgrafenstraße 6 als ‚Ritters Parkhotel, Kurpark-Sanatorium (früher Dr. Pariser)‘ wiedereröffnet (vgl. Alemannia Judaica (Bad Homburg)). 1928 übernahm die Reichsbahn-Versicherungsanstalt das Kurheim (‚Park-Sanatorium‘), nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die US-amerikanische Armee dort eine Soldatenunterkunft ein. 1956 gelangte die Anlage wieder in den Besitz der Bundesbahn-Versicherungsanstalt (vormals Reichsbahn-Versicherungsanstalt), die das Sanatorium nach dreijährigen aufwändigen Baumaßnahmen wieder eröffnete. 1979 in Paul-Ehrlich-Klinik umbenannt (vgl. Orte der Kur), ist die Institution heute (Stand 2014) eine Rehabilitationseinrichtung der Knappschaft-Bahn-See (KBS). Auf deren Homepage ist zu lesen: „Der Arzt, Biologe und Nobelpreisträger Paul Ehrlich hat unserer Klinik den Namen gegeben. Seinen hohen medizinischen Ansprüchen fühlen wir uns noch heute verpflichtet“ (zit. n. KBS: Medizinisches Netz: Rehakliniken: Bad Homburg: http://www.kbs.de).

Anzeige: Bad Homburg, Sanatorium Dr. Rosenthal
Bad Homburg, Sanatorium Dr. Rosenthal, Anzeige in: Der Israelit (04.03.1937) Nr. 9, S. 16

„Wo Martin Buber einst kurte“ – das Sanatorium Dr. Rosenthal
Durch Alexander Wächtershäusers Artikel „Wo einst Martin Buber kurte“ (vgl. ders. 2011) und die Website ‚Alemannia Judaica‘ sind inzwischen auch Informationen über das Sanatorium Dr. Rosenthal zugänglich. Um 1900 (vgl. Rosenthal, Abraham 1936, Würdigung), etwa zur gleichen Zeit wie Curt Pariser, eröffnete der praktische Arzt Sanitätsrat Dr. Abraham Rosenthal in der Villa Kaiser-Friedrich-Promenade 49 sein orthodox-jüdisches Kurheim. Zuvor hatte er als Brunnen- und Badearzt in der Elisabethenstraße (wo sich auch die Synagoge und das jüdische Gemeindehaus befanden) praktiziert. Nach dem Zukauf des benachbarten Anwesens Nr. 51 konnte das Sanatorium Dr. Rosenthal seit 1914 bis zu 50 Kurgäste aufnehmen. Abraham Rosenthal, ein „thorakundiger und glaubensstarker Jehudi“ (Rosenthal, Abraham 1937, Nachruf) fühlte sich – anders als die vorwiegend westlich-säkularisierten jüdischen Bad Homburger/innen – zum gläubigeren osteuropäischen Judentum hingezogen. So verwundert es nicht, dass das Sanatorium „zahlreiche jüdische Prominenz“ (Wächtershäuser 2011) anzog, so den Rabbiner von Brest-Litowsk, Chajim (Halevi) Soloweitschik – und den zu dieser Zeit in Frankfurt wirkenden Religions- und Sozialphilosophen Martin Buber.’Mutter‘ der ‚Sanatoriumsfamilie‘ war Abraham Rosenthals Frau Dina (geb. Strauß), welche 1934 verstarb: „Über drei Jahrzehnte stand sie mit ihrem Manne dem Hause vor, in dem so viele kranke und leidende Glaubensgenossen Genesung und Erholung fanden. Mit wahrer mütterlicher Treue widmete sie sich dem Werke und wurde durch ihr liebevolles Wesen und ihre aufopferungsvolle Tatkraft manchem Patienten Gefährtin und Helferin in schwerem Leide“ (Rosenthal, Dina 1934, Nachruf). 1927 hatte das Paar bereits seinen mittleren Sohn Bertram verloren, als sich der junge Arzt bei der Behandlung eines Patienten eine tödliche Infektion zuzog. Zehn Jahre später verstarb mit 71 Jahren auch Abraham Rosenthal und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Bad Homburg im Gluckensteinweg beerdigt (vgl. Grosche 1991: 120). Im Israelit, dem Periodikum des orthodoxen Judentums, erschien ein Nachruf: „Einer frommen Familie entstammend, war Dr. Rosenthal in seiner Jugend für den Rabbinerberuf bestimmt[,] und er saß auch einige Jahre Rabbi Esriel Hildesheim[er] im Berliner Rabbiner-Seminar zu Füßen. […] Der ärztliche Beruf war ihm mehr eine Berufung, heilige Mission, G’ttesdienst [im orthodoxen Judentum wird ‚Gott‘ nicht ausgesprochen, d.V.] und Dienst am Menschen […]“ (Rosenthal, Abraham 1937).

Fotografie: Bad Homburg, früherer Standort des Sanatoriums Dr. Rosenthal, 16.10.2013
Bad Homburg, früherer Standort des Sanatoriums Dr. Rosenthal, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Zwei weitere Söhne, der Zahnarzt Dr. Erich Rosenthal und sein jüngerer Bruder Theodor Rosenthal (vgl. DNB Ffm: Rosenthal, Theodor) sollten das Sanatorium in seinem Sinne fortführen, was die Nationalsozialisten vereitelten: Den im Stadtarchiv Bad Homburg aufbewahrten Bauakten (StA HG: A 03) zufolge unterlag die angeblich verwahrloste Rosenthal’sche Liegenschaft seit 1936 der Zwangsverwaltung und wurde danach zwangsversteigert. Erich Rosenthal wohnte zuletzt im 2. Obergeschoss des Vorderhauses. An die jüdische Geschichte des Hauses erinnerte nur noch eine Hütte im vorderen Teil des Hofes, unter deren Dach in besseren Zeiten das Laubhüttenfest gefeiert wurde. Der neue nichtjüdische Besitzer nahm an dem Gebäude Umbau- und Abrissmaßnahmen vor und betrieb darin vorübergehend ein Hotel.
Im Jahre 1953 eröffnete die Landesversicherungsanstalt Hessen nach Freigabe der Liegenschaft durch die U.S. Army das Sanatorium Geheimrat Dr. Trapp (vgl. Orte der Kur). Seit 1972 befindet sich auf dem früheren Areal des Sanatoriums Dr. Rosenthal die Wicker-Klinik/Wirbelsäulenklinik, die früheren Gebäude (Vorder- und Hinterhaus) sind inzwischen zum Teil „überbaut“ (Wächtershäuser 2011).

Fotografie: Bad Homburg, Sanatorium Dr. Goldschmidt in Gonzenheim, Teilansicht des Gebäudes, 16.10.2013
Bad Homburg, Sanatorium Dr. Goldschmidt in Gonzenheim, Teilansicht des Gebäudes, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Das „Jüdische Sanatorium“ Dr. Goldschmidt (Taunus-Sanatorium)
1911 eröffnete der Nervenarzt Dr. Siegfried Goldschmidt in Gonzenheim (1937 eingemeindet nach Bad Homburg), Untere Terrassenstraße 1, sein Taunus-Sanatorium; die offizielle Einweihung fand im April 1912 statt. Dort sollten „Erholungsbedürftige, innerlich Kranke und Nervöse“ Genesung finden (vgl. Alemannia Judaica (Bad Homburg), Anzeigen). Unter den zumeist orthodox-jüdischen Patienten/Kurgästen war die Kurklinik als das „Jüdische Sanatorium“ bekannt (vgl. Freeman 1994). Im Sanatoriumsprospekt beschrieb Dr. Goldschmidt sein Anliegen: „Namentlich solche Juden, die bisher durch das Fehlen einer solchen Anstalt öfters gezwungen waren[,] nicht jüdische Häuser aufzusuchen, werden es gewiß begrüßen[,] ein in jeder Beziehung erstklassiges Sanatorium kennen zu lernen, wo sie gesellschaftlichen Zurücksetzungen als Juden nicht mehr ausgesetzt sind“ (StA HG, Sanatorium Dr. Goldschmidt, Kurprospekt). Die hochmoderne Kurklinik war vor allem „für die Aufnahme von zentralen und peripheren Erkrankungen des Nervensystems, sowohl organischer wie funktioneller Art[,] bestimmt […]“ (ebd.). Bemerkenswert ist, dass anders „als in den öffentlichen Heilanstalten […] in diesem Haus zugleich großer Wert auf ‚Psycho-Therapie‘ gelegt […]“ wurde (Vanja 2012: 614). Nachhaltige Erholung verhieß die idyllische und zugleich zentrale Lage des stattlichen Anwesens: „Nach dem ca. 7000 Quadratmeter großen eigenen Park klingen noch die morgendlichen Weisen der Kurmusik von dem etwa 3 Minuten entfernten Elisabethenbrunnen hinüber, so nah ist es zum prächtigen Homburger Kurpark, fast ebenso weit zum ausgedehnten Hardtwald“ (StA HG: Sanatorium Dr. Goldschmidt: Kurprospekt).

Über ihren Vater Siegfried Goldschmidt schrieb Prof. Rivka Horwitz (geb. 1926 als Gertrud Goldschmidt), die 2007 verstorbene bekannte Judaistin, Philosophin und Franz-Rosenzweig-Forscherin: „Er war ein deutscher Jude mit einer starken deutsch-jüdischen Identität, geboren in Witzenhausen in einer Familie, die seit 1524 in dieser Stadt ansässig war. Er wuchs in Kassel auf und wurde nach seinem Medizinstudium in Berlin Arzt. Er war ein Schüler der Jeschiwa von Rabbi Breuer in Frankfurt, er heiratete und ließ sich in Bad Homburg v.d.H. nieder. […]“ (Horwitz 1997: 225). Dort engagierte sich Dr. Goldschmidt im traditionsreichen Talmud-Thora-Verein (vgl. Grosche 1991: 29), der u.a. arme Kinder mit Schulbüchern versorgte. Im Ersten Weltkrieg diente er als Oberarzt der Reserve und erhielt bereits 1914 das Eiserne Kreuz. Wie die Tochter Rivka berichtet, heiratete der kinderlos gebliebene Witwer Siegfried Goldschmidt um 1923 „meine Mutter, eine russische Jüdin, und wurde mit zwei Kindern gesegnet. Sie brachte in unser Haus die Tugenden der osteuropäischen Juden ein, eine jüdische Kultur, jüdischen Humor und Wärme […]“ (Horwitz 1997: 225f.).

Leider lernten Rivka Horwitz und ihr Bruder Heinz Naftali Goldschmidt (geb. 1925) ihren Vater nicht näher kennen, da er bereits 1926 kurz nach Rivkas Geburt an plötzlichem Herzversagen starb. Ihre Mutter Schewa Goldschmidt, „eine Führungspersönlichkeit“ (ebd.: 227), führte das Sanatorium weiter, „die allverehrte Leiterin und Besitzerin des Hauses […], die in so hervorragender Weise es verstanden hat, das Werk des Gatten fortzusetzen und auszubauen“ (Anonym. 1928). So hieß es lobend in einem Bericht des Israelit über die feierliche Einweihung (1928) der neuen Haussynagoge, der auch geladene Gäste und Freunde aus Frankfurt beiwohnten. 1932 würdigte Schewa Goldschmidt den 6. Jahrtag ihres Mannes mit der Stiftung einer Seferweihe, der Einweihung einer neuen Torarolle für die Haussynagoge (vgl. Wollmann 1932).

Siegfried Goldschmidts Nachfolger als ärztlicher Leiter wurde ein Mediziner aus der Belegschaft seines Sanatoriums, der in der jüdischen Tradition des Hauses stand, „[…] er war ein sehr fähiger Mann und war im jüdischen Lernen äußerst bewandert. Ein Teil seiner Aufgabe bestand darin, jeden Samstagnachmittag über einen bestimmten Gegenstand der jüdischen Tradition zu sprechen“ (Horwitz 1997: 226). Wie Schewa Goldschmidt (geb. Abramov) entstammte der 1895 in Wilna, dem einstigen ‚Jerusalem Litauens‘, geborene Dr. Joshua O. Leibowitz dem osteuropäischen Judentum. Neben seiner beruflichen Tätigkeit lehrte er am Frankfurter ‚Freien Jüdischen Lehrhaus‘ Hebräische Literatur und Jüdisches Denken, so trug er über den berühmten Arzt und Philosophen Maimonides vor (vgl. Leibowitz 1935). Seine wertvolle medizinhistorische Bibliothek konnte Dr. Leibowitz bei seiner Flucht aus Nazideutschland nach Palästina/Israel retten (vgl. Freeman 1994). Dort wurde er ein bekannter Medizinhistoriker und lehrte als Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Bad Homburg, Sanatorium Dr. Goldschmidt, Teilansicht des Geländes mit Straßennamen und ehemaligem Pförtnerhaus, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Schewa Goldschmidt bemühte sich während der NS-Zeit vergeblich um den Verkauf der Liegenschaft. Sie ahnte, dass das Kurheim als ein Ort jüdischen Lebens nicht mehr zu retten war. Im Herbst 1933 schickte sie ihre beiden Kinder nach Palästina/Israel; sie selbst erlag drei Jahre später in Tel Aviv einem Krebsleiden. Ihre Familie ließ Siegfried Goldschmidts Leichnam nach Tel Aviv überführen und neben seiner Frau bestatten. Schewa Goldschmidts Vater Peisach Abramov verkaufte als Vormund von Heinz und Gertrud Goldschmidt das Sanatorium im Mai 1937 an die NS-Reichsbahn.

Das verwaiste jüdische Sanatorium diente seit 1937 „zunächst der Reichsbahn zur Unterbringung ihrer Zentralschule und nach seiner Besetzung durch US-Truppen seit 1947 als Behörde der Finanzverwaltung der amerikanisch-britischen Bizone. Hieraus ging 1952 das heutige Bundesausgleichsamt hervor. Seit dessen Umzug 1998 steht das Gebäude, das sich im Besitz des Hochtaunuskreises befindet, leer“ (zit. n. Orte der Kur). Die Zukunft der einst so prachtvollen, jetzt verwahrlosenden Liegenschaft ist bislang umstritten und ungewiss (Stand März 2014, vgl. z.B. Velte 2010, 2012, 2013 sowie Sanatorium Dr. Goldschmidt 2011, o.J. [2013]).

Schlussbetrachtung

Fotografie: Bad Homburg, Teilansicht des Kurparks, 16.10.2013
Bad Homburg, Teilansicht des Kurparks, 16.10.2013 © Dr. Birgit Seemann

Die Quellenlage zu den jüdischen Kurheimen in Bad Homburg (und anderswo) ist nach den Zerstörungen der Schoah und des Zweiten Weltkriegs recht lückenhaft. Von jüdischen Pflegenden mit Bezug zu Bad Homburg waren bis auf drei Krankenschwestern – Thekla Dinkelspühler, Guste Cohen und Ella Scharatzick – bislang keine Informationen zu ermitteln. Im Sanatorium Dr. Goldschmidt war mit Josefine Hach von 1926 bis 1937 eine nichtjüdische Oberschwester angestellt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Sanatorien Dr. Pariser, Dr. Rosenthal und Dr. Goldschmidt ihr Pflegepersonal aus dem Frankfurter jüdischen Schwesternverein rekrutierten. Allerdings bestanden intensive Kontakte zwischen den Direktoren aller drei Kurkliniken und der Frankfurter jüdischen Gemeinde. Die jüdischen Kurgäste aus Frankfurt schätzten die rituelle Versorgung ebenso wie den Austausch unter Gleichgesinnten – und sie mussten während ihrer Kur keine antisemitische Diskriminierung befürchten.Über die Lebensgeschichten von Curt Pariser, Abraham Rosenthal und Siegfried Goldschmidt, ihrer in den Sanatoriumsbetrieb eingebundenen Familienmitglieder und Kollegen und nicht zuletzt ihrer Patientinnen und Patienten aus dem west- und osteuropäischen Judentum ließe sich ein spannendes Buch schreiben. Der Artikel schließt mit einer Kindheitserinnerung von Rivka Horwitz, der mit sieben Jahren nach Eretz Israel emigrierten Tochter von Schewa und Siegfried Goldschmidt: Wenn die Mutter „mit uns durch die Parkanlagen Bad Homburgs spazierte, zeigte sie auf die Zedern und erzählte uns, dass diese herrlichen Bäume aus dem Libanon stammen, dem alten Heiligen Land“ (Horwitz 1997: 226).

Für wichtige Hinweise dankt die Autorin Frau Dr. Krüger und Herrn Mengel (Stadtarchiv Bad Homburg v.d.H.), Herrn Haberkorn (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden), Herrn Roeper (Stadtarchiv Witzenhausen), Frau Dr. Massar (Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt a.M.), Frau Angelika Rieber (Historikerin) und Herrn Dr. med. Harro Jenss (Gastroenterologe und Ärzteforscher).

Birgit Seemann, 2014, aktualisiert 2017

Primärquellen


Stadtarchiv Bad Homburg (StA HG)
– A 03 – Städtische Amtsbücher und Akten 1866-1945 Nr. 163-171: Nr. 165, 166, 167: Kaiser-Friedrich-Promenade 49-51 [Sanatorium Dr. Rosenthal: umfangreiche Bauakten], Nr. 165
– A III.11: Schutz der zwecks „Rasseforschung“ bedeutsamen Archivalien [Unterlagensammlung Judengemeinde Bad Homburg 1933]
– S 11 – Zeitungen Nr. 1-114: Anzeigen u.a. vom Sanatorium Dr. Pariser-Latz
– NL Baeumerth: Nachlass Dr. Angelika Baeumerth (Kreisarchivarin)
– Sanatorium Dr. Goldschmidt: Kurprospekt, undatiert [um 1911], Sig. 1765/92 Hot [Text: Siegfried Goldschmidt; mit zahlr. Abb.]
– Sanatorium Dr. Pariser, Kurprospekt, undatiert [um 1919], Sig. 1078 Hot [Text: Dr. Curt Pariser / Dr. Benno Latz; mit zahlr. Abb.]
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW)
– Von der Familie Goldschmidt/Abramov liegen Entschädigungs-, Rückerstattungs- und Devisenakten vor, mit biographischen Daten und Informationen zum Sanatorium Dr. Goldschmidt.
Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt a.M. (DNB Ffm):
Rosenthal, Theodor: Sig.: EB autograph 0130: Einzelautographen: Tagebuchaufzeichnungen (22.10.1940 – März 1945): Baden-Baden – Camp de Gurs 1940/41, 2 Hefte (ca. 182 S. handschr., mit Photos, Zeitungsausschnitten u.a.; mit Lebenslauf von Theodor Rosenthal, 18.02.1974, 1 Bl. masch. mit Unterschrift, Link: http://d-nb.info/1042264473

Literatur


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Ders. 2012: Das Taunus-Sanatorium verfällt. In: Frankfurter Rundschau, 16.06.2012, http://www.fr-online.de/bad-homburg/kuranstalt-das-taunus-sanatorium-verfaellt,1472864,16398858.html

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Links (Aufruf aller Websites im Artikel am 14. Dezember 2017)


Alemannia Judaica (Bad Homburg): Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Bad Homburg vor der Höhe (Kreisstadt, Hochtaunuskreis): http://www.alemannia-judaica.de/bad_homburg_vdh_synagoge.htm

Compact Memory – Internetarchiv jüdischer Periodika: http://www.compactmemory.de

Geschichts- und Heimatvereine im Hochtaunuskreis: http://www.hochtaunuskreis.de

Orte der Kur: Online-Datenbank des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde (HLGL) in Marburg und des Stadtarchivs Bad Homburg: http://www.lagis-hessen.de/de/odk
– Sanatorium Dr. Goldschmidt (auch: Taunus-Sanatorium), Terrassenstraße 1.
– Sanatorium Dr. Pariser (auch: Sanatorium Clara Emilia, Park-Sanatorium (1928-1979), Paul-Ehrlich-Klinik (seit 1979)), Landgrafenstraße 6.
– Sanatorium Dr. Trapp (auch: Sanatorium Dr. Rosenthal), Kaiser-Friedrich-Promenade 49-51.
– Synagoge, Elisabethenstraße 8.

