Jüdische Pflege- geschichte

Jewish Nursing History

Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main

Thea Wolf auf dem Weg zur jüdischen Krankenschwester

… und sie wurden richtig stolz auf ihre ‚Krankenschwester-Tochter‘.“

Die Ausbildung zur Krankenschwester in jüdischen Einrichtungen

Fotografie: Schwester Thea, 1932.
Schwester Thea, 1932; aus: Thea Levinsohn-Wolf, Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel, Frankfurt am Main 1996, S. 26

In den 1890er Jahren organisierten sich die ersten jüdischen Krankenpflegevereine. Sie widmeten sich der Ausbildung von Krankenschwesterschülerinnen und halfen so den Beruf der Krankenschwester zu etablieren. Dies bestätigt auch Schwester Selma Mayer, die in Hamburg ausgebildet worden war und 1916 nach Palästina ging. Sie berichtet, dass eine Kollegin und sie selbst die ersten jüdischen Schwestern waren, die ein deutsches staatliches Diplom erhielten: „The first time that Jewish nurses sat for examinations by the German authorities and received a German State Diploma was in 1913″.1

Noch 1921 ging man davon aus, dass für den Beruf der Krankenschwester „vorzugsweise Mädchen und Frauen von gutem Herkommen zu berücksichtigen“2 seien. Doch in der Praxis interessierten sich die angesprochenen Töchter aus wohlhabenden Häusern oftmals für ein Studium der Medizin. Da der Beruf der Krankenschwester eine gute soziale Absicherung bot, war er zudem attraktiv für Mädchen und junge Frauen, die auf ein geregeltes Einkommen angewiesen waren. So öffnete sich die Ausbildung auch für „niedere Kreise“ womit „Köchinnen, Dienstmädchen, Ladnerinnen, Gouvernanten, Kindergärtnerinnen und Elementarschullehrerinnen“ gemeint waren3. Das erwünschte Eintrittsalter zur Ausbildung lag zwischen 20 und 30 Jahren, so dass eine gewisse Reife, gewonnen durch Berufserfahrungen in unterschiedlichen Bereichen, vorausgesetzt werden konnte und Bildungsbereitschaft vorhanden war4.

Durch den Ersten Weltkrieg kam es jedoch zu einem Bruch. Gustav Feldmann, der in Stuttgart praktizierende jüdische Arzt, der sich immer wieder für die „Etablierung und fürsorgliche Ausgestaltung der beruflichen jüdischen Krankenpflege in Deutschland“5 einsetzte schrieb 1924, dass „während des Krieges der Zustrom der Schülerinnen in allen Vereinen fast vollkommen versiegte, in den ersten Nachkriegsjahren hat er überhaupt ganz aufgehört, weil die jungen Mädchen sich fast alle dem Handel und der Industrie zuwandten“6. In der Verarmung des Mittelstandes während der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre sah er aber auch die Chance, dass der Pflegeberuf „in Kürze wieder seine volle Anziehungskraft ausüben“7 werde. In der Summe hatten mit Ende der 20er Jahre die jüdischen Vereine über 1.000 Schwestern ausgebildet, wobei sich für die Gestaltung der Ausbildung in den verschiedenen Vereinen „insgesamt ein sehr buntes und uneinheitliches Bild“8 ergab.

Thea Wolf entsprach dem oben skizzierten Anforderungsprofil, als sie 1927 dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main zur Ausbildung beitrat. Sie war 20 Jahre alt, hatte Berufserfahrung als Buchhalterin und Erzieherin gesammelt und suchte eine Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Geboren wurde sie 1907 und lebte im gutbürgerlichen Haushalt ihrer Eltern dem Metzger Moritz Wolf und seiner Frau Jeanette am Rande des sogenannten „Arbeiterviertels“ in Essen. Schon als Jugendliche war Thea Mitglied der jüdischen Jugendbewegung und kümmerte sich um die jüdischen Emigranten aus Polen, die nach dem Ersten Weltkrieg in das Ruhrgebiet kamen. Thea Wolf besuchte dann die Höhere Handelsschule und wurde Buchhalterin, diesen Lebensabschnitt beurteilte sie später folgendermaßen: „Dort endete meine zweijährige Tätigkeit mit der Bankrotterklärung des Betriebes, und ich war überglücklich,“ da sie ihre Zeit nicht mit einer „leblosen Tätigkeit“ vergeuden wollte9.