Sanatorium Dr. Goldschmidt 2011: Der Magistrat der Stadt Bad Homburg v.d.Höhe: Erhaltungssatzung für die ehemalige Sanatoriumsanlage Dr. Goldschmidt: http://www.bad-homburg.de/vv/stadtrecht/61.2-1_Erhaltungssatzung_Sanatorium_Dr._Goldschmidt.pdf

Sanatorium Dr. Goldschmidt o.J. [2013]: Urbex Wetterau: Lost Places: Das Jüdische Sanatorium. [Private Website mit Bildergalerie, Video und Abdruck eines Artikels von Gerda Walsh], http://urbex-wetterau.jimdo.com/ (Rubrik: Bildergalerie: Kliniken/ Heilstätten)

Vor dem Holocaust – Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen. Red.: Monica Kingreen. Website des Fritz Bauer Instituts Frankfurt a.M.: http://www.vor-dem-holocaust.de [Rubrik: Bad Homburg, Abb. zu den Sanatorien Dr. Goldschmidt und Dr. Pariser].

Jüdische Krankenhäuser in Frankfurt am Main (1829 – 1942)

Kranken zur Pflege, der Gemeinde zum Frommen, der Vaterstadt zur Zierde“

Die Öffnung des Frankfurter Judenghettos (1462 – 1796) und der am 1. September 1824 erkämpfte Status als „israelitische Bürger“ (Heuberger/ Krohn 1988, S. 37) schufen den Rahmen für die Auflösung des beengten und überalterten Spitalwesens der Ghettozeit. Endlich konnten die beiden Frankfurter jüdischen Gemeinden – die mehrheitlich liberale Israelitische Gemeinde und die kleinere konservative Israelitische Religionsgesellschaft – ein modernes Medizin- und Pflegesystem aufbauen. Es entstanden sowohl jüdisch-religiös (mit Haussynagoge und koscherer Küche) als auch interkonfessionell angelegte Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen; auch die konservativ-jüdischen Institutionen nahmen gemäß der Bikkur-Cholim-Bestimmungen Nichtjuden auf.

Schon 1829, einige Jahrzehnte vor der Gleichstellung der Frankfurter jüdischen Bevölkerung am 8. Oktober 1864, öffnete in der Rechneigrabenstraße 28-20 (neben der heutigen Gedenkstätte Neuer Börneplatz) das Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen seine Pforten. Das Doppelgebäude ließ die Bankiersfamilie Rothschild errichten: „Die Freiherren Amschel, Salomon, Nathan, Carl, Jakob von Rothschild erbauten im Sinne ihres verewigten Vaters [Mayer Amschel Rothschild, d.V.] dieses Haus; Kranken zur Pflege, der Gemeinde zum Frommen, der Vaterstadt zur Zierde; ein Denkmal kindlicher Ehrfurcht und brüderlicher Eintracht“ (zit. n. Arnsberg 1983, Bd. 2, S. 123). Das Krankenhaus entstand aus den beiden Israelitischen Männerkrankenkassen (1738 und 1758 gegründet) und der Israelitischen Frauenkrankenkasse (1761 gegründet) des Frankfurter Judenghettos. Alle drei Kassen waren soziale Unterstützungsvereine mit eigenen Krankenstationen, die Patientinnen und Patienten ambulant und stationär betreuten. Die Zusammenlegung der Kassen unter einem Dach hatte 1826 in einem organisatorischen Kraftakt Siegmund Geisenheimer, Prokurist des Bankhauses Rothschild M.A. und Mitglied der Krankenhausverwaltung, gemeistert. 1831 verfügte das Krankenhaus über bis zu 30 Betten (Israelitische Männerkrankenkasse: etwa 15 Betten; Israelitische Frauenkasse: etwa 12 Betten); ein alter Frankfurter Stadtführer (o.Verf. [1843], S. 48) lobte überdies dessen „kleine Synagoge“ („Kippe-Stubb“). Oberin der Frauenkrankenkasse wurde 1917 Clara Simon („Schwester Claire“). Spätestens im September 1942 nahm das Krankenhaus der Israelitischen Krankenkassen als Sammelort vor den Frankfurter Deportationen ein trauriges Ende; das Doppelhaus der Männerkasse und der Frauenkasse zerstörten alliierte Luftangriffe auf das nationalsozialistische Frankfurt (vgl. Unna 1965; Schiebler 1994, S. 136-141).

Das Dr. Christ´sche Kinderhospital (1845-1943/44) in der Theobaldstraße (heute Theobald-Christ-Straße), in Frankfurt liebevoll „Spitälchen“ genannt, war das gemeinsame Projekt zweier eng befreundeter Ärzte und Stifter: des Nichtjuden Dr. Theobald Christ und des getauften Juden Dr. Salomo Friedrich (Salomon) Stiebel, beide evangelischen Glaubens. 30 Jahre später gründete die Frankfurter jüdische Stifterin Louise von Rothschild im Bornheimer Landwehr 10 das nach ihrer Tochter Clementine benannte Clementine Mädchen Spital. Diesen beiden angesehenen Einrichtungen der Frankfurter Kinderpflege, die Mädchen und Jungen unabhängig von Konfession und sozialer Herkunft aufnahmen, verdankt das heutige Clementine Kinderhospital in der Theobald-Christ-Straße 16 seine Entstehung (vgl. Hövels u.a. 1995; Reschke 2011).

1870 entstand im Unterweg 20 – zunächst als „Fremdenhospital“ mit 6 Betten – das Hospital der Georgine Sara von Rothschild´schen Stiftung. Die auch als Rothschild´sches Hospital bekannte Klinik versorgte anfangs vor allem bedürftige jüdische Kranke, die in anderen jüdischen Heilstätten nicht unterkamen. Sie trug den Namen Georgine Sara von Rothschilds, der Tochter des Stifterpaares Hannah Mathilde und Wilhelm Carl von Rothschild und Cousine der ebenfalls früh verstorbenen Clementine von Rothschild, Namensgeberin des Clementine Kinderhospitals. Trägerin des Rothschild´schen Hospitals war die neo-orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft (IRG): 1850 gegründet, positionierte sie sich gegenüber der größeren liberalen Frankfurter Israelitischen Gemeinde, von der sie sich 1876 auch institutionell löste, als Bewahrerin jüdischer Tradition (vgl. Heuberger/ Krohn 1988, S. 74-77). 1878 wurde im Röderbergweg 97 ein von Mathilde und Wilhelm von Rothschild finanzierter Neubau mit zunächst 40 Betten eröffnet, hinzu kamen Gebäude im Röderbergweg 93 und in der Rhönstraße 50 (Personalwohnhaus). An diesen Entwicklungen beteiligte sich von Beginn an der leitende Arzt Dr. Marcus (Markus) Hirsch. Sieben Jahrzehnte später, im April 1941, schlossen die Nationalsozialisten auch diese Klinik und wiesen Personal und Patientinnen und Patienten in das nunmehr letzte Frankfurter jüdische Krankenhaus (Gagernstraße 36, siehe unten) ein. Um 1943 zerstörten die Luftangriffe auf Frankfurt Gebäude und Grundstück des Rothschild´schen Hospitals. Der Chronist der Frankfurter jüdischen Geschichte, Dr. Paul Arnsberg, ein studierter Jurist, erreichte 1976 die Wiedererrichtung der Georgine Sara von Rothschild´schen Stiftung (vgl. Lustiger 1994; Krohn 2000).

„Jüdische Gemeinden waren – auch in Zeiten der größten Not – stets vorbildlich im Aufbau und in der Erhaltung einer Reihe von sozialen Hilfsanstalten (z.B. Spitäler, Waisenhäuser, Siechenhäuser, Altersheime, Armenküchen etc.). Grundlagen dafür sind die Verpflichtungen im Judentum, Armen und Kranken Hilfe zu leisten und die Stärkung und Wiederaufrichtung der materiellen Selbständigkeit jedes Notleidenden zu erreichen“ (Werner, Klaus u.a.: Juden in Heddernheim. In: Heuberger 1990, S. 46). Dies galt auch für die einst selbständigen israelitischen Gemeinden früherer Vororte und heutiger Stadtteile von Frankfurt am Main. Trotz der schwierigen Quellenlage ist über das jüdische Pflegewesen in Bergen-Enkheim, Bockenheim, Fechenheim, Griesheim, Heddernheim, Höchst, Niederusel oder Rödelheim inzwischen manches bekannt (vgl. Arnsberg 1983, Bd. 2, S. 507-595; Heuberger 1990). In Rödelheim existierte seit 1874 das kleine jüdisch gestiftete Krankenhaus der „Joseph und Hannchen May´schen Stiftung für Kranke und Hülfsbedürftige“ in der Alexanderstraße 96 (Sitz der Stiftung), unweit der heutigen Josef-May-Straße. Durch die Eingemeindung Rödelheims nach Frankfurt am 1. April 1910 fiel das Spital (bis 1937 mit jüdischem Betsaal) dem städtischen Krankenhaus zu und wurde später auch als Altenheim genutzt. Heute (Stand 2017) befindet dort das Sozial- und Rehazentrum West, zugleich ein (nichtjüdisches) Alten- und Pflegeheim.

Noch weiter zu erforschen ist auch die Institutionengeschichte der jüdisch gegründeten Privatkliniken in Frankfurt am Main, die auch stationär behandelten. Die erste Arztpraxis dieser Art war wohl die 1867 eröffnete, später um innere und Nervenerkrankungen erweiterte Privatklinik von Dr. Siegmund Theodor Stein. Die Klinik Hohe Mark, ein großes Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik mitten im Taunus (nahe Oberursel bei Frankfurt), begründete am 1. April 1904 der Frankfurter Nervenarzt Prof. Dr. Adolf Albrecht Friedlände, ein gebürtiger Wiener jüdischer Herkunft, als Privatklinik für den europäischen Hochadel (vgl. http://www.hohemark.de/startseite/, Abfragen aller Links im Artikel am 24.10.2017). Bekanntheit in Frankfurt erlangte vor allem die Herxheimer´sche Klinik und Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten, für die Paul Arnsberg (1983 Bd. 2, S. 271; Bd. 3, S. 187, S. 277) verschiedene Standorte angab: Friedberger Landstraße 57, Heiligkreuzgasse und Holzgraben (beide ohne Hausnummern) sowie Zeppelinallee 47 (Villa Herxheimer). Die angesehene Klinik, die auch unversicherten bedürftigen Hautkranken half, gründete 1876 Dr. Salomon Herxheimer, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder und Nachfolger Prof. Dr. Karl Herxheimer zu den deutschen Pionieren der Dermatologie zählte. Zum Andenken an ihren 1899 verstorbenen Ehemann gründete Fanny Herxheimer, zur weiteren Versorgung armer Hautkranker die „Sanitätsrat Dr. Salomon Herxheimer´sche Stiftung“. Ihre Schwester Rose Livingston (Löwenstein), die sich 1891 taufen ließ, gründete 1913 in der Cronstettenstraße 57 den bis heute tätigen Nellinistift mit anfangs 25 Plätzen für allein stehende ältere Frauen evangelischen Glaubens (vgl. http://www.nellinistift.de/). Im Frankfurter Gallusviertel erinnert ein Straßenname an die Verdienste der Familie Herxheimer (Arnsberg 1983; Lachenmann 1995; vgl. auch Kallmorgen 1936).

Das von Betty Gumpertz begründete Gumpertz´sche Siechenhaus (1888-1941) im Röderbergweg 62-64 war ein ambitioniertes jüdisches Frauenprojekt im Umkreis der konservativen Israelitischen Religionsgesellschaft. Es half den Ärmsten der Armen im Frankfurter Ostend, deren Zahl durch die Migration antisemitisch verfolgter Pogromflüchtlinge aus Osteuropa weiter anwuchs. Als Siechenhäuser wurden bis in das 18. Jahrhundert hinein Pflegeeinrichtungen für Kranke mit ansteckenden und dazumal unheilbaren Leiden bezeichnet. Das Gumpertz´sche Siechenhaus war auf sozial benachteiligte Menschen mit chronischen Krankheiten spezialisiert. 1888 in der Rückertstraße eröffnet, bezog es 1892 einen Neubau mit 20 Plätzen in der Ostendstraße 75 und bereits um 1907 einen Neubau mit 60 Betten im Röderbergweg 62-64. Zu den Stifterinnen gehörten außer Betty Gumpertz und Träutchen (Thekla) Höchberg die Schwestern Minna Caroline (Minka) von Goldschmidt-Rothschild und Adelheid de Rothschild, weshalb das Gumpertz´sche Siechenhaus mitunter auch Rothschild´sches Siechenhaus geheißen wurde. Mitgestaltende Oberin war von den Anfängen bis zu ihrer Heirat Thekla Mandel; ihr folgte 1907 Rahel (Spiero) Seckbach. 1938 verkaufte das Gumpertz´sche Siechenhaus sein Vorderhaus unter NS-Bedingungen über die Stadt Frankfurt an das Hospital zum Heiligen Geist; 1939 wurde es aus seinem kleineres Hinterhaus in sein letztes Refugium am Danziger Platz 15 verdrängt. Am ehemaligen Hauptstandort des Siechenhauses befindet sich seit 1956 das August-Stunz-Zentrum (Röderbergweg 82), eine Altenpflegeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (vgl. die drei Beiträge zum Gumpertz´schen Siechenhaus sowie Lenarz 2003; Otto 1998; Schiebler 1994, S. 135, S. 282; vgl. auch Müller 2006, S. 97).

Fotografie, Büste: Hannah Louise von Rothschild, Stifterin des 'Carolinum'.
Hannah Louise von Rothschild, Stifterin des ‚Carolinum‘ – © Dr. Edgar Bönisch, 2009

Hannah Louise von Rothschild begründete am 16. Oktober 1890 mit der Heilanstalt und Zahnklinik Carolinum in der Bürgerstraße 7 (heute Wilhelm-Leuschner-Straße, zugleich existiert in Frankfurt weiterhin eine Bürgerstraße) ein hochmodernes Krankenhaus, das ebenfalls den Bedürftigen galt. Das nach ihrem verstorbenen Vater Mayer Carl von Rothschild benannte Carolinum entwickelte sich zu einer zentralen und bis heute angesehenen Einrichtung der Frankfurter Zahnheilkunde. Tatkräftige Unterstützung fand Hannah Louise von Rothschild bei dem (nichtjüdischen) leitenden Arzt Dr. Dr. Jakob de Bary – bis zu seinem Tod 1915 Vorsitzender des Carolinum-Stiftungsvorstands – und seiner Tochter, der langjährigen Oberin Luise de Bary. 1910 zog das Carolinum in die Ludwig-Rehn-Straße und gliederte sich gleich zu Beginn der am 26. Oktober 1914 offiziell eröffneten Frankfurter Stiftungsuniversität an. Durch das geschickte Agieren des von Jakob de Barys Sohn Dr. Dr. August de Bary geleiteten nichtjüdischen Vorstands überdauerte das Carolinum als einzige Frankfurter jüdische Stiftung den Nationalsozialismus. 1978 bezog die Zahnklinik einen Neubau auf dem Klinikumgelände Theodor-Stern-Kai 7, wo sie als Carolinum Zahnärztliches Universitäts-Institut der Goethe-Universität Frankfurt am Main bis heute erfolgreich und im Sinne der Stifterin Hannah Louise von Rothschild auch sozial tätig ist (vgl. http://www.med.uni-frankfurt.de/carolinum/).

Mit dem Mathilde von Rothschild´schen Kinderhospital (1903-1941) im Röderbergweg 109, auch als Rothschild´sches Kinderhospital bekannt, schuf Mathilde von Rothschild eine Institution, die bedürftige jüdische (und auf Wunsch gewiss auch nichtjüdische) Kinder kostenlos pflegte und ernährte. Anfangs erhielten 12, später pro Jahr bis zu 100 und 1932 140 Kinder eine unentgeltliche stationäre Versorgung. Über die konservativ-religiöse Institution und ihr gewiss größtenteils jüdisches Pflegepersonal gilt es weiter zu forschen. Im Juni 1941 schlossen die Nationalsozialisten das Kinderhospital. Sie wiesen die noch verbliebenen kleinen Patientinnen und Patienten samt den Pflegekräften in das nunmehr letzte jüdische Krankenhaus in Frankfurt (Gagernstraße 36, siehe unten) ein, das als Sammelort vor der Deportation missbraucht wurde.

1904 errichtete das (1895 evangelisch getaufte) jüdische Unternehmerehepaar Auguste und Fritz Gans 1904 in der Böttgerstraße 20-22 eine Böttgerheim genannte überkonfessionelle Klinik (vgl. Gans/ Groening 2006). Zu dieser ebenso modernen wie sozial fortschrittlichen Institution gehörten ein Säuglingsheim und eine staatlich anerkannte Pflegeschule zur Ausbildung von Säuglingsschwestern; das Schwesternhaus befand sich seit 1909 in der angrenzenden Hallgartenstraße. 1920 übernahm die Stadt Frankfurt am Main das nach dem Krieg in Finanznot geratene Böttgerheim und übergab es zwei Jahre später in die Trägerschaft des gerade gegründeten Stadtgesundheitsamtes. Von 1921 bis 1929 leitete der bekannte deutsch-jüdische Pädiater Prof. Dr. Paul Grosser die Kinderklinik. Unter dem NS-Regime hieß das Böttgerheim seit 1934 „Städtisches Kinderkrankenhaus“. 1947 wurde der Klinik- und Heimbetrieb wieder eröffnet und bestand bis zur Schließung durch die Stadt Frankfurt im Jahre 1975. Heute (Stand 2017) befindet sich in dem alten Stiftungsgebäude und einem zusätzlichem Neubau ein Geburtshaus mit Beratungszentrum für die Eltern von Säuglingen und Kleinkindern (www.geburtshausfrankfurt.de) – ganz im Sinne des Stifterpaares Gans.

Dank hoher Spenden aus der Frankfurter jüdischen Bevölkerung nahm 1914 das in der Gagernstraße 36 errichtete große Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main mit anfangs 200 Betten seine Tätigkeit auf (vgl. Hanauer 1914). Die u.a. Jüdisches Krankenhaus genannte, hochmodern ausgestattete Klinik, bei der auch viele nichtjüdische Erkrankte Heilung suchten und fanden, bestand bis zur NS-Zwangsräumung 1942. Ihre Vorläuferinnen waren das im Frankfurter Judenghetto erbaute Alte israelitische Hospital für Fremde (1796-1875) sowie das Hospital der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Königswarterstraße (Königswarter Hospital, 1875-1914). Leitender Arzt des alten israelitischen Fremdenhospitals am Völckerschen Bleichgarten war seit 1817 Dr. Salomo Friedrich (Salomon) Stiebel, später Mitbegründer des oben erwähnten Dr. Christ´schen Kinderhospitals. Als Dr. Stiebel nach 40-jähriger Tätigkeit ausschied, rückte der praktische und Frauenarzt Dr. Heinrich Schwarzschild (1803-1878) zum zweiten Hospitalarzt auf. Nicht zuletzt seiner Beharrlichkeit ist die Gründung des Königswarter Hospitals 1875 im Grünen Weg (später Königswarterstraße) 26 mit 80 Betten zu verdanken; die großzügigen Stifter waren der Bankier Isaac Löw Königswarter und seine Frau Elisabeth. Deren Station für Innere Medizin leitete seit 1877 der Chirurg und Geburtshelfer Dr. Simon Kirchheim, zugleich tatkräftiger Förderer einer Professionalisierung der jüdischen Krankenpflege zum bezahlten Frauenberuf. Der am Königswarter Hospital wohl als erste jüdische Lehrschwester in Deutschland ausgebildeten Rosalie Jüttner folgte Minna Hirsch, erste Oberin des Königswarter Hospitals (1914 geschlossen) und des nachfolgenden Jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße wie auch des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. In der Königswarterstraße (16 statt 26) befindet sich heute mit der Klinik Rotes Kreuz eine christlich geprägte Einrichtung (Stand 2017).
Außer dem neuen Jüdischen Krankenhaus wurde 1914 auch das Schwesternhaus der Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main eröffnet. Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung der Inneren Medizin war bis zu seiner Emigration der international bekannte Diabetesforscher Prof. Dr. Simon Isaac. Als Chefärzte sind u.a. zu nennen: für die Polikliniken Sanitätsrat Dr. Adolf Deutsch, für die Frauenklinik Dr. Arnold Baerwald, für die Hals-Nasen-Ohren-Klinik Dr. Max Maier, für die Augenklinik Dr. Isaak Horowitz und für die Chirurgie Dr. Emil Altschüler, seit 1935 Leiter des bis heute (Stand 2017) in Jerusalem tätigen Bikur Cholim Hospital. Im April 1939 ,erwarb´ die Stadt Frankfurt am Main über die so genannten „Judenverträge“ für 900.000 Reichsmark die gesamte Liegenschaft des Krankenhauses, um sie im Anschluss an die jüdische Gemeinde zurück zu vermieten (vgl. zusammenfassend Karpf 2003). Nach der Ankunft von Personal und Patienten der bereits geschlossenen Rothschild´schen Krankenhäuser im Röderbergweg verzeichnete ein Gestapobericht 1942 fast 400 Kranke, über 100 Angestellte (inklusive des medizinischen und Pflegepersonals) und 37 Lehrschwestern (Steppe 1997, S. 246). Im Oktober 1942 war auch das große Jüdische Krankenhaus geräumt, die zuvor darin befindlichen Menschen wurden nach Theresienstadt und in andere Todeslager deportiert. Seit dem 1. November 1942 gab es nur noch eine jüdische Krankenstation in einer „Gemeinschaftsunterkunft“ (Sammel- und Durchgangslager vor der Deportation) im Hermesweg 5-7. Deren Schließung in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1943 bedeutete das Ende der institutionellen jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main. Nach dem Krieg entstand auf dem Gelände der Gagernstraße 36 das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Bis heute (Stand 2017) gibt es in Frankfurt am Main keine jüdische Klinik mehr (vgl. zur Situation des jüdischen Krankenhauswesens nach der NS-Zeit Arnsberg 1970).

Birgit Seemann, 2010, aktualis. 2017

 

Ausgewählte Literatur und Links (Abfrage v. 20.10.2017)


Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Arnsberg, Paul 1970: Die jüdische Diaspora. (Referat des Vortrags). In: Zur Geschichte der jüdischen Krankenhäuser in Europa, S. 20-27

Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 Bände

Bolzenius, Rupert 1994: Beispielhafte Entwicklungsgeschichte jüdischer Krankenhäuser in Deutschland. Das Hekdesch der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und seine Nachfolgeeinrichtungen. Das israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache in Köln. Das Jüdische Krankenhaus in Gailingen. Das Israelitische Altersheim in Aachen. Unveröff. Diss. med., Technische Hochschule Aachen

Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte e.V. 1970: Zur Geschichte der jüdischen Krankenhäuser in Europa. Historia hospitalium, Sonderheft 1970

Gans, Angela von/ Groening, Monika 2006: Die Familie Gans 1350 – 1963. Ursprung und Schicksal einer wiederentdeckten Gelehrten- und Wirtschaftsdynastie. 2., durchges. Aufl. Ubstadt-Weiher [u.a.]

Heuberger, Georg [Hg.] 1990: Die vergessenen Nachbarn. Juden in Frankfurter Vororten. [Bergen-Enkheim, Bockenheim, Heddernheim, Höchst, Rödelheim; Begleitheft zu der Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt am Main […] Verantw.: Georg Heuberger; Konzeption u. Gesamtleitung: Helga Krohn]. Frankfurt/M.

Heuberger, Rachel/ Krohn, Helga (Hg.) 1998: Hinaus aus dem Ghetto… Juden in Frankfurt am Main. 1800 – 1950. Mit Beitr. v. Cilly Kugelmann [u.a.]. [Begleitbuch zur ständigen Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt am Main]. Frankfurt/M.

Hanauer, Wilhelm 1914: Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt am Main. In: Festschrift zur Einweihung des neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Frankfurt/M.

Hövels, Otto/ Dippel, Jürgen/ Daub, Ute 1995: Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des Clementine Kinderhospitals – Dr. Christ´sche Stiftung 1845 – 1995. Hg.: Clementine Kinderhospital – Dr. Christ´sche Stiftung. Gießen

Jenss, Harro [u.a.] (Hg.): Israelitisches Krankenhaus in Hamburg – 175 Jahre. Berlin 2016

Jetter, Dieter 1970: Zur Geschichte der jüdischen Krankenhäuser. In: Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte e.V. 1970, S. 29-59 (Wiederabdruck in: Der Krankenhausarzt. Fachzeitschrift für das Krankenhauswesen, 45 (1972) 1 (Januar), S. 23-40)

Kallmorgen, Wilhelm 1936: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main. Frankfurt/M. – [Zahlreiche Einträge zu jüdischen Ärztinnen und Ärzten und Institutionen der Frankfurter Pflege und Medizin.]

Karpf, Ernst 2003: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde an der Gagernstraße, http://www.ffmhist.de/

Krohn, Helga 2000: „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt, auf dem Röderberge, sind die jüdischen Spitäler.“ Soziale Einrichtungen auf dem Röderbergweg. In: dies. (Red.): Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel. Mit Beitr. v. Helga Krohn [u.a.] u. e. Einl. v. Georg Heuberger. Erinnerungen v. Wilhelm Herzfeld […]. Frankfurt/M., S. 128-143

Lachenmann, Hanna (Red.) [u.a.] 1995: Getrost und freudig. 125 Jahre Frankfurter Diakonissenhaus 1870-1995 [Festschrift]. Blätter aus dem Frankfurter Diakonissenhaus Nr. 386 (1995/2)

Lenarz, Michael 2003: Stiftungen jüdischer Bürger Frankfurts für die Wohlfahrtspflege. Übersicht und Geschichte nach 1933, http://www.ffmhist.de/

Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargestellt von Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen 1994

Müller, Bruno 2006: Stiftungen in Frankfurt am Main. Geschichte und Wirkung. Neubearb. u. fortgesetzt durch Hans-Otto Schembs. Frankfurt/M.

Murken, Axel Hinrich 1993/94: Vom Hekdesch zum Allgemeinen Krankenhaus. Jüdische Krankenhäuser im Wandel ihrer 800jährigen Geschichte vom 13. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. In: Historia Hospitalium 19 (1993/94), S. 115-142

o.Verf. o.J. [1843]: Die freie Stadt Frankfurt am Main nebst ihren Umgebungen. Ein Wegweiser für Fremde und Einheimische. Mit Stahlstichen. Frankfurt/M.

Otto, Arnim 1998: Juden im Frankfurter Osten 1796 bis 1945. 3. bearb. u. Veränd. Aufl. Offenbach/M.

Reschke, Barbara [Red.] 2011: Full of talent and grace. Clementine von Rothschild 1845-1865. Zum 125-jährigen Bestehen des Clementine Kinderhospitals. Hg. v. Vorstand der Clementine Kinderhospital – Dr. Christ´schen Stiftung. [2. erg. Aufl.] Frankfurt/M.

Schiebler, Gerhard 1994: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger 1994, S. 9-288

Seemann, Birgit 2010: Jüdische Krankenpflege in Frankfurt am Main. Ein Forschungsprojekt. In: TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums 49 (2010) 193, S. 124-134

Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar 2010: Die Geschichte der jüdischen Krankenpflege am Beispiel Frankfurt am Main und ihre Präsentation im Internet. In: Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte (Hg.: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geschichte) 2010/1 (Heft 19). Schwerpunkt: Pflegegeschichte. Focus: Nursing History. Mit Beiträgen v. Wendy Gagen [u.a.], S. 55-86

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main

Tauber, Alon 2008: Zwischen Kontinuität und Neuanfang. Die Entstehung der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Frankfurt am Main 1945-1949. Wiesbaden

Unna, Josef 1965: Die israelitische Männer- und Frauen-Krankenkasse („Kippestub“) in Frankfurt a.M. In: Bulletin des Leo-Baeck-Instituts 8 (1965) 31, S. 227-239

Windecker, Dieter 1990: 100 Jahre Freiherr-Carl-von-Rothschild’sche Stiftung Carolinum. 100 Jahre Stiftung Carolinum. Die Geschichte der Stiftung und die Entwicklung der Zahnklinik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main. Berlin

Links


Carolinum Zahnärztliches Universitäts-Institut, Frankfurt am Main: http://www.med.uni-frankfurt.de/carolinum/

Clementine Kinderhospital, Frankfurt am Main: www.clementine-kinderhospital.de

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Frankfurt am Main 1933-1945, http://www.ffmhist.de/

Museum Judengasse Frankfurt am Main: http://www.museumjudengasse.de/de/home/

 

Gumpertz’sches Siechenhaus (1888 – 1941) – jüdische Pflege für die „Aermsten der Armen“ im Frankfurter Ostend

Einführung
Im Mittelalter fungierte ein Siechenhaus vor allem als Seuchenspital (etwa für Leprakranke). Dort wurden die ‚Insassen‘ von der gesunden Bevölkerung abgesondert und gleich Häftlingen teils ‚lebenslänglich‘ ‚verwahrt‘. Im Zuge der Industrialisierung wandelte sich das Siechenhaus zum Asyl für Bedürftige mit Gebrechen, chronischen Leiden und Behinderungen: Infolge des Zerreißens familiärer und dörflicher Netze durch Abwanderung in die Städte sowie der zunehmenden Spezialisierung der Hospitäler auf heilbar Kranke konnten sie nicht mehr versorgt werden und vegetierten dahin. Auch Betagte fanden Zuflucht: Vor der Einrichtung der „ersten reinen Alters- und Siechenheime“ im 19. Jahrhundert waren sie noch „in Armen- und Arbeitshäusern untergebracht worden, in denen auch ‚Personen mit schlechtem Leumund‘, ‚Schwachsinnige‘, ‚unverbesserliche Alkoholisten‘, ‚Arbeitsscheue‘ und Straffällige lebten“ (Graber-Dünow 2013: 245). Gebrechliche mussten für ihren Unterhalt arbeiten, Anstaltskleidung tragen und sogar körperliche Misshandlungen fürchten. Hier galt es Abhilfe zu schaffen: Professionelle „Unheilbarenhäuser“ (Stolberg 2011: 71) wurden zu Vorläufern der heutigen modernen Alten- und Pflegeheime und stationären Hospize. In Frankfurt am Main gehörten hierzu außer dem Gumpertz´schen Siechenhaus das städtische Armen- und Siechenhaus Sandhöfer Allee (später Krankenhaus Sandhof), das Schmidborn-Rückersche Siechenhaus, das vom Diakonissenverein betriebene Karl und Emilie Jaegersche Kindersiechenhaus und seit 1922 auch das jüdisch gegründete Krankenhaus Rödelheim (vgl. Aktenbestand im ISG Ffm).
Die beschleunigte Industrialisierung im Wilhelminischen Kaiserreich stellte auch die jüdischen Gemeinden vor neue Herausforderungen. So stieg etwa im Frankfurter Stadtteil Ostend, wo einkommensschwache Jüdinnen und Juden wohnten und seit den 1880er Jahren immer wieder antisemitisch Vertriebene aus Osteuropa eintrafen, der Pflegebedarf. Die Israelitische Religionsgesellschaft (konservative Austrittsgemeinde, die die größere liberale Israelitische Gemeinde zu Frankfurt am Main verlassen hatte) sorgte sich zudem um die angemessene rituelle Betreuung jüdischer Pflegebedürftiger. Ergebnis dieser Überlegungen war eine eigenständige stationäre Einrichtung für gebrechliche, unheilbar kranke und bettlägerige Bedürftige jüdischen Glaubens: das Gumpertz´sche Siechenhaus, das gemäß der Bestimmungen von Bikkur Cholim (jüdische Pflicht zum Krankenbesuch bzw. zur Krankenpflege) aber auch Nichtjuden offen stand. Nach bescheidenen Anfängen vereinte das Siechenhaus unter einem Dach eine professionelle Kranken-, Schwerbehinderten-, Alten- und Armenpflege. Bald entwickelte es sich zu einem wichtigen Akteur des lokalen jüdischen Wohlfahrtssystems. Beeindruckend sind Zahl und Umfang der Zustiftungen und Spenden durch Angehörige beider Frankfurter jüdischen Gemeinden: für Freibetten, Geräte zur medizinischen Behandlung und Pflege, Bücher und kulturelle Aktivitäten, die Ausrichtung der religiösen Feiern, die Errichtung und Instandhaltung der 1911 eingeweihten Haussynagoge (vgl. GumpSiechenhaus 1909 u. 1913ff.). Die große Bedeutung der Synagoge für die Bewohner/innen des Heims zeigt sich u.a. darin, dass das Siechenhaus mit Salomon Wolpert einen eigenen Hausrabbiner beschäftigte.

Die Anfänge

Fotografien: Persönlichkeiten der Frankfurt-Loge Bne Briss.
Persönlichkeiten der Frankfurt-Loge Bne Briss Nachweis: Gut, Elias 1928: Geschichte der Frankfurt-Loge (1888-1928). Frankfurt a.M. 1928 (zwischen S. 70 u. 71)

1888 initiierte die Frankfurter jüdische Stifterin Betty Gumpertz den nach ihr benannten Verein Gumpertz´sches Siechenhaus, um „unbemittelten, dauernd kranken, siechen Personen beiderlei Geschlechts, Unterkunft und Pflege zu gewähren“ und ihnen anstatt bloßer Verwahrung eine kompetente „ärztliche Fürsorge“ angedeihen zu lassen (GumpStatut 1895: 3). Laut Statut war die Absicht „darauf gerichtet, dass bei den Leistungen des Vereins das Religionsbekentniss ausser Betracht bleibe. Da dieses Ziel jedoch mit Rücksicht auf die […] Mittel des Vereins nicht erreichbar ist, so sollen nur Kranke israelitischer Religion berücksichtigt werden. Wenn solche jedoch nicht vorhanden sind, so dürfen auf Beschluss des Vorstands auch Nichtjuden aufgenommen werden“ (ebd.: 4). Die Antragsteller/innen sollten „gut beleumdet“ – dem prüfenden Vorstand war ein Zeugnis über ihr „sittliches“ Verhalten vorzulegen – und mindestens zwei Jahre in Frankfurt „ortseingesessen“ sein. Aufnahme und Betreuung erfolgten in der Regel unentgeltlich. Satzungsgemäß bestand im Siechenhaus „ein Raum für die Verrichtung der Andacht nach streng israelitischem Ritus“ (ebd.: 5), wo nach deren Ableben der Stifterin Betty Gumpertz selbst und verstorbenen Angehörigen ihrer Familie gedacht werden sollte.
Im Jahre 1895 bestand der Vorstand des Vereins Gumpertz´sches Siechenhaus aus dem bekannten Sozialreformer und Vorsitzenden Charles L. Hallgarten sowie Michael Moses Mainz (stell. Vors.), Julius Goldschmidt (Schriftführer, später Präsident), Joseph Holzmann (Gegenschreiber), Direktor Hermann Rais (Kassierer), Hermann Schott (Oeconom), Raphael Ettlinger(stellv. Schriftführer u. stellv. Oeconom), dem Bankier Otto Höchberg (Beisitzer) sowie Rechtsanwalt Dr. Julius Plotke. Vermutlich deshalb, weil Frauen laut Preußischem Vereinsgesetz im Deutschen Kaiserreich bis 1908 keinen Verbänden oder Vereinen vorstehen durften, gestaltete Betty Gumpertz ihre Stiftung als Ehrenmitglied und „Ehrendame“ (ebd.: 8); sie war zudem befugt, eine zweite Ehrendame zu benennen. Am 11. Mai 1895 erhielt das Gumpertz´sche Siechenhaus den Status als juristische Person.

Die Standorte

Fotografie: Rückertstraße, um 1865/68, Sicht von Hanauer Landstraße aus.
Rückertstraße, um 1865/68, Sicht von Hanauer Landstraße aus. Dort lagen die Anfänge des Gumpertz´schen Siechenhauses. © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Das Gumpertz´sche Siechenhaus startete 1888 als kleine stationäre Einrichtung in der Rückertstraße (Arnsberg 1983 Bd. 1: 764 u. Bd. 2: 120; Cohn-Neßler 1920: 174; Schiebler 1994: 135, 282). Die Aufnahmekapazitäten waren schnell erschöpft. Betty Gumpertz´ Großspende von 60.000 RM ermöglichte den Erwerb des Grundstücks Ostendstraße 75, wo 1892 ein Gebäude mit anfangs 20 Betten eröffnet wurde (ISG Ffm: Wohlfahrtsamt Sign. 877). Als offizielles Gründungsdatum des Gumpertz´schen Siechenhauses legte der Vorstand des Vereins den 10. Oktober 1892 fest. Im September 1893 stellte eine weitere großzügige Stifterin, Träutchen Höchberg, dem immer stärker nachgefragten Siechenhaus 50.000 RM zur Verfügung (vgl. Schiebler 1994: 135). Dennoch stießen die Räumlichkeiten angesichts des anhaltenden außerhäuslichen Pflegebedarfs wieder an ihre Grenzen. 1898 (vgl. GumpBericht 1899: 894-895) erwarb der Gumpertz’sche Verein das Grundstück Röderbergweg 62-64. Noch im gleichen Jahr bezogen die ersten Bewohner/innen die dortige alte Villa (von der Gumpertz’schen Verwaltung später als ‚Hinterhaus‘ bezeichnet). Der Standort Ostendstraße 75 wurde parallel weitergeführt, bis das jüdische Pflegeheim 1899 ganz in den Röderberweg wechselte und die Liegenschaft verkaufte. Unter der neuen Adresse „Röderbergweg 62“ war das Gumpertz’sche Siechenhaus erstmals 1900 in Mahlau’s Frankfurter Adressbuch (32. Jg. 1900 für das Jahr 1899) erwähnt.

1905 erfolgte die Angliederung der 1905 errichteten (unselbständigen) Minka von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung an den Verein Gumpertz´sches Siechenhaus: Dank der von Mathilde von Rothschild in die Wege geleiteten umfangreichen Schenkung von etwa 1 Million Mark entstand im Röderbergweg 62-64 ein Neubau mit mindestens 60 Betten, der mitunter „Rothschild´sches Siechenhaus“ genannt wurde. „[…] durch diesen mitten in dem alten Park liegenden Prachtbau“ wurde das israelitische Kranken- und Siechenheim, wie dessen langjähriger Verwalter Hermann Seckbach hervorhob, „in die Lage versetzt, seine Kranken bei erforderlichen Operationen und dergl.[eichen] selbst behandeln und verpflegen zu können, denn das Stiftungsgebäude enthält Operationssäle, Röntgeneinrichtung, Laboratorium und die verschiedenartigsten elektrischen und sonstigen Bäder“ (Seckbach 1917). Neben dem neu errichteten ‚Vorderhaus‘ umfasste die Liegenschaft Röderbergweg 62-64 noch ein kleineres altes ‚Hinterhaus‘ (Gebäude des Vereins des Gumpertz´schen Siechenhauses), das dem leitenden Arzt Dr. Alfred Günzburg einige Sorge bereitete: „In die neue Stiftung sind gemäß dem ausdrücklichen Wunsch der Stifterin [Mathilde von Rothschild für ihre 1903 verstorbene Tochter Minka, B.S.] nur Frauen aufgenommen worden, während die Männer im alten Hause – einer notdürftig zu Krankenhauszwecken umgewandelten alten Villa – verpflegt werden. Hier fehlt es an Bädern, an Closets und an Spülküchen. Es ist kein Aufenthaltsraum vorhanden! Ein Personenaufzug ist dringend nötig, um Schwerbewegliche in den Garten bringen zu können. Jetzt tritt an den Vorstand die dringende Aufgabe heran, das Männerhaus derartig umzubauen, dass es den wichtigsten Anforderungen der modernen Gesundheitspflege entspricht“ (GumpSiechenhaus 1909, S. 7f.).