Die Motivation Krankenschwester zu werden
Ein wesentliches Ziel der spezifisch jüdischen Pflege war es, den Beweis zu erbringen, dass jüdische Krankenschwestern genauso selbstlos, opferbereit und gehorsam waren wie ihre christlichen Kolleginnen und dass die Leistung der jüdischen Schwesternschaft denen der anderen Mutterhäuser ebenbürtig war, was z.B. 1928 und 1929 in Artikeln der Monatshefte der jüdischen Großloge B’nai B’rith10 dokumentiert wurde. Um dieses Ziel zu erreichen baute man in erster Linie auf weibliche Pflegekräfte und argumentierte, dass dieser Beruf „wie kein anderer den natürlichen Fähigkeiten und Neigungen des Weibes entspricht, der so viele innere Befriedigung gewährt und seiner Trägerin eine allgemein geachtete Stellung verbürgt“11.

Aus den Erzählungen der Schwestern selbst wird ersichtlich wie wichtig ihnen das Helfenwollen war. Schwester Selma formuliert es so: „Because I lost my mother very early […] a strong need grew in me to give people that which I had missed so much: mother-love and love of human beings. Therefore I chose the profession of nursing.”12 Auch Thea Wolf und ihre Schwester, die sich oft wünschten aus dem Armenviertel wegzuziehen, bekamen von ihrer Mutter immer wieder zu hören: „Kinder, wenn wir von hier fortziehen, vergessen wir die Armen, und das darf man nicht.“13 Thea war es auch gewohnt, zu ihrem eigenen Schulbrot auch solche für bedürftige Mitschüler mitzunehmen oder, wenn sie zu den Feiertagen neue Kleidung bekam, im Gegenzug ein altes Kleidungsstück für die Armen abzugeben.

Dass sich beim Eintritt in die Frankfurter Schwesternschaft für Thea Wolf ein großer Wunsch erfüllte, drücken ihre Worte aus: „Alles erschien mir sinnvoll, notwendig und die Ärzte und Schwestern mit einem heiligen Ernst und menschlicher Anteilnahme gesegnet.“ Sie hatte das Gefühl „ein Rädchen in einer wichtigen Gemeinschaft geworden zu sein. Ich konnte etwas tun, um Leiden zu lindern und unheilbar Kranken bei ihrem Hinübergehen in eine andere Welt ihre letzten Augenblicke auf dieser Welt erleichtern.“14

Familiäre Widerstände
Um ihr Ziel, Krankenschwester werden, zu erreichen, galt es für die jungen Frauen, Traditionen zu brechen. Als Thea Wolf sich als Jugendliche für die polnischen Flüchtlinge einsetzte, hörte sie jeden Tag von ihrer Mutter: „Bereite doch lieber Deine Aussteuer für Deinen künftigen Haushalt vor.“ Um dieser Art mütterlicher Fürsorge zu entkommen, verpflichtete sich Thea Wolf 1926 mit 19 Jahren heimlich als „Helferin ohne Gehalt“15 im „Waisenhaus des Frauenvereins von 1883“ in Berlin. Thea Wolf kommentierte die Reaktion ihrer Verwandtschaft darauf mit den Worten: „Sie alle waren über meine Berufswahl anhaltend entsetzt. Sie waren der Meinung, dass ich damit auf ein >normales Leben< verzichten würde, dass ich eine Art Nonnenleben führen müsste, anstatt in ein Pensionat zu gehen, um dort zu einer guten Frau, einer guten Hausfrau ausgebildet zu werden, – und auch tanzen zu lernen, um dann zu heiraten. Ich aber wollte einen anderen, meinen Weg einschlagen, den Armen und Kranken helfen, denn um mich herum gab es so viel Elend, das ich während des Ersten Weltkrieges hautnah miterlebt hatte.“16 Die Zeit im Berliner Waisenhaus erfuhr Thea Wolf als lieblose Welt in der apathische Kinder lebten. Doch weder durch dieses deprimierende Erlebnis noch durch die ablehnende Haltung der Familie ließ sie sich in Ihrer Berufswahl beirren und meldete sich zur Ausbildung als Krankenschwester an. Es war später der Rabbi, der die Eltern beruhigen konnte, so dass sie mit der Zeit „richtig stolz auf ihre >Krankenschwester-Tochter<“ wurden.
Der oben erwähnte Gustav Feldmann sagte bereits 1901: „In der Regel soll die Bewerberin ledig sein.“17 Es wurde davon ausgegangen, dass die Berufstätigkeit in der Krankenpflege und die Ehe sich nicht vertragen, zumeist sind die Schwestern im Falle einer Heirat dann auch aus der Schwesternschaft ausgetreten. Um den Beruf trotzdem attraktiv zu halten, wurde er oft als ausgezeichnete Vorbereitung auf die Ehe beschrieben.