Dokument: Grundriss Villa "Rothschild'sches Siechenhaus".
Grundriss Villa „Rothschild’sches Siechenhaus“ (Vorderhaus des Gumpertz’schen Siechenhauses), Röderbergweg 62-64 (um 1907) © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Sign. S8_2_767

Die dringend notwendigen Umbaumaßnahmen fanden statt, und auch das große ‚Vorderhaus‘ wurde weiter modernisiert. Die Unterteilung in ein ‚Männerhaus‘ (Hinterhaus) und ein ‚Frauenhaus‘ (Vorderhaus) bestand noch während des Ersten Weltkrieges.
Neben der Krankenpflege im Rothschild´schen Spital und der Kinderkrankenpflege im Rothschild´schen Kinderspital war das auf Behinderten-, Siechen- und Altenpflege spezialisierte Gumpertz´sche Siechenhaus der dritte Pfeiler des Pflegeangebots im Röderbergweg (siehe hierzu auch Eckhardt 2006; Krohn 2000). Alle drei Einrichtungen standen der konservativ-jüdischen Religionsgesellschaft nahe und untereinander im engen Austausch.

Lazarett im Ersten Weltkrieg
Gleich nach Beginn des Ersten Weltkriegs beteiligte sich das Gumpertz´sche Siechenhaus 1914 an der Frankfurter Kriegskrankenpflege. Als Lazarett 33 geführt, richtete es im ersten Stock des Vorderhauses eine Schwerkrankenstation für Offiziere und Mannschaften mit bis zu 40 Betten ein. Dort kamen Soldaten aller Konfessionen unter, so dass im Lazarett neben den jüdischen Feiern auch das Weihnachtsfest abgehalten wurde. „Es war von der Mobilmachung bis zum 12. Dezember 1918 belegt, verpflegte 671 Soldaten, darunter 434 Verwundete. Außerdem wurden dort 154 Militärpersonen ambulant behandelt“ (Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920, S. 36). Der Verwalter Hermann Seckbach nahm auch das Lazarett unter seine bewährte Fittiche. Unter der Leitung seiner späteren Frau, Oberin Rahel Spiero, pflegten dort einige ihrer Kolleginnen vom Verein jüdischer Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, deren Namen bisher leider nicht überliefert sind. Auch die Bewohner/innen des Siechenhauses blieben nicht untätig: Einige männliche Patienten errichteten eine Jahrzeitstiftung für Gefallene, „und zwar wird täglich in unserer Anstalts-Synagoge während des Trauerjahres und am Todestage für alle Zeiten ein Licht gebrannt und abwechselnd von den Patienten das Kaddischgebet verrichtet“ (Rechenschaftsbericht 1914 u. 1915 (1916, S. 7), vgl. GumpSiechenhaus 1913ff.).

Dokument: Gumpertz´sches Siechenhaus, Rechenschaftsbericht für 1914/15, 1916 (Deckblatt).
Gumpertz´sches Siechenhaus, Rechenschaftsbericht für 1914/15, 1916 (Deckblatt) Online-Ausg.: Frankfurt am Main: Univ.-Bibliothek, 2011

Neben dem Lazarett musste der laufende Pflegebetrieb weitergeführt werden: „Am 1. Januar 1916 waren in unseren Anstalten 35 Frauen und 22 Männer. In den drei Jahren kamen neu hinzu 24 Frauen und 20 Männer. Es starben, bzw. wurden entlassen, 28 Frauen und 25 Männer, sodaß am 1. Januar 1919 31 Frauen und 17 Männer sich in unseren Anstalten befanden“ (Rechenschaftsbericht 1916, 1917 u. 1918 (1919, S. 4), vgl. GumpSiechenhaus 1913ff.). Anlässlich des 25jährigen Jubiläums des Gumpertz´schen Siechenhauses betonte der Verwalter und Autor Hermann Seckbach, der auch publizistisch für seine Schützlinge eintrat, 1917 in den ‚Frankfurter Nachrichten‘: „[…] so hat man schon seit Jahren es als wichtigste Aufgabe betrachtet, die mit [sic!] einer längeren Krankheit Befallenen nicht einfach hindämmern zu lassen. So finden wir […] eine Anzahl Fälle, die dem Leben und ihrer Familie wieder zurückgegeben werden konnten, oder die innerhalb der Anstalt selbst als Mitarbeiter sich betätigen“ (Seckbach 1917).
Nach Kriegsende halfen Mathilde von Rothschild und die Familie ihrer verstorbenen Tochter Minka – deren Ehemann Max von Goldschmidt-Rothschild und die gemeinsamen Kinder Albert, Rudolf, Lili, Lucy und Erich sowie aus Paris Minkas Schwester Adelheid de Rothschild –, das Gumpertz´sche Siechenhaus durch die schwierigen Inflationsjahre zu bringen. 1923 ließ der deutsch-argentinisch-jüdische Getreidemillionär und Frankfurter Stifter Hermann Weil dem Siechenhaus eine Million Mark zukommen.

Die 1920er Jahre
In Fanny Cohn-Neßlers auch heute noch lesenswerten Zeitungsbericht „Das Frankfurter Siechenhaus“ von 1920 heißt es lobend: „Die Minka-von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung, ein stattliches langgestrecktes Gebäude im roten Sandstein und Ziegelbau, in der Nähe des Ostbahnhofes (Hanauer Bahn) und eines schönen Parks gelegen, richtet ihre Front nach dem Röderbergweg. Das Siechenhaus, aus einem Legat der Frau Gumpertz herstammend […] hat nunmehr ein eigenes großes Haus im Garten des obengenannten Stifts erhalten. Diese beiden Anstalten erfreuen sich eines besonderen guten Rufes unter den Wohlfahrtsanstalten der alten Reichsstadt. […] es ist in Frankfurt stehende Redensart: die beste Verpflegung und das beste Einvernehmen unter den Anstaltsbewohnern findet man in diesen beiden Häusern, die doch eins sind; denn beide Anstalten sind für dauernd kranke, sieche Personen eingerichtet“ (Cohn-Neßler 1920: 174 [Hervorheb. im Orig.]). Die Autorin gewährt uns auch Einblicke in die innere Architektur und Ausstattung: „Beim Eintritt in das Stift gelangt man in das vornehm wirkende Vestibül. Marmorbekleidung, abwechselnd mit gelb polierten Holzflächen, die Wände Spiegel, breite Treppen aus Holz mit geschnitztem Geländer“ (ebd.). Im Parterre des hier geschilderten Vorderhauses der Minka von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung befanden sich u.a. das Ärztezimmer, das Zimmer der Hausschwester, Untersuchungs- und Operationsräume, das Röntgenzimmer sowie der bei Feierlichkeiten genutzte Speisesaal. Besonders beeindruckte die Besucherin Fanny Cohn-Neßler ein Raum, der ganz von einem riesigen Schabbesofen (Backofen zum Warmhalten der Speisen für den Schabbat) ausgefüllt war: „Das Haus wird in streng ritueller Weise geführt. Der Schabbesofen hält die Speisen und Getränke während des gesamten Samstags in gleichmäßig heißer (hoher) Temperatur. Für eine Personenzahl von etwa hundert – die Verwaltung, Pflege, Bedienung mit einbegriffen. Eine Tunnelbahn verbindet beide Grundstücke [Vorder- und Hinterhaus, B.S.]. Der Speisenzug (Lowrywagen) fährt hin und her und befördert die Speisen samt dem nötigen Geschirr, Bestecks [sic] usw. in die verschiedenen Aufzüge, die sich in allen Etagen befinden. Die große Küche, mit allen Einrichtungen der Neuzeit versehen, ist im Souterrain; auch eine Pessachküche. […] Im zweiten Stock ist die Waschanstalt mit Dampfbetrieb, ganz nach dem Muster großer Dampfwäschereien in Berlin und anderen Städten eingerichtet“ (ebd.). Die Zimmer der Männer- und der Frauenabteilung waren in Weiß gehalten. Ein großes Konversationszimmer förderte die Kommunikation der noch bewegungsfähigen Bewohner/innen.
Infolge der spätestens seit dem Lazarettbetrieb verstärkten Spezialisierung des Gumpertz´schen Siechenhauses auf die medizinische Behandlung Langzeitkranker bezeichnete es sich im Namenszusatz zeitweilig als „Israelitisches Krankenheim“. Um seine finanziellen Nöte zu beheben – wie fast alle sozialen und Pflegeinstitutionen kämpfte das Siechenhaus in den 1920er Jahren mit wirtschaftlichen Problemen – strebte der Vorstand dessen Aufwertung zum Krankenhaus an, doch wurde es, da Kurzzeitpflege und Ambulanz fehlten, von Amts wegen weiterhin als Siechen- bzw. Pflegeheim eingestuft. Wohl aus diesem Grund schränkte es 1922 den Betrieb seines Krankenheims zugunsten der Altenpflege ein. 1929 musste das Gumpertz´sche Siechenhaus sein Hauptgebäude (Vorderhaus) mit 90 Betten (mit Aufstockungskapazität mit bis zu 120 Betten) für zunächst 20 Jahre an die Stadt Frankfurt am Main vermieten, die, zum Beispiel im Hinblick auf Epidemien, eine Erweiterung der städtischen Krankenversorgung anstrebte. Das Siechenhaus selbst zog sich in sein zweites Gebäude (Hinterhaus), eine Villa mit 30 Betten, zurück. Am Hinterhaus setzte die Stadt Frankfurt zwischen 1929 und 1932 unter Leitung des Architekten Max Cetto vertraglich festgelegte Neubaumaßnahmen um: ein größerer Anbau, ein Waschhaus und ein Pförtnerhäuschen. Für das Vorderhaus übernahm die Stadt Frankfurt als Mieterin Instandhaltungs- und Renovierungsarbeiten, auch plante sie Erweiterungsbauten mit integrierten Schwesternwohnungen. Am 27. Juli 1931 wurde das Vorderhaus laut Magistratsbeschluss dem Stadtgesundheitsamt als Krankenanstalt zugewiesen, die Verwaltung übernahm das Pflegamt des Hospitals zum Heiligen Geist. Aus verschiedenen Gründen, zu denen die stark fluktuierende Belegung der Frankfurter Krankenhausbetten zählte, blieb das Hinterhaus jedoch bis zur NS-Zeit ungenutzt (ISG Ffm: Wohlfahrtsamt Sign. 877; Magistratsakten Sign. 8.957).

Die NS-Zeit
Nach der NS-Machtübernahme beabsichtigte die Stadt Frankfurt die Untervermietung des Gumpertz´schen Vorderhauses an die Feldjägerei-Abteilung bei der Obergruppe V (Frankfurt am Main) der Sturmabteilung (SA) der NSDAP für deren Feldjägerinspektion, was sich zunächst nicht realisieren ließ. Deshalb kündigte die Stadt im Mai 1933 kurzerhand den Mietvertrag. Die Gumpertz´sche Stiftung, vertreten durch ihren Vorsitzenden Dr. Richard Merzbach, ging gerichtlich gegen die unvermittelte Vertragsaufhebung vor: Sie bedeute für das Gesamtprojekt den finanziellen Ruin und gefährde die Arbeitsplätze des langjährigen (vorwiegend christlichen) Pflegepersonals. Die SA-Feldjägerei-Abteilung machte in rüder Manier ihr Interesse auf Einzug geltend: Sollte die Stadt nicht entsprechenden Druck auf den jüdischen Vermieter ausüben, würde die Feldjägerinspektion gegebenenfalls ohne Erlaubnis einziehen, sie rückte das Siechenhaus sogar in die Nähe von Sabotage (ISG Ffm: Magistratsakten Sign. 8.957: Schreiben des Oberbürgermeisters Krebs v. 02.10.1933). Letztlich musste das Siechenhaus der Stadt das Vorderhaus zu ermäßigtem Mietzins und ohne die Auflage, das Gebäude nur für Krankenhauszwecke zu nutzen, überlassen. Nach einem Magistratsbeschluss vom 16. Oktober 1933 erfolgte am 4. November 1933 der Einzug der SA-Feldjägerei-Abteilung in das Vorderhaus, im April 1934 wohnten dort 65 Personen. So erhielt das Gumpertz´sche Siechenhaus, jetzt mit Anschrift Danziger Platz 15, auf eigenem Grundstück nationalsozialistische Nachbarn. Obendrein stand es weiter in Mietauseinandersetzung mit der Stadt, die ihre Zahlungen inzwischen eingestellt hatte. Offizieller Untermieter für das SA-Feldjägerkorps war von 1934 bis 1936 (mit Verlängerungsoption bis 1944) der ‚Preußische Fiskus‘, der sich mit der Stadt Frankfurt die Renovierungs- und Instandhaltungskosten teilen sollte, aber hierüber mit der Stadt stritt, zumal die Feldjägerei ihre Mietzahlungen herauszögerte. Nach deren Auszug wurden 1936/37 im Vorderhaus bis zu deren Verlegung in die Gutleutkaserne die 1. Polizeihundertschaft der Frankfurter Schutzpolizei Frankfurt am Main untergebracht, danach (1937) vorübergehend ‚Hitler-Urlauber-Kameradschaften‘, die sich aus älteren ‚verdienten‘ Nationalsozialisten – politischen Leitern, SA- und SS-Männern – zusammensetzten.
Seit Herbst 1937 sollte das Vorderhaus infolge verstärkter Nachfrage wieder als Alten- und Siechenheim genutzt und diesmal von der Gumpertz´schen Stiftung möglichst ‚preisgünstig‘ erworben werden. Eine Etage nutzte bereits seit 1936 die Frankfurter Abteilung des in Wiesbaden von dem Chirurgen und bekannten Luftfahrtmediziner Prof. Dr. em. Ludolph Brauer gegründeten ‚Forschungsinstituts für Arbeitsgestaltung, für Altern und Aufbrauch e.V.‘; in Kooperation mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) stellte sich das Institut in den Dienst der Optimierung der ‚arischen‘ Arbeitskraft, erforschte berufsbedingte Alterskrankheiten, führte Leistungsprüfungen (inklusive ‚Erbanlagen‘) durch und entwickelte Präventionsmaßnahmen. 1937 befanden sich im Untergeschoss des Vorderhauses Küche, Hauptanrichte für Speiseverteilung, Speise- und Umkleideräume für die Bediensteten, Räume zur Aufbewahrung von Krankenkleidung und gebrauchter Wäsche, Heizungs- und Warmwasserbereitungsanlagen, im Erdgeschoss eine Krankenabteilung mit 13 Betten, ein Zimmer für den ärztlichen Leiter besagten Forschungsinstituts nebst einem Schreibzimmer, einen Raum für den Herztätigkeitsschreiber, ein chemisches Untersuchungszimmer, zwei physikalische Untersuchungszimmer, die Röntgendiagnostik-Abteilung mit Dunkelkammer und das Pförtnerzimmer, im ersten und zweiten Obergeschoss je eine Krankenabteilung mit 38 Betten und Nebenräumen. Im Dachgeschoss lagen die Wohnräume für einen Arzt, eine Oberschwester, 15 Schwestern und 14 Hausangestellte. 1938 bezog die Stadt ihre Kaufabsicht bereits auf die Gesamtliegenschaft, die sich in Richtung Ostbahnhof bis zum Danziger Platz und an die Henschelstraße erstreckte, was der Gumpertz´sche Verein noch abwehren konnte. Im April 1938 musste er aber dem Verkauf seines Vorderhauses zustimmen, welches nun den Namen ‚Alters- und Siechenheim Röderbergweg‘, kurz Röderbergheim, erhielt. Die Betriebsführung übernahm das Hospital zum Heiligen Geist, das umfangreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten vornehmen ließ. Das Röderbergheim wurde nach seiner offiziellen Eröffnung am 21. November in Übereinkunft mit dem Fürsorgeamt mit 26 (nichtjüdischen) Dauerkranken und Schwersiechen belegt (ISG Ffm: Magistratsakten Sign. 8.958).
Die (unselbständige) ‚Gumpertz´sches Siechenhaus und Minka von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung‘ wurde am 28. September 1940 in den Zwangsverband ‚Reichsvereinigung der Juden in Deutschland‘ eingegliedert (ISG: Stiftungsabt.: Sign. 146). Am 7. April 1941 drängten die NS-Behörden die 46 Betreuten und ihre Pflegenden aus dem Hinterhaus und wiesen sie in das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde (Gagernstraße 36) ein. Ihre biographischen Daten und ihr weiteres Schicksal sind noch unerforscht: Wurden sie wie Siegmund Keller und die Oberin des Gumpertz´schen Siechenhauses, Rahel Seckbach, in das Ghetto Theresienstadt deportiert? Fielen einige nicht nur der Schoah, sondern auch dem eugenischen NS-Behindertenmassenmord (T4) zum Opfer (hierzu Lilienthal 2009)? Nach den Hausstandsbüchern für die Gagernstraße 36 (ISG Ffm: Teil 2, Sign. 687) verstarben viele aus dem Haus Danziger Platz 15 Verschleppte noch im Krankenhaus, das für die Versorgung unheilbar Kranker gar nicht ausgestattet war. Hinsichtlich des Personals verzeichnet die ‚Deportiertendatenbank‘ der Gedenkstätte Börneplatz (Jüdisches Museum Frankfurt/M.) unter der Anschrift Danziger Platz 15 außer der langjährigen Hausangestellten Rachel Kaplan Edith Appel (Schwesternpraktikantin), Leopold Lion (Pförtner) und Zilla Reiss (Köchin, Lehrschwester), die Hausstandsbücher (ISG Ffm: Teil 2, Sign. 687) zudem Cornelie (Cornelia) Butwies (kfm. Angestellte, Pflegerin, S. 16, 18) und Klara Strauß (Köchin, S. 341). Anfang 1942 ‚verkaufte‘ die Reichsvereinigung der Juden unter NS-Bedingungen die Restliegenschaft Danziger Platz 15, wo die Kommandantur Frankfurt am Main sogleich ihre Frontleitstelle und eine Lehrküche der Luftwaffe einrichtete. 1944 erreichten die alliierten Luftangriffe auch die Liegenschaft des ‚arisierten‘ Gumpertz’schen/ Rothschild’schen Siechenhauses im Röderbergweg. Die (nichtjüdischen) Betreuten waren bereits vor den Bombardierungen verlegt worden: die chronisch Kranken in die Lange Straße (Hospital zum Heiligen Geist), die Siechen in das Waldkrankenhaus Köppern bei Friedrichsdorf (Taunus). Gerieten sie in das Räderwerk des eugenischen NS-Massenmordes (vgl. für Hessen u.a. Daub 1992; Hahn 2001; Leuchtweis-Gerlach 2001; Sandner 2003; siehe auch Graber-Dünow 2013)?

Fotografie: Teilansicht des ehemaligen Gumpertz'schen Siechenhauses, 1975.
Teilansicht des ehemaligen Gumpertz’schen Siechenhauses, 1975, fotografiert von Klaus Meier-Ude © Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main, Sig. S7C1998_30.569

1956 wurde auf dem Gelände des Röderbergwegs 72-92 (bald darauf geändert in Nr. 82) das August-Stunz-Zentrum, eine Altenpflegeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt, errichtet. Das ‚Vorderhaus‘ des ehemaligen Gumpertz’schen Siechenhauses im Röderbergweg 62-64 kam erst 1981 zum Abriss. Dort entstand ein größerer (1983 fertiggestellter) Anbau an das August-Stunz-Zentrum – es dient, wie zuvor das Siechenhaus, pflegebedürftigen Menschen.
Seit dem 25. Juni 2015 erinnert im Eingangsbereich des August-Stunz-Zentrums eine Gedenktafel an das Gumpertz’sche Siechenhaus.

Für wichtige Hinweise danke ich Simone Hofmann (B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge e.V.), Felicitas Gürsching † („Bibliothek der Alten“ des Historischen Museums Frankfurt a.M.), Hanna und Dieter Eckhardt (beide Geschichtswerkstadt der AWO (Arbeiterwohlfahrt) Frankfurt a.M.), Annette Handrich und Dr. Siegbert Wolf (beide Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M.), Michael Lenarz (stellv. Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt a.M.).

Birgit Seemann, 2013, aktualisiert 2019

 

Ungedruckte Quellen


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbücher Gagernstraße 36: Sign. 686 (Teil 1); Sign. 687 (Teil 2).

Magistratsakten: Sign. 8.756: Fürsorgewesen: Siechenheime.

Magistratsakten: Sign. 8.957: Städtische Krankenanstalten: Ermietung des Gumpertzschen [sic] Siechenhauses zur Unterbringung von Kranken und Weiterverpachtung an die Feldjägerei (1930–1938).

Magistratsakten: Sign. 8.958: Röderbergheim ehem. Gumpertzsches [sic] Siechenhaus [1939–1945].


Magistratsakten: Sign. T/ 3.028 (Tiefbau- und Hochbauamt, 1904, 1916).

Magistrat: Nachträge Sign. 19 u. Sign. 110.

Sammlung Ortsgeschichte / S3N: Sign. 5.150: Gumpertzsches [sic] Siechenhaus.

Stiftungsabteilung: Sign. 157: Verein Gumpertz´sches Siechenhaus.

Stiftungsabteilung: Sign. 146: Minka von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung (1939-1940).

Wohlfahrtsamt: Sign. 877 (1893–1928): Magistrat, Waisen- und Armen-Amt Frankfurt a.M.

Ausgewählte Literatur


Andernacht, Dietrich/ Sterling, Eleonore (Bearb.) 1963: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945. Hg.: Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt/M.

Anonym. 1909: [Rubrik ‚Vermischtes‘: Zeitungsnotiz Gumpertz´sches Siechenhaus.] In: Der Israelit, Nr. 50, 16.12.1909. Online-Ausg. Univ.-Bibliothek Frankfurt/M.: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30:1-151202.

Anonym. 1912: [Zeitungsnotiz: Wohlfahrtspflege.] In: Deutscher Reichsanzeiger (Berlin), Nr. 176, 25.07.1912. Online-Ausg. Univ.-Bibliothek Frankfurt/M.: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30:1-151202.

Arnsberg, Paul 1983: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution. Darmstadt, 3 Bände.

Cohn-Neßler, Fanny 1920: Das Frankfurter Siechenhaus. Die Minka-von-Goldschmidt-Rothschild-Stiftung. In: Allgemeine Zeitung des Judentums 1920, H. 16 (16.04.1920), S. 174-175 [Online-Ausg: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/].

Daub, Ute 1992: „Krankenhaus-Sonderanlage Aktion Brandt in Köppern im Taunus“ – Die letzte Phase der „Euthanasie“ in Frankfurt am Main. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 16 (1992) 2, Online-Ausg. 2011: http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/26651.

Eckardt, Hanna 2006: Der Röderbergweg, einst beispielhafte Adresse jüdischer Sozialeinrichtungen. In: Zu Hause im Ostend. 50 Jahre August-Stunz-Zentrum. Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum. Hg. von der Geschichtswerkstatt der AWO Frankfurt am Main. Frankfurt a.M., S. 10-13.

Graber-Dünow, Michael 2013: Zur Geschichte der „Geschlossenen Altersfürsorge“ von 1919 bis 1945. In: Hilde Steppe (Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. 10., aktualis. u. erw. Aufl. Frankfurt/M., S. 245-255

GumpBericht 1899: Gumpertz’sches Siechenhaus [Bericht von der Hauptversammlung des Vereins]. In: Der Israelit 40 (1899) 46, S. 894-895

GumpSiechenhaus 1909: Sechzehnter Rechenschaftsbericht des Vereins „Gumpertz`sches Siechenhaus“ in Frankfurt a.M. für das Jahr 1908. Frankfurt/M.: Slobotzky.

GumpSiechenhaus 1913ff.: Rechenschaftsbericht des Vereins „Gumpertz`sches Siechenhaus“ und der „Minka von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung“. Frankfurt/M.: Slobotzky, 1913ff. [Online-Ausg.: Univ.-Bibl. Frankfurt/M. 2011: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:30:1-306391].

GumpSiechenhaus 1936: Gumpertz´sches Siechenhaus. [Bericht von der Generalversammlung des Vereins.] In: Der Israelit, 20.05.1936, Nr. 21, S. 14f. [Online-Ausg.: http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2008/38052/original/Israelit_1936_21.pdf].

GumpStatut 1895: Revidirtes Statut für den Verein Gumpertz´sches Siechenhaus zu Frankfurt am Main. Frankfurt/M.: Druck v. Benno Schmidt, Stiftstraße 22. [ISG Ffm: Sammlung S3/N 5.150].

Hahn, Susanne 2001: Köppern als Alten- und Siechenheim in der Trägerschaft zum Heiligen Geist in Frankfurt am Main seit 1934 und die „Aktion Brandt“. In: Vanja, Christina/ Siefert, Helmut (Hg.) 2001: „In waldig-ländlicher Umgebung“. Das Waldkrankenhaus Köppern: Von der agrikolen Kolonie der Stadt Frankfurt zum Zentrum für Soziale Psychiatrie Hochtaunus. Kassel, S. 196-219.

Jüdischer Schwesternverein Ffm 1920: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a.M.: Rechenschaftsbericht 1913 bis 1919. Frankfurt/M.

Kallmorgen, Wilhelm 1936: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main. Frankfurt/M.

Kingreen, Monica (Hg.) 1999: „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938 – 1945 Frankfurt/M., New York.

Krohn, Helga 2000: „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt, auf dem Röderberge, sind die jüdischen Spitäler“. In: dies. [u.a.]: Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel. [Begleitbuch zur Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt/M.]. Mit Beitr. v. Helga Krohn […] u. e. Einl. v. Georg Heuberger. Erinnerungen von Wilhelm Herzfeld [u.a.]. Frankfurt/M., S. 128-143.

Leuchtweis-Gerlach, Brigitte 2001: Das Waldkrankenhaus Köppern (1901 – 1945). Die Geschichte einer psychiatrischen Klinik. Frankfurt/M.

Lilienthal, Georg 2009: Jüdische Patienten als Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen. In: Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, Ausgabe 5, 09.11.2009: www.medaon.de.

Otto, Arnim 1998: Juden im Frankfurter Osten 1796 bis 1945. 3., bearb. u. veränd. Aufl. Offenbach/M., S. 220f.

Sandner, Peter 2003: Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus. Gießen.

Schiebler, Gerhard 1994: Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger. In: Lustiger, Arno (Hg.) 1994: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger dargest. v. Gerhard Schiebler. Mit Beitr. v. Hans Achinger [u.a.]. Hg. i.A. der M.-J.-Kirchheim’schen Stiftung in Frankfurt am Main. 2. unveränd. Aufl. Sigmaringen 1994, S. 11-288.

Seckbach, Hermann 1917: Fünfundzwanzig Jahre Siechenhaus. Von Verwalter H. Seckbach. In: Frankfurter Nachrichten, 20.09.1917.

Seemann, Birgit 2014: „Glück im Hause des Leids“. Jüdische Pflegegeschichte am Beispiel des Gumpertz’schen Siechenhauses (1888-1941) in Frankfurt/Main. In: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe 3 (2014) 2, S. 38-50

Seemann, Birgit 2017: Judentum und Pflege: Zur Sozialgeschichte des orthodox-jüdischen Gumpertz’schen Siechenhauses in Frankfurt am Main (1888–1941). In: Nolte, Karin/ Vanja, Christina/ Bruns, Florian/ Dross, Fritz (Hg.): Geschichte der Pflege im Krankenhaus. Historia Hospitalium. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte, Band 30. Berlin, S. 13-40

Seemann, Birgit/ Bönisch, Edgar (im Erscheinen): Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main. Geschiche und Geschichten einer jüdischen Wohlfahrtseinrichtung. Einleitung von Eva-Maria Ulmer und Gudrun Maierhof. Frankfurt am Main

Seide, Adam 1987: Rebecca oder ein Haus für Jungfrauen jüdischen Glaubens besserer Stände in Frankfurt am Main. Roman. Frankfurt a.M.

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.

Stolberg, Michael 2011: Fürsorgliche Ausgrenzung. Die Geschichte der Unheilbarenhäuser (1500–1900). In: Stollberg, Gunnar u.a. (Hg.): Krankenhausgeschichte heute. Was heißt und zu welchem Ende studiert man Hospital- und Krankenhausgeschichte? Berlin, Münster = Historia hospitalium; Bd. 27, S. 71-78

Zenker, Dinah 2013: Spiritualität in der Pflege. Ein Ansatz und ein Plädoyer aus der Perspektive der jüdischen Orthodoxie. In: Dachs, Gisela (Hg.): Alter. Jüdischer Almanach der Leo Baeck Institute. Hg. im Auftr. des Leo Baeck Instituts Jerusalem. 2. Aufl. Berlin, S. 127-134

 Internetquellen in Auswahl (Aufruf aller Links im Beitrag am 20.10.2017)


Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: www.alemannia-judaica.de.

ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (mit Datenbank): www.stadtgeschichte-ffm.de sowie http://www.ffmhist.de/

JM Ffm: Jüdisches Museum und Museum Judengasse Frankfurt am Main (mit der internen biographischen Datenbank der Gedenkstätte Neuer Börneplatz): www.juedischesmuseum.de.

MJ Ffm: Museum Judengasse Frankfurt am Main (Infobank): http://www.museumjudengasse.de/de/home/.

Das Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main in der Bornheimer Landwehr 85

Die Lebensform „Mutterhaus“
Im Rahmen der Professionalisierung der jüdischen Krankenpflege wurde über das mögliche Zusammenleben der Schwestern nachgedacht. 1872 hatte sich der Dachverband der jüdischen Gemeinden in Deutschland (DVJK) konstituiert Bei dessen Treffen im Jahr 1882 sprach sich Paul Jolowicz aus Posen für die Unterbringung jüdischer Krankenpflegerinnen in „Asyle[n] für alleinstehende Frauen und Mädchen“ nach dem Modell der Mutterhäuser in christlichen Einrichtungen aus (vgl. DIGB 1882, zit. nach Steppe 1997: 91). Mit dieser Form einer Lebensgemeinschaft waren vor allem die evangelischen Diakonissenhäuser gemeint, die, nach der Idee Theodor Fliedners, seit 1836 mit der Gründung der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth entstanden. „Fliedner übernahm Teile des katholischen Modells, die Abgeschiedenheit und die karitativ-christliche Auffassung der Krankenpflege. Andererseits springt die Orientierung am bürgerlichen Modell der Familie ins Auge, der Theologe und die Oberin an der Spitze, darunter die „Kinder“ (Diakonissen), für die gesorgt wird, alle in einem Haus. Dieses als Mutterhaus beschriebene System ist eine typisch deutsche Entwicklung, in der persönliche Unfreiheit mit sozialer Absicherung verbunden war […]. Auch die jüdischen Krankenpflegevereine organisierten sich als Mutterhäuser“ (Ulmer 2009), wenn auch weit mehr „weltlicher“ an der Rechtsform des Vereins orientiert (Steppe 1997: 251)

Vorläufer des Schwesternhauses in der Bornheimer Landwehr
Schon neben dem alten Hospital der jüdischen Gemeinde in der Königswarterstraße mietete 1893 der neu gegründete Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt e. V. „eine erste Unterkunft, das ,Häuschen‘“ Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1920: 19). Im Jahresbericht des Vereins für 1897 lassen sich die Lebensbedin-gungen im Vereinshaus nachlesen: Eine Lernschwester, die sich verpflichtete, nach Vollendung der Ausbildungszeit mindestens weitere drei Jahre dem Verein anzugehören, wird „unter die Vereinsschwestern aufgenommen, erhält völlig freie Station (Wohnung, Kost, Heizung, Beleuchtung, Dienstkleidung, Wäsche) im Vereinshause und in den ersten zwei Jahren 360 Mk. jährliches Gehalt, das von da ab alle zwei Jahre um 60 Mk. bis zum Höchstgehalt von 600 Mk. steigt. Dienstunfähig gewordene Pflegerinnen erhalten eine angemessene Pension“ (Rechenschaftsbericht 1897: 449). In diesem Rechenschaftsbericht wird auch darauf hingewiesen, dass das angemietete Schwesternhaus nicht mehr ausreichte, und man zu Spenden für ein neues eigenes Haus aufrief. 1898 verließen die Schwestern die bisher vom israelitischen Gemeindehospital überlassene Wohnung „Am Thiergarten“ und bezogen vorübergehend ein provisorisches Heim in der „Unteren Atzemer 16“ (vgl. Jahresbericht 1899: 4). 1899 wurde ein Grundstück neben dem Königswarter Hospital angekauft. Nach einem Ausschreibungsverfahren erhielt der Architekt Max Seckbach den Zuschlag für einen Neubau des Schwesternhauses (vgl. Jahresbericht 1900: 4). 1902 schließlich zogen die Schwestern in das neue Gebäude in der Königswarterstr. 20 um. Über die Architektur, die Inneneinrichtung und vor allem das Leben in diesen ersten Schwesterhäusern wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt recht wenig. Viel mehr Informationen haben wir über das Schwesternhaus, welches 1914 in der Bornheimer Landwehr 85 neu eröffnet wurde.

Die Einweihungsfeier
Nachdem die jüdische Gemeinde beschlossen hatte, einen neue Klinik in der Gagernstraße 36 neu zu erbauen, plante auch der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main für sein Schwesternhaus einen Neubau in der Bornheimer Landwehr 85, direkt neben dem neuen Gemeindehospital. Als Architekt wurde, wie für das Hospital, Franz Roeckle beauftragt.

Am 10. Mai 1914 fand die Einweihung des Gebäudes statt, Vertreter der Behörden und „weitere Kreise“ waren wegen des beengten Platzes nicht geladen. Versammelt waren jedoch die aktiven und viele der älteren Schwestern, die dem Verein zum Teil schon gar nicht mehr angehörten. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, die Ärzte des Krankenhauses und Vertreter des Pflegamtes waren anwesend. Vertreter des Dachverbandes Jüdischer Krankenpflegevereine (DVJK) waren ebenfalls dabei.
Im Namen der Verwaltung hielt Theodor Schlesinger eine Ansprache, aus der hier ein kurzer Ausschnitt wiedergegeben ist: „Und nun, liebe Schwestern, übergebe ich Ihnen namens der Verwaltung dieses Haus zum Besitz, und der erste Wunsch, den ich an dieser Stelle ausspreche, ist: Seid darin glücklich! Seid glücklich in der Betätigung der edelsten und reinsten Menschliebe! Seid glücklich in der Befriedigung, welche Euch Euer herrlicher Beruf gewährt! Seid glücklich in dem Gefühl der schwesterlichen Zusammengehörigkeit, das Schwester zu Schwester verbindet!“ Nicht ohne gleich eine Mahnung hinterherzuschicken: „Und halten Sie dieses Haus rein und blank zum sichtbaren Merkzeichen dafür, daß der Ehrenschild einer jüdischen Schwester allezeit rein und blank gehalten werden muß. Vergessen Sie nicht, liebe Schwestern, daß, was persönlichen Takt anlangt, der viel angefeindete und viel beobachtete Jude und die jüdische Schwester besonders einwandfrei dastehen muß“ (Rechenschaftsbericht 1920: 12).
Anlässlich dieser Feier wurde auch das 20jährige Dienstjubiläum der Schwester Oberin begangen. Traditionell wurde eine besondere Brosche entworfen. Minna Hirsch wurde dieses Abzeichen verliehen, es zeigte: „im Schild Davids eine brennende Lampe als Sinnbild der Klugheit und Treue“ (Rechenschaftsbericht 1920: 15).

Das Schwesternhaus in der Bornheimer Landwehr

Fotografie: Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Front des Hauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main.
Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Front des Hauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main Weitere Angaben

Dem neu eröffneten Haus widmete die Frankfurter Zeitung am 31. Mai 1914 folgenden Artikel, der hier, wegen seiner Anschaulichkeit, in voller Länge wiedergegeben wird: „Folgender Gesichtspunkt war vor dem Bau maßgebend: die Schwestern sollen außerhalb der Dienstzeit vom Krankenhausmilieu vollständig losgelöst werden. Daher sind für fast sämtliche Schwestern Schlafräume im Schwesternhaus selbst geschaffen. Die Mahlzeiten werden gleichfalls sämtlich im Schwesternhaus eingenommen. Dem Wohnzimmer und dem Speisezimmer ist eine große Terrasse vorgebaut, damit in den Sommermonaten die Mahlzeiten im Freien eingenommen werden können, und damit dies auch bei Regenwetter geschehen kann, ist ein Teil der Terrasse überdeckt. Auch in den oberen Stockwerken befinden sich eine große Terrasse und Loggien. Das Haus ist für 58 Schwestern eingerichtet und enthält im Erdgeschoß außer Speisezimmer und Wohnzimmer Vorhalle, Lesezimmer und Unterrichtsraum. In einer ganz für sich abgeschlossenen Abteilung mit besonderem Eingang schon von der Straße aus sind Zimmer und Baderäume für die in infektiöser Pflege beschäftigten Schwestern vorgesehen. Die beiden Obergeschosse enthalten die Schwestern-Schlafräume mit einem Bett und mit zwei Betten. Im Dachgeschoß befinden sich die Zimmer für die Lehrschwestern und für das Dienstpersonal. Außerdem ist dort ein besonderer Trakt für die Nachtschwestern vorhanden. Schwestern, die eine Nachtwache gehabt haben, dürfen am Tag nicht in ihren eigenen Zimmern schlafen, sondern müssen sich ihrer absoluten Ruhe wegen in diese Zimmer begeben, die besonders schalldicht hergestellt sind. In allen Abteilungen des Hauses befinden sich in reichlichem Maße zweckmäßig eingerichtete Bade- und Doucheräume, Aufenthaltsräume sowie Schlafräume sind mit einer wohnlichen Behaglichkeit ohne jeden Luxus ausgestattet.
Auch architektonisch bedeutet das nach den Plänen des Architekten Franz Roeckle und unter der Bauleitung des Architekten Voggenberger errichtete Gebäude eine Zierde der ganzen neuen Krankenhausanlage der Israelitischen Gemeinde. Von den bereits erwähnten Terrassen aus gelangt man in einem großen, einfach angelegten Garten, in dem sich die Schwestern erholen sollen. Von dem kleinen Türmchen auf dem Dach, das gleichzeitig als Liegehalle für Rekonvaleszentinnen gedacht ist, genießt man eine herrliche Aussicht auf das Maintal, den Ostpark, die umliegenden Höhen und die Gebirgszüge des Taunus und des Odenwaldes. Alles ist darauf eingerichtet, daß die Schwester in ihrem Haus von den großen Anstrengungen des Berufs nicht nur körperliche, sondern auch geistige Erholung findet“ (Frankfurter Zeitung 1914).

Fotografie: Thea Levinsohn-Wolf 1991 in der Essener Synagoge.
Thea Levinsohn-Wolf / Thea Levinsohn-Wolf 1991 in der Essener Synagoge. Weitere Angaben

Eine besondere Episode zum Thema „Entspannung“ erzählte in einem Interview Schwester Thea Levinsohn-Wolf über ihre Zeit im Schwesternhaus als Lehrschwester 1927: „Dann kam ich in ein sehr schönes Zimmer. Drei Plätze im Zimmer. Wir hatten uns auch sofort angefreundet, ist ja ganz klar. Und unser größtes Vergnügen war, dass wir so oft wie wir wollten, nach der Arbeit in die Badewanne hineinsteigen konnten. Da hatten noch längst nicht alle Eltern in ihrer Wohnung eine Badewanne, nicht wahr. Dann, wenn keine Aufsicht da war, da hatte immer irgendeine einen Regenschirm dabei und da haben wir den Regenschirm aufgemacht und die Dusche plästerte zu unserem größten Vergnügen.“ (Levinsohn-Wolf 2000: 14:00f.)

Die Regeln des Zusammenlebens
Dokument: Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Hausordnung. Ohne Jahr.
Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main / Hausordnung. Ohne Jahr. Weitere Angaben

Während das obige Zitat von Thea Levinsohn für eine gewisse Ausgelassenheit im Haus spricht, so gab es doch vor allem auch recht strenge Regeln. Hierzu nochmals Thea Levinsohn-Wolf: „Fünf Jahre mussten wir zu der Schwesternorganisation gehören. Auch, wenn es vorkam, dass, „Gott behüte“ – wie man sagte, eine von den Schwestern sagte: „Du, ich habe einen Freund“, wenn sich das rumgesprochen hatte, wurden die Eltern von der Schwester gerufen und ihnen wurde gesagt „nehmen Sie Ihre Tochter wieder mit“. Das war nicht erlaubt. 10 Uhr abends ging das Licht aus, eine Schwester machte die Runde, um zu gucken, ob wir alle schlafen. Wir durften keinen „Bubikopf“ tragen – nennt man das heute noch so, wenn die Haare abgeschnitten sind? Und die Nachtschwester, unsere Hauben mussten wir auf das Nachttischchen legen, und die Hausschwester achtet darauf, dass die Haube daneben lag und man keinen Bubikopf oder künstlichen Zopf gefunden hat. Um viertel vor fünf wurden wir geweckt“ (Levinsohn-Wolf 2000: 15:15f.).