Ankunft als Schwesternschülerin im Frankfurter Verein für Krankenpflegerinnen

Fotografie: Speiseraum des Schwesternhauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main, 1920.
Speiseraum des Schwesternhauses in der Bornheimer Landwehr 85, Frankfurt am Main, 1920. Aus: Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, Rechenschaftsbericht für die Jahre 1913 bis 1919, Frankfurt am Main 1920, S. 48f

1927 begann Thea Wolf ihre Ausbildung als Krankenschwesternschülerin in der Bornheimer Landwehr 85, dem Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main.
Rückblickend erinnert sie sich an ihren ersten Tag: „Als ich so dasaß, war mir für einige Minuten etwas beklommen ums Herz, aber dann betrat Schwester Sara Adelsheimer das Zimmer, begrüßte mich freundlich und sagte: >Ich bin die Oberschwester und bringe Sie zu Schwester Dora. Sie ist verantwortlich für das Schwesternhaus, und sie wird Sie zu ihrem Zimmer begleiten.
Das Zimmer lag im dritten Stock des Schwesternhauses. Ich teilte es während der nächsten zwei Jahre, der Lehrzeit bis zur staatlich geprüften Krankenschwester, mit zwei anderen Schülerinnen. Die praktische Ausbildung erhielten wir im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Gagernstraße 36. […]

Ein Gong rief zum Mittagessen, das wir im Erdgeschoß in einem geräumigen Speisesaal einnahmen. Hier wurde ich auch erstmals unserer Frau Oberin Minna vorgestellt. Sie war bereits pensioniert und nicht mehr tätig. […] Ich wurde auch allen älteren Schwestern vorgestellt. Sie trugen alle goldene Broschen zum Zeichen, daß sie seit mehr als fünfundzwanzig Jahren berufstätig waren. […] Dann stellte Schwester Dora mich allen übrigen Schwestern vor: >Dies ist Schwester Thea, unser neuer Zuwachs.< Ich gehörte damit zu dieser Gemeinschaft, […] ich ging zurück in mein Zimmer und […] schrieb […] an meine Eltern und teilte ihnen mit, daß alles in bester Ordnung sei, ich gut angekommen sei und mich sehr wohl fühle.“18

Edgar Bönisch, 2009

Literatur

Feldmann, Gustav 1901: Jüdische Krankenpflegerinnen. Kassel

Feldmann, Gustav 1924a: Krankenschwestern und Mittelstand. In: Central-Verein-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum; C.V.-Zeitung; Organ des Central-Vereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens, Nr. 39, S. 592

Feldmann, Gustav 1924b: Krankenschwestern und Mittelstand. In: Central-Verein-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum; C.V.-Zeitung; Organ des Central-Vereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens, Nr. 40, S. 613

Levinsohn-Wolf, Thea 1996: Stationen einer jüdischen Krankenschwester. Deutschland – Ägypten – Israel. Frankfurt am Main

Schwester Selma 2001: My Life and Experiences at „Shaare Zedek“. In: www.szmc.org.il/Eng/_Uploads/18selmaeng.pdf, Aufruf 02.06.2009

Steppe, Hilde 1997: „… den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“ Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main

Unabhängiger Orden B’nai B’rith 1921: Monatsschrift der Berliner Logen UOBB. Mitteilungen und Materialien der Großloge für Deutschland, Nr. 1, zitiert nach Steppe 1997, S. 262

Horst-Peter Wolff (Hrsg.) 2001: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in nursing history“ Band 2. München

Fußnoten

1Schwester Selma 2001, S. 5 (Übers.: „1913 legten das erste Mal jüdische Schwestern eine Prüfung vor deutschen Behörden ab und erhielten ein deutsches staatliches Diplom.“)
2Unabhängiger Orden B’nai B’rith 1921
3DVJK Deutscher Verband Jüdischer Krankenpflegerinnenvereine, Nr. 1, S. 21, zitiert nach Steppe 1997, S. 266
4Steppe 1997, S. 262, Steppe zitiert eine Debatte, die in DVJK, Nr. 2, S. 92ff geführt wurde.
5Horst-Peter Wolff 2001, S. 65
6Feldmann 1924b, S. 613
7ebd.
8Steppe 1997, S. 114
9Levinsohn-Wolf 1996, S. 13
10Steppe 1997, S. 275
11Feldmann 1901, S. 5
12Schwester Selma 2001, S. 38 (Übers.: „Da ich sehr früh meine Mutter verlor […] entstand in mir ein starkes Bedürfnis Menschen das zu geben, was ich so sehr vermisste: Mutterliebe und Liebe für Menschen. Deshalb wählte ich den Beruf der Krankenschwester.“)
13Levinsohn-Wolf 1996, S. 13
14ebd., S. 23
15ebd., S. 15
16ebd., S. 22
17Feldmann 1901, S. 8
18Levinsohn-Wolf 1996, S. 21