Die Leitung des Hauses blieb auch nach dem Umzug 1914 bei der Schwester Oberin Minna Hirsch. Bis 1925 behielt sie diese Position, zusammen mit dem Oberinnenposten im Krankenhaus. Nach ihrer Pensionierung folgte Sara Adelsheimer, die sich die Leitung mit Julie Glaser, der Oberin des Krankenhauses, teilte. Bis zum heutigen Zeitpunkt kennen wir die Namen von ca. 350 Schwestern, die in den Jahren 1893 bis 1940 im Verein organisiert waren und vermutlich alle auch in einer der Unterkünfte des Vereins wohnten.

1939 – 1940
Für die Jahre 1939 und 1940, die letzten Jahre des Vereinslebens im Schwesternhaus, möchte ich hier, parallel zur allgemeinen Entwicklung, einen Ausschnitt aus der Biographie von Schwester Irene Ettlinger (später verheiratete Lewis) wiedergeben, um die Ereignisse um das Schwesternhaus zu unterstreichen.

Fotografie: Irene Ilse Ettlinger / 1946, Ausweis der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.
Irene Ilse Ettlinger / 1946, Ausweis der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main Weitere Angaben

Irene Ettlinger kam Anfang Februar 1939 als 19jährige Lernschwester in das Schwesternhaus. Zu dieser Zeit war die offizielle Berufsbezeichnung: „Jüdische Krankenschwester“. Der Beruf der „Jüdischen Krankenschwester“ war einer der wenigen, die für Juden überhaupt noch erlaubt waren (vgl. Elkin 1993: 35f.). Ihn zu erlernen, war eine Möglichkeit sich auf eine Beschäftigung im Ausland, für den Fall der Emigration, vorzubereiten. Durch die vielfache Auswanderung jüdischer Deutscher gab es in den Krankenhäusern einen massiven Fachkräftemangel, sodass im Frühjahr und Sommer 1939 intensiv für den Krankenschwesternberuf geworben wurde. In Berlin hatte der Gemeindevorstand, der zunächst eine beschleunigte Emigration auch für Ärzte und Schwestern empfohlen hatte, in einem Schreiben im Juni 1939 dazu aufgerufen zu bleiben, um die Abläufe in den Krankenhäusern aufrecht zu erhalten. In dem Rundschreiben wurde das Bleiben als ungefährlich bezeichnet, da die Fortsetzung des Krankenhausbetriebs im Sinne der staatlichen Behörden sei (ebd.: 37). Für Irene Ettlinger war der Schwesternberuf der nächstbeste Berufswunsch, nach dem ihr als Jüdin ein Chemiestudium verwehrt blieb.
Im Schwesternhaus bzw. im jüdischen Krankenhaus, wurden auch immer mehr Menschen aufgenommen, „die dort Schutz suchen und teilweise auch zur Sicherheit vorgeblich als Krankenpflegerinnen oder Schülerinnen aufgenommen“ wurden (Steppe 1997: 245, nach ISG S 3 N 11.477, S. 84).
1940 wurden die jüdischen Vereine aufgelöst, so auch der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main. Irene Ettlinger musste am 19.11.1940 das Schwesternwohnhaus verlassen und in das Krankenhaus der Gemeinde umziehen. Im Herbst 1941 begannen die Deportationen in den Osten, und eine Emigration wurde unmöglich. Im Jahr 1941 waren im Krankenhaus 373 Patientinnen und Patienten, ca. 130 Angestellte und 49 „Lehrschwestern“ untergebracht (vgl. Steppe 1997: 245). Irene Ettlinger wurde im September 1942 von der Geheimpolizei verhaftet und nach Estland deportiert (vgl. HHStA Abt. 518 Nr. P 2749/07). Sie überlebte die Schoah.

Wie das Krankenhaus wurden das Grundstück und das Gebäude des Schwesternhauses am 1.4.1939 „arisiert“. Für einen Preis von 124.000 RM übernahm die Stadt Frankfurt die Liegenschaft. Dem Verein wurde für drei Jahre, gegen 5 v. H. des Kaufpreises, das sind 7.100 RM jährlich, die Nutzung überlassen (vgl. ISG FFM). Im November 1940 folgte die Zwangsräumung des Schwesternhauses, die noch verbliebenen Bewohner/innen mussten in das Krankenhaus umziehen. Nutznießerin war die Frankfurter Universitätsklinik, die im Schwesternhaus eine Infektionsabteilung ihrer Kinderklinik einrichtete. Beim Bombenangriff am 4. Oktober 1943 wurde das Schwesternhaus getroffen, und im Luftschutzkeller starben viele Kinder, Krankenschwestern und Ärztinnen der Uniklinik (vgl. Steppe 1997: 245ff.).

In den Nachkriegsakten wurde die Liegenschaft als „total zerstört“ geführt. In den Unterlagen der hessischen Vermögenskontrollstelle vom 13. Juli 1948 heißt es, dass nach dem Gesetz Nr. 52 Art. I,2 (Vermögen, das vermutlich unter Zwang den Eigentümer wechselte) in der Bornheimer Landwehr 85 das 5stöckige Krankenhaus, mit 2.607 qm Grund, der Beaufsichtigung der Militärregierung unterliegt. Zum Treuhänder wurde Heinz-Herbert Karry, der spätere Politiker, Friedberger Anlage 8, Frankfurt/Main ernannt (vgl. HHStA).

Am 9. Mai 1955 stellt die JRSO (Jewish Restitution Successor Organization) den Antrag auf Aufhebung der Vermögenskontrolle und auf Abberufung des Treuhänders. Das Vermögen wurde an die Antragstellerin zurückerstattet. Am 18. Mai 1955 wurde das Vermögen freigegeben (vgl. HHStA).

Edgar Bönisch 2015

Unveröffentlichte Quellen

DIGB = Deutsch-Israeltischer Gemeindebund (DIGB) 1882:  Schriftwechsel Paul Jolowicz, Posen mit DIGB, CJA Sign. 1, 75 C Ge 1 967 (Stiftung Neue Synagoge Berlin-Zentrum Judaicum, Archiv)

HHStA = Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Abt. 518 Nr. P 2749/07

HHStA = Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Vermögenskontrolle VG 3102 1924

ISG = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Magistratsakte 9.392

Literatur

Elkin, Rivka 1993: Das Jüdische Krankenhaus in Berlin zwischen 1938 und 1945. Berlin.Frankfurter Zeitung Nr. 150, 31.05.1914

Steppe, Hilde 1997: „…den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main.

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1897: Jahresbericht für das Jahr 1896, in: Der Israelit 38/1897 Nr. 24, S. 449-450, www.compactmemory.de, 8.7.2014
1898: Jahresbericht für das Jahr 1897. Frankfurt am Main.
1900: Jahresbericht für das Jahr 1899. Frankfurt am Main.
1920: Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913-1919. Frankfurt am Main.


Film

Levinsohn-Wolf, Thea/Ulmer, Eva-Maria 2000: 27.11. Vortrag/Interview Thea Levinsohn-Wolf in der Fachhochschule Frankfurt am Main.


Internet

Ulmer, Eva-Maria 2009: http://www.juedische-pflegegeschichte.de/beitraege/allgemeine-pflegegeschichte/der-beginn-der-beruflich-ausgeuebten-pflege-im-19-jahrhundert/ 8. Juli 2014

Die israelitische Heil- und Pflegeanstalt Sayn

Die Israelitische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke in Sayn (1869 – 1942) wurde 1869 von dem Kaufmann Meier Jacoby gegründet. Zunächst nahm er dabei einige wenige Patienten in seinem Wohnhaus auf. Schnell kamen neue Patienten hinzu, und Erweiterungsbauten wurden erstellt. 1938 mussten, bis auf drei, alle nicht-jüdischen Angestellten entlassen werden. Die Familie Jacoby selbst wanderte im Juni 1940 nach Uruguay aus. Im gleichen Monat starb in der Heilanstalt der Wissenschaftler und Arzt Sanitätsrat Prof. Dr. Wilhelm Hanauer, der dort als Patient lebte. Die Verwaltung der Anstalt ging an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.
Am 22. Juli 1941 zog die Bad Nauheimer Krankenschwester Henriette Jockelsohn in der Anstalt ein (vgl. StABN). Ob als Patientin oder als Angestellte bleibt zu klären.
In fünf Deportationen zwischen März und November 1942 wurden die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims in den Osten verschleppt (vgl. Bendorf).

Edgar Bönisch 2015

Unveröffentlicht

StABN = Stadtarchiv Bad Nauheim: Einwohnermeldekartei

Link

Bendorf
http://www.bendorf.de/stadt-buerger/geschichte/jacobysche-anstalt/(12.03.2015)

Das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36

Bereits 1875 errichtete die jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main ein erstes Gemeindekrankenhaus. Es lag im Grünen Weg, der später nach dem Stifter des Hospitals in Königswarter Straße umbenannt wurde . Auch das Hospital selbst wurde oft als Königswarter Hospital bezeichnet. Es beherbergte 80 Pflegeplätze (vgl. Hanauer 1914: 45). Nachdem das Gebäude auf die Dauer zu eng geworden war und auch nicht mehr dem Standard der Zeit entsprach, beschloss man im Jahr 1904, statt umfangreicher Renovierungen, ein neues Krankenhaus zu bauen. Insbesondere forderte der Polizeipräsident die Herstellung von Tageräumen (Aufenthaltsräumen), da die Versorgung mit Luft und Licht als besonders heilungsfördernd erkannt worden war (vgl. Hanauer 1914: 55).

Das neue Haus: ein modernes Krankenhaus

Luftaufnahme: Krankenhauskomplex der Israelitischen Gemeinde (Gagernstr. 36, rechts) und Schwesternhaus (Bornheimer Landstr. 85, oben) in Frankfurt am Main, um 1930.
Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde Weitere Angaben

Nach einer Änderung der Stiftungssatzung war es möglich, das alte Krankenhaus zu verkaufen und die Gelder in ein neues Hospital fließen zu lassen. Nachdem auch mit dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, der den Großteil des Schwesternpersonals stellte, die Verlegung von dessen Schwesternheims vereinbart worden war, um es wieder in der Nähe des Krankenhauses zu positionieren, schrieb man einen Architekturwettbewerb aus. Das Ziel, war ein neues Krankenhaus im Korridorsystem mit seitlichen Flügeln (vgl. Hanauer 1914: 57), was dem damaligen Stand eines modernen Krankenhausbaus entsprach.
Zuvor, im Lauf des 19. Jahrhunderts, hatte man „einhäusige“ Krankenhaustypen bevorzugt, die im Wesentlichen aus einem einzigen größeren Gebäude bestanden, in dem mehrere Abteilungen untergebracht waren (vgl. Benzenhöfer 2013: 11). Ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtete man im deutschsprachigen Raum Krankenhäuser als Pavillonsysteme. Von den Pavillons, also dezentralen Einzelbauten, erhoffte man sich bessere Licht- und Luftverhältnisse und verbesserte Möglichkeiten der fachspezifischen Behandlung. Nachdem die aseptische und antiseptische Operations- und Verbandstechnik große Fortschritte gemacht hatte, rückte man vom Pavillonbau wieder ab, der einen großen Aufwand an Personal, Unterhalt und Ausrüstung erforderte. Man kombinierte nun Mehr- und Zweigeschossbauten und bevorzugte eine zentrale Bauweise (vgl. Murken 1976: 72 ff.). Der Korridorbaustil stand wieder im Vordergrund.
Den Architekturwettbewerb um den Neubau gewann der Architekt Franz Roeckle im November 1909. Roeckle hatte auch schon die Westendsynagoge in Frankfurt gebaut und gehörte zu der reformorientieren Gruppe des „Neuen Frankfurt“ um Ernst May. Roeckle trat bereits 1932 der NSDAP bei, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte seinen Lebensweg in einem Artikel von 2009 ein Lehrbeispiel „menschlicher Gemeinheit“ (vgl. FAZ 29.12.2009).

Die Eröffnung des Hauses
Nach einer etwa dreijährigen Bauzeit wurde das neue Haus im Mai 1914 fertig gestellt. Die Frankfurter Zeitung berichtete am 18. Mai 1914 über die Einweihungsfeier: „In einem der freundlichen Krankensäle, der die Namen der Stifter Georg und Franziska Speyer trug, fanden sich die Teilnehmer an der Feier zusammen. Rabbiner Dr. Nobel hielt die Weiherede unter Zugrundelegung des Buches Hiob […]. Als Vorsitzender des Gemeindevorstandes wies Justizrat Dr. Blau darauf hin, daß es die Juden von altersher als heilige Pflicht angesehen haben, die Kranken und Notleidenden zu pflegen.“ Regierungsassessor Wehr überbrachte Glückwünsche der staatlichen Behörden. „Er teilte zugleich mit, daß dem Vorsitzenden der Baukommission, Geh. Sanitätsrat Dr. Jaffé, und dem Leiter der inneren Abteilung, Dr. Günzburg, der rote Adlerorden vierter Klasse, dem um den Bau verdienten Kursmakler Leopold Igersheimer der Kronenorden vierter Klasse verliehen wurde.“ (Frankfurter Zeitung 1914b)

Die Beschreibung des Krankenhausbaus

Fotografie: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde / Verwaltungsgebäude. Frankfurt am Main, Gagernstr. 36.
Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde / Verwaltungsgebäude. Weitere Angaben

In der Festschrift anlässlich des Neubaus beschrieb Wilhelm Hanauer das Areal folgendermaßen: „Zwei Trambahnlinien enden in der nächsten Nähe des Krankenhauses. Der Hauptzugang erfolgt von der Wittelsbacher Allee her. Von hier aus wird zunächst das Verwaltungsgebäude erreicht, mit mächtigem Giebel und einer Durchfahrt, welche das Haus in zwei Teile teilt. Diese Durchfahrt ist mit Deckengemälden geziert, welche das alte Krankenhaus hinter der Judenmauer, das Haus in der Köngiswarter Straße und das nunmehr entstandene neue Krankenhaus darstellen.“ (Hanauer 1914: 60f.)

In dem rechten Flügel, so die Frankfurter Zeitung (1914a), „befinden sich die Räume für die Verwaltung, sowie die Untersuchungszimmer für die neu eintretenden Kranken. Der linke Flügel beherbergt in seinem Erdgeschoß die zahlreichen Zimmer für die Behandlung poliklinischer Patienten.“ Im ersten Obergeschoss befanden sich Wohnungen für den Verwaltungsinspektor, Assistenzärzte und Praktikanten und auch ein Betraum (vgl. Hanauer 1914: 61). „In der gleichen Axe [sic], getrennt durch den mit gärtnerischen Anlagen versehenen Binnenhof, befindet sich das Wirtschaftsgebäude, in dessen einer Hälfte im Erdgeschoß die Küchenräume untergebracht sind, während die andere die Wäscherei enthält. Beide sind mit den neuesten Apparaten ausgestattet, wie z. B. mit elektrischen Haushaltungsmaschinen, mit Kulissentrockenapparat usw. und mit einer Entlüftungs- und Entnebelungsanlage versehen. Im gleichen Gebäude ist auch die Desinfektionsanlage eingebaut, die die Desinfektion ganzer Betten gestattet. Das Hauptgebäude, das in langgestreckter Hufeisenform rechtwinklig zum Verwaltungsgebäude im nördlichen Teil des Gartens gelagert ist, ist dreigeschossig und enthält im Erdgeschoß die Räume für die chirurgischen Kranken und die Frauenkrankheiten, im ersten Stock ist die innere Abteilung und im zweiten Obergeschoß ist die Abteilung für Privatkranke. Hier kann außer den Hospitalärzten jeder Arzt die sich ihm anvertrauenden Patienten selbst behandeln. Es wurde deshalb neben dem Operationsraum für den dirigierenden Chirurgen noch ein zweiter für die Aerzte der Stadt und für den Chefarzt der Frauenabteilung eingerichtet.“ (Frankfurter Zeitung 1914a)

Fotografie: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde / Hauptgebäude. Frankfurt am Main, Gagernstr. 36.
Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde / Hauptgebäude. Weitere Angaben

In der weiteren Beschreibung wurde hervorgehoben, dass die Zimmer vergleichsweise klein waren, nur zwei Säle hatten neun Betten, alle anderen weniger. Großzügige Tagesräume waren vorhanden, und auf der Höhe des Dachs gab es zwei Sonnenbäder, die nach Süden ausgerichtet „eine wundervolle Aussicht über Berg und Tal, über Wald und Wiesen“ boten. Die Korridore waren mit Korklinoleum ausgelegt und die Türen schalldicht mit Filz abgedichtet. Eine „Ozonisierungsanlage“ entlüftete sämtliche Räume, und eine Pulsions-Warmwasseranlage heizte zentral vom Wirtschaftsgebäude aus.

Bemerkenswert war auch das im Süden der Anlage errichtete Infektionsgebäude mit vier Abteilungen und 30 Betten, mit vorgelagerter Liegehalle im Erdgeschoss und verandenartigen Tagesräumen im Obergeschoss. Die Infektionsräume waren durch eine „Schleusenanlage“ zu erreichen, die Türen der Zimmer waren nach oben geteilt, so dass man zur Kontrolle der Insassen nicht die ganze Tür öffnen musste. Die Anlieferung der Speisen erfolgte über einen Speiseaufzug, der vom Garten aus, also von außen, zu bedienen war (vgl. Frankfurter Zeitung 1914a).

Insgesamt umfasst das Krankenhaus Abteilungen für Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie, Hals-, Nasen- Ohrenkrankheiten, Augenheilkunde und Röntgen; es beherbergte 200 Patientenbetten.

Professor Simon Isaac, der das Haus ab 1925 leitete, berichtete in seinen Erinnerungen, dass er beeindruckt war vom Bewusstsein der wohlhabenden Bürger für das Gemeinwesen, was sich darin äußerte, dass nahezu drei Viertel der Krankenhausausstattung durch Spenden finanziert worden war. Einige Familien hatten komplette Abteilung gestiftet, andere Betten oder einzelne Gegenstände. Die Namen der Spender waren auf bronzenen Tafeln an den Wänden eingraviert, um die Erinnerung an sie wach zu halten (vgl. Isaac o. J.: 202).

Modernität bei der Inneneinrichtung
Was Modernität damals für den Innenausbau bedeutete, hat Fritz Voggenberger, der Innenarchitekt des israelitischen Krankenhauses, auf der Internationalen Baufachausstellung in Leipzig 1913 präsentiert. Über die moderne Krankenhausküche schrieb Voggenberger: „Die ausgestellte Kochanlage ist für eine Diätküche bestimmt […]. Maßgebend für die Einrichtung einer Diätküche ist der Grundsatz, daß die Zubereitung der Speisen für jeden Kranken individuell nach Anordnung des Arztes geschehen muß. Es ist also Vorkehrung zu treffen, daß geringe Quantitäten auf die verschiedenste Art gekocht, gebraten, gebacken und warm gehalten werden können […]“ (Voggenberger 1913: 39).

Zum Wartezimmer: „Die sorgfältige Ausstattung dieses Zimmers soll nicht nur einen angenehmen Aufenthalt ermöglichen, auch den Forderungen der Hygiene ist Rechnung getragen. Die aus ungebleichtem Peddigrohr hergestellten Möbel sind mit Schellackfirnis überzogen, da Staub und Schmutz nicht haften bleibe […]“ (Voggenberger1913: 27).

Im Laufe der Zeit kam es immer wieder zu Aus- und Umbauten, je nach Anzahl und Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten, welche nicht alle dokumentiert sind.