Diphtherie und ihre Behandlung im 20. Jahrhundert

Verbreitung der Diphtherie vor 1945 in Deutschland und in Frankfurt am Main
Die durch Tröpfcheninfektion übertragene Diphtherie zählte im 19. Jahrhundert zu den „großen Killern“ bei Kindern (Süß 2003: 215). Gegen die epidemisch auftretende Krankheit entwickelte Emil von Behring einen Impfstoff, der jedoch zunächst teuer und unzuverlässig war. In den 1920er Jahren kam die letzte große Krankheitswelle in Schüben und in regionalen Epidemiezentren auftretend von Skandinavien nach Deutschland. 1926 erkrankten ca. 30.000, 1938 ca. 150.000 und 1943 ca. 300.000 Menschen. Der Zweite Weltkrieg begünstigte die Ausbreitung, da die Abwehrkräfte der Menschen geschwächt waren und viele Menschen sich in kleinen Räumen – wie in Luftschutzräumen – drängten.

In Frankfurt am Main kam es 1930 mit 783 und 1940 mit 1.703 Diphtheriepatienten zu Erkrankungsspitzen, wobei davon 1930 laut Statistik 50 und 1940 mindestens 64 Menschen starben. Der Hanauer Arzt Friedrich Blendin beschrieb 1948 verschiedene Faktoren, welche die Diphtherie in Frankfurt beeinflussten. Er stellte für die Verteilung nach Geschlechtern keinen großen Unterschied fest. Jahreszeitlich gesehen konnte Blendin einen deutlichen Anstieg der Fälle im Spätherbst und Winter registrieren, was durch stärkeres Zusammensein auf Grund der Kälte oder der stärkeren Virulenz der Erreger begründet sein konnte. Für die statistische Verteilung auf Altersgruppen stellte Blendin fest, dass in den Jahren 1925 bis 1927 die Kleinkinder zwischen 0 und 5 Jahren etwa ein Drittel der Krankheitsfälle ausmachten und damit den größten Anteil der Erkrankten stellten. Danach war die größte Krankheitsgruppe die der 5- bis 10-jährigen.

Isolation zur Bekämpfung der Diphtherie
Es gab unterschiedliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Seuchen, von denen die Isolation die Wichtigste war. Die Straßburger Wissenschaftler Ernst Levy und Sidney Wolf wiesen 1899 darauf hin, dass bereits in der Hebräischen Bibel die mosaische Gesetzgebung eine Isolierung bei Infektionskrankheiten vorsah. Robert Koch bezeichnete die Isolierung Kranker und krankheitsverdächtiger Personen in der Familie bzw. im Krankenhaus als die „beste und schärfste Waffe im Kampf gegen die ansteckenden Krankheiten“ (Süß 2003: 217). Rechtlich war eine Einweisung zur Isolation, die einen Eingriff in die persönliche Freiheit bedeutete, im Reichsseuchengesetz vom 30.6.1900 abgesichert worden.

Der Notwendigkeit der Isolation trug man in Frankfurt bei Neubauten im jüdischen Krankenhauswesen Rechnung. 1914 war das Hospital der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main in der Königswarter Straße zu klein geworden, so dass ein großer Krankenhauskomplex in der Gagernstraße neu erbaut wurde. Für die Patientinnen und Patienten gab es im neuen Krankenhaus ein eigenes Infektionsgebäude. Es war halbkreisförmig angeordnet, besaß eine vorgelagerte Liegehalle im Erdgeschoss und „verandenartige Tagräume“ (Hanauer 1914: 65) im oberen Geschoss der Liegehalle. Als Eingang war, getrennt für Ärzte und Patienten, eine Schleusenanlage eingerichtet worden. Jede der vier Abteilungen des Infektionsgebäudes hatte ein Schwesternzimmer mit besonderem Bad und weitere Nebenräume wie Teeküche, Toilette, Kindertoilette und Ausguss. Die Türen hatten Klappen, durch die man die Patienten beobachten konnte, ohne selbst die Räume betreten zu müssen. Die Wände waren mit Ölfarbe gestrichen oder gekalkt, um sie besser reinigen zu können. Die Schmutzwäsche konnte man über ein Röhrensystem direkt in Desinfektionslösung gleiten lassen. Ein kleines Labor gab es ebenfalls (vgl. Hanauer 1914).

Auch im Jahr 1914 errichtete der Frankfurter Verein für jüdische Krankenpflegerinnen neben dem Krankenhaus, in der Bornheimer Landwehr, ein neues Schwesternheim. Hier hatte man, um den besonderen Anforderungen der Isolation an das Pflegepersonal gerecht zu werden, zwei abgetrennte Zimmer eingerichtet. Sie waren mit jeweils eigenem Gaskochherd, Bad, Toilette und Haustelefon ausgestattet. So wurde die Ansteckungsgefahr gegenüber den anderen Schwestern eingedämmt, und die betreuenden Schwestern der Isolationsabteilung blieben in ihrem Arbeitsrhythmus ungestört.

Pflegesituation
Der Tropenmediziner und spätere Chefarzt der Infektiologie an der Charité in Berlin F. O. Höring beschrieb 1952 die besonderen Schwierigkeiten, denen das Pflegepersonal in Isolationsstationen ausgesetzt war. Da die Patientinnen und Patienten mit Infektionskrankheiten meist sehr schwer krank waren, aber schnell genasen und trotzdem weiter isoliert leben mussten, fühlten sie sich eingeengt. Die einzige Kontaktperson war die Pflegeperson, die sowohl Nähe als auch Distanz vermittelte, da sie Wünsche erfüllen und den Kontakt zu den Verwandten herstellen konnte, aber auch auf die Einhaltung der Gebote achtete: Besuchsverbot und Desinfektionsmaßnahmen bei Ausscheidungen, Gebrauchsgegenständen und Kleidung. Die Vermeidung von Berührungen verstärkte die Distanz. „Die Schwester sendet so ständig Signale der Zuneigung und der Ablehnung.“ (Höring 1952: 10) Ein weiteres Problem sah Höring darin, dass die pflegenden Personen, wenn sie lange auf der Station arbeiteten, sich „oft als von rauher Schale erweisen“ (Höring 1952: 10). Gerade durch die lange Verweildauer auf der Station sammelten sie jedoch einen enormen Erfahrungsschatz und waren in der Lage, typische Symptome und Komplikationen bestimmter Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Die besondere Gefährdung bei Diphtherie für die Pflegenden war, dass sie immer wieder angesteckt werden konnten ohne zu erkranken, wodurch sie ständig auf Bakterien untersucht werden mussten. Höring sagte zusammenfassend, „daß die Pflege von toxischen Diphtheriefällen wohl den höchsten Einsatz für die Schwester erfordert, dabei ständige, aufmerksame Beobachtung besonders des Kreislaufs [des Patienten] und auch eigene Entschlußkraft zum raschen therapeutischen Eingreifen.“ (Höring 1952: 11)

Edgar Sarton-Saretzki: Ein Patient berichtet aus dem Jahr 1933
Die oben beschriebene Pflegesituation erlebte auch Edgar Sarton-Saretzki, geboren am 10.5.1922 in Limburg/Lahn, der als 11-Jähriger an Diphtherie erkrankte und lange Zeit im Infektionsgebäude des Krankenhauses der Israeltischen Gemeinde in der Gagernstraße verbringen musste. Er erinnert sich intensiv an den einengenden Zwang der Station, den er als Kind, nachdem die Krankheit bereits wieder abgeklungen war, besonders stark empfand: „Als ich 11 oder 12 war, hatte ich Diphtherie und ich war in dem Isolationskrankenhaus, in der Isolationsstation. Bei Diphtherie musste man damals drei Abstriche haben, und ich hatte immer zwei Abstriche [, die negativ waren] und der dritte war immer wieder positiv. D. h. es musste wieder von vorne angefangen werden, obwohl ich vollkommen gesund war.“ Edgar Sarton-Saretzki fühlte sich völlig wieder hergestellt und war deshalb sehr schwer „zu kontrollieren“, wie er sagte. Er erinnert sich, wie er versuchte, sich die Zeit zu vertreiben: „Das war irgendwie an einer Mauer, auf die ich mal geklettert bin. – Wie ich das fertig gekriegt habe, weiß ich nicht mehr, denn es war alles abgeschirmt, und die Leute konnten auch nicht direkt ran. Als meine Eltern mich besucht haben, mussten sie z. B. hinter einem Stacheldraht stehen. – Ich bin also auf die Mauer geklettert, und hinter der Mauer – was war da? Da waren die Särge. Dort wurden die Leute, die gestorben sind, in die Särge verfrachtet. Und der Stationsarzt, ein gewisser Dr. Reiter, der hat mich erwischt. Er war wahnsinnig wütend, und ich musste noch eine Woche ins Bett, ich durfte nicht mehr aufstehen. Er war ganz, ganz böse darüber, dass ich das gesehen habe, das war doch ganz versteckt, hinten in der Ecke, und ich wurde schwer bestraft. Das war eben die Schwierigkeit mit der Diphtherie, dass man diese drei Abstriche machen musste.“ Doch ganz zu bremsen war Edgar Sarton-Saretzki, trotz Isolation und Strafen, nicht: „Ich weiß, dass ich dort wochenlang vollkommen isoliert war, total isoliert. Neben mir aber war ein Mädchen, die Marion David, mit der bin ich später ins Stadionbad zum Schwimmen gegangen, mit der habe ich mich unterhalten, das durfte ich auch nicht. Da war auch eine Barriere, aber man konnte sich abstützen und so rumgucken, aber man musste aufpassen, dass man nicht erwischt wurde.“