Fotografie: Musterküche. Voggenberger, Fritz: Sonderausstellung für Krankenhausbau. Frankfurt a.M. 1913.
Musterküche / Voggenberger, Sonderausstellung. Weitere Angaben

Fotografie: Muster-Wartezimmer. Voggenberger, Fritz: sonderausstellung für Krankenhausbau. Frankfurt a.M. 1913.
Muster-Wartezimmer / Voggenberger, Sonderausstellung. Weitere Angaben

Der 1. Weltkrieg
Während des 1. Weltkriegs, von August 1914 bis Anfang 1919, wurde das Krankenhaus als Lazarett 26 geführt. Etwa die Hälfte der Betten wurde hierfür zur Verfügung gestellt. Vor allem wurden Schwerverletzte aufgenommen, die bei jedem der häufigen Fliegerangriffe von den Krankenschwestern in sichere Räume transportiert werden mussten (vgl. Steppe 1997: 217).

Leitende Ärzte

Fotografie: Prof. Dr. Simon Isaac / Leiter des Israelitischen Krankenhauses ab 1925. Frankfurt am Main, Gagernstr. 36.
Prof. Dr. Simon Isaac / Leiter des Israelitischen Krankenhauses ab 1925. Weitere Angaben

Zur Eröffnung des Hauses 1914 hatte Dr. Alfred Günzburg die Leitung inne. Er hatte als Nachfolger von Dr. Simon Kirchheim schon das Gemeindekrankenhaus in der Königswarter Straße geführt. Der gebürtige Offenbacher leitete das Hospital bis 1925. Er konnte 1939 ins Exil nach Palästina entkommen, wo sich bereits sein Sohn aufhielt. Hier starb Dr. Günzburg 1945 in Ramoth Hashavim bei Tel Aviv (vgl. Kallmorgen 1936/M. R. 1946).

Nach Dr. Günzburg folgte 1925 der aus Köln stammende Professor Dr. Simon Isaac, von ihm wissen wir Einiges aus seinen Lebenserinnerungen (vgl. Isaac o. J.). Als er das Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde übernahm, war das Haus aufgrund der Inflation zum Teil in Apartments umgewandelt worden, um Mieteinnahmen erzielen zu können. Professor Isaac ließ das Haus nun renovieren, mit dem Ziel, dass es wieder das „schönste und am besten ausgestattete der Stadt“ sein sollte. Nun wuchs auch die Anzahl der nicht-jüdischen Patienten stark. Isaac führte das auf: „die exzellenten medizinischen Fähigkeiten, die individuelle Aufmerksamkeit in der Pflege“ und die hohe Essensqualität zurück. Auch spielte eine Rolle, dass nach dem 1. Weltkrieg ca. 10.000 neue Bürgerinnen und Bürger die Nachbarschaft des Krankenhauses besiedelten und diese Menschen gerne die Möglichkeiten des Krankenhauses wahrnahmen. Simon Isaac betont in seinen Erinnerungen, dass er „immer glücklich war, bis zu seinen letzten Tagen in Frankfurt, wenn die Leute in der Straßenbahn, in den Geschäften oder einfach auf der Straße sich ihm als ehemalige Patienten des jüdischen Krankenhauses vorstellten und sich dankbar an die Hilfe erinnerten,“ die man ihnen zukommen hatte lassen (vgl. Isaac o. J.: 202f.).

Oberinnen des Hauses
Für die Schwesternschaft des Krankenhauses sollen an dieser Stelle die Oberinnen erwähnt werden. Minna Hirsch hatte diese Position von 1893 bis 1925 inne, wobei sie die Oberin sowohl des Krankenhauses als auch der Schwesternschaft im Schwesternverein war. Erst nach ihrer Pensionierung wurden die Ämter getrennt: Während im Verein nun Sara Adelsheimer die Leitung übernahm, tat dies im Krankenhaus Julie Glaser.

Die Forschung nach den damaligen Patientinnen und Patienten und den Angestellten des Hauses bedarf noch einiger Anstrengung; verwiesen sei auf Edgar Sarton Saretzki [Link], den wir zu seiner Kindheit und als Diphtheriepatient im Krankenhaus befragen konnten.

Das Krankenhaus zur Zeit des Nationalsozialismus
Im Rahmen der sogenannten „Arisierung“ kaufte die Stadt Frankfurt am Main am 1.4.1939 der Jüdischen Gemeinde das Gelände, die Gebäude und die Einrichtung zum Preis von 900.000,- RM ab. Der Gemeinde wurde gestattet gegen Miete weitere drei Jahre im Gebäude zu bleiben (vgl. ISG). Immer mehr Altersheime, Kinderheime und Krankenhäuser wurden nun geschlossen und deren Bewohnerinnen und Bewohner in das Gagernkrankenhaus verlegt. Zudem war das Krankenhaus ab 1940 zuständig für psychisch Kranke. Im selben Jahr musste auch die koschere Küche des Krankenhauses geschlossen werden (vgl. Steppe 1997: 237f.).

Bis Oktober 1942 wurde das Krankenhaus zwangsgeräumt. Die Patientinnen und Patienten und viele der Schwestern wurden nach Theresienstadt und in die Todeslager im Osten deportiert (vgl. Steppe 1997: 246). Neuer Eigentümer wurde das Hospital zum Heiligen Geist, hat es aber scheinbar nicht nutzen können bevor es durch einen Luftangriff am 4. Oktober 1943 schwer beschädigt wurde.

Die Nachkriegszeit

Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde / Relikt im Hof des heutigen Altenzentrums der Jüdischen Gemeinde. © Edgar Bönisch Weitere Angaben

Nach dem Krieg konnte die jüdische Gemeinde über die Gebäude des Krankenhauses bereits ab 1945 wieder verfügen. Nach Renovierungsarbeiten wurde im November 1945 der Rundbau (vermutlich das ehemalige Infektionsgebäude, an anderer Stelle als ehemalige Urologie bezeichnet (vgl. Tauber 2008: 143)) eingeweiht, und Überlebende aus Theresienstadt zogen ein. Die KrankenschwesterRosel Möser übernahm die Leitung dieses nun als Alten- und Siechenheim bezeichneten Gebäudes. Nach ihrer Emigration in die USA im Jahr 1946 übernahm Else Herlitz ihre Position. Im Erdgeschoss des ehemaligen Verwaltungsgebäudes wurde nach 1945 eine Psychiatrie für leichte Fälle untergebracht. In weiteren Teilen des Verwaltungsbaus und des ehemaligen Krankenhauses wurden Wohnungen eingerichtet. Am 26.9.1948 wurde das Gebäude wieder als Krankenhaus eingeweiht. Doch über die Größe einer Krankenstation für 20 Personen wuchs das Haus nicht mehr hinaus. Bereits im Juli 1949 musste es aus Mangel an Geld, aber auch mangels Patienten wieder geschlossen werden (vgl. Tauber 2008: 143f.).

In den 50er Jahren befanden sich in den erhaltenen oder wiederhergestellten Teilen des Krankenhauses das Altersheim und der Kindergarten der jüdischen Gemeinde sowie Wohnungen für Gemeindemitglieder. Zwischen 1973 und und 1977 wurden die Gebäude des Krankenhauses abgerissen und durch das heutige Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde mit Alten- und Pflegeheim, Altenwohnanlage und Synagoge ersetzt (vgl. Karpf 2003).

Edgar Bönisch, 2014

Primärquellen
ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Magistratsakten 9.392

Literatur

Benzenhöfer, Udo 2013: Das Städtische Krankenhaus in Frankfurt am Main von 1884 bis zur Eröffnung des Universitätsklinikums 1914. Hildesheim

Frankfurter Zeitung 1914a: Abendblatt, 18. Mai, Nummer 137

Frankfurter Zeitung 1914b: Abendblatt, 24. Juni, Nummer 173

Hanauer, Wilhelm 1914: Festschrift zur Einweihung des neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Frankfurt a.M.

Isaac, Simon o.J.: My Life by Professor Simon Isaac. ME 1366: http://www.lbi.org, 4. Juli 2014

Israelitische Gemeinde Frankfurt am Main 1876: Beschreibung der am 27. Juni 1875 stattgefundenen Feierlichkeiten zur Einweihung des Hospitals der israel[itischen] Gemeinde in Frankfurt am Main Grüner Weg 26: Erbaut von der Familie Königswarter. Frankfurt a.M.

Kallmorgen, Wilhelm 1936: Siebenhundert Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main. Frankfurt a.M.

Murken, Axel Hinrich 1976: Das deutsche Baracken- und Pavillonkrankenhaus von 1866-1906. In: Schadewaldt, Hans: Studien zur Krankenhausgeschichte im 19. Jahrhundert im Hinblick auf die Entwicklung in Deutschland. Vorträge des Symposiums der „Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte e. V.“ vom 23. Bis 24. Februar 1972 in Berlin. Göttingen: 72-104

M. R. 1946: Günzburg, Alfred [Nachruf]. Aufbau 12 (1946) 2 (11.01.1946), S. 24, Spalte a

Steppe, Hilde 1997:„…den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre…“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt a.M.

Tauber, Anton 2008: Zwischen Kontinuität und Neuanfang. Die Entstehung der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Frankfurt am Main 1945-1949. Wiesbaden

Voggenberger, Fritz 1913: Sonderausstellung für Krankenhausbau. Internationale Baufachausstellung mit Sonderausstellung Leipzig 1913. Frankfurt a.M.

Voswinckel, Peter 1994: Simon Isaac und der Beginn der Insulintherapie in Deutschland. In: Juliane Wilmanns: Medizin in Frankfurt am Main. Ein Symposion zum 65. Geburtstag von Gert Preiser. Hildesheim. 205-213

Internet

FAZ 2009: http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/franz-roeckle-lehrbeispiel-fuer-menschliche-gemeinheit-1894651.html, 17.06.2014

Karpf, Ernst 2003: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde an der Gagernstraße. www.frankfurt1933-1945, 17.06.2014

Das Genesungsheim der Eduard und Adelheid Kann-Stiftung

Die Gemeinde Oberstedten und ihre jüdischen Bürgerinnen und Bürger
Die Gemeinde Oberstedten gehörte seit 1815 zur Grafschaft Hessen-Homburg. Im Jahr 1866 wechselte sie zunächst zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt und, im selben Jahr noch, an das Königreich Preußen. Dort folgte die Eingliederung in den Obertaunuskreis mit Homburg, Königstein und Usingen im Regierungsbezirk Wiesbaden (vgl. Bus 2000a: 111). 1972 wurde Oberstedten zu Oberursel eingemeindet.
Der Historiker Erhard Bus (vgl. Bus 2000a-c) legte statistische Zahlen für die Jahre 1820, 1871 und für die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur vor; darin tauchten zu keiner Zeit dauerhaft sesshafte jüdische Bürgerinnen und Bürger in Oberstedten auf. Jedoch findet man auf der Webseite von „Alemannia Judaica“ Hinweise auf in Oberstedten ansässige jüdische Bürger für das 19. Jahrhundert, es heißt dort: „die in […] Oberstedten lebenden jüdischen Personen gehörten zur Gemeinde in Oberursel“ (Alemannia Judaica). Wolfgang Zink von der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ erwähnte die Familie Gompel als erste schriftlich vermerkte jüdische Oberstedter Familie, sie ist in den Steuerlisten von 1683 und 1685 verzeichnet (vgl. Frankfurter Rundschau vom 10. Februar 1990). Eine, auch heute noch in der Öffentlichkeit wahrgenommene jüdische Einrichtung in Oberstedten ist das Genesungsheim der Eduard und Adelheid Kann-Stiftung. Sie wurde 1910 von Flora Geisenheimer-Kann ins Leben gerufen.

Flora Geisenheimer-Kann und die Eduard und Adelheid Kann-Stiftung
Flora Geisenheimer, geb. Kann, stammte aus einer alten Frankfurter Familie und hatte neben Frankfurt anscheinend auch einen starken Bezug zu Paris. Unter der Mitwirkung der Familie Kann errichtete sie 1906 die Eduard und Adelheid Kann-Stiftung in Frankfurt am Main, genannt nach ihren Eltern und zum Andenken an diese. Das Anfangsvermögen der Stiftung betrug 100.000 Mark und hatte zum Ziel, ein Erholungsheim für arme Israeliten, in der Satzung wird es auch „Rekonvaleszentenanstalt“ (ISG Stiftungsabteilung 133) genannt, einzurichten. Ein entsprechendes Heim wurde 1910/11 in Oberstedten im Taunus eröffnet (vgl. Schembs 2007: 67).

August Korf, der Chronist der Gemeinde Oberstedten, schrieb, dass Frau Geisenheimer eine „große Anzahl von Grundstücken in der Nähe von Frankfurt zum Bau für das Rekonvalenszensheim [sic] besichtigt“ hatte (Korf 1928: 290). Die „gesunde[n] Lage in der Nähe des Waldes an einem erhöhten Punkte im schönsten Teile des Taunus“ (Korf 1928: 290) und mit guter Bahnverbindung zu den Nachbarorten, veranlassten Frau Geisenheimer diesen Standort auszuwählen. Laut Walter Söhnlein verlief die erste Straßenbahnlinie in Homburg v. d. Höhe, vom 26. Juli 1899 an, vom Gotischen Haus, vorbei am Genesungsheim, zum Staatsbahnhof (vgl. Bott 2000: 238, Endnote 2).

Die Anfänge des Genesungsheims

Fotografie: Jüdisches Genesungsheim der Kann-Stiftung / Vorderansicht im Jahr 1955.
Jüdisches Genesungsheim der Kann-Stiftung / Vorderansicht im Jahr 1955. Weitere Angaben

Als Architekt des Genesungsheims wird der „Frankfurter Epstein“ erwähnt, wobei es sich hier um Fritz Epstein handeln könnte, der 1912 für die Renovierung der Hauptsynagoge in Frankfurt zuständig war (vgl. Korf 1928: 290 und Alemannia Judaica). Der Grundstein wurde in Oberstedten 1909 gelegt. Das zunächst für 14 Kurgäste geplante Gebäude kostete 110.000 Mark, eine Erweiterungsmöglichkeit auf 24 Gäste war vorgesehen. Schwierigkeiten gab es gleich zu Anfang bei der Wasserversorgung, so dass auf dem Grundstück eigene Brunnen gebohrt werden mussten. Auch die Stromversorgung war zunächst nicht geklärt, letztlich installierte man gemeinsam mit den umliegenden Taunusgemeinden eine zentrale Überlandversorgung.

Über die Einweihungsfeier des Genesungsheims heißt es in der Chronik: „Am 14. September 1910 [Bott gibt den 15. September 1910 an, vgl. ders.: 239] fand die Einweihung des von der Eduard und Adelheid Kann-Stiftung, Frankfurt a. M., unweit von Oberstedten errichteten jüdischen Genesungsheims statt. Bei dieser Feier waren neben der Stifterin und den Familienmitgliedern Vertreter der israelitischen Gemeinden Frankfurt a. M. und Homburg v. d. Höhe, der Oberbürgermeister von Homburg, Dr. Lübke, der Stadtverordnetenvorsteher, Dr. Rüdiger, der Bürgermeister Kleemann von Oberstedten, ferner Vertreter des Israelitischen Gemeinde=[sic]Hospitals in Frankfurt a. M. und verschiedene wohltätiger Stiftungen zugegen. Als Vertreter der Stifterin übergab Herr Amtsrichter Dr. Bromber=Homburg, das Haus dem Vorstand der Stiftung, Herr Sanitätsrat Dr. Jaffee [sic] dankte mit warmen Worten und übernahm das Genesungsheim für die Stiftung.“ (Korf 1928: 289) Weiterhin wird berichtet, dass bei der Eröffnung des Betriebs ein Damenkomitee gebildet worden sei und Herr Stadtrat Braunschweig aus Homburg zum Ökonom der Stiftung ernannt worden war. Das Heim selbst wurde im ersten Betriebsjahr vom 19. September bis 8. November offen gehalten. Für den Betrieb wurden 2.475 Mark ausgegeben und 13 Personen, die in der Regel für drei bis vier Wochen aufgenommen wurden, mit 314 Verpflegungstagen verpflegt. Am 17. Dezember 1910 wurde beschlossen, eine Krankenschwester als Vorsteherin des Heimes anzustellen (vgl. Korf 1928: 289f. und Bott 2000: 239).

Die Oberinnen und das Personal des Hauses

Fotografie: Scharlack, Ruth und Gustl / Ruth Berlove, geb. Scharlack (links) und ihre Schwester Gustl (rechts).
Scharlack, Ruth und Gustl / Ruth Berlove, geb. Scharlack (links) und ihre Schwester Gustl (rechts). Weitere Angaben

Ab diesem Zeitpunkt arbeitete für das Genesungsheim jeweils eine leitende Schwester des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt e.V. Nach jetzigem Wissensstand waren dies 1910 Anna Ettlinger und von 1911 vermutlich bis 1914 Ida Elise Holz. Von 1914 bis 1918 stand das als Kriegslazarett genutzte Heim unter militärischer Leitung. Ab 1919 führte wieder Ida Elise Holz das Heim (vgl. Rechenschaftsberichte 1910-1919). Rosa Spiero arbeitete vermutlich in den Jahren 1920 und 1921 im Heim, ihre Rückkehr aus Oberstedten ins Frankfurter Schwesternheim ist dokumentiert für den 5. Oktober 1921 (ISG Hausstandsbuch).
Nach einigen Jahren, die noch erforscht werden müssen, wissen wir erst für die Jahre 1933 bis 1938 wieder, dass Emilie Cecilie Kranz die Heimleitung übernommen hatte (StA OU).

In einem Prüfungsbericht des Rechnungsprüfungsamts für das Jahr 1937 wird von Schwestern im Plural gesprochen, es könnte also sein, dass zu bestimmten Zeiten auch mehrere Vereinsschwestern dort arbeiteten. An Personalkosten für das Jahr 1937 werden in diesem Prüfungsbericht aufgeführt: „Köchin und Hausmädchen 5.372,26 RM, Schwestern 2.177 RM, Arzt 2.440 RM“ (ISG Magistratsakte 9.599 Blatt 13).

Über die Kurgäste des Genesungsheims ließ sich bisher nichts in Erfahrung bringen. Einen Hinweis auf das ehemalige Personal verdanken wir der Historikerin Angelika Rieber, sie dokumentierte 2002 den Besuch von Ruth Berlove, geb. Scharlack, in Oberstedten. Die Bildunterschrift lautete: „Kurze Zeit, bevor die jüdische Familie Scharlack Ende 1937 nach Amerika emigrieren konnte, arbeiteten Ruth und Gustl für einige Monate in der Diätküche des Genesungsheims der Eduard- und Adelheid-Kann-Stiftung“ (Taunuszeigung 8.6.2002).

Die ersten Jahre
Doch zurück in die Gründungszeit des Genesungsheims. Aus den Jahresberichten der Stiftung erfährt man, dass 1911 56 Kurgäste das Heim besuchten, 1912 waren es schon 80. An Verpflegungstagen wurden 2.130 geleistet, wovon 1.300 Verpflegungstage kostenlos waren. Geöffnet war das Heim saisonal, so z. B. im Jahr 1913 ab Mai. Die Verwaltung hatte zu diesem Zeitpunkt ihren Sitz in der Schillerstraße 22 in Frankfurt (vgl. Allgemeine Zeitung des Judentums, 1. April 1913, zit. nach Alemannia Judaica). Das Jahr 1913 hatte allerdings auch traurige Seiten, da gleich drei Vorstandsmitglieder starben: der Kassierer Benny Oppenheimer, der Vorsitzende Leopold Hirschler und auch das Vorstandsmitglied Dr. Eduard Schnapper, ein Neffe Flora Geisenheimers; er erlag den Verletzungen eines Autounfalls, der sich nicht weit vom Genesungsheim entfernt ereignet hatte (Alemannia Judaica).

Der 1. Weltkrieg
Eine Unterbrechung des Kurbetriebs trat durch den 1. Weltkrieg ein. Von 1914 (28. August) bis 1918 wurde das Genesungsheim der Reservelazarettverwaltung in Bad Homburg zur Verfügung gestellt (vgl. Allgemeine Zeitung des Judenthums, 28. August 1914). Die Oberurseler Archivarin Andrea Bott spricht von einer Verfügung als Reserve-Lazarett von Mai 1916 bis Dezember 1918 (vgl. Bott 2000: 239). Am 1. Mai 1919 eröffnete das Genesungsheim wieder zu seinen alten Zwecken, und Schwester Ida Holz, die mit dem Lazarettzug P.1 des Frankfurter Schwesternvereins den Krieg in vorderster Front erlebte, nahm ihre frühere Tätigkeit als Oberin wieder auf.