Fotografie: Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde / Infektionsgebäude, 1914.
Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde / Infektionsgebäude, 1914. Aus: Festschrift zur Einweihung des neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1914

Auf dem nebenstehenden Foto erkennt Herr Sarton-Saretzki die Isolationsstation wieder und deutet auf einzelne Teile des Bildes: „Ja, ja, da war man drin. Da war eine Veranda abgetrennt, und dann war hier ein Gang, der war auch abgetrennt; meine Eltern kamen mich besuchen, die mussten schreien, damit sie sich verständigen konnten. Die Mauer, auf die ich stieg – das weiß ich nicht mehr, wo die war. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie lange ich da war, aber es war eine ziemlich lange Zeit.“ Eine weitere Szene, die ihm im Gedächtnis blieb, ist die Situation, als er eine Spritze bekam. „Das war damals ja auch keine einfache Sache, Diphtherie. Ich bekam so eine Spritze [zeigt ca. 25 cm] – so eine Spritze! – das war ein großes Theater, denn Diphtherie war damals eine schwere Krankheit mit sehr hohem Fieber. Und ich erinnere mich heute, dass das ja Pferdeserum war, das war vom Pferd.“1)

Die Empörung über die ausweglose Situation merkt man ihm heute noch an, wenn er sagt: „also was für eine Psychologie, was die geglaubt haben, dass man vollkommen gelähmt sein musste, dass man überhaupt nichts machen durfte. Man durfte mit überhaupt niemandem sprechen. Das ist doch vollkommen unmöglich für ein Kind, aber das haben die praktiziert. Also die waren nur daran interessiert, dass man mit niemandem Kontakt hatte, die hatten Angst, dass sich die Diphtherie ausbreitet.“ Auf eine Rückfrage zum Alltagsleben, z. B. der Verteilung des Essens, sagt er: „Ich weiß nicht mehr wie ich das Essen bekam, mir wurde das Essen geliefert, wie, weiß ich nicht mehr, ob sie mir das hingeschoben haben oder so, aber es gab nur wenige Leute, die Kontakt haben durften. Ich glaube das waren nur Leute, die extra dafür bestellt wurden.“ Resümierend fügt Herr Sarton-Saretzki noch hinzu: „Die haben alle gleich behandelt, glaube ich, ob Kind oder Erwachsenen ist ganz egal.“

Edgar Bönisch, 2011

1) Auch heute noch werden die Immunglobuline, die für die Therapie von Diphtherie notwendig sind, aus Pferdeserum als Ausgangsmaterial gewonnen.

Literatur

Baur, Nicole-Kerstin 2005: Die Diphtherie in medizinisch-geographischer Perspektive. Eine historisch-vergleichende Rekonstruktion von Auftreten und Diffusion. Heidelberg: www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/5671 (15.08.2011)

Blendin, Friedrich 1948: Die Diphtherie in Deutschland in den Jahren 1925-1945. Frankfurt/M.

Hanauer, Wilhelm (Hg.) 1914: Festschrift zur Einweihung des neuen Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Frankfurt/M.

Hess, Bärbel-Jutta 2009: Seuchengesetzgebung in den deutschen Staaten und im Kaiserreich vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum Reichsseuchengesetz 1900. Heidelberg: http://archiv.ub.uniheidelberg.de/volltextserver/volltexte/2010/10458/pdf/dissertation_15_02_10.pdf (11.02.2011)

Höring, F. O. 1952: Über die Pflege bei Infektionskrankheiten. In: Deutsche Schwesternzeitung Jg. 5, 1. Heft, S. 10-11

Levy, Ernst und Wolf, Sidney 1899: Specialkrankenhäuser. Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für ansteckende Kranke. In: Liebe, Georg; Jacobsohn, Paul; Meyer, Georg (Hg.) Handbuch der Krankenversorgung und Krankenpflege. Berlin

Massar, Kathrin 2005: Nathan Saretzki. In: „Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit“, herausgegeben von Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer. Hamburg: http://www.lexm.uni-hamburg.de (17.08.2011)

Sarton-Saretzki, Edgar 1997: Auf Sie haben wir gewartet. Hanau

Süß, Winfried 2003: Der „Volkskörper“ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939 – 1945. München

Verein für Jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt a. M. 1920: Rechenschaftsbericht 1913 bis 1919. Frankfurt/M.