Die 20er und 30er Jahre
Zur Saisoneröffnung im Jahr 1924 war das Haus renoviert worden (vgl. Schiebler 1988:142). Das üblicherweise in den Sommermonaten betriebene Genesungsheim öffnete ab 1928 auch in den Wintermonaten. Begründet wurde dies durch die große Nachfrage in den davorliegenden Sommermonaten. Geeignet für den Winterbetrieb war das Heim durch eine moderne Zentralheizung und eine neue Verkehrsanbindung durch die „Kraftpostlinie Homburg – Oberstedten – Hohemark“. Die Verwaltung residierte inzwischen in der Lange Straße 30 in Frankfurt, für die Anmeldungen zuständig war Frau Cilly Epstein (vgl. Der Israelit, 6.9.1928).

Anzeige: Genesunsheim der Kann-Stiftung, Werbeanzeige Juli 1933.
Genesunsheim der Kann-Stiftung, Werbeanzeige Juli 1933. Weitere Angaben

Eine Werbeanzeige vom Juli 1933 beinhaltet folgende Informationen: Das Haus wurde renoviert, es gab Ein- und Zweitbettzimmer, es wurden keine Kranken aufgenommen (lediglich Kurgäste) und rituelle Verpflegung wurde zubereitet. Die Verwaltung residierte inzwischen in der Neuen Mainzerstraße 68 (vgl. Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt, Juli 1933).

Auch 1934 erschien die gleiche Anzeige mit etwas verändertem Text in „Der Israelit“. Diesmal wurde mit der Winteröffnung geworben und mit behaglichen Ein- und Zweibettzimmern, mit fließendem Wasser und Zentralheizung, geschlossener Veranda, angenehmen Aufenthaltsräumen, großem Park, Gelegenheit zu Liegekuren und ritueller Verpflegung. Die Verwaltung zeichnete inzwischen vom Reiterweg 67 aus (vgl. Der Israelit, 18. Oktober 1934, zitiert nach Alemannia Judaica).

Erste nationalsozialistische Ausschreitungen
Bereits für 1935 findet man Berichte über Ausschreitungen von Nationalsozialisten gegen das Gebäude: „Vor dem Genesungsheim in Oberstedten bei Bad Homburg hat sich Mitte Juli eine Ansammlung gebildet, und es wurden mehrere Steine in die Fenster des Genesungsheimes geworfen. Wenige Tage später sind auf das Genesungsheim verschiedene scharfe Schüsse abgegeben worden“ (Klein 1986: 902). Auch die Versorgung mit koscherem Material konnte offensichtlich nicht mehr öffentlich stattfinden: „Als Ausfahrer habe ich heimlich Geschirr für das jüdische Geschäft Mainzer zum Judenheim am Gotischen Haus gebracht“ (Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten 1982: 72, zitiert nach Wolfgang Zink 1994: 88).

Der Vorstand der Stiftung setzte sich 1938 aus folgenden Personen zusammen:
Sally Wiesenthal, Vorsitzender, Bad Homburg v. d. Höhe, Kisseleffstr. 2
Sanitätsrat Dr. Deutsch, Frankfurt a. M., stellv. Vorsitzender, Feuerbachstr. 10
Rechtsanwalt Max L. Cahn, Schriftführer, Frankfurt a. M., Mainzerlandstr. 4
Aust Mayer, Schatzmeister, Frankfurt a. M., Leerbachstr. 10
Rabbiner Dr. J. Horovitz, Frankfurt a. M., Wöhlerstr. 8
Hertha Wiesenthal, Bad Homburg, Kisseleffstr. 12
Flory Oppenheimer, Frankfurt a. M., Grillparzerstr. 45
Leo Rosenbusch, Frankfurt a. M., Kettenhofweg 121
Dr. Ernst Kirchheim, Frankfurt a. M., Klüberstr. 20
Lebenslänglich ernannte Vorstandsmitglieder, die zu diesem Zeitpunkt aus Frankfurt weggezogen waren und auf die Ausübung des Amtes verzichteten:
Blanca Morel, Wwe., Weybridge, England
Max Rothbarth, London [Halbbruder des ersten Ehemanns von Flora Geisenheimer-Kann]
Ralf Kann, London
Max Morel, London
Dela Eberstadt, geb. Morel, London
(vgl. ISG Magistratsakten 9.599, Blatt 4)

Für den 17. Mai 1938 gibt es einen mündlich überlieferten Vorfall, wonach die Patienten nachts aufs freie Feld getrieben worden waren. Ab dem 18. Mai 1938 blieb das Heim dann geschlossen (vgl. Bott 2000: 239). Im selben Jahr „kam es auch zu starken Zerstörungen“ (Bott 2000: 240), wobei genauere Angaben fehlen. Nutzbar als Genesungsheim war das Gebäude danach nicht mehr. So wurde es zunächst für die Unterbringung von Kunstschätzen aus Frankfurter Museen genutzt (ISG Magistratsakten 9.599, Blatt 19). Im August 1939 übernahm das Hospital zum Heiligen Geist in Frankfurt das Heim (Bott 2000: 240).

Am 10. Oktober 1939 gliederte der Chef der Sicherheitspolizei und des SD die Eduard und Adelheid Kann-Stiftung in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland ein (Magistratsakte 9.599, Blatt 17).

Nach der „Arisierung“

Fotografie: Genesungsheim der Kann-Stiftung, 2013
Genesungsheim der Kann-Stiftung, 2013 © Edgar Bönisch Weitere Angaben

Im Herbst 1939 wurden Frankfurter Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheimes in Köppern im ehemaligen Genesungsheim untergebracht (am 1. November 39 wurden sie wieder zurückverlegt). Am 7. Mai 1943 kamen erneut Bewohner des Köpperner Heims, 39 Frauen, in das jetzt als „Pflegeanstalt Oberstedten“ bezeichnete Haus (vgl. Bott 2000: 240, nach: ISG Magistratsakte 8420/123 und StA OU, Oberstedten X 12). Im Juni 1943 beschlagnahmte die Marineintendantur Wilhelmshaven das Gebäude, nutzte es jedoch nicht (vgl. Bott 2000: 240, nach Magistratsakte 8414/5).
In einem Schreiben vom 25. Januar 1945 wurde durch den Reichsverteidigungskommissar die Räumung der Pflegeanstalt Oberstedten angeordnet, sie war zu dieser Zeit mit 55 Frauen belegt. Im Schreiben ist vermerkt: “Die Pflegeanstalt Oberstedten wird völlig geräumt. Der Betrieb wird abgewickelt” (ISG Revisionsamt 208).

Ab 1.2.1945 zog das Clementine-Kinderkrankenhaus, das zu diesem Zeitpunkt unter dem Namen „Deutsches-Rotes-Kreuz-Kinderkrankenhaus“ arbeitete, in das Oberstedter Gebäude und blieb mit durchschnittlich 60 bis 70 Kindern bis 1954. Eine bedeutende Tuberkulosestation wurde errichtet (vgl. Bott 2000: 240).

1958 stellt der Magistrat der Stadt Frankfurt fest, dass die Überführung der Kannschen Stiftungen in die Reichsvereinigung der Juden ein sittenwidriger Akt war und damit der Rechtswirksamkeit entbehrte (ISG Stiftungsabteilung 236, Blatt 47). Damit konnte im gleichen Jahr der Rechtsanwalt Max L. Cahn, Kaiserstraße in Frankfurt am Main, den Vorsitz aller drei Kann-Stiftungen übernehmen und indem er, den Satzungen entsprechend, wieder Vorstandsmitglieder einsetzte, die Beschlussfähigkeit der Stiftung wieder herstellen (vgl. ISG Stiftungsabteilung 133, Blatt 68 ff.). Die Stiftung stellte den Antrag auf Rückerstattung, was die Zustimmung des Hospitals zum Heiligen Geist fand. So konnte das Grundstück und das Gebäude anschließend an die Stiftung Reformhaus-Fachschule verkauft werden. Die daraus resultierenden Einnahmen versetzten die Stiftung 1968 in die Lage ihre Tätigkeit wieder aufzunehmen. Maßgeblichen Anteil hieran hatte Dr. Paul Arnsberg (vgl. Schembs 2007: 67).

Fotografie: Genesungsheim der Kann-Stiftung, Gedenktafel
Genesungsheim der Kann-Stiftung, Gedenktafel © Edgar Bönisch Weitere Angaben

1977 bestand der Vorstand aus Dr. Paul Arnsberg, Julius Katz, Georg J. Rosenberg, Walter Maier, Richard Feibel, Ernst Frenkel, Theo Nadel und Jacob Wolf. 1983 setzte er sich zusammen aus Rosl Arnsberg, Arno Lustiger, Henry Felson, Theo Nadel, Richard Feibel, Walter Maier, Jacob Wolf, M. Hess und Dr. S. Korn.

Am 10. Februar 1990 wurde eine Gedenktafel am Genesungsheim, der heutigen Reformhaus-Fachakademie, eingerichtet. Künstler war Georg Hieronymi, Initiator der Ortsbeirat Oberstedten mit Ortsvorsteherin Elisabeth Reinhuber-Adorno, nach einer Idee von Wolfgang Zink von der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ (Taunus Zeitung, 10. Februar 1990).

Edgar Bönisch 2014

Ungedruckte Quellen
ISG = Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main:

Hausstandsbuch Bornheimer Landwehr 85 (655)

Magistratsakte 9.599

Stiftungsabteilung 133

Stiftungsabteilung 237

StA OU = Stadtarchiv Oberursel, Stadtarchivarin Andrea Bott:

Angelika Rieber = persönliche Auskunft

Literatur

Bott, Andrea 2000: Vom jüdischen Genesungsheim zur „Reformhaus-Fachakademie“. In: Baeumerth, Angelika/Geschichts- und Kulturkreis Oberstedten e.V.: Oberstedten. Eine Ortsgeschichte. Frankfurt am Main, S. 238-241

Bus, Erhard 2000a: Oberstedten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1815-1866). In: Baeumerth, Angelika: Oberstedten. Eine Ortsgeschichte. Frankfurt am Main.: 111-122.

Bus, Erhard 2000b: Oberstedten im Deutschen Kaiserreich (1866-1914). In: Baeumerth, Angelika: Oberstedten. Eine Ortsgeschichte. Frankfurt am Main.: 148-161.

Bus, Erhard 2000c: Oberstedten im Nationalsozialismus (1933-1945) In: Baeumerth, Angelika: Oberstedten. Eine Ortsgeschichte. Frankfurt am Main.: 184-194.

Frankfurter Rundschau: Mahnmal gegen Mißhandlung und Verfolgung.
10. Februar 1990

Klein, Thomas 1986: Die Lageberichte der Geheimen Staatspolizei über die Provinz Hessen-Nassau 1933-1936. Köln, Wien.

Korf, August 1928: Chronik der Gemeinde Oberstedten. Mit Nachrichten über Mittel- und Niederstedten. Oberursel.

Schiebler, Gerhard 1988: Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main.

Söhnlein, Walter 1978: Bad Homburg v. d. Höhe – 150 Jahre öffentlicher Verkehr und Stadtstruktur. Landberg-Pürgen.

Taunus Zeitung: Erinnerung an jüdisches Heim. 10. Februar 1990

Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a. M.: Rechenschaftsberichte. Frankfurt am Main. 1910, 1911, 1913-1919

Wolfgang Zink 1994: Essen und Trinken im Hochtaunus. Aus der jüdischen Küche geplaudert. In: Mitteilung des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Oberursel. 34, S. 85-99.

Internetquellen

Alemannia Judaica: Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum: Oberursel / Taunus mit Stadtteilen Bommersheim und Oberstedten (Hochtaunuskreis) Jüdische Geschichte /Synagoge.
www.alemannia-judaica.de/oberursel_synagoge.htm. (11. April 2014)

Gerechte der Pflege: Emilie Kranz.
www.gerechte-der-pflege.net/wiki/index.php/Emilie_Kranz. (22. Juli 2014)

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt, Juli 1933
http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3098419 6. Juni 2014

Das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (1870 – 1941) Teil 3: der Umbau 1931/32 und sein Architekt Fritz Nathan

Vom Juli 1931 bis zum März 1932 wurde das orthodox-jüdische Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (im Folgenden: Rothschild’sches Hospital) im Röderbergweg 97 (heute Waldschmidtstraße 129-131) grundlegend umgebaut und modernisiert. Die Finanzierung sicherte mit einer Großspende von Paris aus Adelheid de Rothschild. Sie war die letzte noch lebende Tochter des Stifterpaares Wilhelm von Rothschild und Mathilde von Rothschild und mit dem Philanthrop und Mäzen Edmond James de Rothschild verheiratet.

Gemälde: Rothschild'sches Hospital, Röderbergweg 97, Eingangsbereich.
Der Frankfurter jüdische Architekt Fritz Nathan (undatiert, um 1950, Künstler unbekannt) © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

Den Umbau des Rothschild’schen Hospitals leitete Regierungsbaurat Dipl.-Ing. Fritz Nathan (1891–1960), Architekt im Stadtplanungsprogramm ‚Neues Frankfurt‘ um den Reformer Ernst May. Er entwarf Industriegebäude wie das Frankfurter Teppichhaus Brumlik und die Firma ‚Samt und Seide‘ (später Kaufhaus Vetter), das erste Hochhaus der Stadt Mannheim. Mit Fritz Nathans Namen sind anspruchsvolle jüdische Bauprojekte verbunden: der neuere Frankfurter Jüdische Friedhof Eckenheimer Landstraße mit seinem eindrucksvollen Hauptportal, der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee, der Jüdische Friedhof Stuttgart oder der Jüdische Friedhof Friedberg/Hessen (Erweiterung, Trauerhalle). Bevor er mit dem Umbau des Rothschild’schen Hospitals beauftragt wurde, hatte Fritz Nathan bereits Gebäude der Pflege errichtet, so das Altersheim für jüdische Lehrer und Kantoren in Bad Ems und das Israelitische Altersheim in Mannheim (zuletzt Pauline-Maier-Haus, 2009 abgerissen, vgl. Hartwich 2009).

Fotografie: Rothschild'sches Hospital, um 1932.
Rothschild’sches Hospital, um 1932 © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

Fotografie: Rothschild'sches Hospital, um 1932.
Rothschild’sches Hospital, um 1932 © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

Fotografie: Rothschild'sches Hospital, Innenansicht, um 1932.
Rothschild’sches Hospital, Innenansicht, um 1932 © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

1940 rettete Fritz Nathan auf der Flucht vor den Nationalsozialisten Bauskizzen und Fotos des Rothschild’schen Hospitals in das US-amerikanische Exil und sorgte damit für ihre Erhaltung. Die seltenen Zeugnisse eines in der NS-Zeit vernichteten deutsch-jüdischen Krankenhauses werden im Leo Baeck Institute New York aufbewahrt und sind auch online zugänglich (Fritz Nathan Collection, http://www.lbi.org, Aufruf am 17.11.2014).

Detaillierte Informationen zu Umbau und Innenausstattung veröffentlichte 1932 Karl Hofacker (Oberverwaltungsdirektor des Hospitals zum Heiligen Geist) in seinem Bericht Die Anstalten des Verbandes Frankfurter Krankenanstalten, dem auch das Rothschild’sche Hospital angehörte: „Der gesamte Umbau wurde in etwa 150 Arbeitstagen durchgeführt. Nunmehr können 29 Krankenbetten 3. Klasse, 12 Krankenbetten 2. Klasse und 3 Krankenbetten 1. Klasse untergebracht werden, abgesehen von der durch den Umbau unverändert gebliebenen Isolier-Station mit 6 Betten, zusammen 50 Betten“ (Hofacker 1932: 34).

Fotografie: Rothschild'sches Hospital, Krankenzimmer, um 1932.
Rothschild’sches Hospital, Krankenzimmer, um 1932 © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

Fotografie: Rothschild'sches Hospital, aseptischer Operationssaal, um 1932.
Rothschild’sches Hospital, aseptischer Operationssaal, um 1932 © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

Als „besonders bemerkenswert“ hob der Verfasser hervor, „daß für alle Klassen des Krankenhauses freie Arztwahl besteht“ (ebd.: 34). Im ehemaligen Tages- und Betraum des Erdgeschosses war eine moderne Röntgenabteilung „für diagnostische und therapeutische Zwecke“ entstanden. Die gesamte Chirurgie wurde „in ein neu aufgestocktes, 2. Obergeschoß verlegt, das in mustergültig neuzeitlicher Weise die Operationsabteilung in zwei räumlich vollkommen getrennte Einrichtungen für septische und antiseptische Fälle gliedert“ (ebd.: 34).

Fotografie: Rothschild'sches Hospital, Entbindungszimmer, um 1932.
Rothschild’sches Hospital, Entbindungszimmer, um 1932 © Courtesy of the Leo Baeck Institute: Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

„In naher Verbindung mit der chirurgischen Abteilung wurde […] ein Entbindungszimmer ausgebaut […]. Sämtliche Krankenzimmer erhielten Wascheinrichtungen mit kaltem und warmem Wasser, in jedem Geschoß stehen zwei Badeeinrichtungen, 2 Toiletten für die Patienten und 1 Toilette für Personal zur Verfügung. […] An jedem Bett ist ein Radiostecker und […] aus rituellen Gründen eine Signaleinrichtung für Samstag und Feiertage, ohne Benutzung des elektrischen Stroms, angebracht“ (ebd.: 35).

Mit diesem letzten Foto endet die kleine Bilderreise durch das Rothschild’sche Hospital. Über den fast vergessenen NS-Vertriebenen Fritz Nathan steht erfreulicherweise eine Biographie (vgl. Schenk i.E.) in Aussicht, die neue Erkenntnisse über sein Leben und seine Werke verspricht.

Die Autorin ist den Nachkommen von Fritz Nathan sowie Herrn Michael Simonson (Archivar) und dem Leo Baeck Institute New York für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung der seltenen Abbildungen auf www.juedische-pflegegeschichte.de zu großem Dank verpflichtet.

Birgit Seemann, 2014, aktualisiert 2018

Primärquellen


ISG Ffm: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
Sammlung Personengeschichte S 2, Sig. 6.829: Nathan, Fritz

LBI NY: Leo Baeck Institute, New York/Berlin
Fritz Nathan Collection, AR 1443 / MF 533

Literatur und Links


Arnsberg, Paul 1983: Nathan, Fritz. Dipl.-Ing., Architekt. [Nach brieflichen Informationen seiner Tochter Doris Nathan]. In: ders.: Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Band 3. Darmstadt: 314 [mit Abb.]

Hartwich, Inna 2009: Dokument jüdischer Geschichte. Abriss des Pauline-Maier-Hauses des Architekten Fritz Nathan in der Oststadt. In: Mannheimer Morgen, 19.08.2009

Hofacker, Karl 1932: Das Rothschild’sche Krankenhaus. In: Die Anstalten des Verbandes Frankfurter Krankenanstalten. Düsseldorf: 33-35

Hofmann, Willy 1932: Die Stellung der jüdischen Weltanschauung zu Krankheit, Arzt und Medizin. Rede zur Einweihungsfeier des Hospital-Umbaus der Georgine Sara von Rothschildschen Stiftung zu Frankfurt a.M. am 17. Elul 5692, 18. Sept. 1932. Frankfurt a.M.: Hermon-Druck

Leo Baeck Institute New York / Berlin: http://www.lbi.org

Schenk, Andreas 2015: Fritz Nathan – Architekt. Sein Leben und Werk in Deutschland und im amerikanischen Exil. In Zusammenarbeit mit Roland Behrmann. Basel

Schenk, Andreas 2016: Nathan, Fritz. In: Brockhoff, Evelyn (Hg) 2016: Akteure des Neuen Frankfurt. Biografien aus Architektur, Politik, Kultur. Frankfurt a.M., S. 158

Völckers, Otto 1930: Völckers: Geschäftshausbauten von Reg.-Baum. Fritz Nathan, BDA, Frankfurt a.M. (Verlag Stein Holz Eisen)