Quelle

Sarton-Saretzki, Edgar; Bönisch, Edgar; Seemann, Birgit 2010: Interview am 18.02.2010 mit Edgar Sarton-Saretzki, Interviewerin und Interviewer: Birgit Seemann und Edgar Bönisch

Die Geschichte des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main

1893 bis 1940

Vorgeschichte der Vereinsgründung

Dokument: Brosche des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, 1909.
Brosche des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main, 1909 @ XVI. Jahresbericht des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main 1909, Titelblatt

Der Beruf der Krankenpflegerin entwickelte sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der außerfamiliären Krankenpflege. Wichtige Rahmenbedingungen waren die Professionalisierung der Medizin und die verstärkte Gründung von Krankenhäusern. Für die jüdische Gemeinde Frankfurts zeigte sich dies im Jahr 1875 durch die Errichtung des Hospitals der Israelitischen Gemeinde, auch Königswarter Hospital genannt. Es bot Platz für 80 Kranke und war offen für alle Gemeindemitglieder und deren Angestellte. Zu einer Zeit, als die Notwendigkeit professioneller Krankenschwestern noch diskutiert wurde, stellte man hier am 1. Juli 1881 die vermutlich erste an einem jüdischen Krankenhaus in Deutschland ausgebildet Krankenschwester ein: Rosalie Jüttner.

Gründung und Ziele des Vereins
Die Ärzte Simon Kirchheim und Alfred Günzburg und vor allem der Bankier Meier Schwarzschild planten 1893 die Gründung eines Vereins zur Förderung der Krankenpflege. Ebenso begannen die zwischen 1889 und 1893 ausgebildeten Krankenschwestern Minna Hirsch, Frieda Brüll, Klara Gordon, Lisette Hess und Thekla Mandel sich zu organisieren, sie bildeten den „Verband jüdischer Krankenpflegerinnen“. Beide Initiativen zusammen gründeten am 23.10.1893 den „Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main“. Zur Oberin war bereits Minna Hirsch gewählt worden. Der erste Vorsitzende des Vorstandes, der aus neun Männern bestand, wurde Dr. Simon Kirchheim. Die Ziele des Vereins sahen die Ausbildung jüdischer Mädchen zu Krankenpflegerinnen vor, darüber hinaus wollte man der unentgeltlichen Armenpflege aller Konfessionen dienen. Ein wirtschaftliches Standbein des Vereins sollte die bezahlte Privatpflege sein. Als Mitglieder sollten alle aufgenommen werden, die einen Mitgliedsbeitrag bezahlten.

Die ersten zehn Jahre
Die Schwesternschülerinnen und Schwestern wurden zunächst in einer angemieteten Wohnung, dem so genannten „Häuschen“, direkt neben dem Krankenhaus untergebracht. Nach wenigen Jahren erfolgte der Umzug in ein Haus in der Unteren Atzemer 16. Ein neues Schwesternheim wurde 1902 auf einem großen Grundstück in der Königswarterstraße, direkt neben dem Israelitischen Hospital, eröffnet. In der Bilanz der ersten zehn Jahre verzeichnete man 43 Schülerinnen, die der Verein zur Ausbildung aufgenommen hatte. Da nicht alle Schülerinnen die Ausbildung beendeten und nicht alle der Ausgebildeten im Verein geblieben waren, gab es zu diesem Zeitpunkt 24 aktive Schwestern. 13 dieser Aktiven waren in der Privatpflege tätig, eine als Armenschwester. Im Frankfurter Hospital arbeiteten fünf und in Hamburg drei der aktiven Schwestern. Thekla Mandel war inzwischen Oberin des Gumpertz’schen Siechenhauses, eine weitere Schwester war zu dieser Zeit beurlaubt. Zur Anerkennung für ununterbrochene Tätigkeit im Verein hatten sechs der Schwestern die „goldene Brosche“ erhalten. Nach den ersten zehn Vereinsjahren hatte sich die professionelle jüdische Krankenpflege in Frankfurt fest etabliert. Der Bedarf nach weiterem ausgebildetem Personal blieb weiter hoch.

Die Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts
In den folgenden Jahren verbesserte sich das Mitspracherecht der Frauen im Verein, ein Schwesternrat wurde gegründet. Der Abschluss der Schwesternausbildung erfuhr durch eine staatliche Krankenpflegerinnenprüfung eine weitere Aufwertung. Die Ausbildungszeit wurde auf anderthalb Jahre erhöht, und auch auf Fortbildungen für die ausgebildeten Schwestern wurde stärker geachtet. Durch Kooperationen und Entsendung von Vereinsschwestern kamen Einsatzorte wie Hannover oder Basel hinzu. Zusätzliche Arbeitsbereiche entstanden, so etwa die Säuglingsmilchküche im Schwesternhaus.
Im Jahr 1914, inzwischen waren bereits 40 Schwestern aktiv, zog das Hospital in größere und modernere Gebäude, in der Gagernstraße 36, um. Daneben entstand ein neues Schwesternhaus in der Bornheimer Landwehr 85. Dieses Haus bot Platz für 60 Schülerinnen und Schwestern sowie Hauspersonal, die in Einzel- oder Doppelzimmern unterkamen. Es gab Gemeinschafsträume, Freizeiträume und Büros. Die Nachtwachen bekamen eine eigene Schlafabteilung, Krankenpflegerinnen, die für ansteckende Krankheiten zuständig waren, eine eigene Wohnung.

Der Erste Weltkrieg und die Weimarer Republik
Im Ersten Weltkrieg zeigte der Verein seine patriotische Haltung: Alle Krankenschwestern wurden dem Kriegssanitätsdienst zur Verfügung gestellt und das Schwesternhaus als Lazarett genutzt, in dem während des Krieges 850 Soldaten behandelt wurden. Es gab ein Sofortprogramm mit Notexamen und kurzer Kriegsschwesternausbildung, frühere Schwestern meldeten sich zum Dienst zurück. Schwestern kamen im jüdischen Krankenhaus, im Gumpert’schen Siechenhaus, aber auch im Israelitischen Krankenhaus in Hannover oder auch im israelitischen Krankenhaus in Straßburg zum Kriegseinsatz. Einige leisteten ihren Dienst in Frontnähe oder im Lazarettzug des Deutschen Roten Kreuzes.
Durch die gesellschaftlichen Veränderungen während und nach dem Krieg verlor der Schwerpunkt Privatpflege an Bedeutung. Die Pflege fand nun in erster Linie im Israelitischen Gemeindehospital, in der Säuglingsmilchküche, der Säuglingsfürsorge und dem Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge statt. Mit Pforzheim und Davos kamen neue Einsatzorte hinzu. Ebenfalls durch die gesellschaftlichen Einflüsse der Nachkriegszeit wurden die Rechte der Schwestern gestärkt, z. B. durch eine größere Beteiligung im Verwaltungsrat. In den folgenden Jahren verbesserten sich die Pensionsbedingungen der Schwestern, es wurden Urlaubstage eingeführt, das Aufnahmealter wurde auf 19 Jahre gesenkt und die Ausbildungszeit auf 2 Jahre erweitert. 1933 erreichte die Anzahl der Schwestern mit 47 und die der Schülerinnen mit 13 den Höchststand der Vereinsgeschichte.

Von 1933 bis zur Zwangsauflösung
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 beeinflusste auch sofort die Arbeit der Vereinsmitglieder. Die Zahl der Patientinnen und Patienten in den jüdischen Einrichtungen stieg, da sie in anderen Häusern immer seltener aufgenommen wurden. Die Ausbildung fand zwar nach 1933 weiter mit staatlicher Anerkennung statt, ab 1938 lautete die Berufsbezeichnung jedoch: „Jüdische Krankenschwester“. Seit 1939 begann die Stadt mit der faktischen Enteignung der Liegenschaften der jüdischen Gemeinde. 1940 wurde der Verein, wie alle anderen jüdischen Vereine und Organisationen, zwangsaufgelöst. Das Schwesternhaus wurde Ende 1940 von der Gestapo beschlagnahmt und der Uni-Klinik als Ausweichquartier zugeschlagen. In den Unterkünften des Vereins erhöhte sich die Zahl der Ein- und Auszüge der dort wohnenden Krankenschwestern, Krankenpfleger und Schülerinnen merklich. Die Auswertung der entsprechenden Hausstandsbücher für die Jahre 1933 bis 1942 zeigt, dass der Verbleib von vielen Bewohnerinnen ungeklärt ist, und die Schicksale von „99 [Personen] eindeutig auf die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung zurückführen“ sind (Steppe 1997, S. 244). Viele von ihnen wurden in den Vernichtungslagern umgebracht.

Im Oktober 1943 wurde das inzwischen „arisierte“ Schwesternhaus in der Bornheimer Landwehr 85 bei einem Bombenangriff vollständig zerstört. Viele Kinder und 14 Krankenschwestern der Uni-Klinik kamen dabei ums Leben.

Edgar Bönisch, 2009

 

Literatur

Steppe, Hilde 1997: “ … den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre …“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt/M.